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Philosophie und Psychologie: Der Fipsi-Podcast

Seit dem Frühjahr 2021 existiert ein neuer Podcast mit dem schönen Titel “Fipsi“, ein Acronym für die Verbindung von Philosophie und Psychologie. Die “Arbeitsgemeinschaft Philosophie & Psychologie“, die im September 2018 an der Uni Erlangen-Nürnberg gegründet wurde, am Rande einer von der Thyssen-Stiftung geförderten Tagung „Die historische Entwicklung des Verhältnisses von Philosophie und Psychologie“ (Hans Werbik hatte Alexander Wendt und mich dazu eingeladen), hat folgendes Selbstverständnis:

“Mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Philosophie & Psychologie verbindet sich unser Wunsch, Wissenschaftler*innen aus allen Bereichen sowie Personen anzusprechen, die sich für das Forschungsgebiet Philosophie & Psychologie interessieren. Unter Philosophie & Psychologie verstehen wir ein Wissensgebiet, das erkenntnistheoretisch und historisch unterschiedliche Themen umfasst, wie z. B. das Verhältnis zwischen Physischem und Psychischem (Leib-Seele-Problem und Bewusstsein) oder die psychologischen und philosophischen Quellen von Ästhetik und Moral. Dabei kann die kontroverse Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Forschungsrichtungen den Horizont der empirischen Wissenschaften für theoretische Innovationen eröffnen. Dieses interdisziplinäre Forschungsgebiet ist im deutschen Sprachraum derzeit nicht organisiert.”

Der Podcast “Fipsi” ist ein Element unter mehreren, das den interdisziplinären Dialog zwischen beiden Disziplinen befeuern soll. Ein anderes Element ist die studentische Initiative “Grundsatz.Frage.Antwort“, die bereits mehrere Podiumsdiskussionen zu spannenden Themen im Grenzbereich Psychologie/Philosophie veranstaltet hat. Ein digitaler “Stammtisch” gehört ebenfalls zum Angebot dazu.

Der Podcast wird von Hannes Wendler (Universität Heidelberg) und Alexander Wendt (Heidelberg/Verona) betrieben. Auf der Webseite heisst es über die beiden jungen Protagonisten Wendler und Wendt: “Sie wollen miteinander, aber auch mit Gästen ins Gespräch über das Themenspektrum von Philosophie und Psychologie ins Gespräch kommen. Die Folgen haben eine Länge von ca. 60 Minuten und werden wöchentlich montags ausgestrahlt.”

Die “AG Philosophie und Psychologie” betreibt einen Discord Server, mit dem eine Plattform zum Austauschen, Diskutieren und zum Ankündigen von Events geboten wird. Wer mehr wissen möchte oder Kontakt sucht, besuche die Webseite https://www.phi-psy.de/ oder den Telegram-Kanal https://t.me/PhiundPsy

Hier die Liste der bisherigen Podcast-Themen (Stand: 20.09.2021; alle Podcasts sind auf YouTube zu finden, hier geht es zur Playlist):

  1. Warum Philosophie und Psychologie?
  2. Denkt die Psychologie?
  3. Die Introspektionsfrage
  4. Zur Philosophie und Psychologie der Intersubjektivität - Gast: Andrea Lailach-Hennrich
  5. Die Stellung der Phänomenologie in der Psychologie
  6. Ethik und Verantwortung an der Universität, in der Wissenschaft und Gesellschaft - Gast: Joachim Funke
  7. Was ist die Psyche?
  8. Das Verhältnis der Einzelseele zum Gesamtbewusstsein - Gast: Lars Allolio-Näcke
  9. Die Apologie des Hasses
  10. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für die Psychologie
  11. Wie viel Wissenschaftstheorie braucht die Psychologie?
  12. #NICHTNURONLINE oder “Was macht eigentlich Sokrates im Lockdown?” - Gast: Johannes Hofmann
  13. Kreativität zwischen Zerstörung und Schöpfung - Gast: Rainer M. Holm-Hadulla
  14. Ist der Mensch ein Tier?
  15. Philosophische Anthropologie
  16. Messung und Theoriebildung - Gast: Ruben Ellinghaus
  17. Empathie und das Problem der Fremderfahrung
  18. Der Wert des Streits
  19. Was lässt sich simulieren? - Gast: Stefan Radev
  20. Demenz, Lebenswelt und Orientierung - Gast: Erik Norman Dzwiza-Ohlsen
  21. Problem und Problemlösen
  22. Sprache und die Sonderstellung des Menschen - Gast: Oliver Schulz
  23. Informationen im Gehirn?
  24. Das Bewusstseinsproblem - Gast: Peter Kügler
  25. Heideggerianische Kritik der Metrisierung - Gast: Florian Arnold
  26. Anthropologische Grundlagen der Universalgeschichte - Gast: Davor Löffler
  27. Was ist Kognition?
  28. Die Frage nach der ‘Kognitiven Penetration’
  29. Selbstbesinnung auf das Projekt einer philosophischen Psychologie - Gast: Josh Joseph Ramminger
  30. Zur Regelmäßigkeit in der Menschwerdung - Gast: Davor Löffler
  31. Der Mensch als homo narrator - Gast: Fabian Hutmacher

In einigen Folgen diskutieren die beiden Podcaster miteinander, in anderen Folgen sind Gäste eingeladen, mit denen dann diskutiert wird. man sollte ein wenig Zeit mitbringen - der längste Podcast dauert über 4 Stunden! Uff!

Ein tolles Projekt, dem ich einen langen Atem wünsche!

Dölle und andere Scherze

Verschiedene Reaktionen auf meinen Bericht über den Erhalt der Ernst-August-Dölle-Verdienstmedaille veranlassen mich, ein paar Worte über “Spaß” in der Wissenschaft zu schreiben. Fünf Beispiele mögen genügen.

1) Zum Dölle-Hintergrund: Die Idee zur fiktiven Figur “Ernst-August Dölle” geht m.W. auf Theo Herrmann (Uni Mannheim), Carl-Friedrich Graumann (Uni Heidelberg) und Kurt-Hermann Stapf (Uni Tübingen) zurück. Der Wikipedia-Eintrag zu EAD meint trocken: “Es erscheint sehr wahrscheinlich, dass die Existenz Dölles ein wissenschaftlicher Witz ist.” Dem ist kaum etwas hinzuzufügen…

Angeblich hat ein gewisser “Ernesto A. Dölle” auf der TeaP 2012 in Mannheim einen Beitrag zum Thema “Empirische Konstruktvalidierung der Mucksmäuschenstille” (hier der Beweis) gehalten. Ich habe den Vortrag seinerzeit leider verpasst. Was mich staunen lässt: EAD ist angeblich 1898 geboren und bereits 1972 verstorben (mehr zur Biografie von EAD auf den Seiten der Uni Düsseldorf).

