Skip to content

“Unsere Welt neu denken”

Das ist der Titel eines neuen Buches von Maja Göpel, das ich gerade gelsen habe und hier weiterempfehlen möchte. Ab und zu brauche ich eine kleine Ermunterung zum Weitermachen in Sachen Klimaschutz, um die Frustrationen besser ertragen zu können, die uns alltäglich in diesem Themenkomplex widerfahren: Kohleausstieg kommt erst 2038, kein generelles Tempo 130 auf Autobahnen, steigende SUV-Verkaufszahlen, ansteigende Temperatur auf diesem Planeten, kaum sinkende Kohlendioxid-Emissionen (obwohl das uns zur Verfügung stehende Budget bei Anstreben der 1,5-Grad-Erwärmungsgrenze in acht Jahren verbraucht ist).

Wer ist Maja Göpel? Geboren 1976, ist sie nach ihrem Studium in Siegen, Hamburg und Kassel (unter anderem)  von 2013-2017 Leiterin des Berliner Büros des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie gewesen; seither arbeitet sie als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). In ihrer Autorinnenangabe am Ende des Buchs bezeichnet sie sich als “Politökonomin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft”. Auf einer Bundespressekonferenz im März 2019 in Berlin stelle sie die Initiative “Scientists for Future” vor, eine Gruppe von >26.800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die “Fridays for Future” unterstützen.

Worum geht es? Um nichts weniger als die Art und Weise, wie wir unser Leben (und vor allem unser Wirtschaften und Konsumieren!) ändern sollten, wenn wir auch nur halbwegs angemessen und verantwortungsvoll mit dem Planeten umgehen wollen, von dem wir (oft ohne zu zahlen) massiv profitieren. Als Sozialwissenschaftlerin macht Göpel an vielen Stellen Gebrauch von Erkenntnissen der Psychologie, die von ihr immer wieder herangezogen werden (z.B. über “Rebound“-Effekte). Aber am interessantesten waren für mich ihre Ausführungen über ihr “Heimatfach”, die Ökonomie. Sie kritisiert deren Wachstumsideologie (”Fließbandwirtschaft”) und setzt nachhaltigere Formen des Wirtschaftens (”Kreislaufwirtschaft“) dagegen.

Sie räumt mit ein paar Vorurteilen auf: Das Easterlin-Paradox, wonach mehr Wohlstand nicht automatisch zu mehr Glück führt; das Jevons-Paradox, wonach technologische Einsparungen zu einem Mehrverbrauch führen; das Versorgungsparadox, wonach die Versorgungssicherheit auf einem begrenzten Planeten mit einer zunehmenden Anzahl Menschen nicht eine immer größere Menge an Konsum bedeuten kann

Der Untertitel von Maja Göpels Buch lautet “Eine Einladung” und genau das ist es auch. Eines der 11 Kapitel lautet “Denken und Handeln” - eine Einladung für mich als Denkpsychologen, mehr über das Handeln und seine Verbindung zum Denken nachzudenken. Wie kommt man aus der (besseren) Welt der Vorstellung in die reale Welt? Dafür gibt Göpel drei Empfehlungen: (1) Freundlich aber hartnäckig bleiben, (2) Mitstreiter suchen, (3) sich nicht vom “fiesen Montag” runterziehen zu lassen. “Fieser Montag” bedeutet: Wenn die Träume des Wochenendes auf die harte Realität des montäglich wiederkehrenden Hamsterrads treffen, in dem alles so weitergeht wie zuvor.

Das Buch ist ein Ankämpfen gegen das “Weiter so wie bisher”, weist auf viele Ungereimtheiten und fälschlich behauptete Machtansprüche hin. Für mich steht es in der Tradition eines anderen Lieblingsbuchs von mir, das Harald Welzer im Jahr 2013 unter dem Titel “Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand” verfasst hat (hier ein Gespräch mit HW über sein Buch). Für beide gilt: Sehr empfehlenswert!

Göpel, Maja (2020). Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Ullstein.

Zukunftsvertrag Studium und Lehre

Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) hat Details zu dem seit längerem geplanten Hochschulpakt “Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken” offengelegt: “Der Bund stellt von 2021 bis 2023 jährlich 1,88 Mrd. Euro und ab dem Jahr 2024 dauerhaft jährlich 2,05 Mrd. Euro bereit. Die Länder stellen zusätzliche Mittel in derselben Höhe bereit, sodass durch den Zukunftsvertrag bis 2023 jährlich eine gemeinsame Milliardeninvestition in Höhe von rund 3,8 Mrd. Euro und ab 2024 jährlich insgesamt 4,1 Mrd. Euro zur Förderung von Studium und Lehre zur Verfügung stehen wird.”

Das ist ein ordentlicher Batzen Geld, der zur Verbesserung der Situation an den Hochschulen verwendet werden soll! Wie Jan-Martin Wiarda dazu in seinem Blog schreibt, kommen somit in den 7 Jahren Laufzeit des Vertrags 27,68 Mrd. Euro ins Spiel. Das ist eine erhebliche Summe. Neben der Fortsetzung des Hochschulpakts („Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“) wird zusätzlich noch über die Fortsetzung des Qualitätspakts Lehre („Innovation in der Hochschullehre“) sowie  des Pakts für Forschung und Innovation entschieden. Finanzierungen, die dringend erforderlich sind.

Jedes Bundesland muss übrigens in einer eigenen “Verpflichtungserklärung” benennen, was ihm wichtig ist und woran zukünftig eine Verbesserung der Situation festgemacht werden kann. Nachfolged der Link zu diesen Dokumenten:

https://www.gwk-bonn.de/themen/foerderung-von-hochschulen/hochschulpakt-zukunftsvertrag/zukunftsvertrag/

Für Baden-Württemberg (hier Direktlink zur Verpflichtung von Ba-Wü) wird generell eine Verbesserung der Betreuungsrelationen angestrebt. Als allgemeines Ziel wird in der Verpflichtungserklärung genannt: “Die sichere Finanzierung des Zukunftsvertrags soll dabei für verlässlichere Beschäftigungsverhältnisse genutzt werden. Dabei soll fächergruppenspezifisch auf einen höheren Anteil von Wissenschaftlerinnen in den wissenschaftlichen Karrierestufen entsprechend dem Kaskadenmodell hingewirkt werden. Mögliche Spielräume, die durch einen Rückgang der Auslastung entstehen, sollen insbesondere für die Verbesserung der Betreuungssituation und weitere Verbesserungen in der Qualität der Lehre genutzt werden.”

