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Übersättigung mit Video?

Am Ende dieses Monats stelle ich bei mir eine Ermüdung in Sachen Video-Konferenzen fest (das Phänomen ist nicht neu und wird ja als “Zoom Fatigue” klassifiziert). Dabei gibt es so schöne Ideen: Etwa eine virtuelle Weihnachtsfeier, bei der alle Teilnehmenden vor dem Bildschirm sitzen, die Kerzen brennen, der Wein ist eingeschenkt :-) Danke an Lena, Nils und Jan für diese hübsche Idee der “Werihnachts-Tüte” für jeden Teilnehmenden! Über das OWCPS (One World Cognitive Psychology Seminar) habe ich mich ja schon in einem früheren Blog-Beitrag lobend geäußert. Auch die “Oral History“-Gespräche empfand ich als Bereicherung (weitere Aufnahmen in Vorbereitung).

Das ist natürlich eine tolle Online-Veranstaltung: Unser "Professorium" :-)

Was mir inzwischen auch gut gefällt (siehe meinen früheren -eher kritischen- Blog-Beitrag): Die wöchentlichen Vorlesungstermine, die nun als “inverted classroom” zum Beantworten informierter Fragen dienen - die Studierenden konnten sich die Folien zum jeweiligen Thema samt meinen Video-Kommentaren vorher ansehen und sind damit viel besser vorbereitet. Das gefällt mir! Aber natürlich ist der Aufwand deutlich höher: Die gesamte Vorlesung ist ja bereits im Vorfeld gehalten (das hat viele Tage der Semesterferien in Anspruch genommen).

Aber neben den vielen guten Seiten gibt es eben doch auch einiges an Schatten. Eine kleine (unvollständige) Liste der eher belastenden Ereignisse (die Veranstalter mögen mir die Nennung verzeihen - sie sind ja nicht wirklich Schuld an meiner Video-Ermüdung).

So wird etwa der alljährliche Vorweihnachts-Treff mit den Abi-Mitschülern des Jahrgangs 1972 (es gab zu der Zeit keine Mädchen an unserem -damals altsprachlichen- Humboldt-Gymnasium) in der Düsseldorfer Altstadt als Video-Treff stattfinden. Das Glas Altbier wird natürlich fehlen…

Der Koordinationsbeirat Masterplan Neuenheimer Feld (>30 Teilnehmende) tagte kürzlich dreieinhalb Stunden lang via Zoom. Bei früheren (kürzeren!) Sitzungen im Rathaus gab es wenigstens belegte Brötchen und Wasser - diesmal: Fehlanzeige! Und natürlich fehlen hier die informellen Gespräche am Rande solcher Treffen - das gehört zur Politik doch dazu!

In der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg” (der Mutter-Gesellschaft der Alumni Psychologici) halten wir am 17.12.20 zum ersten Mal eine Mitgliederversammlung via Internet/Zoom ab. Viele Fragen (etwa die nach rechtsverbindlichen Abstimmungen) stellen sich als schwierig heraus, und nicht alle technischen Probleme lassen sich definitiv ausschließen. Wir haben schon jetzt mehrere “Übungs”-Versammlungen durchgeführt und sind daher für einige Herausforderungen gewappnet… Interessant: Zum ersten Mal kommen auch Teilnehmende aus der ganzen BRD zur virtuellen Mitgliederversammlung - das ist natürlich gut!

Dass daneben Vorträge online gehalten werden oder Konferenzteilnahmen komplett digital ablaufen, ist einerseits praktisch (erspart Fahrzeit an anderen Ort und eventuelle dortige Unterbringung), aber natürlich fehlen andererseits das Nach-Konferenz-Gespräch mit Speis und Trank ebenso wie mögliches Sight-Seeing vor Ort.

Warum ich das schreibe? Weil ich mich schon jetzt auf Weihnachten freue - nicht als Online-Schaltung mit den Verwandten, sondern als Präsenzveranstaltung mit Beachtung der AHA-L-Regeln. Ein paar Tage ohne Online-Veranstaltungen: Da werde ich glücklich sein, mal nicht hören zu müssen: “Ich sehe Euch - hört Ihr mich?” oder im Chat lesen zu müssen: “HeiConf hat mich rausgeworfen, aber jetzt bin ich wieder zurück” (Insider-Joke, sorry Vincent Heuveline! Musste sein …)

Nie wieder!