2) Der Lachs im Scanner (siehe auch den Bericht aus der “Süddeutschen Zeitung”): Als Parodie auf bildgebende Verfahren haben Bennett et al. (2009) die Hirnaktivitäten eines toten Lachs mittels fMRI gemessen - und tatsächlich eine Aktivität gefunden! Spooky! Eine Warnung vor Messfehlern, die in dieser Forschung tatsächlich häufiger auftreten?

Quelle: Bennett, C. M., Baird, A. A., Miller, M. B., & Wolford, G. L. (2009). Neural correlates of interspecies perspective taking in the post-mortem Atlantic Salmon: An argument for multiple comparisons correction. [download] - siehe auch in ernsthafter Absicht: Vul, E., Harris, C., Winkielman, P., & Pashler, H. (2008). Voodoo correlations in social neuroscience. Perspectives on Psychological Science. …oh nein! Das war der “unerlaubte” Titel der Originalversion - die mildere Version ist dann 2009 erschienen…

3) Das legendäre Amelang & Bartussek-Foto im Standard-Lehrbuch: Eines der im deutschsprachigen Raum am meisten verbreiteten Lehrbücher, die “Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung” (1985 von Amelang & Bartussek ins Leben gerufen, heute von Stemmler, Hagemann & Frank Spinath am Leben gehalten), ist hier zu nennen. In den ersten Auflagen waren es MA und DB, die auf einem Foto am Tisch sitzend gezeigt wurden (MA mit erhobenem Zeigefinger, DB mit Krawatte und Namensschild).

In der 8. Auflage von 2016 befindet sich in Kapitel 3.2.2 (immer noch unterhalb der Rorschach-Fledermaus) ein Bild der vier Herausgeber am Seziertisch (MA in der Mitte, DH rechts mit einem Buchexemplar):

Im Text dazu heisst es kryptisch, es seien “bestimmte Figuren in häufig schwer bestimmbarem Kontext” zu sehen. Stimmt!

4) Die Steinlaus im Psychrembel: Auch das ist eine lustige Geschichte! Der “Psychrembel” war zu meinen Studienzeiten in den 1970er Jahren das wichtigste medizinische Wörterbuch - Motto: was dem Psychologen sein Dorsch, ist dem Mediziner sein Psychrembel. in der 255. und 256. Auflage des Psychrembel gab es einen wunderbaren Beitrag zur (nicht existierenden) “Steinlaus” als Hommage an Loriot, der das kauzige Tierchen in einer Parodie auf den Frankfurter Zoologen Bernhard Grzimek im Fernsehen präsentiert hatte. in der 257. Auflage war der Eintrag von humorlosewn Redakteuren gelöscht worden, danach wurde er wieder aufgenommen.

5) Gummibären-Forschung: Zusammen mit meiner damaligen Kollegin Heike Gerdes begann ich Mitte der 1990er Jahre an der Universität Bonn mit dem Aufbau einer Webseite zum Thema “Gummibären-Forschung”. Der “Spiegel” (9.4.2009) berichtete darüber tiefsinnig wie immer (”Gaga-Forschung vom Feinsten”). Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen lieferten damals Beiträge (eine kleine Übersicht findet man hier). Viele Beiträge sind leider nicht mehr zugänglich, aber der Beitrag zum komplexen Problemlösen und der zur Psychotherapie bei Gummibären (Erstautorin ist dabei die heute als Marlene Bach bekannte Heidelberger Schriftstellerin) sind noch auf dem hauseigenen Server verfügbar.

Wissenschaftler sind ja gefürchtet für ihre bierernste Haltung. Verträgt sich das eine - der Bierernst -  mit dem anderen, dem Humor? Sind nicht gerade schwer verständliche Formen der Äußerung bei Wissenschaftlern zu erwarten? Für Menschen aller Art sind Scherz, Satire und Karikatur eigentlich essentiell, etwas spezifisch Menschliches (ein Wesensmerkmal unserer Spezies), genau daran scheitert bis heute “Künstliche Intelligenz”, die ja insgesamt keinen Humor kennt…

Ein logischer (Ab-)Schluß: Alle Wissenschaftler sind Menschen - alle Menschen sind prinzipiell zu Scherz, Satire und Karikatur fähig - also sind auch Wissenschaftler zu Scherz, Satire und Karikatur fähig! Prinzipiell…

Gastbeitrag “Fabian Scheiter: Abschied nach 15 Jahren PI”

Gastbeitrag von Monika Sieverding “Fabian Scheiter: Abschied nach 15 Jahren PI”

Nach 15 Jahren hat Fabian Scheiter das Psychologische Institut verlassen und zum 1. Juli die Stelle als Sachgebietsleiter der Psychologischen Beratungsstellen des Landkreises Karlsruhe angetreten.

Fabian begann sein Psychologie-Studium 2006 am PI und war bereits ab dem Sommersemester 2008 in verschiedenen Funktionen der Arbeitseinheit Genderforschung und Gesundheitspsychologie und dem Psychologischen Institut eng verbunden: Er begann als Tutor in dem Seminar „Gesundheitscoaching für Studierende“, im Jahr 2008 vertrat er kurzfristig auch das Sekretariat der Arbeitseinheit (s. dazu den viel gelesenen Blog-Beitrag: „Der Sekretärin oder die Sekretär“ von Joachim Funke http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2008/10/03/der-sekretarin-oder-die-sekretar/. Anschließend arbeitete er mehrere Jahre als studentischer Mitarbeiter in der Arbeitseinheit. Sein Studium hat er selbst finanziert durch die parallele Tätigkeit als Krankenpfleger.

Fabian hat sich in besonderer Weise für die Lehre und die Studierenden engagiert, die Homepage der Arbeitseinheit gepflegt (u.a. eine Gender-News-Seite eingerichtet https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/ae/diff/gender/gendernewsarchiv.html) sowie an verschiedenen Projekten mitgearbeitet (z.B. an einer Ernährungs-Interventionsstudie zum Thema „Fünf am Tag“). Das Projekt „Stress im Studium“ (s. dazu z.B. https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1026/0012-1924/a000213) wurde maßgeblich durch seine Idee inspiriert, das Demand-Control-Modell von Karasek auf die Erklärung von Stress bei Bachelorstudierenden anzuwenden.

