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“Aristotelischer Eid” für Psychologen?

Mediziner haben ihren “Hippokratischen Eid“, mit dem sie sich verpflichten, ihr Wissen zum Wohl der Menschen einzusetzen und niemanden zu schädigen - warum hat die Psychologie für ihre Absolventinnen und Absolventen nichts Vergleichbares? Wäre es nicht angesichts zahlreicher bekannt gewordener Verstöße auch von Psychologen gegen ethische Grundprinzipien an der Zeit, über einen fachspezifischen Eid nachzudenken? Mich beschäftigt dieser Gedanke schon lange (siehe z.B. einen 10 Jahre zurückliegenden Blog-Eintrag).

Aristoteles

Aristoteles

Wer könnte unser Namensgeber sein? Der griechische Arzt Hippokrates (460-370 v.C.) steht mit seinem Namen für die Medizin - für die Psychologie haben wir niemanden, der sich explizit als Psychologe hätte verstanden wissen wollen. Oder doch? Wie wäre es mit einem anderen berühmten Griechen, dem Philosophen Aristoteles (384-322 v.C.)? Immerhin verdanken wir ihm mit der Nikomachischen Ethik eine der ersten expliziten Ethiken der westlichen Welt. Darin hat er auch zahlreiche Gedanken über die Seele hinterlassen (Schaubild hier). Und seine Tugendlehre enthält viele Grundsätze der modernen Positiven Psychologie. Seine zweiwertige Logik ist für die Denkpsychologie bedeutsam. Wenn nicht explizit, so doch implizit dürfte Aristoteles von unserer Zunft als berühmter Psychologe angesehen werden.

Wie könnte ein “Aristotelischer Eid” für Psychologen formuliert sein? Schauen wir uns doch zum Vergleich erst einmal den Hippokratischen Eid an. Die Medizinerzunft diskutiert seit ein paar Jahren den Vorschlag, den historischen Eid, der noch dem Gott Apollon huldigt, zeitgemäßer zu machen. Hier ist ein Ausschnitt aus den neu vorgeschlagenen Formulierungen, ausgearbeitet von der Arbeitsgruppe (Eidkommission) des schweizerischen Instituts “Dialog Ethik“, einer Non-Profit-Organisation in Zürich (die nachfolgenden Auszüge stammen aus deren Webseite “Schweizer Eid“):

“In der Ausübung meines Arztberufes verpflichte ich mich, wie folgt zu handeln:

  • Ich übe meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen aus und nehme Verantwortung für mein Handeln wahr.
  • Ich betrachte das Wohl der Patientinnen und Patienten als vorrangig und wende jeden vermeidbaren Schaden von ihnen ab.
  • Ich achte die Rechte der Patientinnen und Patienten, wahre grundsätzlich ihren Willen und respektiere ihre Bedürfnisse sowie ihre Interessen.
  • Ich behandle die Patientinnen und Patienten ohne Ansehen der Person[1] und halte mich an das Arztgeheimnis.
  • Ich begegne den Patientinnen und Patienten mit Wohlwollen und nehme mir für ihre Anliegen (und die ihrer Angehörigen) die erforderliche Zeit.
  • Ich spreche mit den Patientinnen und Patienten ehrlich und verständlich und helfe ihnen, eigene Entscheidungen zu treffen.
  • Ich behandle die Patientinnen und Patienten nach den Regeln der ärztlichen Kunst und den aktuellen Standards, in den Grenzen meines Könnens, instrumentalisiere sie weder zu Karriere- noch zu anderen Zwecken und mute ihnen nichts zu, was ich mir selbst oder meinen Nächsten nicht zumuten würde.
  • Ich betreibe im Rahmen der mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten eine Medizin mit Augenmass und empfehle oder ergreife nur Massnahmen, die sinnvoll sind.
  • Ich wahre meine Integrität und nehme im Besonderen für die Zu- und Überweisung von Patientinnen und Patienten keine geldwerten Leistungen oder andersartigen Vorteile entgegen und gehe keinen Vertrag ein, der mich zu Leistungsmengen oder -unterlassungen nötigt.
  • Ich verhalte mich gegenüber Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen korrekt und wahrhaftig, teile mit ihnen mein Wissen und meine Erfahrung und respektiere ihre Entscheidungen und Handlungen, soweit vereinbar mit den ethischen und wissenschaftlichen Standards unseres Berufs.”

[1] «Ohne Ansehen der Person» heisst: ohne Diskriminierung wegen Geschlecht, allfälliger Behinderung, Religion, sexueller Orientierung, Parteizugehörigkeit, ethnischer Herkunft, Sozial- oder Versicherungsstatus und Nationalität.

Eine ganze Reihe solcher Formulierungen könnten wir auch in einen “Aristotelischen Eid für Psychologinnen und Psychologen” übernehmen, finde ich. Das Schwierige besteht aus meiner Sicht darin, die sehr heterogenen Anwendungsfelder unseres Faches unter einen Hut zu bekommen: der gute Umgang mit Patientinnen und Patienten ist selbstverständlich, aber wir müssen dabei auch die Werbepsychologen oder die im Personalbereich Tätigen miteinbeziehen. Diese Heterogenität macht das Finden eines gemeinsamen Nenners schwieriger.

