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Stock-Flow Failure zum Verschwinden gebracht?

In der Debatte um das Verständnis des Klimawandels gibt es das Phänomen des “stock-flow failure” (SF-Fehler; siehe z.B. Cronin, Gonzalez & Sterman, 2009: “Why don’t well-educated adults understand accumulation? A challenge to researchers, educators, and citizens”, Link), wonach selbst gut gebildete Personen Schwierigkeiten damit haben, Zuflüsse und Abflüsse von Beständen richtig einzuschätzen. Typisches Beispiel wäre die Vermutung: Wenn wir morgen mit der CO2-Emission aufhören würden, ist dem Klimawandel Einhalt geboten, weil dann keine Emissionen mehr das Klima verschmutzen. Falsch! Der SF-Fehler besteht darin, den Bestand zu ignorieren. Wenn man bei seiner Badewanne den Hahn schliesst, hört der Wasserzufluss auf. Gut! Aber das in der Wanne befindliche Wasser wird dadurch erst mal nicht weniger. Dafür müsste man den Abfluss öffnen.

Selbst wenn wir morgen am Tag also alle Emissionen komplett einstellen würden, hätten wir über Jahrzehnte mit dem bereits akkumulierten Bestand und dessen schädlichen Auswirkungen zu kämpfen. Die Arbeitsgruppe um John Sterman (MIT System Dynamics Group) hat diesen Fehler vielfach nachgewiesen und damit eine Erklärung angeboten, warum Menschen mit dem Klimawandel nicht verantwortlich umgehen: sie können es nicht! Sie verstehen die Logik von Zuflüssen, Beständen und Abflüssen nicht richtig und handeln daher nicht adäquat.

In einer neuen Arbeit mit dem Titel “Improving Stock-Flow Reasoning With Verbal Formats” argumentieren Helen Fischer, Christina Degen und ich, dass das Format der Befragung diesen SF-Fehler provozieren könnte und der SF-Fehler daher ein Artefakt der Erhebungsbedingungen ist. Wir können in unseren Experimenten nämlich einerseits die Befunde zum SF-Fehler reproduzieren, wenn wir unsere Testpersonen im Sterman-Stil befragen; andererseits können wir den Fehler zum Verschwinden bringen, wenn wir in einem leicht verändeten Stil (verbal) fragen. Ein sogenannter Format-Effekt: Die Art der Befragung legt das Ergebnis fest. Wir ziehen daraus den Schluss: Menschen verstehen stock-flow besser als gedacht, man muss nur die richtigen Fragen stellen :-) Das heisst aber auch: es gibt keine Entschuldigung dafür, in Sachen Klimawandel mit der Schulter zu zucken und auf das Unvermögen der Menschheit zu plädieren; es liegt nicht an mangelndem Verstehen, sondern an mangelndem Willen. Villeicht doch keine so gute Botschaft?

Hier sind unsere Überlegungen dazu nachzulesen: Fischer, H., Degen, C., & Funke, J. (2015). Improving stock-flow reasoning with verbal formats. Simulation & Gaming. doi:10.1177/1046878114565058

57. TeaP in Hildesheim

Vom 8.-11.3.15 fand an der Uni Hildesheim die 57. Tagung experimentell arbeitender Psychologen (TeaP) statt. Gut 600 Teilnehmende aus 15 Ländern konnten mehr als 370 Vorträge hören und knapp 160 Poster anschauen. Dazu kamen 1 Begrüssungsabend im Ratskeller, 3 Mittagsvorlesungen, 1 Gesellschaftsabend auf der Domäne Marienburg und 1 Fachgruppen-Treffen. Organisiert wurde das Ganze von einem Dreier-Team bestehend aus Christina Bermeitinger (federführend; sie löst auch Arndt Bröder im Vorsitz der Fachgruppe ab), Werner Greve und Andreas Mojzisch.

Ein volles (und tolles!) Programm, das die ganze Bandbreite der Allgemeinen und Experimentellen Psychologie zeigt! Es wird verständlich, warum wir als Fachgruppe so erfolgreich sind (in Termini von Drittmitteln, internationalen Publikationen etc.): wir haben tollen Nachwuchs! Die TeaP ist eine Tagung junger Leute; als Ü60 merke ich das an meiner sinkenden Bereitschaft, auf Miiternachtsparties zu gehen. Das war vor 30 Jahren anders… Die jungen Wissenschaftler sind hoch motiviert, gut ausgebildet und viele können auch auf Englisch gut präsentieren! Tagungssprache ist seit der Mannheimer TeaP englisch.

Was mir auffiel: die Atmosphäre ist freundlicher geworden. Zu meiner Zeit gab es einige ältere Herren, die als “scharfe Hunde” bekannt waren und deren bissige Kommentare gefürchtet waren. Das sieht heute anders aus - und das liegt nicht daran, dass ich meine Zähne verloren hätte…Der Umgang miteinander ist friedlicher geworden. Dafür fehlt es ein wenig an kontroversen Diskussionen.

