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Preis der Freunde 2015: FiS

FiS-Gruppe mit GdF-Preis

FiS-Gruppe mit GdF-Preis

Alljährlich vergibt die “Gesellschaft der Freunde der Universität Heidelberg” (GdF) seit 1995 einen mit 2.500 Euro dotierten Preis für studentische Gruppen, die sich in hervorragender Weise für die Universität Heidelberg und deren Studierende engagieren. In früheren Jahren wurde z.B. die Psychologen-Initiative “Nightline” ausgezeichnet, die eine telefonische anonyme Anlaufstelle für Studierende ist, die mit ihren Problemen nicht weiterwissen.

In diesem Jahr wurde aus dem Bewerberpool das “Forum für internationale Sicherheit” (FiS) ausgewählt. Dem Forum geht es um einen Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praktikern im Bereich der Aussen- und Sicherheitspolitik, der Konflikt- und Friedensforschung und des Völkerrechts. Themen, die nicht nur im Lichte unserer momentanen Weltpolitik von großer Bedeutung sind!

Dazu werden Vorträge organisiert, Workshops durchgeführt und vor allem jährlich die mehrtägige Konferenz “Heidelberger Dialog zur internationalen Sicherheit” organisiert, zu der prominente Gäste erscheinen. Unterstützt wird die Gruppe von der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, die eine Aussenstelle in Heidelberg betreibt.

Auch wenn es überwiegend Studierende der Politikwissenschaft sind, die die operative Arbeit erledigen: Studierende anderer Disziplinen sind herzlich eingeladen mitzumachen! Für Psychologie-Studierende mit einem Hang zum komplexen Problemlösen ein optimaler Platz zur Mitarbeit! Es würde mich freuen, wenn auch unsere Psychologie-Studierenden sich hier einbringen würden!

Im Rahmen der Preisverleihung haben Andreas Epple und ich als Vorstandsmitglieder unserer GdF am 13.2.2015 im Senatssaal der Alten Universität die Leistungen dieser studentischen Initiative hervorgehoben, die gerade in heutiger Zeit so wichtig wie nie zuvor erscheint. Toll, dass wir solche Studierenden haben! Gratulation!

zur Pressemitteilung: http://www.uni-heidelberg.de/presse/news2015/pm20150206_forum-fuer-internationale-sicherheit-heidelberg-erhaelt-preis-der-freunde.html

Direktstudium Psychotherapie

Die Umwandlung des Diplomstudiengangs Psychologie in eine zweiteilige Bachelor-/Master-Struktur liegt noch keine 10 Jahre zurück - schon wird die nächste Änderung der Studienstruktur geplant: Diesmal geht es um das sog. Direktstudium Psychotherapie, bei dem nach 3+2-jährigem Studium mit klinischem Schwerpunkt der Abschluss nicht nur im Master besteht, sondern auch die Approbation (=die staatlich kontrollierte Zulassung zur Berufsausübung) enthält. Diese wird heutzutage erst nach einer an den Masterabschluss anschliessenden Weiterbildung erteilt, die zusätzliche 3-5 Jahre dauert und meist mit erheblichen Kosten im fünfstelligen Bereich verbunden ist.

Am 24. November 2014 hat die Bundespsychotherapeutenkammer auf ihrem 25. Psychotherapeutentag die Reform mehrheitlich bejaht, am 5.2.15 hat im Bundesgesundheitsministerium eine erste Gesprächsrunde zur Reform der Psychotherapeutenausbildung stattgefunden. Die DGPs als Interessenvertretung der akademischen Hochschulpsychologie hat über ihre zwei Kommissionen “Studium und Lehre” (unsere Kollegin Birgit Spinath ist darin Mitglied) sowie “Psychologie und Psychotherapie” (Vorsitz: Winfried Rief)  ebenfalls Empfehlungen zur Reform des Bachelor- und Masterstudiums ausgesprochen, die eine Reform in greifbare Nähe (dh. in den nächsten 2-3 Jahren) rücken.

Wesentliches Merkmal dieser Vorschläge: von den 120 LP für das Masterstudium (=4 Semester mit je 30 LP) werden 60 LP für klinische Inhalte (inkl. Praxisanteilen) vorgesehen. Im Bachelor kommen neben den polyvalenten Grundlagenfächern auch 18-24 LP Klinische Psychologie über die dortigen Anwendungsfächer hinzu.

