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Neues von Jens Förster (Teil 6)

Ich habe in den vergangenen Jahren mehrfach über den Sozialpsychologen Jens Förster berichtet (siehe hier), dessen stark beachteten Arbeiten unter Manipulationsverdacht gerieten. Jetzt ist unter dem Datum 21.7.16 ein aktueller Beitrag im ScienceMag (dem Online-Dienst der renommierten Zeitschrift “Science”) erschienen, der den Fall noch einmal zusammenfassend berichtet und zugleich Neuigkeiten über die Bochumer Situation enthält. Der Titel heisst “No tenure for German social psychologist accused of data manipulation” und kann hier nachgelesen werden.

PS: Wie Jens Förster sein Leben entrümpelt hat und sich auf die wichtigen “Seins-Ziele” konzentriert (”Leben wie die Mönche”), kann man in “BR Nightline” (Sendung vom 21.3.16) ansehen (hier der Link zur Mediathek).

Skandalöser Umgang der Türkei mit Wissenschaftlern

Unglaublich, was da gerade in der Türkei passiert - und es betrifft auch die Wissenschaft! Am Dienstag hatte die Verwaltung etwa 50.000 Soldaten, Polizisten, Richter und Lehrer festgenommen oder suspendiert, an den Hochschulen wurde die Demission von 1577 Dekanen an allen Universitäten des Landes angeordnet, jetzt ist etwas passiert, was mich regelrecht schockiert hat: in der Türkei befindliche Wissenschaftler dürfen nicht mehr ausreisen, im Ausland arbeitende türkische Wissenschaftler werden in ihr Heimatland zurückbeordert! Wie unser Rektor Eitel auf einem Treffen anläßlich des 30jährigen Bestehens des Iinternationalen Wissenschaftsforiums Heidelberg (IWH) erklärte, sind von diesem türkischen Erlaß an unserer Universität 18 türkische Festangestellte und 4 Gastwissenschaftler betroffen.

“Semper apertus” (immer offen) heißt der Wahlspruch unserer Universität. Das Motto ist wichtiger denn je, wenn man sieht, wie Freiheit und Toleranz heruntergefahren und Menschen unter Druck gesetzt werden. Das ist für Wissenschaft und Bildung tödlich und kann nicht hingenommen werden! Unsere Solidarität gilt den Kolleginnen und Kollegen im Wissenschafts- und Bildungsbereich, aber auch dem verfolgten Teil der Bevölkerung. Demokratie ist anders: Die Toleranz gegenüber Andersdenken und Andersglaubenden ist zentraler Bestandteil davon! Wissenschaft ist gegen Dogmatismus und für Offenheit und Freiheit! Wie schade, dass dies in der Türkei nicht mehr gilt!

Quellen:

Bericht in Nature: http://www.nature.com/news/turkey-purges-universities-after-failed-coup-1.20283

The Telegraph: http://www.telegraph.co.uk/news/2016/07/20/turkey-bans-academics-from-leaving-country-in-unprecedented-crac/

Deutsche Welle: http://www.dw.com/de/dienstreiseverbot-f%C3%BCr-t%C3%BCrkische-wissenschaftler/a-19414056?maca=de-PMG-%201985-xml-pmg

UniSPIEGEL: http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/lehrer-und-wissenschaftler-in-der-tuerkei-entlassungen-und-a-1103942.html

ZEIT Online: http://www.zeit.de/politik/2016-07/tuerkei-recep-tayyip-erdogan-akademiker-ausland-protest

Protest der Hochschulrektoren: https://www.hrk.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/meldung/hrk-praesident-protestiert-gegen-umgang-mit-hochschulangehoerigen-in-der-tuerkei-3999/

Stellungnahme der Humboldt-Stiftung: https://www.humboldt-foundation.de/web/Pressemitteilung-2016-13.html

Tag der Freunde und Sommerball 2016

Einmal im Jahr findet der “Tag der Freunde” statt: ein Tag, an dem sich die Ehemaligen und Freunde der Universität wieder im Tempel des Wissens treffen, um sich auszutauschen, Neues zu lernen und Freude zu haben. Dieses Jahr wurde das 20jährige Bestehen von “Heidelberg Alumni International” zum Anlass genommen, etwas größer als üblich zu feiern. Die Liste der Veranstaltungen ist gross gewesen, ich kann nur über einige Ereignisse berichten, an denen ich beteiligt war.

