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HeiUP: Beiratszeit beendet

Im Sommer 2015 ist der universitäre Open-Access-Verlag “Heidelberg University Publishing” (HeiUP) an den Start gegangen und hat eine tolle Palette von Publikationen hervorgebracht. Ich selbst habe vom ausgezeichneten Support in der Universitätsbibliothek mehrfach profitiert in Form der “Heidelberger Jahrbücher” oder des Textbuchs “Psychology of Human Thought“, auch über die dahinterstehende Infrastruktur der UB, die z.B. unser “Journal of Dynamic Decision Making” im Rahmen von heiJournals herausgibt.

Von Anfang an war ich aktives Mitglied des HeiUP-Beirats, der sich um strategische Fragen wie auch vor allem um die Programmgestaltung durch Sichtung der angebotenen Manuskripte gekümmert hat. Nun scheide ich nach 5 Jahren aus diesem Gremium aus, da das Rektorat (der Rektor?) meine weitere Mitarbeit nicht mehr wünscht. Schade eigentlich, oder? Von mir aus hätte ich noch ein wenig mitwirken wollen (so war es auch der Wunsch von UB und vom Beiratsvorsitzenden Dieter Heermann), aber natürlich ist die Entscheidung des Rektorats zu respektieren. Bleibt mir also mehr Zeit, den Status den Seniorpensionärs zu geniessen …

Ich bin froh, für fünf Jahre in diesem kollegialen Gremium mitgewirkt zu haben und im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen im Beirat sowie mit Maria Effinger (Leiterin der Abteilung “Publikationsdienste”) und Veit Probst, dem UB-Direktor, eine Menge gelernt zu haben. Ich wünsche HeiUP weiterhin viel Erfolg!

Zu Gast bei Forst und Holz

Zwei Tage lang war ich Gast in einer mir bislang fremden Welt: Vom 30.-31.1.2020 war ich als Teilnehmer auf dem 40. Freiburger Winterkolloquium Forst und Holz. “Komplexität, Unsicherheit, Nicht-Wissen? Entscheiden!” lautete das Thema, ich durfte den Eröffnungsvortrag halten. Das Winterkolloquium ist ein prominenter Platz, an dem Wissenschaft, Politik und Praxis aus den Bereichen “Forst und Holz” zusammenkommen.

Beim „Freiburger Winterkolloquium Forst und Holz“, das seit 1975 [!] regelmäßig von den „wirtschaftsorientierten“ Professuren der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen an der Universität Freiburg gemeinsam organisiert wird, handelt es sich um ein eher ungewöhnliches Kolloquiumformat: Es richtet sich vorrangig an Entscheidungsträger in Unternehmen, Betrieben und Verwaltungen im Bereich der Forst- und Holzwirtschaft, sowie an Politiker, Wissenschaftler und Studierende, die mit diesen Themenfeldernbeschäftigt sind. Ziel ist es, aktuelle Themen aus der Forst- und Holzwirtschaft über Vorträge von renommierten Referenten aus Wissenschaft und Praxis zu reflektieren und mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu diskutieren. Das Winterkolloquium erfreut sich bundesweit sowie in der Schweiz und in Österreich großer Beliebtheit und wird seit Jahren durchschnittlich von 400 bis 500 Teilnehmern besucht.

Der Dekan der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Heiner Schanz, freute sich, dass der Rektor der Universität, Hans-Jochen Schwiewer, das Treffen eröffnete und seiner großen Fakultät (knapp 40 Professuren) weiterhin viel Erfolg wünschte. Ich selbst freute mich, dass der Rektor sich meinen Eröffnungsvortrag anhörte.

Die nachfolgenden fachwissenschaftlichen Vorträge zeigten teils ein düsteres Bild der möglichen Entwicklungen des Baumbestands infolge des Klimawandels (wie im Vortrag von Marc Hanewinkel dargestellt), teils machten sie auch die Schwierigkeiten langfristiger Planungen angesichts volatiler politischer Vorgaben deutlich. Dekan Schanz hob in seinem Vortrag „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug: Entscheiden über Netzwerke“ die Bedeutung von Netzwerken hervor (wie beim Jazz: die Band-Mitspieler müssen zum Improvisieren in den “groove” kommen), gab aber zugleich die Devise “embrace uncertainty” aus, also ein Vertrauen auf die Zukunft. Der Vortrag zum Thema „Politik redet, wer entscheidet?“ von Botschafterin Dr. Meglena Plugtschieva (amtierende Botschafterin und ehemalige Vize-Premierministerin der Republik Bulgarien sowie Diplom-Forstwissenschaftlerin) beschrieb anschaulich die seit 1990 auftretenden Probleme der Forstwirtschaft beim Übergang von Staatswirtschaft in Privatwirtschaft, während der Beitrag “Zusammenhang zwischen Erfolgen und erfolgten Entscheidungen” von Henning Graf von Kanitz (Geschäftsführer von Center-Forst) die heutigen Probleme privatwirtschaftlicher Waldbetriebe deutlich machte.

