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Ruprecht-Karls-Preise 2016

Gestern nachmittag wurden in einer feierlichen Zeremonie in der Alten Aula der Universität in Anwesenheit des Rektors und zahlreicher prominenter Gäste ausgezeichnete Dissertationen unserer Universität mit dem Ruprecht-Karls-Preis (RKP) geehrt, der von der Stiftung Universität seit 1990 jährlich vergeben wird. Ausgezeichnet wurden dieses Jahr vom Vorsitzenden der Stiftung, Dr. Karl Hahn, die wissenschaftlichen Arbeiten von Dr. Susanne Bach (Germanistik), Dr. Kristina Meyer (Physik), Dr. Lutz Ohlendorf (Rechtswissenschaften), Dr. Ricarda Stegmann (Religionswissenschaften) und Dr. Christian Thome (Biowissenschaften). Ausserdem wurde in Anwesenheit von Mitgliedern der Stifter-Familie der Umweltpreis der Viktor und Sigrid Dulger Stiftung vom Rektor unserer Universität, Prof. Dr. Bernhard Eitel, an Dr. Marlon Barbehön (Politische Wissenschaft) verliehen.

Preisträger mit Rektor Bernhard Eitel, Jury-Vorsitzendem Paul Kirchhof und Stiftungs-Vorsitzendem Karl Hahn im Kaminzimmer (Foto: JF)

Die Laudatio auf die ausgewählten Dissertationen hielt zum 26. Mal (!) Prof. Dr. Paul Kirchhof, der als Vorsitzender der Jury über den Auswahlprozeß und die Entscheidungskriterien berichtete. Das wichtigste war jedoch sein Bericht über die Preisträger-Arbeiten selbst: in seiner unnachahmlichen Weise brach er die höchst komplizierten Fachinhalte der Dissertationen auf ein für alle Anwesenden nachvollziehbares Niveau herunter und führte damit das Prinzip verständlicher Wissenschaft vor. Die neuen Erkenntnisse der ausagezeichneten Dissertationen wurden auf anschauliche Weise deutlich gemacht.

Als Festredner konnten wir einen der früheren Preisträger und ein jetziges Vorstandsmitglied der Stiftung, Dr. Thorsten Helm, gewinnen. In höchst erbaulicher und amüsanter Weise ging er der Frage nach, welche Bedeutung derartige Wissenschaftspreise haben. Unter dem Titel „Preise in der Wissenschaft: Individuelle Anerkennung und Gemeinwohlimpuls” beleuchtete er kurz und prägnant von allen Seiten das Thema und brachte die Zuhörenden immer wieder zum Lachen. Lieber Thorsten: danke, daß Du auch die Psychologie miteinbezogen hast!

Auf dem anschließenden Empfang in der Bel Etage des Rektors waren sich alle einig: eine schöne Veranstaltung! Toll, dass es so viele Menschen gibt, die uns ideell und finanziell unterstützen und damit so tolle Aktivitäten ermöglichen! Wir freuen uns auch über kleinere Zuwendungen!

Hier die Pressemitteilung zum RKP 2016.

Präsident für alle Amerikaner?

Normalerweise äußere ich mich hier im HeiPI-Blog nicht zu tagespolitischen Themen. Dennoch scheint mir - nachdem der erste Schock über das amerikanische Wahlergebnis mit dem Wahlsieg von Donald Trump verdaut ist - eine Reflexion aus der Sicht eines Psychologen zulässig, ja nötig. Mal abgesehen davon, dass ich eben eine Rundmail von der weltweit größten Psychologenorganisation (der “American Psychological Association”, APA; nicht zu verwechseln mit der “American Psychiatric Association”, auch APA genannt) erhalten habe, in der die Präsidentin Susan McDaniel und zwei ihrer Vorstandskollegen die AP-Mitglieder vor Spaltung warnen und zur Einheit aufrufen.

Der zu Ende gegangene amerikanische Wahlkampf hat nie zuvor Dagewesenes hervorgebracht: respektlose Beleidigungen von Minderheiten, sexistische Bemerkungen, das angedrohte Nichtanerkennen eines möglichen Wahlverlusts, bis hin zur Forderung Trumps, seine Gegnerin Hillary Clinton ins Gefängnis zu bringen. Alles nur Wahlkampfgetöse? Was kann nach soviel zerschlagenem Porzellan noch gekittet werden? Wie ist ein Aufeinanderzugehen politischer Gegner nach sovielen Verletzungen, Schmähungen, Beleidigungen noch möglich? Das ist auch eine psychologische Frage.

Die - ebenfalls attackierte - Bundeskanzlerin hat ihre Gratulation zum Wahlsieg sehr professionell gemacht: Angebot zur Zusammenarbeit auf der Grundlage wichtiger Grundwerte moderner Verfassungen. Mal sehen, ob die Botschaft verstanden wird! Mir hat diese Reaktion Angela Merkels (unabhängig von meinen politischen Präferenzen) sehr gut gefallen! Auch die erste Reaktion der Wahlverliererin Hillary Clinton mit dem Angebot zur Zusammenarbeit ist professionell!  Natürlich fällt das umso schwerer, je tiefer die Gräben vorher gezogen wurden.

Eine andere interessante Baustelle ist die Wahlforschung. Ihr Versagen auf ganzer Linie zeigt Probleme sozialwissenschaftlicher Methoden. Telefonumfragen liefern offensichtlich kein “wahres” Abbild der Verhältnisse. Die Verzerrungen, die dadurch entstehen, dass man (aus welchen Gründen auch immer) am Telefon oder an der Haustür nicht offen für seine Meinung einsteht, sondern sich erst in der geschützten Wahlkabine mit seinem Kreuz zu erkennen gibt, haben Wahlforscher unterschätzt. Hier sind psychologische Forschungsergebnisse über den begrenzten Wert von Selbstauskünften und den Bedingungen, unter denen Aussagen glaubwürdig sind, zu rezipieren und zu vertiefen.