Festvortrag Prof. Gade über Chiralität

Festvortrag Prof. Gade über Chiralität (zum Vergrößern anklicken)

Am Fr 15.7.16 fand zunächst die Mitgliederversammlung (MV) der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” (kurz: GdF)  statt, deren Vorsitzender ich bin. Der GdF gehören 1346 zahlende Mitglieder an, etwa 60 davon kamen zur MV und hörten sich den Bericht des Vorstands an. Wir haben im Berichtsjahr 2015 etwa 100.000 Euro in Projekte zur Förderung von Studierenden, Forschenden und Lehrenden der Uni gesteckt, worauf wir sehr stolz sind. Ich habe nochmals betont: Wir sind kein Verein, bei dem es um Gegenleistungen geht wie beim ADAC, wo man für seinen Mitgliedsbeitrag etwa einen Abschleppservice erwartet - unsere Mitglieder sind dabei, weil sie fördern und unterstützen wollen! Deswegen ist auch die Frage, was man für den Mitgliedsbeitrag bekommt, falsch gestellt. Was wir mit dem Beitrag machen, läßt sich auf den Begriff des “Gutes tun” reduzieren. Dafür helfen auch zahlreiche Mittel aus der Stiftung Universität Heidelberg, die wir gemeinsam führen und deren Vermögen wir zu mehren versuchen.

Im Anschluß an die MV fand der Festvortrag von Prof. Dr. Lutz Gade, Professor für Anorganische Chemie an der Uni Heidelberg, statt. Unter dem Titel “”Links und rechts: die Händigkeit der Welt und ihre Konsequenzen” sprach er sehr anschaulich über Symmetrie-Prinzipien in der Natur (Fachterminus: Chiralität). Eindrucksvoll: der “Schneckenkönig” (=das sehr seltene linksgewundene Schneckenhaus) und der Elefantenkuss (eine rechtsdrehende Verschränkung zweier Rüssel). Und ein trauriges Beispiel: Thalidomid (bekannter unter dem Namen “Contergan”), dessen rechtsdrehende Form nützlich zur Behandlung von Lepra ist, aber dessen linksdrehende Variante zu Fehlbildungen führt (hier ein einschlägiger Hintergrund-Bericht). Zwei wichtige Begriffe (Razemat als 1:1-Mischung zweier Molekülsorten, die wie Bild und Spiegelbild aussehen, und Enantiomer als das entsprechende Einzelmolekül, das entweder in der einen oder anderen Form vorliegt) habe ich gelernt. Anschaulich gemacht hat Lutz Gade diese Eigenschaft am Beispiel des Geruchsstoffs Limonen, den es in rechtsdrehender und linksdrehender Ausführung gibt. Obwohl physikalisch identisch, riecht er einmal nach Zitronen, die andere Variante nach Terpentin. Die Zuhörer konnten es im Hörsaal 14 ausprobieren!

Abendessen der GdF-Mitglieder im Haus Buhl

Abendessen der GdF-Mitglieder im Haus Buhl (zum Vergrößern anklicken)

Im Anschluss an den Festvortrag ging es weiter zum gemeinsamen Abendessen im Haus Buhl. Da das Wetter mitspielte, konnten wir im herrlichen Garten von Haus Buhl direkt unterhalb des Schlosses sitzen. Das “Trio Variety” (Allen Blairman am Schlagzeug, Olaf Schönborn am Saxophon, Götz Ommert am Kontrabass) spielte dazu gepflegten Jazz. Es gabe leckeres Essen, guten Wein und viel Gespräche. Auch von den über 50 neuen Mitgliedern unseres Vereins waren einige da, neben viel Universitätsprominenz.