Wörter wie “Kalamitäten” (=Waldschäden, z.B. aufgrund von Stürmen) oder “Umtriebszeiten” (=die Zeit, die von der Pflanzung bis zur Endnutzung durch Holzeinschlag vergeht) gehörten bislang nicht zu meinem Wortschatz, machen aber ganz schnell deutlich, warum wir mehr miteinander reden sollten: Verwandte Phänomene werden bei uns in der Psychologie unter den Begriffen “Desaster” bzw. “Planungshorizont” geführt. Eine Buchempfehlung aus der Psychologie: Das populärwissenschaftliche Buch von Dietrich Dörner von 2003, Logik des Misslingens - dort sind Kalamitäten aller Art beschrieben.

Auf jeden Fall aufregend sind die enorm langen, generationen-übergreifenden Planungszeiten - nicht umsonst stammen die Ursprünge nachhaltigen Wirtschaftens aus der Forstwirtschaft (häufig an der ersten einschlägigen Publikation zum Thema “Nachhaltige Waldwirtschaft” aus dem Jahr 1713 von Hans Carl von Carlowitz festgemacht). Da sind die Planungshorizonte von Politikern (und erst recht von modernen Managern) in aller Regel deutlich kürzer…. “Resiliente” Planungen (wie im Vortrag von Hartmut Fünfgeld beschrieben) werden gesucht! Und natürlich muss man sich mit Gruppen-Entscheidungen (Janis: “group think“) beschäftigen, wie im Vortrag von Daniela Kleinschmit deutlich wurde.

Interessant: In der BRD kann man diese Themen (Forst und Holz) nur an vier Universitäten studieren (neben Freiburg an der TU Dresden, der Uni Göttingen und der LMU München); allein in Freiburg machen das z.Zt. mehr als 2000 Studierende in 20 Studiengängen. Die sehr differenzierte Binnenstruktur der Forstwissenschaft (es gibt Professuren für Forst-Zoologie, Forst-Botanik, Forst-Geschichte, Umwelt-Metereologie, Umwelt-Ökonomie, usw.) ließ mich die Augen reiben angesichts einer Lücke, die mir natürlich sofort ins Auge sprang: Es gibt keine Forst-Psychologie, keine erkennbaren Bezüge zur Umwelt-Psychologie! Und dann wundern sich die Forst- und Holzwissenschaftler, dass ein Förster namens Peter Wohlleben diese Lücke medienwirksam füllt! Natürlich hat diese Lücke auch damit zu tun, dass wir nicht gerade viele Umweltpsychologinnen und -psychologen ausbilden, dass die Umweltpsychologie insgesamt an deutschen Universitäten eher ein Schattendasein führt. Aber den Wald vor allem ökonomisch zu betrachten ist dann doch wohl zu kurz gegriffen.

Ein lehrreiches Symposium, das mich mit vielen Ideen und Anregungen wieder nach Hause fahren ließ - auch mit tollen Eindrücken wie dem vom Historischen Kaufhaus, in dem im Kaisersaal ein abendlicher Empfang samt unterhaltsamem (und nachdenklich machenden) Festvortrag von Uwe Eduard Schmidt zur traditionsreichen Geschichte der Fakultät stattfand.

Nie wieder Holocaust!

Der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27.1.1945 durch die Rote Armee muss ein Anlass zum Nachdenken sein! Den Holocaust dürfen wir nicht vergessen oder verdrängen, Antisemitismus dürfen wir nicht hinnehmen. Mich hat die Rede unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei seinem Israel-Besuch in Yad Vaschem berührt! Er sagte:

Ich stehe vor ihrem Denkmal. Ich lese ihre Namen. Ich höre ihre Geschichten. Und ich verneige mich in tiefer Trauer.

Samuel und Rega, Ida und Vili waren Menschen.

Und auch das muss ich hier und heute aussprechen: Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche. Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche.

Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte – es wurde von meinen Landsleuten begangen.

Der grausame Krieg, der weit mehr als 50 Millionen Menschenleben kosten sollte, er ging von meinem Lande aus.

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stehe ich als deutscher Präsident vor Ihnen allen, beladen mit großer historischer Schuld. Doch zugleich bin ich erfüllt von Dankbarkeit: für die ausgestreckte Hand der Überlebenden, für das neue Vertrauen von Menschen in Israel und der ganzen Welt, für das wieder erblühte jüdische Leben in Deutschland. Ich bin beseelt vom Geist der Versöhnung, der Deutschland und Israel, der Deutschland, Europa und den Staaten der Welt einen neuen, einen friedlichen Weg gewiesen hat.

Die Flamme von Yad Vashem erlischt nicht. Und unsere deutsche Verantwortung vergeht nicht. Ihr wollen wir gerecht werden. An ihr sollt Ihr uns messen.

