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Gastbeitrag “Forschungsdatenmanagement in der Psychologie”

Gastbeitrag von Gidon Frischkorn

Wer von uns kennt das nicht: Ein Kollege fragt uns nach den Daten eines Projekts, das vor 2 Jahren abgeschlossen wurde oder eine Studentin oder ein Student fragt nach einer Abschlussarbeit und wir erinnern uns an einen Datensatz, mit dem noch ein paar interessante Fragestellungen exploriert werden könnten. Doch in ersterem Fall müssen wir den Datensatz häufig erstmal suchen und dann entscheiden, welcher der 5 Datensätze, die wir finden, denn der Richtige ist. Oder im zweiten Fall fragen wir uns beim Öffnen des Datensatzes erstmal, was hinter den Variablen „EI_01“ bis „EI_20“ und den Variablen „Agg_Meth1_EI“ und „Agg_Meth2_EI“ steht und ob das Rohdaten sind oder schon Daten, die irgendwie aufbereitet wurden.

Das Problem von Forschungsdatenmanagement besteht schon länger und doch wurde es durch die öffentliche Diskussion um die Reproduzierbarkeit psychologischer Forschung wieder mehr in den Fokus gerückt. Die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen hängt vor allem mit einer guten Dokumentation der verschiedenen Schritte zusammen, die im Rahmen eines Forschungsprojekts durchgeführt werden (Asendorpf et al., 2013; interessant übrigens, dass hier Klaus Fiedler und Brian Nosek, die in letzter Zeit sehr unterschiedliche Meinung vertreten haben, beide auf dem gleich Papier als Autoren stehen).

Ein wesentlicher Schritt im Prozess wissenschaftlicher Forschung, insbesondere empirischer Forschung, ist das Management von Forschungsdaten. Eine gute Dokumentation der erhobenen Daten und auch der Aufbereitung von Rohdaten ermöglicht es, die aus den Daten gezogenen Schlüsse nachvollziehbar und reproduzierbar zu machen. Ich denke, es ist selbstverständlich, dass diese beiden Dinge wünschenswerte Attribute für wissenschaftliche Ergebnisse sind.

Dennoch ist die Dokumentation von Daten und deren Aufbereitung im Alltag der Wissenschaft häufig aufwändiger als gedacht. Häufig wird die knappe Zeit also eher auf weitere Möglichkeiten zur Analyse verwendet, als die Daten zu dokumentieren. Und ehrlich gesagt kann auch ich mir wenig anstrengendere Aufgaben vorstellen, als am Ende eines Projekts alle Daten zu sammeln und gut zu dokumentieren, Codebücher zu schreiben und Details zu den Fragebögen zu sammeln, um alle Scores und Variablen für jeden einigermaßen informierten Kollegen verständlich zu machen.

Wie kann also gutes Forschungsdatenmanagement aussehen? Zu diesem Thema hat das Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) ein Projekt ins Leben gerufen: DataWiz. Die Idee ist, ein fachgerechtes Datenmanagement in der Psychologie zu etablieren und dadurch eine nachhaltige Sicherung von Forschungsdaten zu ermöglichen. Darüber hinaus wird durch ein gutes Datenmanagement eben auch die Möglichkeit, Forschungsdaten zu teilen und öffentlich verfügbar zu machen, stark vereinfacht.

Zum Start dieses Projekts hat das ZPID zu einem Kick-Off Workshop eingeladen, der Mitte März am Psychologischen Institut in Heidelberg stattgefunden hat. Neben einer illustren Runde von Professoren und Post-Docs (für eine Übersicht aller Teilnehmer klicken Sie auf den Link) durfte auch ich an diesem Workshop teilnehmen. Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Workshop waren, dass Forschungsdatenmanagement so wenig Aufwand wie möglich sein sollte und das Thema schon so früh wie möglich an die Studierenden und Nachwuchswissenschaftler herangetragen werden sollte. Idealerweise wird also schon im Studium (eventuell im Rahmen des Empirischen Praktikums oder bei Abschlussarbeiten) über Datenmanagement gesprochen.

