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Kann man Kreativität lernen?

Was ist eigentlich Kreativität? Psychologen nennen eine Idee kreativ, wenn sie einen neuen und nützlichen Lösungsvorschlag für ein wie auch immer geartetes Problem enthält. Die Entdeckung der Solarzelle löst das Problem regenerativer Energie, eine Büroklammer am defekten Reißverschluss einer Hose löst ein anderes Problem. Kreative Ideen vom Typ Solarzelle stellen die „große“ Kreativität dar, die gesellschaftlich nützliche Produkte hervorbringt. Die Büroklammer ist ein Beispiel für die „kleine“ (alltägliche) Kreativität dar, die eine individuell nützliche Lösung eines Problems liefert.

Der Begriff Kreativität ist in aller Munde, Kreativität ist eine gute Sache, wie es scheint. Also steht die naheliegende Frage im Raum: Kann man Kreativität lernen? Die Antwort der Wissenschaft darauf ist wie so oft ein „Ja“ und ein „Nein“. Diesen scheinbaren Widerspruch will ich kurz erläutern.

Früher dachte man, Kreativität wäre nur wenigen Genies vorbehalten. Seit Beginn der 1950er Jahre ist – maßgeblich durch den amerikanischen Psychologen Joy Guilford beeinflusst – ein Umdenken eingeleitet worden, das anstelle eines Genie-Konzepts die Annahme setzt, dass im Grunde genommen jeder Mensch zu horizont-erweiterndem, divergenten Denken fähig ist. Natürlich gibt es unterschiedliche Ausmaße dieses kreativen Denkens bei unterschiedlichen Menschen, aber prinzipiell ist jeder zu kreativen Ideen fähig.

Ein Grund für das rasante Interesse am Thema „Kreativität“ in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts war unter anderem der „Sputnik“-Schock: Dass die Russen vor den Amerikanern den Weltraum zu erobern drohten, setzte auf amerikanischer Seite erhebliche Anstrengungen auf der Suche nach kreativen Köpfen in Gang. Mit dem Vorschul-Fernsehprogramm „Sesamstrasse“ versuchten die Amerikaner, flächendeckend bereits bei Kindern im Vorschulalter durch mehr Bildung mehr Kreativität zu erzeugen.

Die Folge dieser „kreativen Wende“ waren Kreativitäts-Workshops und Ideenbörsen, Zukunftswerkstätten und Utopie-Gruppen, alle Welt will Kreativität fördern. Lösen wir also einen Gehirnsturm – ein „brain storming“ – aus, und gehen wir mit einem genialen Einfall nach Hause. Was wird nicht noch alles getan, um selbst den letzten Gedanken aus dem Gehirn zu kitzeln. Zugleich wird immer mehr evaluiert, kontrolliert, reglementiert und noch der letzte Rest an freier Zeit verplant. Zum anarchischen Wesen der Kreativität gehört es aber nun einmal, dass sie sich weder planen noch verordnen lässt. Allein von Disziplin wird die begehrte Muse auch nicht zum ersehnten Kuss verführt. Förderlich für die Kreativität hingegen sind mehr Zeit, mehr Vertrauen, weniger Druck. Dann wird man am Ende sehen können, ob sich ein interessanter Gedanke, etwas Neues entwickelt hat.

Deswegen ein „Nein“ auf die Frage, ob man Kreativität lernen kann. Die Teilnahme an einem Kreativitätskurs macht noch niemanden zu einer kreativen Person, so wie ein Schwimmkurs jemandem das Schwimmen lehrt. Wer sich vornimmt, jeden Freitagnachmittag ein paar kreative Stunden zu verbringen, hat keine Sicherheit, dass am Abend wirklich neue Ideen auf dem Tisch liegen. Kreativität lässt sich nicht verordnen, ein guter Einfall ist nicht garantiert.

Ein „Ja“ gibt es auf die im Titel gestellte Frage, weil man selbst durch seine Handlungen einiges dazu beitragen kann, sein kreatives Potential zu erhöhen. Vor allem die Offenheit für neue Erfahrungen ist dabei ein starkes Element. Wer in Routinen und Gewohnheiten erstarrt, wird seine Kreativität zum Verschwinden bringen. Deswegen ist die kindliche Kreativität, die sich im Phantasiespiel zeigt, ein natürlicher Anfangspunkt, der jedoch schnell verloren gehen kann, wenn diese Freiheiten zu stark eingeengt werden. Eigentlich ist Träumen und Phantasieren auch bei älteren Menschen sinnvoll. Kreativität muss mit höherem Lebensalter nicht verloren gehen. Ein Blick in die Kunstwelt zeigt, dass Alterswerke (etwa bei Pablo Picasso) ihre eigene Faszination haben. Auch bei Komponisten ist häufig nicht das Erstlingswerk, sondern das Spätwerk dasjenige, was uns beeindruckt.

Blickt man zurück in die Geschichte, zeigt sich, dass wichtige Innovationen nicht das Ergebnis von kostspieligen Anreiz-Programmen und ausgeklügelten Kreativitätsübungen sind. Häufig waren sie die Resultate des Grübelns intelligenter Eigenbrödler, die ihre Ideen mit teils milder, teils heftiger Besessenheit verfolgten und sich dabei meist nur wenig um die Meinung ihrer Zeitgenossen scherten. Die kreative Idee, die urplötzlich über ihren Entdecker hereinbricht und Außenstehenden wie ein göttlicher Geistesblitz erscheinen mag, stellt sich bei näherer Betrachtung oft als das Konzentrat langwieriger Vorarbeiten heraus, ganz im Sinne des Diktums von Thomas Edison: „Genius is one percent inspiration and 99 percent perspiration“.

Leonardo da Vinci, dessen 500. Todestag kürzlich begangen wurde, war eine außergewöhnlich kreative Person. Seine Neugier auf alle möglichen Erscheinungen der Natur – sei es der Vogelflug oder der menschliche Körper – hat ihn zu vielen Erfindungen inspiriert. Funktioniert haben davon zu seinen Lebzeiten nur wenige. Ihm fehlte die Ausdauer, mit der etwa Thomas Edison jahrelang an der Legierung seines Glühfadens für das elektrische Licht gebastelt hat, bis er schließlich ein haltbares Metall fand. Kreative Personen sind sehr unterschiedlich aufgestellt, es gibt kein Erfolgsrezept.

