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Ernst-August Dölle Verdienstmedaille

Ernst-August-Doelle-Medaille

Ernst-August-Dölle-Medaille

Voller Stolz und mit großer Freude teile ich mit, dass mir die Ernst-August-Dölle-Verdienstmedaille verliehen wurde! Ich zitiere aus der Mitteilung vom 22.4.21 auf der Dölle-Homepage der Universität Düsseldorf (=meine Heimatstadt):

“Die im obigen Bild leider nur unscharf zu erkennende Ernst-August-Dölle-Verdienstmedaille wurde erstmals an Prof. Dr. Joachim Funke (Universität Heidelberg) und Prof. Dr. Werner Greve (Universität Göttingen) in Würdigung ihres ehrenamtlichen Einsatzes für die Zentralstelle für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID; seit 2020: Leibniz-Institut für Psychologie) verliehen. Die Preisträger haben sich durch ihre langjährige Tätigkeit im Verwaltungs- und im wissenschaftlichen Beirat der ZPID um die deutschsprachige Psychologie verdient gemacht. Vom Publikum mit Lob und Erheiterung aufgenommene, launige Festreden hielten Prof. Dr. Dietrich Dörner (Universität Bamberg) und Prof. Dr. Dirk Wentura (Universität des Saarlandes). Hervorgehoben wurde in der von Prof. Dr. Michael Bosnjak (Direktor des Leibniz-Instituts für Psychologie, Trier) geleiteten Veranstaltung die besondere Bedeutung von Gummibären, James Bond und der Bhagavad Gita. Gestiftet wurde die Ernst-August-Dölle-Verdienstmedaille von der Ernst-August-Dölle-Gesellschaft anläßlich der Feierlichkeiten zum 120. Geburtstag des großen Gelehrten. Die Ernst-August-Dölle-Verdienstmedaille soll künftig zu besonderen Anlässen in unregelmäßigen Abständen an Persönlichkeiten verliehen werden, die sich durch Ihre Arbeit um das Fach Psychologie verdient gemacht haben und dabei auch im Sinne Ernst August Dölles segensreich tätig geworden sind.”

Ich freue mich riesig über diese Auszeichnung, war es für mich doch schon 2007 und 2008 zum Streit mit humorlosen Wikipedianern gekommen, als ich den Stichwort-Eintrag zu Ernst-August Dölle begonnen hatte und das etwas wunderbare Dölle-Bild aus dem Klassiker von Manfred Amelang, Dieter Bartussek, Gerhard Stemmler und Dirk Hagemann (”Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung”, 6. Auflage 2006) samt einem Text über ihn von der Webseite der Uni Düsseldorf in die WP-Welt bringen wollte:

Amelang et al., 2006)

Ernst-August Dölle (1898-1972; Quelle: Amelang et al., 2006)

Komisch, dass ich mich bei diesem Schnappschuss an Theo Herrmann Gesicht) und Gustav Lienert (Haare) erinnert fühle… Die Frisur passt übrigens nicht ganz zu dem Dölle-Bild, das auf der Dölle-Homepage der Uni Tübingen zu sehen ist - Dichotomie in Reinform?

Wie bei Dölle fast schon üblich, leidet das Foto der Dölle-Medaille ein wenig an mangelnder Schärfe - danke dafür, lieber Jochen! Die Medaille ist mir ein Ansporn, weiterhin im Sinne von Ernst-August segensreich (=duplizierend und dichotomierend) tätig zu sein! Ich freue mich ganz dölle!

siehe auch in meinem Blog:

und die originale Festschrift nicht zu vergessen:
  • Herrmann, T. (Hrsg.). (1974). Dichotomie und Duplizität. Grundfragen psychologischer Erkenntnis. Ernst August Dölle zum Gedächtnis. Bern: Hans Huber.

Klimawandel: “Think global, act local”

Gerade habe ich zufällig ein älteres Video vom September 2019 entdeckt, wo ich unter dem Titel  “Think global, act local: Große gesellschaftliche Herausforderungen und Ideen zu ihrer Bewältigung“ im Rahmen der Klimawoche vom 20.-27. September 2019 der Scientists4Future Heidelberg einen Vortrag gehalten habe (ich empfehle den Ausschnitt von Minute 14:40-35:00).

https://www.youtube.com/watch?v=xElbfVrFzMI

https://www.youtube.com/watch?v=xElbfVrFzMI

Bei dieser Gelegenheit will ich nicht versäumen, den tollen Vortrag von Sabine Gabrysch (Charité Berlin) beim Neujahrsempfang 2020 der Stadt Mannheim zum Thema “Wie steht es um die Erde und den Menschen?” (hier auf YouTube anzuschauen) zu empfehlen. Die medizinische Sicht auf den Klimawandel ergänzt die psychologische Sicht um weitere Aspekte. Act now!

Die Zukunft der (komplexen) Problemlöseforschung

Rechtzeitig zum Jahresschluss 2019 hatten die Herausgeber des “Journal of Dynamic Decision Making” (JDDM) auf den Anstoß hin, den der neue Geschäftsführende Herausgeber des Journals, Wolfgang Schoppek (Universität Bayreuth), gegeben hat, eine Artikelsammlung herausgegeben, in denen verschiedene Autorinnen und Autoren aus dem Forschungsfeld des “komplexen Problemlösens” um ihre Meinung zu folgenden sieben Fragen zur Zukunft der (komplexen) Problemlösepsychologie gebeten wurden:

  1. Warum sollte es weiterhin Problemlösungsforschung geben (neben der Forschung zu Gedächtnis, Entscheidungsfindung, Motivation usw.)?
  2. Was sind die Verbindungen zwischen der aktuellen CPS-Forschungspraxis und realen Problemen? Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial hin zu stärkeren Zusammenhängen?
  3. Nehmen die Teilnehmer angesichts der Künstlichkeit der Laborsituation die vorgestellten Probleme wirklich an? Welche Erkenntnisse können trotz dieser Künstlichkeit gewonnen werden und welche nicht?
  4. Welche Hinweise gibt es auf den Einfluss anderer Wissensarten neben dem Strukturwissen auf die Ergebnisse von CPS? Welche dieser Wissensarten sollten in zukünftigen Forschungen untersucht werden?
  5. Welche Evidenz gibt es für den Einfluss von Strategien (außer VOTAT) auf die Ergebnisse von CPS? Welche dieser Strategien sollten näher untersucht werden?
  6. Gibt es intuitives CPS?
  7. Was unterscheidet Experten in CPS von Laien?