Insgesamt hat mir der Workshop gezeigt, dass das Thema Forschungsdatenmanagement im wissenschaftlichen Alltag wenig diskutiert wird. Wie so häufig ist es eben „selbstverständlich“, dass sich jeder einzelne Wissenschaftler um die Ordnung in seinen Daten kümmert. Ich denke jedoch: ein gewisser Standard kann an dieser Stelle nicht schaden. Die Transparenz von wissenschaftlicher Forschung halte ich für eines der wichtigsten aktuellen Themen und damit besteht eine Notwendigkeit für eine gute Dokumentation von Daten und Skripten zur Aufbereitung von Daten. In anderen Disziplinen ist das übrigens selbstverständlich, so sagte Ronny Bölter, der Informatiker im Team von DataWiz, dass es in der Informatik für unzureichend kommentierten Code innerhalb des Studiums Punktabzug gibt. Ein solcher Default wäre für die Psychologie eventuell auch wünschenswert.

Andreas Fischer geht nach Nürnberg

Andreas an seinem Heidelberger Arbeitsplatz

Andreas an seinem Heidelberger Arbeitsplatz

Mein langjähriger Mitarbeiter Dr. Andreas Fischer verläßt uns, um in Nürnberg in unmittelbarer Nähe zu seiner Familie seine Forschung fortzusetzen. Er schreibt: “Nach einigen Jahren des Forschens & Lehrens werde ich die Universität Heidelberg zum Ende dieses Monats schweren Herzens verlassen, um eine Stelle am Forschungsinstitut Betriebliche Bildung in Nürnberg anzutreten.” Gegenstand seiner Arbeiten dort wird Kompetenzdiagnostik bei formal unzureichend Qualifizierten sein, deren Qualifikation häufig nicht mit formalen Zertifikaten adäquat belegt ist; computerbasierte Tests könnten hier wichtige objektive Informationen liefern. Mit diesen thematischen Inhalten sind gute Voraussetzungen für eine Fortsetzung gemeinsamer Arbeiten gegeben.

Im Herbst 2010 ist Andreas von der Universität Trier in meine Arbeitsgruppe gekommen, um zunächst in meinem BMBF-Projekt “Facettendiagnostik” und später auf einer Abteilungsstelle in der ATP an der Diagnostik von Problemlösekompetenz mitzuwirken. Im Oktober 2015 konnte er seine Promotion “Assessment of Problem Solving Skills by means of Multiple Complex Systems – Validity of Finite Automata and Linear Dynamic Systems” abschließen, die eine kritische Analyse unseres MicroDYN- und MicroFIN-Ansatzes enthält, den wir im Rahmen des DFG-Projekts “Kompetenzdiagnostik” entwickelt hatten und den wir heute (auch dank Andreas’ Arbeiten) etwas kritischer bewerten als noch vor fünf Jahren (siehe z.B. Funke, 2014).

In neuerer Zeit hat sich Andreas überdies dem Thema “Weisheit” zugewandt, dessen Nähe zu komplexen Entscheidungen unübersehbar ist. In seinen Lehrveranstaltungen hat er Studierende für dieses Thema begeistert. Auch als Gründungsherausgeber von unserem 2015 gestarteten “Journal of Dynamic Decision Making” ist er aktiv (und wird uns aus Nürnberg auch weiterhin dabei begleiten). Ethisches Denken, computergetützte Diagnostik, kritisches Denken und Systemkompetenz sind seine Schwerpunkte und werden es hoffentlich bleiben können.

Lieber Andreas: Du wirst uns fehlen! Aber die gute Nachricht ist: wir werden in Kontakt bleiben! Dir und Deiner Familie einen guten Start an der neuen Stelle!

Forschungssemester Sommer 2016

Im Leben jedes Hochschullehrers gibt es wiederkehrend Phasen, die als belastend empfunden werden (Vorlesungszeit), und Phasen der Entlastung (vorlesungsfreie Zeit). Herausragend sind die nach LHG §49 Abs 7 möglichen Forschungssemester (”sabbatical”), die der Rektor auf Antrag und mit Zustimmung der Fakultät in der Regel frühestens alle vier Jahre bewilligen kann. Bei mir ist es im Sommer 2016 wieder einmal soweit, dass ich von der Lehre entbunden bin. Ich lehre gerne, doch kostet das gerade im Lichte der verstaltungsbegleitenden Prüfungen mehr Zeit als früher - allein jedes Wintersemester muss ich 8 ECTS Punke (3 für die “Einführung”, 3 für die “Erkenntnistheorie”, 2 für die “Allgemeine Psychologie I”) für >100 Studierende (meist 150 Studierende incl Nebenfächler) bescheinigen. Uff: 1000 ECTS Punkte pro Wintersemester, das war mir gar nicht so klar…

Ich will an einigen Publikationen arbeiten, die schon länger auf eine “Zeit am Stück” warten, und einige neuere Bücher und Artikel lesen. Reisetätigkeit gehört ebenfalls dazu. Ein Besuch in Jacksonville, FL, bei meinem Kollegen Dominik Güss von der University of North Florida steht am Anfang. Dankenswerterweise vertritt mich Ursula Christmann im Sommer nicht nur in der Lehre, indem sie meine Vorlesung mit übernimmt, sondern wird auch in der Administration nach dem Rechten sehen. Das entlastet erheblich!