Institutsführung

Alumni Psychologici: Institutsführung (zum Vergrößern anklicken)

Am Samstag morgen ging es dann im Institut weiter: die Sektion der “Alumni Psychologici” hatte eingeladen zu “Funkes Triathlon”, bestehend aus Vortrag, Institutsführung und Sprudelempfang im Innenhof. Etwa 20 Personen - illustre Gäste aus Deutschland (darunter ein ehemaliger DGPs-Präsident), Italien, Frankreich, Luxemburg und der Schweiz - folgten der Einladung und wurden Zeuge einer ungewöhnlichen Führung, die nicht nur in das Theatrum Anatomicum führte, sondern auch die anstehenden Kellerausbauten zeigte.

Sommerball des Rektors

Sommerball des Rektors (zum Vergrößern anklicken)

Samstag abend ging es mit dem Sommerball des Rektors im Innenhof der Neuen Universität weiter. Alle 5 Jahre, jeweils zum 5- bzw. 10jährigen Geburtstag der Uni, gibt es Ball, sonst in den Jahren dazwischen eine etwas weniger aufwändigere Party. Eine wunderbares Ambiente: weißgedeckte Tische und Stühlen in weißen Hussen, dazu farbige Beleuchtung des gesamten Ensembles rund um den Innenhof, im Hexenturm eine Kapelle, die in angenehmer Lautstärke wunderbare Charleston-Musik spielte (das Motto des Balls waren die 20er Jahre), ein herrliches Buffett vom Studierendenwerk (das Beste, was ich seit langem gesehen habe!) und vor allem: viele nette Gäste. Auch unsere Wissenschaftsministerin war anwesend und tanzte mit dem Rektor auf der Tanzfläche. Etwa 500 Gäste waren anwesend (darunter auch zahlreiche Studierende), die nicht ganz billigen Karten waren schnell ausverkauft - der Rektor erwähnte in seiner Eröffnungsansprache, dass noch weitere Nachfragen von über 1000 Interessierten enttäuscht werden mussten. Ein schöner Abend in mildem Klima!

siehe auch frühere Beiträge zum “Tag der Freunde”:

Uni-Wahlen 2016

Jedes Jahr gehen Studierende zur Wahl, um ihre Vertreterinnen und Vertreter in den Universitätsgremien zu wählen. Nicht nur als Sprecher des Akademischen Senats interessiere ich mich dafür, mit welchen Studierenden wir es in der kommenden Wahlperiode zu tun haben, sondern es ist für mich auch interessant, wie das Demokratieverständnis in der jungen Generation ausfällt. Nun liegen die Ergebnisse der Gremienwahlen 2016 vor. Hier zunächst ein paar Ausgangsdaten: Zahl der Wahlberechtigten: 26287; Zahl der Wähler: 4163; Zahl der ungültigen Stimmzettel: 357; Wahlbeteiligung: 15.8 % (zum Vergleich 2015: 13.2 %; 2014: 7.0 %). Also erfreulich, dass die Wahlbeteiligung steigt! Um die 4 Sitze im Akademischen Senat haben sich dieses Jahr 5 Gruppen beworben und dabei folgende Ergebnisse erzielt:

  • GHG - Grüne Hochschulgruppe: 4496 Stimmen, 2 Sitze (Anja Popp, Juristische Fakultät; Moritz Nöltner-Augustin, Fakultät für Physik und Astronomie)
  • Juso Hochschulgruppe: 3660 Stimmen, 1 Sitz (Paula Bröcker, Juristische Fakultät)
  • Liberale Hochschulgruppe (LHG): 2623 Stimmen, 1 Sitz (Anna Marie Maier, Medizinische Fakultät Heidelberg)
  • Unabhängige Medizinstudierende: 1923 Stimmen, 0 Sitze
  • RCDS: 1767 Stimmen, 0 Sitze

Gratulation zur Wahl! Dass der grün-schwarze Trend der Landesregierung auf die Ebene der Universität nicht durchschlägt und die GHG der Wahlsieger ist, überrascht wohl kaum - mal sehen, ob das den Weg zu einer “grünen” Universität vorzeichnet.

Neben dem Senat wurden auf der Ebene der Fakultäten auch die dortigen Fakultätsräte gewählt.  Die 8 Mitglieder für den Fakultätsrat unserer Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften auf der Liste “VerKult” sind: Freier, Henrike; Gebhardt, Isabel; Hische, Amelie; Kunoff, Larissa; Sadus, Kathrin; Schepp, Sophie; Streib, Carmen Rebecca; Yadegar Yousefi, Sohil. Auch hier: Gratulation zur Wahl!