Ja, dies sind starke Aussagen, die ich teile! Geschichte dürfen wir nicht vergessen, Erinnerungen an die grausamen Taten müssen wir wachhalten! Ich würde gerne in einem Land leben, in dem Christen, Juden, Moslems und andere Gläubige friedlich nebeneinander ihren Alltag verbringen können und keine Angst haben müssen, dass Andersgläubige ihnen nach dem Leben trachten. Ein respektvoller Umgang miteinander: Das ist ein Thema nicht nur für die Psychologie! Toleranz gegenüber Andersgläubigen, gegenüber Andersdenkenden und gegenüber Andershandelnden scheint schwieriger als gedacht…

Mein Motto als Rheinländer lautet “Jeder Jäck is anners”. Die Schönheit zu erkennen, die in der Andersartigkeit liegt; die kreativen Impulse zu nutzen, die aus Diversität resultieren: Auch dafür müssen wir uns in unserem Fach einsetzen. Universitäten sind in meinen Augen nicht nur Orte der Wissensvermittlung, sondern auch Orte der Wertevermittlung. Neben akademischen Werten wie Integrität, Ehrlichkeit und Sorgfalt denke ich dabei auch an allgemeinere Werte wie Offenheit, Empathie, Respekt, Toleranz samt der dazugehörigen Streitkultur: All das gehört mit dazu, wenn wir von Universitäten sprechen.

Was mich beunruhigt: Bis auf wenige Ausnahmen (wie z.B. die Mitglieder der “Weißen Rose” an der Münchner Universität) kam damals aus den Universitäten heraus kaum Widerstand gegen das Nazi-Regime - im Gegenteil: der 1933 gewählte Rektor der Universität Freiburg, der berühmte Philosoph Martin Heidegger, besass eine unrühmliche Affinität dazu (auch die Universität Heidelberg hat hier eines ihrer dunkelsten Kapitel). Wie die Reaktion der Universitäten wohl heutzutage aussehen würde? Wer weiss? Hoffentlich anders als damals!

Neujahrsempfang 2020 der Freunde

Wieder einmal hat die “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” (GdF) zum Neujahrsempfang am Freitag 17.1.2020 eingeladen. Es war das fünfte Ereignis in dieser Reihe. Viele Freunde - alte und neue - sind der Einladung gefolgt, wieder kamen knapp 100 Personen zum Empfang. Im letzten Jahr lag ich um diese Zeit mit meiner gebrochenen Hüfte im Krankenhaus, dieses Jahr konnte ich wieder teilnehmern.

Wir haben erneut die Marsilius-Arkaden im Neuenheimer Feld als Treffpunkt gewählt, der sowohl einen Hörsaal als auch im Eingangsbereich ein Foyer mit Bar für den anschließenden Empfang umfasst. Begrüßt wurde die Runde von unserem neuen Vorstandssvorsitzenden Dr. Thorsten Helm (ich selbst bin nun in der zweiten Reihe als stellvertretender Vorsitzender der GdF tätig). Als Festredner konnten wir diesmal den Kollegen Dr. Dominik Niopek (Synthetische Biologie, BioQuant) gewinnen, der uns mit seinem Vortrag Präzise Veränderungen des Erbguts durch steuerbare Genscheren” die Gen-Schere CRISPR in Wort und Bild nahebrachte, aber zugleich auch auf die damit verbundenen Probleme verwies.

Wie im Vorjahr diente der Empfang auch dazu, den jährlich vergebenen und mit 2500 Euro dotierten “Preis der Freunde” zu verleihen. Diesmal ging er an die gemeinnützige studentische Initiative “Querfeldein“ (siehe auch die Beschreibung im Dschungelbuch), die Gesprächsveranstaltungen mit Persönlichkeiten aus Kultur und Medien organisiert und moderiert. Die studentische Auswahl-Jury (bestehend aus Herrn Pascheberg, Herrn Rix und Frau Stieglitz) hatte gemeinsam mit dem Gesellschaftsvorstand den Preisträger unter den eingegangenen Bewerbungen ausgewählt. Frau Stieglitz stellte in lockerem Gespräch mit den beiden Vorsitzenden des Vereins die Gruppe vor, die aus meiner Hand den Scheck, die Urkunde und den Flammenstab erhielt.

Im Anschluß fand im Vorraum des Hörsaals wieder der Empfang der Gäste statt. Bei kleinen Snacks und kalten Getränken wurde lebhaft diskutiert, es wurden alte Kontakte gepflegt und neue geknüpft. Ich hatte meine Freude daran, weil genau dies einem der Zwecke entspricht, die in unserer Satzung benannt sind, nämlich: “Begründung und Pflege von Kontakten zwischen der Universität Heidelberg, ihren wissenschaftlichen Vertretern und ihren Studierenden sowie den Menschen in und um Heidelberg”. Was könnten wir besseres tun als das, was wir mit dem Neujahrsempfang gemacht haben? Ein Dank an unser Vorstandsmitglied Gabriele Meister, die uns dieses Format nahegelegt hatte.

Wie schön, dass es den Neujahrsempfang gibt - Ich freue mich schon auf den nächsten (sechsten) Neujahrsempfang 2021!

hier zur Erinnerung frühere Blog-Einträge:

Bericht über den Neujahrsempfang 2019 - kein Bericht wg Unfall JF

Bericht über den Neujahrsempfang 2018

Bericht über den Neujahrsempfang 2017

Bericht über den Neujahrsempfang 2016

Gender Pay Gap auch an Hochschulen

Dass Frauen für die gleiche Leistung weniger Geld bekommen, ist ein Skandal, der unter dem Namen “gender pay gap” firmiert. Er ist nicht so einfach zu bestimmen, da viele Faktoren für die Geschlechterunterschiede (wie sie etwa bei der späteren Rentenleistung sichtbar werden) verantwortlich sind. Dennoch ist nach verschiedenen Analysen die Rede davon, dass in Deutschland Frauen für die gleiche Arbeit im Schnitt 16% weniger Gehalt bekommen - unerhört!