Das Sabbatical ist ein Ritual, das die Bibel erstmals erwähnt: Gott schuf die Welt in sechs Tagen und ruhte am siebten Tag. Der Gedanke, nach anstrengender Arbeit eine längere Ruhepause zu machen, ist Teil des täglichen Wach- und Schlaf-Rhythmus, aber auch in größeren Zeitskalen kann dieses Konzept natürlich genutzt werden. In manchen Arbeitsgruppen dienen sog. “retreats” zur Findung neuer Ideen - für mich ist ein Forschungssemester nicht nur Regeneration von Kraft, sondern auch mögliche Quelle der Inspiration. In meinem vorletzten Forschungssemester 2006 habe ich die Grundlagen dafür entwickelt, die später von 2007 an im DFG-Projekt “Kompetenzdiagnostik” sechs Jahre erfolgreich weiterverfolgt werden konnten. Das hat sich damals gelohnt. Mal sehen, was diesmal herauskommt.

#Teap2016: A nice conference is over

From Sunday, March 20, until Wednesday, March 23, about 800 participants here at Heidelberg constituted an activity that was labelled the “58. Conference of Experimental Psychologists” (or in short: #teap2016, to use the Twitter hashtag). More than 600 contributions were presented during the 3 days, 12 sessions were run in parallel. Wow!

The Teap (the acronym comes from “Tagung experimentell arbeitender Psychologen”) was held 1958 for the first time at Marburg University, bringing together a small group of experimentalists. The idea was to develop and use a method that Wilhelm Wundt in 1858 learned from Heidelberg scholars, during his time of being Hermann von Helmholtz’ assistent. 100 years later, in 1958, the Teap started for the first time, and since then every year the Teap is hosted by one of the many Psychology Departments in Germany, Austria, or Switzerland. Every 10 years we go all back to Marburg to celebrate that beginning - so, mark the date “60. Teap 2018 at Marburg” already, and the “59. Teap 2017 at Dresden”, too).

During the last 50 years, the number of participants increased steadily: I myself remember my first active participation at a Teap in the year 1982 at Trier University. It was a small conference compared to todays situation but nevertheless it still feels “to be with friends”. Since then, I have seen on many Teap events and have seen the conference growing.

BTW: the last time that the Teap was hold at Heidelberg was in the year 1979, that is, 37 years ago. How long might it take to come back to Heidelberg again? And will then the capacity of our buildings still be big enough for the then increased number of participants?

It is difficult to point to special highlights of such a huge program - but for sure, our three Keynote Lectures have been highlights:

  • Asher Koriat, Haifa, Israel: “Monitoring the correctness of our own knowledge: Subjective Confidence and its accuracy” - showing in a lot of different experiments that the correlation between confidence and accuracy of our judgments about our own knowledge is positive only when people’s cognitive performance is largely correct, but is negative when people are largely in error;
  • Eric-Jan Wagenmakers, University of Amsterdam, Netherlands: “Transparent Research Practices: Past Roots, Present Revolution, and Future Prospects” -  showing his clear recommendations to overcome at least some of the problems resulting from Questionable Research Practices by making research more transparent than today;
  • Klaus Scherer, LMU Munich & Swiss Center for Affective Sciences, Geneva, Switzerland: “Experimental evidence for major emotion theories: A comparative survey” - demonstrating within a huge number of studies (that I could not grasp in short time) the validity of his component process model of emotion.

Also, our delicious conference dinner at the famous “Stadthalle” was a nice event, with classical music from  Noemi Zimdahl (violin) and her brother Malte Zimdahl (piano) - Malte is a psychology student at Mannheim University, Noemi a student of cultural management at Ludwigsburg. They played for us wonderful music with a romantic touch like Brahms or Schubert. For those, who preferred to dance, the nearby located Turmbar offered a late-night party.

