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Punkt, Komma, Strich

Ich gestehe: Ich bin ein Freund von Satzzeichen! Punkt, Komma, Strich sind mir wertvolle Genossen im Kampf um Verständnis! Die Satzzeichen spiegeln etwas, das wir beim Sprechen in anderer Form praktizieren: Wir sprechen kein Fragezeichen, aber wir heben die Stimme. Wir sprechen keinen Punkt, aber wir machen eine Pause! Wir sprechen kein Ausrufezeichen, aber wir betonen eine Aussage durch besondere Emphase! Deswegen sind Satzzeichen wichtige Helfer beim Lesen und Vorlesen, weil sie Anweisungen enthalten, wie wir Wörter zu verstehen haben.

Das Komma: Ein Moment des Innehaltens und Luftholens verbunden mit der Gewissheit, dass es sofort weitergehen wird. Auch gut geeignet für kleine Einschübe. Es gibt auch kleine Bedeutungsunterschiede: “Professoren sagen, Studenten haben es gut” ist etwas anderes als “Professoren, sagen Studenten, haben es gut”.

Der Gedankenstrich: Für einen Denkpsychologen natürlich eine der wertvollsten Hilfen! Die Aufforderung zum Nachdenken, zum Innehalten für einen kurzen Moment: Wie toll ist das denn! Ich liebe den “-” und verwende ihn nach Meinung mancher Leserinnen und Leser zu oft - das kann ich aus meiner Sicht nicht bestätigen! Man kann nicht oft genug Nachdenken, oder doch?

Der Punkt: Er sorgt für den Abschluß. Im Strom der Wörter die Sinnabschnitte zu finden ist nicht immer leicht. Punkte helfen dabei. Sie markieren Ende und Neuanfang, wenn es weitergeht. In der Steigerung von drei Punkten “…” am Satzende lassen sie das Ende in drei Richtungen offen und ziehen den Leser in die Entwicklung mit ein: Wie wird es wohl weitergehen?

Das Semikolon: Ein Zwitter zwischen Komma und Punkt. Ein erster Teil des Gedankens geht zu Ende, aber es kommt noch etwas hinterher, das dazugehört. Eine schöne Abstufung eines Gedankens, dem noch etwas angehört; ein angebrochener Gedanke, der zum Abschluß geführt wird.

Das Fragezeichen: Drückt Unwissen und Unsicherheit aus. “Wann kommst Du?”, “Wer war Duden?”, “Woher kommen Satzzeichen?”. Der Modus des Fragens ist ein Modus der Informationsuche. Und auch hier ist die Steigerung in Form der “Drei Fragezeichen” (???) natürlich etwas Besonderes.

Das Ausrufezeichen betont den Inhalt und drückt Überraschung, Empörung oder Staunen aus. Er hebt einzelne Gedanken aus dem Strom des Geschriebenen hervor und verstärkt unsere Aufmerksamkeit. Steigerungsform: Mal wieder die dreifache Wiederholung “!!!” (sozusagen fett und kursiv zusammen, eine besondere Emphase).

siehe auch meinen früheren Blogeintrag: “Lob des Leerzeichens

HDJBO Band 2: Citizen Science

Seit 2007 bin ich als Vorstandsmitglied der “Stiftung Universität Heidelberg” und der “Gesellschaft der Freunde” (GdF) für die Betreuung der “Heidelberger Jahrbücher” zuständig. Auf der zugehörigen Webseite der GdF heißt es:

  • “Die Gesellschaft der Freunde ist Herausgeber der traditionsreichen Schriftenreihe Heidelberger Jahrbücher. Die Publikation wurde im Jahr 1807 von Heidelberger Professoren unter dem Namen Heidelbergische Jahrbücher der Literatur begründet und hat eine wechselvolle und durch zwei Weltkriege unterbrochene Geschichte hinter sich. Verantwortlich für die Themenfindung und Autorensuche sind die vom Verein beauftragten Bandherausgeber.”

Ich bin sehr stolz darauf, die Tradition einer der ältesten Zeitschriften der Welt (sic!) fortsetzen zu dürfen und in den letzten zwei Jahren mit tatkräftiger Unterstützung durch die Universitätsbibliothek die Umstellung auf ein elektronisches Format (open access) geschafft zu haben. Schon Band 55 (2013) wurde aus Kostengründen nicht mehr im Springer-Verlag herausgegeben (wo die älteren Bände seit 1957 zu finden sind), sondern in eigener Regie der “GdF”. Die weiteren Bände erscheinen seit 2016 nicht mehr primär als Druckversion, sondern unter dem leicht veränderten Titel „Heidelberger Jahrbücher Online“ im elektronischen Format (mit der Möglichkeit von „Print on Demand“). Den ersten online erschienenen Band 1 (2016) mit dem Rahmenthema „Stabilität im Wandel“ (herausgegeben von Michael Wink und mir) kann man hier abrufen. Nun ist das Heidelberger Jahrbuch 2017 fertig (hier abzurufen). Worum geht es thematisch?

Wir haben uns diesmal als fächerübergreifende Thematik mit den verschiedenen Spielarten von “Open Science” bzw. “Citizen Science” beschäftigt. In vielen Wissenschaftsdisziplinen übernehmen Laien Aufgaben wie das Erfassen von Tieren und Pflanzen in bestimmten Gebieten oder die Sichtung von Sternen. In der Medizin sind es Selbsthilfe-Gruppen, die Wissen sammeln und organisieren, in der Psychologie wird über Laien-Therapie und “open data” diskutiert. In der Germanistik werden editorische Tätigkeiten durch Laien ausgeführt, in der Geschichtswissenschaft durchforstet man Archive oder sammelt lokale Daten.

Während Citizen Science auf die Beteiligung von Bürgern abzielt, richtet sich Open Science vorrangig (aber nicht exklusiv) an die Welt der Wissenschaft: es geht um Verfügbarmachung von Sammlungsobjekten, Daten, Prozeduren, Texten und Materialien aller Art (z.B. durch Digitalisierung). Open Access ist ein Zauberwort, das allerdings auch Probleme mit sich bringt. Ein Blick auf die “Transparenzkulturen” der verschiedenen Fächer ist sehr aufschlussreich.

