Skip to content

Systemkompetenz für das 21. Jahrhundert

Wie müssen wir Bildung im 21. Jahrhundert interpretieren, wenn Google mehr Antworten auf unsere Fragen liefert als wir verarbeiten können? Weitermachen wie bisher? Andere Fragen stellen? Die OECD und ihr Direktor für Erziehungsfragen Andreas Schleicher haben im Jahr 2016 einen spannenden Bericht mit dem Titel “Global competency for an inclusive world” vorgelegt (Link zum PDF), in dem das Rahmenprogramm 2030 der OECD (Education 2030 Framework) beschrieben wird. Wissen, Fähigkeiten und Werte werden dabei zu handlungsrelevanten Kompetenzen zusammengeführt. Andreas Schleicher hat übrigens gerade einen hörenswerten Impulsvortrag hierzu gehalten, und zwar auf dem Berliner Forum “Bildung & Zivilgesellschaft” (den 30minütigen Vortrag “The future of skills” kann man hier abrufen: https://youtu.be/5h2TnJPdSc0).

Zusammen mit Andreas Fischer und Daniel Holt habe ich einen Artikel über Problemlösen im 21. Jahrhundert (Titel: “Competencies for complexity: Problem solving in the twenty-first century”) verfasst, in dem wir für das Konzept “Systemkompetenz” als einer Schlüsselqualifikation für die Bildung von Menschen werben. Wir verstehen darunter den erfolgreichen Umgang mit komplexen Systemen in einem sehr breiten Verständnis.

Komplexe Zusammenhänge zu verstehen heisst vielerlei. Es betrifft vor allem Struktur und Dynamik. Die Struktur von Systemen zu verstehen heisst ihre Statik kennenzulernen: Aus welchen Elementen besteht das Systemganze? Muss sich ein Kardiologe bei der Untersuchung des Herzens auch Lunge, Niere, Leber, Hirn, etc miteinbeziehen? Wo liegen die Systemgrenzen? Die Schwächen einer “Organmedizin” liegen ja gerade in falsch gezogenen Systemgrenzen. Die Schwächen individueller Psychotherapie versuchen wir durch familienbezogene Ansätze zu überwinden. Und weiter: Wie sind die Elemente vernetzt? Hier muss Intransparenz reduziert werden, da viele Verbindungen gar nicht evident sind (verborgene Elemente, verborgene Beziehungen führen schnell in die Irre). Ist die Struktur stabil oder schwächen sich Beziehungen über die Zeit hinweg ab?

Systeme von ihrer dynamischen Seite her zu verstehen heisst zeitliche Abläufe zu erkennen und das Nacheinander von Ereignissen intelligent in einer kausal bedingten Abfolge zu interpretieren: Welche Ursache erzeugt welchen Effekt? Vielleicht erzeugen bestimmte Ursachen mehr als einen Effekt, vielleicht gar eine Kettenreaktion? Pseudokontingenzen verstellen den Blick auf die Wirklichkeit. Wann treten Effekte auf, unmittelbar oder erst mit Verzögerung Gibt es Nichtlinearitäten (minimale Interventionen erzeugen starke Effekte) oder “tipping points” (ab welchem Grad an Überdüngung kippt ein Ökosystem? wann platzt ein Luftballon?).

In unserem Artikel fragen wir uns, wie man derartige Kompetenzen erfassen könnte. Wir kommen zu dem Schluß, dass die derzeitig favorisierten und von uns in der Vergangenheit mitentwickelten linearen Kleinsysteme zwar psychometrisch vorzügliche Eigenschaften aufweisen, aber gerade an den Besonderheiten komplexer Systeme vorbeizielen und daher eine Neuorientierung der Forschung nötig machen. Vielleicht kann man sich auch fragen, ob der Begriff des “Lösens” komplexer Probleme angemessen ist und welche Alternativen es dazu gibt. Der Potsdamer Politikwissenschaftler Falk Daviter spricht in einem gerade erschienenen Artikel die drei Alternativen “Bewältigen, Zähmen, Lösen” (coping, taming, solving) im Umgang mit vertrackten Problemen an. Darüber sollten wir nachdenken.

Hier die Zusammenfassung unseres Beitrags: “In this chapter, we present a view of problem solving as a bundle of skills, knowledge and abilities that are required to deal effectively with complex non-routine situations in different domains. This includes cognitive aspects of problem solving, such as causal reasoning, model building, rule induction, and information integration. These abilities are comparatively well covered by existing tests and relate to existing theories. However, non-cognitive components, such as motivation, self-regulation and social skills, which are clearly important for real-life problem solving have only just begun to be covered in assessment. We conclude that currently there is no single assessment instrument that captures problem solving competency in a comprehensive way and that a number of challenges must be overcome to cover a construct of this breadth effectively. Research on some important components of problem solving is still underdeveloped and will need to be expanded before we can claim a thorough, scientifically backed understanding of real-world problem solving. We suggest that a focus on handling and acting within complex systems (systems competency) may be a suitable starting point for such an integrative approach.”