Erfreulich auch für unser Institut: Die unter der Leitung von Birgit Spinath betriebene Verbundforschung zur Verbesserung der Studierendenauswahl (hier zur Homepage von STAV) wird explizit genannt und damit gestärkt: “Zur Unterstützung der Hochschulmaßnahmen zur Verbesserung des individuellen Studienerfolgs wurden für den Zeitraum 2016-2020 Hochschulpaktmittel in Höhe von insgesamt 100 Mio. Euro zur Verfügung gestellt. Aktuell fördert das Land insbesondere Modelle für die Flexibilisierung der Studieneingangsphase und innovative Lehrprojekte sowie Maßnahmen im Bereich „Eignung und Auswahl“, um die Passung zwischen Studieninteressierten und Studienfach zu verbessern.” Das ist sehr erfreulich!

Inwiefern diese allgemeinen Formulierungen nun wirklich zu konkreten Verbesserungen führen, wird man sehen müsssen - die Gewerkschaft GEW ist nicht zufrieden, wie aus der ersten Stellungnahme zu den Verpflichtungserklärungen zu entnehmen ist. Ob etwa prekäre Beschäftigungssituationen, die im Wissenschaftsbetrieb immer wieder vorkommen, damit massgeblich reduziert werden können, wird erst die Umsetzung dieser Massnahme vor Ort zeigen.

Oral History: Joachim Funke im Gespräch mit …

Die Erfahrungen mit Video-Kontakten in Zeiten von Corona haben viel Lustiges, manches Nervige, aber auch sogar Positives hervorgebracht. So habe ich die Videoaufzeichnungsfunktion von Skype entdeckt und mich dazu entschlossen, mit Ehemaligen vom Psychologischen Institut (PI) Gespräche über „die damalige Zeit“ zu führen (zu “skypen”). Ob so ein Unterfangen die Bezeichnung „oral history“ tragen sollte, wird sich zeigen, das haben andere zu entscheiden. Ich denke jedenfalls, dass Gespräche mit noch lebenden Zeitzeugen des PI ein paar interessante Biographien und interessante Details zutage fördern könnten. es ist “Geschichte in Form von Geschichten”.

Warum Skype? Vor allem wegen der Aufzeichnungsmöglichkeit, bei der beide Gesprächspartner nebeneinander zu sehen sind. Ich hatte schon länger die Idee zu derartigen Videos, aber gescheitert ist diese Idee an der dafür nötigen Technik: Ein Gespräch im Büro benötigt zwei Kameras und mindestens eine weitere Person, die diese bedient; dazu Mikrofone etc., also erheblicher Aufwand, der (neben Terminfindung) nicht ganz einfach zu bewerkstelligen wäre. Das alles entfällt bei der jetzigen Form - und macht mich räumlich/zeitlich ungebunden! Und was Skype (ein Microsoft-Produkt, dem ich als Mac-User skeptisch gegenüber stehe) betrifft, war ich froh, in der Ausgabe Juni 2020 der “Stiftung Warentest” in einem Test von Videochat-Programmen lesen zu können: “Unter den kostenlosen Tools ist Skype die beste Wahl”.

Ich denke bei meinen möglichen Gesprächspartnern nicht nur an das wissenschaftliche Personal des Psychologischen Instituts, sondern auch an Studierende und Verwaltungsangestellte sowie an Personen, die in meinem Heidelberger akademischen Leben eine wichtige Rolle spielen oder gespielt haben. So habe ich also begonnen, Kontakt mit Ehemaligen aufzunehmen und anzufragen, ob Bereitschaft zu einem kurzem Gespräch via Skype besteht. Zu meiner großen Freude habe ich zahlreiche Zusagen erhalten und habe daher in den letzten Wochen fleissig „geskypt“. Natürlich muss so ein Interview geschnitten, nachbearbeitet, mit lizenzfreier Musik unterlegt werden - das kann ich inzwischen einigermassen. Ein Titelbild für die Videos war rasch gefunden.

Titelbild der Video-Reihe

Dass das Titelbild auf diesen Blog (HeiPI) Bezug nimmt, wird niemanden überraschen - sind doch zumindest Teile dieses Blogs “written history” und werden nun durch gesprochenes Wort (”oral history”) ergänzt. Eine Geschichte in Bildern könnte noch kommen…

Die ersten Ergebnisse meiner Gespräche habe ich in meinem YouTube-Channel auf einer separaten Playlist namens “Oral History” abgelegt - allein aus Platzgründen, denn ein halbstündiges Gespräch braucht in mittlerer Qualitätsstufe ca. 500 MB Plattenplatz, das sind bei 10 Gesprächen schon 5 Gigabyte… YouTube erweist sich da sehr großzügig, der Plattenplatz auf dem Institutsserver ist dagegen eher eine begrenzte Ressource… Und natürlich ist das ganze Projekt “powered by Alumni Psychologici“, dem Freundeskreis unseres Instituts in der “Gesellschaft der Freunde”! Noch kein Mitglied? Hier geht’s zur Anmeldung.

Nachfolgend nun ein kurzer Überblick über die bisher freigegebenen Interviews, zu finden auf meinem YouTube-Channel unter “Oral History PI Uni Heidelberg“:

  • Die ehemaligen Studierenden Unni Aadland (Norwegen), Nina Kathrin Brandt (USA), Maya Johannsson (Schweden) und Stefani Nellen (Niederlande) leben und arbeiten heute alle im Ausland, aber wie sich zeigt, sind die Erinnerungen an die Heidelberger Zeit sehr lebendig. Herbert Wettig ist ehemaliger Student, der bei uns auch noch promoviert wurde und zudem mit mir die “Alumni Psychologici” gegründet hat, die im Abspann genannt werden (”powered by Alumni Psychologici“). Margarete Over berichtet über ihr Engagement für das Collegium Academicum.
  • Mit Annette Kämmerer (Professorin für Klinische Psychologie, im Ruhestand; heute in privater Praxis in Heidelberg tätig), Thomas Fydrich (Professor für Klinische Psychologie, HU Berlin, im Ruhestand), und Babette Renneberg (aktive Professorin für Klinische Psychologie, FU Berlin) ist ein wichtiger Teil vom Team der “damaligen” klinischen Psychologie abgebildet, Bernd Reuschenbach (Professor für Pflegewissenschaft an der Kath. Stiftungshochschule München) war lange Jahre in meiner eigenen Abteilung tätig. Klaus-Eckart Rogge hat jahrzehntelang die Methodenausbildung mitgestaltet - sein Methodenatlas verfolgte ein interessantes didaktisches Konzept.
  • Jutta Herrmann leitete über Jahrzehnte das Verwaltungssekretariat. Alexandra Hohneder (heute tätig im Vorstand des “Generationenprojekts Neidenstein“) hat über viele Jahre hinweg unser Prüfungsamt geleitet. Auch da sind amüsante Details zu berichten. Die Umstellung von Diplom auf BSc/MSc fiel in ihre Zeit.
  • Mit Alt-Rektor Gisbert zu Putlitz spreche ich über das “Internationale Wissenschaftsforum Heidelberg” (IWH), das zum 600jährigen Jubiläum unserer Universität eingerichtet wurde in eben der Villa, die bis in die 1970er Jahre Heimat des Psychologischen Instituts war. in dem Kontext wurde damals auch die Stiftung Universität Heidelberg gegründet, die bis heute Gutes für die Ruperto Carola bewirkt.
  • Mit Dietrich Dörner spreche ich über seine (und auch über unsere gemeinsame) Geschichte. Er ist bis heute der einzige Kollege, der eine Ehrenpromotion auf Antrag unserer Fakultät erhalten hat. Mit ihm verbindet mich eine jahrzehntelange Auseinandersetzung über die “richtige” Methode zur Untersuchung von Denkprozessen.
  • (… more to come - Zusagen von Manfred Amelang, Reiner Bastine, Peter Fiedler, Horst Gundlach, Gudrun Kane liegen vor…)

Ich bin gespannt, wie diese Interview-Sammlung wächst! Und ich bin gespannt, wie die Resonanz auf dieses Corona-bedingte Projekt ausfällt!

Studium Generale: Aggression

Als junger Student habe ich gerne Vorlesungen aus dem sogenannten “Studium Generale” besucht. Das Studium Generale ist eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe an fast jeder Universität, die sich an alle Mitglieder und an die interessierte Öffentlichkeit wendet. Die Vorträge stehen unter einem gemeinsamen Thema, das von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen aus der Sicht ihrer Disziplin behandelt wird.

Auch an unserer Heidelberger Universität haben wir eine derartige Veranstaltungsreihe. Daher war ich erfreut, als mich der damalige Prorektor Oscar Loureda anfragte, ob ich den Eröffnungsvortrag zur Veranstaltungsreihe “Aggression” halten möchte. Natürlich habe ich zugesagt.

Nun liegt die Verschriftlichung vieler damaliger Vorträge vor, die ich im Auftrag des Rektorats herausgeben durfte und die nun erschienen sind. Im Wintersemester 2017/2018 lautete das Thema „Aggression“ und umfasste das folgende Programm (in chronologischer Folge), das jeweils montags abends in der Aula der Neuen Universität zu hören war:

  • Aggression in (sozialen) Medien (Prof. Dr. Joachim Funke, Psychologisches Institut, Universität Heidelberg)
  • Kultur in Zeiten des Krieges: Zerstörung und Rehabilitierung von Kulturgut im Rahmen bewaffneter Konflikte (Prof. Dr. Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin)
  • Neurobiologie der Aggression (Prof. Dr. Thomas Kuner, Institut für Anatomie und Zellbiologie, Universität Heidelberg)
  • Gewalt in der Natur (Prof. Dr. Michael Wink, Institut für Pharmazie & Molekulare Biotechnologie, Universität Heidelberg)
  • Aggression im Geschlechterverhältnis (Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm, Institut für Psychologie, Universität Erlangen-Nürnberg)
  • Podiumsdiskussion: Aggression gegen Wissenschaft (mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ehemalige Bundesministerin der Justiz; Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Cluster of Excellence “Normative Orders”, Universität Frankfurt; Prof. Dr. Ekkehard Felder, Germanistisches Seminar, Universität Heidelberg; Moderation: Jörg Armbrüster, SWR)
  • Gewaltkriminalität – die dunkle Seite der Aggression (Prof. Dr. Dieter Hermann, Institut für Kriminologie, Universität Heidelberg)
  • Aggression im Straßenverkehr (Dr. Martin Treiber, Institut für Wirtschaft und Verkehr, Technische Universität Dresden)
  • Aggression und Medizin (Prof. Dr. Till Bärnighausen, Institute of Public Health, Universitätsklinikum Heidelberg)

Die fett markierten Namen bezeichnen die Autorinnen und Autoiren, die ihren Beitrag schriftlich vorgelegt haben und in dem jetzt bei “Heidelberg University Publishing” erschienenen Band nachzulesen sind. Hier eine kurze Beschreibung der Beiträge.

  • Andrea Abele-Brehm beleuchtet als Sozialpsychologin die Bedeutung von Aggression in Paarbeziehungen. Neben Überlegungen zur Messung der Aggression geht es auch um den Einfluss von Geschlechterstereotypen sowie Möglichkeiten der Reduktion von Gewalt in Beziehungen.
  • Dieter Hermann berichtet als Kriminologe von Studien zur Aggression, die am Heidelberger Institut für Kriminologie durchgeführt wurden und in denen die Rolle geschlechtsspezifischer Entwicklungsprozesse ebenso beleuchtet wird wie der Einfluss von Normen und religiösen Werten.
  • Martin Treiber beschäftigt sich als Verkehrsmodellierer mit der Aggression im automobilen Straßenverkehr. Basierend auf mathematischer Modellierung des Fahrverhaltens kommt er zu dem Schluss, dass eine gewisse Aggressivität die Leistungsfähigkeit des Verkehrsflusses erhöht.
  • Michael Wink repräsentiert den Blick der Biologie auf Gewalt zwischen den Arten (bei der Suche nach Beute), aber auch innerhalb einer Art beim Kampf um Ressourcen wie Nahrung, Territorium oder Sex. Neben Gewalt und Aggression stellt der Autor aber auch die Bedeutung von Empathie und Altruismus heraus, die für einen deutlichen Rückgang an Gewalt in der modernen Zivilisation verantwortlich sein könnten.
  • Ich selbst betrachte in meinem Beitrag Aggression im Kontext sozialer Medien, wo neue Phänomene wie „Shitstorm“ oder „Cybermobbing“ auftauchen und damit alte Formen von Gewalt in neue Medien hineintragen. Neben der Darstellung einiger Beispiele geht es auch um die Frage, wie man sich schützen und wehren kann.

