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About complex problem solving

Recently, I was asked by an initiative called Latest Thinking to tell something about my research for a broader audience - now it is ready: an open access video for the public audience! Here comes the summary:

“Decision-making in a complex world is a challenge. Some people are better at it than others. Why is this so? JOACHIM FUNKE focuses his research on identifying those character traits that can be trained or changed and that help people to improve their decision-making behavior. For this, Funke and his team need to identify the personality traits of their study participants and they use simulated situations to analyze their decision-making behavior. In this way, they find the conditions for success and failure. One of the results is that intelligence alone is not sufficient; participants also need emotional regulation strategies to deal with complex situations. The researchers also observed that two conditions tend to lead to failure: too narrow a focus and neglecting to follow up your decisions. These findings suggest ways to train people’s abilities to face the complex decision-making challenges of the twenty-first century.”

Here is the link to the video (LT Video Publication DOI): https://doi.org/10.21036/LTPUB10567

https://lt.org/publication/which-character-traits-are-important-good-decision-making

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William James und sein Heidelberger Fiasco

//commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16250941

William James (1842-1910); Quelle: Wikimedia

Psychologiegeschichte ist nicht für jedermann ein spannendes Thema - dennoch will ich heute anläßlich einer eben erschienenen Publikation von Horst Gundlach (einem Alumnus unseres Instituts) einmal darüber schreiben. Zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend: Zum einen geht es um den “Vater der amerikanischen Psychologie”, nämlich William James; zum anderen geht es um Heidelberg, genauer gesagt: den vermeintlichen Besuch von James bei den beiden damaligen Heidelberger Koryphäen Hermann von Helmholtz und Wilhelm Wundt im Jahr 1868, also vor vor ziemlich genau 150 Jahren in ziemlich genau den Gebäuden, in denen wir heute unsere Arbeit verrichten.

In amerikanischen Darstelllungen wird vielfach der Mythos verbreitet, James habe auf seiner Europa-Reise von April 1867 bis November 1868 bei europäischen Spitzenwissenschaftlern in Leipzig, Berlin, Heidelberg, Wien, Paris und Florenz studiert. Tatsächlich hat ihn seine Europa-Reise nach Dresden, Teplitz (ein böhmischer Kurort, wo James sein Rückenleiden behandeln ließ), Berlin, Paris und auch nach Heidelberg geführt. Die akribische Recherche von Horst Gundlach macht allerdings deutlich, dass James kein fleissiger Student (an keinem der Orte!) gewesen sein dürfte; sein kurzer Aufenthalt Ende Juni 1868 in Heidelberg wird in einem späteren Brief als “Heidelberg fiasco” bezeichnet - er ist nämlich kurz nach seiner Ankunft überstürzt abgereist! Er hatte den Semesteranfang (Mitte April) verpasst. Zudem wurde Ende Juni über eine mögliche Rückkehr von Helmholtz an die Universität Bonn spekuliert (die nicht erfolgte). Gundlach schreibt (p. 68): “The Heidelberg fiasco was the outcome of the interplay of deficient information gathering and a personal propensity toward escapist behavior in perplexing situations” - William James zeigt hier keinen gelungenen Umgang mit einem komplexen Problem! Das geschilderte Fluchtverhalten ist auch an den anderen Orten belegt.

Als ich gestern abend den Artikel zu lesen begann, konnte ich nicht mehr aufhören - es ist eine spannende Geschichte, die sich stellenweise wie ein Krimi liest, was mit der gründlichen Spurensuche zusammenhängt: Mosaiksteine werden zusammengeführt und entwerfen ein anderes Bild, als es in den Jubel-Biographien über den “amerikanischen Plato” (so Alfred North Whitehead über James) zu finden ist. Und war bei James vor seinem Besuch die Stadt Heidelberg noch als “delicious place to live in” bezeichnet worden, kehrte sich das in der Rückschau ins Negative um: “how lonesome the life there was”, zudem eine klaustrophobische Enge des Neckars zwischen “precipitous hills”. Was ein Glück, dass er seinem Vater schreiben konnte, er habe russische Prinzessinen getroffen, die ihm ihre Krankengeschichten und Eheprobleme ausbreiteten!

Vielleicht sollten wir rechtzeitig zum 150. Jahrestag des vermeintlichen Besuchs ein Schild an der Eingangstür unseres Instituts (dem Friedrichsbau) anbringen lassen, wonach William James zwar mit gewisser Wahrscheinlichkeit vor dieser Tür gestanden haben mag, aber das Gebäude wohl nicht zum Studium betreten hat. - Hier das Abstract des lesenswerten Artikels:

“Urged on by his father to become a physician instead of a painter, William James pursued 3 evasion stratagems. First, to avoid becoming a practitioner, he declared that he wanted to specialize in physiology. Based upon this premise, he left for Germany in the spring of 1867. The second step was giving up general physiology and announcing that he would specialize in the nervous system and psychology. Based upon this premise, he declared that he would go to Heidelberg and study with Helmholtz and Wundt. However, he then deferred going there. When, at last, he was urged by an influential friend of his father’s to accompany him to Heidelberg, he employed his default stratagem: He simply fled. He returned home after 3 terms in Europe without enrolling at a single university. There is no evidence that he had learned anything there about psychology or experimental psychology, except, possibly, by reading books. James’s “Heidelberg fiasco” was the apogee of his evasion of his father’s directive. A dense fog of misinformation surrounds his stay in Heidelberg to this day. By analyzing circumstances and context, this article examines the fiasco and places it in the pattern of his behavior during his stay in Europe. Nevertheless, experiencing this fiasco potentially shaped James’s ambivalent attitude toward experimental psychology on a long-term basis. (PsycINFO Database Record (c) 2018 APA, all rights reserved)”