Was wird also anders beim „Direktstudium“ im Vergleich zur bisherigen Struktur? Im Bachelor wenig (alle Institute haben bisher schon die Klinische Psychologie als Anwendungsfach), im Master geht es um mindestens 60 LP Klinische Psychologie und Psychotherapie! Die Vermittlung verschiedener wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren und Methoden, für Erwachsene sowie für Kinder und Jugendliche gehört dazu. Vertiefte praktische Kenntnisse und Kompetenzen sind in mindestens dreiTherapiemethoden/-verfahren zu erwerben. Und: Die Universität, die ein Direktstudium anbietet, muss über eine Forschungs- und Lehrambulanz verfügen (tun wir: siehe ZPP).

Ziel der gemeinsamen Bemühungen ist es, einerseits die Einheit unseres Faches zu wahren (also eine Abspaltung der Klinischen Psychologie vom Rest des Faches zu verhindern), andererseits einen akademisch fundierten Heilberuf analog zu Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin oder Pharmazie mit staatlichem Abschluss (”Staatsexamen”) möglich zu machen.

Beim Treffen aller baden-württembergischen Psychologie-Institute aus den Universitäten Freiburg, Heidelberg, Konstanz, Mannheim, Tübingen und Ulm, das am 12.2.15 unter Leitung von Winfried Rief und Birgit Spinath bei uns in Heidelberg stattfand, bestand Konsens darüber, bei allen lokalen Unterschiedlichkeiten die Planungen in Richtung auf ein Direktstudium zu verstärken und auch beim Landesministerium vorstellig zu werden, um dort über die Erstattung möglicher Mehrkosten zu verhandeln, die aus einem stärker praxisorientierten Studium resultieren würden.

Solidarpakt III: Perspektive 2020

Hochschulfinanzierung ist angesichts dramatisch steigender Studierendenzahlen ein wichtiges Thema an allen Universitäten. Nach Ablauf von Solidarpakt I (1997-2006) und Solidarpakt II (2006-2015) ist nun das dritte Abkommen zwischen baden-württembergischen Hochschulen und der Landesregierung unter Dach und Fach gebracht worden. Zitat aus dem CHE “CheckPoint 1/2015″:

“Die Landesregierung und Vertreter der Hochschulen in Baden–Württemberg haben am 9. Januar den neuen Hochschulfinanzierungsvertrag (HoFV) unterzeichnet. Die Vereinbarung mit dem Namen “Perspektive 2020″ gilt für sechs Jahre ab 2015. Mit dem neuen Hochschulfinanzierungsvertrag [hier der Link zum Vertrag] erhöht das Land die Grundfinanzierung der Hochschulen bis 2020 um drei Prozent pro Jahr. Damit steigt die Grundfinanzierung schrittweise von heute 2,47 Milliarden Euro auf 3,05 Milliarden im Jahr 2020. Dazu kommen 600 Millionen Euro zusätzlich für ein Sonderprogramm zur Sanierung von Hochschulgebäuden. Außerdem erhalten die Universitäten einen Ausgleich für die Steigerung der Energiekosten seit 1997. Die Hochschulmedizin erhält 20 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich für Sonderbedarfe. Über 20 Millionen Euro jährlich entscheiden die Studierenden künftig in einem gesetzten Rahmen eigenständig, wie diese zur Verbesserung der Lehre verwendet werden. Das Land investiert 100 Prozent der freiwerdenden BAföG–Mittel in Bildung – 60 Millionen Euro davon in die Hochschulen.”

Baden-Württemberg befindet sich damit in einer Spitzenposition, verglichen mit anderen Bundesländern, in denen die Finanzlage weniger gut ausfällt. Trotz dieses großen Erfolgs bei den Verhandlungen sind noch einige Sorgen auszuräumen. Da die Zweitmittel (Qualitätssicherungsmittel [=QuasiMi] etc.) zunächst einmal in die Hand des Rektorats zurückfallen, müssen sie von dort aus in die budgetären Einheiten weitergegeben werden, aber nicht in vollem Umfang, da ein ein grosses (und dauerhaftes) strukturelles Defizit nach wie vor besteht! Lediglich die (nunmehr dauerhaften) Sondermittel wie Ausbau 2012 und 2016 werden wohl in voller Gänze durchgereicht an die Fächer, die sich zur Aufnahme von Überlast bereit erklärt haben. Das bringt einige Institute, die ihre Zukunft voll auf diese (befristeten) Sonderzahlungen gesetzt haben, in Schwierigkeiten. Hier muss eine faire und transparente Verteilung für Konsens sorgen, die vom Rektorat in enger Abstimmung mit dem Senat in den nächsten Monaten vorgenommen wird. Die ursprüngliche Höhe der QuasiMi wird nicht mehr erreicht werden, aber etwa die Hälfte davon wird den Instituten als (nunmehr frei verfügbare, dauerhafte und im Fall von Personalstellen: dynamisch steigende!) Aversalmittel zur Verfügung stehen.