Ohne Worte (Doppelklick aufs Bild, um die Inschrift zu lesen):

Wir haben es nicht vergessen!

http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2008/11/09/70-jahre-reichskristallnacht-9111938/

Keine Masterfeier 2020

Als Manfred Amelang und ich im Jahre 1999 die erste Diplomfeier organisierten, ahnten wir nicht, welche Tradtion wir damit begründen würden: Seither haben Jahr für Jahr feierliche Verabschiedungen unserer Absoventinnen und Absolventen stattgefunden, zunächst als Diplomfeiern, später als Masterfeiern. Anfänglich haben wir auch Bachelorfeiern veranstaltet (z.B. 2010 und 2011), aber der Aufwand dafür wurde irgendwann zu hoch (und eigentlich ist der BSc-Abschluss ja nur ein “Gipfelfest” auf dem langen Weg zum Master, der in der Psychologie ja den Regelabschluss darstellt).

Und als dank einer großzügigen Spende von unseren Mitgliedern Anne-Marie DeJonghe und Herbert Wettig an die “Alumni Psychologici” auch noch Talare beschafft werden konnten (siehe den damaligen Blog-Beitrag von 2014), kannte die Freude kaum noch Grenzen. Viele “Hüte-Würfe” haben seither stattgefunden (auf Facebook gibt es Videos)!

Wie ich gerade recherchiert habe (hilfreich dabei: https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/alumni/feier/index.html), wurden viele Feiern in meinem Blog beschrieben (ich blogge erst seit Ende 2006, aber natürlich war ich auf allen Feiern anwesend!). Hier eine kleine Liste der Feiern seit dem Jahr 2000:

Umso trauriger, dass wir dieses Jahr die Masterfeier aus Corona-bedingten Umständen ausfallen lassen müssen! Im Hörsaal 2, dem traditionellen Ort für unsere Abschlussfeier (einmal, 2016, gab es einen Versuch mit der Aula der Alten Universität - toller Platz, aber nicht unser Ort!), gehen nach den universitären Hygieneregeln momentan gerade mal 26 Personen hinein (16 unten, 10 oben auf der Empore - im Bild sind die benutzbaren Plätze mit einem grünen Zahlenaufkleber markiert)…

Daher haben wir im Professorium Anfang November 2020 notgedrungen die Absage der Masterfeier 2020 beschlossen. Zugleich haben mich die Kolleginnen und Kollegen in meiner Funktion als Vorsitzenden der Alumni Psychologici gebeten, in anderer Weise als bisher einen würdigen Abschied vorzubereiten. So wie wir den Erstis auch unter Corona-Bedingungen einen guten Einstieg ins Studium ermöglichen wollen, möchten wir unseren Absolventinnen und Absolventen nicht nur ein Zeugnis per Post zusenden (so war es vor 1999 Standard!), sondern den Abschied mit einer schönen Erinnerung verbinden. Daran arbeite ich derzeit - mehr dazu zu gegebener Zeit! Nur soviel: Ich weiss noch nicht, wie ich das übliche Abschiedsgeschenk (die legendäre Alumni-Kaffeetasse) unseren Absolventinnen und Absolventen überreichen kann - Teleportation funktioniert noch nicht richtig… Wer Ideen hat, bitte melden!

Und natürlich funktioniert meine Mitgliederwerbung (ich hatte immer Beitrittsformulare griffbereit im Jackett - die Eltern haben oft die ersten Beiträge übernommen) jetzt auch nur noch elektronisch: Wer Mitglied bei den “Alumni Psychologici” werden möchte (und damit z.B. Empra-Kongress, Masterfeier und vieles mehr unterstützt!), kann das Beitrittsformular hier downloaden (ermäßigter Jahresbeitrag für Absolventen längstens drei Jahre nach dem ersten akademischen Abschluss: 25 € - das passt doch, oder?). Auf den dortigen Seiten steht mehr zu unserem Verein und dessen Aktivitäten.

Online-Lehre in Zeiten von Corona

Obwohl ich ein vehementer Verfechter der Präsenzlehre bin (siehe meinen Blogbeitrag von 2016 “Lob der Vorlesung“), habe ich notgedrungen meine Vorlesung „Einführung in die Erkenntnistheorie - Philosophy of Psychology“ für das am 2.11. beginnende WS 2020/21 auf ein Online-Format umgestellt. Meine Vorlesungsfolien stehen für unsere Studierenden in unserer Heidelberger Unterrichtsplattform „Moodle“ zusammen mit einer Videospur, in der meine Kommentare zu hören und zu sehen sind.