Quelle: Gundlach, H. (2018). William James and the Heidelberg fiasco. History of Psychology, 21(1), 47–72. https://doi.org/10.1037/hop0000083

Wissenschaftsrat kommentiert Psychologie

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Zu berichten ist über ein seltenes, aber wichtiges Ereignis: der Wissenschaftsrat (WR; oberstes Beratungsgremium der Bundesregierung in Sachen Wissenschaft) hat unter dem Titel “Perspektiven der Psychologie in Deutschland” Empfehlungen für das Fach Psychologie ausgesprochen - das letzte Mal hat er 1983, also vor 35 Jahren, “Empfehlungen zur Forschung in der Psychologie” ausgesprochen (Suche auf den WR-Seiten)!

Um es gleich vorneweg festzustellen: Es ist ein lesenswertes Papier vorgelegt worden, das viele interessante Zahlen zu unserem Fach präsentiert und zugleich Anstöße für die Weiterentwicklung gibt. Hier ein Zitat aus der Kurzfassung (p. 7):

“Die Psychologie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in beachtenswerter Weise zu einer international angesehenen empirischen Wissenschaft entwickelt. Dennoch befindet sich das Fach derzeit in einer Umbruchsituation. Die Herausforderungen durch die bevorstehende Reform der Psychotherapieausbildung, die Ausdifferenzierung des Studienangebotes wie auch des Faches als Ganzes sowie das Finden und Wahrnehmen seiner innerakademischen wie gesellschaftlichen Rolle erfordern große Anstrengungen und kluges Vorgehen, wozu hier Empfehlungen gegeben werden. Im Kern zielen diese Empfehlungen darauf, durch verschiedene Maßnahmen eine Profilierung und Öffnung der Psychologie in den verschiedenen Leistungsdimensionen voranzutreiben, um dem Fach eine zukunftsträchtige Entwicklung zu ermöglichen. Gleichzeitig stehen auch Empfehlungen zur Reform der Psychotherapieausbildung und deren Begleitung im Fokus des Interesses. Dies ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass der Wissenschaftsrat der Psychologie als „Mutterwissenschaft“ der Psychotherapie eine besondere Verantwortung für diese zuschreibt. Die Empfehlungen sollen daher angesichts der großen Herausforderungen, die in unserer Gesellschaft aktuell aus psychischen Störungen resultieren, auch einen Beitrag zur weiteren Verbesserung der Versorgung leisten.”

Der Text des WR besteht aus zwei Teilen, einer etwas umfangreicheren Beschreibung der “Ausgangslage” und einem etwas kürzeren Teil “Analysen und Empfehlungen”. Was die Ausgangslage betrifft, geht es um die Themen “Studium und Lehre”, “Wissenschaftlicher Nachwuchs”, “Forschung”, “Arbeitsmarkt” und “Psychotherapie”. (1) Studium und Lehre: Es wird deutlich, dass die Psychologie zu den nachfragestärksten Fächern an den Universitäten gehört, aber durch den extrem hohen Numerus Clausus private Fachhochschulen inzwischen 25% der Studierenden aufnehmen (das waren im WS 15/16 ca. 18.000). Die Anzahl unserer Studienabbrecher ist mit 11% die niedrigste Quote aller untersuchten Bachelorfächer. 873 Professorinnen und Professoren (Frauenanteil 40%) sind in der BRD tätig. (2) Zum Nachwuchs: Im Jahr 2015 wurden 544 Personen promoviert und 42 Personen habilitiert. (3) Zur Forschung: “Insgesamt 12.120 psychologische Publikationen, gut 45 % davon in englischer Sprache, sind für den Jahrgang 2014 aus den deutschsprachigen Ländern in der Datenbank PSYNDEX, der Datenbank der Psychologie des Leibniz-Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) in Trier verzeichnet.” (p. 28). Uff! Die müssen erst mal gelesen werden. Für mich nicht verwunderlich: “Bei den Studienarten dominierten mehr denn je empirische Studien, während der Anteil an Überblicksarbeiten, theoretischen und methodologischen Studien seit Jahren rückläufig ist.” (p. 29). Drittmitteleinnahmen liegen pro (staatlicher) Psychologie-Professur im Schnitt bei jährlich 117.000 Euro. (4) Zum Arbeitsmarkt: Der sieht mit 2.4% Arbeitslosenquote (etwas besser noch als der insagesamt gute Akademiker-Durchschnitt) ausgezeichnet aus. Im Mikrozensus 2014 gaben 116.000 Personen ein erfolgreich abgelegtes Psychologiestudium an, 92.000 waren nach eigenen Angaben als Psychologin/Psychologe tätig. Eine gute Quote! Allerdings scheinen diese Zahlen eher zu hoch. Neue Bachelorabschlüsse scheinen keinen Arbeitsmarkt zu finden, allenfalls auf dem Niveau zuarbeitender Psychologisch-technischer Assistenten (PsTA). Der Masterabschluss ist Standard. (5) Zur Psychotherapie: In 2016 wurden 2700 Psychologische Psychotherapeuten approbiert, darunter 800 Kinder- und Jugendlichentherapeuten. Gut 70% der ca. 43.000 gemeldeten Psychologischen Psychotherapeuten arbeiten in eigener Praxis. Und noch eine (erschreckende) Zahl: “Unter den rund 2.000 unter 35-jährigen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind fast 91 % weiblich.” (p. 467). Was bedeuitet das für therapiebedürftige Männer?