Aber ist das nicht ein Phänomen, das nur in der freien Wirtschaft auftritt, nicht aber an Hochschulen? Vermutlich stimmt diese Annahme nicht: Der im Dezember 2019 veröffentlichte Bericht des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Kultur und Wissenschaft (Download hier) über die Gleichstellung von Männern und Frauen an dortigen Hochschulen offenbart wohl deutliche Gehaltsunterschiede im Wissenschaftsbetrieb:

An den Hochschulen gibt es einen Gender Pay Gap (deutsch: Geschlechter-Einkommenslücke), der durch leistungsbezogene Entgeltbestandteile entsteht. Die Leistungsbezüge sind Teil der Besoldung und werden beispielsweise für besondere Leistungen in Forschung oder Lehre gewährt. Verbeamtete Vollzeit-Professorinnen verdienen im Rahmen dieser Leistungsbezüge über alle Besoldungsgruppen hinweg jeden Monat durchschnittlich 521 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen. Zwischen den Hochschulen existieren hierbei deutliche Spannweiten. Die Differenz der durchschnittlichen Leistungsbezüge zwischen Frauen und Männern liegt an einigen Hochschulen bei über 1.000 Euro im Monat.

Das ist doch recht deutlich, wie ich finde! Offensichtlich sind mit der Einführung von Leistungsbezügen im Rahmen der 2002 eingeführten W-Besoldung subtile Unterscheidungsmöglichkeiten entstanden, deren Auswirkungen erst jetzt so richtig sichtbar werden. Das in Halle angesiedelte “Institut für Hochschulforschung” berichtet von einer 2019 gestarteten Studie, die über Unterschiede in der W-Besoldung von Männern und Frauen aufklären soll. Wie die Zahlen wohl für Baden-Württemberg ausfallen? Und wie die Situation an der Uni Heidelberg ausfällt? Gut, dass wir eine Gleichstellungsbeauftragte haben, die sich um die Offenlegung der Zahlen kümmern dürfte! Aber das dahinter stehende Problem: das geht uns alle an (auch uns Männer - vor allem, wenn wir Personen einstellen)!

siehe auch den dazu passenden Blog-Eintrag von Jan-Martin Wiarda:

https://www.jmwiarda.de/2020/01/14/die-benachteiligungsmaschinerie-l%C3%A4uft-immer-noch-wie-geschmiert/

und dass Wissenschaftlerinnen ihre Ergebnisse weniger hochtrabend ankündigen als Wissenschaftler, macht der folgende Beitrag deutlich:

Lerchenmueller, M. J., Sorenson, O., & Jena, A. B. (2019). Gender differences in how scientists present the importance of their research: Observational study. BMJ, l6573. https://doi.org/10.1136/bmj.l6573

Über-Bürokratisierung der Universität?

Universitäten sind Orte der Forschung und Lehre - und ja: es sind auch Orte der Verwaltung! Und weil wir in Deutschland sind, haben wir eine besonders gute Verwaltung! Verwaltungen an Universitäten haben es schwer: als Wissenschaftler möchte ich möglichst wenig Verwaltung, möchte ich eine mich unterstützende und mir helfende Verwaltung. Wunsch und Wirklichkeit klaffen leider auseinander - die Bürokratisierung des Wissenschaftsalltags nimmt anscheinend unaufhaltsam zu (siehe auch den Bericht über eine repräsentative Umfrage zum Thema “Bürokratisierung” in “Forschung und Lehre”). Und daher muss ich heute einmal eine Lanze für Bürokratie-Abbau brechen!

Anlass ist ein Bericht meines neuen Projektmitarbeiters, der kürzlich eine eintägige Veranstaltung unserer Verwaltung besucht hat und ziemlich konsterniert davon zurückkam. Was hatten er und viele andere “Neulinge” im Wissenschaftsbetrieb mitmachen müssen (im Einladungsschreiben hiess es höflich aber deutlich: “Bitte beachten Sie: Die Teilnahme an der Schulung ist für Sie verpflichtend [Hervorhebung von mir, JF] und kann nur in begründeten Ausnahmefällen verschoben werden!”)? Die anschliessend ausgehändigte Teilnahmebestätigung des “Einführungstags für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter” gibt Auskunft über die verhandelten Inhalte:

Die angeführten sieben Inhaltsbereiche des ganztägigen Einführungskurses (7.5 x 60 Minuten) waren laut Bescheinigung: “Mittelbewirtschaftung und Beschaffung; Steuern, Zeichnungsbefugnisse und Korruptionsprävention; Zentrale IT-Services; Datenschutz; Arbeitssicherheit; Personaladministration; Reisemanagement”. Sicher allesamt wichtige Themen - aber keines davon wurde nach dem mir zugetragenen Erfahrungsbericht wirklich erschöpfend behandelt. Immer wurde gesagt: fragen Sie im Zweifel den zuständigen Sachbearbeiter!