Leider sieht es mit der Wahlbeteiligung nicht mehr ganz so rosig aus: Zahl der Wahlberechtigten: 1950; Zahl der Wähler: 101; Zahl der ungültigen Stimmzettel: 4; Wahlbeteiligung: 5.1 % (zum Vergleich 2015: 5.4 %; 2014: 1.6 %). Es ist aus meiner Sicht nach wie vor enttäuschend, wie wenig sich die Studierenden unserer Fakultät für Hochschulpolitik interessieren. Dabei stehen mit der Reform des Psychologiestudiums wirklich wichtige Weichenänderungen vor der Tür. Wie so oft, sind verschiedene Interessengruppen beteiligt, denen es nicht allen um das Wohl der Studierenden geht. Vielleicht ein Grund, sich einzumischen?

Apropos Wahlen: Der Senat hat gestern die vier Prorektoren der Universität Heidelberg, Prof. Dr. Beatrix Busse (Studium und Lehre), Prof. Dr. A. Stephen K. Hashmi (Forschung und Struktur), Prof. Dr. Dieter W. Heermann (internationale Angelegenheiten) und Prof. Dr. Óscar Loureda (Qualitätsmanagement),  für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Für die Fortsetzung ihrer Arbeit in der Hochschulleitung haben sich die Senatsmitglieder mit großer Mehrheit ausgesprochen. Die jeweils dreijährigen Amtszeiten beginnen am 1. Oktober dieses Jahres.

Inaugural lecture of Allan Wigfield

On Thursday, June 9, 2016, our new Honorary Professor Dr. Allan Wigfield from the University of Maryland gave his inaugural lecture (”Antrittsvorlesung“) at one of the most impressive places of our university: the Great Hall (”Alte Aula”), a very special place for academic ceremonies like this one. Allan Wigfield was invited in the name of our faculty by our colleague and current dean Birgit Spinath (educational psychology). Allan is a specialist for achievement motivation and its development.This picture shows him together with our Dean Dr. Birgit Spinath, both wearing a gown in the color of our faculty.

Our Dean introduced Allan with the following words that described some of his activities and also a little bit of his personality:

  • “The work of Allan Wigfield and his colleagues has given us important insights into the development of children starting with school entry until adolescence and beyond. Thanks to Allan, we know that early ability beliefs and task values are crucial for choices and behavior later in life, e.g., prevalent gender differences in choice of career domains and actual achievement cannot be understood when one looks only at the stages in which these choices take place. To change gender differences in achievement-related behavior, these differences have to be addressed as early as elementary school or earlier.
  • A second field of research for Allan is reading improvement; together with John Guthrie, Allan has developed CORI, which stands for Concept-Oriented Reading Instruction; in this training approach, the insights of motivation research are used to improve students’ reading ability; many empirical studies have shown that this approach is effective, so that it is widely used today.
  • Some personal remarks on Allan Wigfield: I have met Allan in person for the first time in 2003 at a conference in Bielefeld (rumors that Bielefeld does not exist are exaggerated). I was immediately impressed by his strong dedication to his research topics and his modesty in spite of his accomplishments. In 2007, I met him again in Chicago at a conference with 13.000 participants. Sitting next to him in a large symposium, I could not but asked: What does it feel like that your name is on almost every slide that is presented? He reacted in his now to me very familiar way in smiling and then asking me what I thought about the work being presented.
  • Allan also has a great sense of humor. Just recently he had organized a symposium that challenged a new construct introduced by Angela Duckworth, the “grit” concept. Again, the symposium was a great success with 900 participants and journalists attending it. One of the journalists wrote an article about the symposium in favor of grit and Angela Duckworth. In this article Allan and others were called “nerdy gritty quantitative researchers”. Because he liked that so much, Allan had made buttons saying “nerdy gritty quantitative researcher”. Allan, I know a lot of people who would love to wear these buttons, including myself!”

After this introduction, the inaugural lecture took place. The title of his presentation was “Expectancies, Values, Performance, and Choice: Research Findings and Personal Reflections”.