Hier sind der Aufruf zur Mitarbeit und die Fragensammlung (auf Englisch) zu finden:

Schoppek, W., Fischer, A., Holt, D., & Funke, J. (2019). On the future of complex problem solving: Seven questions, many answers? Journal of Dynamic Decision Making, 5(5). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69294

Das Ergebnis der Umfrage stellt eine kleine Standortbestimmung der Problemlösepsychologie dar und zeigt, wie die zehn Antwortenden in acht Beiträgen die Zukunft dieses Gegenstandsbereichs einschätzen. Ich möchte in diesem Blog-Beitrag die verschiedenen Statements meinerseits kurz kommentieren. Ich gehe dabei zunächst in alphabetischer Reihenfolge vor, bevor ich am Schluß die Antworten auf die sieben Fragen zusammenführen möchte.

Jens Beckmann (Durham University, UK) weist nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer prägnanten Theorie hin: “Ich hoffe, dass ein überfälliger Spurwechsel in der CPS-Forschung, nämlich mit der Theorie und nicht mit den Daten zu beginnen, ihr neues Leben einhaucht.” (Beckmann, 2019, S. 4 - alle Zitate übersetzt von J.F.). Er möchte, dass wir unsere Bemühungen auf die “Entwicklung oder Verfeinerung von Problemlösungstheorien” richten.

Andreas Fischer (Forschungsinstitut Betriebliche Bildung, Nürnberg) kritisiert den Fokus der aktuellen CPS-Forschung auf interaktive Spielzeugprobleme und fordert “komplexere und/oder realistische Probleme im Labor auf immersive Weise”. Er macht sich stark für das KSAO-Modell (das aus folgenden Attributen besteht: Wissen, Fertigkeiten, Fähigkeiten, Sonstiges) mit domänenübergreifenden und domänenspezifischen Kompetenzen.

Joachim Funke (Uni Heidelberg) plädiert für die Bedeutung von “Systemkompetenz” und kritisiert, dass die aktuelle CPS-Forschung “die ursprüngliche Komplexität realer Probleme” verloren habe. Komplexe Probleme lassen sich nicht mit einfachen Strategien wie VOTAT (vary one thing at a time) bearbeiten.

Dominik Güss (University of North Florida, USA) sieht die hohe Relevanz der CPS-Forschung und nennt sie “ein Juwel zur Erforschung von Expertise, strategischer Flexibilität, Kultur und vielem mehr”. In Bezug auf Wissen macht er eine interessante Aussage: “Expertenwissen kann zu törichten Entscheidungen führen”.

Annette Kluge (RUB Bochum) interessiert sich für Handlungen von Personen, die in High Reliability Organizations (HRO) wie Kraftwerken oder Krankenhäusern arbeiten. Situationsbewusstsein (situation awareness) ist in diesen Kontexten ein wichtiges Konstrukt. Sie stellt fest, dass es viele Jahre dauert, ein Experte in diesen Bereichen zu werden.

Magda Osman und Denis Omar Verduga Palencia (beide von Queen Mary University of London, UK) verweisen auf die Notwendigkeit des “reflektierenden Denkens” und die Notwendigkeit des Zweifels (als eine Art von epistemischer Unsicherheit, d.h. ein Mangel an Wissen, im Gegensatz zur aleatorischen Unsicherheit, d.h. der inhärenten Verrauschtheit der Bedingungen). Ihr Titel macht eine klare Aussage: “Die Zukunft der Problemlösungsforschung ist nicht Komplexität, sondern dynamische Unsicherheit”.

Wolfgang Schoppek (Uni Bayreuth) verweist auf das integrative Potenzial der CPS-Forschung (”es geht um den ganzen Menschen”) und die “Relevanz von motivationalen, selbstregulatorischen und emotionalen Prozessen” für das Verständnis von CPS. Seiner Ansicht nach sind High-Fidelity-Simulationen nicht notwendig, aber die Forscher sollten ihre Forschungsinteressen klarer formulieren, wenn sie bestimmte Mikrowelten verwenden.

Matthias Stadler (LMU München) und Samuel Greiff (Uni Luxembourg) sehen die Fähigkeit, (komplexe) Probleme zu lösen, als “eine der quintessentiellen Fähigkeiten für das berufliche und persönliche Leben”. Sie wollen die Traditionen der CPS-Forschung in wissensreichen Situationen mit denen in wissensarmen Situationen verbinden.

Soviel zur kurzen Charakterisierung der acht eingereichten Statements. Nun zur inhaltlichen Zuammenschau geordnewt anhand der sieben Leitfragen.

Dass es weiterhin Problemlösungsforschung geben sollte (Frage 1), wird nicht bestritten, manche Beiträge betonen sogar die wachsende Notwendigkeit solcherart Forschung angesichts der Probleme im 21. Jahrhundert (”CPS as a 21st century skill“). Allerdings werden auch stärkere Brückenschläge zur Entscheidungsforschung gefordert - da kann ich nur zustimmen!