Funke, J., Fischer, A., & Holt, D. V. (2018). Competencies for complexity: Problem solving in the twenty-first century. In E. Care, P. Griffin, & M. Wilson (Eds.), Assessment and teaching of 21st century skills. Educational assessment in an information age (pp. 41–53). Cham: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-319-65368-6_3

THE Ranking 2018 Psychologie

Wiederholt habe ich an dieser Stelle über Rankings geschrieben (siehe hier). Wir hassen und wir lieben sie. Nun ist gerade wieder einmal das berühmte internationale THE-Ranking 2017/18 (THE = Times Higher Education) erschienen. Das Besondere an der neuen Ausgabe: Zum ersten Mal wird “Psychology” als eigene Kategorie ausgewiesen! Wir waren vorher immer in einer großen Gruppe der “Social Sciences” verborgen, nunmehr ist unser Fach identifizierbar. Die Spannung ist groß, wie wir wohl im weltweiten Vergleich abschneiden.

Ich zitiere aus einer Mitteilung unserer Universität: “Erstmals wurde in diesem Jahr ein Subject Ranking für die Psychologie ausgewiesen. Die Universität Heidelberg steigt hier mit Platz 48 ein, dies entspricht im nationalen Vergleich Rang 4 hinter der FU Berlin (Rang 31), der LMU München (Rang 34) und der HU Berlin (Rang 41), in den Top-100 folgen dann noch die Universitäten Freiburg (Rang 75), Tübingen (Rang 86), Würzburg (Rang 88) und Mannheim (Rang 90). Im europäischen Vergleich liegt Heidelberg hier auf Rang 13.”

Sehr erfreulich! Gleich hinter den “Großen” (Berlin, München) kommt unser “kleines” Institut! Wer hätte das gedacht! Woraus setzt sich der Rangplatz im Detail zusammen? Dazu nochmals die Mitteilung unserer Uni: “Die Rankings setzen sich jeweils aus 13 Indikatoren zusammen, die in die fünf großen Kriterienbereiche aggregiert werden, aus welchen auch die Platzierungen für das THE World University Ranking berechnet werden; für die Subject Rankings erfolgt aber eine andere Gewichtung. Für die heute veröffentlichten Rankings ist diese: Teaching. The Learning Environment 27,5%; Research. Volume, Income, and Reputation 27,5%; Citations. Research Influence 35%; International Outlook. Staff, Students, and Research: 7,5%; Industry Income. Innovation: 2,5%.” Und hier sind die Heidelberger Resultate (Gesamtwert und Werte für die 5 Teilbereiche):

Unsere gute Beurteilung im Bereich “Research Influence” wird durch die hohe Gewichtung (ein Drittel) noch verstärkt. Die eher geringe Bewertung beim “International Outlook” schlägt nicht negativ durch.

Was bedeutet dieses Ergebnis für uns? In meinen Augen zeigt es, dass Heidelberger Psychologie-Forschung Spitzenforschung darstellt, die sich im internationalen Vergleich sehen lassen kann. Danke an alle, die uns dabei geholfen haben! Das geht nur im Team! Für die Studierenden heisst das: Sie lernen hier bei uns etwas, das sie als Forschungsnachwuchs attraktiv machen wird, sowohl von den Inhalten her als auch von den handelnden Personen aus gesehen. Kein Wunder, dass viele unserer Studierenden nach dem Master auch noch zur Promotion bleiben. Das passt zum Bild eines forschungsstarken Instituts. Und natürlich muss heutzutage der Weg von guter Forschung zu guter Anwendung nicht mehr weit sein.

Grund zur Freude also, aber auch ein klein wenig Streß, denn eine so tolle Einstiegsposition in das internationale Ranking ist natürlich nicht ganz einfach zu halten. Es wird weiterhin eine gute Personalpolitik erforderlich sein, denn es sind eher die Köpfe (und weniger die Finanzen, wie vielleicht manche meinen), die den Erfolg ausmachen. Eine ganze Reihe von Instituten, deren Budget deutlich über unserem liegt, tauchen nicht unter den ersten 100 Rangplätzen auf. Wir wissen bereits: Geld allein macht nicht glücklich! Meine Vermutung: Geld allein macht nicht forschungsstark. Über einen kleinen Bonus würden wir uns natürlich trotzdem freuen…

Hier ist der Link zum THE Psychology-Ranking 2018.