Als Problemlöseforscher sehe ich der neuen Situation mit viel Interesse entgegen! Der Umgang mit Unsicherheit wird gefordert (Aussenminister Steinmeier glaubt, dass Aussenpolitik “unberechenbarer” wird), die Komplexität wird ansteigen, Probleme werden wachsen. Zugleich will Trump selbst natürlich viele Probleme lösen und steht unter großem Erwartungsdruck. Mal sehen, wie die erforderliche Komplexitätsreduktion ausfallen wird. Braucht postfaktische Politik überhaupt Ergebnisse? Eine tolle Zeit für die Politische Psychologie, die es bei uns allerdings nicht an vielen Standorten gibt. Hier ist eine Stellungnahme von Siegfried Preiser.

Und natürlich bin ich gespannt, welche Vorbildeffekte die US-Wahl auf die Bundestagswahl in der BRD 2017 hat: ob wir hier ähnliche Attacken registrieren müssen wie in den USA? Noch sind wir Zuschauer, bald schon selbst Betroffene. Auch bei uns gibt es sicher viele, die sich von der politischen Elite nicht mehr vertreten fühlen und zum Protestwähler werden gegen “die da oben”. Folgen der Globalisierung? Gefühlter (oder sogar realer) Verlust an Einflußmöglichkeiten? Angst vor ungewisser Zukunft?

Nur am Rand sei erwähnt: eine Reihe linksintellektueller Amerikaner denken darüber nach, das Land zu verlassen. Der Server der Kanadischen Einwanderungsbehörde soll nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses unter der Last der Anfragen zusammengebrochen sein. Auch bei mir ist schon eine Anfrage eines amerikanischen Kollegen nach den Möglichkeiten hier bei uns am Institut zu arbeiten eingetroffen. Nach Syrien, Türkei, Brexit nun also auch Trump-Flüchtlinge an den Hochschulen? Wir werden sehen.

Präsident aller Amerikaner ist Donald Trump definitiv nicht - ob er Präsident für alle Amerikaner sein wird, muss sich zeigen. Die Wandlung vom hetzenden Spalter zum versöhnenden Einheitsstifter stellt einen psychologischen Entwicklungsprozeß dar, den ich mir nicht vorstellen kann. Aufbauend auf psychologischen Erkenntnissen würde ich sagen: Nicht in kurzer Zeit und nicht mehr in diesem Lebensalter. Aber vielleicht sollte ich mehr Bescheidenheit in meinen Prognosen an den Tag legen - das Wahlergebnis konnte ich mir auch schon nicht vorstellen. Die Welt braucht offensichtlich mehr Phantasie neben einem Mehr an Werten wie Menschlichkeit, Toleranz, Achtung, Respekt, Würde, Anstand - um ein paar altbackene Konzepte ins Spiel zu bringen. Vielleicht müssen wir uns auch als Psychologen mehr einmischen, unsere Funktion in der Gesellschaft nochmals überdenken?

PS: Ab und an treffen wir uns mit Freunden in Kallstadt, dem Herkunftsort der Trumps, zum Weinkauf und zum Abendessen. Mal sehen, ob da Begeisterung über den triumphalen Erfolg eines Pfälzer Abkömmlings zu spüren ist. Den (ethnografischen) Film “Kings of Kallstadt” fanden wir jedenfalls witzig!

Zur Psychologie des Fanatismus

Ein neues Sachbuch ist erschienen, über das ich berichten möchte: „Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus“, verfasst 2016 von Ernst-Dieter Lantermann, Emeritus für Sozialpsychologie an der Universität Kassel. Er hat sich in seinem neuen Text dieses höchst aktuellen und bedeutsamen Themas angenommen.

Um es gleich vorweg zu sagen: es ist aus meiner Sicht ein lesenswertes Werk geworden! An fünf Themenfeldern illustriert er das, was er “selbstwertdienliche Unsicherheitsreduktion“ nennt: die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass; das Wohnen in geschlossenen Wohnkomplexen („gated communities“); der Rückzug in kleine soziale Welten; die Perfektionierung des eigenen Körpers durch Body Building, Schönheitsoperationen und Piercing; die Entscheidung zur sinnstiftenden Mahlzeit.

In allen Themenfeldern sieht der Autor vergleichbare Mechanismen am Werke, die zu Radikalisierungen führen: das Erleben einer unsicheren Welt, die Angst erzeugt und den Selbstwert des Einzelnen in Frage stellt. Der dann einsetzende Mechanismus “Komplexitätsreduktion” schafft wieder Boden unter den Füßen und lässt mich die Welt zusammen mit Gleichgesinnten wieder als beherrschbar und verständlich erscheinen. Andere Meinungen und Fakten werden ausgeblendet und ignoriert.

Wichtig sind die Differenzierungen, die Lantermann immer wieder darlegt. So sieht er etwa Fremdenfeindlichkeit gespeist aus verschiedenen Motivlagen heraus, wie z.B. die “Gruppe der verhärteten Selbstgerechten”, die gut situiert sind, über ein robustes Selbstbewusstsein verfügen und sich nach besseren Zeiten zurück sehnen, wo alles noch einfach war; die “Gruppe der Beleidigten”, die in prekären Verhältnissen leben und sich ungerecht behandelt fühlen; die “Gruppe der Verbitterten”, die ebenfalls in prekären Verhältnissen lebt und die sich etwa im Vergleich mit Muslimen, die andere Werte als die Verbitterten haben, wieder selbst wertschätzen können. Am Beispiel der Vegetarier wird deutlich gemacht, wie verschiedene Stufen des Fanatismus entstehen und wie auf einmal Veganismus zu einem selbstwertdienlichen Lebensstil wird (Essen als Weltanschauung).