Die Frage, ob Roboter, ob Maschinen mit künstlicher Intelligenz Kreativität zeigen, würde von Vertretern der KI vermutlich bejaht. Tatsächlich malen Roboter Klecksbilder im Stil des amerikanischen Künstlers Jackson Pollock und intelligente Softwareprogramme komponieren Musik im Stil der Beatles. Aber diese Produktionen setzen natürlich das Werk von Künstlern oder Musikern bereits voraus, Einen eigenen Stil oder ein eigenes Genre hat die Künstliche Intelligenz noch nicht hervorgebracht. Es bleibt eine „mechanische“ Kreativität.

Gibt es Schattenseiten der Kreativität? Natürlich gibt es eine „dark side of creativity“, eine dunkle Seite: Überall da nämlich, wo Kreativität mit schlechten Wertvorstellungen zusammenkommt. Die kreative Gestaltung von betrügerischen Unternehmungen, die Kreativität im Erfinden und Verfeinern von Foltermethoden: all das sind Beispiele dafür, dass wir Kreativität nur solange gut finden, wie sie zum Wohl des Einzelnen oder der Gemeinschaft eingesetzt wird. Aber im Grunde ist das kein Problem der Kreativität, sondern eines, das mit den Wertvorstellungen der handelnden Personen zu tun hat.

Wie so oft, haben wir es auch bei der Kreativität mit der Wechselwirkung einer Person und ihrer Umwelt zu tun: Kreative Milieus sind leicht zu spüren, wenn man ihnen begegnet – sie sind jedoch nur schwer zu beschreiben und noch schwerer herzustellen. Allenfalls kann man Gelegenheit zur Kreativität schaffen; dabei hilfreich sind Personen mit milden Formen der Besessenheit, viel Zeit und Muße.

So sehr wir uns alle viele kreative Milieus in kreativ ausgerichteten Organisationen wie zum Beispiel den Universitäten wünschen, am Ende ist es immer nur das Individuum, das mit seinen neuen Ideen die Welt voranbringt. Auch wenn der 2001 erschienene iPod (ein tragbares Gerät zum Musikabspielen) mit dem Firmennamen von Apple verbunden wird: Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung war die Person Steve Jobs, die sich über Zweifler hinwegsetzte.

Kreative Personen brauchen Freiräume und Vertrauen, sodass sie ihre Kreativität entwickeln und Bereitschaft zum Risiko zeigen können. „Kreativität lernen“: Das bedeutet für die kreative Person auch, Mut zur eigenen Kreativität zu zeigen! Für dessen Umwelt bedeutet es, nicht sofort mit Kritik und Zweifel zu kommen, sondern neuen und ungewöhnlichen Ideen eine Chance zu geben.

Die Kreativität ist ein zartes Pflänzchen. Pflegt man es nicht stetig und geduldig, kommt nur ein dürres Gewächs heraus. Ein guter Gärtner hegt seine Pflanzen und liebt sie und weiß doch, dass schöne Blüten nicht zu erzwingen sind. Wenn aber das Klima stimmt, gibt es Grund zur Hoffnung.

(Dieser Beitrag erschien in der Pfingstausgabe der Rhein-Neckar-Zeitung am 8.6.2019)

Vortrag von Sir Philip Campbell

Caspar David Friedrich 1820: Nebelschwaden

In Heidelberg trifft man immer wieder auf interessante Personen. Kürzlich (vor einem Monat, am 8.5.19) hat der langjährige Chefredakteur der angesehenen Zeitschrift “Nature“, Sir Philip Campbell, in der Alten Aula einen Vortrag über „Fakten, Fälschungen, Täuschungen“ gehalten. Sir Philip Campbell (Jahrgang 1941), der heutige Editor-in-Chief der wissenschaftlichen Verlagsgruppe Springer Nature, ist nämlich der erste „Springer Nature Gastprofessor“- eine Gastprofessur für Wissenschaftskommunikation, die  am Marsilius-Kolleg der Universität angesiedelt ist und eine gemeinsame Initiative des Veranstaltungs­forums der Holtzbrinck Publishing Group, der Klaus Tschira Stiftung (KTS) und der Universität Heidel­berg darstellt.

Campbells Vortrag machte deutlich, welche Verantwortung Editoren wissenschaftlicher Journale tragen: Wenn erst einmal Falschmeldungen in der Welt sind, ist es schwer die Dinge wieder zurechtzurücken. Als ein Beispiel dafür nannte er die 1998 in der medizinischen Fachzeitschrift “Lancet” erschienene Abhandlung von Andrew Wakefield und Kollegen (Lancet 1998; 351[9103]: 637–641), in der eine Schutzimpfung vor Masern, Mumps und Röteln (MMR) in Verbindung mit Autismus gebracht wurde  Erst 12 Jahre später (sic!) wurde diese Arbeit zurückgezogen, die auf einer sehr kleinen Stichprobe (nur 12 Kinder wurden untersucht) beruhte, aber viele tausende Eltern in Angst und Schrecken versetzte, ihre Kinder impfen zu lassen. Diese Studie wird auch heute immer noch von Impfgegnern angeführt…

Ein anderes Beispiel für Misinformation betrifft den Klimawandel (der bessere Begriff wäre wohl “Klima-Katastrophe”). Gerade in den USA gibt es viele Klimawandel-Skeptiker, die die wissenschaftliche Evidenz ignorieren und sich auf einige wenige Arbeiten beziehen, in denen Zweifel artikuliert wird. Auf den Webseiten RealClimate.org und ClimateCentral.org, so Campbell, fände sich genug Material von seriöser Forschung, um die Öffentlichkeit angemessen zu informieren. Medienzentren wie z.B. das “Science Media Center Germany” können helfen, Vorurteile abzubauen (siehe dazu den Artikel in Nature Climate Change 2019 von Farell et al.: Evidence-based strategies to combat scientific misinformation).

Um die Qualität von Forschung sicherzustellen, braucht es gute Führungsqualitäten bei den Gruppenleitungen. Sein Rat: das “Klima” in den Forschungseinrichtungen (hier mehr Details) abfragen, Mentoren ausbilden, die “Gesundheit” von Forschungsgruppen sicherstellen (siehe das Nature Special Issue vom Mai 2018: “How to grow a healthy lab“). Vielleicht sollten wir mal verschiedene Forschungsgruppen an unserer Universität anfragen, ob sie zu einer Untersuchung ihres Forschungsklimas bereit wären.