In his talk, Allan first adapted a statement from another famous American guy by saying in perfect German language “Isch binn ain Haidelburger” before he looked back on his work (developments in the expectancy value model), presented ongoing work on reading motivation, CORI) and gave an outlook on future plans. We learned his critical position concerning grit, the now famous concept due to Angela Duckworth’s bestselling book about it.

After the ceremony, our faculty gave a public reception at the “Bel Etage”. We were glad to see not only members of our faculty, but also colleagues from Mannheim University, Marburg University, and Dortmund University who wanted to celebrate the new Honorary Professor. Later, a more intimate dinner party was arranged in a nearby restaurant.

Bel Etage

We are happy to have Allan now as a formal member within our faculty (see our list of faculty members) and to have his expertise and advice not only for members of our department but also for our students. Welcome, Allan! Hope to see you often at our department! And we will think about our own mascot - now that we have learned that the U Maryland mascot is Testudo the Terrapin, we have to discuss our options…

see also: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2015/06/17/new-honorary-professors/

Poetikdozentur 2016: Felicitas Hoppe

Wieder einmal gibt es Anlass zur Freude: Als diesjährige Poetikdozentin ist die zeitgenössische Schriftstellerin Felicitas Hoppe in Heidelberg und hat am vergangenen Mittwoch abend (am 1.6.16) ihre erste Poetikvorlesung in der Alten Aula gehalten: “Hoppe: Das bin ich!”. Ein schöner Auftakt mit der spannenden Frage: Ist das 2012 erschienene Buch von Felicitas Hoppe mit dem Titel “Hoppe” eine Biografie? Gar eine Autobiografie? Oder doch “nur” eine Traumbiografie? Der Verlag kündigt es lieber als “Roman” an und weckt damit Zweifel an der Echthheit der Geschichten über Felicitas Hoppe, die in diesem Buch erzählt werden. Hoppe selbst bezeichnet ihr Werk als “Biographie eines träumenden Kindes”.

Auftaktvorlesung zur Poetikdozentur 2016 von Felicitas Hoppe in der Alten Aula

Auftaktvorlesung zur Poetikdozentur 2016 von Felicitas Hoppe in der Alten Aula. Foto: JF.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Der berühmte Satz von Rene Magritte unter dem Bild einer Pfeife ““Ceci n’est pas une pipe” macht deutlich, das Realität und Fiktion manchmal schwer auseinanderzuhalten sind. Wie glaubhaft ist eine Autobiografie? Kann ein “Ich” seine eigene Geschichte schlicht durch Daten und Fakten beschreiben, oder müssen nicht Wünsche und Träume zum tieferen Verständnis herangezogen werden?Hoppe: “Wir sind, was wir wünschen”.

Auch wenn “fh” (so ein im Roman vorkommender oberlehrerhafter Kürzel, mit dem die Autorin gelegentlich korrigierend eingreift) in Wirklichkeit die ersten 19 Jahre ihres Lebens in Hameln verbracht hat - der Traum einer Kindheit im kanadischen Brantford (Ontario) an der Seite von Wayne Gretzky ist schön beschrieben und zeigt und das “Ich” der Autorin vielleicht deutlicher als ihre “wahre” Kindheit in Hameln. Und endlich wird das Rätsel aufgelöst, wohin die vom Rattenfänger angelockten Kinder entführt wurden.

Was bleibt? »Kröne dich selbst, sonst krönt dich keiner!« Unser Ich, unsere Persönlichkeit: das sind (auch) die Geschichten, die wir über uns erzählen. Es gibt ein schönes Buch von Daniel Schacter, dem amerikanischen Gedächtnispsychologen, das 2001 auf Deutsch unter dem Titel “Wir sind Erinnerung” (Original: “Searching for memory“) erschien und deutlich macht: Wie und an was wir uns erinnern, macht unsere Persönlichkeit aus. Deswegen sind Gedächtnisverluste auch immer Verluste der eigenen Persönlichkeit. Ich bin, was ich erzählen kann - diese konstruktivistische Perspektive zeigt Felicitas Hoppe in ihrer Biografie. Schön, dass sie (die schon als Kind Bilder aus dem Codex Manesse an der Wand hängen hatte) nach Heidelberg, in die Unesco City of Literature (seit 2014), gekommen ist!