Holzhäuser Heckethaler 2017 für Marlene Bach

Die von mir sehr geschätzte und persönlich bestens bekannte Heidelberger Autorin Marlene Bach (bekannt für ihre Krimis mit der Kommisarin Maria Mooser) hat den diesjährigen “Holzhäuser Heckethaler 2017″ gewonnen, einen nordhessischen Literaturpreis, der zum 16. Mal von einer achtköpfigen Jury unter Vorsitz von Dr. Burckhard Garbe vergeben wurde. Unter 250 eingesandten Kurzgeschichten landete ihr Beitrag “Stadtvögel” auf dem 2. Platz hinter dem Beitrag des Leipziger Literaten Jens Deeg.

J.F.)

Holzhäuser Heckethaler 2017: Juroren und Preisträger (Foto: Joachim Funke)

Ich freue mich mit der Autorin über ihren mit 300 Euro dotierten Preis und finde ihre Kurzgeschichte sehr anrührend. Darin wird eine einsame Person beschrieben, die am Ende des Tages ihre gesprochenen Wörter zählt (es sind nur sehr wenige) und die mit einem Umzug vom Land in die Stadt diese Situation verbessern möchte. Die Anonymität der Großstadt verschlimmert allerdings die Lage, bis eines Tages etwas Außergewöhnliches geschieht und die Wörter wie eine Flut über sie kommen.

Eine sehr einfühlsame Geschichte, wie ich finde - und zu recht preisgekrönt! Gratulation!

Hier der Bericht aus der RNZ vom 2.11.17

Hier der Bericht aus Immenhausen

Wirtschaftsnobelpreis für Verhaltensökonom Thaler

Der amerikanische Verhaltensökonom Richard Thaler erhält den diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis 2017 für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie (”behavioral economics“), an der Schnittstelle von Psychologie, Soziologie und Ökonomie. Das ist eine große Freude auch für uns Psychologinnen und Psychologen, liegt seine Forschung doch nach unserer Einschätzung deutlich näher an der Psychologie als an der Ökonomie! Und da es keine Nobelpreise für Psychologie gibt, ist der für Wirtschaftswissenschaft schon wiederholt Ersatz für einen Psychologie-Preis gewesen (Herbert Simon hat 1978 den Anfang gemacht, 1994 als bislang einziger Deutscher Reinhard Selten, später 2002 Daniel Kahneman).

Von einer Düsseldorfer Quellen (Danke, lieber Jochen!) habe ich folgende Info bekommen: Von Richard Thaler stammt auch das Konzept des “Winner’s curse”

Next time that you find yourself a little short of cash for lunch, try the following experiment in your class. Take a jar and fill it with coins, noting the total value of the coins. Now auction off the jar to your class (offering to pay the winning bidder in bills to control for penny aversion). Chances are very high that the following results will be obtained: (1) the average bid will be significantly less than the value of the coins (bidders are risk averse); (2) the winning bid will exceed the value of the jar. Therefore, you will have money for lunch, and your students will have learned first-hand about the “winner’s curse.”
https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/jep.2.1.191
https://en.wikipedia.org/wiki/Winner%27s_curse

und des “Mental accounting”:

Entscheidungsirrelevante Kosten wie Sunk costs dürfen nicht in die rationale Entscheidungsfindung eingehen. Die mentale Kontenbildung verhindert jedoch unter Umständen das Erkennen, dass es sich um solche handelt. Thaler beschreibt ein empirisches Experiment, in dem die Testpersonen ins Theater gehen möchten und die Karte 10 Dollar kostet. Im Experiment bekommen die Probanden nun gesagt, sie stünden an der Theaterkasse und hätten die Karte verloren und müssten diese neu kaufen. 56 % sind nicht dazu bereit. Mental werden diese 10 Dollar dem Konto “Kauf Theaterkarte” zugeschlagen. Damit kosten die Karte 20 Dollar und damit mehr, als den Probanden der Theaterbesuch wert ist. Eine andere Teilgruppe der Experimentteilnehmer sollte an der Abendkasse für 10 Dollar die Karte kaufen. Sie bekamen dann gesagt, sie hätten die 10 Dollar Bargeld verloren und müssen nun die Karte aus anderem Geld zahlen. Hier entschieden sich 88 % zum Kauf der Karte. Mental werden diese 10 Dollar dem Konto “Verlust Bargeld” zugeschlagen. Der mentale Preis der Eintrittskarte blieb somit bei 10 Dollar.
https://en.wikipedia.org/wiki/Mental_accounting
https://de.wikipedia.org/wiki/Mentale_Buchf%C3%BChrung

Das Konzept des “nudging” als leichtes “Anstupsen” (ich hatte vor 3 Jahren schon mal in meinem Blog darüber geschrieben) ist auch nicht unumstritten - Kritiker sprechen von “patronizing” als einer Form subtiler Manipulation. Auf der anderen Seite stehen subtile Auswirkungen, z.B. beim Organspenden, von “opt in” (=voreingestellt ist Nicht-Spenden) oder “opt out”-Architekturen (voreingestellt ist Spenden). Transplantationsbedürftige hoffen auf die für sie günstige “opt out”-Architektur, die wir in Deutschland leider nicht haben.