Campbells Quintessenz: Mutter Natur wird uns ihre Geheimnisse enthüllen, wenn wir nur die richtigen Fragen stellen! Eine gehörige Portion Skeptizismus gehört dazu, um nicht auf falsche Antworten hereinzufallen. Wissenschaft soll dem Wohl der Menschen dienen, aber weil Wissenschaftler auch nur Menschen sind, gibt es auch hier ein paar schwarze Schafe, die man auch als solche etikettieren sollte (”fake”). Dass Fehler (”fallacies”) gemacht werden, ist auch in der Wissenschaft typisch - dass man ihn entdecken können muss, ist notwendige Forderung. Daher kommt der Ruf nach “Open Science” und der damit verbundenen Transparenz und Nachvollziehbarkeit, wie sie etwa weltweit von der “Open Science Foundation” propagiert wird.

Alles in allem: ein anregender Vortrag, der Stoff zum Nachdenken bot. Manchmal ist das Stellen guter Fragen wichtiger als das Finden “richtiger” Antworten…

PS: Was es mit dem Bild von Caspar David Friedrich von 1820 “Nebelschwaden” auf sich hat? “Art and science go hand in hand”, sagte Sir Campbell und äußerte sich begeistert über eine Ausstellung des Kurpfälzischen Museums unter dem Titel “Unwirklichkeiten“, wo er dieses Bild gesehen hatte… Und zum Abschied empfahl er den Zuhörenden in der Alten Aula die um 1910 entstandene Komposition von Claude Debussy “Des pas sur la neige” (Footsteps in the snow), hier in der Version von Arturo Benedetti Michelangeli.

10 Jahre Bürgerstiftung

Im Jahr 2009 wurde die Bürgerstiftung Heidelberg auf die Initiative von Albertus L. Bujard hin gegründet (zur Vorgeschichte siehe hier). Worum geht es dabei? Zitat aus der Webseite: “Sie versteht sich als unabhängige zivilgesellschaftliche Vereinigung, ist Förderinstitution und zugleich Plattform für die lebendige Auseinandersetzung mit den Zukunftsfragen der Stadt. Die Bürgerstiftung Heidelberg will Erhaltenswertes bewahren, ohne die Weiterentwicklung zu hemmen. Sie bemüht sich um den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation, zwischen Alten und Jungen, zwischen privaten und öffentlichen Initiativen. Bildung und Integration sind für sie komplementäre Seiten ein und desselben sozialen Engagements.” Bürgerstiftungen charakterisieren ihre Tätigkeit anhand von 10 Merkmale:1. Gemeinnützigkeit, 2. Viele Stifter, 3. Unabhängigkeit, 4. Lokale Arbeit, 5. Vermögen, 6. Vielfalt, 7. Bürgerschaftliches Engagement, 8. Öffentlichkeit, 9. Netzwerke, 10. Transparenz (ausführlicher siehe hier).

Nachfolgend eine kleine Zeittafel bisheriger Aktivitäten der Bürgerstiftung Heidelberg:

  • 2009 Gründung der Bürgerstiftung; Beginn des Projekts Impuls 5 (Schulprojekt zur Förderung von schwächeren Schülern}
  • 2010 erstes öffentliches Bücherregal In Heidelberg in der Altstadt (Projekt Leselust)
  • 2011 Erarbeitung eines Verfahrensvorschlags für die Standortflndung eines Konferenzzentrums; Mitwirkung bei den Leitlinien für Bürgerbeteiligung; Verlegung einer Platte zum Gedenken an die Bücherverbrennung 1933 auf dem Universitätsplatz
  • 2012 Öffentliches Bücherregal auf dem Wilhelmsplatz
  • 2013 Start Practicabay (heute: practise) - online Praktikumsbörse für Schüler
  • 2014 Veranstaltungsreihe Die Kraft der Bürger - Potentiale der Bürgerbeteiligung
  • 2015 Beginn des Projekts Anstiften zur Musik; Bücheregale in Rohrbach und im Patrick-Henry-Village
  • 2016 Start Singen macht Schule an der Geschwister Scholl Schule
  • 2017 Bücherregale Handschuhsheim, Südstadt und Neugasse
  • 2018 Beginn Bürgersingen im Innenhof des Kurpfälzischen Museums; Bücherregal im Interkulturellen Zentrum
  • 2019 Start Die Insel - Begegnungsstätte für Kinder und Ihre Eltern in Trennungssituationen; Verlegung der erneuerten Gedenkplatte zur Mahnung an die Bücherverbrennungen der Nazis 1933 auf dem Universitätsplatz (siehe meinen früheren Blog-Beitrag)
  • …. und viele, viele weitere Förderungen Heidelberger Initiativen und Projekte!

Am 21.5.19 hat die Stiftung zu ihrem 10jährigen Jubiläum in die Alte Aula der Universität Heidelberg eingeladen. Als Festredner war der Niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer eingeladen, den man von seinen Stellungnahmen in Rundfunk und Fernsehen kennt. Was ich nicht wusste: Christian Pfeiffer ist wohl derjenige, der den Gedanken von Bürgerstiftungen aus den USA in die BRD mitgebracht hat. Im Jahr 1997 hat er eine der ersten deutschen Bürgerstiftungen in Hannover gegründet und war seither Pate für über 100 weitere Bürgerstiftungen in der BRD, darunter auch in Heidelberg.

Sein engagierter und spannender Festvortrag zum Thema “Was wirkt - Bürgerstiftungen als Kraftquellen des Zusammenlebens in der Stadt” (Stichworte: “funding is fun”; die ältere Generation hat was zu vererben; man muss Vertrauen gewinnen) machte die Kraft der Bürger deutlich und ermunterte zu weiterem Engagement. Er warb zudem für sein demnächst erscheinendes Buch “Gegen die Gewalt“, das sich mit den positiven Auswirkungen des Gemeinsinns beschäftigt. Beim anschließenden Empfang in der “Bel Etage” des Rektorats waren viele begeisterte Stimmen zu hören, auch neue Stifter und Spender gaben sich zu erkennen! Das war ein großer Erfolg! Ich freue mich, bei der Bürgerstiftung im Stiftungsrat mitwirken zu dürfen!