Was mir bei der Aufzeichnung aufgefallen ist:

  1. Ich bin vor der Kamera viel weniger redundant! Wo ich im Hörsaal angesichts erstaunter Gesichter einen Gedanken nochmals anders phrasiert habe, bleibt es jetzt bei einmaliger Aussage (dafür kann man jetzt zurückspulen und sich schwierige Sätze nochmals anhören…).
  2. Und ich habe deutlich weniger Geschichten erzählt - im Hörsaal schweifte ich gelegentlich ab, habe Anekdoten erzählt, kam „vom Hölzchen aufs Stöckchen“ (der “Rheinländer” in mir; das wurde in Lehr-Evaluationen auch mehrfach moniert). Online bin ich viel fokussierter, viel kürzer. Ich glaube allerdings: Da geht was verloren!
  3. Das Hin-und-Her-Laufen im Hörsaal: Das hat mir am Anfang massiv gefehlt! Vor der Kamera still zu sitzen: Wieviel Bewegung braucht freies Denken? Im Hörsaal entfalten sich manche Gedanken leichter beim Auf-und-Ab-Gehen. Ich empfehle den Artikel von Dieter Schulz (2018), Wandern und Methode. Ich brauche offensichtlich Hände und Füße zum Denken… (das sagt übrigens Susan Goldin-Meadows schon lange!)
  4. Ich bin vorsichtiger in meinen Bewertungen. Habe ich im Hörsaal ohne Aufzeichnung manchmal „Tacheles“ geredet, halte ich jetzt verstärkt meine Zunge im Zaum  - wer weiss, wer das Video zu Gesicht bekommt… (es ist mit einem Passwort geschützt).
  5. Schließlich will ich nicht verhehlen: Am Ende, mit einiger Übung im Hintergrund (und mit manchem Lehrgeld, das ich zahlen musste), hat es mir richtig Spass gemacht. Hier zB. mein Vorstellungsvideo für die Teilnehmenden an meiner Vorlesung: https://youtu.be/FzjBEb3raUU (habe mich in der Videosoftware Camtasia ausgetobt :-)
  6. Ich mag das Gefühl der Nachhaltigkeit - die jetzt erstellten Aufnahmen könnten mich prinzipiell “überleben”. Wer weiss, wie lange Inhalte zur Erkenntnistheorie noch gelehrt werden - im Zuge der Umstellung unserer Studiengänge sind manche Inhalte beschnitten worden (es geht der Erkenntnistheorie damit ähnlich wie der Geschichte der Psychologie).
  7. Damit verbunden ist das Problem der “Zeitlosigkeit”: Aktuelle Entwicklungen kommen nicht mehr zur Sprache - der Status Quo ist “eingefroren”. Ein konservatives Element, das mir eigentlich nicht gefällt.
  8. Die “Anschlußkommunikation” (ein Konzept von Norbert Groeben) fehlt: Es gibt keinen kolloquialen Austausch mit den Zuhörenden, die im Hörsaal oft am Ende der Vorlesung nach vorne kamen, um kleine Kommentare zu machen oder vertiefende Fragen zu stellen.

Und natürlich ist dies nur die Produzentensicht - wie es auf Rezipientenseite aussieht, werde ich in ein paar Wochen bzw. Monaten sehen.

Berens & Funke (2020): A vignette study of option refusal and decision deferral

Eine neue Publikation ist zu vermelden: Meine frühere Master-Studentin (jetzt: Doktorandin) Sabrina Berens hat mit mir ein Manuskript verfasst, das die Ergebnisse ihrer Masterarbeit (damaliger Titel: “Die Option (noch) nicht zu entscheiden: Einflussfaktoren der Situation und Person auf die prädezisionale Phase im Handlungsprozess”) zusammenfassend berichtet. Es geht dabei um das Aufschieben von Entscheidungen, genauer: unter welchen Bedingungen Entscheidungen aufgeschoben oder Entscheidungsalternativen abgelehnt werden. In der Vergangenheit ist dieses Verhalten unter dem Stichwort Prokrastination häufig als maladaptive (also nachteilige) Vorgehensweise beschrieben worden. Die vorliegende Arbeit versucht die (potentiell positive) Adaptivität des Aufschiebens und Noch-nicht-Entscheidens näher zu beleuchten.

Methodisch wird hierzu der Weg einer experimentellen Vignettenstudie gewählt, in der mehrere Variablen innerhalb der Versuchspersonen manipuliert werden (Attraktivität, Intransparenz, Zeitdruck). Die Vignetten (=textlich beschriebene hypothetische Situationen) schildern passend zur angestrebten studentischen Stichprobe alltägliche studentische Entscheidungssituationen (Seminarwahl an der Universität; Abendplanung am Wochenende; Auswahl eines Praktikumsplatzes; Suche nach einer Wohnung am Studienort) und behandeln damit nicht die in diesem Forschungsfeld typischen Kaufentscheidungen, sondern versuchen trotz ihres hypothetischen Charakters lebensnähere Situationen anzusprechen.