Der Band ist - wie alle HeiUP-Bücher - kostenlos aus dem Netz als PDF zu laden (”open access”), aber gegen ein kleines Entgelt (14.90 €) auch als gedrucktes Exemplar im Buchhandel erhältlich. Hier die genaue Quellenangabe samt Link zum Download:

Funke, J. (Hrsg.) (2020). Aggression. Studium Generale. Heidelberg: Heidelberg University Publishing. doi: 10.17885/heiup.studg.2020.1

Psychologische Aspekte der Corona-Krise

Für unser in diesem Jahr erscheinendes “Heidelberger Jahrbuch” habe ich einen kleinen Beitrag zu psychologischen Aspekten der Corona-Krise geschrieben, aus dem ich hier schon mal vorab einen Abschnitt zum Thema “Ist psychologische Forschung bereit zur Politikberatung?” veröffentlichen möchte: “Der Ausbruch der Corona-Krise zu Beginn des Jahres 2020 hat die gesamte Welt tiefgreifend beeinflusst. Volkswirtschaften wurden in den „lockdown“ versetzt, die Bevölkerung in ihren bürgerlichen Freiheiten beschränkt, zahlreiche Gesundheitssysteme von Nationalstaaten standen am Rande des Zusammenbruchs. In meinem Beitrag geht es um die verschiedenen psychologischen Aspekte bei der Entwicklung der Corona-Krise, wobei zum derzeitigen Stand vor allem Fragen formuliert und weniger Antworten darauf gegeben werden können. Deutlich wird die breite Beteiligung psychosozialer Faktoren am Infektionsgeschehen und an der Bekämpfung der Pandemie. Offen bleibt die Frage, inwiefern psychologische Erkenntnisse robust genug für evidenzbasierte Politikberatung sind. Zumindest basale (theoretisch fundierte) Konzepte erweisen sich m.E. als tauglich. [...]

Ist psychologische Forschung bereit zur Politikberatung?

Wann ist Forschung so gut validiert, dass sie sich zur (gut begründbaren) Politikberatung eignet? Die Forscherinnen und Forscher der Leopoldina (2020) haben sich mit ihren Ratschlägen an die Politik aus dem Fenster des Elfenbeinturms gelehnt und geben konkrete Empfehlungen wie z.B. diese hier (S. 3): „Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten können, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollte der Betrieb in Kindertagesstätten nur sehr eingeschränkt wiederaufgenommen werden.“ Das scheint mir eine gut vertretbare und verantwortungsvolle Empfehlung zu sein, die allerdings mehr auf gesundem Menschenverstand als auf wissenschaftlichen Befunden über die Infektiosität kleiner Kinder beruht (das wissen wir nämlich nicht genau). Eine mehr aus der Psychologie stammende Empfehlung lautet (S. 10): „Bei den psychischen Folgen und gravierenden Überlastungen müssen sozioökonomische Aspekte und der Mangel an sozialer Einbettung dringend berücksichtigt werden. Zu den besonderen Risikogruppen gehören Alleinerziehende, Migrantinnen und Migranten ohne Sprachkenntnisse, alleinlebende Ältere, psychisch Erkrankte, Pflegefälle und Arbeitslose. In ärmeren und eher bildungsfernen Schichten fehlen tendenziell materielle, psychische und soziale Ressourcen.“ Auch hier fehlen wissenschaftliche Belege und die Empfehlung fällt mit gesundem Menschenverstand zusammen.

Skeptiker wie IJzerman et al. (2020) bezweifeln, dass psychologische Erkenntnisse – auch angesichts der noch nicht überwundenen Replikationskrise, die auf viele empirisch vorgehende Wissenschaftsdisziplinen (nicht nur die Psychologie!) zutrifft – zur evidenzbasierten Politikberatung geeignet seien. Die Autoren schlagen vor, neun verschiedene Stufen von Evidenz zu unterscheiden. Nur die höchste Stufe sollte bei Entscheidungen über Leben und Tod herangezogen werden, aber psychologische Forschung liegt nach Meinung der Kritiker auf deutlich niedrigeren Stufen.

Das Potential der Psychologie zur Politikberatung wird bei IJzerman et al. (2020) nicht bestritten, allerdings kommt eine hohe Skepsis über den gegenwärtigen Evidenzstatus psychologischer Forschung zum Ausdruck. Zu beachten ist dabei, dass sich diese kritische Einschätzung auf die Validität empirischer Befunde bezieht. Daran arbeitet unser Fach nachdrücklich und in geradezu vorbildlicher Weise (so z.B. zu lesen bei Vazire, 2018). Das Potential unseres Faches beschränkt sich aber nicht nur auf die Sammlung verlässlicher Empirie, sondern enthält auch gut bewährte konzeptuelle Differenzierungen. Da zeigen sich die Stärken einer „Theoretischen“ Psychologie (Farrell & Lewandowsky, 2018; Fiedler, 2017, 2018; Gigerenzer, 2011, 2017; Oberauer & Lewandowsky, 2019), die wir bei aller Freude über gute Empirie nicht unterschätzen sollten.”

Literatur:

Farrell, S., & Lewandowsky, S. (2018). Computational modeling of cognition and behavior: Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/CBO9781316272503
Fiedler, K. (2017). What constitutes strong psychological science? The (neglected) role of diagnosticity and a priori theorizing. Perspectives on Psychological Science, 12(1), 46–61. https://doi.org/10.1177/1745691616654458
Fiedler, K. (2018). The creative cycle and the growth of psychological science. Perspectives on Psychological Science, 19(6), 433–438. https://doi.org/10.1177/1745691617745651
Gigerenzer, G. (2011). Personal reflections on theory and psychology. Theory & Psychology, 20(6), 733–743. https://doi.org/10.1177/0959354310378184
Gigerenzer, G. (2017). A theory integration program. Decision, 4(3), 133–145. https://doi.org/10.1037/dec0000082
IJzerman, H., Lewis, N. A., Weinstein, N., DeBruine, L. M., Ritchie, S. J., Vazire, S., Forscher, P. S., Morey, R. D., Ivory, J. D., Anvari, F., & Przybylski, A. K. (2020). Psychological science is not yet a crisis-ready discipline. PsyArXiv. https://doi.org/10.31234/osf.io/whds4
Oberauer, K., & Lewandowsky, S. (2019). Addressing the theory crisis in psychology. Psychonomic Bulletin & Review. https://doi.org/10.3758/s13423-019-01645-2
Vazire, S. (2018). Implications of the credibility revolution for productivity, creativity, and progress. Perspectives on Psychological Science, 19(6), 7. https://doi.org/10.1177/1745691617751884

Quelle des Textauszugs: Funke, J. (im Druck). Entwicklung einer Pandemie: Psychologische Aspekte der Corona-Krise. In J. Funke & M. Wink (Hrsg.), Entwicklung – Wie aus Prozessen Strukturen werden. Heidelberger Jahrbücher Online, 5.