Für die Studierenden bleibt nach wie vor ein Vorschlagsrecht für einen (nun etwas geringeren) Teil der Mittel bestehen (via StuRa [=StudierendenRat]). Etwas mehr als 1 Mio € stehen hier den Studierenden zukünftig pro Jahr bereit. Manche der bisherigen Serviceleistungen werden daher nicht mehr angeboten werden können; aber waren Zuschüsse zu Sprachkursen, freie Druckkontingente, Zuschüsse zu Konferenzreisen, Zuschüsse zu Bachelor- und Masterarbeiten wirklich immer nötig? Nicht alle Studierenden haben davon gleichermassen profitiert. Und stand der enorme administrative Aufwand wirklich in angemessenem Verhältnis? Ich jedenfalls halte die Reduktion der Mittelmitbestimmung an dieser Stelle für vertretbar. Gute Vorschläge von Studierenden werden sicher auch weiterhin in den Instituten aufgegriffen und umgesetzt werden.

Wie so oft wird schon das um das Fell des Bären gestritten, wo er noch gar nicht ausgenommen ist und unklar ist, wie sich die finanzielle Situation im Detail darstellt (es gibt bereits erste Abstriche bei der zugesagten Energiekostenübernahme). Die “bottom line” ist eindeutig positiv und gibt Anlass zur Freude über die Einsicht der Poltiker, dass dringender Handlungsbedarf bestand (und in Sachen Hochschulbau immer noch besteht!). Und: Wir schwimmen jetzt nicht im Geld, sondern eine katastrophale Defizit-Situation ist etwas mehr ins Gleichgewicht gebracht worden. Am Ende wird wohl niemand mehr Geld bekommen, aber wir müssen auch keine Schließungen vornehmen, sondern können den laufenden Betrieb aufrechterhalten… Das bedeutet in heutigen Zeiten schon eine Menge! Wir jubeln nicht, aber wir freuen uns!

Vorträge, Vorträge, Vorträge!

Die abgelaufene Woche stand für mich ganz im Zeichen von vier interessanten Vorträgen. Heidelberg hat insgesamt ja ein tolles Vortragsangebot (viele interessante Forscher, Literaten, Künstler, etc. kommen gerne hierher) - ein Angebot, das mich manchmal terminlich überfordert, aber natürlich vor allem begeistert. Die Ausbeute dieser Woche: klasse!

(1) Arndt Bröder (Allgemeine Psychologie, Uni Mannheim) sprach im Rahmen des sozialpsychologischen Kolloquiums zum Thema “Viele Mechanismen oder einer? Empirische Untersuchungen zu Metaphern adaptiven Entscheidens” und hat sich gefragt, ob man experimentell zeigen kann, dass die Metapher des adaptiven Werkzeugkastens oder diejenige des “adjustable spanner” besser passt. Mir ist nochmal deutlich geworden: Mit minimal komplexen Paradigmen in der Informationssuche (man muss unter knappen Info-Ressourcen zu einer Entscheidung kommen und bekommt auf Wunsch, gegen Entgelt etc. weitere Info-Stücke, die entweder konkordant, neutral oder diskordant zur geplanten Entscheidungsalternative stehen) sieht man nur die eine Seite der Medaille; die andere Seite (und die ist bei komplexen Siituationen eher typisch) besteht darin, aus einer Flut von Informationen die relevanten Stücke herauszusuchen. Da werden andere Heuristiken verlangt, scheint mir. Stoff zum Nachdenken jedenfalls.

(2) Timo Leuders (Mathematik-Didaktik, PH Freiburg) hat im Rahmen des Interdisziplinären Bildungskolloquiums über “Entdeckendes Lernen” gesprochen. Am Beispiel der Mathematik-Didaktik ist “discovery learning” daraufhin überprüft worden, unter welchen Bedingungen es traditionellen Instruktionsformaten überlegen ist. Dass mehr Zeit benötigt wird, ist sicher ein Nachteil; auf der anderen Seite steht als Gewinn neben dem Wissenserwerb auch der Erwerb einer spezifischen Art zu denken (in diesem Fall: mathematisches Denken) und eine gesteigerte Selbstkompetenz, wenn man verborgene Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten (manchmal mit ein bisschen Hilfe) selbst aufdeckt. Interessanter Aspekt am Rande: Welche Rolle spielen Beweise in der Mathematik? In der chinesischen Mathematik sind sie bedeutungslos, bei uns offensichtlich entscheidend. Bis heute sind “Vermutungen” in der Mathematik etwas sehr Wichtiges, indem aus Beobachtungen über Regularitäten mögliche Gesetzmäßigkeiten induziert werden.