Für uns als Psychologinnen und Psychologen sind solche Verzerrungen durch den Kontext nichts wirklich Neues. Für die, die immer noch vom Home Oeconomicus reden, wird es höchste Zeit, diese Forschung zu rezipieren.

Abschied von Bärbel Maier-Schicht

Zum 31.10.2017 scheidet Dipl.-Math. Barbara Maier-Schicht aus dem aktiven Dienst an unserem Institut aus und begibt sich nach 28 Jahren bei uns in den Ruhestand! Wow! Das ist eine lange Zeit! Da verläßt uns nun ein “Urgestein”, das meiner Abteilung zugehörig war, aber im wesentlichen für das gesamte Institut gearbeitet hat. Da ist ein Wort des Dankes fällig!

Ein paar Worte zur Biografie stehen am Anfang. Bärbel Maier-Schicht ist 1950 in Karlsruhe geboren, ist dort zur Schule gegangen, hat ihr Abi dort gemacht und an der TU Karlsruhe ein Mathematikstudium absolviert, das sie mit einem Diplom 1974 abgeschlossen hat. Ihre mit “sehr gut” bewertete Diplomarbeit trug übrigens den etwas kryptischen Titel “Verfahren höherer Ordnung zur Einschließung der Inversen einer Matrix”. Als Karlsruherin ist sie übrigens neben fleißiger Arbeit auch das Feiern gewöhnt: dort gibt es nämlich jährlich nicht irgendein Fest, sondern DAS FEST!

Am Psychologischen Institut hat sie Ihren Dienst im Sommer 1989 aufgenommen. Sie war damals im Rahmen des von Manfred Hofer, Carl-Friedrich Graumann und Theo Herrmann eingeworbenen Sonderforschungsbereichs 245 “Sprache und Situation” für den Aufbau der EDV zuständig, später hat sie diese Aufgaben auch im Institut übernommen. Bis zum Schluß ihrer Tätigkeit war sie EDV-Beauftragte unseres Instituts und sorgte für gute Beziehungen zum Rechenzentrum.

Kennen tue ich BMS (so meine Abkürzung ihres Doppelnamens) seit April 1997, als ich nach Heidelberg berufen wurde. Damals haben wir gleich angefangen, ein Projekt zum Thema “Rough Set Theory“ (einer formalen Theorie unvollständigen Wissens) zu planen. Leider ist daraus nichts entstanden. Es lag u.a. daran, dass ich damals gleich nach meinem Dienstantritt die Geschäftsführung übernehmen sollte und froh war, ein paar erfahrene Personen an meiner Seite zu wissen, die sich mit den Verwaltungsvorgängen auskannten. Das Spitzenteam der beiden damaligen Kustoden Ernst R. & Jörg S. war allerdings selbst für mich manchmal nur schwer zu ertragen - ich war froh, in BMS eine Oase der Ruhe und einen Ort der Vernunft zu finden. Vielleicht kein Wunder, dass im Lauf der Zeit wissenschaftliche Aktivitäten hinter den Verwaltungsaktivitäten zurücktraten.

Ob es das Lehrveranstaltungsverzeichnis LSF, die Datenbank des Prüfungsamts, die EDV-Probleme der Administration, die Gestaltung des Webauftritts oder die Mithilfe bei dringenden Geschäftsführungs-Angelegenheiten betraf: auf BMS war Verlass! Die Diplommathematikerin ist da anders gestrickt als manche Psychologenseele: Sie arbeitete ruhig und effizient in ihrer Dachstube und kam meist sehr schnell mit Ergebnissen.

Anlaß zur Freude war für mich die Entscheidung von BMS, über das offizielle Ende 29.2.2016 hinaus noch eine Ehrenrunde mit uns zu absolvieren: Die Verlängerung über das 65. Lebensjahr hinaus bis zum 31.10.2017! Das hat mich, das hat uns alle sehr gefreut, zeigt es doch die Verbundenheit, die in langen Jahren hier aufgebaut wurde. Wie sagt sie selbst so schön: Sie nimmt Abschied “nach 28 Jahren, etwa 5600 Arbeitstagen, etwa 4 Mio. Treppenstufen und 10 Geschäftsführenden Direktoren“. Nur wenige hier im Hause können wohl ähnlich eindrucksvolle Daten vermelden.