Derzeit wird für diesen Einführungstag ein hoher Preis  gezahlt. Wenn man nur die Kosten betrachtet, die dieser Tag auf Teilnehmerseite durch wegfallende Arbeitszeit verursacht (eine grobe Schätzung: 100 Mitarbeitende x 7.5 Stunden x 20€ Stundenlohn = 15.000 €), muss die Frage gestattet sein, ob dies eine effiziente Form der Wissensvermittlung darstellt. Eine Reihe der abgehandelten Themen betrifft die Mitarbeitenden gar nicht, andere sind im Moment nicht virulent (und bis sie das werden, haben sich die Vorschriften wieder geändert…).

Dass dieser “Einführungstag” demnächst auch für neuberufene Kolleginnen und Kollegen aus der Professorenschaft zur Pflicht werden könnte, lässt mich in meinem Pensionärsdasein klammheimlich schmunzeln (”… die Armen …”). Wären nicht andere Formen der Dissemination sinnvoller? Sollte man nicht stärker massgeschneiderte Angebote machen anstelle der Schrotflinten-Vermittlung nach dem eher ungünstigen Motto “one size fits all”? Und wie oft habe ich Klagen darüber gehört, dass zuständige Sachbearbeiter*innen nicht telefonisch erreichbar waren, wenn es Rückfragen gab? Das wäre doch wohl ebenso wichtig…

Was steht nicht auf dem Programm? Die Ethik wissenschaftlichen Arbeitens z.B., die uns in den vergangenen Jahren vermutlich mehr Probleme bereitet hat als die eine oder andere Tafel Schokolade, die Studierende ihren Betreuern zum Dank für eine gute Betreuung geschenkt haben und die die Beschenkten, wie im Kurs dargestellt, wohl unerlaubterweise (wg. Korruptionsprävention) angenommen haben. Der manchmal fehlende kollegiale Umgang miteinander erzeugt aus meiner Sicht als “Ombudsperson” schweren Schaden für die Betroffenen, fehlerhaft augefüllte Hilfskraft-Anträge sind natürlich ärgerlich, bräuchten aber weniger Schulung als das etwa im Bereich Personalmanagement und Personalführung wünschenswert wäre.

Ein “onboarding” mit einer Vermittlung unseres akademischen Selbstverständnisses, unserer Corporate Identity (”wir an der Uni Heidelberg”) fände ich mindestens so wichtig wie den Hinweis auf das A1-Formblatt, das vor Antritt einer Dienstreise ins europäische Ausland auszufüllen und einzureichen ist. Wie ein gutes “onboarding” der Verwaltungvorschriften aussehen könnte (ob ein kleines Handout mit kurzer Beschreibung der jeweiligen Themen und Angabe des jeweils zuständigen Sachbearbeiters, ob ein massgeschneidertes Themenangebot), wäre m.E. noch zu diskutieren. Dass die Neulinge den immer weiter wuchernden Dschungel der Vorschriften wenigstens in Umrissen kennenlernen sollen, ist nachvollziehbar, gerne auch gegen Unterschrift, um die Universität aus der Haftung zu entlassen. Aber es sollte nicht abschrecken und wenig belastend sein - denn Uni heisst in erster Linie: Forschung und Lehre. Je unsichtbarer und geräuschloser die Verwaltung, umso besser!

Also: ich hoffe auf die Vernunft der verantwortlichen Administration, deren guter Wille deutlich zu erkennen ist, aber die in der Umsetzung nach meinem Dafürhalten weit über das Ziel hinausschiesst: Da besteht Änderungsbedarf! Semper apertus!

Ein gutes neues Jahr 2020

Ich wünsche allen Blog-Leserinnen und -Lesern nicht nur ein gutes neues Jahr, sondern gleich ein gutes neues Jahrzehnt (das ja eigentlich erst 2021 beginnt…)! Für mich selbst hat es gut angefangen: Ich bin auf dem Weg zur heutigen Vorlesung  - anders als letztes Jahr um diese Zeit - mit dem Fahrrad sturzlos im Institut angekommen und freue mich auf die anstehenden Aufgaben.

Neben verschiedenen Manuskripten, an denen ich schreibe, steht die Projektarbeit an unserem Carl-Zeiss-Projekt auf dem Programm, verschiedene Gutachten warten darauf geschrieben zu werden, Vorträge sind vorzubereiten und Alt-Daten zum Tailorshop warten auf eine Re-Analyse.

Daneben verfolge ich mit großer Aufmerksamkeit die Entwicklungen im Zusammenhang mit dem neuen Psychotherapie-Studiengang, die anstehende Entscheidungen im Masterplan Neuenheimer Feld, die weiteren Ereignisse im Bluttest-Skandal oder die Reaktion unseres Rektorats auf die Forderungen der Heidelberger “Students for Future“. Dass der erst vor kurzem von Alphonse_the_Brain geprägte Hashtag #TofuMitJofu in meinem Blog zu einem Nachhaltigkeitssymbol geworden ist, habe ich von einem aufmerksamen Leser gelernt, der das “Wordle” (die Wörterwolke am linken Blogrand) genauer betrachtet hat - danke für den Hinweis! Ich werde das in 2020 weiter verfolgen!