(3) Melanie Wald-Fuhrmann (MPI für empirische Ästhetik, Frankfurt) hat unter dem Titel “Warum lieben Sie Brahms?” in der Alten Aula die 14. Marsilius-Vorlesung gehalten. Es ging darum, wie sich ästhetische Präferenzen entwickeln. Dabei sind soziologische Aspekte ebenso wie psychologische zu berücksichtigen. Dass sich Subkulturen auch über einen bestimmten Musikgeschmack definieren, ist ein interessantes Phänomen. Und natürlich lieben Mädchen ihre Boy-Groups, Jungen ihre Girl-Groups, oder? Entwicklungspsychologische Überlegungen helfen hier weiter. - Dass sich die Max-Planck-Gesellschaft entschlossen hat, zum Thema Ästhetik ein eigenes MPI einzurichten, finde ich klasse! Hier in Heidelberg hatten wir (Christiane von Stutterheim, Raphael Rosenberg und ich) vor Jahren einmal den Plan zu einem eigenen SFB (”Kognition von Sprache, Musik und Bild”), der solche Themen ebenfalls hätte fokussieren sollen; die DFG-Gutachter haben uns damals leider mit etwas engstirnigen Argumenten abgewiesen, obwohl wir gute Ideen hatten. Die Marsilius-Vorlesung hat bei mir alte Pläne wieder in Erinnerung gerufen. Übrigens: Ich habe bisher alle Marsilius-Vorlesungen gehört und war nie enttäuscht!

(4) Kurt Roth (Umweltphysik, Uni Heidelberg) hat im Rahmen des von unserem Assyriologen Stefan Maul organisierten “Gesprächskreis Geistes- und Naturwissenschaften” über “Evolution - Versuch einer großen Schau” einen unglaublich anregenden Vortrag über die Entstehung des Weltalls gehalten (die physikalische, chemische und biologische Evolution seit dem “Big Bang“), mit einem Ausblick auf die technologische Evolution im 21. Jahrhundert. Ein völlig neues Verständnis der Nukleogenese und der Kosmogenese, bei dem die Anthropogenese leider nur einen winzig kleinen Teil ausmacht (der mich natürlich am meisten interessiert). Viele Fragen, die nach 2 1/2 Stunden Vortrag und Diskussion offen blieben, aber nachwirken.

Mit Vorträgen ist es manchmal so, wie Christian Morgenstern es über Witze schreibt: “Korf erfindet eine Art von Witzen, / die erst viele Stunden später wirken. / Jeder hört sie an mit langer Weile. // Doch als hätt’ ein Zunder still geglommen, / wird man nachts im Bette plötzlich munter, / selig lächelnd wie ein satter Säugling”. Natürlich waren meine vier Vorträge nicht langweilig, sondern sehr lebendig! Um wieviel mehr lässt das auf fruchtbare Nachwirkung hoffen! Der Zunder glimmt!

Faking Science: Die Geschichte von Diederik Stapel

Im September 2011 ist der Fall Diederik Stapel an die Öffentlichkeit gekommen - ein holländischer Sozialpsychologe, der in seinen international Aufsehen erregenden Artikeln mit selbst gemachten Daten gearbeitet hat. Zahlreiche Veröffentlichungen wurden mit gefälschten Daten publiziert (und zwar in in guten und sehr guten Zeitschriften, darunter “Science”), für eine Vielzahl weiterer Publikationen sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Angaben von Retraction Watch zufolge wurden bis August 2013 insgesamt 54 Veröffentlichungen zurückgezogen.

Als Reaktion auf die Entlassung aus den Diensten der Universität Tilburg hat Stapel nicht nur seinen Doktortitel der Universität Amsterdam freiwillig zurückgegeben, sondern auch ein Buch über seine Geschichte verfasst. Ich habe über die Weihnachtszeit diese Biografie von Diederik Stapel gelesen, als PDF kostenlos zu erhalten:

Stapel, D. (2014). Faking science: A true story of academic fraud. Retrieved from http://errorstatistics.com/2014/12/21/derailment-faking-science-a-true-story-of-academic-fraud-by-diederik-stapel-translated-into-english/

Der Text ist nicht schön geschrieben (enthält viele verwirrende Sprünge… Der Buchtitel “Derailment” bekommt dadurch noch eine andere Bedeutung), aber er gibt einen Einblick in die Psyche eines Datenfälschers und den Umständen, unter denen aus einem sehr engagierten, begeisterten jungen Studenten ein erfolgreicher betrügerischer Professor wurde, der sich am Ende zwar erkennbar schämt, aber auch über die öffentliche Verfolgung von ihm und seiner Familie durch die Presse klagt.