HCE Stellungnahme zu den Forderungen der Heidelberger Fridays for Future-Bewegung

Das Heidelberg Center for the Environment (HCE, www.hce.uni-heidelberg.de) ist ein Zentrum der Universität Heidelberg, die die in Heidelberg vertretenen umweltbezogenen Wissenschaften miteinander vernetzen und dadurch zu umfassenden Lösungen aktueller Umweltprobleme beitragen soll. Es besteht derzeit aus 13 institutionellen und 74 persönlichen Mitgliedern aus 10 von 12 Fakultäten der Universität. Bereits heute forschen die Mitglieder des HCE disziplinär und interdisziplinär daran, wie die Klimaschutzziele erreicht werden können, und das HCE wird diese Aktivitäten zukünftig noch verstärken. Mehr als zwanzig seiner Mitglieder haben sich bereits den Stellungnahmen von „Scientists4Future“ angeschlossen (https://www.scientists4future.org/stellungnahme/) und unterstreichen damit die Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung. Das Direktorium, die Geschäftsstelle und die unterzeichnenden Mitglieder HCE stellen sich mit Überzeugung hinter die Forderungen der Fridays for Future-Bewegung. Die Stadt Heidelberg ist hier in einer herausgehobenen Position, denn sie hat sich in ihrem politischen Programm in besonderer Weise dem Umwelt- und Klimaschutz verschrieben. Dies wird nicht nur im “Masterplan 100% Klimaschutz” deutlich, den sich die Stadt selbst gegeben hat, sondern beispielsweise auch an ihrem Engagement im C40-Netzwerk (https://www.c40.org/) oder bei energy cities (http://www.energy-cities.eu/).

In der Tat geht aus dem letzten, nun bereits fünf Jahre zurückliegenden Bericht des Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH (ifeu) hervor, dass die bislang angedachten Maßnahmen nicht ausreichen werden, die selbstgesteckten Klimaziele der Stadt und das im Pariser Klimaabkommen beschlossene 1,5°-Ziel zu erreichen. Dies ist nicht nur mit der Verantwortung für die Lebensgrundlagen kommender Generationen unvereinbar, sondern kann angesichts der Vorbildrolle Heidelbergs als ebenso engagierter wie wohlhabender Standort leicht zu negativen “Nachahmereffekten” bei Kommunen führen, deren politischer Wille zum Klimahandeln weniger ausgeprägt und/oder deren wirtschaftliche Basis weniger günstig ist.

Die von Fridays for Future Heidelberg geforderten Veränderungen setzen in weiten Teilen Konzepte fort, die die Stadt Heidelberg bereits etabliert hat. Es handelt sich zweifellos um Schritte in die richtige Richtung. In welchem Umfang sie zum Ziel des “Masterplan 100% Klimaschutz” beitragen, wird das ifeu in seiner nächsten Evaluation zu bewerten haben. Auch wird wissenschaftlich und zivilgesellschaftlich zu diskutieren sein, ob es ausreicht, die angestrebte Netto-Reduktion der CO2-Emission bis 2050 zu realisieren, oder ob sie nicht – wie von Fridays for Future Deutschland gefordert – bereits 2035 realisiert werden muss.

HCE-Direktorium:

- Prof. Dr. Thomas Meier (Direktor)
- Prof. Dr. Marcus Koch (stellv. Direktor)

HCE-Geschäftsstelle
- Dr. Sanam Vardag (Geschäftsführerin)

Mitglieder des HCE (alphabetisch)
- Dr. Nicole Aeschbach
- Prof. Dr. Werner Aeschbach
- Prof. Dr. Thomas Braunbeck
- Prof. Dr. Olaf Bubenzer
- Prof. Dr. André Butz
- Prof. Dr. Norbert Frank
- Prof. Dr. Joachim Funke
- Prof. Dr. Sabine Gabrysch
- Prof. Dr. Ulrike Gerhard
- Prof. Dr. Annette Hornbacher
- Prof. Dr. Margot Isenbeck-Schröter
- Prof. Dr. Albrecht Jahn
- PD Dr. Thomas Jänisch
- Prof. Dr. Frank Keppler
- PD Dr. Thomas Kirchhoff
- Dr. Sven Lautenbach
- Dr. Helmut Lehn
- PD Dr. Alexandra Michel
- PD Dr. Daniel Münster
- Prof. Dr. Marcus Nüsser
- Prof. Dr. Klaus Pfeilsticker
- Prof. Dr. Ulrich Platt
- Prof. Dr. Mario Schmidt
- Prof. Dr. Alexander Siegmund
- Prof. Dr. Jale Tosun
- Dr. Carsten Wergin
- Prof. Dr. Alexander Zipf

(Stand: 10.5.19, 21:00)

Persönliche Nachbemerkung:

Die Stellungnahme ist auf Bitten von “Fridays for Future Heidelberg” (F4F-HD) entstanden, die zunächst an das Institut für Umweltphysik (IUP) geschrieben haben: “Wir bitten Sie, die Forderungen [von F4F, J.F.] genau durchzulesen und eine Stellungnahme dazu abzugeben, um Verantwortung als WissenschaftlerInnen zu übernehmen und somit weiterhin Druck auf die Politik auszuüben.”  Diese Anfrage wurde von einem IUP-Mitglied an das HCE weitergeleitet. Der HCE-Direktor hat daraufhin den Entwurf einer Stellungnahme an alle Mitglieder versandt mit erläuternden Hinweisen derart, dass sich das HCE im Einklang mit dem Zukunftskonzept des HCE wie auch mit der Exzellenzstrategie der Universität, die beide eine deutliche Steigerung des gesellschaftlichen Engagements einfordern, mit einer engagierten Stellungnahme einbringen sollte.

In kurzer Zeit (24 Stunden) ist eine lebendige Diskussion darüber entstanden, inwiefern wir Wissenschaftler uns hinter die Forderungen der F4F stellen sollten und dürfen, ob wir uns nicht besser um noch exzellentere Forschung bemühen sollten, ob einzelne Formulierungen nicht doch zu stark ideologisch geprägt seien, usw. Toll! So einen Austausch habe ich schon lange nicht mehr erlebt!

Die Debatte zeigt deutlich: Die Sphäre “Wissenschaft” und die Sphäre “Politik” sind nicht einfach zusammenzuführen in der Stadt von Max Weber, der vor über 100 Jahren (z.B. in seiner Schrift “Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis” von 1904) die klare Trennung von Werturteilen und Sachaussagen gefordert hatte (siehe den Wikipedia-Eintrag) - eine Position, die spätestens durch das Jürgen Habermas’sche Konzept eines wissenschaftlichen “Erkentnisinteresses” in Frage gestellt wird (auch er übrigens ein Heidelberger Abkömmling - von Hans-Georg Gadamer).