A final highlight was the panel discussion on the issue of “Replicability crisis in experimental psychology?!”, with the panelists Eric-Jan “try preregistration” Wagenmakers, Andrea Kiesel, Susann Fiedler, Edgar “do the Neyman-Pearson statistics” Erdfelder, Thorsten Meiser, and Klaus “there is no crisis” Fiedler. A broad spectrum of opinions and recommendations delivered “food for thought” for the trip home. We as organizers were pleased to see that more than half of the 800 participants came to this final event in the Aula of the New University!

Together with my co-organizers Jan Rummel and Andreas Voß, I am happy now! Thanks to all participants for coming and contributing their research! Thanks also to our exhibitors and sponsors! Hope to see you again at Dresden 2017! Last but not least: Thanks to our local team, lead by Sabine Falke!

[and for all friends of Twitter: #teap2016 turns into #teap2017]

Teap-Team is expecting the conference

The Teap conference at Heidelberg runs from March 20 to March 23, 2016. Thanks to the many contributions, we could prepare a wonderful program (load as PDF) with more than 600 individual presentations in 12 parallel sessions per day and now hope that all participants will arrive in good shape and in good mood at Heidelberg.

Sabine Falke, our chief coordinator, prepared the contracts for our large team of helpers. Under the lead of Jule Wolf, our team of student assistants (Sina Baader, Ines Brenner, Fabian Dittmar, Julia Folz, Anna Hänig, Amelie Haindl, Holly Hammerton, Alexander Kipnis, Nini Lü, Linda McCaughey, Melanie Meisel, Theresa Mentrup, Lorena Morschek, Kilian Ramisch, Fiona Rupprecht, Johannes Schultheis, Manuel Thoma, Corinna Walter, Fynn Ole Wöstenfeld, Imme Zillekens) is prepared to help visitors and guests in case of any problems (or better: to prevent problems before they might occur). In addition, our secretary, Mrs. Edith v. Wenserski, helps us organizing the food and drink logistics of our event. You can see most of the team on the picture above, wearing the Teap shirt that helps to identify us.

Participants of the Teap can (from Sunday on) be identified by theirs bags with the Teap 2016 logo imprinted. It might be that Heidelberg citizens - based on the many bags visible on Hauptstrasse (Main Street) - will notice the presence of so many psychologists for a short period of time. I will check that, too!

Looking forward to an exciting and stimulating conference in the sunny town of Heidelberg!

BTW: If you are on Twitter, follow me (jofu01) with the hashtag #teap2016.

Teap 2016 als Wordle Cloud

http://www.teap2016.de/

Reproduzierbarkeits-Debatte geht weiter

Wie nicht anders zu erwarten, geht die schon seit mehreren Jahren andauernde Reproduzierbarkeits-Debatte weiter. Nachdem im August 2015 in der Top-Zeitschrift “Science” mit viel Publizität über die gross angelegten Replikationsstudien der “Open Science Foundation” (OSF) berichtet wurde

Open Science Collaboration (2015). Estimating the reproducibility of psychological science. Science, 349(6251), 1–8. doi:10.1126/science.aac4716

und die Ergebnisse nicht sehr rosig ausfielen (um es mal ganz freundlich zu formulieren), ist gerade letzte Woche die Debatte in “Science” fortgesetzt und erneut aufgeheizt worden. Diesmal wird mit viel Publizität eine gegenteilige These vertreten.

In dem Beitrag von Gilbert et al. (2016)

Gilbert, D. T., King, G., Pettigrew, S., & Wilson, T. D. (2016). Comment on “Estimating the reproducibility of psychological science.” Science, 351(6277), 1037–a. doi:10.1126/science.aad7243

wird ein für das Fach sehr positives Urteil gefällt, nämlich “that the reproducibility of psychological science is quite high”!

Wie kann es sein, dass die eine Studie (die Originalarbeit der OSF-Gruppe) zu einer kritischen Bewertung kommt (OSF 2015: “39% of effects were subjectively rated to have replicated the original result; and if no bias in original results is assumed, combining original and replication results left 68% with statistically significant effects”), während eine erneute Analyse des gleichen Datenmaterials zu einer völlig konträren Einschätzung gelangt: “we show that when these results are corrected for error, power, and bias, they provide no support for this conclusion. In fact, the data are consistent with the opposite conclusion, namely, that the reproducibility of psychological science is quite high” (Gilbert et al., 2016). Offensichtlich besteht Klärungsbedarf!