Das vierfaktorielle Design wird mit drei Meßgrößen verknüpft: der Schwierigkeit der Entscheidung, der Art der Entscheidung sowie der Zufriedenheit mit der Entscheidung. Im Rahmen einer Online Studie konnten 312 studentische Teilnehmende gewonnen werden, von denen jeweils 78 eine der vier Vignetten in den entsprechenden experimentell variierten Bedingungen zu beurteilen hatten.

Als Ergebnis zeigt sich, dass Aufschieben vor allem durch Faktoren der Situation, die erlebte Schwierigkeit und die Unentschlossenheit einer Person bedingt ist, während die Ablehnung bisheriger Alternativen ausschließlich durch Faktoren der Situation bestimmt ist. Für das Aufschieben ist der wichtigste situative Faktor der Zeitdruck). Bei der Ablehnung ist es die Attraktivität der Alternativen, die den stärksten Effekt hat. Dies spricht für eine gewisse Rationalität hinter der Tendenz aufzuschieben.

Quelle: Berens, S., & Funke, J. (2020). A vignette study of option refusal and decision deferral as two forms of decision avoidance: Situational and personal predictors. PLOS ONE, 15(10), e0241182. doi: 10.1371/journal.pone.0241182 [download]

OWCPS: Robert Sternberg plädiert für „adaptive Intelligenz“

Beatrice Kuhlmann, JF und Bob Sternberg

Corona-Zeiten sind schwierige Zeiten. Aber sie bringen auch Gutes hervor: Für mich zählt das OWCPS-Seminar an der Universität Mannheim zu den klaren Corona-Gewinnen. OWCPS heisst “One World Cognitive Psychology“ und wird von den Mannheimer Kognitionspsychologen Arndt Bröder, Edgar Erdfelder, Meike Kroneisen und Beatrice Kuhlmann seit dem Sommersemester 2020 organisiert.

Die Idee dahinter ist ganz einfach: Das „normale“ Kolloquium der Mannheimer Arbeitsgruppe, das infolge Corona nicht im Seminarraum abgehalten werden konnte, wurde kurzerhand in die virtuelle Welt verlegt und ist damit plötzlich offen für die ganze Welt - und das Beste: Viele Interessierte aus der ganzen Welt schalten sich zu und können den internationalen Gastrednerinnen und Gastrednern zuhören (und Fragen stellen!). Und natürlich können Veranstalter tolle Vorttagende aus der ganzen Welt gewinnen - Reisekosten entstehen keine.

Unser Honorarprofessor Robert Sternberg (Cornell University) war kürzlich im OWCPS zu Gast und hat vor über 100 Zuhörenden seine Kritik an der klassischen (analytischen) Intelligenztestung vorgestellt (Titel: “Time Bomb: How the Western conception of intelligence is taking down humanity“), die er bereits in seinem lesenswerten Artikel von 2019 (hier der Link, open access) dargelegt hat.

So kritisiert er etwa, dass viele „moderne“ Intelligenztests auf Items zurückgreifen, die Anfang des 20. Jahrhunderts entworfen wurden. Sein Plädoyer: wir brauchen neue IQ-Tests, die anstelle individueller Adaptation mehr Wert auf die kollektive Überlebenssicherung legen, also neben besonderen Leistungen im Fortsetzen angefangener Zahlenreihen auch Kriterien wie Weisheit, praktische Intelligenz und Kreativität Berücksichtigung finden sollten (seine Rainbow-Studie ist ein Beispiel dafür). Die Schwerpunktsetzung auf individueller Adaptation sei eine typisch westliche Verzerrung (Triumph des Individualismus im Vergleich zu eher kollektivistischen Kulturen). Seine Forderung:

  • Nachdenken, was Intelligenz inhaltlich bedeuten könnte, wenn es um das Überleben unserer Spezies geht.
  • In den testdurchführenden Institutionen (Schulen, Universitäten) darüber nachdenken, was man eigentlich erfassen möchte.
  • In den Bildungs-Institutionen darüber nachdenken, was zum Bildungsinhalt gehört (z.B. kritisches Denken) und derzeit eventuell zu kurz kommt.