Ein ganz wichtiges Merkmal von BMS ist ihre Bescheidenheit. Sie bleibt lieber im Hintergrund und will nur ungern in der Öffentlichkeit gelobt werden - ich weiss das, weil ich sie damals beobachtet habe, als sie zusammen mit Bernd Reuschenbach den mit 10.000 Euro dotierten Landeslehrpreis im Jahr 2006 aus der Hand von Prorektorin Silke Leopold erhielt. Ich zitiere aus der Laudatio:

“Der Landeslehrpreis Baden-Württemberg geht in diesem Jahr an das Psychologische Institut der Universität Heidelberg. Mit ihrem Seminar “Erstellung psychologischer Lehrfilme” setzten sich die Dozenten Bärbel Maier-Schicht und Bernd Reuschenbach gegen zahlreiche Mitbewerber um die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung durch. Denkbar einfach klingt das Seminarkonzept: psychologisches Wissen in einem Film ansprechend und allgemeinverständlich darzustellen. Doch dahinter steckt jede Menge Arbeit: Das reicht von der Themenfindung über das Schreiben eines Drehbuchs bis hin zur eigentlichen Produktion des Films. Unterstützt wurden die Teilnehmer der bisherigen zwei Seminare (2003 und 2005) von Profis, die ihnen den richtigen Umgang mit Kamera, Ton, Schnitt und Filmtechniken nahebrachten.“

Liebe Bärbel, im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am PI sage ich DANKE für all das, was Sie für uns getan haben, auch für das, was Sie nicht getan haben (z.B. dem Institut den Rücken zuzuwenden). Bei Peter Alexander heisst es „Sag zum Abschied leise Servus“ - wir hier machen es anders: wir rufen alle lautstark „Danke, liebe Bärbel! Hab eine gute Zeit!” Und natürlich wünschen wir alles Gute für den aktiven Zustand, der jetzt folgt: möglichst viele Projekte zur Realisierung ungewöhnlicher sozialer und kultureller Ideen! Mögen die weissen Mäuse dabei helfen! Pruski! Zum Wohl!

Plagiat beim Bundesamt für Risikobewertung?

Kein Wunder, dass unser Vertrauen in öffentliche Institutionen sinkt: Der Verdacht, dass das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in Sachen Bewertung der Glyphosat-Gefahr (mögliche Krebsgefahr durch ein stark genutztes Herbizid) weite Teile seiner Stellungnahme direkt vom Hersteller Monsanto übernommen hat (siehe die oben gezeigte Abbildung vom unabhängigen Umweltinstitut München), erhärtet sich durch eine aktuelle Plagiatsprüfung, die das BfR allerdings zurückweist.

Das ebenfalls unabhängige psychologienahe Harding-Center für Risikokompetenz hat übrigens schon in seiner Unstatistik des Monats im Januar 2016 die Meldungen über Glyphosat im Urin relativiert: im Vergleich zum Rauchen sei das Glyphosat-Krebsrisiko deutlich geringer. Das mag stimmen - aber zu stimmen scheint auch, dass die BfR-Bewertungen von Monsanto übernommen wurden, und zwar anscheinend ohne saubere Quellenangabe! Systematisches Unterlassen von Quellenangaben und gezieltes Entfernen von Hinweisen auf die tatsächlichen Verfasser: Das wäre in der Tat schlechte wissenschaftliche Praxis!

Umso wichtiger ist Risikokompetenz: das ist ein gutes Konzept! Es ist Teil dessen, was als “kritisches Denken” (critical thinking) Eingang in den Unterricht an Schulen und Universitäten finden sollte. Es bezeichnet Ähnliches wie der Kantische Imperativ, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen (”sapere aude“). Das setzt in einer komplexen Welt allerdings etwas mehr voraus als noch vor 200 Jahren vorstellbar war.

Welcome, Erstis 2017!