Die Präsentationen folgen einem 15-Minuten-Rhythmus (12 Minuten Präsentation, 3 Minuten Diskussion ist der Plan; faktisch sind es 14:30 für Präsentation und 0:30 für Fragen), das ist stressig und führt dazu, dass manche gleich ihre Introduction überspringen und mitten drin einsteigen, um ihr Untersuchungsparadigma oder das Design zu berichten, ohne das die Daten kaum verständlich wären. Das wollen wir im nächsten Jahr ändern.

Drei Mittagsvorlesungen waren aufschlussreich: John-Dylan Haynes (Berlin) über “Decoding thougths from brain imaging signals”, Ernst Fehr (Zürich) über “Understanding the mind by examining the brain” und Hannes Rakoczy (Göttingen) über “The (dis-)unity of implicit and explicit theory of mind” brachten interessante Themen auf und haben ihre Standpunkte verdeutlicht. Der etwas breitere Blick tut angesichts vieler spezifischer Beiträge gut und ist ein wichtiger Bestandteil der Tagung.

Ein neues Format bestand in “No-Data Sessions”: Andreas Mojzisch hat in Anlehnung an Heinrich Dükers ursprüngliche Pläne den Beratungscharakter stark gemacht. Doktorandinnen und Doktoranden in der Planungsphase tragen ihre Ideen vor und bekommen Anregungen und Kritik von dazu eingeladenen Expertinnen und Experten.

Ein Highlight für mich war das Symposium “The Reproducibility Project“: Susann Fiedler (MPI Bonn), Georg Jahn (Lübeck), Frank Renkewitz (Erfurt) und Hedderik van Rijn (Groningen) berichteten über das 2011 gestartete Projekt, die in unseren Top-Journalen publizierten Experimente systematisch zu replizieren. 93 solcher “direct replcations” sind inzwischen abgeschlossen, viele weitere noch in der Pipeline. Aktueller Zwischenstand: nur 40% der Experimente liessen sich replizieren, die Effektstärke sank bei den unabhängigen Replikationen erheblich ab (von durchschnittlich r=.33 auf r=.10). Die gute Nachricht: “We are changing” - so die selbstbewusste Botschaft der Replikationsgruppe!

Auch die Veranstaltungen zur freien Statistik-Software R haben sich großer Beliebtheit erfreut und viele Zuhörende gefunden. BDie Poster-Sessions waren gut besucht und an den Ständen wurde lebhaft diskutiert (mehr als bei den Vorträgen). Bestimmt gab es noch andere Highlights, die mir entgangen sind, weill man nicht an allen Orten gleichzeitig sein konnte.

Noch etwas ganz Unwissenschaftliches aus dem Nähkästchen der Veranstalter: “Our participants ate 1300 pretzel sticks, 1300 cheeserolls, 14 baking sheets of cake (2x Butterkuchen, 2x Puddingkuchen, 2x Kirschbutterkuchen, 3x Streuselkuchen, 2x Bienenstich, 3x Apfelkuchen), 60 kg of apples, 45kg of bananas, 40 kg of tangerines, 20 kg of grapes. They drank 480 small bottles of orange juice, 480 small bottles of apple juice, 1320 small bottles of water, 70 liters of milk, 14 liters of soya-milk, and 19 packages of coffee using 2000 coffee cups. 449 people had lunch at the mensa.” Das ist der Treibstoff der Konferenz gewesen :-)

Alles in allem eine lohnende Reise! Viele Gespräche mit alten Bekannten, neue Bekanntschaften und ein paar neue Ideen, die unsere eigene Forschung voran bringen könnten. Dank an die Organisatoren für eine schöne Tagung! Und im nächsten Jahr wird Heidelberg vom 21.-23.3.16 Gastgeber der 58. TeaP sein (hier mein früherer Blog-Eintrag dazu). Wir freuen uns schon!

Signifikanztest ade?

Normalverteilung mit 5% Rändern

Normalverteilung mit 5% Rändern

Nun ist es soweit: Die erste psychologische Fachzeitschrift hat einen vollständigen Bann des in der Psychologie seit vielen Jahrzehnten fest etablierten Signifikanztests verhängt! Die uns Psychologen heilige Kuh der Inferenzstatistik wird geschlachtet!

Im jüngsten Editorial der Zeitschrift “Basic and Applied Social Psychology” (BASP) schreiben die Herausgeber David Trafimow und Michael Marks, dass die 2014 bereits angedrohte Massnahme nun ab 2015 in die Tat umgesetzt wird:

“The Basic and Applied Social Psychology (BASP) 2014 Editorial emphasized that the null hypothesis significance testing procedure (NHSTP) is invalid, and thus authors would be not required to perform it (Trafimow, 2014). However, to allow authors a grace period, the Editorial stopped short of actually banning the NHSTP. The purpose of the present Editorial is to announce that the grace period is over. From now on, BASP is banning the NHSTP.”

Wow! Das ist ein mutiger Schritt! Aber wie sollen wir bloss ohne den Signifikanztest zu neuen Erkenntnissen kommen? Wir wissen doch spätestens seit Jacob Cohen berühmtem Aufsatz von 1994 “The earth is round (p<.05)“! Ist ein Leben als Psychologe ohne den Zusatz “p<.05″ überhaupt vorstellbar? Was kommt an die Stelle der verbannten Inferenzstatistik?