Sternbergs Vortrag war durchzogen von Wut und Ärger über den, „dessen Name nicht genannt werden darf“ - nein, nicht Lord Voldemort, sondern Donald Trump, dessen politisches Agieren wohl kaum dem Wohl der Menschheit dient, nicht einmal dem Wohl des gesamten amerikanischen Volkes.

Wer den Vortrag nicht hören konnte und Lust auf ihn hat: Dank Zoom ist (mit Zustimmung aller Beteiligten) der Vortrag aufgezeichnet und kann auf YouTube angeschaut werden: https://youtu.be/0d7vCoF2PlM (auch das ein Gewinn des digitalen Formats).

Wendt & Funke (2020): Psychologie und Geschichte

Es ist von einer neuen Publikation zu berichten: Mein früherer Doktorand Alexander Wendt, der gerade für seine zweite Doktorarbeit in Verona (Italien) weilt, hat mit mir ein Kapitel in einem gerade erschienenen Sammelband “Psychologie der Geschichte” verfasst. Titel: “Psychologie über Geschichte oder übergeschichtliche Psychologie?”.

Darin geht es um die Frage, inwiefern psychische Prozesse geschichtlich sind - oder um es an einem Beispiel zu veranschaulichen: Können wir Caesars Gemütslage nachempfinden, als er 49 vC mit seinen Truppen den Rubikon überschritten hat? Egon Friedell stellt in seiner “Kulturgeschichte der Neuzeit” (1927-1932) die provokante Frage “Haben die Klassiker überhaupt gedacht?” und fragt danach, ob die Kognitionen unserer Ahnen mit unseren zeitgenössischen Kognitionen überhaupt vergleichbar sind.

Wir vertreten einen “Allgemeinen Psychologischen Universalismus” (APU), den wir mit seiner Gegenposition, dem Radikalen Psychologischen Historismus (RPH) kontrastieren. Wir argumentieren, dass der RPH in einen Solipsismus mündet, der Verstehen unmöglich macht. Natürlich hat die Allgemeine Psychologie immer schon einen Universalismus-Anspruch gestellt (alle von uns untersuchten psychischen Funktionen sollen für alle Menschen auf dieser Erde gelten - anthropologische Konstanten also), aber diesen Anspruch haben wir vor allem synchron (also hier und jetzt) gestellt. Nunmehr kommt die diachrone Perspektive klar hinzu (APU vermutet: auch vor 100 oder 1000 Jahren besassen die Menschen damals z.B. Strategien der Emotionsregulation, wie sie uns heute geläufig sind) und muss begründet werden. Genau das versuchen wir in diesem kleinen Beitrag zu leisten.

Das von Gerd Jüttemann herausgegebene Buch umfasst 32 Beiträge ganz unterschiedlicher Art - mir gefällt die Auseinandersetzung mit dem Fach “Geschichte“. Zum einen, weil wir interessante Rekonstruktionen historischer Situationen kennen (z.B. Dörner, D., & Güss, C. D. (2011). A psychological analysis of Adolf Hitler’s decision making as commander in chief: Summa confidentia et nimius metus. Review of General Psychology, 15(1), 37–49. https://doi.org/10.1037/a0022375). Zum anderen, weil der Gedanke an eine “experimental history” von unserem Fach an die Geschichtswissenschaft herangetragen werden könnte: z.B. Nachstellen historischer Entscheidungssituationen mit variierenden Randbedingungen und schauen, wie Naive bzw. Experten aus heutiger Sicht entscheiden würden. Die mögliche Kooperation mit der Geschichtswissenschaft eröffnet also den Raum für interessante neue Fragestellungen.

Quelle: Wendt, A. N., & Funke, J. (2020). Psychologie über Geschichte oder übergeschichtliche Psychologie? In G. Jüttemann (Hrsg.), Psychologie der Geschichte (S. 102–109). Pabst Science Publishers. [download]

DGPs Mitgliederversammlung online

In der deutschsprachigen Psychologie gibt es alle zwei Jahren ein „Familientreffen“: der alle 2 Jahre stattfindende Kongress der “Deutschen Gesellschaft für Psychologie” (DGPs), auf dem zahlreiche Fachvorträge und Poster den aktuellen Stand der Forschung repräsentieren. Die DGPs ist mit knapp 4900 Mitgliedern die größte Interessenvertretung der akademischen Psychologie.

Als ich in den 1980er Jahren Mitglied in dieser Gesellschaft wurde, waren die Aufnahmebedingungen in diesen elitären Zirkel noch sehr streng (heute sind sie etwas liberalisiert): Neben abgeschlossener Promotion mussten zwei wissenschaftliche Veröffentlichungen vorgezeigt werden, zwei Bürgen (Mitglieder der DGPs) mussten zudem gefunden werden. Akademische Psychologie unter sich - ich würde sagen: einfach viele nette Leute!