Die Verbindungen zwischen der aktuellen CPS-Forschungspraxis und realen Problemen (Frage 2) werden mehrfach problematisiert - einerseits wird bezweifelt, dass die Exploration unbekannter Kleinsysteme uns weiterbringt, dagegen steht die Meinung, dass die Rolle des allmächtigen Bürgermeisters (aka “Lohhausen“) auch nicht gerade dem Problemlöse-Alltag entspringt.

Ob die Untersuchungsteilnehmer angesichts der Künstlichkeit der Laborsituation die vorgestellten Probleme wirklich annehmen (Frage 3) und ob trotz dieser Künstlichkeit brauchbare Erkenntnisse gewonnen werden können, wird einerseits bezweifelt (es sind keine “existentiellen” Probleme dabei, “low stakes”), andererseits bejaht (z.B. mit Hinweis auf erfolgreiche Simulatoren-Trainings).

Welche anderen Wissensarten nehmen neben Strukturwissen Einfluss auf die Ergebnisse von CPS (Frage 4)? Welche Wissensarten sollten in zukünftigen Forschungen untersucht werden? Die Antworten sind klar: Strukturwissen (also Wissen über die Abhängigkeiten zwischen den Elementen eines Systems) ist sehr wichtig, daneben aber auch Strategiewissen und - speziell bei dynamischen Echtzeit-Systemen - “situational awareness“. Auch allgemeines “Domänenwissen” (Weltwissen?) scheint interessant.

Über den unbestritten bedeutenden Einfluss von Strategien (Frage 5) gibt es verschiedene Zugänge (bekannte Akronyme: VOTAT, NOTAT oder PULSE), die allerdings auf einfache Problemsituationen beschränkt sind. Für komplexe Situationen werden etwa die “36 Strategeme” und abstraktere Heuristiken empfohlen.

Hinsichtlich der Rolle von Intuition beim Lösen komplexer Probleme (Frage 6) besteht Konsens, dass es solche Prozesse (etwa im Kontext von Expertise oder Weisheit) gibt, diese aber in gewissen Widerspruch zur Definition von Problemlösen als dem Nicht-Routine-Handeln stehen, bei dem bewusste Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle spielt.(explizite im Unterschied zu impliziten Prozessen).

Was unterscheidet Experten in CPS von Laien (Frage 7)? Vorausgesetzt es gibt Experten: Neben dem wichtigsten Unterscheidungsmerkmal “Wissen” werden die KSAO-Merkmale (Knowledge, Skills, Abilities, and Others) sowie Systemkompetenzen (”systems competencies“) und reflektives Denken genannt.

Alles in allem fühlen wir uns (die Herausgeber des JDDM) durch diese Antworten auf unsere sieben Fragen bei der Weiterführung des Journals ermutigt. Genauere Antworten auf unsere Fragen könnten in Zukunft durch kommende Forschungsarbeiten gegeben werden, die wir gerne dort veröffentlichen.

Quellenangaben:

Beckmann, J. F. (2019). Heigh-Ho: CPS and the seven questions – some thoughts on contemporary Complex Problem Solving research. Journal of Dynamic Decision Making, 5(12). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69301

Fischer, A. (2019). A new orientation for research on problem solving and competencies in any domain. Journal of Dynamic Decision Making, 5(9). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69298

Funke, J. (2019). Complex problem solving in search for complexity. Journal of Dynamic Decision Making, 5(10). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69299

Güss, C. D. (2019). Complex problem solving: A gem to study expertise, strategic flexibility, culture, and so much more; and especially to advance psychological theory. Journal of Dynamic Decision Making, 5(7). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69296

Kluge, A. (2019). Complex problem solving research and its contribution to improving work in High Reliabilty Organisations. Journal of Dynamic Decision Making, 5(6). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69295

Osman, M., & Palencia, D. O. V. (2019). The future of problem solving research is not complexity, but dynamic uncertainty. Journal of Dynamic Decision Making, 5(11). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69300

Schoppek, W. (2019). A flashlight on attainments and prospects of research into complex problem solving. Journal of Dynamic Decision Making, 5(8). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69297

Stadler, M., & Greiff, S. (2019). Quo Vadis CPS? Brief answers to big questions. Journal of Dynamic Decision Making, 5(13). https://doi.org/10.11588/jddm.2019.1.69299

PS: Warum es so lange gedauert hat mit diesem Blog-Beitrag zu den Artikeln von 2019? Ich hatte Ende 2019 damit angefangen, dann kam anderes dazwischen (u.a. Corona) und ich hatte schlicht vergessen, dass ich schon etwas geschrieben hatte (ich habe eine ganze Reihe “angefangener” Texte auf meinen Festplatten). Jetzt kam durch eine JDDM-Redaktionskonferenz das Thema “Seven questions” erneut zur Sprache und mein Gedächtnis (und eine Suche im Dateiendshungel) brachte die Erinnerung (und den begonnenen Text) zurück…

Bruno Klauk und die “Wirtschaftspsychologie”

Wieder einmal gibt es einen Eklat im Lager der Psychologie (Danke, lieber Bernd, für den Hinweis!): Es geht um einen Beitrag von Bruno Klauk (Hochschule Harz, Wernigerode) in der vom Pabst-Verlag herausgegebenen (Fach-)Zeitschrift “Wirtschaftspsychologie” zum Thema “Intelligenz von Migranten”.

Bärbel Schwertfeger von dem im Titel ähnlich lautenden Online-Magazin “Wirtschaftspsychologie heute” hat einen wunderbaren Beitrag zu Chronologie und Inhalt dieses Streits verfasst, so dass ich nicht mehr tun kann als darauf zu verweisen:

https://www.wirtschaftspsychologie-heute.de/ideologisch-gekapert-der-klauk-eklat-bei-der-zeitschrift-wirtschaftspsychologie/

Sehr lesenswert! Das Thema “Intelligenz” hat es einfach in sich….