Was kommt, ist eine Konzentration auf das Wesentliche: Vor allem Indikatoren der Effektstärke, die in Verbindung mit deutlich größeren Stichproben als bisher (endlich!) an Aussagekraft gewinnen! Praktische Signifikanz schlägt statistische Signifikanz! Und natürlich Häufigkeiten und Verteilungsinformationen, die in NHSTP häufig ignoriert wurden. Das hätte John Tukey, den Autor des legendären Buchs “Exploratory data analysis” (1977), sicherlich gefreut.

Wird ein völliger Verzicht auf den Signifikanztest nicht die Qualität der Beiträge schmälern? Die Herausgeber sind vom Gegenteil überzeugt: “We hope and anticipate that banning the NHSTP will have the effect of increasing the quality of submitted manuscripts by liberating authors from the stultified structure of NHSTP thinking thereby eliminating an important obstacle to creative thinking. The NHSTP has dominated psychology for decades; we hope that by instituting the first NHSTP ban, we demonstrate that psychology does not need the crutch of the NHSTP, and that other journals follow suit.”

Eine spannende Entwicklung! Auch wenn es sicher nicht das Flaggschiff unserer Fachzeitschriften ist: Hier findet gerade eine Revolution statt! Einer macht den ersten Schritt, andere werden folgen! Und klasse, dass es aus der Sozialpsychologie kommt! In der gegenwärtigen Krise unseres Faches ein demonstrativer Akt des Willens zur Veränderung!

see also blog entry from John Kruschke: http://doingbayesiandataanalysis.blogspot.de/2015/02/journal-bans-null-hypothesis.html

DEMADYN’15: (Non-)Optimal Decision making

Unter dem Kürzel DEMADYN’15 verbirgt sich eine internationale und interdisziplinäre Tagung, deren vollständiger Titel lautet “Hengstberger Symposium on (Non-)Optimal human decision making in dynamic environments” und die vom 2.-4.3.2015 am Internationalen Wissenschaftsforum (IWH) in Heidelberg stattfand. Eingeladen hatten die drei Hengstberger-Preisträger 2015: Peter Duersch (Alfred-Weber-Institut), Daniel Holt (Psychologisches Institut) und Christian Kirches (Institut für Wissenschaftliches Rechnen).

(click to enlarge)

Etwa 40 Junior- und Senior-Wissenschaftler aus dem In- und Ausland waren zu Gast in Heidelberg. In multidisziplinärer Perspektive ging es dabei unter anderem um die Frage, was „optimale“ Entscheidungen in sich verändernden Situationen sind und unter welchen Bedingungen sie getroffen werden. Als Keynote-Speakers konnten exzellente Kolleginnen und Kollegen gewonnen werden: Ido Erev (Technion, Haifa, Israel), John Hey (Centre for Experimental Economics, University of York, United Kingdom), Magda Osman (Queen Mary College, University of London, United Kingdom) und Sebastian Sager (Otto von Guericke Universität, Magdeburg, Germany) trugen die Sicht ihrer jeweiligen Disziplin (Mathematik, Ökonomie, Psychologie) vor und diskutierten theoretische und methodische Probleme in der Erforschung dynamischen Entscheidungsverhaltens.

Unter dem Stichwort “dynamic decision making” verbergen sich verschiedene Entwicklungslinien in der aktuellen Forschung; eine davon ist der von meiner Heidelberger Gruppe verfolgte Weg des Umgangs mit dynamischen computersimulierten Szenarien (”complex problem solving“). Die Rolle exekutiver Funktionen als Steerungsinstanzen wurde auf der Tagung ebenso diskutiert wie die Rolle bewusster und unbewusster Anteile beim Entscheiden; aber auch zur Formalisierung und Optimalitätsbestimmung bei komplexen Systemen wie z.B. dem Szenario “Tailorshop” (siehe meinen älteren Blogeintrag), das von den Mathematikern gründlich durchleuchtet und vor allem von Michael Engelhart optimiert wurde (siehe hier).

Alles in allem eine sehr schöne Tagung, die Interdisziplinarität erfahrbar gemacht hat durch rege Diskussionen und zu neuen Aktivitäten angeregt hat. Es war eine gute Mischung von Teilnehmern: solche, die gerade ihre Masterarbeit fertig gestellt haben, und solche, die ihren Kaffee mit Nobelpreisträgern trinken. Interessant auch, wie sehr die klassischen Ökonomen (im Unterschied zu den Vertretrern von behavioral economics) am Konzept “expected utility” hängen und Verhalten ausschliesslich unter Bezugnahme auf die “utility function” erklären wollen. Ich hatte den Eindruck, dass die Disziplinen Psychologie und Ökonomie nur sehr langsam konvergieren und immer noch erhebliche Unterschiede in den zentralen Axiomen bestehen. Wir hoffen, einige der besten Beiträge demnächst in unserem neuen “Journal of Dynamic Decision Making” (JDDM) vorstellen zu können, das sich gerade in der Startphase befindet.