Arbeiten in Zeiten von Corona

Was bedeutet es für mich, in diesen schwierigen Zeiten zu arbeiten? Auf diese Frage hin überkommt mich ein leichtes Schämen: Ich geniesse nämlich die eingetretene Entschleunigung und das Wegfallen vieler Termine. Ich schäme mich ein wenig dafür, dass es mir so gut geht in einer Zeit, in der über 10 Mio. Deutsche in Kurzarbeit sind und nicht wissen, wie es mit ihnen weitergehen wird.

Schämen tue ich mich (zumindest ein bisschen…) für die privilegierte Situation des pensionierten Professors, der seine finanzielle Existenz nicht bedroht sieht, dem ein eigenes Arbeitszimmer mit akzeptabler IT-Ausstattung und halbwegs guter Internet-Anbindung zur Verfügung steht, der keine Kinder unterhalten oder beschulen muss, der nicht sein gesamtes Unterrichtsprogramm zu Unterhaltungsvideos machen und der nicht auf engem Raum mit seiner Partnerin zusammenleben muss. So läßt sich zu allem Überfluss sogar aus der Krisenzeit ein Gewinn ziehen - ich komme durchaus zum wissenschaftlichen Arbeiten. Was für ein Privileg!

Apropos IT-Ausstattung: in den diversen Video-Konferenzen, die gerade abgehalten werden, bemerkt man unterschiedliche IT-Ausstattungen und auch unterschiedliche IT-Kompetenzen daran, dass erst mal die aus Versehen schon aktive Kamera und das Mikro vermutlich ungewollte Einblicke in den privaten Alltag gestatten oder die ersten 10 Minuten mit überraschenden Äußerungen wie “ich höre dich”, “ich sehe dich noch nicht” o.ä. verbracht werden. Technik dominiert z.Zt. noch Inhalte (von den Datenschutz-Diskussionen mal ganz abgesehen). Tatsächlich ist es online schwieriger eine lebhafte Diskussion zu führen, weil das “turn-taking” erschwert ist. Die eher stilleren Teilnehmenden kommen möglicherweise nicht zu Wort.

Hintergebäude des Psycholog. Instituts OHNE Fahrräder

Hintergebäude des Psycholog. Instituts OHNE Fahrräder (zum Vergrößern anklicken)

Ob sich die Online-Lehre bewährt, wird sich noch zeigen müssen. Eine didaktische Vorbereitung auf diese Umstellung hat kaum stattgefunden, die Dozentinnen und Dozenten sind (genauso wie die Studierenden) ins kalte Wasser geworfen worden. Ich bin und bleibe Fan der Präsenz-Veranstaltungen (siehe meinen Blog-Beitrag von 2016 “Lob der Vorlesung“). Etwas schwankend bin ich allerdings geworden, als ich kürzlich den ersten Teil der (leider nicht öffentlich zugänglichen) Videoproduktion “Vorlesung Diagnostik” meines Kollegen Jochen Musch (Uni Düsseldorf) gesehen habe. Ich war begeistert! Aber ich glaube, das hat vor allem mit Jochen und seiner Begeisterung für das Fach zu tun!

In Zeiten von Corona gibt es viel, was Sorgen bereitet, aber doch auch manches, das erfreulich ist. Zu letzterem zähle ich ein neues Kolloquiumsformat der Uni Mannheim (organisiert von meinem Kollegen Edgar Erdfelder und Arndt Bröder), das unter dem Titel „One World Cognitive Psychology Seminar“ (OWCPS) offen für alle angeboten wird. Die Themen sind interessant (False Memory; Skill Acquisition; ANOVA Lies; Knowledge Dementors; Response Time Data; Moral Dilemmata), die Vortragenden durchaus prominente Fachvertreter (z.B. Daniel Bernstein, Dayna Touron, Jeff Rouder, Stephen Lewandowsky). Es findet live jeweils Di 17:15-18:45 statt. Die Themen und Termine findet man hier.

Nach den ersten Talks kann ich nur sagen: sehr empfehlenswert! Und wer es zu den Terminen nicht schafft: alle Vorträge werden aufgezeichnet und können zu späterer Zeit in Ruhe angehört werden. Man kann das (inhaltliche) Fortbildungsangebot als Ersatz für manche ausgefallene Konferenz nutzen. Wer in den bereits erfolgten Talk von Dan Bernstein über „False memories“ hineinhören möchte, findet die Aufzeichnung hier. Übrigens kommt eine Frage im Anschluss an seinen Vortrag von Elisabeth Loftus, die sich zugeschaltet hatte (auf dem Youtube-Video ab 1:09:30 ist E.L. zu hören und zu sehen). Tatsächlich „one world“!

In einem Webinar zu psychologischen Aspekten der Corona-Krise habe ich davon gesprochen, dass es momentan eine Sternstunde für die Wissenschaft sei - schon lange nicht mehr wurde der Wissenschaft dermassen viel Raum im politischen Alltag gegeben. Aber seien wir ehrlich: die Konzentration auf die Virologie ist zu einseitig. Die “Stunde der Virologen” muss durch eine “Stunde der Psychologen”  (und vielfältiger anderer human- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen) ergänzt werden. Ein Starren auf das Virus mit naturwissenschaftlichem Fokus verengt den Blick. Dafür ist die Gemengelage bei weitem zu komplex, als dass man sie auf einige wenige Aspekte reduzieren könnte. Dies macht auch die dritte Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina (mit dem schönen Titel: “Die Krise nachhaltig überwinden”, hier als PDF) deutlich, an der aus unserem Heidelberger Institut Klaus Fiedler mitgewirkt hat.

Und noch etwas, was manche noch lernen müssen: Wissenschaft liefert keine eindeutigen Resultate, sondern die (zumeist vorläufigen) Ergebnisse müssen interpretiert werden. Es braucht “scientific literacy“, um die wissenschftliche Diskussion verstehen und bewerten zu können. Was heisst das? Der Begriff “scientific literacy” ist im Kontext der PISA-Erhebungen entstanden und wird mit “naturwisschaftlicher Grundbildung” übersetzt. PISA: Das ist die weltweite Untersuchung von Kompetenzen 15jähriger Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Bereichen: Neben Lese- und Rechenfähigkeiten (reading literacy, math literacy) werden weitere “literacies” diskutiert und erhoben. “Science” gehört dazu, “problem solving” auch (siehe z.B. meinen Blog-Beitrag dazu von 2017); “financial literacy” ist umstritten, “scientific literacy” dagegen ist unumstritten: Sie soll helfen, naturwissenschaftliche Fragestellungen zu erkennen, naturwissenschaftliche Phänomene zu erklären und naturwissenschaftliche Evidenzen zu nutzen (so PISA 2006).