Abschiedsfeier im ZPID

Am 22.4.21 fand eine lang geplante, wegen Pandemie mehrfach verschobene Abschiedsfeier für Werner Greve (Uni Hildesheim) und mich online statt, in der unsere ehrenamtlichen Aktivitäten in den verschiedenen Gremien des ZPID (Wissenschaftlicher Beirat, Kuratorium, Verwaltungsrat) gewürdigt wurden.

Neben einem Grußwort der Vorsitzenden des Verwaltungsrats Dr. Carola Zimmermann (Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur RLP, Referat 15402), einem Grußwort der Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats Katharina Scheiter (IWM, Uni Tübingen) und einer Geschenk-Überreichung durch den Direktor des ZPID Michael Bosnjak gab es zwei Festvorträge: Für Werner Greve hielt Dirk Wentura (Uni Saarland) eine Festrede „No Time to Die“ in Anspielung auf Werners legendäres James-Bond-Buch und mit viel Material zu spannender priming-Forschung. Für mich hat sich Dietrich Dörner (Uni Bamberg) zum Thema „Entscheidungen in der Politik“ Gedanken gemacht und über die Torheiten gesellschaftlicher Entscheidungsträger gesprochen, die er vor allem in (1) Vereinfachungen der Realität, (2) Kompetenzdemonstrationen und (3) der Sicherung von Gruppenkohärenz sieht. Werner Greve und ich haben in persönlichen Schlussworten Rückschau auf unsere Aktivitäten im Zusammenhang mit dem ZPID gehalten.

Eine schöne Feier, an der viele Kolleginnen und Kollegen teilgenommen haben, die den Weg des ZPID von einer literaturarchivierenden Sammelstelle deutschsprachiger Psychologie-Publikationen (die ersten ZPID-Wurzeln stammen von 1972) hin zu einem Universalanbieter für psychologische Infrastrukturangebote begleitet haben (Produkte sind z.B. PubPsych zur Suche, PsychOpen für Open-Access-Publikationenoder PreReg zum Präregistrieren von Studien). Direktor Michael Bosnjak hat die Errungenschaften des ZPID in den letzten Jahrzehnten wie folgt zusammengefasst: (1) Etablierung von Wissenschaftsforschung (Szientometrie); (2) Erhalt der rechtlichen Selbständigkeit durch das ZPID-Gesetz 2013; (3) Einführung einer hauptamtlichen Leitung; (4) Änderung der Namensgebung in „Leibniz-Institut für Psychologie“; (5) Open-Science-Ausrichtung.

Dietrich Albert (mein Vorgänger), JF, Hans-Werner Bierhoff (mein Nachfolger)

Drei ZPID-Beiratsvorsitzende 2012 (vlnr): Dietrich Albert (mein Vorgänger), JF, Hans-Werner Bierhoff (mein Nachfolger)

Ich selbst hatte das ZPID während meines Studiums an der Uni Trier kennengelernt (von 1975-1980 habe ich dort studiert, von 1980-1984 war ich dort als junger Assistent tätig) und dann über 20 Jahre lang im Ehrewnamt begleitet: Von 1998 bis 2006 war ich Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats, von 2009-2012 Mitglied des Kuratoriums (das gab es nur in einer Übergangszeit), von 2013 bis 2019 Mitglied des Verwaltungsrats. Ungezählte Fahrten von Heidelberg nach Trier waren die Folge, im Hotel „Römischer Kaiser“ kam ich mir schon fast häuslich vor…

Die jeweiligen Direktoren des ZPID (Günther Reinert 1972 bis 1979 – Leo Montada, 1979 bis 2003 – Günter Krampen, 2004 bis 2017 – Michael Bosnjak, seit 2017) haben ihre Spuren hinterlassen. Beirat und Verwaltungsrat haben mitgeholfen, dem „Tanker“ ZPID Schwung und Richtung zu geben. Ich freue mich, das ZPID in exzellenter Aufstellung verlassen zu können und bin sicher, dass mein Auge weiterhin wohlgefällig auf dieser Perle der Leibniz-Institute ruhen wird!

Danke für die schöne Abschiedsveranstaltung!

Anna-Lena Schubert geht nach Mainz

Es ist wieder einmal eine Personalie zu berichten, bei der zwei Herzen in meiner Brust schlagen: Eines freut sich mit Anna-Lena Schubert über die Annahme eines Rufes auf die “Professur für Analyse und Modellierung komplexer Daten” (oder einfach “Methoden 2″) an der Uni Mainz, das andere ist traurig über den Verlust einer netten Mitarbeiterin aus der Differentiellen Psychologie, wo sie seit 2012 angestellt war.

Der Annahme des Mainzer Rufes vorausgegangen waren Rufe an die Uni Luxemburg (abgelehnt) und an die Uni Lübeck (abgelehnt). Das verdeutlicht, wie begehrt Frau Schubert ist. Ein Blick in ihre Publikationsliste macht das Interesse verständlich: Eine höchst produktive Kollegin mit hochwertigen internationalen Veröffentlichungen, die auch schon ordentlich in der Forschergemeinschaft zitiert werden. Was man daran auch erkennen kann: Anna-Lena ist eine Team-Spielerin, gut vernetzt und kooperativ aufgestellt.

Liebe Anna-Lena: Viel Erfolg in Mainz! Lange Jahre bist Du mir (z.B.) auf dem Flur begegnet (unsere beiden Diensträume liegen nur wenige Türen auseinander) und wir haben immer wieder miteinander geplauscht. Wir werden Dich vermissen, ich werde Dich vermissen!