Der Direktor des HCE hat im konkreten Fall auf ihren Entwurf hin vier Arten von Reaktionen bekommen: (a) grundsätzliche Zustimmung; (b) bedingte Zustimmung mit konkreten (abschwächenden) Änderungswünschen; (c) Zustimmung mit (erweiternden) Änderungswünschen in Hinblick auf Überlegungen, was die Uni selber zur CO2-Reduktion beitragen kann; (d) grundsätzliche Ablehnung. Die volle Palette an Antwortmustern also, ein echtes Dilemma! Aber bei sovielen Beteiligten vielleicht kein Wunder? Umso besser, dass ein Kompromiss gefunden werden konnte.

Der Wissenschaftsrat hat vor einigen Jahren angemerkt, dass sich die (vom Steuerzahler alimentierte) Wissenschaft auch um die “Großen Gesellschaftlichen Herausforderungen” (siehe meinen damaligen Blog-Beitrag) kümmern solle - das tun wir damit erkennbar und mischen uns ein, indem wir Fakten und Informationen liefern und sie zudem aus fachicher Perspektive einordnen und bewerten helfen.

Besseres Verständnis des Klimawandels

Eines der drängenden Probleme unserer Zeit ist der Klimawandel. Zu diesem Thema gab es lange Zeit ernüchternde Botschaften aus den USA, wo Forschungen von John Sterman (MIT) zu zeigen meinten, dass selbst gut ausgebildete MIT-Studierende nicht in der Lage wären, die komplizierten Verhältnisse von CO2-Zuwachsraten und CO2-Abbauraten zu verstehen (siehe z.B. den Artikel von Cronin, M. A., Gonzalez, C., & Sterman, J. D. (2009). Why don’t well-educated adults understand accumulation? A challenge to researchers, educators, and citizens. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 108(1), 116–130. doi:10.1016/j.obhdp.2008.03.003). Fast eine Erleichterung für einen selbst, wenn schon hochqualifizierte Personen keinen Durchblick haben, oder?

(anklicken zum Laden)

Doch schon im Jahr 2015 erschien ein Artikel von Helen Fischer, Christina Degen und mir (siehe hier: Fischer, H., Degen, C., & Funke, J. (2015). Improving stock-flow reasoning with verbal formats. Simulation & Gaming. doi:10.1177/1046878114565058 - Siehe auch: Fischer, H., & Gonzalez, C. (2015). Making sense of dynamic systems: How our understanding of stocks and flows depends on a global perspective. Cognitive Science. doi:10.1111/cogs.12239), der Zweifel an dieser Darstellung nährte (siehe auch meinen damaligen Blog-Beitrag).

Nun ist das Thema noch viel grundsätzlicher aufgerollt worden. Kurt Stocker (Universität Zürich) und ich haben einen neuen Beitrag zu diesem Thema geleistet. In dem kürzlich erschienenen Artikel mit dem Titel “How we conceptualize climate change: Revealing the force-dynamic structure underlying stock-flow reasoning” schildern wir eine allgemeine Schreibweise (eine “Syntax”) für alle möglichen “Flüsse” (Stock-Flow = Zu- und Abflüsse, wie sie z.B. erfolgen auf Konten durch Ein- und Auszahlungen, in Badewannen durch Zu- und Abflüsse, beim Körpergewicht durch Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch). Viele Systeme in der Natur werden im Gleichgewicht gehalten durch entsprechende Zu- und Abflüsse. Wenn die Balance zwischen In-Flow und Out-Flow gestört ist, geraten Systeme ausser Kontrolle (beim Konto: Insolvenz; beim Körpergewicht: Über- oder Untergewicht; bei Badewannen: entweder Überschwemmung oder vorschnelle Leerung; beim Klima: Abkühlung oder Erwärmung).

Das grundlegende Beschreibungssystem der elementaren Kraft-Dynamik, das wir verwenden, ist die von Kurt Stocker weiterentwickelte Theorie des amerikanischen Linguisten Leonard Talmy über Ursache-Wirkungs-Begrifflichkeiten (siehe hier: Stocker, K. (2014). The elements of cause and effect. International Journal of Cognitive Linguistics, 5(2), 121–145). Linguisten sind sehr gründlich und schauen sehr genau hin, weil winzige Kleinigkeiten in der Sprache große Unterschiede ausmachen können - Linguisten sind Spezialisten für das Verstehen. Das ist das Thema unserer Arbeit.

Die zentralen Bausteine für das Verständnis solcher Flüsse, wie sie gerade beispielhaft benannt wurden, lassen sich in Kurzform an einer Abbildung zum CO2-Gehalt der Atmosphäre beschreiben (im Artikel sind wir etwas genauer…). Diese Abbildung sieht wie folgt aus (Anklicken zum Vergrößern):

Sie zeigt symbolisch die Atmosphäre mit einem gestrichelt eingezeichneten CO2-Level, der durch CO2-IN erhöht werden kann (z.B.  durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe) und durch CO2-OUT erniedrigt wird (Absorption durch Wälder und Ozeane). Wenn mehr IN als OUT, erhöht sich der Level; wenn mehr OUT als IN, sinkt er; ansonsten bleibt er konstant. Diese einfache Logik ist von jeder Person leicht zu verstehen - man braucht dafür kein Studium.

Was aber wichtig ist: Nur wenn alle Elemente dieses Systems angesprochen und gezeigt werden, ist ein Verständnis solcher Flußdynamiken möglich. In unserem Artikel machen wir deutlich, warum die Teilnehmenden an den Sterman-Experimenten den Klimawandel nicht verstanden hatten: Ihnen wurden wichtige Teile des Systems vorenthalten! Kein Wunder, dass sie es nicht verstanden haben! Somit hat das erstaunliche Ergebnis weniger mit ihrem mangelnden Verständnis des Klimawandels zu tun als vielmehr damit, dass die Experimentatoren unvollständig informiert hatten…

Menschen können also die Prozesse des Klimawandels verstehen - das ist die gute Botschaft! Es bleibt umso mehr die schlechte Botschaft: sie handeln nicht gemäß ihres Wissens! Nachhaltigsdenken ist eben schwer (siehe meine früheren Blog-Beitrag). Aber das ist eine andere Baustelle.

Hier die Zusammenfassung unseres Beitrags:

How people understand the fundamental dynamics of stock and flow (SF) is an important basic theoretical question with many practical applications. Such dynamics can be found, for example, in monitoring one’s own private bank account (income versus expenditures), the state of a birthday party (guests coming versus leaving), or in the context of climate change (CO2 emissions versus absorptions). Understanding these dynamics helps in managing everyday life and in controlling behavior in an appropriate way (e.g., stop expenditures when the balance of a bank account approaches zero) In this paper, we present a universal frame for understanding stock-flow reasoning in terms of the theory of force dynamics. This deep-level analysis is then applied to two different presentation formats of SF tasks in the context of climate change. We can explain why in a coordinate-graphic presentation misunderstandings occur (so called “SF failure”), whereas in a verbal presentation a better understanding is found. We end up with recommendations for presentation formats that we predict will help people to better understand SF dynamics. Better public SF understanding might in turn also enhance corresponding public action – such as enancing pro-environmental actions in relation to climate change.