Wieder einmal startet eine Woche vor dem offiziellen Semesterstart (16.10.17) am Mo 9.10.17 das Erstsemester-Kompakt-Seminar (EKS), mit dem wir unsere Erstis in die Gepflogenheiten am Institut einweihen. Das machen längst nicht alle Fächer, aber wir haben nur gute Erfahrungen damit gemacht und praktizieren es daher regelmäßig (dafür gab es dann auch mal den Landes-Lehrpreis). Unsere Fachstudienberatung organisiert die Einführungswoche zusammen mit älteren Studierenden, die sich der verschiedenen Kleingruppen annehmen. Etwas mehr als 90 Bachelor-Anfänger sind es diesmal, die wir herzlich bei uns begrüßen und denen wir alle einen guten Start wünschen! Wir sind froh, dass unsere Zulassungsstelle die richtigen Zahlen eingegeben hat - was passiert, wenn man sich dabei vertippt, merkt die OTH Regensburg gerade, wo versehentlich 700 statt 100 Erstsemester zugelassen wurden…

Der Wechsel von Schule zu Hochschule ist schon großer Schritt in die Selbstverantwortung! Angefangen von der Auswahl der Veranstaltungen (wir machen Vorschläge, keine Sorge!) über die Bildung von Arbeitsgruppen (sehr zu empfehlen) bis hin zur ständigen Entscheidung, einer Veranstaltung fernbleiben zu können (prinzipiell geht das, aber in einigen Veranstaltungen wird man ohne regelmäßigen Besuch schnell den Faden verlieren und ist dann abgehängt, von der Gefährdung der erforderlichen Leistungsnachweise ganz zu schweigen). Selbstregulation und Selbstorganisation: das sind bei uns am Institut einerseits Forschungsthemen im Rahmen der Exzellenzinitiative, andererseits bietet das Studium ein ideales Übungsfeld dafür.

Es sind spannende Zeiten! Auf der Seite äußerer Ramenbedingungen sind zu nennen die geplante Umwandlung des Studiums (Reform des PsychTG), so dass (wer will) mit einer Approbation am Ende des (klinisch ausgerichteten) Masterstudiums abschließen kann. Unsere Heidelberger Kollegin Birgit Spinath (Pädagogische Psychologie) wird im nächsten Jahr ab Oktober 2018 als Präsidentin der DGPs diesen Prozeß weiterführen, der schon seit mehreren Jahren von den Vorgänger-Vorständen vorbereitet wurde. Am Institut wird es in den nächsten Jahren Wechsel in den Professuren Allgemeine und Theoretische Psychologie (Funke), Arbeits- und Organisationspsychologie (Sonntag) und Sozialpsychologie (Fiedler) geben. Die Zulassung zum Studium wird bei uns mit einem kompetenzorientierten Auswahlverfahren auf neue Füsse gestellt.

Auf der Seite innerer Ramenbedingungen gibt es lebhafte Diskussionen um die Neuausrichtung unseres Faches im Zuge der Replikationskrise, um eine in diesem Zusammenhang geforderte “new statistics” und um offene Wissenschaft (open science). Nicht allen hier gemachten Vorschlägen sollte man blindlings folgen. Mit der Ernüchterung über die Befunde der Neuropsychologie einher geht die Suche nach neuen tragfähigen Rahmentheorien, die die verschiedenen Mosaiksteine empirischer Forschung sortieren helfen. Wenn wir im gesellschaftlichen Diskurs wieder eine gestalterische Rolle spielen wollen und uns nicht mit der Behandlung kranker Seelen zufriedengeben wollen (wovor ich durchaus großen Respekt habe!), müssen wir zeigen, dass wir zu wichtigen gesellschaftlichen Herausforderungen einen wertvollen Beitrag leisten können.

Liebe Erstis 2017: Seien Sie herzlich willkommen in unserem Institut! Wir freuen uns auf Sie! Ich arbeite schon an meiner Playlist für die obligatorische Psychoparty, die diesmal am Dienstag 17.10.17 nach dem diesjährigen 21. Empra-Kongreß um 21:30 bei uns im Institut startet (hier schon mal der Link zum Text meines Abschlusstitels, den natürlich alle mitsingen müssen).

Exzellenzcluster: Uff!

Die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder (heisst neuerdings Exzellenzstrategie) hat eine komplexe Struktur. Seit 2006 sind drei Förderrunden realisiert worden. Nun geht es zum voraussichtlich letzten Mal um viel Geld. Um erneut den Titel “Exzellenzuniversität” ab dem Jahr 2019 zu erreichen, müssen verschiedene Bedingungen durch die hoffenden Unis erfüllt sein. Eine der Hürden besteht im erfolgreichen Realisieren sogenannter Cluster (Forschungsverbünde). Um den Status der Exzellenz zu erhalten, müssen mindestens zwei positiv evaluierte Clusteranträge vorliegen. Unsere Universität hat sieben Skizzen zu derartigen Clustern eingereicht - am 29.9.2017 ist das Ergebnis der internationalen Gutachtergruppe durch die DFG bekanntgegeben worden: drei der 7 Heidelberger Skizzen sind zur Ausarbeitung empfohlen worden, davon 2 solche, die in Zusammenarbeit mit KIT Karlsruhe gestellt wurden.