Das Ambiente am IWH ist einfach sehr schön (direkt unterhalb des Schlosses) und für solche kleine Gruppen optimal geeignet. Dank an die drei Organisatoren dieser Tagung! Und Dank an den Stifter, die Klaus-Georg und Sigrid Hengstberger-Stiftung, die diese Konferenz finanziert hat! Toll, dass wir solche Möglichkeiten haben! Die Uni Heidelberg erweist sich wieder mal als ein Ort, der hervorragende internationale Gäste anzieht und spannende interdisziplinäre Diskurse ermöglicht. Das ist Voll-Universität in bester Form! Kreative Ideen: Wo, wenn nicht hier?!

Abschied von Hausmeister Kreft

Peter Kreft in seinem Büro

Peter Kreft in seinem Büro (anklicken zum Vergrößern)

Als ich 1997 nach Heidelberg berufen wurde, habe ich zwei Dinge schnell gelernt: wie wertvoll die Parkerlaubnis auf dem Innenhof unseres Instituts ist (mitten in der Fussgängerzone) und dass nur 1 Person auf dem Institutsgelände das Sagen haben kann - und das ist der Hausmeister!

Peter Kreft hat über viele Jahre hinweg (seit Ende 1983) dem Institut gedient und sich um das Gebäude und das Gelände hervorragend gekümmert (bis Januar hat er in der Villa auf dem Institutsgelände gewohnt). Mit den Menschen in den Gebäuden ging es nicht immer so reibungslos; immer wieder gab es kleinere oder größere Konflikte, was daran lag, dass Herr Kreft kompromisslos war. Fahrräder dürfen nur an den dafür vorgesehenen Abstellplätzen abgestellt werden; diese Vorschrift gilt für alle, auch für den Geschäftsführenden Direktor, mag er es noch so eilig gehabt haben und “nur mal eben” das Rad an einer unerlaubt praktischen Stelle geparkt haben. Entweder bekam man einen Anschiss oder das Rad wurde stillschweigend versetzt.

Ich zitiere aus einer Rundmail unseres Kustos Dr. Joachim Schahn, der aus Anlass des Ausscheidens von Herrn Kreft ein wenig zur Geschichte des Hausmeisterdienstes in den letzten 30 Jahren schreibt:

“Die Hausmeister übernahmen damals nicht nur die Aufgaben, die wir heute zum Hausmeisterdienst rechnen, wie die Hauspost, kleinere Reparaturen, die Überwachung des Gebäudes auf Schäden, das Auswechseln der Handtücher auf den Toiletten oder von defekten Leuchten, usw. Sie waren im Wesentlichen für alles das zuständig, was heute „outgesourced“ ist: Schließdienst, Anleitung des Reinigungsdienstes, Winterdienst und anderes mehr. In den Anfangszeiten wurden sogar die Büromöbel selbst hergestellt (einige alte Exemplare tun heute noch ihren Dienst); auch unsere Postfachanlage wurde in den 70er Jahren vom damaligen Hausmeister Theo Ellwanger gebaut.

Gegen Mitte/Ende der 70er Jahre arbeiteten am Institut unglaubliche drei (!) Hausmeister gleichzeitig, die manchmal etwas unterbeschäftigt waren und daher auch die Bibliotheksaufsicht zeitweise übernommen haben. Doch diese Zeit war gegen Anfang der 80er Jahre dann bald vorbei, und es begann die eigentlich sinnvollste Phase mit zwei Hausmeistern (Herrn Ellwanger und Herrn Kreft), die zusammen die komplette Öffnungszeit des Instituts abdeckten und über Mittag gemeinsam Dienst hatten; in dieser Zeit konnten Dinge erledigt werden, die nur zu zweit möglich sind (z.B. Möbeltransporte). Im Zuge des „Solidarpakts I“ Ende der 90er Jahre verloren wir dann nach seiner Pensionierung einige Jahre später Herrn Ellwanger. Zahlreiche seitherige Hausmeisteraufgaben wurden an externe Firmen vergeben, landeten beim Verwaltungssekretariat (z.B. die Post zu frankieren und die Schlüssel zu verwalten) oder bei anderen Mitgliedern des Hauses. Eine Urlaubs- oder Krankheitsvertretung gab es zunächst nur noch lückenhaft, später gar nicht mehr, so dass das Institut seither auf eigene Kosten eine Firma mit der Vertretung beauftragen muss. Und nun werden wir nach Herrn Krefts Pensionierung gar keinen Hausmeister mehr haben. Die Universität darf nach einer Vorgabe der früheren Landesregierung, die sich auf ein Gutachten beruft, nach dem zahlreiche Hausmeisterstellen überflüssig sind, keine frei werdenden Hausmeisterstellen mehr neu besetzen, bis der Sollwert erreicht ist. Vorerst wird für uns ein Dienstleister zuständig sein; allerdings nur in Teilzeit.”

Ich werde Herrn Kreft vermissen! Seine Art des “sich kümmerns” um “sein” Institut werden wir wohl alle vermissen, da bin ich ziemlich sicher. Hausmeisterdienste, die uns jetzt versorgen, haken professionell Checklisten ab und halten (hoffentlich!) Minimalstandards ein. Aber was dort nicht auf der Liste vorkommt, spielt eben auch keine Rolle. “Sich kümmern” sieht anders aus; schon der Kleine Prinz von Saint-Exupéry hat gewusst, dass die Pflege eines kleinen Planeten mehr als nur Abhaken von Checklisten ist.