Hugo Münsterberg (zunächst Leipzig, Heidelberg und Freiburg, später Harvard) könnte uns vielleicht weiterhelfen. Er hat 1908 ein Buch unter dem Titel “Philosophie der Werte” veröffentlicht, in dem er zum einen eine Theorie der Werte präsentiert, zum anderen sich mit speziellen Werten genauer auseinandersetzt. Er unterscheidet Grundwerte (Weltall, Menschheit, Über-Ich), Lebenswerte (Daseins-, Einheits-, Entwicklungs- und Gotteswerte) und Kulturwerte (Zusammenhangs-, Schönheits-, Leistungs- und Grundwerte). Letztere könnten die Quelle einer entsprechenden berufsethischen Verpflichtung liefern. Münsterberg bringt den Begriff der Sittlichkeit ins Spiel, der das Handeln leiten sollte: “Was durch Recht und Gewissen geschützt and gefestigt wird, muB wechseln und mag vergehen; ewig wertvoll bleibt nur, daB das Gewollte in Mitwelt und Innenwelt sicher geschützt wird. Nur durch das Becht betätigt die Gesellschaft, und nur durch die Sittlichkeit betätigt die Persönlichkeit ihr eigenes Wollen in ihrem Handeln. Sich selbst zu betätigen, in Freiheit sich selber treu zu bleiben, und so Wollen und Handeln identisch zu setzen, bedeutet aber für Gesellschaft und Persönlichkeit, daB in ihnen sich eine selbständige Wirklichkeit entfaltet, daB sie nicht nur Erlebnis, sondern Werte sind.” (Philosophie der Werte, S. 394).

Vielleicht findet sich ja jemand, der einen Vorschlag für einen Psychologen-Eid macht? Ich fände diesen Gedanken sehr erfreulich! Es würde ja bedeuten, dass wir als Psychologen im Nachdenken über unser Tun neben die permanente Mehrung unseres Wissens auch die Reflexion von dessen Anwendung stellten. Wissen und Werte zusammenführen: eine schöne Idee, oder?

Masterfeier 2017

Im Vorfeld der diesjährigen Masterfeier, die am 8.12.2017 im Hörsaal 2 des Psychologischen Instituts stattfand, galt es zunächst eine Enttäuschung zu verkraften: Der ursprünglich geplante Veranstaltungsort “Alte Aula” stand aus organisatorischen Gründen (Anlieferprobleme wegen Weihnachtsmarkt; Nicht-Verfügbarkeit von Nebenräumen; Personalengpässe) nicht mehr zur Verfügung und wir mussten kurzfristig die Veranstaltung wieder an ihrem früheren Ort (nämlich in unserem Institut) durchführen.

Ich persönlich finde das zwar schade, auf der anderen Seite ist unser HS 2 ein höchst authentischer Ort, getränkt mit Klausurschweiß und keinesfalls eine Schönheit vortäuschend, die es in den Unterrichtsräumen am PI einfach nicht gibt. Der HS 2 zeigt in aller Deutlichkeit, dass es uns nicht um Äußerlichkeiten geht, sondern um Inhalte und Personen (und nebenbei dokumentiert es den Sachverhalt, dass Universitäten baulicherseits kläglich unterfinanziert sind). Dass es am Ende für die vielen Besucher etwas eng wurde (und im Laufe des Abends auch etwas warm), bitten wir zu entschuldigen! Ich fand, der Stimmung im Saal tat es keinen Abbruch.

Absolventenfeier 2017 im Hörsaal 2

Absolventenfeier 2017 im Hörsaal 2

Gekommen waren zur Feier 56  von insgesamt 87 Masterstudierenden und 3 von 6 Diplomern mitsamt Eltern, Freunden, Verwandten. Es kamen Eltern aus allen Teilen Deutschlands, aber auch aus Bulgarien, Österreich und Spanien waren Gäste gekommen, um den erfolgreichen Abschluß einer mehrjährigen Lebensphase zu feiern. Die meisten Absolventen hatten sich Talar und Barett bei uns ausgeliehen und waren damit sehr deutlich als die Heldinnen und Helden unserer Absolventenfeier 2017 zu identifizieren.  Der Geschäftsführende Direktor Prof. Dr. Klaus Fiedler hielt eine Begrüßungsrede, die - dem Klausur-Hörsaal 2 angemessen - ein paar Forced-Choice-Items enthielt und den Wert evidenzbasierter Urteile herauskehrte. Zwei Reden von Studierenden (Nicole Krekeler für die Diplomer, Julia Nolte für die Master) warfen einen launigen und unterhaltsamen Blick zurück auf den Weg vom Beginn des Studiums bis hin zum Abschluß.

Den diesjährigen Franz-Emanuel-Weinert-Preis für die beste Abschlußarbeit erhielt unsere Masterabsolventin Julia Nolte für ihre Thesis mit dem Titel “Can processing preferences explain age differences in information seeking? A fuzzy-trace theory approach”, die von Hans-Werner Wahl und mir betreut wurde. Ich habe mich sehr darüber gefreut und gratuliere Ihnen, liebe Frau Nolte, auch von dieser Stelle nochmals zu dem wohlverdienten Preis!

Die Zeugnisübergabe übernahm der Vorsitzende unseres Prüfungsausschusses, Prof. Dr. Oliver Schilling. Dann kam es zum obligatorischen Hütewurf (Download: http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/alumni/feier/Masterfeier 2017 Huetewurf.mp4), von dem ich schon sehr schöne Aufnahmen auf Facebook gesehen habe (ich bitte um Fotos und Videos - ich stand vorne und habe keine Aufnahme machen können!).

Schließlich durfte ich als Vorsitzender der “Alumni Psychologici” (und natürlich auch als Vorsitzender des Muttervereins “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.”) ein Schlusswort an unsere Absolventinnen und Absolventen richten, in dem ich unter anderem das Fehlen eines Hippokratischen Eids für Psychologen beklagt habe. Psychologisches Know-How muss zum Wohl aller Menschen genutzt werden und darf nicht gegen sie verwendet werden! Schließlich gab es zum Abschluß mein obligatorisches Geschenk in Form einer Alumni-Kaffeetasse. Damit will ich natürlich erreichen, dass alle Absolventen an uns uns denken und wir in Verbindung bleiben!