Eine exzellente Analyse des nun verkündeten Zwischenergebnisses liefert ein Blogeintrag von Jan-Martin Wiarda unter dem Titel “88 sind noch drin“. Über die Uni Heidelberg heisst es dort: “Konsterniert dürften sie in Heidelberg sein, dem nur drei Cluster im Rennen verbleiben, davon einer allein und zwei gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT, das insgesamt vier Anträge stellen darf). Eine überraschend schwache Bilanz für Heidelberg, das sonst gemeinhin als eine der stärksten Wissenschaftsregionen in Deutschland gehandelt wird.”

Ja, stimmt: konsterniert habe ich mich gefühlt, als ich das Ergebnis der Evaluation hörte! Nur eine der eigenständigen Skizzen konnte überzeugen (im Kontext von FoF2, “Structure and Pattern Formation in the Material World”), zwei schon länger höchst erfolgreiche Cluster, im Kontext von FoF1 (”Molecular and Cellular Basis of Life”) und FoF3 („Cultural Dynamics in Globalised Worlds“), sind draußen. Auch die von der Psychologie massgeblich mitentwickelte Skizze “Self-Regulation and Regulation in Mental Health” im Kontext von FoF4 ist abgelehnt worden. Uff!

Die drei erfolgreichen Clusterskizzen müssen jetzt zu Vollanträgen ausgearbeitet werden - wäre schön, wenn das erfolgreich gelänge! Natürlich ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange: “Universitäten mit mindestens zwei (bei Verbünden mit mindestens drei) Exzellenzclustern können bis zum 10. Dezember 2018 Anträge für die Förderlinie Exzellenzuniversitäten einreichen; über sie wird nach erfolgten Begutachtungen am 19. Juli 2019 entschieden” (DFG Ausschreibung).Da liegt noch Spannung in der Luft!

Noch einmal ein Zitat aus Wiardas Blog: „Sehr gute Chancen auf eine institutionelle Bewerbung mit vier oder mehr Vollanträgen haben 15 Unis, weitere sieben haben noch drei Anträge im Rennen und damit mittelprächtige Aussichten, eine Bewerbung einreichen zu dürfen.“ Wir gehören zu denjenigen, denen er “mittelprächtige Aussichten” bescheinigt. In der örtlichen Presse (RNZ vom 30.9.2017) wird ein bisschen mehr Optimismus ausgegeben. Natürlich sollen die erheblichen Vorarbeiten, die hier geleistet wurden, nicht “verpuffen”, sondern werden nun in andere Förderprogramme umgelenkt. Ich könnte mir vorstellen, dass die DFG demnächst eine ganze Reihe von SFB-Anträgen erhält.

Psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz

Aus einer aktuellen Erhebung der AOK (gesetzliche Krankenkasse) geht hervor, dass sich im Vergleich von vor 10 Jahren die Zahl der Fehltage am Arbeitsplatz wegen psychischer Störungen verdoppelt hat! Sie beträgt im Durchschnitt 25.7 Tage. In der Pressemitteilung der AOK heisst es:

    “Laut einer aktuellen Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) kommen bei den 2.000 befragten Beschäftigten am häufigsten Konflikte im privaten Umfeld (16 Prozent), eine schwere Erkrankung von Angehörigen (zwölf Prozent) und finanzielle Probleme (elf Prozent) vor. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der Betroffenen an: Etwas mehr als ein Drittel der Beschäftigten unter Dreißig (37,6 Prozent) berichtet über kritische Lebensereignisse, bei den 50- bis 65-Jährigen sind dies schon fast zwei Drittel (64,7 Prozent). Jüngere Erwerbstätige berichten neben privaten Konflikten auch über fi nanzielle oder soziale Probleme, während bei älteren Erwerbstätigen Krankheit, Altern oder der Tod des Partners eine größere Rolle spielen. Diese kritischen Lebensereignisse belasten die Gesundheit der Betroffenen und beeinflussen auch die Berufstätigkeit. So berichten 58,7 Prozent von körperlichen und 79 Prozent von psychischen Problemen. In der Folge fühlten sich mehr als die Hälfte der Befragten durch die Krise in der eigenen Leistungsfähigkeit in ihrem Berufsleben eingeschränkt (53,4 Prozent). Ähnlich viele Menschen geben an, trotz einer Erkrankung in diesem Kontext zur Arbeit gegangen zu sein (48,8 Prozent). Mehr als ein Drittel fühlte sich aufgrund des kritischen Lebensereignisses unzufrieden mit der Arbeit (37,3 Prozent) oder hat sich häufiger krank gemeldet (34,1 Prozent).”