Deutlich wird, dass kleine Grenzüberschreitungen (”questionable research practices“) am Anfang stehen (mal hier und dort einen Datenpunkt adjustiert, der nicht ganz konform ausfiel), denen zunehmend gröbere Verletzungen guter wissenschaftlicher Praxis folgen, da sich (zunächst) keine negativen Konsequenzen ergeben, sondern im Gegenteil sich die öffentliche Aufmerksamkeit begeistert auf ihn richtet. Er ist es, der der Öffentlichkeit die Welt erklären kann. Stapel geniesst diese “Star”-Position und sonnt sich im Rampenlicht, bis alles zu Bruch geht und sein “faking science” - nach 7 (sic!) Jahren - auffällt. Wissenschaft und Starkult passen eben nicht zueinander.

Was die Autobiografie aber auch deutlich macht: Es gibt für den Betroffenen keinen Mechanismus, diesen Betrug zu heilen - die Beichte führt nicht zur Erlösung. Eine Rückkehr in die Wissenschaft scheint nach einem derartigen Fehltritt nicht mehr möglich. Ist das fair? Wie steht es mit einer zweiten Chance?

Interessant am Rande: Stapel wäre gerne Schauspieler geworden! Wie es scheint, hat er es indirekt geschafft, diesen Berufswunsch mit seinen Auftritten in Hörsälen und in den Medien zu realisieren!

Link zum Untersuchungsbericht der Levelt-Kommission: https://www.commissielevelt.nl/

PS: Es ist ein Kommentar von Rolf Degen eingetroffen, der seinerseits über das Buch von Stapel eine lesenswerte Rezension verfasst hat (Link: siehe unten im Kommentarfeld und hier).

Je suis Charlie - und nun?

Der Terror-Anschlag von Paris am 7.1.2015: schrecklich, brutal, menschenverachtend! Wie gut, dass eine Welle der Solidarität rollt und die Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter demokratischer Verfassungen in den Mittelpunkt rückt! Geht das Ereignis unsere Disziplin “Psychologie” an? Natürlich! Das Thema geht uns alle an, also auch uns Psychologen. Was können wir zur Erklärung beitragen, was zur Verhinderung weiterer derartiger Anschläge?

Aus meiner Sicht muss dies mittel- und langfristig auch Konsequenzen für die angewandte Forschung haben. Wenn sozialwissenschaftliche Forschung gesellschaftliche Relevanz erlangen will, muss sie hier vermehrt Beiträge zum Verständnis, zur Therapie und Prävention anbieten. Das geht aber nur, wenn für entsprechende Forschung auch finanzielle Förderung möglich ist. Solange die Suche nach den letzten Geheimnissen der Teilchenphysik drastisch mehr Fördermittel erhält als die Suche nach den Wurzeln des Terrorismus, kann wissenschaftlich begründete Erkenntnis über diesen Phänomenbereich nicht wirklich wachsen (dabei wäre sie im Vergleich zu apparateintensiver Forschung viel billiger).

“Je suis Charlie” - dieses Motto der Solidarität mit den Opfern gefällt mir, aber es ist zu wenig, wenn es ein Lippenbekenntnis bleibt. Brauchen wir mehr Überwachung, mehr Polizeischutz? Wenn wir nicht an die Wurzeln des Terrorismus gehen, vermutlich ja - obwohl wir auch ständig erfahren, dass selbst die gigantischen Datensammlungen in den USA terroristische Anschläge nicht verhindern. Und mehr Überwachung und Kontrolle: damit gäben wir ja gerade ein Stück der Freiheit her, um die wir kämpfen.

In Paris wurde 1789 das Ideal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ausgerufen - Ideal und Wirklichkeit klaffen leider immer noch auseinander! Unfreiheit, Ungleichheit und Unmenschlichkeit sind auf diesem Planeten leider häufig anzutreffen - aber das ist kein Grund, von Idealen abzuweichen. Der Traum “Alle Menschen werden Brüder” ist ein schöner, auch wenn der Alltag leider anders aussieht.

Was kann man tun? Es sind sicher viele Faktoren verantwortlich dafür, dass Menschen Gewalt als letztes Mittel ihrer Interessen einsetzen. Ein Ansatzpunkt unter mehreren wäre, Bildung und Aufklärung in die Regionen zu tragen, wo Menschen bislang noch keinen freien Zugang zum Wissen haben und sich keine eigene Meinung bilden können. Und mit “Region” sind keineswegs nur entlegene räumliche Gebiete gemeint, sondern auch die Region der bildungsbenachteiligten Schichten unserer westlichen Gesellschaft. Dass in den Banlieues größerer französischer Städte nicht nur preiswerte Schlafstätten vermietet werden, sondern auch Bildung schwerer zu vermitteln ist, scheint ein Teil des Problems zu sein und ist in deutschen Grossstädten vermutlich nicht viel anders.