Noch einmal: Im Kern ist Wissenschaft die Kunst des Zweifelns und der angemessenen Skepsis! Die Freude etwas entdeckt zu haben ist immer auch verbunden mit der Möglichkeit des Irrtums. Der Wissenschaftstheoretiker Sir Karl Popper meint, dass wir nie wissen, wann wir die “Wahrheit” in Händen halten, aber dass wir mit dem Instrument der Falsifikation ganz schnell einen Irrtum nachweisen können. Darum geht es nämlich: Nicht jeden Irrtum ausschließen zu wollen, sondern ihn nachweisbar zu machen, wenn man ihn denn begangen hat - das ist die beste Art von Wissenschaft, die ich kenne! Solche Prinzipien leiten mich durch die gegenwärtige Krise und die zahlreichen Einschränkungen, die wir zur Zeit auch als Wissenschaftler hinnehmen müssen (geschlossene Labore, ausfallende Dienstreisen, abgesagte Konferenzen).

Nicht zuletzt hilft mir persönlich ein Satz von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (siehe meinen Blog-Eintrag von 2007 zur Hegel-Gedenktafel am Parkhaus in der Plöck): “Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit” - wenn man die Sinnhaftigkeit der Massnahmen versteht, kann man sie viel entspannter akzeptieren…

Gastbeitrag “Widerständiges Denken: Die theoretische Psychologie bei Joachim Funke”

Beim nachfolgenden Gastbeitrag habe ich zunächst gezögert, weil er ein paar lobende Aussagen in bezug auf meine Person enthält - dafür sollte dieser Blog nicht dienen. Dennoch habe ich mich zur Publikation entschlossen, weil mich die netten Worte natürlich gefreut haben und es in erster Linie um die Sache der “Theoretischen Psychologie” geht, die Alexander Wendt ein Herzensanliegen ist.

Gastbeitrag “Widerständiges Denken: Die theoretische Psychologie bei Joachim Funke”. Von Dr. Alexander Wendt

In den letzten Tagen ist meine Exmatrikulation erfolgt. Damit schließt sich ein achtjähriges Kapitel meiner Lebensgeschichte. Es begann, als ich anlässlich des sog. „Erstsemester Kompaktseminars“ zum ersten Mal den für Hermann von Helmholtz errichteten Friedrichsbau unseres Heidelberger Psychologischen Instituts betrat. Zur Einführung waren wir Frischlinge noch in der ersten Woche vor dem Auftakt des ersten Semesters dazu aufgefordert, uns mit dem Institut vertraut zu machen. Meine erste Wahl für die Begehung der Arbeitseinheiten fiel auf die Allgemeine Psychologie. In offener Runde sitzend sollte ich zu diesem Anlass zum ersten Mal von einem charmanten, stets vergnügten und motivierten Professor in den Bann gezogen werden, den ich seit letztem November meinen Doktorvater nennen darf: Joachim Funke.

Seit dieser – für mich schicksalshaften – ersten Kontaktaufnahme mit Joachim Funke habe ich mich bei allen akademischen Belangen auf ihn verlassen können. Zwei Bachelor- und zwei Masterarbeiten (jeweils eine psychologische und eine philosophische) konnten entstehen, weil mir von ihm das Gefühl vermittelt wurde, dass Querdenker und Waldgänger wie ich in der Psychologie einen Platz haben. Dieser Platz trägt den denkwürdigen Namen „theoretische Psychologie“ und ich freue mich, dass ich mit Stolz den Studierenden, die heutzutage am Beginn jedes Wintersemesters in das ‚Erstsemester Kompaktseminar‘ kommen, selbst davon berichten kann, dass in der Psychologie die theoretische Arbeit einen besonderen, wenn auch vernachlässigten Platz hat.

Was die ‚theoretische Psychologie‘ ist, ist strittig. Dieser Satz sollte auf zwei Weisen verstanden werden. Erstens ist es im direkten Sinne strittig, worum es sich handelt, wenn ‚theoretische Psychologie‘ angesprochen wird. Mancher mag ein Analogon zur theoretischen Physik vermuten: Also die Bemühung um eine Vereinheitlichung, gewissermaßen die Suche nach übergeordneten Strukturmustern bis hin zur Weltformel. Es ist nicht zu leugnen, dass die theoretische Psychologie auf diese Weise betrieben worden ist. Ein aller Ehren wertes Beispiel ist die Arbeit von Johannes Lindworsky und seiner Schülerin Maria Krudewig (die ihrerseits Lehrerin des großen Heidelberger Psychologen Carl Friedrich Graumann gewesen ist). Lindworskys „Theoretische Psychologie im Umriss“ (1926) ist ein Beispiel für den Versuch, eine globale Ordnung der Seele darzustellen. Das mag Zeitgenossen lächerlich erscheinen, spielt in der geistesgeschichtlichen Genese der modernen Psychologie aber eine sachdienliche Rolle.

Andere mögen die ‚theoretische Psychologie‘ für einen meta-wissenschaftlichen Lückenbüßer halten. ‚Theoretische Psychologie‘ leistet dann nicht mehr als die Modelle, die Methoden und die Geschichte der Disziplin zu beschreiben. Mithin ist die ‚theoretische Psychologie‘ in diesem Sinne nichts weiter als ein weiterer Arm des Hekatoncheiren Psychologie: Es werden dann empirische Untersuchungen über das Forschungsverhalten von Psychologinnen und Psychologen angestellt – und die ‚theoretische Psychologie‘ rückt in die Nähe der Wissenschaftssoziologie.

Meine Sichtweise widerspricht beiden Lagern. Sie lässt sich auf den zweiten Sinn der Strittigkeit gründen: Nicht nur die Form, sondern der Gehalt der theoretischen Psychologie selbst ist strittig, denn die Disziplin der Psychologie befindet sich, wie bereits Karl Bühler entdeckte, in einer Strukturkrise. Das bedeutet, dass der Streit in der Psychologie kein Übergangsphänomen oder das Anzeichen einer jungen, ihre Form suchenden Wissenschaft ist, sondern wesentlich zu ihr gehört. Die „Krise in der Psychologie“ ist keine Bürde, sondern ihr revolutionäres Potenzial. Theoretische Psychologie ist deswegen, um einen Ausdruck von Jochen Fahrenberg zu leihen, eine ‚Systematik der Kontroversen‘. Die theoretischen Psychologinnen und Psychologen sind dabei manchmal Schiedsrichter, manchmal müssen sie den Streit aber auch anfachen, widerständig denken. In jedem Fall muss die theoretische Psychologie die urwüchsige Leidenschaft dieses hundertarmigen Riesen, der Psychologie heißt, erwecken – eine Leidenschaft, die uns Psychologen eigen ist, weil unser Gegenstand nicht bloße Materie unter dem Mikroskop (oder im fMRT) ist, sondern der lebendige Mensch!