siehe frühre Einträge zum Thema Peitikdozentur

Mobilitätskonzepte für das Neuenheimer Feld

Kürzlich wurde das langjährig geplante Projekt einer möglichen Strassenbahn-Trasse durch das Neuenheimer Feld (”Campus-Bahn”) beerdigt: Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim hat nämlich am 11.5.2016 den Klagen der Universität und des MPI für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht gegen den Planfeststellungsbeschluss des Regierungspräsidiums Karlsruhe für den Bau der Campus-Straßenbahn stattgegeben. Damit kann die Straßenbahn durch den Campus nicht wie geplant gebaut werden.

Angesichts der schwierigen Verkehrssituation ist zunächst Ratlosigkeit angesagt - müssen wir doch den Bau einer 5. Neckarbrücke (hier altes Material dazu) in Erwägung ziehen? Oder sollte man nicht die neue Situation dazu nutzen, noch einmal radikal von vorne zu planen und etwas wirklich Neues schaffen? Strassenbahnen und Autos sind ja nicht nicht die einzig möglichen Verkehrsmittel - Mobilitätsforscher sehen auch noch andere Dinge in der Zukunft.

Einen wirklich innovativen Vorschlag hat eine Heidelberger Architektengruppe rund um Nils Herbstrieth und Uwe Weishuhn gemacht - schon vor vielen Jahren in einem ersten Anlauf und jetzt, angesichts der neuen Situation nach dem Gerichtsurteil, in einer aktualisierten Form: einen UNIverCITY-Shuttle, den Peoplemover. Eine fahrerlose Hochbahn, die ringförmig den Campus erschließt und über den Neckar Richtung Hauptbahnhof und Bahnstadt die weitere Anbindung schafft.

Bild 21 aus der Ideenskizze von studio-mobile-concepts von 2005 (c) smc

Bild 21 aus der Ideenskizze von studio-mobile-concepts von 2005 (c) smc

Da ich vor kurzem in Miami (Florida) gewesen bin, habe ich dort den Metromover kennen- und schätzengelernt: Selbstfahrende Einheiten, die in zeitlich dichter Folge die Innenstadt ringförmig erschließen und ein sehr angenehmes (in Miami sogar kostenloses) Transportmittel sind. Wenn der Verkehr auf der Strasse zu Zeiten der Rush-Hour dort kollabiert, ist der Metromover eine echte Alternative und macht dank Klimatisierung sogar richtig Spass…

Heidelberg ist nicht Miami - ich weiss! Und trotzdem fände ich es toll, wenn wir hier nicht einfach in den konventionellen Kategorien von Strassenbahn oder Autobrücke steckenbleiben, sondern uns als Universitätsstadt vorbildlich um neue Formen der Mobilität bemühen. Ich könnte mir vorstellen, dass ein solcher Mover eine echte Attraktion werden könnte. Ein Hingucker wäre es auf jeden Fall, aber vielleicht mehr als das. Ich fände es toll, wenn die Entscheidungsträger dieses Vorhaben sorgfältig prüfen und nicht voreilig “ad acta” legen. Vielleicht steckt in der gerichtlichen Ablehnung der “Campus-Bahn” die Chance für ein wirklich stadtprägendes, innovatives Transportmodell. Ich jedenfalls würde mich dafür einsetzen!

der Miami Metromover: https://www.youtube.com/watch?v=UlD3eFLGW8o

ein Blick nach Chicago: https://www.youtube.com/watch?v=6ZLQ0heR4lw

die H-Bahn der Uni Dortmund: http://www.h-bahn.info/de/

Seilbahn-Pläne für Uni Bochum: http://www.pflichtlektuere.com/22/05/2015/zur-uni-schweben-seilbahn-idee-fuer-bochum/

Nachtrag 24.6.2016: Der “Mannheimer Morgen” berichtet in seiner Ausgabe vom 23.6.16 unter dem Titel “Mit Kabinen ins Feld?” folgendes:  (Beginn der Quellenangabe) “Der Verkehrsverbund Rhein-Neckar diskutiert heute in Mannheim über eine Seilbahn über den Rhein und die Heidelberger CDU kann sich eine Hochbahn ins Neuenheimer Feld vorstellen. Wie das funktionieren könnte, will die Partei am Dienstag, 5. Juli, 19 Uhr, bei einer Info-Veranstaltung im “Achter” (Neuenheimer Landstraße 3a) vorstellen.