Was macht das Buch lesenswert? Zum einen ist es gut verständlich geschrieben – die wissenschaftlichen Quellen und vertiefenden Erläuterungen sind in den Anhang verschoben und stören den Lesefluss nicht. Zum zweiten werden psychologische Mechanismen und Prozesse in anschaulicher Weise beschrieben und machen psychologische Theorien lebendig. Vor knapp 30 Jahren ist es Dietrich Dörner gelungen, mit seinem Werk „Logik des Misslingens“ (1987) eine allgemeinverständliche Beschreibung des Forschungsfeldes „Komplexes Problemlösen“ zu liefern (bis heute empfehle ich es allen Personen, die wissen wollen, womit ich mich beschäftige). Mit dem vorliegenden Werk tritt Ernst-Dieter Lautermann erneut den Beweis an, dass psychologische Vorstellungen verständlich dargestellt werden können; sein Buch belegt den Erklärungswert sozio-psychologischer Theorien und Befunde. Ich wünsche seinem Werk viele Leserinnen und Leser sowie positive Resonanz!

Ernst-Dieter Lantermann (2016). Die radikalisierte Gesellschaft. Von der Logik des Fanatismus. München: Blessing.

Direktstudium ja - aber nicht so!

Seit letzter Woche liegt das lang erwartete Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) zur “Novellierung der Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten” auf dem Tisch (es findet sich z.B. auf dieser Seite) - und ich bin erschrocken darüber, was ich dort lesen muss! Doch zunächst zum Hintergrund: seit vielen Jahren wird eine Reform der Psychotherapie-Ausbildung angemahnt - nicht nur, weil die im Psychotherapeutengesetz (PsychThG) von 1999 beschriebene Eingangsqualifikation “Diplom” nicht mehr passt, sondern weil auch die unbezahlte Tätigkeit der Studierenden während der kostenpflichtigen Weiterbildung zu prekären Situationen führt - hier haben die “Pia” (= Psychotherapeuten in Ausbildung) immer wieder und lautstark gegen ausbeuterische Strukturen protestiert.

Unter dem Stichwort “Direktstudium” kursiert seit längerem die Idee, wonach am Ende eines 5jährigen Psychologiestudiums (3 Jahre BSc ohne Spezialisierung, aber mit klinischen Anteilen; 2 Jahre MSc mit Schwerpunkt Klinische Psychologie) die erste Staatsprüfung und damit die Approbation stehen könnte, an die sich dann eine Facharzt-analoge Weiterbildung in Psychotherapie anschließt. Die Grundidee eines polyvalenten Bachelors (d.h. eines Bachelors, der als Grundlage für vielfältige Anwendungen dienen kann) hat damals viele überzeugt - jetzt scheint dieses Konzept in Frage zu stehen. Polyvalent heißt: man kann mit dem BSc-Abschluß später auch noch andere Master-Spezialisierungen machen als als nur Klinische Psychologie (z.B. Arbeits- und Organisationspsychologie, Pädagogische Psychologie, Medienpsychologie, Forensische Psychologie, und und und). Dass diejenigen, die auf eine Approbation zustreben, mehr klinische Anteile machen müssten als zuvor, war klar - auf der anderen Seite wollte man nicht das gesamte BSc-Studium unter eine klinische Perspektive stellen. Diese Konzeption scheint nach den jetzt vorgelegten Eckpunkten nicht mehr zu gelten! Protest!

In einer vier Monate alten Gemeinsamen Erklärung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) zur Reform des Psychotherapeutengesetzes mit dem Titel “Psychologische Psychotherapie erfordert ein wissenschaftliches Studium der Psychologie” vom 13.6.2016 heißt es noch optimistisch:

“Die Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen ist sich einig, dass die folgenden Punkte bei der Novellierung des Psychotherapeutengesetzes berücksichtigt werden sollten:
1.    Die Ausbildung wissenschaftlich und praktisch qualifizierter psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erfordert ein grundständiges, fünfjähriges Studium der Psychologie (300 ECTS), mit dem Abschluss eines polyvalenten Bachelor of Science und eines Master of Science mit Schwerpunkt in Klinischer Psychologie und Psychotherapie, als Voraussetzung für die nachfolgende Weiterbildung.
2.    Für die Sicherung der Ausbildungsqualität sind die Einheit von Forschung, Lehre und Praxis an den ausbildenden Hochschulen (Promotions- und Habilitationsrecht, psychotherapeutische Lehr- und Forschungsambulanz), einheitliche Prüfungsstandards und die Anerkennung der Ausbildung durch die Landesbehörden unabdingbare Voraussetzungen.
3.    Die ausbildenden Hochschulen müssen über entsprechend qualifiziertes Lehr- und Forschungspersonal sowie über die erforderlichen Strukturen für die wissenschaftliche und die praktische Ausbildung auf allen wissenschaftlichen Qualifikationsebenen und für die Forschung im Bereich klinischer Psychologie und Psychotherapie verfügen.
4.    Eine selbstständige psychotherapeutische Tätigkeit im Sinne des Sozialrechtes sollte nach einer ausreichend qualifizierenden, dreijährigen Weiterbildung mit Erreichung der Fachkunde erfolgen. Daher müssen in ausreichendem Maße Weiterbildungsmöglichkeiten im Rahmen von Assistenzstellen sowohl für den stationären als auch den ambulanten Bereich geschaffen werden, die dem vorliegenden akademischen Niveau entsprechend vergütet werden.
5.    Die erforderlichen Ressourcen für die Aus- und Weiterbildung müssen im Zuge der Gesetzesnovellierung berücksichtigt und insbesondere in Bezug auf die Anzahl der Aus- und Weiterbildungsplätze aufeinander abgestimmt werden. Mehr praxisorientierte Ausbildung (mit Patientenkontakt) in Kleingruppen erfordert zusätzliche Kapazitäten an den ausbildenden Hochschulen, die nicht zu Lasten anderer psychologischer Teildisziplinen gehen dürfen.
6.    Psychologische Tätigkeiten, die Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben, sollten durch das Gesetz weiterhin nicht geregelt werden (Beibehaltung der jetzigen Legaldefinition von Psychotherapie).”