Bildung ist auch ein Beitrag zur Chancengleichheit bzw. Chancengerechtigkeit: Wofür lohnt es sich zu arbeiten? Tatsächlich zeigen Studien der OECD, dass mehr Bildung zu höherem Einkommen führt: “Bildung ist in allen OECD-Staaten der sicherste Weg, um ein hohes Einkommen zu erzielen. Mit jedem weiteren Bildungsabschluss steigt es in der Regel an. Besonders lohnenswert ist unter diesem Aspekt ein Abschluss im Tertiärbereich (Hochschul-, Fachschul-, oder Meisterabschluss). Verglichen mit dem Erwerbseinkommen von Personen mit einem Abschluss im Sekundarbereich verdienen Personen mit tertiärem Abschluss 62 % mehr. Im OECD-Durchschnitt sind es 51 % mehr.” (OECD, Education at a Glance, 2013). Und gleich noch eine Erkenntnis aus diesem Bericht: “Bildung fördert die Entstehung und Entwicklung von Werten, die bürgerschaftliches Engagement und politisches Interesse anregen, sowie die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen des Einzelnen, um sich gesellschaftlich einzubringen.”  Was wollen wir mehr?

Vielleicht sollten wir doch Bildungsausgaben als sinnvolle und systemrelevante Investitionen anerkennen? Im aktuellen Bundeshaushalt 2015 stehen gut 15 Mrd Euro für Bildung und Forschung bereit, im Vergleich zu 32 Mrd Euro für Verteidigung. Das Verkehrsministerium liegt mit gut 23 Mrd Euro auch noch vor dem BMBF-Etat. Welche Prioritäten wollen wir gesetzt sehen? Ich bin für Bildung! Schädliche Nebenwirkungen halten sich in Grenzen - und Bildung kann man leicht teilen! Es ist eines von den besonderen Gütern gemäß der Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom, die man bedenkenlos teilen kann und die durch Teilung sogar noch mehr werden!

Der zur Schleife gebogene Bleistift: Ein Zeichen nicht nur für die Solidarität mit den getöteten französischen Karikaturisten, sondern auch ein Zeichen für mehr Bildung! Früher hiess es: Macht Schwerter zu Pflugscharen! Heute könnte man sagen: Bleistifte statt Kalashnikows!

Jahresende 2014

Am Freitag Abend 19.12. war mein letzter Termin dieses Jahres - ein angenehmer: Abendessen im “Güldenen Schaf” mit unserem Honorarprofessor Andreas Schleicher von der OECD (Paris)! Es hat höllisch geregnet, im Gastraum mussten Eimer aufgestellt werden, da der Regen durch die Decke kam… Zusammen mit Birgit Spinath sassen wir erfreulicherweise im Trockenen und hatten eine gute Diskussion. Eines der Gesprächsergebnisse: eine OECD-Edition zum Thema “PISA Problem Solving”, herausgegeben von Beno Csapo, Andreas Schleicher und mir, kommt nach langer Wartezeit in die finale Phase und könnte 2015 das Licht der Welt erblicken.

Keine Ahnung, was 2015 so alles bringt...

Keine Ahnung, was 2015 so alles bringt...

Die ganze letzte Woche über hatten sich Termine geknubbelt; drei Doktorprüfungen, die Vorweihnacht-Klausur “Einführung in die Psychologie” (mit 170 Teilnehmenden), Sitzungen vom Vorstand (Stiftung Universität Heidelberg und Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg) und einer wichtigen Berufungskommission an der Universität Trier, zwei Weihnachtsfeiern, dazu Termine mit Studierenden. Noch fertigzustellen waren 2 Gutachten zur Besetzung von Professorenstellen, 3 Gutachten für Studierende, 1 Gutachten für ein internationales  Journal und 3 Gutachten für eine Konferenz. Nicht mehr fertig geworden sind 4 Manuskripte, die eingereicht werden sollen und nun bis ins neue Jahr warten müssen. Uff!

All das ist für dieses Jahr 2014 nun vorbei. Zeit, zur Ruhe zu kommen und Bilanz zu ziehen. Zeit, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren und neue Ideen für die Forschung zu generieren. Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen und bei schöner Musik und guter Lektüre zu entspannen. Zeit, sich auf das neue Jahr 2015 vorzubereiten.