Für dieses Jahr war der DGPs-Kongress in Wien geplant - Corona-bedingt musste er leider abgesagt werden (ich hatte mich schon so auf Wien gefreut! - aber natürlich hatte ich schon derartige Konferenz- und Reiseabsagen für Szeged und für Prag hinter mir). Neben den fachlichen Aspekten des Kongresses gibt es dort immer auch Organisatorisches zu klären. Die diesbezüglich wichtigste Veranstaltung ist die ordentliche Mitgliederversammlung (MV; daneben gibt es auch noch die Fachgruppenversammlungen - 17 Fachgruppen, die nach inhaltlichen Themen gebildet sind und kleine bis größere Untereinheiten der Muttergesellschaft darstellen). Aber am wichtigsten: Auf der MV wird nicht nur der nächste Kongressort bestimmt, sondern auch der für 2 Jahre amtierende Vorstand der Gesellschaft gewählt.

Da es vereinsrechtlich notwendig ist, in regelmäßigen Abständen eine MV abzuhalten, gab es dieses Jahr nur den Weg der Online-MV. Die fand am Mittwoch 16.9.2020 unter der Leitung der Präsidentin 2018-2020, Birgit Spinath (siehe meinen Blog-Beitrag vom September 2018: “Birgit Spinath ist neue DGPs-Präsidentin“), via Zoom statt - rund 300 Mitglieder waren zugeschaltet (und es hat problemlos funktioniert!). Anstelle des mündlichen Vortrags der Präsidentin mit dem seit 1968 üblichen (dank C. F. Graumann, der diese Tradition begründete!) “Bericht zur Lage der Psychologie” (dieser erscheint in Heft 1/2021 der “Psychologischen Rundschau”) gibt es ein 20minütiges persönliches Statement von ihr auf YouTube, das ich hier empfehlen möchte.

Auf der virtuellen MV ist der “alte” Vorstand entlastet worden und ein neuer Vorstand gewählt worden (die Wahl fand bereits in den Wochen zuvor statt, aber die Wahlkommission gab erst auf der MV das Wahlergebnis bekannt). Hier der neue Vorstand für die Zeit 2020-2022: Präsident: Markus Bühner, München; 1. Vizepräsident (d.h. president-elect): Stefan Schulz-Hardt, Göttingen; 2. Vizepräsident: Karl-Heinz Renner, München; Schriftführer: Christian Fiebach, Frankfurt; Schatzmeister: Jens Bölte, Münster; Vertreterin der Jungmitglieder: Anna-Lena Schubert, Heidelberg. Beisitzerin und gleichzeitig Ausrichterin des 52. Kongresses der DGPs, der im September 2022 in Hildesheim stattfinden soll: Christina Bermeitinger, Hildesheim.

Und hier noch mal zur Erinnerung die Zusammensetzung des alten Vorstands von 2018-2020: Präsidentin: Birgit Spinath, Heidelberg; 1. Vizepräsident (president-elect): Markus Bühner, München; 2. Vizepräsidentin: Annette Schröder, Landau; Schriftführer: Christian Fiebach, Frankfurt; Schatzmeister: Jens Bölte, Münster; Vertreterin der Jungmitglieder: Gordon Feld, Berlin. Beisitzer und gleichzeitig Ausrichter des 52. Kongresses der DGPs, der im September 2020 in Wien stattfinden sollte: Ulrich Ansorge, Wien.

Liebe Birgit: Eine anstrengende Zeit geht zu Ende (unser Rektor hatte Dir ja keinerlei Erleichterung angeboten auf Deine Bitte hin, wenigstens 2 SWS Deputatsermäßigung zu gewähren) - danke für Eure Arbeit im Vorstand und speziell Dank an Dich! Mit Deiner ruhigen, sachlichen und problemlösungsorientierten Art hast Du unsere Gesellschaft durch schwierige Zeiten gesteuert. Ich meine damit weniger Corona (da habt Ihr mit der Webseite https://psychologische-coronahilfe.de/ eine tolle Informationssammlung und ein vorbildliches Hilfe-Angebot für die breite Öffentlichkeit bereitgestellt) als vielmehr das jüngst am 1.9.2020 in Kraft getretene “Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung” (mehr Infos dazu hier), das unseren bisherigen BSc- und MSc-Studiengang Psychologie vor erhebliche Herausforderungen gestellt hat und die Psychotherapieausbildung auf neue (hoffentlich bessere) Füße stellt.