Bei aller Freude darüber, dass die Neuorganisation  der Psychotherapie-Ausbildung nun in greifbare Nähe rückt, ruft das Eckpunkte-Papier des BMG nun aber sicherlich auch Protest hervor. In einer ersten (sehr zurückhaltenden) Stellungnahme vom 28.10.16 durch die DGPs und  den Fakultätentag Psychologie werden vier zentrale Positionen unseres Faches benannt, an denen wir m.E. unbedingt festhalten müssen:

“• Erhalt der Einheit des Faches Psychologie [Lesart JF: keine zwei Studiengänge],

• polyvalenter Bachelor [Lesart JF: nicht das gesamte BSc-Studium nur mit klinisch geprägten Inhalten],

• wissenschaftlich und praktisch qualifizierender studierbarer Masterstudiengang mit dem Abschluss „M.Sc. Psychologie mit Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie“ [Lesart JF: auch der Klinische Master bleibt ein Master Psychologie],

• Bereitstellung zusätzlich notwendiger Ressourcen ohne Rückgriff auf die Kapazitäten anderer psychologischer Anwendungs- oder Grundlagendisziplinen [Lesart JF: keine Umverteilung von vorhandenen nicht-klinischen Ressourcen in die klinische Psychologie].”

Diesem Forderungskatalog kann ich mich uneingeschränkt anschließen und hoffe, dass wir angehört werden und unsere Positionen in die Novellierung einbringen können. In der jetzigen Fassung erscheint mir das Eckpunkte-Papier inakzeptabel. Wir wollen kein Psychotherapie-Studium isoliert neben einem Psychologie-Studium, sondern die Integration der Psychotherapie-Grundausbildung in das wissenschaftlich geprägte Psychologie-Studium. Die enge Verbindung von Wissenschaft und Praxis nach dem “scientist-practitioner“-Modell ist von großer Bedeutung, da eine lebenslange Weiterbildung nur funktioniert, wenn im Studium kritisches Denken erworben wurde und nicht einfach nur praktische Übungen im Mittelpunkt stehen.

Ausschnitt aus den Überlegungen des BMG-Eckpunktepapiers zur Finanzierung der entstehenden Mehrkosten: “Verlagerung von freiwerdenden Kapazitäten im derzeitigen Psychologiestudium, die für eine psychotherapeutische Tätigkeit nicht relevant sind, z.B. die Arbeits- und Organisationspsychologie, Verkehrspsychologie oder Werbepsychologie, auf für die psychotherapeutische Ausbildung relevante Inhalte” - da kann ich mir gut vorstellen, dass Vertreter der genannten Anwendungsbereiche diese “Querfinanzierung” nicht einfach hinnehmen wollen.

Ich hoffe, dass gegen die nun vorgelegten Pläne eines vom Psychologie-Studium abgespaltenen Psychotherapie-Studiums nicht nur von Seiten der Bundesländer protestiert wird (auf die Mehrkosten unabwendbar zukämen), sondern auch von unseren Fachvertretern in den Instituten gegen diese Pläne Sturm gelaufen wird. Eine “Klinifizierung und Fachhochschulifizierung” unseres Psychologiestudiums vom ersten Semester an scheint mir inakzeptabel! So hatten wir nicht gewettet!

Neues Kuratorium der Stiftung Universität

Die “Stiftung Universität Heidelberg” hat einen erlauchten Kreis von Förderinnen und Förderern, die die Universität tatkräftig (und finanzkräftig) unterstützen. Die derzeitigen Mitglieder des Kuratoriums wurden am 22. September 2016 für fünf Jahre gewählt. Die konstituierende Sitzung des neu gewählten Gremiums fand am 26. Oktober 2016 statt. Der Vorstand der Stiftung (unter Leitung von Dr. Karl Hahn) und der Vorstand der Gesellschaft der Freunde (unter meiner Leitung) trafen sich am 26.10.16 in Kirchheim, um die Pläne für das nächste Jahr zu beraten. Der Rektor unserer Universität, der als Gast mit dabei war, berichtete Kennzahlen über die Universität und die nicht ganz einfachen Schritte auf dem Weg zur nächsten (dritten) Exzellenzrunde.

Hier ist die Liste der aktiven Kuratorinnen und Kuratoren:

  • Dieter Berg, ehem. Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung GmbH, Stuttgart (Vorsitzender des Kuratoriums)
  • Prof. Dr. Peter Comba, Professor am Anorganisch-Chemischen Institut der Universität Heidelberg, Direktor des IWH
  • Andrea Y. Combé, Rechtsanwältin, Kanzlei SFC Rechtsanwälte, Heidelberg
  • Verena Eisenlohr, Rechtsanwältin, LL.M. (Berkeley), Kanzlei Rittershaus, Mannheim, Lehrbeauftragte an der Universität Heidelberg
  • Prof. Dr. Dieter Jahn, ehem. Senior Vice President Globales Kompetenzzentrum Science Relations and Innovation Management BASF Gruppe (stv. Vorsitzender des Kuratoriums)
  • Prof. Dr. Lutz Gade, Professor am Anorganisch-Chemischen Institut der Universität Heidelberg, Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
  • Georg von Hohnhorst, Wirtschaftsprüfer, bis 2014 Partner bei KPMG, Mannheim
  • Prof. Dr. Hanno Kube, Professor am Institut für Finanz- und Steuerrecht der Universität Heidelberg
  • Ehrensenator Dr. h.c. Manfred Lautenschläger, Stellv. Aufsichtsratsvorsitzender der MLP AG
  • Dr. Michael Litterer, Geschäftsführung Franz Litterer GmbH & Co KG, Weinheim
  • Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Meusburger, Seniorprofessor am Geografischen Institut der Universität Heidelberg
  • Jürgen Olbermann, Mitglied der Geschäftsführung der Feri Trust GmbH
  • Markwart von Pentz, President, Agriculture and Turf Division – Europe, CIS, Asia, Africa and Global Tractor Platform, Deere & Company, Mannheim
  • Dr. Volker Reimann-Dubbers, Vorsitzender des Stiftungsrats der VRD Stiftung für erneuerbare Energien
  • Dr. Bernd Scheifele, Vorstandsvorsitzender der HeidelbergCement AG
  • Dr. Manfred Schneider, Geschäftsführender Gesellschafter der FALK GmbH & Co KG
  • Dr. Mohsen M. Sohi, Mitglied der Unternehmensleitung Freudenberg & Co. Weinheim
  • Margret Suckale, Mitglied des Vorstands der BASF SE
  • Ehrensenator Dr. Jobst Wellensiek, Senior Sozius Wellensiek Rechtsanwälte

Wir Vorstandsmitglieder freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Kuratorium und hoffen, dass unsere ehrgeizigen Ziele gemeinsam realisiert werden können! Der frische Wind war jedenfalls zu spüren!

Die Stiftung Universität Heidelberg wurde Ende 1984 zum bevorstehenden 600. Jubiläum der Ruperto Carola mit dem Ziel der Wissenschaftsförderung errichtet. Initiatoren der Stiftungsgründung waren der damalige Rektor Prof. Dr. Gisbert Freiherr zu Putlitz, der ehemalige Vorsitzende des VW-Vorstands Kurt Lotz und der Verfassungs- und Steuerrechtler Prof. Dr. Paul Kirchhof. Man wollte damals eine Stiftung nach amerikanischem Vorbild.

Auch wenn sich in der Vergangenheit nicht alle Hoffnungen auf ein starkes Wachstum des Stiftungskapitals erfüllt haben: Mit Erträgen der Stiftung und Spenden aus dem Kreis Kuratorinnen und Kuratoren wurden in der Vergangenheit zahlreiche Projekte der Universität gefördert. Zum 625jährigen Jubiläum der Universität im Jahr 2011 brachten beispielsweise Kuratoren, Vorstand und Freunde der Stiftung insgesamt 250.000 Euro für dieses Projekt zusammen - wie ich finde: eine beeindruckende Summe und Ausdruck eines hohen bürgerschaftlichen Engagements für die Universität!

Die Stiftung vergibt seit mehr als 25 Jahren (seit 1990) die prestigeträchtigen Ruprecht-Karls-Preise: Jedes Jahr werden die fünf besten Dissertationen an dieser Universität ausgezeichnet und mit einem kleinen Handgeld ausgestattet. Insgesamt 126 Preisträgerinnen und Preisträger sind auf diese Weise schon geehrt worden, darunter auch solche aus unserer Fakultät (z.B. Dr. Daniel Erlacher, heute Professor in Bern).

Seit der Zusammenführung der verschiedenen Fördereinrichtungen der Uni im Jahr 2003 unterstützt die Stiftung die Partnervereinigung „Gesellschaft der Freunde“ finanziell, mit der ein Kooperationsvertrag besteht, z.B. beim Betrieb der gemeinsamen Geschäftsstelle unter Leitung von Frau Sabine zu Putlitz. Der gemeinsame Wille, der Universität mit finanziellen Mitteln zusätzliche Handlungsräume zu schaffen, eint die verschiedenen Förderer unserer Universität. Die Universität Heidelberg und ihre Angehörigen haben davon immer profitiert. Ganz im Sinn unserer Universitätshymne (hier der Link zum Text von Franz Wassermann), die gerade wieder zum 630. Geburtstag der Ruperto Carola erschallte: “Vivat, crescat, floreat!” (”Sie lebe, wachse, blühe!”).

Christmann & Göhring (2016): Figurative speech

http://www.nature.com/articles/sdata201698

http://www.nature.com/articles/sdata201698

Es ist von einer Publikation zu berichten, die im Leben eines Wissenschaftlers nicht so oft vorkommt: eine Publikation in der hochangesehenen Zeitschrift “Nature“. Zitat von deren Homepage: “Nature is the world’s most highly cited interdisciplinary science journal, according to the 2013 Journal Citation Reports Science Edition (Thomson Reuters, 2014). Its Impact Factor is 42.3″.

Ursula Christmann und Anne-Louise Göhring ist es jetzt gelungen, in der Sektion “Scientific Data” von “Nature” einen Beitrag zur figurativen Sprache zu publizieren. Gratulation dazu! Das ist in der Geschichte unseres Instituts der erste Nature-Beitrag, wenn ich es recht sehe!