Allen Blog-Leserinnen und -Lesern wünsche ich ein paar ruhige Tage, einen guten Rutsch in das neue Jahr und viele interessante Geschichten in 2015!

Grundgesetz geändert zum Wohl der Unis

Am 19.12.2014 hat der Bundesrat eine Änderung von §91b des Grundgesetzes beschlossen (hier der neue Wortlaut; Bericht im Tagesspiegel): Danach darf sich in Fällen “übergeordneter Bedeutung” der Bund an der langfristigen Finanzierung von landeseigenen Hochschulen beteiligen. Bislang war dies ausschließlich Ländersache. Ausnahmen gab es nur für kurzfristige Projekte wie z.B. die Exzellenzinitiative. Der Föderalismus im Hochschulbereich führt ja zu manchen Kuriositäten (nur noch in Baden-Württemberg gibt es z.B. “Pädagogische Hochschulen” - alle übrigen Bundesländer haben diese längst in ihre Universitäten als “School of Education” integriert), aber in Zeiten knapper Kassen führt er auch zu Finanzkrisen im Hochschulbereich.

Mit dem Angebot des Bundes, ab 2015 allein für die Zahlung von BaFöG aufzukommen (und damit die Länderkassen erheblich zu entlasten, die bislang ein Drittel der Kosten trugen), konnten die Länder für die Aufhebung des Kooperationsverbots gewonnen werden. Dennoch wird es nicht zur Einrichtung von Bundesuniversitäten kommen (jedenfalls nicht in absehbarer Zeit).

Was das für den Hochschulpakt III in Baden-Württemberg konkret in Heidelberg bedeuten wird, muss man im Januar beurteilen, wenn es in Stuttgart zu dessen Unterzeichnung kommt (hier nochmal die damaligen Forderungen der Universitäten und hier eine Kritik von Studierendenvertretern). Die optimistischen Statements unserer Landesministerin Theresia Bauer werden dann auf den Prüfstand gestellt werden müssen.

Masterfeier 2014 mit Talar!

Alumnifeier 2014 in Hörsaal 2

Alumnifeier 2014 in Hörsaal 2

Unsere diesjährige Master- und Diplomfeier für die Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs 2014 fand am Freitag 12.12.14 um 17:00 in HS 2 statt. Das Besondere diesmal: Die Studierenden durften Talar und Barett tragen, um den Abschluß gemeinsam mit Lehrenden, Freunden und Verwandten feierlich zu begehen. Es war grossartig! Angefangen mit dem Umkleiden in ÜR B (ein Spiegel fehlte - wie konnten wir das vergessen….), der gemeinsame Einmarsch in den HS 2, begleitet von dezenten Gitarrenklängen, mit den Eltern, Freunden und Verwandten auf den hinteren Bankreihen und den Alumni in den vorderen Reihen: ein würdiger Moment! So hatten Dr. Herbert Wettig (=mein Stellvertreter im Vorsitz der Alumni Psychologici) und ich mir das vorgestellt!

Die Ansprache von unserem Geschäftsführenden Direktor Sven Barnow, der Sein und Haben im Sinne Ernst Fromms thematisierte, war passend und gab den richtigen Ton vor. Die fetzige Gitarrenmusik von Engin Devekiran (BSc Psychologie 3. Semester) setzte das Gesagte in gute Töne um.

Der Rückblick von Christina Keidel, MSc, war ein wunderschöner Beitrag in Form eines Journal Articles (mit den kanonischen Elementen: Einführung, Methode, Ergebnisse, Diskussion). Super vorgetragen! Mit einem grossen Blumenstrauß wurde Abschied genommen von Alexandra Hohneder (stehender Applaus!!), die unser Prüfungsamt seit Jahrzehnten exzellent organisiert hat und im kommenden Frühjahr leider in den vorgezogenen Ruhestand eintritt.

Bevor die Studiendekanin Birgit Spinath die Urkunden überreichte, berichtete Kollege Oliver Schilling als Vertreter der Weinert-Preis-Kommission über deren Arbeit und gab  bekannt, dass unter sechs Vorschlägen die Arbeit von Ivan Vasilev, M.Sc., über Optimismus herausgeragt habe und daher den diesjährigen Weinert-Preis erhalten hat. Gratulation!

Das letzte Wort hatte ich selbst als Vorsitzender der Alumni Psychologici - Stolz auf unsere Absolventen mischt sich mit Betrübnis über den Verlust vertrauter Gesichter, die nun als unsere Botschafter ausschwärmen! Mögen sie nicht vergessen, dass erworbenes Wissen zu einem humanen Umgang damit verpflichtet! Und dass Wissen up to date gehalten werden muss - liebe Alumni: kommt gelegentlich zurück in den Tempel des Wissens!