Der analytische und empfehlende zweite Teil der Stellungnahme befasst sich mit den Themen “Psychologie zwischen alten und neuen Herausforderungen”, “Perspektiven für die psychologische Forschung”, “Neue Formen des Psychologiestudiums”, “Psychotherapie”, “Wissenschaftlicher Nachwuchs” sowie “Psychologie und Gesellschaft”. Beginnen wir mit den (1) Herausforderungen: Dass die jüngere Geschichte eine Erfolgsgeschichte sei, konstatiert der WR gleich zu Beginn und sieht dennoch in mehreren Bereichen zu bewältigende Herausforderungen: Der Primat der Einzelforschung (warum nicht mehr “many labs studies“?), innerfachliche Verschiebungen (z.B. die Trennung in Grundlagen- und Anwendungsdisziplinen wird hinfällig), interdisziplinäre Herausforderungen (Medizin, Informatik, Neurowissenschaften, Bildungsforschung), neue Bindestrich-Psychologien (z.B. Wirtschafts-P.). Zu den Herausforderungen zählt auch die Bewältigung der Replikationskrise und die Sicherstellung ethischer Prinzipien in unserem Forschungsalltag (siehe Folter-Skandal der APA).

(2) Forschungsperspektiven: Hier geht es dem WR in erster Line um Profilbildung (z.B. durch intradisziplinäre Vernetzung), aber auch um die vernachlässigte Theoriebildung und methodologische Reflexion. Der WR hat “eine Tendenz zu einer verstärkten Beschäftigung mit Detailfragen sowie ein Rückgang von Studien zur Geschichte des Faches und zu wissenschaftstheoretischen Fragestellungen beobachtet. Der Wissenschaftsrat ist der Überzeugung, dass ein Weiterverfolgen dieser Fragen von großer Bedeutung für die Leistungsfähigkeit des Faches ist, indem über die Weiterentwicklung von Methoden hinaus Grundannahmen überprüft werden, der innere Zusammenhalt der Disziplin in ihrer Vielfalt gestärkt wird und dies die Fähigkeit zur Positionierung gegenüber anderen Disziplinen sowie zur kritischen Auseinandersetzung mit ihnen befördert.” (p. 55). Einfache Frage: Wieviele Professuren mit der Denomination “Theoretische Psychologie” gibt es denn noch in der BRD? (Ich wiederhole ein häufig von mir vorgetragenes Beispiel: Von den rund 40 Professuren für Physik in Heidelberg sind allein 10 als Theoretische Physik deklariert - Zeichen eines weit entwickelten Faches!).

(3) Neue Formen des Psychologiestudiums: hier denkt der WR an eine stärkere Diversifizierung im Masterstudienbereich. Während im Bachelor-Abschnitt die Psychologie breit vermittelt werden sollte, kommt im Master die Spezialisierung zum Tragen. An den Fachhochschulen sollen das anwendungsorientierte Profil geschärft und die Zusammenarbeit von Hochschulen und Fachhochschulen gestärkt werden. Die Einrichtung zusätzlicher Studienplätze an staatlichen Hochschulen und Fachhochschulen wird angeraten. Die von der DGPs betriebene Einrichtung eines Qualitätssiegels für das Bachelorstudium wird zwar unterstützt, aber zugleich wird angeregt, die Spezifik psychologischer Studiengänge an Fachhochschulen stärker miteinzubeziehen. Ebenfalls diskutiert wird der Übergang vom BSc- in den MSc-Abschnitt und die Problematik von zu guten Noten (”Kuschelnoten” sind übrigens kein spezifisches Problem der Psychologie, sondern betreffen viele Fächer).

(4) Psychotherapie: “Das vom WR vorgeschlagene Standardmodell für die Psychotherapieausbildung sieht vor, diese während des ersten Studienabschnitts in ein allgemeines Psychologiestudium zu integrieren und in einem Masterstudium „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ fortzuführen. Neben diesem Regelfall soll es aber ausdrücklich möglich sein, auch alternative Studienmodelle, beispielsweise in Kooperation mit der Medizin, zu erproben und zu evaluieren. Zur Qualitätssicherung benennt der WR Grundvoraussetzungen für Hochschulen, die eine Psychotherapieaus­bildung anbieten wollen. Dazu gehören unter anderem einschlägige aktive Forschung und ein systematischer und qualitätsgesicherter Zugang zur Patientenversorgung”.

(5) Wissenschaftlicher Nachwuchs: Attraktiven Stellen außerhalb der Wissenschaft stehen “wenig verläßliche Karrierewege an den Hochschulen” (p. 79) gegenüber. Daher empfiehlt der WR “gezielte Nachwuchsprogramme, verlässliche Karrierewege und attraktive Zielpositionen”. Strukturierte Promotionsprogramme, Tenure-Track-Stellen an den Hochschulen und permanente Beschäftigungsverhältnisse alternativ zur Professur sollen dabei verfolgt werden.

(6) Psychologie und Gesellschaft: Der abschließende Teil betont die gesellschaftliche Relevanz der Psychologie. Die Beteiligung auch der Psychologie an den “Großen gesellschaftlichen Herausforderungen” (siehe dazu meinen Blogbeitrag vom Mai 2015) wird eingefordert, hin zu einer “stärkere(n) Öffnung gegenüber der Gesellschaft”. Transfer von der Forschung in die Praxis soll nicht nur verstärkt betrieben werden, sondern auch seinerseits zum Gegenstand von Forschung und Lehre werden.