“Nach dem Scheitern der Campus-Straßenbahn ist es wichtig, Alternativen zu diskutieren. Dazu gehört für die Heidelberger CDU neben einer möglichen Erschließung des Klausenpfads und einer weiteren Neckarquerung, auch andere Optionen in den Blick zu nehmen”, betont Fraktionsvorsitzender Alexander Föhr. “Eine ist die einer Hochbahn zwischen Hauptbahnhof und Neuenheimer Feld.”

Das Büro “studio-mobile-concepts” habe diese durchaus charmante Idee entwickelt und werde sie beim Infoabend vorstellen. Seit 2005 arbeiten Nils Herbstrieth und Uwe Weishuhn an einem automatischen Hochbahnsystem mit Einzelkabinen für bis zu zwölf Personen. Es könne bis zu 7200 Menschen pro Stunde transportieren. sin” (Ende der Quellenangabe)

Nachtrag 8.7.2016: In der heutigen Augabe der RNZ steht ein großer Bericht auf S. 3 - unter dem Titel “Der Nahverkehr geht in die Luft” berichtet RNZ-Redakteuer Holger Buchwald ausführlich über das Projekt und die Resonanz darauf bei einer Vorstellung im Neuenheimer Restaurant “Achter”. Nach den Angaben in der Tageszeitung möchte die Heidelberger CDU den University-Shuttle in den Masterplan-Prozess mit einbringen.

Von Haltbarkeit und Nachhaltigkeit

Die immer wieder spannende Vorlesungsreihe des Studium Generale an unserer Universität steht dieses Semester unter dem Rahmenthema “Manipulation - Wie frei sind wir wirklich?”. Im Kontext dieser interessanten Frage hielt am Montag 2.5.16 unser Kunsthistoriker Henry Keazor einen aufklärenden Vortrag über Wahrheit und Fälschung in der Kunst (siehe auch hier). Am Montag 9.5.16 lautete das Thema “Manipulation - wie frei kaufen wir wirklich?” und beschäftigte sich mit Manipulation in der Warenwelt. Da ich am 9.5. den Vortragenden vorstellen durfte und die anschliessende Diskussion geleitet habe, bin ich tiefer in dieses Thema eingestiegen.

Der gelernte Diplom-Betriebswirt und medial bekannte Verbraucherschützer Stefan Schridde kam aus Berlin und berichtete über seinen Kampf gegen geplante Obsoleszenz. Hinter diesem komplizierten Begriff verbirgt sich ein geplanter Verfall von Produkten, z.B. von Toner-Kartuschen, die nach 1500 bedruckten Seiten aufhören, obwohl sie noch mehr drucken könnten, aber von einem eingebauten Zähler daran gehindert werden. Sein 2013 gegründeter gemeinnütziger Verein “Murks? Nein danke!” kämpft gegen die bewusst vom Hersteller in Kauf genommene verkürzte Lebendauer von Produkten, die durch einfache (und zumeist billige) Änderungen haltbarer gemacht werden könnten.

Stefan Schridde hat nicht nur den Produkt-Murks im Visier, sondern setzt sich auch für eine nachhaltigere, ressourcensparendere Lebensform ein. Braucht wirklich jeder Mann einen Bohrer oder reicht nicht z.B. in einer Wohnanlage ein ausleihbarer Bohrer für die ganze Gemeinschaft? Sein Kredo: Zurück von einer Wachstumsideologie zum Modell eines Kreislaufs von Werden und Vergehen, in dem alte Produkte repariert werden oder zumindest vor dem Wegwerfen auf wiederverwertbare Bestandteile hin ausgewertet werden. Dass wir in unserer Wegwerf-Kultur den Abfall in Nachbars Garten werfen (=afrikanische Müllhalden voll mit Elektronik-Schrott), findet er zu recht schockierend. Im Nachgespräch hat mich Stefan Schridde auf das japanische Konzept des Wabi-Sabi hingewiesen, das eine Wertschätzung des gealterten Objekts darstellt und z.B. seinen Niederschlag in der Reparatur von Keramik-Vasen findet, deren Reparaturstellen vergoldet werden (kintsugi, was in etwa bedeutet “erhöhte Wertschätzung durch Reparatur”). Eine Ästhetik des Flickwerks!