Zum Abschluss gab es wieder ein kleines Geschenk von mir, mit dem die Erinnerung an unser Institut erhalten bleiben sollte. Beim anschließenden Empfang durch die Alumni Psychologici in unserem Fakultätssaal konnten wir noch ein wenig miteinander reden, trinken und essen, bevor alle wieder zu ihren neuen Standorten aufbrachen.

Dank an alle, die diese Veranstaltung hinter den Kulissen mit vorbereitet haben - um ein paar Namen zu nennen: Christiane Fauth, Edith Hartmann, Alexandra Hohneder, Miriam Langeloh und die Hilfskräfte aus den verschiedenen Abteilungen! Ohne gute Vorbereitung, gute Begleitung und flottes Aufräumen wäre das nicht so glatt gelaufen! Toll, dass wir so ein gutes Team haben!

Ich bin nun gespannt darauf, wohin der weitere Weg unsere Absolventinnen und Absolventen führt. Ich freue mich auf ein Wiedersehen und hoffe, dass wir in Kontakt bleiben! [Facebook-Accounts: Joachim Funke, Alumni Psychologici bzw. DJ Funk]

Masterfeier mit Talar?

Funke mit Talar & Barett

Funke mit Talar & Barett (es kommt noch eine orange Schärpe dazu)

„Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ - das war ein beliebter Spruch zu Zeiten der Studentenrevolte in den 1970er Jahren (ich habe ihn damals als junger Student auf der Strasse selbst skandiert). Der damit verbundene Angriff auf undemokratische, autoritäre und elitäre Strukturen hat in den vergangenen 40 Jahren zu vielen überfälligen Veränderungen geführt. In Baden-Württemberg ist die Verfasste Studierendenschaft inzwischen wieder eingeführt worden. Studierende werden heute angehört und einbezogen - nicht nur symbolisch. Die Auswüchse alter Professorenherrlichkeit sind beschnitten. Können wir uns heute wieder mit dem Thema “Talar” beschäftigen, ohne durch diese Geschichte belastet zu sein?

Anlass für diese Überlegungen ist die Idee, unsere Masterfeier etwas festlicher zu gestalten und die Masterabsolventinnen und -absolventen zur Feier des Ereignisses mit Robe und Barett zu schmücken. Mit einem Zuschuss aus dem Spendentopf der “Alumni Psychologici” konnte ein Satz an Ausstattung beschafft werden, der für die nächsten Jahre vorhält (ein ganz herzlicher Dank von hier aus an die Groß-Spenderin Anne-Marie de Jonghe!).

Was spricht dagegen? Stimmt es wirklich, dass die Unis, die wissenschaftlich nicht viel zu bieten haben, umso mehr Wert auf Pomp und Getöse legen? Wir haben an dieser Stelle sicher nichts zu kompensieren, daher würde ich mir diesen Schuh nicht anziehen. Ist es eine Amerikanisierung unserer Kultur? Fragen Sie doch mal, von wem die Amerikaner diese Tradition übernommen haben :-) Ist es nicht falsche Gleichmacherei? Nun ja, es ist nur äußerlich - und auch nur für eine kurze Zeit. Also: Für mich sind die problematischen Aspekte erträglich.

Was spricht dafür? In meinen Augen erhöht es symbolisch die Bedeutung dieser biografischen Wendemarke “Master”: Für die meisten ist das Studium mit diesem Abschluss vorbei und der berufliche Gelderwerb rückt als Lebensthema nah heran; einige wenige werden als Doktorandinnen und Doktoranden weitermachen. Stolz über das Geschaffte, Feier des Moments, Spannung auf das neu Bevorstehende: Die Anwesenheit von Eltern und Freunden schafft eine Bühne für diesen Moment der Rückschau auf das Erreichte, dem Abschied von der akademischen Heimat, von den Dozierenden und von den Mitstudierenden. Und für einen Moment sind alle im positiven Sinn gleich - die Einheitstracht symbolisiert die Zugehörigkeit zur Gruppe der “Erleuchteten”.

Also: ein Talar ist ein Talar ist ein Talar :) (Danke, Sven, für Deine klaren Worte!) In heutiger Zeit hat er m.E. die kritikwürdige Symbolik verloren und ist einfach nur ein würdiges akademisches Kleidungsstück, mit dem ich nicht allzuviel Sonstiges verbinden würde. Und natürlich ist es jedem freigestellt die Kluft zu tragen oder nicht - es ist ein Angebot, mehr nicht!