Vielleicht geht ja auch mal der lang gehegte Wunsch nach einem Update der WordPress-Version (=meine Blogger-Software) in Erfüllung? Die im URZ für mich bereitgestellte WordPress-Version 2.1 von 2009 läuft zwar nach wie vor (Dank an das URZ für den Support), aber die inzwischen verfügbare Version 5.3.2 ist schon etwas komfortabler…

Und ich freue mich über die vielen Leserinnen und Leser meines Blogs - allein der Beitrag zu meiner zweimalig versagten Seniorprofessur vom November 2019 ist bisher (Stand heute, 7.1.2020) mehr als 2.600 mal angeklickt worden. Beleg für die These: “bad news is good news”? Mich freut das große Interesse jedenfalls!

Tanja Bipp wird neue Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie

Aus gut unterrichteten Kreisen ist eine gute Nachricht zu mir gedrungen: Prof. Dr. Tanja Bipp (Uni Würzburg) hat den Ruf auf die Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie (Nachfolge Prof. Dr. Karlheinz Sonntag) an unserem Institut zum 1.4.2020 angenommen! Herzlichen Glückwunsch!

Damit geht eine Zeit des Übergangs zu Ende, in der uns Prof. Dr. Ingela Jöns dankenswerterweise als Vertretungsprofessorin geholfen hat, das Lehrangebot aufrechtzuerhalten - auch dafür allerbesten Dank!

Tanja Bipp hat als ihre Forschungsschwerpunkte auf ihrer gegenwärtigen Homepage folgendes benannt: Arbeitsmotivation, Effekt von Zielen, Persönlichkeit & Leistung im akademischen und beruflichen Bereich, Angewandte Diagnostik im Arbeitsleben, Arbeitsgestaltung, Job Crafting, Arbeit & Gesundheit, Rolle personeller Ressourcen. Da sind mehrere Anknüpfungspunkte an hiesige Forschungsthemen bei uns am Institut zu erkennen. Mal sehen, welche sich davon realisieren lassen.

Liebe Tanja: Willkommen im Kollegium des Psychologischen Instituts! Wir wünschen Dir einen guten Start!

Masterfeier 2019

Am Freitag 13.12.19 haben wir viel Betrieb im Psychologischen Institut gehabt: Die Masterabsolventinnen und -absolventen des Jahrgangs 2019 (knapp 50 der >70 Absolventen hatten sich angemeldet, plus zwei nachgezügelte Diplomer) kamen zur nachmittäglichen Feier mit ihren Angehörigen und Freunden ins Institut. Angesichts der zahlreichen Anmeldungen hatten wir Sorge, ob unsere Plätze im Hörsaal 2 ausreichen würden - hat aber alles gut geklappt! Und schön, dass der HS2, in dem viele der Anwesenden ihre ersten Stunden im EKS am PI verbracht haben, auch für die letzten Stunden im Institut den Tatort darstellte!

Der Geschäftsführende Direktor Prof. Dr. Andreas Voß war durch Dienstgeschäfte in Stuttgart im Zusammenhang mit den Planungen zum Direktstudium Psychologie verhindert und hatte mich gebeten, seine Rolle als Gastgeber zu übernehmen. Ich begrüßte die Gäste, die zum Teil von weit her angereist kamen. Ich habe die Bedeutung kritischen Denkens betont, das die Studierenden bei uns gelernt haben sollten. Der Hörsaal ist kein Ort des Glaubens, sondern einer des Zweifelns.

Alex Syndikus (M.Sc.) hielt den Rückblick auf die vergangenen Jahre aus Sicht der Studierenden. Er berichtete unter dem Stichwort “Liebe” über die verschiedenen Formen von Freundschaft, die sich im Studium gezeigt hätten. Seine Rede war von Dankbarkeit und Freundschaft geprägt - wie schön!

FotoBox-Bilder von Alex Syndikus und mir

FotoBox-Bilder von Alex Syndikus und mir (anklicken zum Vergrößern)

Wie jedes Jahr wurde der Franz Emanuel Weinert-Preis für die beste Abschlussarbeit vergeben. Die Jury unter dem Vorsitz von Andreas Voß (bestehend aus ihm, Dr. Hinrich Bents und mir) suchte aus fünf vorgeschlagenen Spitzenarbeiten diejenige von Mara Sophie Söker aus, die sich mit reaktiver Aggression bei Borderline-Patientinnen beschäftigte. Gratulation zu einer schönen Arbeit!

Prof. Dr Oliver Schilling trug als Vorsitzender unseres Prüfungsausschusses dann die Namen der knapp 50 anwesenden (von insgesamt 80) Absolventinnen und Absolventen vor (im Hintergrund wurden die Titel der Arbeiten eingeblendet). Nachdem alle Absolventinnen und Absolventen (fast alle im Talar) vorne im Hörsaal versammelt standen, gab es ein Gruppenfoto. Dann wurde zum obligatorischen Hütewurf gerufen! Ich freue mich, dass schöne Aufnahmen davon im Netz zu finden sind (eines habe ich auf Facebook gestellt!).