Worum geht es inhaltlich? Christmann und Göhring haben sich eine bekannte Arbeit von Thibodeau und Boroditsky (2011: “Metaphors we think with: The role of metaphor in reasoning.” PLoS ONE 6, e16782) vorgenommen und deren Befundlage repliziert. Es geht um den Einfluß bildhafter Sprache auf unser Denken. Im konkreten Fall um ansteigende Verbrechen in einer fiktiven Stadt, die in einer Versuchsgruppe als “sich ausbreitender Virus”, in einer anderen Bedingung als “wilde Bestie” bezeichnet wird. Dieser winzig kleine sprachliche Unterschied führt zu messbaren Unterschieden bei den Vorschlägen, die die Teilnehmenden an diesem Experiment zur Bekämpfung des Anstiegs an Verbrechen vorschlugen: unter beiden Bedingungen (Bestie und Virus) wurden stärkere Reformen gefordert, aber: unter der Bestie-Darstellung hat ein deutlich höherer Anteil sich für die Verstärkung von Schutzmassnahmen ausgesprochen. Hier die Anteile der beiden Massnahmenvorschläge getrennt nach den beiden Metapher-Bedingungen:

Hier die englische Zusammenfassung: “According to the metaphorical framing model, the use of metaphors in discussing an issue influences recipients’ understanding and assessment of that issue. In a recent study, participants read a text referring to a city’s crime problem either as a beast or a virus and then proposed counter-measures for that problem. Participants’ suggestions differed depending on the metaphor they had read. This replication matched the original procedure regarding the content of the rhetorical figures (beast vs virus), the topic under focus (crime) and the measurement of the dependent variable (open-end format to collect participants’ proposals). The procedure differed from the original with respect to language (German instead of English) and by including the formal type of rhetorical figure (metaphor or simile) as a factor. A systematic influence of the content of the figure on subjects’ proposals was observed. Presenting the rhetorical figure as a metaphor or a simile had no effect. Taken together, we were able to replicate the main effect of the original study. Metaphors do indeed frame reasoning.”

Was bedeutet diese Befundlage im politischen Kontext? Wenn etwa die Flüchtlingsproblematik als Flüchtlings”welle” dargestellt wird, legt man damit subtil die Schutzmassnahme des Dammbaus (=”Zaun”) nahe. Sprachliche Bilder (Metaphern) beeinflussen eben unser Denken und auch unsere Entscheidungen!

Quelle: Christmann, U. & Göhring, A.-L. (2016). A German-language replication study analysing the role of figurative speech in reasoning. Sci. Data 3:160098 doi: 10.1038/sdata.2016.98

Semesteranfang

Eine neue Kohorte (die “Erstis”) beginnt ihr BSc-Studium: auf den Fluren tauchen neue Gesichter auf, machen sich im “Erstsemester-Kompakt-Seminar” (EKS) in Kleingruppen mit dem Institut und unseren Gepflogenheiten vertraut. Ein hoffentlich guter Sozialisationsprozeß nimmt seinen Anfang! Meine ersten Kontakte mit den Erstis waren positiv! Hoffentlich wird mir mein diesjähriger Ersti-Scherz verziehen! Mal sehen, was das Semester noch alles zeigen wird!

Auch im MSc sind ein paar neue Gesichter dabei (neben denjenigen, die nach ihrem Bachelor in Heidelberg auch den Master bei uns machen wollen), auf die ich gespannt bin! Hier sehen wir, was andere Institute an Wissen und Kenntnissen vermittelt haben und wie uns diese Vielfalt bereichern kann. In gewisser Weise ist dies eine Erhöhung von “diversity”. Bin auch hier auf die “Neuen” gespannt!

Am Nachmittag fand der 20. Heidelberger Empririepraktikumskongreß statt, 30 Poster waren angemeldet und der Springer-Verlag gab wieder seine Buchpreise dazu - danke dafür! Festredner war diesmal Jan Rummel (Uni Heidelberg) zum Thema “Und an was denkst du gerade? - Welche Erkenntnisse (kontrollierte) Introspektion über Verhaltensdaten hinaus liefern kann”. Ich konnte leider nicht teilnehmen, weil ich meinem japanischen Gast Heidelberg zeigen wollte.

Und am abend hieß es dann entspannen und abtanzen bei der legendären “PsychoPathie“, mit der die Psychos die Schmuse-Phase des Eingewöhnens haben ausklingen lassen und sich auf den Ernst des Studiums vorbereiten. Natürlich hatte DJ Funk einen kurzen Auftritt, aber auch DJane BiSpi und DJane MoMa machten heiße Musik :-)

Für mich ist der Beginn des Wintersemesters das Ende eines Forschungssemesters, das mir gut gefallen hat und eine gute Mischen aus Reisen, Reden und Schreiben war. In meinem gerade abgelieferten Bericht an Fakultät und Rektorat habe ich bedauert, dass es so schnell vorüberging! Es ist schon ein tolles Privileg, alle vier Jahre einmal mit der Lehre aussetzen zu dürfen und sich nur der Forschung zu widmen. Auf meiner Bilanz der letzten Monate stehen einige neue Artikel und Drittmittelanträge, aber auch Einladungen zu Vorträgen, Kongressen und zu Forschungskooperationen.

Jetzt freue ich mich erst einmal auf viele neugierige und hoffentlich kluge Köpfe! Allen Erstis und neu hinzugekommenen Master wünsche ich guten Start bei uns am Institut! Allen anderen natürlich auch einen guten Start in das kommende Wintersemester!

Wikipedia und Psychologie

Zusammen mit Jochen Fahrenberg (Uni Freiburg) habe ich vor einiger Zeit den Gedanken entwickelt, dass die vielen Ruheständler (emeritierte und im Ruhestand befindliche Profesorinnen und Professoren) in unserem Fach ihr umfangreiches Fachwissen in der weltweiten, frei zugänglichen Enzyklopädie Wikipedia (WP) hinterlassen sollten. Wir haben unsere Idee im Sommer 2016 dem damaligen DGPs-Vorstand unter Vorsitz der Präsidentin Andrea Abele-Brehm auf einer Vorstandssitzung in Landau vorgetragen und positive Resonanz erhalten. Das Ergebnis dieser Beratungen war eine Ausdehnung der Reichweite: nicht nur Emeriti, sondern alle wissenschaftlich aktiven Psychologinnen und Psychologen sind aufgerufen, bei WP mitzuwirken (hier ein PDF zum Aufruf aus der “Psychologischen Rundschau”, 2016, 67(1), 32–33).