Diese Thematik von “Wissenschaft für alle” beleuchten wir aus der bunten Sicht unserer Volluniversität. Hier ist die Liste der neun Beiträge und der beteiligten Autorinnen und Autoren mit ihren jeweiligen Themen:

1: Vorwort (Michael Wink, Pharmazeutische Biologie, & Joachim Funke, Allgemeine Psychologie)

2: Citizen Science and Psychology: An Evaluation of Chances and Risks (Joachim Funke, Allgemeine Psychologie)

3: Historiker als “Mittler zwischen den Welten”? Produktion, Vermittlung und Rezeption historischen Wissens im Zeichen von Citizen Science und Open Science (Cord Arendes, Angewandte Geschichtswissenschaft)

4: Open Access in der Wissenschaft und Marktregulierung (Stefan J. Geibel, Gesellschafts- und Wirtschaftsrecht)

5: Selbsthilfe und Krankenhaus: Gemeinsam geht es besser (Anette Bruder, Heidelberger Selbsthilfebüro, & Friederike Fellenberg, Nationales Centrum für Tumorerkrankungen)

6: More than 30 000 volunteers involved in identification of tiny rare interstellar dust particle candidates collected by the Stardust mission (Andrew J. Westphal & Mario Trieloff, Geo- und Kosmochemie)

7: Citizen Science in der Biologie - Schwerpunkt Ornithologie (Michael Wink, Pharmazeutische Biologie)

8: Einsatz von Citizen Science im phänologischen Monitoring der Apfelblüte in Deutschland (Okke Gerhard, Nils Wolf & Alexander Siegmund, Physische Geographie)

9: “Science for the People” oder “Wissenschaft für alle 4.0″“ (Hans J. Pirner, Theoretische Physik)

Ein Zitat aus dem Vorwort: “Die Publikation als e-Book hat sich bislang bewährt: sie spart Kosten und ermöglicht dank ‘open access’ eine größere Verbreitung als die Print-Version. Der erste Band, der im letzten Jahr unter dem Titel ‘Stabilität im Wandel’ erschien (Wink & Funke, 2016), wurde in den ersten 12 Monaten nach Erscheinen mehr als 2000mal zum Download angefordert – das ist beachtlich! Dank der guten Zusammenarbeit mit ‘Heidelberg University Publishing (HeiUP)‘ kann zudem für geringe Kosten eine Print-Version ‘on demand’ (sowohl in der preiswerten Softcover- wie auch in der etwas teureren Hardcover-Version) hergestellt werden. Dass dieser Band über Bürgerwissenschaft kostenlos für jeden zu haben und zu lesen ist, freut mich - hier ist Wissenschaft ohne finanzielle Schranken zu rezipieren! Ein Geschenk für mündige Bürger!

Dank gebührt der Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V. für ihre unermüdliche Unterstützung des traditionsreichen Projekts. Dank geht auch an unsere Redaktionsassistentin Julia Karl, die in bewährter Manier die Manuskripte für den Satz aufbereitet hat und dabei die Hilfe von Marion Lammarsch in Anspruch nehmen durfte. Dank gilt auch der Universitätsbibliothek unter der Leitung von Veit Probst, dessen Team (Maria Effinger, Anja Konopka und Frank Krabbes) uns wie im letzten Jahr wertvolle Hilfe geleistet hat.”

Michael Wink und ich sind nun gespannt, wie die Resonanz auf unseren neuen Band ausfällt! Und natürlich beginnt mit dem Erscheinen von HDJBO Volume 2 die Planung für Volume 3…

Komplexität, Problemlösen und Kognitive Psychologie

Wieder einmal ist über ein neues Buch zu berichten: unser Essener Kollege David Tobinski hat bei Springer ein neues Werk unter dem Titel Kognitive Psychologie. Problemlösen, Komplexität und Gedächtnis veröffentlicht, das deutlichen Bezug zu meinen Problemlöse-Vorstellungen aufweist und (nicht nur deswegen) eine gründlichere Analyse verdient.

Es handelt sich um die überarbeitete Fassung seiner Dissertation, in der er sich einem vertieften Verständnis von Komplexität widmet. Dazu zieht er den Bereich des komplexen Problemlösens heran. Um die Schnittstelle zwischen Individuum und Umwelt besser zu verstehen, wird das Konstrukt “Gedächtnis” näher betrachtet und in einer kognitiven Architektur eingeordnet. Das Modell eines Arbeitsgedächtnisses nach Alan Baddeley wird hierzu erweitert. Die beteiligten Komponenten im Tobinski-Modell sind der episodische Buffer (EB), das operative Langzeitgedächtnis (LZG-ORV), das sensorische Langzeitgedächtnis (LZG-SEN), ein somatisches motorisches Programm (MP-SOM) und ein vegetatives (MP-VEG), ein sensorisches Register für Umweltreize (SR-UW) und eines für somatische Reize (SR-SOM), die phonologische Schleife (PS) und der räumlich-visuelle Notizblock (RVN). Ganz schön viele verschiedene Bausteine für das Gedächtnismodell! Aber alle haben spezifische Funktionen und werden beim Problemlösen an unterschiedlichen Stellen im Verarbeitungsprozess benötigt.

Was ich vermisst habe, ist der Einbezug motivationaler Faktoren - Emotion kommt als Emotionsdynamik vor (wenngleich eher knapp beschrieben), Motivation fehlt ganz (noch nicht mal als Stichwort im Register aufgeführt). Gerade weil Probleme so eng mit Zielen verbunden sind, wundert das ein wenig. Die von Dietrich Dörner so oft beschworene Interaktion von Kognition, Emotion und Motivation geht im Dschungel der Gedächtnisprozesse verloren. Aber vielleicht hat es auch mit dem Titel “Kognitive Psychologie” zu tun, der in gewisser Weise (zu sehr?) selbstbeschränkend ist.