Lieber Herr Kreft: Ihnen und Ihrer Frau eine gute Zeit des Ruhestands! Schauen Sie doch ab und zu mal nach dem Rechten :-)

Preis der Freunde 2015: FiS

FiS-Gruppe mit GdF-Preis

FiS-Gruppe mit GdF-Preis

Alljährlich vergibt die “Gesellschaft der Freunde der Universität Heidelberg” (GdF) seit 1995 einen mit 2.500 Euro dotierten Preis für studentische Gruppen, die sich in hervorragender Weise für die Universität Heidelberg und deren Studierende engagieren. In früheren Jahren wurde z.B. die Psychologen-Initiative “Nightline” ausgezeichnet, die eine telefonische anonyme Anlaufstelle für Studierende ist, die mit ihren Problemen nicht weiterwissen.

In diesem Jahr wurde aus dem Bewerberpool das “Forum für internationale Sicherheit” (FiS) ausgewählt. Dem Forum geht es um einen Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praktikern im Bereich der Aussen- und Sicherheitspolitik, der Konflikt- und Friedensforschung und des Völkerrechts. Themen, die nicht nur im Lichte unserer momentanen Weltpolitik von großer Bedeutung sind!

Dazu werden Vorträge organisiert, Workshops durchgeführt und vor allem jährlich die mehrtägige Konferenz “Heidelberger Dialog zur internationalen Sicherheit” organisiert, zu der prominente Gäste erscheinen. Unterstützt wird die Gruppe von der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, die eine Aussenstelle in Heidelberg betreibt.

Auch wenn es überwiegend Studierende der Politikwissenschaft sind, die die operative Arbeit erledigen: Studierende anderer Disziplinen sind herzlich eingeladen mitzumachen! Für Psychologie-Studierende mit einem Hang zum komplexen Problemlösen ein optimaler Platz zur Mitarbeit! Es würde mich freuen, wenn auch unsere Psychologie-Studierenden sich hier einbringen würden!

Im Rahmen der Preisverleihung haben Andreas Epple und ich als Vorstandsmitglieder unserer GdF am 13.2.2015 im Senatssaal der Alten Universität die Leistungen dieser studentischen Initiative hervorgehoben, die gerade in heutiger Zeit so wichtig wie nie zuvor erscheint. Toll, dass wir solche Studierenden haben! Gratulation!

zur Pressemitteilung: http://www.uni-heidelberg.de/presse/news2015/pm20150206_forum-fuer-internationale-sicherheit-heidelberg-erhaelt-preis-der-freunde.html

Direktstudium Psychotherapie

Die Umwandlung des Diplomstudiengangs Psychologie in eine zweiteilige Bachelor-/Master-Struktur liegt noch keine 10 Jahre zurück - schon wird die nächste Änderung der Studienstruktur geplant: Diesmal geht es um das sog. Direktstudium Psychotherapie, bei dem nach 3+2-jährigem Studium mit klinischem Schwerpunkt der Abschluss nicht nur im Master besteht, sondern auch die Approbation (=die staatlich kontrollierte Zulassung zur Berufsausübung) enthält. Diese wird heutzutage erst nach einer an den Masterabschluss anschliessenden Weiterbildung erteilt, die zusätzliche 3-5 Jahre dauert und meist mit erheblichen Kosten im fünfstelligen Bereich verbunden ist.

Am 24. November 2014 hat die Bundespsychotherapeutenkammer auf ihrem 25. Psychotherapeutentag die Reform mehrheitlich bejaht, am 5.2.15 hat im Bundesgesundheitsministerium eine erste Gesprächsrunde zur Reform der Psychotherapeutenausbildung stattgefunden. Die DGPs als Interessenvertretung der akademischen Hochschulpsychologie hat über ihre zwei Kommissionen “Studium und Lehre” (unsere Kollegin Birgit Spinath ist darin Mitglied) sowie “Psychologie und Psychotherapie” (Vorsitz: Winfried Rief)  ebenfalls Empfehlungen zur Reform des Bachelor- und Masterstudiums ausgesprochen, die eine Reform in greifbare Nähe (dh. in den nächsten 2-3 Jahren) rücken.

Wesentliches Merkmal dieser Vorschläge: von den 120 LP für das Masterstudium (=4 Semester mit je 30 LP) werden 60 LP für klinische Inhalte (inkl. Praxisanteilen) vorgesehen. Im Bachelor kommen neben den polyvalenten Grundlagenfächern auch 18-24 LP Klinische Psychologie über die dortigen Anwendungsfächer hinzu.

Was wird also anders beim „Direktstudium“ im Vergleich zur bisherigen Struktur? Im Bachelor wenig (alle Institute haben bisher schon die Klinische Psychologie als Anwendungsfach), im Master geht es um mindestens 60 LP Klinische Psychologie und Psychotherapie! Die Vermittlung verschiedener wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren und Methoden, für Erwachsene sowie für Kinder und Jugendliche gehört dazu. Vertiefte praktische Kenntnisse und Kompetenzen sind in mindestens dreiTherapiemethoden/-verfahren zu erwerben. Und: Die Universität, die ein Direktstudium anbietet, muss über eine Forschungs- und Lehrambulanz verfügen (tun wir: siehe ZPP).