Erschreckende Zahlen! Dass 4 von 5 Befragten psychische Probleme benennen, ist kaum zu glauben! Die Idee, dass Arbeit auch Spaß machen kann, hat mit der Lebenswirklichkeit vieler Arbeitnehmer offensichtlich wenig zu tun! Zum einen ist das natürlich eine Herausforderung für Psychotherapeuten, sich dieser Fälle anzunehmen (jedenfalls da, wo es professionelle Hilfe braucht); zum anderen ist es eine Herausforderung für die Arbeits- und Organisationspsychologie, an der Gestaltung gesunder Arbeitsplätze mitzuwirken - und dabei geht es nicht nur um höhenverstellbare Tische (Rücken) oder hochauflösende Bildschirme (Augen), sondern vor allem auch um zufriedenstellende, respekttvolle Beziehungen am Arbeitsplatz und um sinnstiftende Tätigkeiten. In den 1970er Jahren wurde erstmals ein Programm zur “Humanisierung des Arbeitslebens” aufgelegt; vielleicht ist es wieder einmal an der Zeit, ein ähnliches Programm aufzulegen, diesmal vielleicht mit einem Schwerpunkt auf psychische Belastungen. Der DGB-Index “Gute Arbeit” zeigt ebenfalls Handlungsbedarf. Nicht nur Arbeitslosigkeit kann psychische Störungen hervorbringen, sondern auch schlechte Arbeitsbedingungen. Die hängen häufig von Führungskräften ab, die die Bedeutung psychischer Faktoren entweder nicht kennen oder schlichtweg ignorieren.

Punkt, Komma, Strich

Ich gestehe: Ich bin ein Freund von Satzzeichen! Punkt, Komma, Strich sind mir wertvolle Genossen im Kampf um Verständnis! Die Satzzeichen spiegeln etwas, das wir beim Sprechen in anderer Form praktizieren: Wir sprechen kein Fragezeichen, aber wir heben die Stimme. Wir sprechen keinen Punkt, aber wir machen eine Pause! Wir sprechen kein Ausrufezeichen, aber wir betonen eine Aussage durch besondere Emphase! Deswegen sind Satzzeichen wichtige Helfer beim Lesen und Vorlesen, weil sie Anweisungen enthalten, wie wir Wörter zu verstehen haben.

Das Komma: Ein Moment des Innehaltens und Luftholens verbunden mit der Gewissheit, dass es sofort weitergehen wird. Auch gut geeignet für kleine Einschübe. Es gibt auch kleine Bedeutungsunterschiede: “Professoren sagen, Studenten haben es gut” ist etwas anderes als “Professoren, sagen Studenten, haben es gut”.

Der Gedankenstrich: Für einen Denkpsychologen natürlich eine der wertvollsten Hilfen! Die Aufforderung zum Nachdenken, zum Innehalten für einen kurzen Moment: Wie toll ist das denn! Ich liebe den “-” und verwende ihn nach Meinung mancher Leserinnen und Leser zu oft - das kann ich aus meiner Sicht nicht bestätigen! Man kann nicht oft genug Nachdenken, oder doch?

Der Punkt: Er sorgt für den Abschluß. Im Strom der Wörter die Sinnabschnitte zu finden ist nicht immer leicht. Punkte helfen dabei. Sie markieren Ende und Neuanfang, wenn es weitergeht. In der Steigerung von drei Punkten “…” am Satzende lassen sie das Ende in drei Richtungen offen und ziehen den Leser in die Entwicklung mit ein: Wie wird es wohl weitergehen?

Das Semikolon: Ein Zwitter zwischen Komma und Punkt. Ein erster Teil des Gedankens geht zu Ende, aber es kommt noch etwas hinterher, das dazugehört. Eine schöne Abstufung eines Gedankens, dem noch etwas angehört; ein angebrochener Gedanke, der zum Abschluß geführt wird.

Das Fragezeichen: Drückt Unwissen und Unsicherheit aus. “Wann kommst Du?”, “Wer war Duden?”, “Woher kommen Satzzeichen?”. Der Modus des Fragens ist ein Modus der Informationsuche. Und auch hier ist die Steigerung in Form der “Drei Fragezeichen” (???) natürlich etwas Besonderes.

Das Ausrufezeichen betont den Inhalt und drückt Überraschung, Empörung oder Staunen aus. Er hebt einzelne Gedanken aus dem Strom des Geschriebenen hervor und verstärkt unsere Aufmerksamkeit. Steigerungsform: Mal wieder die dreifache Wiederholung “!!!” (sozusagen fett und kursiv zusammen, eine besondere Emphase).

siehe auch meinen früheren Blogeintrag: “Lob des Leerzeichens