Fabian hat am PI mit Bernd Reuschenbach und anderen Engagierten das Comenius-Programm für Erstsemester-Studierende am PI mit aufgebaut und durch sein jahrelanges Engagement zu dessen Erfolg maßgeblich beigetragen https://www.psychologie.uni-heidelberg.de/projekte/comenius/mitmachen.shtml. Von Oktober 2018 bis April 2020 vertrat er Stefanie Glawe in der Studienberatung.

Im Oktober 2014 begann er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitseinheit Genderforschung und Gesundheitspsychologie. In seinem Promotionsprojekt ging es um den Zusammenhang zwischen Maskulinität und Fleischkonsum, eine Frage, die er unter Einbeziehung von Studierenden in mehreren kreativen Studien untersuchte. Es gelang ihm regelmäßig, Studierende in seinen Seminaren und in der Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten für die psychologische Forschung zu begeistern. Im Juni schloss er seine Promotion zum Thema „Der Schöne und das Beef“ mit Erfolg ab.

Er war und ist am Institut bestens vernetzt und machte sich stets Gedanken, wie man bestimmte bürokratische Abläufe verbessern kann, z.B. bei Prüfungsanmeldungen und engagierte sich regelmäßig für institutsinterne Aufgaben, wie bei der Auswahl der Masterstudierenden. Er nahm sich immer Zeit für die Belange von Studierenden sowie von Kolleginnen und Kollegen. Und vor allem war er über viele Jahre hinweg eine zentrale Bezugs- und Ansprechperson der Arbeitseinheit Genderforschung und Gesundheitspsychologie.

Lieber Fabian, ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie die Arbeit in unserer Arbeitseinheit ohne dich sein wird und wir vermissen dich jetzt schon! Aber ich freue mich mit dir über deinen beruflichen Erfolg und wünsche dir alles Gute in deiner neuen Position! Ich hoffe, dass wir dich schon bald für einen Lehrauftrag gewinnen können und dass wir dich weiterhin regelmäßig bei gemeinsamen Walter-Suppen oder Abteilungs-Radtouren treffen werden!

Heidelberger Jahrbücher Online: Band 6 (2021)

Wieder einmal ist es soweit: Der diesjährige Band der “Heidelberger Jahrbücher“, deren allererster Band als einer der ältesten Zeitschriften weltweit bereits 1808 (sic!) publiziert wurde und die inzwischen von der “Gesellschaft der Freunde” herausgegeben wird (siehe auch meinen Blog-Beitrag: Heidelberger Jahrbücher 1957-2019: eine wahre Fundgrube), ist fertiggestellt und online abrufbar (open access)! Unter der Schirmherrschaft von Rainer Matthias Holm-Hadulla, Michael Wink und mir sind 25 interessante Beiträge zum Thema “Intelligenz” im neuen Band auf gut 560 Seiten versammelt. Ich zitiere aus dem Vorwort:

“Wie immer erfolgt an dieser Stelle eine stichwortartige Vorstellung der Beiträge dieses Bands. Am Anfang dieser Liste steht der Beitrag, der eine ausführliche Einordnung aller folgenden Kapitel unternimmt. Rainer M. Holm-Hadulla (Psychiatrie und Psychotherapie) erhellt in seinem einleitenden Kapitel „Intelligenz: Theoretische Grundlagen und praktische Anwendungen – Eine multi- und interdisziplinäre Zusammenfassung“ die hinter den Einzelbeiträgen liegende Tiefenstruktur und zieht Verbindungslinien. - Hier die Liste aller Beiträge in alphabetischer Folge (im Band selbst sind die einzelnen Beiträge den sieben Sektionen des Einleitungskapitels folgend angeordnet):