Cornelius Kückelhaus

Unsere Absolventinnen und Absolventen 2019 / Foto: Cornelius Kückelhaus (anklicken zum Vergrößern)

Die musikalische Umrahmung wurde von der Sängerin Hannah Wagner (selbst eine Absolventin des Jahrgangs 2019) mit drei wunderbaren Songs gestaltet, begleitet am Piano von Urs Willabredt. Danke dafür!

Natürlich musste ich in meinen Schlußworten alle diejenigen enttäuschen, die auf mein Ausscheiden am 31.3.19 gehofft haben - die Ablehnung einer dreijährigen Seniorprofessur durch das Rektorat meiner Universität hat meine Tätigkeit nicht zum Erliegen gebracht (danke, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Institut!). Meine drei Wünsche an die Absolventinnen und Absolventen (auch auf früheren Abschlussfeiern vorgetragen): (1) Lebenslanges Lernen angesichts rasch verfallender Wissensbestände, (2) ethischer Umgang mit dem erworbenen Wissen und (3) die Verpflichtung, mit uns in Kontakt zu bleiben - das waren die Dinge, die ich den Absolventinnen und Absolventen ans Herz legen wollte.

Damit sie unser Heidelberger Institut nicht vergessen, erhielten sie alle zum Abschied eine Alumni-Psychologici-Kaffeetasse, in der eine Beitrittserklärung an unsere Sektion steckte. Vor ziemlich genau 20 Jahren, am 1.12.1999, haben Herbert Wettig und ich die Sektion Psychologie im Verein der Freunde gegründet (hier Bilder von der Vertragsunterzeichnung, hier die Pressemitteilung zum 10jährigen Geburtstag). Meine Hoffnung: möge der eine oder die andere doch Mitglied in unserem Förderverein (und der Sektion Alumni Psychologici) werden! Falls die eigenen Mittel am Berufsanfang noch etwas klamm sind: Vielleicht übernehmen die Eltern die Gebühr von 25 € pro Jahr (für die ersten 3 Jahre nach Abschluss; später regulär 50 €, gerne mehr!).

Frau von Wenserski bekam von mir einen Blumenstrauß - Ihre Vorbereitungen (zum letzten Mal, da sie unser Institut verlassen und ans IBW gewechselt hat) waren wie immer ausgezeichnet und sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Danke auch an Frau Fauth für die Mithilfe bei der Talarausgabe und beim Hüteverkauf, vor allem aber auch den Hilfskräften der Abteilungen Methodenlehre und Allgemeine Psychologie, die in verschiedenen Funktionen beteiligt waren. Unter anderem war auch wieder eine Fotobox aufgestellt, wo man lustige Passfotos machen konnte, die sofort ausgedruckt werden konnten.

Alles in allem wieder eine - wie ich finde - schöne und gelungene Feier! Das haben mir viele Eltern beim anschließenden Empfang mit Sekt und Selters sowie mit kleinen Snacks und Brezeln bestätigt! Viele Fotos sind gemacht worden (vor allem mit der Foto-Box), dazu auch herrliche Aufnahmen vom “Hütewurf” (besonders nett als Slow-Motion-Video). Wie gut, dass wir den Abschied feierlich gestaltet haben!

Bauchgefühl im DAI

Am Sonntag, den 8.12.19 war ich zu einer Podiumsdiskussion ins DAI geladen. Im Rahmen des abwechslungsreichen Programms des “International Science Festivals” (besser bekannt unter dem Motto “Geist Heidelberg“) ging es unter dem Titel “Prof. Dr. Bauchgefühl - Wissenschaft zwischen Intelligenz und Intuition” um die Frage, welche Rolle die Intuition in der Wissenschaft spielt. Angekündigt war die Veranstaltung mit Prof. Dr. Dr. Rafaela Hillerbrand, Technikethik und Wissenschaftsphilosophie, Karlsruher Institut für Technologie; Prof. Dr. Matthias Weidemüller, Physikalisches Institut, Universität Heidelberg; und mit mir, Psychologisches Institut, Universität Heidelberg. Für die Moderation war Joachim Müller-Jung, Ressortleiter Natur und Wissenschaft, FAZ, vorgesehen.

Um 17 Uhr waren zwar sehr viele Zuhörende da (der Saal im 1. Stock des DAI war voll), aber Frau Hillerbrand war erkrankt und auch der Moderator hatte es nicht rechtzeitig nach Heidelberg geschafft. Was tun? Der Direktor des DAI, Jakob Köllhofer, zögerte nicht lange und übernahm selbst die Moderation zwischen dem Quantenphysiker Weidemüller und dem Denkpsychologen Funke, die er mit seinen Impulsen zu immer neuen Stellungnahmen herausforderte.