Gedächtnismodell

In der Verlagsankündigung heisst es: “Dieses Lehrbuch widmet sich mit Leidenschaft einem modernen Kernthema der kognitiven Psychologie bzw. der Kognitionswissenschaften: Dem Problemlösen. Denn Problemlösen ist für die kognitive Psychologie einer der Schlüssel zum Verständnis von Lernen und Wissen überhaupt und der daraus resultierenden Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt.” Dem kann ich voll und ganz zustimmen! Ein lesenswertes Buch!

Quelle: Tobinski, D. A. (2017). Kognitive Psychologie. Problemlösen, Komplexität und Gedächtnis. Heidelberg: Springer.

Gastbeitrag “Das erste Mal Master-Zulassungstest am Psychologischen Institut Heidelberg”

Dr. Benjamin Tauber

ein Gastbeitrag von Dr. Benjamin Tauber (bis 30.09.17 betraut mit der Umsetzung des Master-Auswahlverfahrens)

Vorbemerkung

Das Master-Auswahlverfahren war schon immer und bleibt wohl zukünftig ein viel diskutiertes Thema am Psychologischen Institut in Heidelberg. Als Student/In bangt man um die Weiterführung des bisherigen Studiums und wird durch einen potentiellen Hochschulwechsel vielleicht sogar zu einer Umstrukturierung des weiteren Lebens gezwungen. Als Mitarbeiter/In des Psychologischen Institutes ist man intensiv in den Auswahlprozess eingebunden. Hinzukommen die vielen Mitarbeiter/Innen der Universitätsverwaltung, wie zum Beispiel Verwaltungsangestellte, das Auslandsamt oder die Rechtsabteilung, die mit der erfolgreichen Umsetzung des Prozesses betraut sind. Man kann festhalten: Das Master-Auswahlverfahren ist ein Thema, welches für einige Monate wirklich viele Personen umfassend beschäftigt und in Atem hält. Wenn man bedenkt, dass es zudem jährlich anfällt, so stellt sich automatisch die Frage nach Verbesserung und Optimierung des Verfahrens, der Abläufe und Organisation, aber ebenso natürlich die Frage nach Gerechtigkeit und Fairness, sowie der Menschlichkeit im Prozess.

Wo haben uns die vergangenen Jahre hingeführt?

Dieses Jahr wurde das erste Mal ein Zulassungstest am Psychologischen Institut in Heidelberg umgesetzt. Die Umsetzung dieses Tests war ein Prozess langanhaltender und umfassender Diskussion von Professoren/Innen, wissenschaftlichen Mitarbeiter/Innen und Student/Innen. Es wurde in Gremien diskutiert und Sonderausschüsse gebildet. Der Wunsch, einen fairen und aussagekräftigen Auswahltest umzusetzen, schwelte schon lange am Psychologischen Institut, doch dauerte es über 3 Jahre, diesen Plan schlussendlich in die Tat umzusetzen.

Was ist vom Verfahren 2016 zum Verfahren 2017 verändert worden?

Das Motivationsschreiben, welches eine der drei Säulen des bisherigen Auswahlverfahrens dargestellt hatte, wurde mit einem Test, also einer schriftlichen Prüfung, ersetzt. Ich möchte hier nicht die Argumente für und wider Test und Motivationsschreiben beleuchten, dies wurde in der Vergangenheit umfassend diskutiert. Ich will nur sagen, dass beide Vorgehensweisen ihre speziellen Vor- und Nachteile haben und sich am Ende der Test wegen seiner als höher eingestuften Objektivität, Ökonomie der Organisation und Validität als Prädiktor in der Diskussion durchgesetzt hat (-> „quod esset demonstrandum!“).

Testdurchführung im Hörsaal Chemie

Der Test wurde unter der Federführung von Herrn Prof. Dr. Dirk Hagemann im Auftrag des Zulassungsausschusses Psychologie Heidelberg zusammengestellt und administriert. Der Test gestaltete sich als 90-minütige Klausur und wurde im großen Hörsaal der Chemie umgesetzt. Insgesamt kamen am ersten Termin, dem 26.06.2017, 296 Teilnehmer/Innen für den DCP und noch einmal 120 Teilnehmer/ für den OBAC. Am Nachholtermin, dem 10.07.2017, waren es immerhin noch einmal 41 Teilnehmer für den DCP und noch einmal 16 Teilnehmer für den OBAC. Insgesamt haben 473 der rund 850 Bewerber auf die Masterstudienplätze den Test mitgeschrieben. Wenn man bedenkt, dass im DCP 64 Studienplätze und im OBAC noch einmal 26 Studienplätze zu vergeben sind, dann ist einem schnell klar, welchen Stress der Test trotz seiner Freiwilligkeit darstellt.

An dieser Stelle möchte ich gerne ein paar Worte an die Student/Innen geben, welche den Test geschrieben haben. Ich habe selten eine so zielstrebige, engagierte, kämpferische, aber auch ‘brave’ Population gesehen. Nachdem die Plätze eingenommen worden sind und der Test gestartet wurde, war es abgesehen von den rhythmischen Schreibgeräuschen totenstill im Raum. Dies hat mich im positiven Sinn schwer beeindruckt. Nachdem die Ersten schon nach 50 Minuten abgeben wollten, haben wir gestattet, dass man nach 60 Minuten und schließlich nach 90 Minuten den Raum wieder verlassen kann.

Was denke ich über die Einführung des Master-Auswahltests?