  • Ines Al-Ameery-Brosche und Franz Resch (Kinder- und Jugendpsychiatrie) weisen in ihrem Beitrag „Emotionale Robotik - Fluch oder Segen in der psychiatrischen Versorgung“ auf die Gefahren wie auch auf die Vorteile von „sozialen Robotern“ und medizinischen IT-Anwendungen hin, die als Werkzeuge angesehen werden können, aber nicht als Ersatz für menschliche Zuwendung.
  • Theresia Bauer (Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, Stuttgart) liefert mit dem Kapitel „Politische Intelligenz? Ein Blick aus der Praxis zwischen Politik und Wissenschaft“ einen Praxisbericht aus der Welt politischen Handelns. Weisheit und Vertrauen in die Wissenschaft spielen dabei eine wichtige Rolle.
  • Michael Byczkowski (SAP) und Magdalena Görtz (Urologie) schreiben über „Die Industrialisierung der Intelligenz“ und zeigen dabei anhand von medizinischen Beispielen, wie das Zusammenspiel von Beobachtung, Erfahrung, Erkenntnis und Fertigkeiten zu intelligenten Einsichten führen.
  • Andreas Draguhn (Physiologie) beschreibt die „Neurobiologie der Intelligenz“ und behandelt dabei ein wesentliches biologisches Korrelat der Intelligenz: das Gehirn. Wichtige Rahmenbedingungen für die genetisch angelegte „biologische“ Intelligenz zeigen, dass gute physische Bedingungen, vielfältige Reize und förderliche soziale Interaktionen in den ersten Lebensjahren günstig für deren Entwicklung sind.
  • Claudia Erbar und Peter Leins (Biologie) beziehen in ihrem Beitrag „Das intelligente Spiel mit Zufällen und Auslese“ eine evolutionstheoretische Perspektive und zeigen anhand zahlreicher Beispiele intelligente Konstruktionen der Evolution, wie sie heutzutage von der Bionik genutzt werden.
  • Klaus Fiedler, Florian Ermark und Karolin Salmen (Sozialpsychologie) beschreiben mit dem Begriff der „Metakognition“ mögliche Fehler und Täuschungen beim rationalen Urteilen und Entscheiden im Anwendungsfeld von Recht, Medizin und Demokratie. Qualitätskontrolle des eigenen Denkens ist angesagt.
  • Dietrich Firnhaber (Covestro AG, Leverkusen) nimmt mit seinem Beitrag „Intelligenter Umgang von Unternehmen mit Komplexität“ strategisches Planen zum Umgang mit unsicheren Sachverhalten unter die Lupe. Er zeigt, dass unsicheres Wissen über bekannte Unsicherheiten produktiv genutzt werden kann.
  • Thomas Fuchs (Philosophie und Psychiatrie) kommt in seinem Beitrag „Menschliche und künstliche Intelligenz – ein kritischer Vergleich“ zu dem Schluss, dass menschliche Intelligenz etwas spezifisch Menschliches ist, das nicht mit künstlicher Intelligenz, d.h. mit Algorithmen getriebener maschineller Datenverarbeitung auf die gleiche Ebene gestellt werden kann.
  • Joachim Funke (Allgemeine Psychologie) beschreibt in seinem Beitrag „Intelligenz: Die psychologische Sicht“ verschiedene Konzeptionen des Konstrukts und weist zugleich auf deren „dunkle Seite“, also das zerstörerische Potential intelligenten Handelns hin.
  • Sebastian Harnisch (Politikwissenschaft) wirft einen Blick auf das Konzept der „Politischen Intelligenz und Weisheit“. Dabei werden historische Wurzeln dieser Konzepte ebenso dargestellt wie aktuelle Entwicklungen im 20./21. Jahrhundert.
  • Sabine Herpertz (Psychiatrie und Psychotherapie) unterscheidet in ihrem Kapitel „Interpersonelle Intelligenz“ Mentalisierung, Empathie und Fürsorge. Sie beschreibt deren neurobiologische Korrelate und zieht praktische Konsequenzen
  • Vincent Heuveline (Mathematik) und Viola Stiefel (Rechenzentrum) beschreiben in ihrem Beitrag „Künstliche Intelligenz und Algorithmen – Wahrer Fortschritt oder doch nur digitale Alchemie?“ die Grundlagen von KI und die Grenzen ihrer Anwendungsmöglichkeiten. Sie plädieren für Verbesserung der KI-Kompetenzen z. B. im schulischen Bereich und gleichzeitig für die vernünftige Handhabung von KI unter ethischen und ökölogischen Gesichtspunkten.
  • Thomas Holstein (Molekulare Biologie) geht davon aus, dass das gesamte zelluläre und molekulare Repertoire unseres Nervensystems sich bereits auf früheren Evolutionsstufen vor über 500 Millionen Jahren ausgebildet hat. Die Fähigkeit neuonaler Systeme zu kognitiven Entscheidungsprozessen ermöglicht assoziatives Lernen und intelligente Problemlösungen schon bei aus unserer Sicht einfachen Organismen wie der Meeresschnecke. Dabei spielen spezifische Gene eine zentrale Rolle. Vergleichende genomische Untersuchungen tragen zum Verständnis der Gehirnevolution entscheidend bei.
  • Magnus von Knebel Doeberitz (Tumorbiologie) zeigt neue Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz im Bereich der Medizin auf. Viele aktuelle Fortschritte der Medizin seien ohne KI nicht möglich. Dem Internet of Things stellt er ein Internet of Medicine an die Seite.
  • Katajun Lindenberg und Ulrike Basten (Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie) beschreiben aus einer klinischen Perspektive die „Entwicklung der Intelligenz im Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Medien“. Angesichts des steigenden Gebrauchs digitaler Medien bei Kindern und Jugendlichen werden hier in Form eines Überblicksartikels Vor- und Nachteile in Bezug auf die geistige Entwicklung diskutiert
  • Vera Nünning (Anglistik) greift in ihrem Beitrag „Intelligenz in und mit Literatur“ unser Rahmenthema auf, indem sie dessen Darstellung in zwei aktuellen Romanen von Ian McEwan bzw. Kazuo Ishiguro analysiert und damit die mächtige Erfahrungswelt literarischer Werke für das Selbst- und Welt-Verständnis nachvollziehbar macht.
  • Manfred Oeming (Theologie) macht in seinem Beitrag „Intelligentia Dei“ zum einen die Wissenschaftsfreundlichkeit der Bibel deutlich, zum anderen warnt er vor allzu großer Technikgläubigkeit, die mit manchen „Heilsverheissungen“ der Apolegeten der künstlichen Intelligenz verbunden ist.
  • Gudrun Rappold (Genetik) beschreibt was passiert, „Wenn die Intelligenz beeinträchtigt ist“. Am Beispiel der Entwicklungsstörung „Autismus“ verdeutlicht sie genetische Mechanismen, die die Entwicklung und Funktion der neuronalen Netzwerke und Verschaltungen negativ beeinflussen, bei frühzeitiger Erkennung aber auch Behandlungsmöglichkeiten eröffnen.
  • Robert Sternberg (Kognitive Psychologie) stellt unter dem Titel “Meta-Intelligence: Understanding Control, and Coordination of Higher Cognitive Processes” (in englischer Sprache) die Frage, ob sich nicht verschiedene höhere Prozesse der Kognition unter dem Dachbegriff der Meta-Intelligenz zusammenfassen lassen.
  • Thomas Stiehl und Anna Marciniak-Czochra (Mathematik) beschäftigen sich mit dem Thema „Intelligente Algorithmen und Gleichungen? – Eine Annäherung an die Intelligenz mathematischer Konzepte“ und zeigen Analogien zwischen menschlicher Intelligenz und der Intelligenz lernender Algorithmen auf. Die mit Computersimulationen möglichen Parameterschätzungen und daraus resultierenden Vorhersagen machen komplexe Sachverhalte handhabbar.
  • Christof Weiand (Romanistik) schreibt über „Kulturelle Intelligenz in der Literatur: Giovanni Boccaccios ‚Falkennovelle‘“ und illustriert am Beispiel des „Decameron“, was es braucht, um einen literarischen Text angemessen zu verstehen. Er zeigt, wie Gender-Perspektiven ins Spiel gebracht und Vorurteile literarisch dekonstruiert werden können.
  • Christel Weiß (Medizinische Statistik) stellt in ihrem historisch ausgerichteten Kapitel „Statistik und Intelligenz – eine wechselvolle Beziehung“ die Entwicklung statistischer Methoden in den Kontext „Messung von Intelligenz“, behandelt aber auch die Intelligenz von Daten, Methoden, Anwendern und Konsumenten von Statistik.
  • Michael Wink (Biologie) befasst sich mit „Intelligenz bei Tieren“ und zeigt viele Beispiele für intelligentes Verhalten wie z. B. Hämmern, Angeln und Stochern. Tiere sind zu erstaunlichen kognitiven Leistungen in der Lage, wie z. B. Problemlösen, Gedächtnis und Orientierung sowie sozialem Verhalten.”
Eine beeindruckende Sammlung, wie ich finde! Auch wenn ich nicht alle Interpretationen der jeweiligen Intelligenz-Konzepte teile, bleibt allein schon die versammelte Perspektivenvielfalt ein Gewinn an sich. Möge dem Band eine wohlwollende Rezeption vergönnt sein!

hier geht es zu den Online-Jahrbüchern:

- Band 6, 2021: Intelligenz - Theoretische Grundlagen und praktische Anwendungen

- Band 5, 2020: Entwicklung – Wie aus Prozessen Strukturen werden

- Band 4, 2019: Schönheit: Die Sicht der Wissenschaft

- Band 3, 2018: Perspektiven der Mobilität

- Band 2, 2017: Citizen Science

- Band 1, 2016: Stabilität im Wandel

- und hier geht es zu den älteren, inzwischen digitalisierten Ausgaben seit 1957 nach dem alten lateinischen Sprichwort “Quod non est in rete, non est in mundo“ (”Was nicht im Netz steht, ist nicht in der Welt”) …

Erneut zur Ombudsperson gewählt

Seit Oktober 2009 bin ich als Ombudsperson für den Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften tätig. Die Ombusperson ist erste Anlaufstelle bei vermutetem wissenschaftlichem Fehlverhalten eines Mitglieds unserer Universität. Die Ombudsperson ist eine Vertrauensperson und versucht bereits im Vorfeld durch Gespräche mit allen Beteiligten, Klärungen bei Streitigkeiten herbeizuführen und es so erst gar nicht zu offiziellen Verfahrenseröffnungen kommen zu lassen.

Vom Senat der Universität wurde ich nun auf Vorschlag von Prorektor Jörg Pross (dem Vorsitzenden der fraglichen Kommission) gerade für eine weitere vierjährige Amtszeit (bis 31.8.2025) in die „Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und zum Umgang mit Fehlverhalten in der Wissenschaft“ gewählt. Eine große Ehre, danke für das Vertrauen!

Obwohl die Fälle, mit denen wir es tun haben, häufig belastende Inhalte darstellen (der bekannteste „Fall“ der letzten Jahre dürfte der Bluttest-Skandal gewesen sein, um dessen Aufklärung wir uns in sehr vielen Sitzungsstunden bemüht hatten - damals war Prorektor Stephen Hashmi noch unser Vorsitzender), macht die Arbeit in der Kommission viel Freude. Die Freude rührt daher, dass alle Mitglieder der Kommission (sie repräsentieren verschiedene Zweige der Voll-Universität) an der Sache (”gute” Wissenschaft) interessiert sind und niemand persönliche Interessen verfolgt. Zudem teilen wir alle - trotz manchmal beachtlicher Unterschiede im Detail - sehr ähnliche Wertvorstellungen darüber, was gute wissenschaftliche Praxis ist und was nicht. Mit großer Ernsthaftigkeit werden Pro- und Contra-Argumente ausgetauscht und diskutiert, auch gibt es großen Respekt vor den jeweiligen Fachkulturen (sofern die Fachkultur nicht eine degenerierte Praxis darstellt…).

Die eher lautlose Arbeit (über aktuelle Fälle darf und will ich hier nicht schreiben) zeigt, dass immer wieder Streitigkeiten über Autorenschaften entstehen, aber auch Plagiatsvorwürfe zu prüfen sind. Der seinerzeit (Anfang des neuen Jahrtausends - ich war damals Mitglied der Sonderkommission unter Leitung von Manfred Berg) spektakuläre Fall der damaligen Europaparlamentarierin (FDP) Silvana Koch-Mehrin war für mich das erste Plagiatsverfahren, an dem ich unter dem Vorsitz von Manfred Berg teilnahm. Das Verfahren führte übrigens zum Entzug des Doktorgrads.

Natürlich sind mancherlei Forschungsgegenstände weiter weg, aber zum einen lernt man ja dazu, zum anderen ist die Distanz gar nicht schlecht, weil wir ja mögliches Fehlverhalten (und nicht die Richtigkeit der fachlichen Argumentation) zu beurteilen haben. Der DFG-Kodex ist dabei zu einer wichtigen Richtschnur geworden. Ich freue mich auf unsere nächsten Treffen!

Weltklimarat veröffentlicht 6. Report

Der Weltklimarat (IPCC, Intergovernmental Panel on Climate Change) legte am 9.8.2021 seinen inzwischen sechsten Report (Sixth Assessment Report, AR6) zur Lage des Klimas vor. Das IPCC ist nicht irgendein Gremium. Es ist das weltweit akzeptierte Gremium aus führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die den aktuellen Sachstand nachvollziehbar beschreiben und sorgfältig bewerten (mehr zum Hintergrund des IPCC hier im Kurzportrait). Wie schon in früheren Reports wird auch diesmal wieder Klartext gesprochen: Es ist höchste Zeit für tiefgreifende Massnahmen! Es wird schlimmer, aber die Situation ist nicht hoffnungslos.

Die kompakte “Summary for policymaker” lautet auf Deutsch so:

“Kernaussagen aus der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger
9. August 2021 (vorbehaltlich der Endredaktion)

A.  Der aktuelle Zustand des Klimas

A.1 Es ist unbestritten, dass der menschliche Einfluss die Atmosphäre, die Ozeane und das Land erwärmt hat. Weitreichende und schnelle Veränderungen in der Atmosphäre, den Ozeanen, der Kryosphäre und der Biosphäre sind eingetreten.

A.2 Das Ausmaß der jüngsten Veränderungen im gesamten Klimasystem und der gegenwärtige Zustand vieler Aspekte des Klimasystems sind über viele Jahrhunderte bis Jahrtausende hinweg beispiellos.

A.3 Der vom Menschen verursachte Klimawandel wirkt sich bereits auf viele Wetter- und Klimaextreme in allen Regionen der Erde aus. Die Beweise für die beobachteten Veränderungen bei Extremen wie Hitzewellen, Starkniederschlägen, Dürren und tropischen Wirbelstürmen und insbesondere für deren Zurückführung auf den menschlichen Einfluss haben sich seit dem Fünften Sachstandsbericht (AR5) verstärkt.

A.4 Verbesserte Kenntnisse über Klimaprozesse, paläoklimatische Belege und die Reaktion des Klimasystems auf zunehmenden Strahlungsantrieb führen zu einer besten Schätzung der Gleichgewichts-Klimasensitivität von 3°C, wobei die Spanne im Vergleich zum AR5 enger ist.

B.  Mögliche Klimazukunft

B.1 Die globale Oberflächentemperatur wird unter allen betrachteten Emissionsszenarien mindestens bis zur Mitte des Jahrhunderts weiter ansteigen. Eine globale Erwärmung von 1,5°C und 2°C wird im Laufe des 21. Jahrhunderts überschritten werden, wenn es in den kommenden Jahrzehnten nicht zu einer tiefgreifenden Verringerung der Kohlendioxid- (CO2) und anderer Treibhausgasemissionen kommt.