Und hier die Quellenangabe (open access, d.h. ohne Bezahl-Schranke zugänglich):

Stocker, K, & Funke, J. (2019). How we conceptualize climate change: Revealing the force-dynamic structure underlying stock-flow reasoning. Journal of Dynamic Decision Making, 5, 1. doi: 10.11588/jddm.2019.1.51357

Lob des Grundgesetzes

Am 8. Mai 1949 ist vom Parlamentarischen Rat in Bonn das Grundgesetz (GG) beschlossen worden. Das ist ein Text, gegenüber dem ich als Beamter schon kraft meines Dienstvertrags zu Loyalität verpflichtet bin, aber diese Pflicht ist mir wirklich eine echte Freude! Ich finde, wir haben ein tolles Grundgesetz - und zwar nicht nur den Buchstaben und Artikel wegen, sondern weil es gelebt wird! Wir haben mit dem Bundesverfassungsgericht sogar ein eigenes Organ, das die Einhaltung dieses GG sicherstellen soll, und einen Verfassungsschutz, der Gegner und Gefährder dieses GG aufspüren soll. “Es setzt sich aus einer Präambel, den Grundrechten und einem organisatorischen Teil zusammen. Im Grundgesetz sind die wesentlichen staatlichen System- und Werteentscheidungen festgelegt. Es steht im Rang über allen anderen deutschen Rechtsnormen.” (Quelle: https://www.bundestag.de/grundgesetz).

Vor 10 Jahren habe ich anläßlich des damals 60. Geburtstags unseres GG einen Blogbeitrag über “Psychologie im Grundgesetz” geschrieben, der sich mit den ersten 19 Artikeln des GG und den darin enthaltenen Grundrechten aus einer psychologischen Perspektive heraus befasst. Psychologie im Grundgesetz? Wie kann das sein? Schauen Sie selbst: Ich habe meinen damaligen Beitrag mit Vergnügen wiedergelesen: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2009/05/24/pssychologie-im-grundgesetz/

Ich wünsche unserem GG, das gut 4 Jahre älter ist als ich, einen schönen Geburtstag und viele Jahrzehnte weiteren Bestand!

Fakultätentag Psychologie

Am Freitag 3.5.2019 tagte in Frankfurt der Fakultätentag Psychologie (FTPs). Ich nahm zusammen mit dem Geschäftsführenden Direktor unseres Instituts, Andreas Voß, und dem Dekan unserer Fakultät, Dirk Hagemann, an dieser Großveranstaltung teil, zu der Vertreterinnen und Vertreter aller deutschsprachigen Psychologischen Institute geladen waren. Neben 67 Delegierten nahmen auch 57 Gäste als zusätzliche Institutsvertreter teil. Auch die Studierenden waren durch zwei Personen aus der PsyFaKo (= Psychologie Fachschaften Konferenz) vertreten. Der FTPs ist eine Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), die durch ihre Präsidentin Birgit Spinath repräsentiert war. In dieser Fachgruppe sind alle deutschen Psychologie-Institute (derzeit N=55) vertreten.

Was ist der Fakultätentag Psychologie? Er wurde 2015 als Interessenvertretung der wissenschaftlichen Psychologie an den deutschen Universitäten gegründet; Ziele und Aufgaben des FTPs sind hier beschrieben. Es ist ein Weg zum Zusammenhalt unseres Faches in schwierigen Zeiten, in denen Kritiker wie z.B. Wolfgang Schönpflug (hier sein FAZ-Beitrag) durchaus schon eine Spaltung befürchten. Der Fakultätentag erweist sich daher als wichtiges Kommunikations- und Diskussionsforum, um ein einheitliches Vorgehen möglich zu machen. So z.B. im Kontext der jetzt nötigen Verhandlungen mit den Landesministerien, um die zusätzlichen Kosten, die durch das Direktstudium entstehen, in möglichst einheitlicher Weise einzufordern. Der FTPs wird auch als Ansprechpartner für die Politik genutzt werden, da er alle BRD-Institute vertritt - das ist ein starkes Gremium!

Tatsächlich stand das Thema “Novellierung des Psychotherapeuten-Gesetzes (PsychThG)” im Mittelpunkt der Versammlung. Winfried Rief brachte die Geschichte der Reform nochmals in Erinnerung und gab Details der Verhandlungen bekannt, zusammen mit Einschätzungen der durchaus komplexen Lage. Birgit Spinath berichtete von einer Umfrage unter den Instituten, die die bundesweiten Planungen transparent werden ließen. Deutlich wurde der enorme Zeitdruck, unter dem der Transformationsprozess geschieht: am 9.5.19 ist die erste Lesung des Gesetzesentwurfs im Bundestag, am 27.6. die zweite und dritte Lesung, am 26.9. dann Bundesrat-Entscheidung. im 4. Quartal 2019 wird mit dem Erlass einer neuen Approbationsordnung durch das BMG gerechnet, die ein Inkraft-Treten zum Herbst 2020 vorsehen wird. Das bedeutet: ab WS 2020 *muss* der MSc Psychologie umgestellt werden, es *kann* auch schon der zukünftig “polyvalente” BSc-Studiengang angepasst werden.

Angesichts der notwendigen Änderungen von Zulassungs-, Prüfungs- und Studienordnungen muss der Gang durch die universitären Gremien (Fakultät, Senat) bereits im Oktober 2019 starten, wenn man rechtzeitig zum WS 2020 beginnen möchte (und dafür sprechen sehr viele gute Gründe!). Um nur ein damit verbundenes Problem zu benennen: Die Personalausstattung an den Instituten, die ein Approbationsstudium anbieten, muss wachsen - aber dazu sind zunächst Verhandlungen mit Rektoraten und Ministerien zu führen.

Noch ein Thema des Fakultätentags: Nach 4jähriger Tätigkeit gab der Vorsitzende des FTPs, Markus Bühner, aufgrund von Wahlen durch die Delegierten sein Amt ab an Conny Antoni, der nun die Aufgaben übernehmen wird. Großer Dank an den scheidenden und viel Erfolg für den startenden Vorsitzenden!