Ich bin der Meinung, dass der Test, im Vergleich zu den Motivationsschreiben, vom Arbeitsaufwand im Verfahren um einiges ökonomischer ist. Ich denke zudem, dass der Test deutlich objektiver ist und ich bin ebenfalls der Meinung, dass der Test eine höhere Validität aufweist als das Motivationsschreiben. Ich kann jedoch auch sehr gut verstehen, wenn man hier anders denkt, beziehungsweise die Vorteile anderer Bewerbungsverfahren und -instrumente, vor allem des Motivationsschreibens, sieht. Ich bin froh, dass die erste Umsetzung des Auswahltests so gut funktioniert hat und wir über die Administration des Tests einiges gelernt haben (z.B.: mehrere Registrierungsschlangen beim Einlass; größere Zeitspanne zwischen DCP und OBAC-Test). Das erste Stimmungsbild der Student/Innen war im Großen und Ganzen positiv dem Test gegenüber – der Test wurde im Nachhinein subjektiv als hart aber fair und dem Motivationsschreiben überlegen bewertet. Man kann gespannt bleiben, wie es mit dem Test weitergehen wird. Kein Verfahren ist perfekt, aber ich bin davon überzeugt, dass wir in Heidelberg ein gutes Auswahlverfahren haben.

Mein Fazit: Das Master-Auswahlverfahren war schon immer und bleibt wohl zukünftig ein heikles Thema am Psychologischen Institut in Heidelberg, aber dies ist auch gut so! Es muss weiterhin kritisch und fair über die Prozesse und auch das Verfahren innerhalb des Psychologischen Institutes diskutiert werden. Die Zulassungsordnung, auf deren Basis das Verfahren beruht, ist hier das maßgebliche Dokument, dessen Umsetzung strikt Folge zu leisten ist. Es bleibt natürlich zu bemerken, dass dieses Dokument änderbar und debattierbar ist.

Mir ist besonders wichtig noch einmal festzuhalten, dass das Verfahren zusätzlich zu der normalen Arbeit, die meine lieben Kolleg/Innen haben, von diesen mitgetragen wird. Der Dank für die Arbeit sind häufig nur Worte und ein Gefühl im Rahmen des Möglichen zu einem fairen und gerechten Urteil gekommen zu sein Ich möchte diese Gelegenheit noch einmal nutzen um zu sagen: Vielen, herzlichen Dank von mir persönlich für die tolle Unterstützung über die letzten vier Jahre hinweg. Danke!

Ich bedanke mich noch einmal abschließend bei all denen, mit denen ich im Verfahren zusammenarbeiten durfte und wünsche euch, sowie allen Bewerber/Innen für die Master-Plätze, viel Erfolg und alles Gute! Viele Grüße,

Dr. Benjamin Tauber

Probleme beim Erfassen des Grammatiklernens

In einem gerade erschienenen Beitrag von Daniel Danner, Dirk Hagemann und mir berichten wir über Messprobleme im Kontext künstlicher Grammatiken. Solche Grammatiken wurden im Kontext des impliziten Lernens eingeführt, einer Lernform, bei der Menschen die komplizierten Abläufe von Regelsystemen ohne Lernabsicht beherrschen lernen. Das beste Beispiel dafür ist das Erlernen der Grammatik-Regeln unserer Muttersprache, die wir als Kinder erwerben ohne es wirklich zu wollen - wenn wir als Baby gewusst hätten, wie kompliziert die deutsche Grammatik ist (siehe Duden), hätten wir vielleicht jede Lust am Sprechen verloren… Jedenfalls haben wir hier ganz komplizierte Regelwerke (mehr oder weniger gut) beherrschen gelernt ohne das uns jemand in die Geheimnisse von Subjekt, Verb und Objekt eingeführt hätte.

In drei Experimenten haben wir die Tauglichkeit künstlicher Grammatiken zur Erfassung individueller Unterschiede beim impliziten Lertnen überprüft. Fragen, die uns umgetrieben haben, waren z.B.: Was passiert, wenn solche Grammatiken wiederholt präsentiert werden? Wie kann man das erworbene Wissen sauber erfassen? Was läßt sich über die Zuverlässigkeit solcher Messungen sagen? Welche Zusammenhänge bestehen zur Intelligenz?

Im Ergebnis zeigt sich, dass die Verwendung derartiger Grammatiken nur mit Vorsicht zu genießen sind, wenn es um individuelle Unterschiede geht. Hier die Zusammenfassung unseres Beitrags: “Implicit learning can be defined as learning without intention or awareness. We discuss conceptually and investigate empirically how individual differences in implicit learning can be measured with artificial grammar learning (AGL) tasks. We address whether participants should be instructed to rate the grammaticality or the novelty of letter strings and look at the impact of a knowledge test on measurement quality. We discuss these issues from a conceptual perspective and report three experiments which suggest that (1) the reliability of AGL is moderate and too low for individual assessments, (2) a knowledge test decreases task consistency and increases the correlation with reportable grammar knowledge, and (3) performance in AGL tasks is independent from general intelligence and educational attainment.”

Nachzulesen ist der komplette Beitrag hier:

Danner, D., Hagemann, D., & Funke, J. (2017). Measuring individual differences in implicit learning with artificial grammar learning tasks. Conceptual and methodological conundrums. Zeitschrift für Psychologie, 225(1), 5–19. https://doi.org/10.1027/2151-2604/a000280

Tag der Freunde 2017

Einmal im Jahr trifft sich die “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” (kurz: GdF) zur Mitgliederversammlung. Und um dieses formale Ereignis herum gruppieren wir einen Festvortrag und ein gemeinsames Abendessen. Das ganze Arrangement nennen wir dann “Tag der Freunde“.

Am Freitag 21.7.17 fand der “Tag der Freunde 2017” statt. Im angenehm klimatisierten Hörsaal 14 wurde unter meiner Leitung zunächst die Mitgliederversammlung durchgeführt, die im Wesentlichen aus einem Bericht des Vorstands bestand. Dabei haben wir die zahlreichen Förderinitiativen hervorgehoben, die dank der Spenden der Freunde gefördert werden konnten.

Der Direktor der UB, Dr. Veit Probst, bedankte sich für die Unterstützung der Digitalisierungsvorhaben. Die GdF gibt ja schon lange eine der traditionsreichsten Jahrbücher der Welt heraus, nämlich die seit 1808 regelmäßig erscheinenden “Heidelberger Jahrbücher“, deren Altbestände Schritt für Schritt digitalisiert und online zugänglich gemacht werden (hier ein Link). Inzwischen ist die Reihe im Verlag “Heidelberg University Publishing” komplett auf Online-Publikation umgestellt und trägt den Namen “Heidelberger Jahrbücher Online“.