B.2 Viele Veränderungen im Klimasystem werden in direktem Zusammenhang mit der zunehmenden globalen Erwärmung größer. Dazu gehören die Zunahme der Häufigkeit und Intensität extremer Hitzeperioden, mariner Hitzewellen und starker Niederschläge, landwirtschaftliche und ökologische Dürreperioden in einigen Regionen und der Anteil intensiver tropischer Wirbelstürme sowie der Rückgang des arktischen Meereises, der Schneebedeckung und des Permafrostes.

B.3 Eine fortgesetzte globale Erwärmung wird den Projektionen zufolge den globalen Wasserkreislauf weiter intensivieren, einschließlich seiner Variabilität, der globalen Monsun-Niederschläge und der Schwere von Regen- und Trockenperioden.

B.4 In Szenarien mit steigenden CO2-Emissionen werden die Kohlenstoffsenken in den Ozeanen und an Land voraussichtlich weniger wirksam sein, um die Anreicherung von CO2 in der Atmosphäre zu verlangsamen.

B.5 Viele Veränderungen, die auf vergangene und künftige Treibhausgasemissionen zurückzuführen sind, sind über Jahrhunderte bis Jahrtausende unumkehrbar, insbesondere Veränderungen der Ozeane, der Eisschilde und des globalen Meeresspiegels.

C.  Klimainformationen für Risikobewertung und regionale Anpassung

C.1 Natürliche Triebkräfte und interne Variabilität werden die vom Menschen verursachten Veränderungen modulieren, insbesondere auf regionaler Ebene und in naher Zukunft, mit geringen Auswirkungen auf die hundertjährige globale Erwärmung. Diese Modulationen müssen bei der Planung des gesamten Spektrums möglicher Veränderungen berücksichtigt werden.

C.2 Bei einer weiteren globalen Erwärmung wird jede Region voraussichtlich zunehmend gleichzeitige und mehrfache Veränderungen der klimatischen Einflussfaktoren erfahren. Veränderungen bei mehreren klimatischen Einflussfaktoren wären bei 2°C im Vergleich zu 1,5°C globaler Erwärmung weiter verbreitet und bei höheren Erwärmungsgraden noch weiter verbreitet und/oder ausgeprägter.

C.3 Ergebnisse mit geringer Wahrscheinlichkeit, wie z.B. der Zusammenbruch von Eisschilden, abrupte Veränderungen der Ozeanzirkulation, einige zusammengesetzte Extremereignisse und eine Erwärmung, die deutlich über die als sehr wahrscheinlich eingeschätzte Bandbreite der künftigen Erwärmung hinausgeht, können nicht ausgeschlossen werden und sind Teil der Risikobewertung.

D.  Begrenzung des künftigen Klimawandels

D.1 Aus physikalisch-wissenschaftlicher Sicht erfordert die Begrenzung der vom Menschen verursachten globalen Erwärmung auf ein bestimmtes Niveau eine Begrenzung der kumulativen CO2-Emissionen, wobei mindestens ein Netto-Nullpunkt an CO2-Emissionen erreicht werden muss, zusammen mit einer starken Verringerung anderer Treibhausgasemissionen. Eine starke, rasche und anhaltende Verringerung der CH4-Emissionen würde auch den Erwärmungseffekt begrenzen, der sich aus der abnehmenden Aerosolverschmutzung ergibt, und die Luftqualität verbessern.

D.2 Szenarien mit niedrigen oder sehr niedrigen Treibhausgasemissionen (SSP1-1.9 und SSP1-2.6) führen im Vergleich zu Szenarien mit hohen oder sehr hohen Treibhausgasemissionen (SSP3-7.0 oder SSP5-8.5) innerhalb weniger Jahre zu erkennbaren Auswirkungen auf die Treibhausgas- und Aerosolkonzentrationen und die Luftqualität. Bei diesen gegensätzlichen Szenarien würden sich innerhalb von etwa 20 Jahren erkennbare Unterschiede in den Trends der globalen Oberflächentemperatur von der natürlichen Variabilität abzeichnen, bei vielen anderen klimatischen Einflussfaktoren sogar über längere Zeiträume (hohes Vertrauen).”

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

Verhaltensänderungen sind notwendig - ein Lieblingsthema der Psychologie, vor allem im klinischen Bereich. Wir brauchen jetzt massive “Therapien” bei den Gesunden (und bei einigen Politikern)… Reden und bloßes Ankündigen von Massnahmen reichen nicht mehr aus, wenn wir nicht unerträgliche Lebensverhältnisse für nachkommende Generationen in Kauf nehmen wollen - es müssen Taten her! Die „große Transformation“ ist eine immense Herausforderung, aber mit der Bereitschaft vieler „Williger“ durchaus machbar. Wir in der westlichen Welt haben uns auf diesem Planeten komfortabel eingerichtet - nun werden wir uns aus der Komfortzone herausbewegen müssen. Das ist nicht angenehm aber wohl notwendig. Die Folgen unseres gegenwärtigen Lebensstils (Stichwort “ökologischer Fussabdruck“; siehe auch meinen Blog-Beitrag “virtuelles Wasser“) zerstören die Lebensgrundlage für Mensch, Tier und Pflanze. Einen umfassenden Überblick über die überwiegend negativen Konsequenzen des Klimawandels getrennt nach Regionen und Sphären gibt ISIpedia.

In einem neuen Buch (sehr empfehlenswert: Bernhard Kegel (2021). Die Natur der Zukunft. Tier- und Pflanzenwelt in Zeiten des Klimawandels. DuMont) lese ich gerade von der Zerstörung der Ökosysteme durch die Wanderbewegungen zu Lande und zu Wasser, eine Bewegung polwärts infolge der zunehmenden Erwärmung (Pflanzen- und Tier-”Flüchtlinge” sozusagen) mit dramatischen Konsequenzen (bei mir in Handschuhsheim fliegt z.B. neuerdings die “Tigermücke” herum). Systemkompetenz ist benötigt, um die wechselseitigen Abhängigkeiten zu verstehen und zu beeinflussen.

Vom Menschen verursachter Klimawandel: der Hebel zur Veränderung heisst “Mensch” - die Psychologie steht hier in einer “pole-position”. Die “Globale Transformation” startet mit einer “Personalen Transformation”! Naturwissenschaften wie die Physik können den Klimawandel beschreiben und modellieren, aber wie die Menschen “ticken”, die die Klimakrise verursachen, liegt ausserhalb des Erklärungsanspruchs der Physik.