Musikalisch umrahmt wurde unser Fest durch klassische Musik, einfühlsam gespielt von drei Studentinnen (A.-F. Breidenbach, G. Kaiser und J. Plachetta) aus dem “Collegium Musicum” unserer Universität. Gespielt wurden der “Kanon in D-Dur“ von Johann Pachelbel, das “Allegro“ aus der Kanonischen Sonate Nr.1 von Georg Philipp Telemann und das “Spirituoso” aus dessen Kanonischer Sonate Nr.2. Ergänzend gab es zum Schluß eine Song-Darbietung mit Gitarre (Nikola Bergmann, unterstützt durch Edith von Wenserski), die eine schöne Stimmung für den Abschluß schaffte.

Zum zweiten Mal kam eine von uns angemietete Fotobox zum Einsatz, diesmal mit direkt angeschlossenem Drucker, auf dem Bilder in Passfoto-Größe ausgedruckt werden konnten. Das wurde gut genutzt! Hier ist ein Beispiel:

Fotobox Bilder

Fotobox Bilder

Im Anschluß an die Feier wurde noch im Flur des Hintergebäudes bei Sekt, Selters und Brezeln viel erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Eine gute Stimmung, wier ich fand. Gegen 20 Uhr hieß es dann wie im Abschlußsong: “Say good-bye with a smile!” Ich freue mich auf die Feier des Jahres 2018!

Robert Sternberg erhält Grawemeyer Award 2018

Den mit 100.000 Dollar ausgezeichneten Grawemeyer Award 2018 für Psychologie, der von der University of Louisville vergeben wird, erhält in diesem Jahr unser Honorarprofessor Robert Sternberg für seine Verdienste um das Konzept der Erfolgsintelligenz. Die vorliegende Pressemitteilung spricht davon, dass Sternberg für ein breit verstandenes Intelligenzkonzept eingetreten ist, bei dem neben analytischen Fähigkeiten auch das kreative Denken, praktische Intelligenz, Weisheit und nicht zuletzt auch ethische Kompetenzen miteingeschlossen werden. Erfolg kommt durch eine gute Mischung der verschiedenen Komponenten zustande, herausragende Einzelleistungen (etwa im Bereich der analytischen Denkfähigkeiten) reichen nicht aus.

Wir freuen uns mit Bob Sternberg über diese Anerkennung und sind schon jetzt gespannt, was er uns und unseren Studierenden bei seinem nächsten Besuch, der im Sommer 2018 bereits fest eingeplant ist, erzählen wird!

Dear Bob: congratulations to your award from your Heidelberg friends!

PISA 2015: Problemlösen im Team

Am 21.11.2017 wurden Ergebnisse aus der internationalen Schulleistungsstudie PISA 2015 von der OECD öffentlich gemacht, an denen wir Heidelberger Problemlöseforscher natürlich interessiert sind: Wie steht es im weltweiten Vergleich 15jähriger Schülerinnen und Schüler um das Problemlösen im Team, das sogenannte “Kollaborative Problemlösen”? Ging es in PISA 2012 um individuelle Problemlöse-Kompetenzen (siehe hier), wurde der Fokus bei der Erhebung im Jahr 2015 erstmalig auf Problemlösen im Team gelegt. Insgesamt rund 125.000 Personen aus 52 Ländern haben an dieser Untersuchung teilgenommen.

Tatsächlich bestand das “Team”, das zur Lösung eines Problems zusammenarbeiten sollte, jeweils aus der Testperson selbst sowie aus weiteren computerbasierten “Agenten”, die vorgegebene Verhaltensweisen (nicht nur kooperative) in einem “chat-basierten Dialog” per Textnachrichten verwirklichten. So richtig “sozial” war es also nicht - konnte es auch nicht sein, da ja eine Aussage über jeden einzelnen Schüler gemacht werden sollte und daher alle Teilnehmenden auf vergleichbare Bedingungen treffen sollten. Hätte man reale Gruppen gebildet, wären unkontrollierbare Einflüsse (wie z.B. unterschiedliches Leistungsniveau von Mitspielern oder Sympathie- und Antipathie-Effekte gegenüber Team-Mitgliedern) zum Tragen gekommen, die eine faire individuelle Bewertung gestört hätten. Aber natürlich macht mir das Sorgen, ob blutleere Textnachrichten die verbalen und non-verbalen Kommunikationssignale einer realen Sozialsituation abbilden können…

Wie sah das Vorgehen bei PISA 2015 konkret aus? Am besten läßt sich dies an einem publizierten Beispiel (”The Visit”) illustrieren (Quelle: PISA 2015 Released Field Trial Cognitive Items; Sample Screen #8 p. 61):

    “Unit Overview ‘The Visit’: The premise for this unit is that a group of international students is coming to visit a school. The student must collaborate with 3 agent teammates and a faculty advisor to plan the visit, assign visitors to guides, and respond to an unexpected problem that arises.In Part 1 of The Visit, the student and three teammates collaborate to identify an appropriate trip to a local point of interest for the visitors. In order to make their recommendation, the team needs to share and discuss their preferences, repair a misunderstanding about when one of the sites is open, and make a final selection.

    Challenges requiring collaborative skills include the need for the student to:
    - solicit and take into account criteria for assessing the outing options
    - clarify statements made by other teammates
    - correct misinformation and avoid an impasse
    - prompt team members to perform their tasks
    - ensure that the final recommendation meets all specified criteria.”