Auf dem 50. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) habe ich mit Jochen Fahrenberg eine Sonderveranstaltung unter dem Titel “Wikipedia: Eine sinnvolle Aufgabe für akademisch Tätige?” angeboten, in der wir unsere WP-Initiative vorgestellt haben (hier die Vortragsfolien als PDF). Die Resonanz unter den ca. 50 Teilnehmende war ausgesprochen positiv!

Das Leitmotiv ist “Wissensweitergabe an die Öffentlichkeit“ (“give psychology away”)! Studierende könnten Leistungsnachweise für erarbeitete WP-Beiträge erhalten, Mitarbeitende könnten Theorieteile von eigenen Artikeln überarbeiten und einstellen, pensionierte Professorinnen und Professoren könnten ihr Wissen über verschiedene Teilgebiete der Psychologie verständlich aufbereiten und bereitstellen. Beim Anlegen eines Artikels liegt es nahe, nicht nur die parallelen Einträge in der englischsprachigen Wikipedia zu berücksichtigen, sondern auch die dort vorhandenen Artikel zu überarbeiten, wo es aus Sicht deutschsprachiger Forschung angebracht erscheint. WP bietet nach kooperativer Anlage und Selbstverständnis einen Weg der intellektuellen Kompensation von Einseitigkeiten. Jede beitragende Person sollte daher vorrangig den Bereich bearbeiten, für den sie Expertise besitzt. Verständlichkeit der Darstellung ist dabei ein wichtiges Prinzip.

Zur Organisationsform: Jeder Beitrag wird von einer einzelnen Person in WP eingestellt und durch andere Autoren kontrolliert, nicht durch die DGPs. Interessierte Kolleginnen und Kollegen können sich auf der Hauptseite von Wikipedia über die persönliche Anmeldung und das Anlegen von Artikeln sowie im Themenportal Psychologie über das seit 2007 bestehende und künftig auszubauende „Wikipedia:WikiProjekt Psychologie“ informieren. Dort kann auch in einem Blog Information zwischen interessierten Personen ausgetauscht werden.

Nützliche Links:

American Psychological Association (APA), Aufruf von 2010: http://www.apa.org/science/about/psa/2010/12/wikipedia-change.aspx
Association for Psychological Science (APS), Wikipedia Initiative (mit hilfreichen Links zum Starten): http://www.psychologicalscience.org/index.php/members/aps-wikipedia-initiative
Das WP Psychologie-Portal enthält einige eventuell nützliche Hinweise und Funktionen: https://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Psychologie

Abschluß von BMBF-Projekt InReakt

Seit 2013 bin ich mit dem BMBF-Verbundprojekt „InReakt“ unterwegs, bei dem es um zivile Sicherheit im ÖPNV (= Öffentlicher Personen-Nahverkehr) geht. Konkret wurden in einem großen bundesweiten Forschungsverbund (Leitung: StuVa, Köln; Partner: Init, Karlsruhe; Infokom, Neubrandenburg; Fraunhofer IPK, Berlin; Psychologisches Institut, Universität Heidelberg) die Möglichkeiten halbautomatisierter Entdeckung von schwierigen Situationen (Tätlichkeiten, Vandalismus, medizinischer Notfall etc.) in Straßenbahnen und an Haltestellen erkundet. Meine Mitarbeiterinnen Carolin Baumann und Teresa Krämer sowie zahlreiche Hiwis haben die Akzeptanz technischer Überwachungssysteme durch ÖPNV-Nutzer und die Auswirkungen auf das Sicherheitsempfinden in Bahnen und Bussen sowie an Haltestellen erfasst. Große Stichproben aus verschiedenen Städten wurden dazu rekrutiert. Darüberhinaus haben wir uns verschiedenen technischen Entwicklungen und der Gestaltung von Benutzerschnittstellen mit Input beteiligt.

Am 28.09.2016 fand nun in Karlsruhe der Abschlussworkshop statt unter Beteiligung von interessierten Vertretern städtischer ÖPNV-Betreiber, der Polizei, der Politik und der Industrie. Die Veranstaltung fand an einem für mich untypischen Konferenzort statt: einer großen Betriebshalle der Karlsruher Verkehrsbetriebe (VBK), in der eine moderne Straßenbahn stand, in der unsere Entwicklungen demonstriert werden konnten: unser „Demonstrator“!

In verschiedenen Abschnitten dieser Straßenbahn und an einer extra installierten “Demo”-Haltestelle wurden unsere „tools“ vorgeführt:

  • mechanische Sensorik, die physische Attacken auf Einrichtungsgegenstände (z.B. Papierkorb, Glasscheiben etc.) detektiert und meldet;
  • optische Sensorik, die verschiedene per Kamera erfasste Ereignisse im Fahrzeug (z.B. Schlägerei, stürzende oder liegende Personen, zurückgelassene Gegenstände) meldet;
  • akustische Sensorik, die Rufe wie „Hilfe“ oder „ein Arzt“ erkennt und klassifiziert;
  • eine App für iOS und Android, mit der Fahrgäste und Personal der Verkehrsbetriebe (z.B. Kontrolleure oder Fahrer) Störfälle melden und Hilfe anfordern können.

All das wird in einem „Ereignis-Management-System“ (EMS) intelligent erfasst und an die Leitzentrale weiter gegeben.