Der Rektor, der qua Amt im Vorstand der GdF sitzt, hob in seinem Berichtsteil die Förderung der Universität durch die GdF hervor, die sich z.B. mit 20.000 Euro am Ausbau des WLAN-Netzes für Studierende beteiligt hat. Innenhöfe wie z.B. der Barockgarten in der Altstadt (oder auch der Innenhof des Psychologischen Instituts!) werden nicht zuletzt dadurch zu wertvollen Aufenthaltsräumen für Studierende.

Den Festvortrag im vollen Hörsaal 14 hielt Prof. Dr. Detlev Ganten (Berlin) zum Thema “Die Steinzeit steckt uns in den Knochen – was bedeutet das für unsere Gesundheit?”. Hier ein Ausschnitt aus der Zusammenfassung: “Aus Darwins Hypothese zur Evolution des Menschen ist eine neue Disziplin entstanden: die ‘Evolutionäre Medizin’. Durch moderne Sequenzierungsmethoden, die unsere molekulare Herkunft von den Einzellern, Fischen, Amphibien, Reptilien, über die Primaten zum Homo Sapiens exakt beschreiben, verstehen wir jetzt, was unser Körper braucht, indem wir weit zurückschauen und unsere Herkunft erkennen. Wir haben es selbst in der Hand, die großen Zivilisationskrankheiten (Infarkte, Gelenkleiden, Krebs, Demenz, Depression) zu verstehen und zu verhindern. Dort, wo das Leben auf der Erde begann, liegt der Schlüssel für eine bessere Gesundheit. Freude am Leben und Optimismus sind auch aus evolutionärer Sicht von Vorteil.” Beeindruckend, wie er in seinen höchst motivierenden Vortrag für eine systemische Betrachtung warb: seine Formel für Gesundheit führt (1) biologische Aspekte des Menschen auf der einen Seite und (2) Umweltbedingungen auf der anderen Seite zusammen im Begriff des (3) Lebensstils. Im Anschluß an den prägnanten Vortrag fand eine lebendige Diskussion statt.

Das anschließende Abendessen im Kreis der Freunde fand dies mal nicht - wie in früheren Jahren üblich - im Haus Buhl statt (das wird in den nächsten 2-3 Jahren renoviert und steht daher längere Zeit nicht zur Verfügung), sondern im “Internationalen Wissenschaftsforum Heidelberg” (IWH). Dessen Garten, ganz lieblich unterhalb des Heidelberger Schlosses gelegen und mit schönem Blick darauf, bot uns an diesem lauen Sommerabend Gelegenheit zum Gespräch unter Freunden und zum Essen und Trinken in schöner Atmosphäre.

Das IWH ist auch deshalb ein passender Standort gewesen, weil unsere Schwesterorganisation “Stftung Universität Heidelberg“, dessen Vorstandsvorsitzender Karl Hahn auch im gemeinsamen Vorstand der GdF sitzt, im Jahr 1986 zum 600jährigen Jubiläum der Universität) dieses Gebäude der Universität zu Wissenschaftszwecken übergeben hat und sich seither satzungsgemäß um das IWH kümmert. Im Jahr 2018 soll dort auch das neue Format des “Stiftungs-Symposiums” ausprobiert werden. Darüber demnächst mehr.

Für mich als Psychologe hat das Gebäude auch noch eine andere Bedeutung: Bis in die 1970er Jahre hinein war das heutige IWH in der Hauptstrasse 242 nämlich Sitz des Psychologischen Instituts unter Leitung von Carl-Friedrich Graumann, bevor der Umzug in die Hauptstrasse 47 erfolgte.

PS: Im nächsten Jahr feiert die GdF ihren 70. Geburtstag. Der “Tag der Freunde 2018″ ist auf Freitag 20.7.2018 gelegt (und auch am 21.7. werden wir wohl noch feiern!). Vielleicht schon mal vormerken? Ich würde mich freuen!

Was bedeutet das Lösen komplexer Probleme?

Seit vielen Jahren beschäftigt mich der Umgang von Menschen mit komplexen Problemen. Angefangen hatte meine Begeisterung für das Themenfeld “Komplexes Problemlösen” (auf englisch: “complex problem solving”, CPS) bereits Mitte der 1970er Jahre mit den ersten Publikationen zur Bürgermeister-Simulation “Lohhausen“, die mich faszinierten, und fortgesetzt im Jahr 1982, als ich erstmals die computersimulierte Version einer Management-Anforderung namens “Schneiderwerkstatt” in die Hände bekam und meine Dissertation entsprechend auf computersimulierte Mikrowelten ausrichtete. Seit dieser Zeit habe ich mich kritisch-konstruktiv mit dem Themengebiet auseinandergesetzt. Darunter fiel vor allem eine Diskussion mit der Bamberger Forschungsgruppe um Dietrich Dörner, an dessen provokanten Thesen ich mich abgearbeitet hatte. Nur folgerichtig erhielt Dietrich Dörner im Jahr 2016 die Ehrendoktorwürde unserer Universität (siehe meinen damaligen Blog-Eintrag). Noch in seiner Dankesrede sprach Dietrich Dörner von mir freundschaftlich als seinem “ältesten Feind”.

Wir haben - nicht nur bei der Gelegenheit der Ehrung - darüber diskutiert, wie sich das Feld des komplexen Problemlösens seit den 1970er Jahren entwickelt hat. Wir beide standen unter dem Eindruck, dass sich die Validität des seinerzeitig eingeführten Konstrukts im Zuge der Entwicklung von “minimal complex systems” subtil verändert hatte. Erst recht hat der leise Übergang der Interpretation des Kürzels MCS als “minimal complex systems” zu “multiple complex systems” das Problem verschärft, suggeriert die neue Begriffsverwendung doch mehr als zuvor die Verwendung “wahrer” komplexer Systeme (die in Wirklichkeit aber sehr einfach sind und mit Hilfe einer einzigen Strategie zu bewältigen sind).