Insgesamt ein beflügelnder Lagebericht, den uns der WR vorgelegt hat! Ich bin als Fachvertreter stolz auf die hier beschriebenen Erfolge, die in den letzten 35 Jahre erzielt wurden; ich selbst habe ungefähr mit dem Erscheinen des 1983er-Berichts des WR mit meiner wissenschaftlichen Aktivität begonnen und fühle mich daher vom Berichtszeitraum 1983-2018 persönlich angesprochen. Ich teile aber auch die Einschätzung, dass wir viel zu tun haben, um die hier benannten Desiderata einzulösen und für Verbesserungen zu sorgen. Bei einer ganzen Reihe von Empfehlungen teile ich die Bewertung durch den WR voll und ganz, sehe aber keine klaren Lösungswege. Ein Besispiel: Natürlich wollen wir uns bei Berufungsverfahren nicht primär auf quantitative Leistungsindikatoren verlassen - aber ignorieren können wir Drittmittel-Summen und Hirsch-Indices auch nicht. Gute Kompromisse werden benötigt (siehe meinen Kommentar dazu in PPS).

Gut gefallen hat mir, dass die Psychologie als “Mutterwissenschaft” der Psychotherapie bezeichnet wird! Ein schönes Bild! Aber natürlich frage ich mich, wer war wohl der Vater? Oder ist die Vaterschaft wieder mal unklar?

Hier der Link zur Pressemitteilung des WR, an dessen Ende die ausführlichen Dokumente gelinkt sind:

Hier der Link zur gemeinsamen Pressemitteilung der DGPs und des Fakultätentags Psychologie:

Neujahrsempfang 2018 der Freunde

Auch in diesem Jahr hat die “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” zum Neujahrsempfang am Freitag 26.1.2018 eingeladen. Es war das dritte Ereignis in dieser Reihe. Viele Freunde - alte und neue - sind der Einladung gefolgt, knapp 100 Personen kamen zum Empfang.

Wir haben wie im letzten Jahr erneut die Marsilius-Arkaden im Neuenheimer Feld als Treffpunkt gewählt, der sowohl einen Hörsaal als auch im Eingangsbereich ein Foyer mit Bar für den anschließenden Empfang umfasst. Als Festredner konnten wir diesmal dank der Aktivitäten unseres Vorstandsmitglieds Dr. Thorsten Helm den Kollegen Prof. Dr. Matthias Hentze gewinnen, der als Direktor des EMBL (European Molecular Biology Laboratory) nicht nur das EMBL vorstellte (das gibt es nun schon über 40 Jahre auf dem Boxberg in Heidelberg; es handelt sich um Europas führendes Grundlagenforschungsinstitut in den Lebenswissenschaften), sondern die Zuhörer auch mitnahm auf eine “Reise zum Mittelpunkt des Lebens”. Dabei ging er insbesondere auf das mehrjährige Großprojekt der Tara-Expedition zur Erkundung der Ozeane ein, bei der an 210 Stellen weltweit über 35.000 Proben genommen worden. Die darin enthaltenen Millionen Kleinstorganismen sind am EMBL genauer untersucht worden. Mithilfe von Nobelpreis-gewürdigten Technologien der höchstauflösenden Mikroskopie (Jacques Dubochet, Stefan Hell) und mittels moderster Bioinformatik-Methoden wird ein wertvoller Beitrag zur evolutionären Biologie geleistet. Sehr beeindruckend!

Wie im Vorjahr diente der Empfang auch dazu, den jährlich vergebenen und mit 2500 Euro dotierten “Preis der Freunde” zu verleihen. Diesmal ging er an die gemeinnützige studentische Initiative “Weitblick Heidelberg“, die sich für einen gerechten Zugang zu Bildung einsetzt. O-Ton Weitblick (aus ihrem Webauftritt): “Wir wollen Studierenden aller Fachrichtungen die Möglichkeit bieten, sich neben der Berufsorientierung zu engagieren und eigenes Wissen, Talente und Fähigkeiten für soziale Projekte einzusetzen. Durch die Vereinsarbeit wollen wir vor allem das Bewusstsein für soziale Verantwortung schärfen. Unsere Antriebskraft ist dabei kein blinder Aktionismus, sondern der Gedanke, dass wir mit Arbeit, die uns Spaß macht, wirklich etwas bewegen können”. Die studentische Jury (bestehend aus Herrn Pascheberg, Herrn Rix und Frau Stieglitz) verfasste eine Laudatio, die von Frau Stieglitz und Herrn Rix im Dialog vorgetragen wurde. Sie machten das Bild des “Mosaiks” stark: viele Hände tragen zu einem ganzheitlichen Unterstützungskonzept bei (hier geht es zur Pressemitteilung).

Im Anschluß fand im Vorraum des Hörsaals wieder der Empfang der Gäste statt. Bei kleinen Snacks und kalten Getränken wurde lebhaft diskutiert, es wurden alte Kontakte gepflegt und neue geknüpft. Als Vorsitzender des Vereins hatte ich meine Freude daran, weil genau dies einem der Zwecke entspricht, die in unserer Satzung benannt sind, nämlich: “Begründung und Pflege von Kontakten zwischen der Universität Heidelberg, ihren wissenschaftlichen Vertretern und ihren Studierenden sowie den Menschen in und um Heidelberg”. Was könnten wir besseres tun als das, was wir mit dem Neujahrsempfang gemacht haben?