Ziel der gemeinsamen Bemühungen ist es, einerseits die Einheit unseres Faches zu wahren (also eine Abspaltung der Klinischen Psychologie vom Rest des Faches zu verhindern), andererseits einen akademisch fundierten Heilberuf analog zu Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin oder Pharmazie mit staatlichem Abschluss (”Staatsexamen”) möglich zu machen.

Beim Treffen aller baden-württembergischen Psychologie-Institute aus den Universitäten Freiburg, Heidelberg, Konstanz, Mannheim, Tübingen und Ulm, das am 12.2.15 unter Leitung von Winfried Rief und Birgit Spinath bei uns in Heidelberg stattfand, bestand Konsens darüber, bei allen lokalen Unterschiedlichkeiten die Planungen in Richtung auf ein Direktstudium zu verstärken und auch beim Landesministerium vorstellig zu werden, um dort über die Erstattung möglicher Mehrkosten zu verhandeln, die aus einem stärker praxisorientierten Studium resultieren würden.

Solidarpakt III: Perspektive 2020

Hochschulfinanzierung ist angesichts dramatisch steigender Studierendenzahlen ein wichtiges Thema an allen Universitäten. Nach Ablauf von Solidarpakt I (1997-2006) und Solidarpakt II (2006-2015) ist nun das dritte Abkommen zwischen baden-württembergischen Hochschulen und der Landesregierung unter Dach und Fach gebracht worden. Zitat aus dem CHE “CheckPoint 1/2015″:

“Die Landesregierung und Vertreter der Hochschulen in Baden–Württemberg haben am 9. Januar den neuen Hochschulfinanzierungsvertrag (HoFV) unterzeichnet. Die Vereinbarung mit dem Namen “Perspektive 2020″ gilt für sechs Jahre ab 2015. Mit dem neuen Hochschulfinanzierungsvertrag [hier der Link zum Vertrag] erhöht das Land die Grundfinanzierung der Hochschulen bis 2020 um drei Prozent pro Jahr. Damit steigt die Grundfinanzierung schrittweise von heute 2,47 Milliarden Euro auf 3,05 Milliarden im Jahr 2020. Dazu kommen 600 Millionen Euro zusätzlich für ein Sonderprogramm zur Sanierung von Hochschulgebäuden. Außerdem erhalten die Universitäten einen Ausgleich für die Steigerung der Energiekosten seit 1997. Die Hochschulmedizin erhält 20 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich für Sonderbedarfe. Über 20 Millionen Euro jährlich entscheiden die Studierenden künftig in einem gesetzten Rahmen eigenständig, wie diese zur Verbesserung der Lehre verwendet werden. Das Land investiert 100 Prozent der freiwerdenden BAföG–Mittel in Bildung – 60 Millionen Euro davon in die Hochschulen.”

Baden-Württemberg befindet sich damit in einer Spitzenposition, verglichen mit anderen Bundesländern, in denen die Finanzlage weniger gut ausfällt. Trotz dieses großen Erfolgs bei den Verhandlungen sind noch einige Sorgen auszuräumen. Da die Zweitmittel (Qualitätssicherungsmittel [=QuasiMi] etc.) zunächst einmal in die Hand des Rektorats zurückfallen, müssen sie von dort aus in die budgetären Einheiten weitergegeben werden, aber nicht in vollem Umfang, da ein ein grosses (und dauerhaftes) strukturelles Defizit nach wie vor besteht! Lediglich die (nunmehr dauerhaften) Sondermittel wie Ausbau 2012 und 2016 werden wohl in voller Gänze durchgereicht an die Fächer, die sich zur Aufnahme von Überlast bereit erklärt haben. Das bringt einige Institute, die ihre Zukunft voll auf diese (befristeten) Sonderzahlungen gesetzt haben, in Schwierigkeiten. Hier muss eine faire und transparente Verteilung für Konsens sorgen, die vom Rektorat in enger Abstimmung mit dem Senat in den nächsten Monaten vorgenommen wird. Die ursprüngliche Höhe der QuasiMi wird nicht mehr erreicht werden, aber etwa die Hälfte davon wird den Instituten als (nunmehr frei verfügbare, dauerhafte und im Fall von Personalstellen: dynamisch steigende!) Aversalmittel zur Verfügung stehen.

Für die Studierenden bleibt nach wie vor ein Vorschlagsrecht für einen (nun etwas geringeren) Teil der Mittel bestehen (via StuRa [=StudierendenRat]). Etwas mehr als 1 Mio € stehen hier den Studierenden zukünftig pro Jahr bereit. Manche der bisherigen Serviceleistungen werden daher nicht mehr angeboten werden können; aber waren Zuschüsse zu Sprachkursen, freie Druckkontingente, Zuschüsse zu Konferenzreisen, Zuschüsse zu Bachelor- und Masterarbeiten wirklich immer nötig? Nicht alle Studierenden haben davon gleichermassen profitiert. Und stand der enorme administrative Aufwand wirklich in angemessenem Verhältnis? Ich jedenfalls halte die Reduktion der Mittelmitbestimmung an dieser Stelle für vertretbar. Gute Vorschläge von Studierenden werden sicher auch weiterhin in den Instituten aufgegriffen und umgesetzt werden.