Die Umgestaltung der Studiengänge gemäß den Anforderungen der Approbationsordnung (PsychThApprO) ist noch in vollem Gang, aber schon jetzt ist klar: Fachpolitisch habt Ihr dank der Idee eines “polyvalenten” Bachelors, also eines Bachelors, der für vielfältige Schwerpunktsetzungen Raum lässt und nicht “monovalent” nur auf Psychotherapie vorbereitet, viel erreicht und Euch dadurch um die Einheit unseres Faches verdient gemacht! Wir müssen diese Idee in den Instituten jetzt vernünftig umsetzen. Dem alten Vorstand also ein herzliches “Danke!” und dem neuen Vorstand viel Erfolg bei der Fortsetzung dieses Kurses und beim Anpacken “neuer” Themen!

Danke, liebe Birgit!

Danke, liebe Birgit!

Verteidigung des Menschen

Unter dem provokanten Titel “Verteidigung des Menschen” ist ein neuer, gut 300 Seiten umfassender Sammelband meines Heidelberger Kollegen Thomas Fuchs (Inhaber der Karl-Jaspers-Professur) erschienen, über den ich hier berichten möchte. Es geht um ein vertieftes Verständnis für ein humanistisches Menschenbild, das angesichts von Fortschritten in verschiedenen Wissenschaftsgebieten (z.B. Neurowissenschaften, Informatik) durch eine mechanistische und reduktionistische/funktionalistische Sichtweise verdrängt werden könnte.

Die insgesamt 10 Texte dieses Bandes (davon 2 für diesen Band neu verfasst, 8 wiederabgedruckte Beiträge aus verschiedenen Quellen, die zwischen 2010 und 2019 publiziert wurden) sind drei großen Themenbereichen zugeordnet: (1) Künstliche Intelligenz, Transhumanismus, Virtuialität; (2) Personalität und Neurowissenschaften; (3) Psychiatrie und Gesellschaft. Es geht dabei um Themen, die mit der Digitalisierung unserer Welt zusammenhängen: Wird etwa künstliche Intelligenz irgendwann (zu einem Zeitpunkt, den manche Futurologen als “Singularität” bezeichnen würden) die menschliche Intelligenz überholen? Werden Maschinen eines Tages Bewusstsein besitzen? Werden wir durch technische Massnahmen (z.B. durch Eingriffe in die Genetik) schließlich “bessere” Menschen bekommen?

Die Dialektik von Körper und Geist (genauer: die Leiblichkeit geistiger Aktivitäten) stellt ein zentrales Thema dar: anstelle eines Gegensatzes (eines “entweder-oder”) geht es um die Gleichzeitigkeit beider Seiten (ganz Hegelianisch: “Das Entgegengesetzte in seiner Einheit begreifen”). Geist lässt sich nicht vom Körper trennen. Und: Zum Menschsein, zum Leben, gehört der Tod dazu - alle Versuche, durch “mind uploading” oder “mind transfer” eine Person unsterblich zu machen, sind zum Scheitern verurteilt, weil Bewusstsein untrennbar an den Körper gebunden ist. Bewusstsein ist verkörpertes Bewusstsein.

In Hinblick auf Demenzerkrankung schreibt er: “Was den Patienten verloren geht, ist die Reflexität, also die höherstufige Fähigkeit, sich auf das eigene Erleben oder die momewntane Situation zu beziehen und dazu aus einer übergeordneten Perspektive Stellung zu beziehen. Doch das präreflexive Selbst ist davon nicht betroffen: Die Patienten erleben durchaus ihr leibliches Hier-jetzt-Sein ebenso wie ihr Mitsein mit anderen, und zwar vor allem in emotionaler Hinsicht” (S. 289-290). Dieser Blick setzt eine anderen Akzent in Bezug auf Demenz als den üblichen Standpunkt, wonach mit dem Verlust des Geistes (der Rationalität) das Person-Sein entschwindet. Gegen dieses dualistische Menschenbild, das den Körper nur als “Trägerapparat” für den Geist (das Gehirn) ansieht, setzt Fuchs ein Menschenbild, das Selbstsein durch Lebendigkeit und Leiblichkeit definiert.

Alles in allem ein Gegenentwurf zu einem naturalistisch-reduktiven Menschenbild, das gerade auch in der Psychologie viele Anhänger findet. Thomas Fuchs liefert eine Alternative, über die sich nachzudenken lohnt! Also: eine klare Lese-Empfehlung!