Nachfolgend ist ein Screenshot dieses Items zu einem fortgeschrittenen Bearbeitungszeitpunkt gezeigt. Im linken Teil ist der Chatverlauf des Teilnehmers (”You”) mit seinen (fiktiven) Mitspielern (George, Rachel, Brad) zu erkennen; im unteren Teil sind die derzeit zur Verfügung stehenden Optionen zu sehen (der Bearbeiter hat die zweite Option angewählt). Im mittleren Teil sind Informationsquellen und rechts oben ein Notizblock zu sehen, in dem bereits drei Erkenntnisse festgehalten sind.

(click to enlarge)

Der einzelne Teilnehmer sieht sich während der Bearbeitung also einer ganzen Reihe von Herausforderungen gegenüber, die er mit vorgebenen Antwortalternativen bewältigen soll. Auf der Seite http://www.oecd.org/pisa/test/ ist das interaktive Item “Xandar” zu finden, bei dem man gemeinsam im Team (meine Mitspiel-Agenten Alice und Zach mit mir) durch eine Sequenz gut gewählter Multiple-Choice-Optionen 12 Antworten auf Fragen zur (fiktiven) Insel Xandar finden muss.

Was sind die wichtigen Erkenntnisse aus dieser internationalen Großuntersuchung? Deutschland schneidet mit 525 Punkten (Skalen: Mittelwert 500, Standardabweichung 100) im vorderen Mittelfeld der untersuchten 52 Länder ab. Die deutschen Schülerinnen und Schüler erzielten ähnliche Leistungen wie die in Australien, Dänemark, den Niederlanden, Chinesisch Taipeh, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten. Generell schneiden Mädchen besser ab als Jungens. Spitzenreiter sind Japan und Singapore, und zwar mit großem Abstand! Mehr zu den Ergebnissen hier.

Ich freue mich über die nun vorliegenden Ergebnisse, erlauben Sie doch einen differenzierenden Blick auf die verschiedenen Länder und die mit kollaborativem Problemlösen zusammenhängenden Variablen. Zugleich werden natürlich auch eine Reihe inhaltlicher Fragen aufgeworfen, denen man nachgehen sollte - die Validität der Testsituation gehört dabei sicher zu den wichtigeren Fragen.

Unser Heidelberger Testentwickler-Team (in alphabetischer Folge: Andreas Fischer, Julia Hilse, Florian Hofmann, Daniel Holt, Saskia Kraft, Ursula Pöll) hat übrigens bei der Aufgabenentwicklung tatkräftig mitgeholfen - Danke nochmals allen für ihren damaligen Einsatz, der jetzt schon ein paar Jahre zurückliegt!

Hier ist die deutsche Pressemitteilung und hier der Link zum vollständigen OECD-Report (in Englisch). Siehe auch:

Graesser, A. C., Forsyth, C. M., & Foltz, P. (2017). Assessing conversation quality, reasoning, and problem-solving performance with computer agents. In B. Csapó & J. Funke (Eds.), The nature of problem solving: Using research to inspire 21st century learning (pp. 245–261). Paris: OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/9789264273955-17-en

Graesser, A. C., Foltz, P. W., Rosen, Y., Shaffer, D. W., Forsyth, C., & Germany, M. (2018). Challenges of assessing collaborative problem solving. In E. Care, P. Griffin, & M. Wilson (Eds.), Assessment and teaching of 21st century skills. Research and applications (pp. 75–91). Cham: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-319-65368-6

Kollaboration im 21. Jahrhundert: Vortrag von PISA-Chefplaner Andreas Schleicher über Future Skills 2.11.17: https://youtu.be/5h2TnJPdSc0

Systemkompetenz für das 21. Jahrhundert

Wie müssen wir Bildung im 21. Jahrhundert interpretieren, wenn Google mehr Antworten auf unsere Fragen liefert als wir verarbeiten können? Weitermachen wie bisher? Andere Fragen stellen? Die OECD und ihr Direktor für Erziehungsfragen Andreas Schleicher haben im Jahr 2016 einen spannenden Bericht mit dem Titel “Global competency for an inclusive world” vorgelegt (Link zum PDF), in dem das Rahmenprogramm 2030 der OECD (Education 2030 Framework) beschrieben wird. Wissen, Fähigkeiten und Werte werden dabei zu handlungsrelevanten Kompetenzen zusammengeführt. Andreas Schleicher hat übrigens gerade einen hörenswerten Impulsvortrag hierzu gehalten, und zwar auf dem Berliner Forum “Bildung & Zivilgesellschaft” (den 30minütigen Vortrag “The future of skills” kann man hier abrufen: https://youtu.be/5h2TnJPdSc0).

Zusammen mit Andreas Fischer und Daniel Holt habe ich einen Artikel über Problemlösen im 21. Jahrhundert (Titel: “Competencies for complexity: Problem solving in the twenty-first century”) verfasst, in dem wir für das Konzept “Systemkompetenz” als einer Schlüsselqualifikation für die Bildung von Menschen werben. Wir verstehen darunter den erfolgreichen Umgang mit komplexen Systemen in einem sehr breiten Verständnis.