Wie die Vertreterin des BMBF, Frau RR Verena Knies (Referat Sicherheitsforschung, Bonn), zu meiner großen Freude hervorhob, sei das Besondere an unserem insgesamt sehr erfolgreichen Projekt die gelungene Begleitforschung. Sie meinte damit die Psychologie, weil sie die Sicht der Nutzer repräsentierte, und die Rechtswissenschaft, weil sie das heikle Thema des Datenschutzes so elegant gelöst hatte: „privacy by design“ hatte Hansjürgen Garstka, der ehemalige Datenschutzbeauftragte des Landes Berlin, sein Konzept benannt. Dies besagt, daß so wenig wie möglich personenbezogene Daten gesammelt werden. Die Videoüberwachung z.B. erfolgt mit einer Tiefenkamera auf Infrarot–Basis, bei der nur Konturen („Skelette“) und deren Interaktion erfasst werden. Anlassbezogen – das darf man – wird dann bei entsprechenden Ereignissen ein RGB-Signal für die Leitstelle dazu geschaltet.

InReakt war ein wichtiges Anwendungsprojekt, nicht nur wegen der Industriepartner. Es ging für uns aus der Psychologie nicht darum, weitere high-impact-Publikationen zu produzieren, sondern in einem gesellschaftlich relevanten Anwendungsfeld (Sicherheit im öffentlichen Raum) die Nützlichkeit psychologischer Überlegungen zu demonstrieren. Das ist eine Herausforderung ganz anderer Art! „Give psychology away“ gewinnt in Anwendungskontexten eine neue Bedeutung! Der akademische Impact ist niedrig (gemessen in herkömmlichen Kriterien wie Impactfaktoren von Veröffentlichungen), der gesellschaftliche Impact allerdings hoch (leider nicht quantifizierbar!) und unser Ansehen als Psychologen bei Technikern ist sicherlich gestiegen, wen man die anfänglichen Erwartungen zugrunde legt.

Dass unsere Begleitforschung nicht „Feigenblatt“ war, sondern tatsächlich Einfluss hatte, ist vor allem Carolin zu verdanken - Dir und Teresa nochmals ganz herzlichen Dank dafür! Ich bin gespannt, ob ein Anschlussprojekt zustande kommt; bis 12.10.2016 haben wir noch Zeit, uns an der Ausschreibung zu “Sicherheitslagen“ zu beteiligen. Das ist „complex problem solving“ in Reinform!

ZPP in neuen Räumen

Am Freitag den 16.09.2016 wurde die offizielle Eröffnung des neuen ZPP-Standortes am Adenauerplatz 6 in Heidelberg gefeiert. ZPP steht für “Zentrum für Psychologische Psychotherapie Heidelberg” und ist als Teil des Psychologischen Instituts für die Aus- und Weiterbildung sowie die damit verbundene Psychotherapie-Ambulanzen zuständig. Viele Kolleginnen und Kollegen folgten der Einladung des ZPP-Leiters Dr. Hinrich Bents in die topmodernen und großzügigen Räumlichkeiten im Herzen der Stadt, wo sich nun das Seminarzentrum für die Aus- und Weiterbildung von Psychotherapeuten und Ärzten sowie die von Dr. Eva Vonderlin geleitete Kinder- und Jugendlichenambulanz befinden.

In Grussworten der Kanzlerin der Universität, Frau Dr. Angela Kalous, und des Geschäftsführenden Direktors des Psychologischen Instituts, Prof. Dr. Hans-Werner Wahl (er betonte das Albert’sche Brückenprinzip: wir können das, aber wir sollten es auch), wurde die Einrichtung sehr gelobt.

Für den Festvortrag konnte Prof. Dr. Thomas Fydrich (Humboldt-Universität Berlin), Mitbegründer und ehemaliger Leiter des ZPP, gewonnen werden, der in launigen Worten die Geschichte des ZPP nachzeichnete und einen Ausblick auf das vom Bundesministerium für Gesundheit geplante Direktstudium Psychotherapie gab. Er betonte die wichtige Rolle der Universitäten bei der Professionalisierung der Psychotherapie. Die angewandten Fächer zeigten den Nutzen der Psychologie für die Gesellschaft, gute Psychotherapie brauche gute Grundlagenforschung. An 53 Psychologischen Instituten in der BRD gibt es heute Forschungs- und Lehrambulanzen für Psychotherapie; mehr als 150 staatlich anerkannte Ausbildungsinstitute stehen bereit, davon 33 an Universitäten. Alle warten nun auf den Referentenentwurf (unith-Link), der die Richtlinien vorgeben soll.

Das ZPP ist nicht nur flächenmäßig gewachsen: waren es im Jahr 2002 noch 150 qm im PI selbst (im Pavillon, wo heute FoF4 untergebracht ist), in 2012 schon 600 qm in Bergheim und am Neckarstaden, jetzt zusätzlich 1000 qm am Adenauerplatz. Es ist eine sich selbst finanzierende Abteilung unseres Instituts, eines der ersten Ausbildungsinstitute in der BRD und heute eines der größten Institute mit >1000 Patienten pro Jahr und über 150 Ausbildungstherapeuten. Weitere Highlights sind die zahlreichen Weiterbildungsangebote für Berufstätige, ein überregional bekanntes Sommercamp für ADHS-Patienten (von der Dietmar-Hopp-Stiftung mit 350.000 Euro gefördert), eine enge Kooperation mit der Heidelberger Psychiatrie.

Für die Zukunft wird die Rolle des ZPP noch wichtiger werden: die Umstellung der Psychotherapieausbildung verlangt neue Strukturen des Studiums der Psychologie. Schon im polyvalenten Bachelor Psychologie werden zukünftig 48 Leistungspunkte für entsprechende Grundlagen gefordert; im Master Psychologie wird es klare Schwerpunkte geben müssen! Da werden Institut und ZPP an einem Strang ziehen.