Diese gemeinsamen Diskussionen haben sich nun in einem Aufsatz manifestiert, der unserer beider Gedanken zum Thema festhält. Das Besondere an diesem Beitrag: Es ist das erste Mal seit 40 Jahren, dass wir beide - Dietrich Dörner und ich - etwas gemeinsam verfasst haben. Toll, dass nach so vielen Jahren des Streits ein Konsens feststellbar ist! Die “Authors Note” des Artikels in ihrer jetzigen Form lautet “After more than 40 years of controversial discussions between both authors, this is the first joint paper. We are happy to have done this now! We have found common ground!” - um ein Haar (und am liebsten!) hätte der Setzer übrigens daraus gemacht: “Both authors contributed equally”. Ich bin froh, dass der Setzer meinem Textvorschlag, auf dem wir insistiert haben, gefolgt ist!

Schon in der Diskussionsrunde von 1999 (Funke, Buchner, Dörner, Süß, & Vollmeyer, 1999. Diskussionsrunde zum Themenheft “Komplexes Problemlösen.” Psychologische Rundschau, 50(4), 229–233. http://doi.org/10.1026//0033-3042.50.4.229) sagte Dietrich Dörner über die Zukunft des komplexen Problemlösens: “lch bin mir aber hinsichtlich der Zukunft dieses Forschungsbereiches überhaupt nicht sicher. An manchen Stellen wurde er denaturiert dadurch, daß man etwa aus komplexen Szenarios ‘Tests’ machen wollte” - ja, genau das haben wir gemacht :-) Und waren sehr erfolgreich damit! Allerdings habe ich in unseren Arbeiten für die OECD im Rahmen von PISA 2012 Problem Solving den Begriff “interactive problem solving” (und nicht “complex problem solving”) verwendet. Genau an dieser falsch verstandenen Interpretation von interaktivem Problemlösen als komplexem Problemlösen setzt jetzt aber auch unsere Kritik erneut an. Interaktives Problemlösen und komplexes Problemlösen sind zweierlei Dinge.

Hier unser Abstract: “Computer-simulated scenarios have been part of psychological research on problem solving for more than 40 years. The shift in emphasis from simple toy problems to complex, more real-life oriented problems has been accompanied by discussions about the best ways to assess the process of solving complex problems. Psychometric issues such as reliable assessments and addressing correlations with other instruments have been in the foreground of these discussions and have left the content validity of complex problem solving in the background. In this paper, we return the focus to content issues and address the important features that define complex problems.”

Wir schlagen eine erweiterte Definition des komplexen Problemlösens vor, die über die häufig zitierte CPS-Definition von Frensch und Funke (1995) in mehrfacher Hinsicht hinausgeht. Dort wurde gesagt (p. 18): Komplexes Problemlösen “… occurs to overcome barriers between a given state and a desired goal state by means of behavioral and/or cognitive, multi-step activities. [In CPS,] the given state, goal state, and barriers … are complex, change dynamically during problem solving, and are intransparent, [and] the exact properties of the given state, goal state, and barriers are unknown to the solver. …” Wir sehen in unserer neuen Definition fünf Punkte als wichtig an: (1) Komplexes Problemlösen besteht aus selbst-regulierten psychologischen Prozessen und Aktivitäten, die in dynamischen Umgebungen zum Erreichen schlecht definierter Ziele nötig sind die nicht mittels Routinen erreicht werden können. (2) Benöätigt werden dazu kreative Verknüpfungen von Wissen und ein umfangreicher Satz an Strategien. (3) Lösungen derartiger Probleme sind selten perfekt oder optimal, sondern meist vom Typ „Frickelei“ (bricolage). (4) Der Problemlöseprozeß umfasst kognitive, emotionale, und motivationale Aspekte, besonders bei wichtigen Situationen. (5) Komplexes Problemlösen stellt normalerweise wissensintensive Anforderungen und findet in Kollaboration mit anderen Personen statt.

Dass Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn (Phantasie!) konzeptuelle Bestandteile einer Theorie des Umgangs mit komplexen Anforderungen sein sollten, wird vermutlich nicht überraschen. Umwelten, die mit nur einer Strategie wie VOTAT bewältigt werden können, fallen nicht unter unser Verständnis komplexer Probleme.

Nachzulesen ist das Ganze im gerade erschienen Beitrag im Open-Access-Journal “Frontiers in Psychology”:

Dörner, D., & Funke, J. (2017). Complex problem solving: What it is and what it is not. Frontiers in Psychology, 8 (1153). doi: 10.3389/fpsyg.2017.01153

Gastbeitrag “Preis für Friedenspsychologie an Anne-Louise Göhring”

Gastbeitrag von Prof. Dr. Ursula Christmann

Gert-Sommer-Preis für Friedenspsychologie geht an Anne-Louise Göhring

Frau Anne-Louise Göhring hat für Ihre Masterarbeit „Die Macht der Metapher. Der Metapher-Framing Effekt in der politischen Meinungsbildung“  am 17.6.2017 den mit 1000.- Euro dotierten Gert-Sommer-Preis für Friedenspsychologie erhalten.  Wir gratulieren herzlich und freuen uns sehr, dass eine Arbeit aus unserem Institut (Betreuung: Ursula Christmann / Norbert Groeben) mit dieser hohen Auszeichnung geehrt wurde. In der Begründung der Kommission heißt es: „Ihre Arbeit hat uns besonders beeindruckt - sowohl methodisch als auch aufgrund ihrer eindeutigen friedenspsychologischen Relevanz und ihrer hochaktuellen gesellschaftspolitischen Bedeutung“.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, ob sprachliche Bilder die Macht haben, unser Fühlen, Denken, Entscheiden und Handeln zu beeinflussen, und ob sie maßgeblich zur Meinungsbildung in Politik und Gesellschaft  beitragen können. Theoretisch geht Frau Göhring dabei vom sog. Metapher-Framing-Modell  aus (Robins, 1996), nach dem Metaphern als Deutungsrahmen (Frame) beim Verstehen eines Sachverhalts wirksam werden und damit auch als Werkzeug der Meinungsbildung genutzt werden können.