Komplexe Zusammenhänge zu verstehen heisst vielerlei. Es betrifft vor allem Struktur und Dynamik. Die Struktur von Systemen zu verstehen heisst ihre Statik kennenzulernen: Aus welchen Elementen besteht das Systemganze? Muss sich ein Kardiologe bei der Untersuchung des Herzens auch Lunge, Niere, Leber, Hirn, etc miteinbeziehen? Wo liegen die Systemgrenzen? Die Schwächen einer “Organmedizin” liegen ja gerade in falsch gezogenen Systemgrenzen. Die Schwächen individueller Psychotherapie versuchen wir durch familienbezogene Ansätze zu überwinden. Und weiter: Wie sind die Elemente vernetzt? Hier muss Intransparenz reduziert werden, da viele Verbindungen gar nicht evident sind (verborgene Elemente, verborgene Beziehungen führen schnell in die Irre). Ist die Struktur stabil oder schwächen sich Beziehungen über die Zeit hinweg ab?

Systeme von ihrer dynamischen Seite her zu verstehen heisst zeitliche Abläufe zu erkennen und das Nacheinander von Ereignissen intelligent in einer kausal bedingten Abfolge zu interpretieren: Welche Ursache erzeugt welchen Effekt? Vielleicht erzeugen bestimmte Ursachen mehr als einen Effekt, vielleicht gar eine Kettenreaktion? Pseudokontingenzen verstellen den Blick auf die Wirklichkeit. Wann treten Effekte auf, unmittelbar oder erst mit Verzögerung Gibt es Nichtlinearitäten (minimale Interventionen erzeugen starke Effekte) oder “tipping points” (ab welchem Grad an Überdüngung kippt ein Ökosystem? wann platzt ein Luftballon?).

In unserem Artikel fragen wir uns, wie man derartige Kompetenzen erfassen könnte. Wir kommen zu dem Schluß, dass die derzeitig favorisierten und von uns in der Vergangenheit mitentwickelten linearen Kleinsysteme zwar psychometrisch vorzügliche Eigenschaften aufweisen, aber gerade an den Besonderheiten komplexer Systeme vorbeizielen und daher eine Neuorientierung der Forschung nötig machen. Vielleicht kann man sich auch fragen, ob der Begriff des “Lösens” komplexer Probleme angemessen ist und welche Alternativen es dazu gibt. Der Potsdamer Politikwissenschaftler Falk Daviter spricht in einem gerade erschienenen Artikel die drei Alternativen “Bewältigen, Zähmen, Lösen” (coping, taming, solving) im Umgang mit vertrackten Problemen an. Darüber sollten wir nachdenken.

Hier die Zusammenfassung unseres Beitrags: “In this chapter, we present a view of problem solving as a bundle of skills, knowledge and abilities that are required to deal effectively with complex non-routine situations in different domains. This includes cognitive aspects of problem solving, such as causal reasoning, model building, rule induction, and information integration. These abilities are comparatively well covered by existing tests and relate to existing theories. However, non-cognitive components, such as motivation, self-regulation and social skills, which are clearly important for real-life problem solving have only just begun to be covered in assessment. We conclude that currently there is no single assessment instrument that captures problem solving competency in a comprehensive way and that a number of challenges must be overcome to cover a construct of this breadth effectively. Research on some important components of problem solving is still underdeveloped and will need to be expanded before we can claim a thorough, scientifically backed understanding of real-world problem solving. We suggest that a focus on handling and acting within complex systems (systems competency) may be a suitable starting point for such an integrative approach.”

Neben dieser Zusammenfassung gibt es auch eine Bewertung unserer Ideen durch die Mitherausgeberin Esther Care (Melbourne University). In deren Kapitel “Twenty-first century skills: From theory to action” heisst es über unser Kapitel folgendermassen:

    Funke et al. (2018) focus on complexity. Rather than seeing problem solving as a simple model in which a number of processes combine to facilitate a desired outcome, their approach considers the role played by non-cognitive factors such as motivation and self-regulation. This moves the discussion past recent views which have focussed on problem solving solely as a cognitive set of processes. Constructs such as collaborative problem solving have considered the additional role of social processes but primarily due to the need to make interactive processes explicit as part of group approaches to problem solving. The authors express some impatience with the slowness of technical progress in assessment of problem solving, dare to refer to the invisible elephant, “g”, although without resolution of its role, and suggest expansion of the computer-simulated microworlds approach to assess their postulated “systems competence”. Although this may provide the potential to capture communication as well as the cognitive processes in problem solving, social characteristics such as self-regulation or motivation, initially identified as clearly important by the authors, remain to be addressed. As researchers struggle to theorise and measure increasing complexity as knowledge about that complexity increases, this chapter raises questions about whether systems competence is merely about acting on a complex problem space that requires a multiplicity of different problem solving processes, or whether it is something qualitatively different.

Das hört sich sehr ermutigend an!

Quelle: Funke, J., Fischer, A., & Holt, D. V. (2018). Competencies for complexity: Problem solving in the twenty-first century. In E. Care, P. Griffin, & M. Wilson (Eds.), Assessment and teaching of 21st century skills. Research and applications (pp. 41–53). Cham: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-319-65368-6_3

THE Ranking 2018 Psychologie

Wiederholt habe ich an dieser Stelle über Rankings geschrieben (siehe hier). Wir hassen und wir lieben sie. Nun ist gerade wieder einmal das berühmte internationale THE-Ranking 2017/18 (THE = Times Higher Education) erschienen. Das Besondere an der neuen Ausgabe: Zum ersten Mal wird “Psychology” als eigene Kategorie ausgewiesen! Wir waren vorher immer in einer großen Gruppe der “Social Sciences” verborgen, nunmehr ist unser Fach identifizierbar. Die Spannung ist groß, wie wir wohl im weltweiten Vergleich abschneiden.