Wie schön, dass es den Neujahrsempfang gibt - Ich freue mich schon auf den nächsten (vierten) Neujahrsempfang 2019!

hier zur Erinnerung frühere Blog-Einträge:

Bericht über den Neujahrsempfang 2017

Bericht über den Neujahrsempfang 2016

Gastbeitrag “Ausscheiden der Gleichstellungsbeauftragten Ursula Christmann”

Gastbeitrag von Prof. Dr. Norbert Groeben zum Ausscheiden von Frau (apl.) Professorin Dr. Ursula Christmann als Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät für Empirische Kultur- und Verhaltenswissenschaften:

Am 24.1.2018 ist eine Ära zu Ende gegangen, nämlich die längste Dienstzeit einer Gleichstellungsbeauftragten an der Universität Heidelberg. Es handelt sich um Frau (apl.) Professorin Dr. Ursula Christmann, die in der Fakultät für Empirische Kultur- und Verhaltenswissenschaften das Amt der Gleichstellungs- (früher Frauen-)Beauftragten von 1998 bis 2018 ausgeübt hat. Dabei hat sie sich neben anderem selbstverständlich nicht zuletzt um das Hauptproblem des unbefriedigenden Frauenanteils bei der wissenschaftlichen Karriere an der Universität gekümmert. Mit folgenden Eckdaten: Zu ihrem Dienstbeginn gab es in der Fakultät 12% Professorinnen vs. 88% Professoren auf Planstellen. Bei ihrem Ausscheiden (letzte Fakultätssitzung ihrer Amtszeit: 24.1.2018) ist das Verhältnis 42% (w) zu 58% (m) der professoralen Stelleninhaber. Und die Geschlechterrelation im sog. Mittelbau hat sich sogar noch  besser entwickelt (w: 71% Promotionen; 68 % Postdocs; 38% Habilitationen) Insgesamt also augenscheinlich eine klare Erfolgsgeschichte.

Nun kann und soll man natürlich eine solche Entwicklung nicht nur auf einen Faktor, wie z.B. die Person der Gleichstellungsbeauftragten zurückführen. Es war sicher auch ein Fakultätsumfeld nötig, in der ihre Bemühungen auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Allerdings: Es gibt (wie gesagt) an der gesamten  Universität Heidelberg keine Gleichstellungsbeauftragte mit vergleichbar langer Amtszeit. Und: Es gibt keine Fakultät, die in Bezug auf das Geschlechterverhältnis der Wissenschaftler/innen insgesamt  auch nur annähernd so gut dasteht! Also: Béni soit qui bon y pense, das heißt: Ohne den jahrelangen Einsatz von Frau Christmann, der gerade auch in ‚ihrem’ Psychologischen Institut besonders wirksam geworden ist, wäre diese Entwicklung hin zu Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft sicher nicht so erfolgreich gewesen. Zu ihren Verdiensten gehört außerdem die federführende Einwerbung einer neuen Professur für die Fakultät, nämlich die derzeitige Professur für Genderforschung und Gesundheitspsychologie.

Jedoch bedeutet das nicht, dass damit bereits das Ende des Weges erreicht ist. Ein allerorten (außerhalb der Medizin, die hier einen Sonderfall darstellt) zu beobachtendes Phänomen ist, dass Frauen wegen der Mehrfachbelastung von Beruf und Familie bzw. weniger ausgeprägten Netzwerken später zu den wissenschaftlichen Karriereweihen kommen und dann Schwierigkeiten haben, professorale Planstellen zu erhalten. Daraus resultiert ein besonders hoher Anteil an sog. außerplanmäßigen (apl.) Professorinnen, die alle wissenschaftlichen Qualifikationen erfüllen, aber lediglich eine sog. Mittelbau-Stelle innehaben. Und als solche erfüllen sie zu einem großen Teil Lehr- und Forschungspflichten (wie im Fall von Frau Christmann u.U. sogar Verwaltungsaufgaben) wie die Planstelleninhaber/innen, ohne aber deren Rechte zu haben. Eine zentrale Aufgabe der oder des nächsten Gleichstellungsbeauftragten wird es daher sein, die Rechte von apl. ProfessorInnen an ihre Pflichten anzugleichen. Es bleibt also durchaus noch viel zu tun!

Prof. Dr. Norbert Groeben ist Psychologe und Literaturwissenschaftler und war Professor für Allgmeine Psychologie und Psycholinguistik an der Universität Heidelberg sowie Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Kulturpsychologie der Universität zu Köln. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit sozial- und kulturwissenschaftlicher Psychologie, mit kognitiver und Lern-Psychologie sowie mit der menschlichen Kreativität.

Gutes neues Jahr!

Allen Leserinnen und Lesern meines Blogs wünsche ich ein gutes neues Jahr! Wie schon öfter habe ich das neue Jahr im Süden Deutschlands (Freiburg) begrüßt und bin mit meiner Frau in der ersten Woche des neuen Jahrs im Schwarzwald wandernd unterwegs gewesen. Auf den Höhen lag sogar Schnee! Nun geht das Wintersemester langsam dem Ende entgegen und das neue Jahr startet mit reichlich Sitzungen (darunter: Berufung A&O-Nachfolge; Findungskommission Kanzler/Kanzlerin Uni HD). Auch der Senat verspricht noch einmal ein spannendes Jahr!

Was mich auch beschäftigt: Es ist mein letztes “volles” Jahr - wenn ich im März 2019 aufhöre, wie es momentan geplant ist, starten nun meinen letzten 15 Monate im aktiven Dienst. Kaum zu glauben! Noch ist das für mich nicht vorstellbar, es gibt zahlreiche Publikations- und Forschungsvorhaben (sogar das “Trierer Alkoholismusinventar” steht mit einer Revision auf dem Programm).