Last but not least: Ich ärgere mich über Politiker, die völlig überrascht feststellen, dass Klima “plötzlich zu einem weltweiten Thema” (so ein bekannter christdemokratischer Kanzlerkandidat) geworden sei… Es ist ja nicht der erste Bericht zur Lage des Klimas! Wieviel Berichte müssen noch kommen, um politisch wirksames und nachhaltiges Handeln auf den Weg zu bringen?

Funke (2021): It requires more than intelligence to solve consequential world problems

In einem neuen Aufsatz habe ich mich der Frage gewidmet, ob Intelligenz ausreicht, die anstehenden komplexen Probleme dieser Welt zu lösen. Die Antwort ist natürlich “nein”. Hier die Zusammenfassung des (kurzen) Einwurfs mit dem Titel “It requires more than intelligence to solve consequential world problems”:

What are consequential world problems? As “grand societal challenges”, one might define them as problems that affect a large number of people, perhaps even the entire planet, including problems such as climate change, distributive justice, world peace, world nutrition, clean air and clean water, access to education, and many more. The “Sustainable Development Goals”, compiled by the United Nations, represent a collection of such global problems. From my point of view, these problems can be seen as complex. Such complex problems are characterized by the complexity, connectivity, dynamics, intransparency, and polytely of their underlying systems. These attributes require special competencies for dealing with the uncertainties of the given domains, e.g., critical thinking. My position is that it is not IQ, but complex problem-solving competencies for dealing with complex and dynamic situations, that is important for handling consequential global problems. These problems require system competencies, i.e., competencies that go beyond analytical intelligence, and comprise systems understanding as well as systems control. Complex problem solving is more than analytic intelligence.

Was sind “consequential world problems”? Es sind die großen gesellschaftlichen Herausforderungen (siehe meine früheren Beitrag dazu), vor denen die Menschheit steht - Herausforderungen, die eine große Transformation erforderlich machen Eine gute Sammlung ist, wie ich finde, in den “Sustainable Development Goals” (SDG) der UN zu finden. Die vom Weltparlament verabschiedete Liste umfasst 17 Zielbereiche.

Brauchen wir zum Erreichen dieser Ziele Personen mit hoher Intelligenz? Ganz sicher! Aber das allein reicht nicht - Systemkompetenzen und kritisches Denken sind zusätzlich erforderlich. Unter dem Titel “Systemkompetenz für das 21. Jahrhundert” habe ich schon vor vier Jahren (damals zusammen mit Daniel Holt und Andreas Fischer) diesen Gedanken ausgeführt. Der neue Einwurf ist eine Erinnerung an diese Arbeit.

Quelle: Funke, J. (2021). It requires more than intelligence to solve consequential world problems. Journal of Intelligence 9, 3, 38 [download]

Entscheidung: Ein Begriff, viele Perspektiven

Ein wichtiges Merkmal von Wissenschaft ist Perspektivenvielfalt. Diese zeigt sich dann besonders deutlich, wenn aus Sicht verschiedener Disziplinen auf ein-und-dasselbe Konzept geblickt wird. Dies ist gerade geschehen mit dem Begriff der Entscheidung. Zehn verschiedene Perspektiven wurden zunächst in jeweiligen “Ausgangspositionierungen” vorgestellt, die dann nach wechselseitiger Kenntnisnahme in mehrmonatigen Runden zu “Erweiterten Positionierungen” und schließlich zu “Fortführenden Abschlüssen” führten. Der ganze Prozess wurde initiiert und vorangetrieben durch eine engagierte Herausgeberin, Bettina Blanck, die zur Redaktion der Zeitschrift itdb (”Inter- und transdisziplinäre Bildung”) gehört. Danke dafür!

In der Einleitung zu diesem umfangreichen Dokument heisst es: “Dieses Forschungsforum mit einer Expert*innendiskussion zur Begriffsklärung von «Entscheidung» ist der Auftakt einer Reihe, in der es um Begriffsklärungen in Wissenschaft und Bildung gehen soll. «Entscheidung» ist ein alltäglicher Ausdruck und Grundterminus verschiedener Wissenschaften (z. B. Geschichtswissenschaft, Ökonomie, Pädagogik, Philosophie, Psychologie, Rechtswissenschaften, Soziologie). Es gibt sowohl disziplinär als auch inter- und transdisziplinär unterschiedliche (kontroverse) Bestimmungen. In diesem Forum sollen 10 Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen zunächst in einer Ausgangspositionierung Grundlagen und Fragen ihrer jeweiligen Verständnisse (disziplinär, inter- oder transdisziplinär) von «Entscheidung» möglichst an einem Beispiel kurz erläutern und ggf. von verwandten Termini abgrenzen. Außerdem sollen sie ggf. Stellung zur Relevanz von Entscheidungskompetenzen als einem Bildungsziel nehmen und Vorschläge für eine Begriffsarbeit in einem inter- und transdisziplinär orientierten Unterricht machen.”

Alena Bleicher (Soziologie), Sascha Benjamin Fink (Philosophie), Joachim Funke (Psychologie), Elisabeth Göbel (Betriebswirtschaft), André Johannes Krischer (Geschichte), Albert Martin (Betriebswirtschaft), Birger P. Priddat (Wirtschaft & Philosophie), Walter Reese-Schäfer (Politikwissenschaft), Viktoria Rieber (Pädagogik) und Thomas Saretzki (Politikwissenschaft) behandeln das Thema jeweils disziplinär. Damit wird eine interdisziplinäre Diskussion möglich, die den Begriffshorizont erweitert.

In Anlehnung an Poppers Diktum “All life is problem solving” beginnt mein eigener Beitrag so: “Leben heisst Entscheiden. Alle lebendigen Organismen (Menschen, Tiere, Pflanzen) müssen zwischen verschiedenen Möglichkeiten weiterer Entwicklung wählen.” Es folgen Ausführungen zur Bewusstheit, zum Unterschied von Entscheiden und Entscheidung, zur Komplexität zur Fehlerbehaftetheit, zur Rolle von Persönlichkeit, zur Unterscheidung von Individuellem und kollektivn Entscheiden sowie zu Entscheidungs-Pathologien.

Es hat Spass gemacht, an diesem fast einjährigen Prozess teilzunehmen! Ein interessantes Format!