Ich zitiere aus einer Mitteilung unserer Universität: “Erstmals wurde in diesem Jahr ein Subject Ranking für die Psychologie ausgewiesen. Die Universität Heidelberg steigt hier mit Platz 48 ein, dies entspricht im nationalen Vergleich Rang 4 hinter der FU Berlin (Rang 31), der LMU München (Rang 34) und der HU Berlin (Rang 41), in den Top-100 folgen dann noch die Universitäten Freiburg (Rang 75), Tübingen (Rang 86), Würzburg (Rang 88) und Mannheim (Rang 90). Im europäischen Vergleich liegt Heidelberg hier auf Rang 13.”

Sehr erfreulich! Gleich hinter den “Großen” (Berlin, München) kommt unser “kleines” Institut! Wer hätte das gedacht! Woraus setzt sich der Rangplatz im Detail zusammen? Dazu nochmals die Mitteilung unserer Uni: “Die Rankings setzen sich jeweils aus 13 Indikatoren zusammen, die in die fünf großen Kriterienbereiche aggregiert werden, aus welchen auch die Platzierungen für das THE World University Ranking berechnet werden; für die Subject Rankings erfolgt aber eine andere Gewichtung. Für die heute veröffentlichten Rankings ist diese: Teaching. The Learning Environment 27,5%; Research. Volume, Income, and Reputation 27,5%; Citations. Research Influence 35%; International Outlook. Staff, Students, and Research: 7,5%; Industry Income. Innovation: 2,5%.” Und hier sind die Heidelberger Resultate (Gesamtwert und Werte für die 5 Teilbereiche):

Unsere gute Beurteilung im Bereich “Research Influence” wird durch die hohe Gewichtung (ein Drittel) noch verstärkt. Die eher geringe Bewertung beim “International Outlook” schlägt nicht negativ durch.

Was bedeutet dieses Ergebnis für uns? In meinen Augen zeigt es, dass Heidelberger Psychologie-Forschung Spitzenforschung darstellt, die sich im internationalen Vergleich sehen lassen kann. Danke an alle, die uns dabei geholfen haben! Das geht nur im Team! Für die Studierenden heisst das: Sie lernen hier bei uns etwas, das sie als Forschungsnachwuchs attraktiv machen wird, sowohl von den Inhalten her als auch von den handelnden Personen aus gesehen. Kein Wunder, dass viele unserer Studierenden nach dem Master auch noch zur Promotion bleiben. Das passt zum Bild eines forschungsstarken Instituts. Und natürlich muss heutzutage der Weg von guter Forschung zu guter Anwendung nicht mehr weit sein.

Grund zur Freude also, aber auch ein klein wenig Streß, denn eine so tolle Einstiegsposition in das internationale Ranking ist natürlich nicht ganz einfach zu halten. Es wird weiterhin eine gute Personalpolitik erforderlich sein, denn es sind eher die Köpfe (und weniger die Finanzen, wie vielleicht manche meinen), die den Erfolg ausmachen. Eine ganze Reihe von Instituten, deren Budget deutlich über unserem liegt, tauchen nicht unter den ersten 100 Rangplätzen auf. Wir wissen bereits: Geld allein macht nicht glücklich! Meine Vermutung: Geld allein macht nicht forschungsstark. Über einen kleinen Bonus würden wir uns natürlich trotzdem freuen…

Hier ist der Link zum THE Psychology-Ranking 2018.

Holzhäuser Heckethaler 2017 für Marlene Bach

Die von mir sehr geschätzte und persönlich bestens bekannte Heidelberger Autorin Marlene Bach (bekannt für ihre Krimis mit der Kommisarin Maria Mooser) hat den diesjährigen “Holzhäuser Heckethaler 2017″ gewonnen, einen nordhessischen Literaturpreis, der zum 16. Mal von einer achtköpfigen Jury unter Vorsitz von Dr. Burckhard Garbe vergeben wurde. Unter 250 eingesandten Kurzgeschichten landete ihr Beitrag “Stadtvögel” auf dem 2. Platz hinter dem Beitrag des Leipziger Literaten Jens Deeg.

J.F.)

Holzhäuser Heckethaler 2017: Juroren und Preisträger (Foto: Joachim Funke)

Ich freue mich mit der Autorin über ihren mit 300 Euro dotierten Preis und finde ihre Kurzgeschichte sehr anrührend. Darin wird eine einsame Person beschrieben, die am Ende des Tages ihre gesprochenen Wörter zählt (es sind nur sehr wenige) und die mit einem Umzug vom Land in die Stadt diese Situation verbessern möchte. Die Anonymität der Großstadt verschlimmert allerdings die Lage, bis eines Tages etwas Außergewöhnliches geschieht und die Wörter wie eine Flut über sie kommen.

Eine sehr einfühlsame Geschichte, wie ich finde - und zu recht preisgekrönt! Gratulation!

Hier der Bericht aus der RNZ vom 2.11.17

Hier der Bericht aus Immenhausen

Wirtschaftsnobelpreis für Verhaltensökonom Thaler

Der amerikanische Verhaltensökonom Richard Thaler erhält den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis 2017 für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie (”behavioral economics“), an der Schnittstelle von Psychologie, Soziologie und Ökonomie. Das ist eine große Freude auch für uns Psychologinnen und Psychologen, liegt seine Forschung doch nach unserer Einschätzung deutlich näher an der Psychologie als an der Ökonomie! Und da es keine Nobelpreise für Psychologie gibt, ist der für Wirtschaftswissenschaft schon wiederholt Ersatz für einen Psychologie-Preis gewesen (Herbert Simon hat 1978 den Anfang gemacht, 1994 als bislang einziger Deutscher Reinhard Selten, später 2002 Daniel Kahneman).