CO2-neutrale Universitäten, Nachhaltigkeit & Bilanzen

Es gibt ja die These, dass sich Exzellenz und Nachhaltigkeit beissen - aber es gibt auch Hinweise, dass Spitzen-Universitäten beides verbinden können. An der exzellenten ETH Zürich wird das Thema Nachhaltigkeit z.B. ganz aktiv propagiert. Aber gibt es überhaupt schon carbon-neutrale Universitäten (oder solche auf dem Weg dorthin)? Ein paar Unis haben sich schon zu klaren Statements hinreissen lassen: die Uni Sheffield (Netzwerk: https://www.carbonneutraluniversity.org), die (kleine) Universität Lüneburg (sie hat sogar eine eigene Fakultät Nachhaltigkeit), die Exzellenz-Uni Hamburg, um ein paar Beispiele zu nennen. Wenn man auf der Homepage der Uni Heidelberg im Suchfeld das Stichwort “Nachhaltigkeit” eingibt (hier klicken), erhält man zwar Hinweise auf Veranstaltungen zum Thema, aber keinen Hinweis auf eine mögliche Selbstverpflichtung. Das Leitbild der Universität Heidelberg kommt ohne den Begriff der Nachhaltigkeit aus (und das, obwohl das Landeshochschulgesetz LHG Baden-Württemberg seit seiner Überarbeitung 2020 die Förderung der Nachhaltigkeit explizit zu den Aufgaben der Hochschulen zählt).

Natürlich finden sich auch an unserer Heidelberger Universität Gruppen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen: am HCE, bei den Juristen, bei der “Jungen Universität“, beim Studierendenrat. Könnte mehr sein… Beeindruckend ist allerdings das Studierendenwerk Heidelberg (StW): Deren neue Geschäftsführerin, Tanja Modrow, legte beim letzten Treffen des Klimaschutz-Aktionsbündnis (=eine Gesprächsrunde mit klimarelevanten Akteuren der Stadt Heidelberg, gegründet im Anschluss an den Gemeinderatsbeschluss vom 22.11.2019 zum 30-Punkte-Aktionsplan der Stadt) im März 2021 einen 9-Punkte-Plan zur Nachhaltigkeit des StW vor, der große Zustimmung fand und als vorbildlich betrachtet werden kann.

In Hinblick auf die Universität Heidelberg ist die Situation weniger klar: Im November 2019 hat Dieter Teufel (UPI Heidelberg) in einem eindrucksvollen Vortrag zum Thema “Klimaschutz in Stadt und Universität Heidelberg - Was läuft gut, was nicht?” die hiesige Situation vor Ort analysiert. Daran hat sich bis heute nichts wesentlich verändert. Die “Students for Future Heidelberg” hatten seinerzeit einen Forderungskatalog erstellt, auf den die Universität mit einer Stellungnahme reagiert hat, die ich aber eher als Verteidigungsschrift einordnen würde denn als visionäres Zukunftspapier. Als Psychologe sehe ich in der Stellungnahme mehr “avoidance” als “approach” (über meinen Eindruck, an der Uni viele Nachhaltigkeits-Muffel anzutreffen, habe ich in einem früheren Blog-Eintrag geschrieben).

Inzwischen gibt es erste Rankings von Universitäten in Hinblick auf ihren Beitrag zu den “Sustainable Development Goals” (SDG) der United Nations. Die GreenMetric (an der sich die Uni Heidelberg erst gar nicht beteiligt) ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Shanghai-Ranking oder dem von “Times Higher Education“. Aber es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch derartige Rankings “grüne” Aspekte berücksichtigen.

Das führt zur Frage: Wie sollten Universitäten angemessen bilanziert werden? Typischerweise wird im Jahresbericht der Universität die finanzielle Situation beleuchtet. Das ist ja auch sinnvoll, da wir dem Landtag über die Verausgabung der uns zugewiesenen Mittel natürlich Rechenschaft ablegen müssen. Im Jahresbericht der Uni heisst es: “Im Jahresbericht stellt die Universität Heidelberg ihre vielfältigen Aktivitäten im vorangegangenen Kalenderjahr dar. Berichtet wird über neue Entwicklungen in Forschung, Studium und Lehre, über Kooperationen und Internationales. Eine umfangreiche Statistik sowie der Jahresabschluss komplettieren den Bericht.” (Webseite “Jahresbericht“, Stand 27.3.2021). Aber reicht das aus? Welche anderen Arten der Bilanzierung gibt es denn neben der ökonomischen? Drei Ergänzungen zur kaufmännischen Betrachtung möchte ich kurz vorstellen.

(1) Wissensbilanz. Eine Wissensbilanz bilanziert das intellektuelle Kapital einer Organisation. Was läge einer Universität näher als diese Art von Leistungsermittlung? Eine kleine Sammlung publizierter Wissensbilanzen findet sich hier (auffällig ist das fast völlige Fehlen von Bildungseinrichtungen). In Österreich ist die Erstellung von Wissensbilanzen an den Hochschulen übrigens vom Gesetzgeber verpflichtend eingeführt und kann auf der Bildungsplattform “eduTube” von dafür Berechtigten eingesehen werden (leider nicht von mir). Zum Glück machen einzelne Unis ihre Bilanz öffentlich (hier z.B. die Wissensbilanz der Uni Graz für 2019).

(2) Klimabilanz (CO2-Bilanz). In Hinblick auf den Klimawandel müssen alle Menschen auf diesem einen Planeten (und alle Unternehmen natürlich erst recht) ihren ökologischen Fussabdruck überprüfen (siehe meinen früheren Blog-Beitrag zum Thema “Virtuelles Wasser“). Das gilt auch für Universitäten: Die Universität Freiburg hat jüngst ihre Treibhausgasbilanz für das Jahr 2017 veröffentlicht. Die Universität Lüneburg (”Leuphana”) hat ein paar Hinweise zu ihrer Klimabilanz gegeben. Eindrucksvoll: Die Geschäftsführerin des Sportbekleidungsherstellers VAUDE, Antje von Dewitz (v.D.), lässt ihr Unternehmen seit 2012 klimaneutral produzieren und legt jährlich eine Klimabilanz vor. Geht doch!