Gerade erschienen sind zwei Beiträge von mir, über die ich mich gefreut habe und über die ich hier kurz berichten möchte. Zum einen ist es ein Beitrag über “weiche” Faktoren in Berufungsverfahren. In der angesehenen Zeitschrift “Perspectives on Psychological Science” hat eine Debatte über die Bestimmung von “scholarly merits” (”akademische Verdienste”) stattgefunden, in der starke Argumente für quantitative Leistungsindikatoren bei der Auswahl des wissenschaftlichen Nachwuchses gemacht wurden. Insbesondere die Summen eingeworbener Drittmittel und Zitationsindices wie der h-Index, aber auch Impact-Faktoren der Journals, in denen Personen publizieren, werden als objektivierbare Kriterien benannt. In meinem kurzen Beitrag warne ich vor einem allzu leichtfertigen Umgang mit deratigen Kennzahlen und empfehle Kandidaten auszuwählen, die für die Wissenschaft “brennen” und nicht nur gute Projektmanager sind. Das ist weitaus schwieriger festzustellen, aber deswegen sollte man nicht auf diese weichen Faktoren verzichten. Der einfachere Weg ist nicht unbedingt der bessere!

Zum anderen ist ein Artikel über Problemlösen veröffentlicht, der mir selbst gut gefällt und von dem andere schon positive Leseeindrücke berichten. Es handelt sich um ein gerade erschienenes Buch mit dem Titel “Systemisch finale Intelligenz. Theoretisches Übergangskonzept auf dem Weg von der Intelligenz zur Weisheit”, das von Bojan Godina (einem früheren Doktoranden von mir) herausgegeben wurde, und in dem eine populärwissenschaftliche Darstellung meiner Problemlöseforschung (auf Deutsch) abgedruckt ist (ein Klick auf das verkleinerte Titelblatt lädt den jeweiligen Beitrag). Vielleicht interessiert Sie das?

Hier sind die Quellenangaben:

Funke, J. (2017). Scholarly merits: From measurement to judgment. Perspectives on Psychological Science, 12(6), 1145–1147. https://doi.org/10.1177/1745691617740129

Funke, J. (2018). Probleme intelligent lösen. In B. Godina (Ed.), Systemisch finale Intelligenz. Theoretisches Übergangskonzept auf dem Weg von der Intelligenz zur Weisheit (pp. 75–86). Wiesbaden: Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-20581-2_3

Und vielleicht sehen wir uns ja in diesem Jahr auf einer Alumni-Veranstaltung? Z.B. am „Tag der Freunde“ am Freitag, den 20.7.2018? Oder beim Neujahrsempfang der “Gesellschaft der Freunde” am Freitag 26.1.2018, 18:00 in den Marsilius-Arkaden mit einem Vortrag von Matthias Hentze, dem Co-Direktor des hoch angesehenen Heidelberger Forschungszentrums EMBL?

APS Fellowship

Mit großer Freude habe ich erfahren, dass ich seit Dezember 2017 Fellow der „Association for Psychological Science“ (APS) bin. Welch eine Ehre! Wie die Liste der Fellows auf der Seite http://www.psychologicalscience.org/fellows/fellows-new.cfm zeigt, sind dort viele bekannte Persönlichkeiten zu finden. Aus Deutschland haben bislang rund 50 Personen diese Auszeichnung erhalten. Im Wesentlichen sind es wohl meine Arbeiten zum interaktiven Problemlösen im Rahmen von PISA Problem Solving, die mir internationale Aufmerksamkeit eingebracht haben. Das freut mich!

Nachruf auf Peter Meusburger

Peter Meusburger (1942-2017)

Peter Meusburger (1942-2017)

Am 18.12.2017 ist der Sozialgeograph und Seniorprofessor Peter Meusburger im Alter von 75 Jahren verstorben. Damit ist ein erfülltes, sehr aktives Leben zu früh zu Ende gegangen. Ich bin sehr traurig darüber, weil ich weiss, das Peter Meusburger noch eine Reihe von Plänen verfolgte, die jetzt unabgeschlossen bleiben müssen. Ich hatte in verschiedenen Funktionen mit ihm zu tun. Dadurch entstand eine akademische Freundschaft, die nicht selbstverständlich ist.

Kennengelernt habe ich Peter Meusburger im Senat der Universität, wo ich als Senatoren-Neuling in den Jahren 2002 und 2003 mit ihm einen sehr ruhigen und ausgleichenden Senatssprecher kennengelernt habe. Aber das war nur eine von vielen Funktionen und Ämtern, die er bereitwillig übernommen hatte. In den langen Jahren seiner aktiven Zeit an der Universität Heidelberg - er wurde 1982 berufen und war seit 1983 im aktiven Dienst der Universität Heidelberg bis zum Ende seines 65. Lebensjahrs 2007; danach wurde er vom damaligen Rektor Peter Hommelhoff zum ersten Seniorprofessor unserer Universität ernannt - war er u.a. Prorektor, Dekan, Senatssprecher und Mitglied des Lenkungsausschusses. Er war Kurator der “Stiftung Universität Heidelberg“, Ombudsmann für die Doktorandinnen und Doktoranden, er war als Handschuhsheimer Bürger Mitglied im Bezirksbeirat der Stadt Heidelberg und er hatte zuletzt 2016 für Aufsehen gesorgt mit seiner Expertise zum Neuenheimer Feld, die er im Auftrag des Gemeinderats erstellt hat (hier der Link zum Dokument “Wissenschaftsstadt Heidelberg“).