Von einer Düsseldorfer Quelle (Danke, lieber Jochen!) habe ich folgende Info bekommen: Von Richard Thaler stammt auch das Konzept des “Winner’s curse”

Next time that you find yourself a little short of cash for lunch, try the following experiment in your class. Take a jar and fill it with coins, noting the total value of the coins. Now auction off the jar to your class (offering to pay the winning bidder in bills to control for penny aversion). Chances are very high that the following results will be obtained: (1) the average bid will be significantly less than the value of the coins (bidders are risk averse); (2) the winning bid will exceed the value of the jar. Therefore, you will have money for lunch, and your students will have learned first-hand about the “winner’s curse.”
https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/jep.2.1.191
https://en.wikipedia.org/wiki/Winner%27s_curse

und des “Mental accounting”:

Entscheidungsirrelevante Kosten wie Sunk costs dürfen nicht in die rationale Entscheidungsfindung eingehen. Die mentale Kontenbildung verhindert jedoch unter Umständen das Erkennen, dass es sich um solche handelt. Thaler beschreibt ein empirisches Experiment, in dem die Testpersonen ins Theater gehen möchten und die Karte 10 Dollar kostet. Im Experiment bekommen die Probanden nun gesagt, sie stünden an der Theaterkasse und hätten die Karte verloren und müssten diese neu kaufen. 56 % sind nicht dazu bereit. Mental werden diese 10 Dollar dem Konto “Kauf Theaterkarte” zugeschlagen. Damit kosten die Karte 20 Dollar und damit mehr, als den Probanden der Theaterbesuch wert ist. Eine andere Teilgruppe der Experimentteilnehmer sollte an der Abendkasse für 10 Dollar die Karte kaufen. Sie bekamen dann gesagt, sie hätten die 10 Dollar Bargeld verloren und müssen nun die Karte aus anderem Geld zahlen. Hier entschieden sich 88 % zum Kauf der Karte. Mental werden diese 10 Dollar dem Konto “Verlust Bargeld” zugeschlagen. Der mentale Preis der Eintrittskarte blieb somit bei 10 Dollar.
https://en.wikipedia.org/wiki/Mental_accounting
https://de.wikipedia.org/wiki/Mentale_Buchf%C3%BChrung

Das Konzept des “nudging” als leichtes “Anstupsen” (ich hatte vor 3 Jahren schon mal in meinem Blog darüber geschrieben) ist auch nicht unumstritten - Kritiker sprechen von “patronizing” als einer Form subtiler Manipulation. Auf der anderen Seite stehen subtile Auswirkungen, z.B. beim Organspenden, von “opt in” (=voreingestellt ist Nicht-Spenden) oder “opt out”-Architekturen (voreingestellt ist Spenden). Transplantationsbedürftige hoffen auf die für sie günstige “opt out”-Architektur, die wir in Deutschland leider nicht haben.

Für uns als Psychologinnen und Psychologen sind solche Verzerrungen durch den Kontext nichts wirklich Neues. Für die, die immer noch vom Homo Oeconomicus reden, wird es höchste Zeit, diese Forschung zu rezipieren.

Nachtrag 20.11.17: Ein Blog-Leser aus der Bodensee-Region, der gerade aus Vancouver zurückkam und dort auf der SJDM eine lebendige Diskussion zwischen Richard Thaler und Robert Cialdini angehört hatte, schickte mir folgende Illustration, die sechs mögliche “Verdienste” Thalers zur Auswahl stellt (Danke, lieber Ulf!):

Abschied von Bärbel Maier-Schicht

Zum 31.10.2017 scheidet Dipl.-Math. Barbara Maier-Schicht aus dem aktiven Dienst an unserem Institut aus und begibt sich nach 28 Jahren bei uns in den Ruhestand! Wow! Das ist eine lange Zeit! Da verläßt uns nun ein “Urgestein”, das meiner Abteilung zugehörig war, aber im wesentlichen für das gesamte Institut gearbeitet hat. Da ist ein Wort des Dankes fällig!

Ein paar Worte zur Biografie stehen am Anfang. Bärbel Maier-Schicht ist 1950 in Karlsruhe geboren, ist dort zur Schule gegangen, hat ihr Abi dort gemacht und an der TU Karlsruhe ein Mathematikstudium absolviert, das sie mit einem Diplom 1974 abgeschlossen hat. Ihre mit “sehr gut” bewertete Diplomarbeit trug übrigens den etwas kryptischen Titel “Verfahren höherer Ordnung zur Einschließung der Inversen einer Matrix”. Als Karlsruherin ist sie übrigens neben fleißiger Arbeit auch das Feiern gewöhnt: dort gibt es nämlich jährlich nicht irgendein Fest, sondern DAS FEST!

Am Psychologischen Institut hat sie Ihren Dienst im Sommer 1989 aufgenommen. Sie war damals im Rahmen des von Manfred Hofer, Carl-Friedrich Graumann und Theo Herrmann eingeworbenen Sonderforschungsbereichs 245 “Sprache und Situation” für den Aufbau der EDV zuständig, später hat sie diese Aufgaben auch im Institut übernommen. Bis zum Schluß ihrer Tätigkeit war sie EDV-Beauftragte unseres Instituts und sorgte für gute Beziehungen zum Rechenzentrum.