Wie so oft wird schon das um das Fell des Bären gestritten, wo er noch gar nicht ausgenommen ist und unklar ist, wie sich die finanzielle Situation im Detail darstellt (es gibt bereits erste Abstriche bei der zugesagten Energiekostenübernahme). Die “bottom line” ist eindeutig positiv und gibt Anlass zur Freude über die Einsicht der Poltiker, dass dringender Handlungsbedarf bestand (und in Sachen Hochschulbau immer noch besteht!). Und: Wir schwimmen jetzt nicht im Geld, sondern eine katastrophale Defizit-Situation ist etwas mehr ins Gleichgewicht gebracht worden. Am Ende wird wohl niemand mehr Geld bekommen, aber wir müssen auch keine Schließungen vornehmen, sondern können den laufenden Betrieb aufrechterhalten… Das bedeutet in heutigen Zeiten schon eine Menge! Wir jubeln nicht, aber wir freuen uns!

Vorträge, Vorträge, Vorträge!

Die abgelaufene Woche stand für mich ganz im Zeichen von vier interessanten Vorträgen. Heidelberg hat insgesamt ja ein tolles Vortragsangebot (viele interessante Forscher, Literaten, Künstler, etc. kommen gerne hierher) - ein Angebot, das mich manchmal terminlich überfordert, aber natürlich vor allem begeistert. Die Ausbeute dieser Woche: klasse!

(1) Arndt Bröder (Allgemeine Psychologie, Uni Mannheim) sprach im Rahmen des sozialpsychologischen Kolloquiums zum Thema “Viele Mechanismen oder einer? Empirische Untersuchungen zu Metaphern adaptiven Entscheidens” und hat sich gefragt, ob man experimentell zeigen kann, dass die Metapher des adaptiven Werkzeugkastens oder diejenige des “adjustable spanner” besser passt. Mir ist nochmal deutlich geworden: Mit minimal komplexen Paradigmen in der Informationssuche (man muss unter knappen Info-Ressourcen zu einer Entscheidung kommen und bekommt auf Wunsch, gegen Entgelt etc. weitere Info-Stücke, die entweder konkordant, neutral oder diskordant zur geplanten Entscheidungsalternative stehen) sieht man nur die eine Seite der Medaille; die andere Seite (und die ist bei komplexen Siituationen eher typisch) besteht darin, aus einer Flut von Informationen die relevanten Stücke herauszusuchen. Da werden andere Heuristiken verlangt, scheint mir. Stoff zum Nachdenken jedenfalls.

(2) Timo Leuders (Mathematik-Didaktik, PH Freiburg) hat im Rahmen des Interdisziplinären Bildungskolloquiums über “Entdeckendes Lernen” gesprochen. Am Beispiel der Mathematik-Didaktik ist “discovery learning” daraufhin überprüft worden, unter welchen Bedingungen es traditionellen Instruktionsformaten überlegen ist. Dass mehr Zeit benötigt wird, ist sicher ein Nachteil; auf der anderen Seite steht als Gewinn neben dem Wissenserwerb auch der Erwerb einer spezifischen Art zu denken (in diesem Fall: mathematisches Denken) und eine gesteigerte Selbstkompetenz, wenn man verborgene Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten (manchmal mit ein bisschen Hilfe) selbst aufdeckt. Interessanter Aspekt am Rande: Welche Rolle spielen Beweise in der Mathematik? In der chinesischen Mathematik sind sie bedeutungslos, bei uns offensichtlich entscheidend. Bis heute sind “Vermutungen” in der Mathematik etwas sehr Wichtiges, indem aus Beobachtungen über Regularitäten mögliche Gesetzmäßigkeiten induziert werden.

(3) Melanie Wald-Fuhrmann (MPI für empirische Ästhetik, Frankfurt) hat unter dem Titel “Warum lieben Sie Brahms?” in der Alten Aula die 14. Marsilius-Vorlesung gehalten. Es ging darum, wie sich ästhetische Präferenzen entwickeln. Dabei sind soziologische Aspekte ebenso wie psychologische zu berücksichtigen. Dass sich Subkulturen auch über einen bestimmten Musikgeschmack definieren, ist ein interessantes Phänomen. Und natürlich lieben Mädchen ihre Boy-Groups, Jungen ihre Girl-Groups, oder? Entwicklungspsychologische Überlegungen helfen hier weiter. - Dass sich die Max-Planck-Gesellschaft entschlossen hat, zum Thema Ästhetik ein eigenes MPI einzurichten, finde ich klasse! Hier in Heidelberg hatten wir (Christiane von Stutterheim, Raphael Rosenberg und ich) vor Jahren einmal den Plan zu einem eigenen SFB (”Kognition von Sprache, Musik und Bild”), der solche Themen ebenfalls hätte fokussieren sollen; die DFG-Gutachter haben uns damals leider mit etwas engstirnigen Argumenten abgewiesen, obwohl wir gute Ideen hatten. Die Marsilius-Vorlesung hat bei mir alte Pläne wieder in Erinnerung gerufen. Übrigens: Ich habe bisher alle Marsilius-Vorlesungen gehört und war nie enttäuscht!