Quelle: Bleicher , A., Fink, S. B., Funke, J., Göbel, E. ., Krischer, A. J., Martin, A. ., Priddat, B. P., Reese-Schäfer, W., Rieber , V., & Saretzki , T. (2021). Forschungsforum «Begriffsklärungen in Wissenschaft und Bildung: Entscheidung». Inter- und transdisziplinäre Bildung, 3(1), 1-85. Abgerufen von https://www.itdb.ch/index.php/itdb/article/view/44 (open access)

Meine Haustiere

In der neuen Online-Ausgabe der “Schwarzen Schachtel” (ähhm…. “Black Box“; siehe meinen alten Beitrag dazu) geht es u.a. um die Haustiere von Dozierenden. Ich selbst habe meine drei Haustiere (mit Bild) vorgestellt:

Natürlich lohnt sich ein Blick in die “BlackBox” vom Sommersemester 2021 (hier der Link zum PDF) aus vielerlei anderen Gründen :-) Ich freue mich, dass unsere Fachschaft Psychologie ihr Journal am Leben hält!

“Preis der Freunde” 2021 geht an “Chancen gestalten”

Die “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.“ (GdF; Mutterverein unserer Sektion “Alumni Psychologici“) verleiht jedes Jahr einen Preis für ausgezeichnete studentische Initiativen. Dieses Jahr geht der Preis (dotiert mit 2.500 €) an “Chancen gestalten Heidelberg“, eine Initiative zur Hilfe bei der kulturellen und sozialen Integration von Geflüchteten durch Mentoren.

Zusätzlich verleihen wir in Zeiten von Corona einen Ehrenpreis, der an die Online-Plattform „match4healthcare“ (eine Art Tinder für Krankenhäuser auf der Suche nach freiwilligen Helfern) geht. Die open-source-Software entstand im Rahmen des #WirVsVirus-Hackathons 2020 der Bundesregierung.

Die Auswahl der Sieger erfolgt durch eine studentische Jury, die im Auftrag des Vorstands der GdF die eingegangenen Bewerbungen sichtet und hinsichtlich verschiedener Kriterien bewertet. Gratulation an beide Preisträger! - Ich zitiere aus der Pressemitteilung 66/2021 unserer Universität:

Der von Studierenden gegründete Verein „Chancen gestalten Heidelberg“ erhält den „Preis der Freunde“. Damit honoriert die Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg (GdF) das außergewöhnliche Engagement dieser Initiative, die junge Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten sowie Zugewanderte aus allen Teilen der Welt bei ihrer Integration in Heidelberg unterstützt. Mit einem erstmals vergebenen Ehrenpreis 2020 für besonderes Engagement während der Corona-Krise zeichnet die GdF außerdem das studentische Projekt „match4healthcare“ aus. Die jeweils mit 2.500 Euro dotierten Auszeichnungen werden am 9. Juli 2021 überreicht.

Der Verein „Chancen gestalten Heidelberg“ wendet sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 30 Jahren, die bereits Bildungseinrichtungen besuchen oder sich in einer beruflichen Ausbildung befinden. Die Mitglieder kümmern sich zum Beispiel um sogenannte Eins-zu-Eins-Mentoring-Beziehungen, bei denen geflüchtete oder zugewanderte jungen Menschen mit Gleichaltrigen vor Ort zusammengebracht werden. Darüber hinaus arbeitet die Initiative eng mit Schulen und sozialen Einrichtungen vor Ort zusammen und informiert über Fluchtursachen und Integration, etwa in Form von Unterrichtsbesuchen oder Info-Veranstaltungen.

Das Projekt „match4healthcare“ – eine Online-Plattform – wurde im Frühjahr 2020 von Medizin-Studierenden der Universität Heidelberg gegründet. Vor dem Hintergrund der Covid19-Krise stellten sich die Studierenden die Frage, wie bundesweit möglichst schnell und effizient die Hilfsangebote medizinisch geschulter Personen mit der Nachfrage hilfesuchender Institutionen der Gesundheitsbranche, zum Beispiel Kliniken, zusammengebracht werden können. Sie entwickelten eine Software-Lösung, die genau diesen Abgleich von ehrenamtlichen Hilfsangeboten und hilfesuchenden Einrichtungen vornimmt. Das Angebot ist kostenlos im Internet verfügbar.

Der „Preis der Freunde“ wird seit 1995 jährlich an studentische Gruppen vergeben, die sich durch herausragendes Engagement ausgewiesen haben. Neben der Preissumme nimmt die ausgezeichnete Initiative bei der Preisverleihung eine Art Wanderpokal in Empfang, der als abstraktes Kunstwerk ähnlich einer Flamme gestaltet ist und alle Preisträger symbolisch darstellt.

Im Rahmen der Preisverleihung am 9.7.2021 (Pandemie-bedingt in kleiner Runde im Europäischen Hof unter Einhaltung der 3G-Regeln „geimpft, getestet, genesen“, zusätzlich mit Online-Übertragung des Festakts) hielten zwei der studentischen Juroren, Tom Rix und Max Schäfer, schöne Laudationes auf die beiden Preisträger. Der Vorsitzende unserer Gesellschaft, PD Dr. Thorsten Helm, überreichte die Urkunden und die Preisgelder. Ausserdem wurden weitere Flammen in unsere Flammenskulptur gesteckt. Dieses “flammende” Kunstwerk ist im Eingangsbereich der Neuen Universität ausgestellt.

Preis der Freunde

Preis der Freunde: Flammen (Ausschnitt)

Nach kurzer Pause hielt der Soziologe Prof. Dr. Martin Schröder von der Universität Marburg einen unterhaltsamen Vortrag mit dem Titel „Wann sind wir wirklich zufrieden und welchen Effekt hatte Corona?“, angelehnt an sein 2020 erschienenes Buch zum Thema. Schröder hat die Zufriedenheitsfrage aus dem sozio-ökonomischen Panel SOEP ausgewertet, eine Umfrage, die seit 1984 jährlich durchgeführt wird und ca. 85.000 Deutsche befragt.

Seine zentralen Erkenntnisse lauten plakativ: Deutsche sind rundweg zufrieden; Kinder zu haben nimmt keinen Einfluss darauf; Heirat oder Scheidung sorgen kurzfristig für einen Anstieg bzw. Einbruch der Zufriedenheit, die sich aber rasch wieder auf den alten “set point” einpendelt; Geld ist nur dann massgeblich für Zufriedenheit, wenn man keines hat; wenig Schlaf und Krankheiten korrelieren mit niedriger Zufriedenheit. In Sachen Corona kam es zu einem “desaströsen” Einbruch der Zufriedenheitswerte, der aber mit Beginn der Lockerungen auch wieder schnell zurückgeht.

Auch wenn ich als Psychologe manches anders sehe: Es war ein unterhaltsamer, gut verständlicher Vortrag; wir haben viel gelacht und gestaunt! Wir sind hoffentlich alle zufrieden nach Hause gegangen. Auf jeden Fall waren wir uns allesamt einig: Schön, dass (seit Februar 2020) wieder eine Präsenzveranstaltung möglich war!