Dass seit Joachim Funkes Emeritierung kein deutscher Lehrstuhl mehr den Titel ‚theoretische Psychologie‘ führt, ist bedenklich. Hyperbolisch ließe sich als Variation auf Martin Heideggers berühmte Vorlesung „Was heißt Denken?“ (1951/52) sagen: ‚Das Bedenklichste ist, dass die Psychologie nicht mehr denkt‘! Die ‚theoretische Psychologie‘ führt eine schattenhafte Existenz. Damit ist nicht nur ihre institutionelle Vernachlässigung gemeint, sondern auch ihre – beinahe – unzeitgemäße Form: Theoretische Psychologie findet eher in Büchern als in Zeitschriften statt, ist eher langatmig als  hyperventilierend. Theoretische Psychologinnen und Psychologen schlagen auf der Suche nach kontroversen Positionen lieber den Weg durch das Dickicht ein und verstaubte Bücher auf, als dem Mainstream Vertrauen zu schenken. Gewissenhafteren Geistern mögen sie als Scharlatane gelten, doch der Ansporn der theoretischen Psychologie ist selbstlos: Sie will die Glut des lebendigen Geistes entfachen! Dies habe ich von Joachim Funke gelernt.

Heidelberger Jahrbücher 1957-2019: eine wahre Fundgrube!

Seit 2007 bin ich als Mitglied des Vorstands der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” (GdF) zuständig für die Betreuung der “Heidelberger Jahrbücher“. Dabei handelt es sich um eine der ältesten Zeitschriften der Welt, die im Jahr 1807 von den “Heidelberger Romantikern” begründet wurde und immer noch existiert. Auf der Webseite der GdF heisst es:

“Die Gesellschaft der Freunde ist Herausgeber der traditionsreichen Schriftenreihe Heidelberger Jahrbücher. Die Publikation wurde im Jahr 1807 von Heidelberger Professoren unter dem Namen Heidelbergische Jahrbücher der Literatur begründet und hat eine wechselvolle und durch zwei Weltkriege unterbrochene Geschichte hinter sich. Verantwortlich für die Themenfindung und Autorensuche sind die vom Verein beauftragten Bandherausgeber.”

Auf meinen Vorschlag hin als Verantwortlicher für diese Buchreihe/Zeitschrift hat die GdF den mit dem Springer-Verlag seit 1957 laufenden Vertrag aus Kostengründen gekündigt; seit 2010 haben wir die Publikation in eigene Hände genommen und damit unsere Kosten deutlich reduziert. Dank der guten Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek und dank vieler unterstützender Herausgeber sowie aktiver Autorinnen und Autoren bleibt die Reihe auch nach 200 Jahren sehr lebendig.

2011 gab es einen Jubiläumsband zum 625jährigen Geburtstag der Universität, der aufgrund technischer Probleme erst 2013 fertiggestellt werden konnte. 2012, 2013, 2014 und 2015 sind keine Bände erschienen. Seit 2016 existiert die Reihe in völlig neuem Format mit dem Zusatz “Online” im Titel, als Open-Access-Publikation in der Hand von “Heidelberg University Publishing” (Band 1, 2016: Stabilität im Wandel; Band 2, 2017: Citizen Science; Band 3, 2018: Perspektiven der Mobilität; Band 4, 2019: Schönheit: Die Sicht der Wissenschaft; Band 5, 2020 zum Thema “Entwicklung” ist in Vorbereitung, ebenso Band 6, 2021, zum Thema “Intelligenz”). Alle Beiträge der neuen Serie sind frei zugänglich als PDF, aber auf Wunsch (und gegen geringes Entgelt) werden auch sehr schöne gebundene Exemplare geliefert!

Nun habe ich vor kurzem ein Inhaltsverzeichnis (das ist der Schlüssel zur Schatztruhe!) der Beiträge ab 1957 erstellt und bin ganz begeistert, was wir dort für Schätze gesammelt haben! Wenn man dieses Verzeichnis durchsieht, stößt man auf viele interessante Beiträge von bekannten Autorinnen und Autoren und auf viele spannende Themen. Ich habe z.B. erst hier (im Band von 1962) von einem tragischen Flugzeugabsturz 1961 erfahren, bei dem 10 Althistoriker der Uni Heidelberg auf dem Weg zu einer Exkursion ums Leben kamen (hier ein Nachruf).

Ein paar Beispiele (in Klammern das Erscheinungsjahr des Jahrbuchs): Die erste weibliche Rektorin der Neuzeit an einer westdeutschen Universität in der schwierigen Zeit 1966-1969 ist vertreten, Margot Becke (1967). Auch die (Alt-)Rektoren Werner Conze (1958), Gottfried Köthe (1961), Fritz Ernst (1962), Kurt Lindemann (1964), Wilhelm Gallas (1965), Günther Bornkamm (1966), Adolf Laufs (1980, 1994), Gisbert zu Putlitz (1984, 1997), Volker Sellin (1988), Peter Ulmer (1997), Jürgen Siebke (1998) und Bernhard Eitel (2011) sind zu finden.

Zu finden sind Beiträge von Karl Jaspers (1961) und Hans-Georg Gadamer (1988, 1990, 1993), Jürgen Habermas (1996), Paul Ricoeur (1987, 1989), Hilde Domin und Manes Sperber (beide 1984), den Nobelpreisträgern Bert Sakmann (1992) und Harald zur Hausen (2006), Jan Assmann (2000), dem Verfassungsrichter Paul Kirchhof (1997) und dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil (2000). Viele andere bekannte Namen sind zu finden – ich höre mit meinen Bespielen auf, um nicht ungerecht gegenüber den Nicht-Genannten zu werden…

Aber es gibt auch manche Themen, die ins Auge springen und zur Lektüre verlocken. Auch hier nur ein paar Beispiele zum “Anlocken”: “Der Romfahrer Sigmund Freud” (1960), “Das Jahr 1849 in Heidelberg im Augenzeugenbericht eines Studenten” (1971), “Die Krone der Schöpfung - Der Affe auf dem Weg zum Gott?” (1980), “Entstehungsgeschichte des Deutschen Krebsforschungszentrums. Verwirklichung einer Idee” (1985), “Eine unbekannte Beschreibung Heidelbergs und des Rhein-Neckar-Gebietes aus dem Jahr 1661″ (1988), “Kunstschätze der Heidelberger Jesuitenkirche” (1991), “Das Universitätsmuseum” (1997) oder “Drohen, verleumden, klagen oder: Wie man Götter und Dämonen zu bösen Taten verleitet” (2008).