(4) Kurt Roth (Umweltphysik, Uni Heidelberg) hat im Rahmen des von unserem Assyriologen Stefan Maul organisierten “Gesprächskreis Geistes- und Naturwissenschaften” über “Evolution - Versuch einer großen Schau” einen unglaublich anregenden Vortrag über die Entstehung des Weltalls gehalten (die physikalische, chemische und biologische Evolution seit dem “Big Bang“), mit einem Ausblick auf die technologische Evolution im 21. Jahrhundert. Ein völlig neues Verständnis der Nukleogenese und der Kosmogenese, bei dem die Anthropogenese leider nur einen winzig kleinen Teil ausmacht (der mich natürlich am meisten interessiert). Viele Fragen, die nach 2 1/2 Stunden Vortrag und Diskussion offen blieben, aber nachwirken.

Mit Vorträgen ist es manchmal so, wie Christian Morgenstern es über Witze schreibt: “Korf erfindet eine Art von Witzen, / die erst viele Stunden später wirken. / Jeder hört sie an mit langer Weile. // Doch als hätt’ ein Zunder still geglommen, / wird man nachts im Bette plötzlich munter, / selig lächelnd wie ein satter Säugling”. Natürlich waren meine vier Vorträge nicht langweilig, sondern sehr lebendig! Um wieviel mehr lässt das auf fruchtbare Nachwirkung hoffen! Der Zunder glimmt!

Faking Science: Die Geschichte von Diederik Stapel

Im September 2011 ist der Fall Diederik Stapel an die Öffentlichkeit gekommen - ein holländischer Sozialpsychologe, der in seinen international Aufsehen erregenden Artikeln mit selbst gemachten Daten gearbeitet hat. Zahlreiche Veröffentlichungen wurden mit gefälschten Daten publiziert (und zwar in in guten und sehr guten Zeitschriften, darunter “Science”), für eine Vielzahl weiterer Publikationen sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Angaben von Retraction Watch zufolge wurden bis August 2013 insgesamt 54 Veröffentlichungen zurückgezogen.

Als Reaktion auf die Entlassung aus den Diensten der Universität Tilburg hat Stapel nicht nur seinen Doktortitel der Universität Amsterdam freiwillig zurückgegeben, sondern auch ein Buch über seine Geschichte verfasst. Ich habe über die Weihnachtszeit diese Biografie von Diederik Stapel gelesen, als PDF kostenlos zu erhalten:

Stapel, D. (2014). Faking science: A true story of academic fraud. Retrieved from http://errorstatistics.com/2014/12/21/derailment-faking-science-a-true-story-of-academic-fraud-by-diederik-stapel-translated-into-english/

Der Text ist nicht schön geschrieben (enthält viele verwirrende Sprünge… Der Buchtitel “Derailment” bekommt dadurch noch eine andere Bedeutung), aber er gibt einen Einblick in die Psyche eines Datenfälschers und den Umständen, unter denen aus einem sehr engagierten, begeisterten jungen Studenten ein erfolgreicher betrügerischer Professor wurde, der sich am Ende zwar erkennbar schämt, aber auch über die öffentliche Verfolgung von ihm und seiner Familie durch die Presse klagt.

Deutlich wird, dass kleine Grenzüberschreitungen (”questionable research practices“) am Anfang stehen (mal hier und dort einen Datenpunkt adjustiert, der nicht ganz konform ausfiel), denen zunehmend gröbere Verletzungen guter wissenschaftlicher Praxis folgen, da sich (zunächst) keine negativen Konsequenzen ergeben, sondern im Gegenteil sich die öffentliche Aufmerksamkeit begeistert auf ihn richtet. Er ist es, der der Öffentlichkeit die Welt erklären kann. Stapel geniesst diese “Star”-Position und sonnt sich im Rampenlicht, bis alles zu Bruch geht und sein “faking science” - nach 7 (sic!) Jahren - auffällt. Wissenschaft und Starkult passen eben nicht zueinander.

Was die Autobiografie aber auch deutlich macht: Es gibt für den Betroffenen keinen Mechanismus, diesen Betrug zu heilen - die Beichte führt nicht zur Erlösung. Eine Rückkehr in die Wissenschaft scheint nach einem derartigen Fehltritt nicht mehr möglich. Ist das fair? Wie steht es mit einer zweiten Chance?

Interessant am Rande: Stapel wäre gerne Schauspieler geworden! Wie es scheint, hat er es indirekt geschafft, diesen Berufswunsch mit seinen Auftritten in Hörsälen und in den Medien zu realisieren!

Link zum Untersuchungsbericht der Levelt-Kommission: https://www.commissielevelt.nl/

PS: Es ist ein Kommentar von Rolf Degen eingetroffen, der seinerseits über das Buch von Stapel eine lesenswerte Rezension verfasst hat (Link: siehe unten im Kommentarfeld und hier).