(3) Gemeinwohl-Bilanz. Christian Felber hat in seinem Buch zur Gemeinwohl-Ökonomie (2018, 2. Auflage) beschrieben, welche Vorteile in einer Gemeinwohl-Bilanz zu sehen sind. Sein 2017 gehaltener Vortrag an der Uni Trier “Wirtschaft neu denken” (er ist auf YouTube nachzuhören) gibt einen guten Einblick in das dahinterstehende Konzept (Quelle: Felber, C. 2018. Die Gemeinwohl-Ökonomie. Deuticke).

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist nicht nur eine Aufgabe für Schulen, sondern sollte auch an Hochschulen selbstverständlich sein (hier das BNE-Portal der Stadt Heidelberg und hier bundesweit www.bne-portal.de). Wenn der Anspruch führender Universitäten darin besteht, das Führungspersonal der Zukunft auszubilden, dann muss im 21. Jahrhundert BNE dazugehören. Die Schlüsselqualifikationen im 21. Jahrhundert (siehe meinen früheren Blog-Beitrag) müssen das Thema “Nachhaltigkeit” addressieren, das Leben aller Menschen auf diesem einen Planeten wird davon abhängen, wie gut wir mit dem wirtschaften, das uns gegeben ist. Das tolle Projekt “Big History” (ich empfehle zum Einstieg das motivierende Video des australischen Historikers David Christian hier) zeigt noch mal, wie sehr wir uns um “unseren” Planeten kümmern sollten.

In seinem neuen Buch “Adaptive Intelligence” macht unser Honorarprofessor Robert Sternberg deutlich, dass wir zur Beurteilung der Intelligenz einer Person deren Beitrag zum Wohl der Spezies Mensch mitheranziehen sollten - Adaptivität des homo sapiens sapiens als Ganzes, nicht nur der Überlebensvorteil des Einzelnen. Eine interessante Idee, wie ich finde! Da kommen Nachhaltigkeitsüberlegungen gerade richtig!

Nachtrag 9.6.2021: 45 Hochschulleitungen aus 27 Ländern haben beim Global University Leaders Council Hamburg Empfehlungen zur Nachhaltigkeit verabschiedet.

Einrichtung der Psychotherapeuten-Studiengänge

Es ist entschieden: Die neuen “Psychotherapeuten-Studiengänge” (B.Sc. Psychologie, M.Sc. Psychologie) werden bei uns zum Wintersemester 2021/22 eingerichtet! Bis zuletzt waren Fragen der Finanzierung offengeblieben (die neuen Studiengänge brauchen mehr Personal). Im November 2019 war das neue Gesetz verabschiedet worden (siehe meinen damaligen Blog-Beitrag), nun lässt die Umsetzung nicht mehr lange auf sich warten.

Die Geschäftsführende Direktorin unseres Instituts, Birgit Spinath, schreibt heute: “Frau Senz [Prorektorin für Studium und Lehre] informiert uns … darüber, dass die LRK [Landesrektorenkonferenz] beschlossen hat, die neuen Studiengänge einzurichten und somit das Finanzierungsangebot des Ministeriums anzunehmen. Ich denke, das ist ein Grund zur Freude. Es war ein langer Weg und das Verhandlungsergebnis ist beachtlich. Zwar muss es sofort weitergehen mit den Verhandlungen (z.B. wegen der Räume), aber über das Erreichen dieses Etappenziels sollten wir uns freuen.”

Ich freue mich mit allen, die daran gearbeitet haben. Nun kann ab dem kommenden Wintersemester eine neue Phase des Psychologie-Studiums beginnen! Wie erfreulich!

Für mich ist die Umstellung mit einem schmerzlichen Verlust verbunden: dem Wegfall der Vorlesung “Einführung in die Erkenntnistheorie”. Deren Inhalte werden jetzt komprimiert in der Vorlesung “Einführung in die Psychologie” von Jan Rummel enthalten sein, zusammen mit einem Überblick über das Fach, über seine Geschichte (inkl. der Geschichte der Psychotherapie) und eben über wissenschaftstheoretische Grundlagen. In diesem WS 2020/21 hat meine Lieblingsvorlesung zum letzten Mal stattgefunden - alles hat ein Ende. Und in jedem Ende steckt bekanntermassen ein Neuanfang, auf den wir uns freuen sollten.

Kleiner Trost für mich: Ich darf im SoSe 2022 nochmal die Vorlesung “Adaptive Cognition” für unsere Masterstudierenden halten. Die habe ich auch gerne gemacht - ein kleiner Trost also für den Lehrer in mir :-)

63. TeaP in Ulm online

Vom 14.-16.3.2021 fand wieder einmal die jährliche “Tagung experimentell arbeitender Psychologen” (TeaP) statt - diesmal zum 63. Mal, diesmal in Ulm, diesmal online (hier Link). Es war meine erste Online-TeaP und ich ziehe ein paar Vergleiche zu früheren Präsenztagungen, an denen ich teilgenommen habe. Meine erste TeaP mit aktivem Beitrag war übrigens die 24. TeaP an der Uni Trier im Jahr 1982, und die von mir mitorganisierte 58. TeaP fand im Jahr 2016 an der Uni Heidelberg statt.

Zunächst einmal: Toll, dass die TeaP überhaupt unter den widrigen Bedingungen organisiert werden konnte! Toll, dass so viele einen aktiven Beitrag angemeldet haben! Mehr als 500 Beiträge, mehr al 700 Teilnehmende sind es gewesen! Spricht für ein Bedürfnis… Danke an das Orga-Team in Ulm: Anke Huckauf, Martin Baumann, Marc Ernst, Cornelia Herbert, Markus Kiefer und Marian Sauter!