Ein besonderes Ereignis für die Universität war die von ihm vorgenommene Erstellung eines “Wissenschaftsatlasses“. Zum 625jährigen Geburtstag der Ruperto Carola hat der von ihm und Thomas Schuch herausgegebene Band Forschungsfragen, Strukturprobleme und historische Ent­wick­lungen der Universität Heidelberg in toller grafischer Form aufbereitet. Wer einen vertieften Zugang zu unserer Universität und deren Geschichte sucht, kommt an diesem schwergewichtigen Band nicht vorbei.

Imponiert hat mir vor allem sein interdisziplinäres Forschungsinteresse, das sich in zahlreichen Konferenzorganisationen und Buchpublikationen niederschlug. Die von uns gemeinsam geplante und im September 2006 abgehaltene Konferenz “Milieus of creativity”, die später 2009 in einem entsprechenden Band verschriftlicht wurde (hier der Link zum damaligen Blog-Beitrag), hat die Vorteile interdisziplinärer Bearbeitung des Themas “Räumlichkeit der Kreativität” gezeigt. Was da alles an Beiträgen aus den verschiedensten Forschungsgebieten zusammenkam, zeichnete ein viel reichhaltigeres Bild des Phänomens, als es aus monodisziplinärer Betrachtung heraus möglich gewesen wäre. Und diese eine Konferenz war nur eine in einer ganzen Serie von Konferenzen zum Thema “Knowledge and Space“, die mit großzügiger finanzieller Unterstützung der Klaus-Tschira-Stiftung von Peter Meusburger veranstaltet wurden. Das letzte Symposium mit seiner Beteiligung fand im September 2017 zum Thema Bildungserfolg statt.

Mit Peter zu diskutieren war eine große Freude: Er hat schwierige Fragen gestellt und sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufrieden gegeben. Er kannte die Literatur aus den Nachbarfächern und war mit vielen Fachvertretern gut vernetzt. Perspektivenvielfalt, Humor und Multidisziplinarität waren sein Markenzeichen. Ein typisches Gespräch mit ihm begann mit dem Satz “Ich hab’ da mal eine Frage”.

Die Universität Heidelberg hat ihm viel zu verdanken! Ich persönlich trauere um Peter Meusburger, weil ich einen guten akademischen Freund vermissen werde!

siehe auch:

Fotokalender “City of Science”

Unter dem Titel “Heidelberg: City of Science” hat mein Vorgänger im Amt, Prof. Dr. Norbert Groeben, einen Fotokalender für das Jahr 2018 erstellt, das in 12 sehr schönen Motiven Ausschnitte der Heidelberger Architektur im Bereich der akademischen Welt festhält (ISBN: 978-3-96166-162-6; 22 €). Darunter ist natürlich auch ein Bild des Friedrichbaus samt Bunsen-Denkmal, aber auch der Löwenbrunnen vor dem Uni-Hauptgebäude oder der Eingang der UB kommen darin vor. Auch der Botanische Garten, der SRH-Tower und das EMBL sind als Heidelberger Wahrzeichen der Wissenschaft in hochwertigem Farbdruck vertreten.

Norbert Groeben, den ich bislang ausschließlich als kreativen Verfasser wissenschaftlicher (und unter Pseudonym auch belletristischer) Texte gesehen hatte, erweist sich hier als ein wunderbarer Fotograf, der mit diesem Kalender nicht nur ein Gespür für die Motivwahl demonstriert, sondern auch diese Motive fotografisch in Szene zu setzen versteht. Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk mit Heidelberger Note sucht: hier wäre eins! Nach Angaben des Verfassers kurzfristig zu bekommen bei Lehmanns am Uni-Platz, Bücherstube an der Tiefburg, Buchhandlung Wortreich Weststadt und Buch-Markt in Ziegelhausen.

PS: Zufällig habe ich den Fotografen (ist er’s wirklich?) einmal beim Fotografieren auf dem Universitätsplatz fotografiert:

“Aristotelischer Eid” für Psychologen?

Mediziner haben ihren “Hippokratischen Eid“, mit dem sie sich verpflichten, ihr Wissen zum Wohl der Menschen einzusetzen und niemanden zu schädigen - warum hat die Psychologie für ihre Absolventinnen und Absolventen nichts Vergleichbares? Wäre es nicht angesichts zahlreicher bekannt gewordener Verstöße auch von Psychologen gegen ethische Grundprinzipien an der Zeit, über einen fachspezifischen Eid nachzudenken? Mich beschäftigt dieser Gedanke schon lange (siehe z.B. einen 10 Jahre zurückliegenden Blog-Eintrag).

Aristoteles

Aristoteles

Wer könnte unser Namensgeber sein? Der griechische Arzt Hippokrates (460-370 v.C.) steht mit seinem Namen für die Medizin - für die Psychologie haben wir niemanden, der sich explizit als Psychologe hätte verstanden wissen wollen. Oder doch? Wie wäre es mit einem anderen berühmten Griechen, dem Philosophen Aristoteles (384-322 v.C.)? Immerhin verdanken wir ihm mit der Nikomachischen Ethik eine der ersten expliziten Ethiken der westlichen Welt. Darin hat er auch zahlreiche Gedanken über die Seele hinterlassen (Schaubild hier). Und seine Tugendlehre enthält viele Grundsätze der modernen Positiven Psychologie. Seine zweiwertige Logik ist für die Denkpsychologie bedeutsam. Wenn nicht explizit, so doch implizit dürfte Aristoteles von unserer Zunft als berühmter Psychologe angesehen werden.