Frau Göhring hat den Metaphern-Framing-Effekt erstmals in drei Bereichen der aktuellen  politischen Kommunikation untersucht: „Flüchtlingskrise“, „Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln“ und „radikaler Islamismus“. Sie konnte den Effekt empirisch auf emotionaler, kognitiver und konativer Ebene nachweisen. Danach führt der Gebrauch von Metaphern in kurzen Texten zu aktuellen politischen Problemen im Vergleich zu nicht-metaphorischen Texten gleichen Inhalts zunächst einmal zu emotional negativeren Reaktionen. Die Effekte auf kognitiver und konativer Ebene werden durch das Vorwissen moderiert: Nur Personen mit geringen Vorkenntnissen in den jeweiligen thematischen Bereichen werden in ihren Einstellungen sowie in der Bewertung von Maßnahmen zur Lösung politischer Probleme durch die Metaphern beeinflusst. Dem inhaltlichen Vorwissen der Rezipienten/innen kommt also eine entscheidende Moderatorfunktion zu - ein Ergebnis, das nicht nur von theoretischer Relevanz, sondern auch gerade für den Bereich der politischen Bildung und Aufklärung von praktischer Brisanz ist.

Nachhaltigkeit als Thema im Senat

Einmal im Jahr tagen zwei wichtige Gremien unserer Universität gemeinsam: Der Akademische Senat und der Universitätsrat. In diesem Jahr fand die gemeinsame Sitzung am Montag 10.7.2017 statt. Neben der Diskussion des Jahresberichts des Rektorats standen zwei weitere Themen, Diversity und Nachhaltigkeit, auf der Tagesordnung.

Zum Thema “Nachhaltigkeit” habe ich als Senatssprecher einen kleinen Impuls gegeben unter dem Titel “Ökologische Nachhaltigkeit: Ein wichtiges Thema für die Exzellenz-Universität Heidelberg”, der hier nochmal wiedergegeben sei, da eine Diskussion darüber im Gremium aus Zeitgründen entfallen mußte:

“… Sie werden sich vielleicht fragen, warum ausgerechnet ich als Psychologe Sie mit diesem Impuls zum Thema Nachhaltigkeit anregen soll zu einer hoffentlich lebendigen Diskussion. Ich hatte mir eigentlich gewünscht, dass an dieser Stelle unser Physiker Ulrich Platt vom Institut für Umweltphysik spricht. Er ist eine Autorität auf diesem Gebiet und hätte viele Details klären können, die ich überhaupt nicht gut kenne. Leider ist er auf einer Auslandsreise.

Auf den zweiten Blick freut es mich dann doch wieder, dass die Aufgabe des Impuls-Gebens mir zugefallen ist, und dass ich sogar einiges dazu sagen kann, allerdings aus einer etwas anderen Perspektive: Mein eigenes Forschungsthema lautet „Denken und Problemlösen“. Ich beschäftige mich z.B. damit, wie Menschen mit Unsicherheit und Komplexität umgehen, welche Fehler sie dabei machen und was man zu deren Vermeidung tun kann. Ich führe zum Beispiel Trainings mit Managern durch in der Hoffnung, ihnen gute Entscheidungsstrategien zu vermitteln für den Umgang mit herausfordernden Problemlagen.

Sie ahnen schon: Denken und Problemlösen hat mit dem Blick in die Zukunft zu tun. Zukunft, die wir ja aktiv gestalten wollen. Dafür müssen wir proaktiv handeln, wenn wir nicht überrollt werden wollen von zukünftigen Entwicklungen, die man heute schon kommen sehen kann. Nachhaltigkeit hat daher viel mit vorausschauendem Denken zu tun, mit planerischer Phantasie, mit Mut zu Entscheidungen, die gelegentlich auch fehlerhaft sein werden.

Wie können ausgerechnet wir den Ausstoß von CO2 an unserer Universität begrenzen, wo doch ein Großteil wichtiger Entscheidungen außerhalb unserer direkten Reichweite liegt? Ökologische Nachhaltigkeit bedeutet verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Für die Universität Heidelberg mit über 30.000 Studierenden und über 13.000 Beschäftigten bedeutet dies z.B. ein Nachdenken über Verkehrsmittel, über Energieverbrauch, über Wasserverbrauch.

Schauen wir nur einmal auf die Energiekosten, die (Stand 2016) bei 12.7 Mio Euro pro Jahr (inklusive Wasser) liegen. Das Verbrauchsprofil der Universität wäre – so sagt unser Umweltphysiker Ulrich Platt – günstig für die Verwendung von Solarenergie für den Eigenverbrauch! Die Kostenersparnis läge hier bei etwa 10 Cent pro kWh. Würden wir nur einen kleinen Teil des Jahres-Stromverbrauchs von 45 Gkwh (Stand: 2016) selbst erzeugen, käme schon ein beachtlicher Betrag zusammen. Nachhaltigkeit könnte hier also gleichzeitig eine Reduktion von CO2 und eine Kostenreduktion bedeuten!

Ökonomische Perspektiven sind wichtig, aber wir reden hier nicht nur vom Geld, sondern vor allem von unserer Zukunft. Es geht darum, den Nachhaltigkeitsgedanken in den Köpfen möglichst vieler Personen zu verankern und vom Nachdenken über Nachhaltigkeit zum nachhaltigen Handeln zu kommen. „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ – abgekürzt BNE - heißt ein wichtiges Programm der Bundesregierung, aber auch unsere Landesregierung legt großen Wert darauf: Das Hochschulnetzwerk BNE, das auch unsere Universität sowie die PH umfasst, ist im letzten Jahr vom Rat für Nachhaltigkeit mit einem Qualitätssiegel ausgezeichnet worden. Das ist doch schon mal ein Anfang!