Quelle: Fuchs, Thomas (2020). Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie. Frankfurt: Suhrkamp.

In memoriam Wilhelm Wundt (1832-1920)

Am 31.8.2020 ist der 100. Todestag von Wilhelm Wundt, einem der modernen Gründungsväter der Psychologie - er ist zwar weder in Heidelberg geboren (das war 1832 in Mannheim-Neckarau) noch dort verstorben (das war 1920 in Großbothen bei Leipzig), dennoch gibt es zahlreiche Bezüge zu Heidelberg.

Auch wenn er das weltweit erste Institut für experimentelle Psychologie 1879 an der Universität Leipzig (und nicht in Heidelberg) begründete, sind doch viele seiner Wurzeln in Heidelberg zu finden. Er studierte von 1851 bis 1856 Medizin an den Unis in Heidelberg (u.a. bei Robert Bunsen) und Tübingen, schloß mit einer “summa cum laude”-Promotion über das Verhalten von Nerven ab, war in Heidelberg als Assistent des Pathologen Karl Ewald Hasse tätig, habilitierte sich dort 1857 und war danach Privatdozent in Heidelberg. Seit 1858 war Wundt dann Assistent bei Hermann von Helmholtz, bis dieser 1870 auf ein Ordinariat für Physik nach Berlin wechselte. Wundt verließ Heidelberg 1874 für eine Professur in Zürich, bevor er ein Jahr später nach Leipzig berufen wurde, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1920 blieb.

Das hervorragende Werk “Wilhelm Wundt (1832-1920). Gesamtwerk: Einführung, Zitate, Kommentare, Rezeption, Rekonstruktionsversuche” von Jochen Fahrenberg aus dem Jahr 2018 macht mit der Person und seinem Lebenswerk bekannt (es kann als PDF kostenlos heruntergeladen werden). Fahrenberg macht zudem die Aktualität von Wundt deutlich:

“Wundt hat das Feld der Psychologie sehr weit und interdisziplinär definiert und auch dargelegt, wie unerlässlich die erkenntnistheoretisch-philosophische Kritik der individuellen Überzeugungen und der psychologischen Theorien bleibt.

Wenn zeitweilig im Hauptstrom der Psychologie einseitige Auffassungen anziehend sind – Kognitivismus oder neurophysiologischer Reduktionismus, die narrative Wende oder Computergestützte Modellierungen, die qualitative Psychologie, die phänomenologische Orientierung, die Psychoanalyse oder die gesellschaftskritische Neue Psychologie – ist es angebracht, an den theoretischen Horizont des Gründers der Psychologie als Disziplin zu erinnern. Er versuchte, fundamentale Kontroversen der Forschungsrichtungen erkenntnistheoretisch-methodologisch zu verbinden – in einem souveränen Umgang mit den kategorial grundverschiedenen Betrachtungsweisen des Zusammengehörigen. Hier argumentierte er bereits in der Gründungsphase der universitären Psychologie auf einem hohen Anspruchsniveau metawissenschaftlicher Reflexion und verlangte Integration von Prozesskomponenten und Koordination von Bezugssystemen. Dieses Anregungspotenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft.

Attraktiv geblieben ist Wundt wegen der von ihm angestrebten Einheitlichkeit der Wissenschaftskonzeption, denn es mangelt heute an anspruchsvolleren Diskussionen über den bestehenden Pluralismus der Richtungen und über koordinierte Strategien. Die Kontroversen in der Theoretischen Psychologie über Ziele und Methoden der Psychologie bestehen fort und verlangen einen kontinuierlichen Diskurs. Dazu gehören das Drängen auf philosophische Reflexion der eigenen Voraussetzungen, die Fähigkeit und die Bereitschaft zu einem systematischen Perspektivenwechsel, gerade in der Psychologie, in der Forschung, im Studium und in der beruflichen Praxis. ” (Fahrenberg, 2018, S. 380-381).

Es gibt auch einen persönlichen Bezug von mir zu Wundt. So wie die Mathematiker ihre Nähe zum ungarischen Vielschreiber Erdös in der sogenannten Erdös-Zahl ausdrücken, so kann man auch in der Psychologie den Wundt-Abstand bestimmen (siehe meinen Blog-Beitrag aus dem Jahr 2014). Und siehe da: Wundt ist mir näher als gedacht, zumindest in Bezug auf Promotionsbeziehungen (Doktorväter) besteht eine direkte Verbindung von Wilhelm Wundt über Oswald Külpe - Karl Bühler - Peter Hofstätter - Jürgen Bredenkamp zu mir.