Wie könnte ein “Aristotelischer Eid” für Psychologen formuliert sein? Schauen wir uns doch zum Vergleich erst einmal den Hippokratischen Eid an. Die Medizinerzunft diskutiert seit ein paar Jahren den Vorschlag, den historischen Eid, der noch dem Gott Apollon huldigt, zeitgemäßer zu machen. Hier ist ein Ausschnitt aus den neu vorgeschlagenen Formulierungen, ausgearbeitet von der Arbeitsgruppe (Eidkommission) des schweizerischen Instituts “Dialog Ethik“, einer Non-Profit-Organisation in Zürich (die nachfolgenden Auszüge stammen aus deren Webseite “Schweizer Eid“):

“In der Ausübung meines Arztberufes verpflichte ich mich, wie folgt zu handeln:

  • Ich übe meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen aus und nehme Verantwortung für mein Handeln wahr.
  • Ich betrachte das Wohl der Patientinnen und Patienten als vorrangig und wende jeden vermeidbaren Schaden von ihnen ab.
  • Ich achte die Rechte der Patientinnen und Patienten, wahre grundsätzlich ihren Willen und respektiere ihre Bedürfnisse sowie ihre Interessen.
  • Ich behandle die Patientinnen und Patienten ohne Ansehen der Person[1] und halte mich an das Arztgeheimnis.
  • Ich begegne den Patientinnen und Patienten mit Wohlwollen und nehme mir für ihre Anliegen (und die ihrer Angehörigen) die erforderliche Zeit.
  • Ich spreche mit den Patientinnen und Patienten ehrlich und verständlich und helfe ihnen, eigene Entscheidungen zu treffen.
  • Ich behandle die Patientinnen und Patienten nach den Regeln der ärztlichen Kunst und den aktuellen Standards, in den Grenzen meines Könnens, instrumentalisiere sie weder zu Karriere- noch zu anderen Zwecken und mute ihnen nichts zu, was ich mir selbst oder meinen Nächsten nicht zumuten würde.
  • Ich betreibe im Rahmen der mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten eine Medizin mit Augenmass und empfehle oder ergreife nur Massnahmen, die sinnvoll sind.
  • Ich wahre meine Integrität und nehme im Besonderen für die Zu- und Überweisung von Patientinnen und Patienten keine geldwerten Leistungen oder andersartigen Vorteile entgegen und gehe keinen Vertrag ein, der mich zu Leistungsmengen oder -unterlassungen nötigt.
  • Ich verhalte mich gegenüber Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen korrekt und wahrhaftig, teile mit ihnen mein Wissen und meine Erfahrung und respektiere ihre Entscheidungen und Handlungen, soweit vereinbar mit den ethischen und wissenschaftlichen Standards unseres Berufs.”

[1] «Ohne Ansehen der Person» heisst: ohne Diskriminierung wegen Geschlecht, allfälliger Behinderung, Religion, sexueller Orientierung, Parteizugehörigkeit, ethnischer Herkunft, Sozial- oder Versicherungsstatus und Nationalität.

Eine ganze Reihe solcher Formulierungen könnten wir auch in einen “Aristotelischen Eid für Psychologinnen und Psychologen” übernehmen, finde ich. Das Schwierige besteht aus meiner Sicht darin, die sehr heterogenen Anwendungsfelder unseres Faches unter einen Hut zu bekommen: der gute Umgang mit Patientinnen und Patienten ist selbstverständlich, aber wir müssen dabei auch die Werbepsychologen oder die im Personalbereich Tätigen miteinbeziehen. Diese Heterogenität macht das Finden eines gemeinsamen Nenners schwieriger.

Hugo Münsterberg (zunächst Leipzig, Heidelberg und Freiburg, später Harvard) könnte uns vielleicht weiterhelfen. Er hat 1908 ein Buch unter dem Titel “Philosophie der Werte” veröffentlicht, in dem er zum einen eine Theorie der Werte präsentiert, zum anderen sich mit speziellen Werten genauer auseinandersetzt. Er unterscheidet Grundwerte (Weltall, Menschheit, Über-Ich), Lebenswerte (Daseins-, Einheits-, Entwicklungs- und Gotteswerte) und Kulturwerte (Zusammenhangs-, Schönheits-, Leistungs- und Grundwerte). Letztere könnten die Quelle einer entsprechenden berufsethischen Verpflichtung liefern. Münsterberg bringt den Begriff der Sittlichkeit ins Spiel, der das Handeln leiten sollte: “Was durch Recht und Gewissen geschützt and gefestigt wird, muB wechseln und mag vergehen; ewig wertvoll bleibt nur, daB das Gewollte in Mitwelt und Innenwelt sicher geschützt wird. Nur durch das Becht betätigt die Gesellschaft, und nur durch die Sittlichkeit betätigt die Persönlichkeit ihr eigenes Wollen in ihrem Handeln. Sich selbst zu betätigen, in Freiheit sich selber treu zu bleiben, und so Wollen und Handeln identisch zu setzen, bedeutet aber für Gesellschaft und Persönlichkeit, daB in ihnen sich eine selbständige Wirklichkeit entfaltet, daB sie nicht nur Erlebnis, sondern Werte sind.” (Philosophie der Werte, S. 394).

Vielleicht findet sich ja jemand, der einen Vorschlag für einen Psychologen-Eid macht? Ich fände diesen Gedanken sehr erfreulich! Es würde ja bedeuten, dass wir als Psychologen im Nachdenken über unser Tun neben die permanente Mehrung unseres Wissens auch die Reflexion von dessen Anwendung stellten. Wissen und Werte zusammenführen: eine schöne Idee, oder?

Hier weitere Links zum Thema (Dank an Anne Scheel):