Was hat mir gefehlt? Das Konferenz-Feeling fehlt vollkommen. Das fängt schon mit der Anreise und Hotelunterbringung an - Früher habe ich auf der Zugfahrt zum Tagungsort, im Hotelzimmer, am Frühstückstisch im Abstractband geblättert, wenn nicht schon das Hotelfrühstück (oder die ÖPNV-Fahrt zum Tagungsort) häufig Zufallskontakte mit anderen TeaP-Teilnehmenden zustandegebracht hatte. Das Schlendern mit der als Identikationsmerkmal getragenen Tagungstasche durch eine meist unbekannte Stadt gehörte ebenso dazu wie die Oriertierung in unbekannten Tagungsräumlichkeiten.

Natürlich gab es virtuelle Treffpunkte zum Plauschen und Kaffeetrinken - ich selbst habe davon diesmal keinen Gebrauch gemacht. Die zufälligen Begegnungen in real-life sind doch was ganz anderes! Manchmal reichte in der Vergangenheit ein Blick, ein kurzes Nicken schon aus, um einen lang vergessenen/vernachlässigten Kontakt kurz zu reaktivieren. Geht jetzt nicht mehr. Ebenso mal einfach der Blick in einen Vortragsraum, wo bekannte Gesichter bereits Platz genommen haben. Geht jetzt nur teilweise. Gesellschaftsabend? Fehlt völlig…

Aus meiner HeiAge-Arbeitsgruppe hat Alica Mertens unseren Beitrag zur Mobilitätsversion des Multi-Motiv-Gitters (wir nennen es das MMG-M) vorgetragen, in einer Arbeitsgruppe am Montagmorgen zwischen 8:15 und 9:15. Uff! Es waren fast 30 Teilnehmende anwesend! Ob das bei einem real-life-Vortrag auch so gewesen wäre? Ich habe da starke Zweifel… Und es ging minutengenau: Unser Beitrag war von 8:51-9:03 angesetzt (!) - und genau zu dieser Zeit fand er auch statt!

Was hat mir gut gefallen? Das vorherige Aufzeichnen der Vorträge ist ein Gewinn für beide Seiten: für die Vortragenden ist es streßreduzierend, für die Zuhörenden schafft es besser strukturierte Vorträge (ich erinnere Vorträge, wo die immer schon knappe Zeit mit der Einleitungsfolien fast verbraucht war und dann in den letzten Minuten ein Feuerwerk mit Ergebnis-Folien abgezogen wurde, dass es einem Kopfschmerzen bereitete… Für den Chair einer Arbeitsgruppe reduziert das ebenfalls Stress, denn man muss beim voraufgezeichneten Vortrag nicht mehr auf die Zeit achten und KollegInnen das Wort abschneiden. Alle Beiträge, die ich jetzt gesehen habe, haben eine gute Zeiteinteilung bewiesen. Apropos Zeit: Die jetzt vorgesehene Zeiteinteilung von exakt 7 Minuten Präsentation, 5 Minuten Diskussion ist extrem kurz und könnte auch auf 8/4 oder 8/5 verschoben werden. Übrigens haben mir persönlich die Präsentationen mit “embedded speaker” besser gefallen als die, wo nur eine Stimme aus dem “off” zu hören war.

Exzellent auch die Möglichkeit, alle Vorträge (auch die Keynotes!) zu einem späteren Zeitpunkt nochmals als Video anzuschauen! Davon habe ich mehrfach Gebrauch gemacht, sehr hilfreich! Was sonst auffiel: Die Diskussionen fanden bei englischsprachigen Beiträgen eher im Chat (und dort mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung) statt, bei deutschsprachigen Beiträgen eher als Redebeiträge mit Kamerazuschaltung (das fand ich lebendiger).

Von einem Kollegen habe ich gehört (ich war selbst nicht dort), dass die Posterpräsentationen sehr gut gemacht wurden (das könnte zu einem Modell unseres Heidelberger Praktikumskongresses werden). Wo ich noch war: Auf der Mitgliederversammlung der DGPs-Fachgruppe Allgemeine Psychologie, die vom Sprecher Dirk Wentura souverän moderiert wurde und eine Reihe interessanter Punkte enthielt, die im gerade kürzlich versandten Protokoll der Fachgruppenleitung nachzulesen sind. Selbst Wahlen konnten unter diesen Bedingungen durchgeführt werden. Gratulation zur Wiederwahl,  Dir lieber Dirk und den anderen Mitgliedern der Fachgruppenleitung!

Also: toll, dass es diese TeaP gab! Wir lernen dazu! Aber schon jetzt freue ich mich auf die nächste (hoffentlich “reale”) TeaP - in Planung ist für das nächste Jahr das 64. Treffen in Köln vom 20.-23.03.2022 (Organisation: Christoph Stahl, Hilde Haider). Die Homepage: www.teap2022.uni-koeln.de

Gastbeitrag “#OneMoreYear – Ein Appell an die Studierenden in Deutschland”

Gastbeitrag “#OneMoreYear – Ein Appell an die Studierenden in Deutschland” von Monika Sieverding, Professor of Psychology, Head of Gender Studies & Health Psychology, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Studierende in Deutschland sind in besonderer Weise von den coronabedingten Maßnahmen und Einschränkungen betroffen. Viele Studierende haben finanzielle Probleme, z.B. weil sie ihren Nebenjob verloren haben. Schon zwei Semester fand die Lehre fast ausschließlich online statt, für das kommende Sommersemester sind auch keine wesentlichen Lockerungen zu erwarten. Das heißt: Nach wie vor digitale Vorlesungen, Seminare und Prüfungen. Im Gegensatz zu Schulen sind an Universitäten keine Konzepte in Sicht, die zumindest Lehrveranstaltungen in Kleingruppen zulassen. Es gibt Studierende, die mit ihrem Bachelor- oder Masterstudium begonnen haben und noch keinerlei persönlichen Kontakt mit Lehrenden oder Mitstudierenden hatten. Der Frust ist verständlicherweise sehr groß — übrigens nicht nur unter Studierenden, sondern auch unter uns Lehrenden!