Skandale

Kaum habe ich in diesem Blog mal für gut 14 Tage geschwiegen, wird schon angefragt, ob mir die Tinte in der Feder ruhestandsbedingt schneller trocknet als zuvor. Das will ich nicht ausschließen, aber mein eigener Eindruck ist, dass ich momentan sogar mehr schreibe als zuvor (es sind verschiedene Buchprojekte in der Pipeline, Geduld!). Lediglich eine Kategorie taucht derzeit in meinem (noch immer vollen) Terminkalender nicht mehr auf: Lehre! Ich fühle mich z.Zt. noch wie in einem Forschungssemester, nicht im wöchentlichen Hamsterrad der Veranstaltungstermine, sondern mit freierer Zeiteinteilung (und damit der Möglichkeit zu größerer Konzentration).

Warum die Überschrift “Skandale”? Nun, ich nehme gerade um mich herum eine ganze Reihe von Vorfällen wahr, die diesen Titel verdienen könnten. Drei davon will ich kurz benennen.

Nummer 1: Vorwürfe gegenüber dem Dresdner Kollegen aus der Klinischen Psychologie, Hans-Ulrich Wittchen, er habe Daten einer Studie über die Personalausstattung in Psychiatrien manipuliert (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 18.4.2019).

Nummer 2: Vorwürfe gegenüber dem Tübinger Kollegen aus der Biopsychologie, Niels Birbaumer, er habe die Kritik an einer spektakulären Studie zu unterdrücken versucht (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 17.4.2019). Nachtrag 11.6.19: Die DFG-Ethik-Kommission hat die Retraction des kritisierten Papers in PloS Biology und die Untersuchung weiterer Arbeiten des Autors in Hinblick auf mögliches Fehlverhalten angeordnet. Mehr (und Grundsätzlicheres) siehe hier. Der Betroffene hat sich zur Wehr gesetzt und die Kommission kritisiert.

Nummer 3: Vorwürfe gegenüber dem Heidelberger Kollegen aus der Gynäkologie an der Medizinischen Fakultät, Christoph Sohn, er habe vorschnell eine “Weltsensation” ankündigen lassen (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 18.4.2019 und ein Beitrag aus “Bild” und “Bunte“). Siehe auch den Beitrag auf DocCheck vom 24.5.19 oder im Blog “Heidelberger Windungen” von Jan-Martin Wiarda vom 27.5.19

In allen drei Fällen gilt es natürlich erst einmal abzuwarten, was die jeweiligen Untersuchungskommissionen als Ergebnis liefern. Aber es muss ein hinreichender Anfangsverdacht bestanden haben, wenn es überhaupt zu derartigen Ermittlungen kommt. Was mich daran beunruhigt, ist das negative Image, das von den Einzelfällen auf das betroffene Fach (auf die Psychologie) bzw. auf die betroffene Institution (Uniklinikum Heidelberg) abfärbt: “Die” Psychologen oder “die” Uniklinik Heidelberg sind verdächtig. Aber: Es sind zunächst Einzelfälle, von denen man nicht generalisieren kann.

Allerdings ist der Umgang mit derartigen Vorwürfen ein Indikator dafür, wie ernst bestehende ethische, moralische oder wissenschaftliche Standards genommen werden (oder auch nicht). Will man wirklich Licht in das Dunkel der Vorwürfe bringen oder geht es darum, möglichst geschickt aus der Affäre herauszukommen und die inkriminierten Vorgänge “unter der Decke” zu halten? Letzteres gelingt meistens doch nicht und verschlimmert die Sachverhalte nur noch.

Ich bin gespannt, wie diese Fälle ausgehen - noch tobt der Sturm der medialen Aufmerksamkeit und macht eine klare Beurteilung der Fälle nicht einfach. Mit ein bisschen Abstand wird dies sicher leichter fallen. Von daher sind Forderungen nach personellen Konsequenzen, wie sie etwa jüngst in Fall 3 gefordert wurden  (”Rücktritt des Klinikvorstands”), vielleicht etwas voreilig und lösen das Problem nicht substantiell.

Sind diese Vorfälle symptomatisch für unsere derzeige Wissenschaftswelt? Natürlich wollen wir Wissenschaftler gehört werden und brauchen daher Aufmerksamkeit, die zu einer raren Größe geworden ist. Wir brauchen Gelder, um die schlecht finanzierte Situation an öffentlichen Universitäten zu verbessern. Dass es im Kreis der Wissenschaft “menschelt” und viele menschliche Schwächen (wie z.B. Gier, Narzissmus, Arroganz, Machtstreben) auch dort vorkommen, sollte uns nicht verwundern. Die Kernmerkmale guter Wissenschaftler sind das allerdings nicht! Wir brauchen nicht mehr Geld für Pressestellen, sondern mehr Geld für gute Forschung!

Dienstende Funke?!

Mit Ablauf des 31.3.2019 ist mein aktiver Dienst an dieser Universität zu Ende (der “Funkexit” tritt ein) und ich trete in den Ruhestand ein. Ein merkwürdiges Gefühl!

Seit meiner Berufung zum 1.4.1997 auf den “Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Psychologie” (Nachfolge von Norbert Groeben) sitze ich seit 22 Jahren in meinem Büro A028 und arbeite an verschiedenen Projekten. Eine Zwischenbilanz nach 20 Jahren meiner Aktivitäten habe ich im April 2017 gezogen, das will ich hier nicht wiederholen. Was ich allerdings nach 44 Semestern Lehre an der Uni Heidelberg (unterbrochen durch vier Forschungssemester sowie ein Marsilius-Semester) sagen kann: ich freue mich darauf, nun intensiver an vorliegenden Buch- und anderen Publikationsprojekten weiterzuarbeiten - das macht viel Freude! Auch Qualifikationsarbeiten kann ich mich verstärkt widmen, “alte” Datensätze harren der Re-Analyse. Außerdem habe ich gerade noch ein Drittmittelprojekt über Technik für Ältere einwerben können (Geldgeber ist die Carl-Zeiss-Stiftung; Principal Investigator ist Katja Mombaur).

Natürlich ist es nicht wirklich vorbei - dankenswerterweise hat meine Fakultät für mich eine dreijährige Seniorprofessur beantragt, die am 1.4.2019 beginnen soll. Es handelt sich um einen Ehrentitel, der mir keinerlei finanziellen Vorteile einbringt, aber mich mein Büro im Hintergebäude des Instituts länger nutzen läßt (Danke dafür, liebe Kolleginnen und Kollegen im Institut und in der Fakultät!). Im Gegenzug führe ich verschiedene Ehrenämter weiter und werde mit großer Freude jährlich im Wintersemester die Vorlesung “Einführung in die Erkenntnistheorie” abhalten.