Die durch Gilbert et al. heftig kritisierte OSF-Autorengruppe erhielt nach guter wissenschaftlicher Praxis Gelegenheit zur Erwiderung auf diese Kritik:

Anderson, C. J., Barnett-Cowan, M., Bosco, F. A., Chandler, J., Chartier, C. R., Cheung, F., … Zuni, K. (2016). Response to Comment on “Estimating the reproducibility of psychological science.” Science, 351(6277), 1037b. doi:10.1126/science.aad9163

Die Einschätzung dieser Gruppe sieht natürlich etwas anders aus: “Their [Gilbert et al.] very optimistic assessment is limited by statistical misconceptions and by causal inferences from selectively interpreted, correlational data. Using the Reproducibility Project: Psychology data, both optimistic and pessimistic conclusions about reproducibility are possible, and neither are yet warranted.” Wenn man sich diese Erwiderung im Detail anschaut, kommt man zu dem Schluss, dass Gilbert et al. sich - nicht ganz fair - bestimmte Kriterien herausgegriffen und fehlerhafte Schlüsse gezogen haben.

Dass aus ein-und-demselben Datensatz unterschiedliche Schlüsse gezogen werden, wundert mich nicht - in einer sehr schön dokumentierten Arbeit aus dem Jahr 2015 haben Silberzahn et al.

Silberzahn, R., Uhlmann, E., Martin, D., Anselmi, P., Aust, F., Awtrey, E., … Nosek, B. A. (2015). Many analysts, one dataset: Making transparent how variations in analytical choices affect results. Open Science Framework, 1–56. [siehe https://osf.io/gvm2z/]

einen Datensatz an 29 verschiedene Forschergruppen gegeben und um Auswertung gebeten. Es ging darin um die durchaus spannende Frage, ob die Hautfarbe eines Fussballspielers Einfluss nimmt auf die Tendenz von Schiedsrichtern, rote Karten zu geben. Es kommen 29 verschiedene Ergebnisberichte zusammen, die einen weiten Range an Schlußfolgerungen abdecken und von signifikanten Einflüssen bis hin zu keinen Einflüssen reichen. Wohlgemerkt: es handelt sich um den gleichen Datensatz!

In Sachen Reproduzierbarkeit ist sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen - in den Foren und Blogs wird heftig weiterdiskutiert, siehe z.B.:

Wichtig scheint mir darüber nachzudenken, was eigentlich Replikation bedeuten soll und was eine “gute” Replikation von einer “schlechten” unterscheidet. Für mich ist das Konzept der “konzeptuellen” Replikation (im Unterschied zur exakt gleichen) wichtig: zu sehen, ob selbst bei geänderter Spezifikation von Details ein Effekt erhalten bleibt. Beispiel: Bleibt die Ebbinghaus’sche Gedächtniskurve erhalten, wenn man andere sinnfreie Silben verwendet als der Original-Autor? [Antwort: ja!] Bleibt die Ebbinghaus’sche Gedächtniskurve erhalten, wenn man statt sinnfreien Silben bedeutungstragendes Wortmaterial verwendet? [Antwort: nein!]

An solchen “konzeptuellen” Erweiterungen sieht man m.E. die Tragfähigkeit von Effekten deutlicher als an statistischen Signifikanzen, die knapp die willkürlich gezogene Zufallsgrenze unterschreiten. Aber wann ist eine Replikation eine “Replikation”?

Philosoph Sloterdijk und Iwan Pawlow

Es kommt selten vor, dass sich Philosophen auf die Niederungen der Lernpsychologie einlassen - im Feuilleton der “Zeit” (Nr. 11/3.3.2016, S.39-40) schreibt Peter Sloterdijk über Iwan Pawlows Hund (von Sloterdijk als “Welt-Ikone des 20. Jahrhunderts” bezeichnet), der für uns Psychologen das Prinzip der klassischen Konditionierung (= Signallernen) verkörpert. Er schildert die Entdeckung Pawlows wie folgt:

“Man darf es als eine Ironie der Ideengeschichte ansehen, wenn heute mehr als ein Grund erkennbar wird, warum man sich heutzutage erneut mit den Pionieren der »materialistischen Psychologie« in der frühen Sowjetunion, namentlich Pawlow und Bechterew, befassen sollte. Vergessen wir für einen Moment, was die meisten ohnehin nicht wussten: dass Pawlow einer der größten Tierquäler der Menschheitgeschichte war. Halten wir uns an das Bekannte: Er war der Entdecker eines der mächtigsten psychophysischen »Mechanismen«, die jemals experimentell offengelegt wurden. Der Pawlowsche Hund wurde neben Laika, der Weltraum-Hündin, und neben Andy Warhols Cola-Dosen zu einer Welt-Ikone des 20. Jahrhunderts, weil er die Darstellung des Kausalzusammenhangs zwischen Zeichenwelt und Physiologie in die Öffentlichkeit trug. Pawlows Hund ist ein so tragisches und betrogenes Tier wie Charlie Chaplins Tramp der Archetypus des komischen armen Tropfs war. Dass ihm der Speichel fließt, nur auf das Zeichen hin, das anfangs die Fütterung begleitete, auch wenn es später kein Futter mehr gab, enthält einen abgründigen Hinweis auf die symbolabhängige Dressierbarkeit von lernfähigen Lebewesen. Die Physis wird von der Zeichensphäre überlistet.

Pawlow selbst schreckte vor Anwendungen seiner Entdeckung auf Humangesellschaften nicht zurück. Als tapferer Materialist übertrug er, vom frühsowjetischen Zeitgeist beflügelt, das Muster des bedingten Reflexes auf das menschliche Zusammenleben im Ganzen und deklarierte alles, was wir Kultur nennen, zu einem riesenhaften Komplex aus bedingten Reflexen. Scheinbar autonome Disziplinen wie Soziologie, Politologie, Kulturtheorie und Semiotik, sie alle werden damit zu Sonderfällen der höheren Reflexologie. Auch die Strategiekunde, nicht selten (neben der Ästhetik) für das Summum situativer Urteilskraft gehalten, erscheint im Licht dieser ultrakühlen Logik bloß als eine Form der reflexiven Handhabung von bedingten Reflexen.”

Diese (politische) Einordnung von Pawlows Entdeckung als “symbolabhängige Dressierbarkeit von lernfähigen Lebewesen” finde ich spannend. Unsere Lehrbücher nehmen zur politischen Dimension dieser Entdeckung meist keine Stellung. Interessant, wie Philosophen das sehen!

Leopoldina in Heidelberg

Die angesehene Wissenschaftler-Vereinigung “Leopoldina“  - laut Wikipedia “die älteste naturwissenschaftlich-medizinische Gelehrtengesellschaft im deutschsprachigen Raum” - hat eine eigene Sektion 26 für die Psychologie. Diese sind von den Mitgliedern Klaus Fiedler und Frank Rösler diese Woche nach Heidelberg eingeladen worden, um hier im Institut ein Symposium zum Thema ““Action and Decision” abzuhalten. Illustre Gäste und spannende Vortragsthemen:

  • Wolfgang Prinz: The meaning of movements: Relationships between declarative action knowledge and procedural knowledge for action control
  • Bernhard Hommel: The impact of cognitive control on social cognition and decision-making
  • Jan Born: Influencing action dispositions during sleep
  • Michael Frese: What happens after an error – Towards an action oriented approach to error management
  • Ulrike Hahn: Rationality of Judgment and Decision Making
  • Klaus Fiedler: Metacognitive myopia – A major impediment of rational action decision making

Manchmal hat man das Glück, gute Vorträge direkt frei Haus geliefert zu bekommen! Und in den Pausen gute Gelegenheiten für vertiefende Fachgespräche - auch das gehört dazu! Unter den Gästen, die zwar anwesend waren, aber nicht vorgetragen haben, waren auch Dietrich Dörner, Karl Gegenfurtner und Clemens Kirschbaum.

Mir persönlich haben besonders gut gefallen die Beiträge von Wolfgang Prinz mit seiner Unterschidung von “Action talk and movement talk”, Bernhard Hommel mit dem Yin und Yang von “flexibility and persistence“, Michael Frese mit seinem Konzept des “error management“, Ulrike Hahn mit ihrer Kritik der Rationalitätskonzepte am Beispiel des “unrealistic optimism” und Klaus Fiedlers Überblick zum Thema “meta-cognitive myopia“.

Viele Anregungen zum Weiterdenken!

Mal ohne Worte

[Quelle: Anonymous; am Schwarzen Brett des Hintergebädes gefunden.]