Kennen tue ich BMS (so meine Abkürzung ihres Doppelnamens) seit April 1997, als ich nach Heidelberg berufen wurde. Damals haben wir gleich angefangen, ein Projekt zum Thema “Rough Set Theory“ (einer formalen Theorie unvollständigen Wissens) zu planen. Leider ist daraus nichts entstanden. Es lag u.a. daran, dass ich damals gleich nach meinem Dienstantritt die Geschäftsführung übernehmen sollte und froh war, ein paar erfahrene Personen an meiner Seite zu wissen, die sich mit den Verwaltungsvorgängen auskannten. Das Spitzenteam der beiden damaligen Kustoden Ernst R. & Jörg S. war allerdings selbst für mich manchmal nur schwer zu ertragen - ich war froh, in BMS eine Oase der Ruhe und einen Ort der Vernunft zu finden. Vielleicht kein Wunder, dass im Lauf der Zeit wissenschaftliche Aktivitäten hinter den Verwaltungsaktivitäten zurücktraten.

Ob es das Lehrveranstaltungsverzeichnis LSF, die Datenbank des Prüfungsamts, die EDV-Probleme der Administration, die Gestaltung des Webauftritts oder die Mithilfe bei dringenden Geschäftsführungs-Angelegenheiten betraf: auf BMS war Verlass! Die Diplommathematikerin ist da anders gestrickt als manche Psychologenseele: Sie arbeitete ruhig und effizient in ihrer Dachstube und kam meist sehr schnell mit Ergebnissen.

Anlaß zur Freude war für mich die Entscheidung von BMS, über das offizielle Ende 29.2.2016 hinaus noch eine Ehrenrunde mit uns zu absolvieren: Die Verlängerung über das 65. Lebensjahr hinaus bis zum 31.10.2017! Das hat mich, das hat uns alle sehr gefreut, zeigt es doch die Verbundenheit, die in langen Jahren hier aufgebaut wurde. Wie sagt sie selbst so schön: Sie nimmt Abschied “nach 28 Jahren, etwa 5600 Arbeitstagen, etwa 4 Mio. Treppenstufen und 10 Geschäftsführenden Direktoren“. Nur wenige hier im Hause können wohl ähnlich eindrucksvolle Daten vermelden.

Ein ganz wichtiges Merkmal von BMS ist ihre Bescheidenheit. Sie bleibt lieber im Hintergrund und will nur ungern in der Öffentlichkeit gelobt werden - ich weiss das, weil ich sie damals beobachtet habe, als sie zusammen mit Bernd Reuschenbach den mit 10.000 Euro dotierten Landeslehrpreis im Jahr 2006 aus der Hand von Prorektorin Silke Leopold erhielt. Ich zitiere aus der Laudatio:

“Der Landeslehrpreis Baden-Württemberg geht in diesem Jahr an das Psychologische Institut der Universität Heidelberg. Mit ihrem Seminar “Erstellung psychologischer Lehrfilme” setzten sich die Dozenten Bärbel Maier-Schicht und Bernd Reuschenbach gegen zahlreiche Mitbewerber um die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung durch. Denkbar einfach klingt das Seminarkonzept: psychologisches Wissen in einem Film ansprechend und allgemeinverständlich darzustellen. Doch dahinter steckt jede Menge Arbeit: Das reicht von der Themenfindung über das Schreiben eines Drehbuchs bis hin zur eigentlichen Produktion des Films. Unterstützt wurden die Teilnehmer der bisherigen zwei Seminare (2003 und 2005) von Profis, die ihnen den richtigen Umgang mit Kamera, Ton, Schnitt und Filmtechniken nahebrachten.“

Liebe Bärbel, im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am PI sage ich DANKE für all das, was Sie für uns getan haben, auch für das, was Sie nicht getan haben (z.B. dem Institut den Rücken zuzuwenden). Bei Peter Alexander heisst es „Sag zum Abschied leise Servus“ - wir hier machen es anders: wir rufen alle lautstark „Danke, liebe Bärbel! Hab eine gute Zeit!” Und natürlich wünschen wir alles Gute für den aktiven Zustand, der jetzt folgt: möglichst viele Projekte zur Realisierung ungewöhnlicher sozialer und kultureller Ideen! Mögen die weissen Mäuse dabei helfen! Pruski! Zum Wohl!

Plagiat beim Bundesamt für Risikobewertung?

Kein Wunder, dass unser Vertrauen in öffentliche Institutionen sinkt: Der Verdacht, dass das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in Sachen Bewertung der Glyphosat-Gefahr (mögliche Krebsgefahr durch ein stark genutztes Herbizid) weite Teile seiner Stellungnahme direkt vom Hersteller Monsanto übernommen hat (siehe die oben gezeigte Abbildung vom unabhängigen Umweltinstitut München), erhärtet sich durch eine aktuelle Plagiatsprüfung, die das BfR allerdings zurückweist.

Das ebenfalls unabhängige psychologienahe Harding-Center für Risikokompetenz hat übrigens schon in seiner Unstatistik des Monats im Januar 2016 die Meldungen über Glyphosat im Urin relativiert: im Vergleich zum Rauchen sei das Glyphosat-Krebsrisiko deutlich geringer. Das mag stimmen - aber zu stimmen scheint auch, dass die BfR-Bewertungen von Monsanto übernommen wurden, und zwar anscheinend ohne saubere Quellenangabe! Systematisches Unterlassen von Quellenangaben und gezieltes Entfernen von Hinweisen auf die tatsächlichen Verfasser: Das wäre in der Tat schlechte wissenschaftliche Praxis!

Umso wichtiger ist Risikokompetenz: das ist ein gutes Konzept! Es ist Teil dessen, was als “kritisches Denken” (critical thinking) Eingang in den Unterricht an Schulen und Universitäten finden sollte. Es bezeichnet Ähnliches wie der Kantische Imperativ, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (”sapere aude“). Das setzt in einer komplexen Welt allerdings etwas mehr voraus als noch vor 200 Jahren vorstellbar war.