Es ist ein “sanfter” Übergang in den Ruhestand, das gefällt mir! Dienstende: ja und nein! Ein wenig wie bei den Briten: Funkexit findet noch nicht wirklich statt…

Abschied als Senator

Im Oktober 2010 bin ich als einer von acht professoralen Wahlsenatoren auf der der Liste “Initiative/Semper Apertus” (hier der Wahlaufruf von 2014) Mitglied unseres Akademischen Senats geworden (nachdem ich schon einmal von 2002 bis 2003 eine halbe Amtszeit absolviert hatte). Die erste Senatssitzung trug die laufende Nummer #387 (gezählt wohl seit der Wiedereröffnung unserer Universität nach dem 2. Weltkrieg 1946) und fand am 9.11.2010 statt. Mit der Senatssitzung #456 vom 26.3.2019 endet nun meine Senatoren-Tätigkeit und damit auch mein Amt des Senatssprechers, da ich mit Ablauf des Monats März aus dem aktiven Dienst dieser Universität ausscheide. Als ich im November 2010 die Wahl zum Senatssprecher annahm, konnte ich nicht wissen, dass es gleich zwei Amtszeiten werden würden (und die zweite nochmal um ein halbes Jahr verlängert wurde, da eine Änderung im LHG eine Neuausrichtung und damit Neuwahl des Senats zum 1.10.2019 erforderlich macht, weswegen die Amtszeit der professoralen Senatsmitglieder kurzerhand um ein Jahr verlängert wurde). Meiner Nachfolgerin im Amt, der Juristin Ute Mager, wünsche ich eine gute Zeit und viel Erfolg!

In den 17 Semestern meiner Senatstätigkeit habe ich an rund 70 Senatssitzungen teilgenommen (lediglich an der Sitzung im Februar 2019 konnte ich wegen meines Radunfalls nicht teilnehmen). Wenn man davon ausgeht, dass für eine normale Senatssitzung etwa 1000 Seiten Vorlagen zu bearbeiten sind (wir hatten zahlreiche Sitzungen mit annähernd 2000 Seiten Text, die letzte jetzt im März gar mit 2500 Seiten…), habe ich mich durch schätzungsweise (mindestens) 70.000 Blatt Papier durchgearbeitet (nicht alles habe ich gründlich gelesen, manches nur überflogen) und dabei so manches entdeckt…

Als Wahlsenator habe ich den Eindruck gehabt, mit meinen Äußerungen und Voten etwas bewirken zu können: Wir haben z.B. die Kriterien für die Vergabe von außerplanmäßigen Professuren diskutiert und verbessert; wir haben in Berufungsverfahren noch strengere Kriterien für unabhängige Gutachten und für die Zusammensetzung der Kommissionen festgelegt; wir haben das Rektorat im Zuge der Exzellenzinitiative unterstützt; wir geben dem Rektor Unterstützung bei seinen Verhandlungen im Stuttgarter Ministerium; auch die Kurskorrektur von einer unternehmerisch ausgerichteten Universität (wie sie unter dem damaligen Universitätsrats-Vorsitzenden Peter Bettermann betrieben wurde) zur akademischen Kultur der Volluniversität hat sich in meinen Augen gelohnt.

Seit Herbst 2010 hatte ich also die Ehre, gelegentlich das Vergnügen, manchmal die Last, als einer von zwei Sprechern unseres Akademischen Senats zu agieren, neben den Medizin-Dekanen Claus Bartram (2010-2014), Wolfgang Herzog (2014-2018) und jetzt Andreas Draguhn. Über die vielen Sitzungen hinweg habe ich das Geschehen begleitet und gelegentlich kommentiert, daneben habe ich an vielen kleineren Kommissions- und Gremiensitzungen teilgenommen und war an Findungskommissionen (2x Kanzler, 2x Rektor, mehrfach Universitätsräte) beteiligt.

Was mir wichtig war, läßt sich mit dem Begriff der Bestenauswahl beschreiben. Der Senat hat neben vielerlei organisatorischen Fragen vor allem die Qualität der zu berufenden Personen sicherzustellen. Dafür haben wir in Berufungskommissionen eigens das Amt des Senatsberichterstatters, der unser „Spion” während des Verfahrens ist und Auffälligkeiten berichten soll. Doch ebenso wichtig sind die von den Dekanen vorgelegten Dokumente, in denen manchmal zwischen den Zeilen interessante Verfahrensdetails zu finden waren und die zu Rückfragen und dann zu entsprechenden Klärungen führten. Ich denke, in den letzten Jahren hat unser Senat hier eine gute Figur gemacht - die Zukunft wird es zeigen, wie gut unsere Selbstergänzung auf allen Ebenen funktioniert hat. Dass wir uns in Bezug auf die Chancengleichheit von Männern und Frauen noch steigern können, steht ausser Frage.

Was ich gelegentlich bedauert habe: Wie wenig Zeit wir uns für echte Diskussionen genommen haben! Angesichts der vielen 1000 Seiten Dokumente und der mehr als 20 Tagesordnungspunkten (jeweils pro Sitzung) waren wir natürlich dankbar für eine straffe Sitzungsführung, andererseits unterblieb dadurch manches Mal auch eine Nachfrage oder ein Einwand, weil man den richtigen Zeitpunkt verpasst hatte… Dennoch hat es gelegentlich lebhafte Debatten gegeben - Sternstunden langer Sitzungsnachmittage!

Was ich im letzten Jahr schade fand, war eine schleichende Verschlechterung der Atmosphäre - ich will nicht in den Wunden wühlen, die uns ein wenig in Richtung eines Freund/Feind-Denkens gelenkt haben und uns damit haben übersehen lassen, das jeder an seinem Platz zum Wohl der Alma Mater zu handeln gedachte. Das Trennende hat uns das Gemeinsame ein Stück verlieren lassen - ich wünsche dem zukünftigen Senat hier wieder eine bessere Grundstimmung! Der respektvolle Umgang miteinander sollte selbst bei Streitigkeiten in der Sache selbstverständlich sein!

Ich werde zukünftig die monatlichen Dienstags-Nachmittage freier gestalten können  - ich bin allerdings ziemlich sicher, es wird mir etwas fehlen! Mal sehen, wie lange…