Nachhaltigkeit als integraler Bestandteil von Forschung und Lehre, Einbeziehung und Schulung der Beschäftigten, Umweltschutz über das gesetzlich geforderte Maß hinaus, Reduktion von Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen, energetische Sanierung und Modernisierung von Gebäuden, Beschaffungen und Investitionen nach ökologischen Gesichtspunkten, Umsetzung umweltfreundlicher Verkehrskonzepte – so ein paar Schlagworte, die ich den Umweltleitlinien der Universität Tübingen aus dem Jahr 2009 entnommen habe. Warum gibt es keine solchen Umweltleitlinien unserer Universität? Vielleicht sollten wir gleich über Nachhaltigkeitsleitlinien reden?

Ich würde mir wünschen, dass wir als eine der traditionsreichsten Universitäten weltweit mit leuchtendem Vorbild vorangehen und zeigen, dass wissenschaftliche Exzellenz und ökologische Nachhaltigkeit nicht in Widerspruch zueinanderstehen. Wir sind als Wissenschaftler eigentlich prädestiniert, komplexe Probleme zu identifizieren, zu analysieren und zu vernünftigen Lösungen zu kommen. Ich würde mir wünschen, dass wir mit vorbildlichen Projekten zeigen, dass uns die Zukunft unseres Planeten am Herzen liegt und wir vorausschauend handeln. Um ein Wort des Unternehmers Klaus Wiegandt aufzugreifen, dessen Interview Sie als Tischvorlage vor sich finden: Lassen Sie uns Mut zur Nachhaltigkeit aufbringen! Lassen Sie uns durch unser aktives Tun die abstrakte Idee der Nachhaltigkeit in die konkrete Wirklichkeit unserer Universität umsetzen! Danke!”

Ich bin gespannt, was dieser Impuls bewirken wird! Auf jeden Fall wurde in persönlichen Gesprächen im Anschluß an unsere Sitzung deutlich, dass unsere Uni schon an vielen Stellen nachhaltig aufgestellt ist (z.B. energie-effizientes Rechenzentrum), dies aber noch zu wenig sichtbar gemacht hat, auf der anderen Seite aber auch viele offene und ungeklärte “Baustellen” aufweist (z.B. Photovoltaik auf den universitären Dächern im Neuenheimer Feld). Vielleicht braucht es einen Masterplan? Eine Stabsstelle? Auf jeden Fall steht das Thema Nachhaltigkeit im Raum!

Poetikdozentur 2017: Frank Witzel

A. Müller, RNZ)

Dekan Jörg Rieke mit Frank Witzel am 22.6.17 in der Alten Aula (Foto: A. Müller, RNZ)

Wiederholt habe ich in meinem Blog über unsere Poetikdozenturen berichtet (in 2016 über Felicitas Hoppe;, in 2014 über Wilhelm Genazino; in 2012 über Patrick Roth; in 2010 über Bernhard Schlink; in 2008 über Peter Bieri; in 2006 über Hanns-Josef Ortheil; in 2001 ging die Dozentur an Ursula Berkéwitz, in 2000 an Eckhard Henscheid; angefangen hat das Projekt übrigens 1993 mit Martin Walser). Diesmal wurde Frank Witzel auserkoren, der im Jahre 2015 den Deutschen Buchpreis für sein Werk “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969″ erhielt. Frank Witzel ist unser 20. Poetikdozent.

Da ich jedes Jahr versuche (es aber nicht immer schaffe), die für den Deutschen Buchpreis nominierten Titel zu lesen, hatte ich das Glück, “Die Erfindung …” (ein 800-Seiten-Werk, das aus 98 Kapiteln besteht) bereits gelesen zu haben. Es hatte mich seinerzeit sehr amüsiert beim Lesen. Und nun komme ich in den Genuss, den Autor über sein Werk selbst reden zu hören! Wie schön! Seine drei Vorlesungen waren betitelt “Die Vorbereitung des Romans”, “Die Durchführung des Romans” und “Das Ende des Romans”.

Über sein Schreiben sagt der Autor: Woher die Sätze kommen, wisse er nicht - er freue sich über Literaturwissenschaftler, die ihm seinen Text erklärten. “Nun hatte ich etwas hingeschrieben, was ich nicht verstand. Fast klang es so, als wäre ich zu meiner eigenen Rätselmaschine geworden.” Herrlich: ein Schöpfer, der fassungslos neben seinem Produkt steht und sich wundert! Auf diese Weise entsteht eine “sanfte Form von Schizophrenie”: ein Teil der Person begutachtet und korrigiert einen anderen Teil dieser Person.

Lieber Herr Witzel: das kann Ihnen ein Psychologe vermutlich besser erklären als ein Literaturwissenschaftler! Die Kreativitätsforschung kennt diese Situation, die Sie so schön beschreiben, unter dem Begriff der “Ich-Ferne”, also des Moments, wo man statt “ich schreibe” sagt “es schreibt aus mir heraus”. Aber natürlich verschiebt sich damit nur die Frage auf den Punkt, was es mit diesem rätselhaften “Es” auf sich hat…

Ein Wermutstropfen: Seine dritte und letzte Poetik-Vorlesung “Das Ende des Romans” fand ich kaum verständlich und zumindest mich hatte er in dieser Stunde verloren. Das zum Schluß an die Tafel gemalte chinesische Schriftzeichen (hier anzusehen - es stellt einen Strohballen dar, unter dem ein Feuer entzündet wird) bezeichnet das, was ich verstanden habe: nichts. Stroh wurde zu Asche: stimmt!

Entschädigt hat mich dafür der Fund eines älteren Romans von Frank Witzel: “Bluemoon Baby” von 2001. Eine amüsante Verschwörungsgeschichte mit witzigen Charakteren, über die ich lachen konnte. Was ist schon eine unverstandene Vorlesung gegen einen unterhaltsamen Roman! Damit bin ich wieder versöhnt!