Was ist für mich Bauchgefühl? Bauchgefühl ist ein schnelles, intuitives Urteil. Wir sprechen in der Psychologie - so etwa der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman – manchmal von zwei qualitativ verschiedenen Systemen, mit denen wir als Menschen operieren: einem evolutionär älteren System 1, das schnelle (wenngleich nicht immer korrekte) Entscheidungen aus dem Bauch heraus (aus dem Rückenmark) auf der Basis von Lebenserfahrung und angeborenen Tendenzen (Bsp. Spinnenangst) trifft und verbal schlecht begründbar ist, und ein jüngeres System 2, das in der Großhirnrinde und im präfrontalen Kortex angesiedelt ist und in langsamer Geschwindigkeit argumentativ abwägend rationale Urteile fällt. Der Psychologe Gerd Gigerenzer hat in seinem 2007 erschienenen Buch “Bauchentscheidungen” mehr dazu geschrieben.

Sigmund Freud hat diese zwei Systeme vor über 100 Jahren in ähnlicher Weise das Unbewusste bzw. Bewusste genannt. Blaise Pascal, ein französischer Philosoph aus dem 17. Jahrhundert (1623-1662), hat das so formuliert: “Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“ In der experimentellen Psychologie der Neuzeit tauchen diese beiden Systeme unter wechselnden Namen auf. So sprechen manche vom impliziten und expliziten Wissen oder von impulsiver und reflexiver Verarbeitung. Übrigens hat schon Platon in seinem Gleichnis vom Wagenlenker davon gesprochen, dass zwei Pferde (ein triebhaft begehrendes - epithymetikon - und ein mutig wollendes - thymoeides) vom vernünftigen Wagenlenker (logistikon) auf die richtige Spur gesetzt werden müssen.

Der evolutionäre Erfolg des Homo Sapiens hängt sicher mit der Entwicklung des langsamen, reflexiven, expliziten Systems 2 zusammen - ein Erfolg der Rationalität, mit dessen Schattenseiten wir immer wieder konfrontiert werden. Bauchgefühl ist für mich daher eine zusätzliche und willkommene Ergänzung meiner Rationalität.

Welche Rolle spielt Bauchgefühl in meiner Forschung und bei meiner Arbeit? Universitäten sollten Orte maximaler Rationalität sein - dennoch: Ich kann mir Forschung ohne Bauchgefühl kaum vorstellen! Ich sehe mich nicht als Wissenschaftsroboter, der nüchtern und komplett rational seine Fragestellungen abarbeitet. Ich bin ein Mensch, dessen Herzblut für die Wissenschaft fließt (die Betonung liegt auf Herz). So eine Leidenschaft mag manchem irrational vorkommen - aber sie ist unverzichtbarer Antrieb meines Handelns, das natürlich strengen Rationalitätsprinzipien folgt.

Universitäten, so hat Karl Jaspers einmal gesagt, sollten „Orte unbedingter Wahrheitssuche“ sein - das Problem dieser an sich wunderbaren Zielvorstellung über das Wesen einer Universität besteht im Wahrheitsbegriff. Eine naive Wahrheitskonzeption sagt: Wahrheit ist Überstimmung zwischen den Dingen und dem, was ich über sie sage. Naiv ist diese Konzeption deswegen, weil wir die Dinge immer perspektivisch, d.h. aus unserem individuellen Blickwinkel sehen. Deswegen muss Wahrheit immer auch als soziale Dimension mitgedacht werden - in der Wissenschaft nennen wir dieses Prinzip „intersubjektive Übereinstimmung“. Aber selbst dabei kann es zu Fehlern kommen (Stichwort „group think“).

Was hat das mit Bauchgefühl zu tun? Wissenschaftliche Forschung darf sich im Kontext der Entdeckung, also der Suche nach möglichen Erklärungen, sehr wohl auf ein Bauchgefühl stützen. Im Kontext der Überprüfung dagegen müssen wir in den Modus des strengen Zweifelns übergehen, da darf kein Bauchgefühl mehr im Spiel sein. „Context of discovery“ und „context of justification“ sind übrigens Konzepte, die der Wiener Philosoph Hans Reichenbach 1938 geprägt hat zur Beschreibung zweier fundamental unterschiedlicher Phasen im Forschungsprozeß.

In meiner eigenen Forschung zum Umgang von Menschen mit komplexen, intransparenten, dynamischen Systemen spielt die “Intuition der Experten” eine wichtige Rolle. Expertise heisst Erfahrungswissen, auf das sich die Intuition stützen kann. Das ist ganz wichtig: erfahrungsgetränkte Intuition ist viel wertvoller als naive (blinde) Intuition. Ein Beispiel: Beim Arztbesuch lassen Sie ein EKG machen. Ihnen wird von unspezifischen EKG-Auffälligkeiten und dem Verdacht auf einen Herzfehler berichtet - wenn das von einem erfahrenen Kardiologen kommt, kann man das vage Urteil eher annehmen als wenn ein Medizinstudent einen derartigen Verdacht äußert.

Herausgekommen ist eine lebendige Diskussion auf der Bühne, später auch noch mit dem Publikum, in dessen Quintessenz die Anerkenntnis stand, dass die beiden unterschiedlichen Herangehensweisen an Entscheidungen und an Erkenntnisgewinn nebeneinander Bestand haben und beide ihre Stärken (wie auch Schwächen) haben. Ein salomonisches Urteil, wie Jakob Köllhofer in seinem Schlußwort bemerkte. Also: ein interessanter Spätnachmittag mit einigen neuen Einsichten!