Ich möchte die Studierenden dazu ermuntern, sich ein Jahr mehr Studienzeit zu nehmen.

Wir (Fabian Scheiter, Dr. Laura Schmidt, Julia Obergfell und ich) haben in einem Forschungsprojekt an der Uni Heidelberg Stress im Studium untersucht und dazu das bewährte Demand-Control-Modell von Robert Karasek angewandt. Wir haben das Projekt begonnen, um zu erklären, warum nach Einführung der Bachelorstudiengänge ein so großer Anstieg im Stress bei Studierenden zu verzeichnen war. Und wir konnten zeigen, dass es nicht der Studienaufwand ist, der Stress und studentische Lebenszufriedenheit erklärt, sondern die Dimension Anforderungen und Entscheidungsfreiräume [1-4]. Wenn die Anforderungen zu hoch sind, weil z.B. zu viele Klausuren und Hausaufgaben in einem Semester geschrieben werden müssen und die Entscheidungsfreiräume zu niedrig sind (z.B., welche Lehrveranstaltungen belegt werden können, wann die Prüfungen gemacht werden), ist der Stress hoch und die Lebenszufriedenheit niedrig.

Seit Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge erlebe ich, dass Studierende unter einem enormen Druck stehen. Insbesondere unter einem enorm hohen Druck, das Bachelorstudium mit einer sehr guten Note abzuschließen, um gute Chancen auf einen Masterstudienplatz zu haben. Diesen Notendruck verstehe ich. Es gibt aber auch einen Druck, das Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen. Und diesen Regelstudienabschluss-Druck verstehe ich nicht.

Zu Zeiten der Diplom-Studiengänge gab es auch Regelstudienzeiten, diese lag z.B. im Psychologie-Studiengang bei 9 Semestern. Die durchschnittliche tatsächliche Studiendauer betrug jedoch 12 Semester. Das heißt, die Psychologie-Studierenden, die nicht gerade durch übermäßige Faulheit oder Probleme in der Selbstorganisation des Studiums bekannt sind, haben sich vor Einführung der Bachelorstudiengänge im Durchschnitt 3 Semester mehr Zeit genommen.

Fragen Sie mal Ihre Professorinnen und Professoren, wie lange sie studiert haben. Meine Wette wäre: Kaum eine/r hat in der Regelstudienzeit ihr oder sein Studium abgeschlossen. (Bei mir waren es übrigens auch 12 Semester.) [Anmerkung JF: Bei mir waren es 18 Semester.]

Die Regelstudienzeit wurde coronabedingt in den meisten Bundesländern um 2 Semester verlängert (https://www.fzs.de/2020/12/18/anpassungen-der-regelstudienzeit-aufgrund-der-corona-pandemie-in-den-bundeslaendern-ein-ueberblick/), von daher ist eine Verlängerung des Studiums auch mit BaFög möglich. Mir ist bewusst, dass die finanziellen Probleme, die z.B. durch den Wegfall eines Nebenjobs entstanden sind, dadurch nicht gelöst werden. Jedoch ist zu erwarten, dass mit zunehmender Lockerung der Maßnahmen in den nächsten Monaten auch wieder mehr Möglichkeiten entstehen werden, neben dem Studium Geld zu verdienen.

Das ist eine Chance, die so schnell nicht wiederkommt. Nutzen Sie diese Chance!

Das vergangene Jahr ist nicht völlig verloren, Sie haben sicher auch bereichernde Erfahrungen gemacht. Aber gönnen Sie sich das zusätzliche Jahr, um die Begegnungen mit anderen Studierenden und Lehrenden nachholen zu können! Sie werden noch lange genug im Berufsleben tätig sein — vielleicht 40 Jahre? — es gibt keinen Grund zur Eile. Ich ermuntere Sie nicht, jetzt alles schleifen zu lassen, es geht um ein zusätzliches Studienjahr, das ihnen coronabedingt geschenkt wurde.

Nehmen Sie sich dieses Jahr! Genießen Sie es! #OneMoreYear

Referenzen:

1.  Schmidt, L. and J. Obergfell, Zwangsjacke Bachelor?! Stressempfinden und Gesundheit Studierender: Der Einfluss von Anforderungen und Entscheidungsfreiräumen bei Bachelor-und Diplomstudierenden nach Karaseks Demand-Control-Modell. 2011: VDM Verlag Müller.

2.  Sieverding, M., et al., Stress und Studienzufriedenheit bei Bachelor- und Diplom-Psychologiestudierenden im Vergleich Eine Erklärung unter Anwendung des Demand-Control-Modells. (= Study-related stress and satisfaction in psychology students). Psychologische Rundschau, 2013. 64(2): p. 94-100.

3.  Schmidt, L.I., et al., Anforderungen, Entscheidungsfreiräume und Stress im Studium : Erste Befunde zu Reliabilität und Validität eines Fragebogens zu strukturellen Belastungen und Ressourcen (StrukStud) in Anlehnung an den Job Content Questionnaire. Diagnostica, 2019. 65(2): p. 63-74.

4.  Schmidt, L.I., et al., Predicting and explaining students’ stress with the Demand–Control Model: does neuroticism also matter? Educational Psychology, 2015. 35(4): p. 449-465.

Anmerkung. Der Beitrag ist textgleich zu der Version, die am 10.3.2021 auf LinkedIn veröffentlicht wurde. Am 6.4.2021 berichtete der “Spiegel” darüber. Am 10.4.2021 erschien ein Interview mit Monika Sieverding in der “Rhein-Neckar-Zeitung” (hier das Interview als PDF).