Bis ins Jahr 1996 sind zudem im hinteren Teil der Jahrbücher die Veröffentlichungen der Dozierenden aus allen Fakultäten dokumentiert (”Dozenten-Bibliografie”)  auch nicht schlecht! Und von 1959 an bis 1985 gibt es unter dem Titel “Aus der Arbeit der Universitätsinstitute” immer wieder interessante Beiträge aus verschiedensten Instituten, etwa “Das Diakoniewissenschaftliche Institut. Gründung und Auftrag” (1978) oder “Das Slavische Institut der Universität Heidelberg. Zur Geschichte seiner Gründung” (1981).

Ein Schatz, der hier über Jahrzehnte gesammelt wurde und der es in meinen Augen verdient, gelegentlich gehoben zu werden! Wie schön, dass die “Gesellschaft der Freunde” dieses Projekt weiterhin trägt! Der Dank richtet sich an alle Mitglieder, ohne deren Unterstützung das nicht zu leisten wäre! Daher auch mein Angebot: Mitgliedern der “Gesellschaft der Freunde” (und solchen, die es werden wollen!) stelle ich auf Wunsch PDF-Versionen von ausgewählten Kapiteln zur Verfügung (bitte Email an joachim.funke@psychologie.uni-heidelberg.de). Ich freue mich, wenn ich meine Begeisterung über diese Sammlung mit anderen teilen kann!

Webinar “Psychologische Aspekte der Corona-Krise”

Auf Einladung der “Grünen Jugend Heidelberg” bin ich zu meinem allerersten Webinar (=virtuelles Seminar) gekommen. Anlaß war der Weltgesundheitstag am 7.4.2020. Das Webinar stand unter dem Thema “Mental Health Matters - Psychologische Aspekte der Corona-Krise” (hier der Link).

Rund 70 Teilnehmende fanden sich gegen 17 Uhr im virtuellen Seminarraum ein (wie in der realen Vorlesung: einige kamen später dazu…), wo ich nach einer kurzen Vorstellung durch Elisabeth Pielhoff (Landesvorstand Grüne Jugend Baden-Württemberg), die das ganze Webinar aufgesetzt hatte und es auch moderierte, etwa eine halbe Stunde lang von meiner Dachstube aus meine Punkte vortragen konnte (meine 12seitige Präsentation zum Thema war auf allen angeschlossenen Bildschirmen zu sehen). So sah der Bildschirm die meiste Zeit aus (natürlich hat sich der Folieninhalt und auch der Chat [ich habe die Namen der Tln abgedeckt] am rechten Rand fortlaufend verändert…):

Im Anschluß wurden Fragen gestellt, die entweder direkt von den Teilnehmenden selbst vorgetragen oder von der Moderatorin vorgelesen und dann von mir beantwortet wurden. Eine richtige Diskussion (wie sie im Hörsaal mit mehrfachem Wechsel von Frage, Antwort, Nachfrage, usw. vorkommt) kam allerdings hierbei nicht zustande. Aber das tat der Interaktivität kaum Abbruch. Für mich ungewohnt war die Notwendigkeit, vor der Kamera zu sitzen - normalerweise laufe ich vor den Zuhörenden hin und her. Die fehlende Mobilität (nötig wg. der fixen Kamera) hat bei mir zu einer Verstärkung der Arm-Gestik geführt. Als ich die Aufzeichnung meines Vortrags nochmals ansah, musste ich lachen über mein ständiges Gestikulieren. Thinking, talking, moving: ein klarer Fall von embodied cognition

Insgesamt eine gute Erfahrung! Auch wenn das Webinar nicht die Unmittelbarkeit einer realen Begegnung besass: Informationen können lebendig weitergegeben werden, gelegentlich wurde sogar gelacht (was ich als gutes Zeichen werte). Wir alle werden uns vermutlich mit diesen digitalen Vermittlungsformaten anfreunden müssen. Meine ersten Erfahrungen sind positiv!

Wechsel in der Geschäftsführung

Prof. Dr. Birgit Spinath

Prof. Dr. Birgit Spinath

Alle zwei Jahre wechselt in unserem Institut die Geschäftsführung, jetzt ist es mal wieder soweit. Zum 1.4. übernimmt Birgit Spinath den Stab von Andreas Voß. Geschäftsführung: das ist bei uns noch ganz klassisch “primus inter pares” (ja, das gibt es noch!), also ein/e Geschäftsführende/r Direktor/in. Im wesentlichen  bedeutet dies die Administration von Finanzen, Personal und Räumen. Die Leitung des Professoriums (=der gemeinsamen Zusammenkünfte aller Professorinnen und Professoren) und die Vertretung das Faches in Gremien wie z.B. Fakultätsrat gehören dazu, nicht zu vergessen die Genehmigung von Urlaubsanträgen… Erfreulicherweise steht mit unserem Kustos Dr. Joachim Schahn ein erfahrener Administrator zur Unterstützung bereit.

Andreas Voss

Prof. Dr. Andreas Voss

Lieber Andreas: danke für’s „Kümmern“ um die Institutsangelegenheiten in den letzten zwei Jahren! Das war ja eine nicht unerhebliche Zusatzlast, die Du getragen hast! Wir alle wünschen Dir jetzt wieder Forschen und Lehren mit voller Kraft!

Und Dir, liebe Birgit, wünsche ich eine ruhige Hand in schwierigen Zeiten - Du bist die erste Geschäftsführerin, die ein Institut im Lockdown-Zustand übernimmt! Wir alle stehen bereit Dir zu helfen, da bin ich mir sicher! Und die laufenden Herausforderungen (z.B. Überlastwelle Nebenfach; Implementation des neuen Psychotherapie-Studiengangs und Konsolidierung des “normalen” Masterstudiengangs Psychologie; Neustart der Arbeits- und Organisationspsychologie) werden sich bald bemerkbar machen… Vielleicht haben wir ja demnächst das erste “virtuelle” Professorium via Skype (o.ä.)?