Am Donnerstag dieser Woche fand passend dazu die semesterweise stattfindende Marsilius-Vorlesung statt, über die ich hier schon wiederholt geschrieben habe (Links), und zwar zu einem verwandten Thema: Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn und Mitglied des Bioökonomierats der Bundesregierung, hielt seinen Festvortrag zum Thema “Bioökonomie: Nachhaltig leben und wirtschaften“.

Was bitte ist Bioökonomie? Von Braun sagt: “Bioökonomie bedeutet Biologisierung der Volkswirtschaft” und verfolgt damit das Ziel, Mensch und Natur in Einklang zu bringen; es geht um Erzeugung und Nutzung biologischer Prozesse und Produkte. Beispiele für Produkte sind Autos, die aus biobasierten Kunststoffen bestehen (und wo 30% der Fahrzeugteile kompostierbar sind), oder Häuser, die aus superstabilen Holzsandwichplatten hergestellt sind (in den USA werden daraus inzwischen 12 Stockwerke umfassende Hochhäuser gebaut, in der BRD ist das bislang wohl nur für 3 Stockwerke erlaubt); ein Beispiel für einen Prozess bildet das Kaskadenmodell der Nutzung von Bioprodukten, bei dem verschiedene Stadien eines Biostoffs zu unterschiedlichen Nutzungen führen (und z.B. Raps nicht nur für die Herstellung von Biosprit angepflanzt wird, sondern eine mehrfache Wertschöpfung angestrebt wird).

Ein interessanter Vortrag, der uns allen einen Spiegel vorgehalten hat, wie ungerecht knappe Ressourcen auf der Welt verteilt werden und dass man Nachhaltigkeit je nach der Leistungskraft unterschiedlich streng einfordern muss. Für uns in der “wohlhabenden” Welt ist die Forderung besonders hoch!

Joachim von Braun schlug in seiner Vorlesung zum Schluss einen Bogen von Marsilius von Inghen, dem Gründer einer sehr nachhaltigen Organisation (nämlich der Uni Heidelberg im Jahr 1386, dessen erster Rektor Marsilius war), zu Carl von Carlowitz, der im 18. Jahrhundert den Begriff und das Konzept der Nachhaltigkeit im Kontext der Forstwirtschaft eingeführt hat (siehe auch die Sustainable Development Goals der UN). Der Satz aus Carlowitz’ Buch “Man soll keine alte Kleider wegwerffen / bis man neue hat / also soll man den Vorrath an ausgewachsenen Holtz nicht eher abtreiben / bis man siehet / daß dagegen gnugsamer Wiederwachs vorhanden“ beschreibt das Grundprinzip nachhaltigen Wirtschaftens, über das wir immer wieder nachdenken sollten. Damit verbunden ist eine Philosophie der Genügsamkeit, die in Zeiten der Gier ein wichtiges Korrekturprinzip darstellt.

In seinem Buch „Der Mann ohne Geld“ (2012) hat der britische Wirtschaftswissenschaftler Mark Boyle seine Erlebnisse aufgeschrieben, wie er ein Jahr lang ohne Geld gelebt hat. Seine wichtigste Erkenntnis: „Wenn wir unser eigenes Essen anbauen würden, würden wir nicht ein Drittel wegschmeißen, wie es heute der Fall ist. Wenn wir unsere eigenen Tische bauen müssten, würden wir sie nicht einfach auf den Sperrmüll schmeißen, sobald sich die Mode ändert. Wenn wir unser Trinkwasser selbst reinigen müssten, würden wir es nicht verschwenden.“ Was ein Glück, wenn wir Geld haben und uns das Wegschmeissen leisten können - oder?

PS: Wollen Sie sich beteiligen und Murks melden? Hier kann man das: http://www.murks-nein-danke.de/murksmelden/

CHE Ranking Psychologie 2016

Alle Jahre wieder wird ein Blick auf die aktuellen Hochschulrankings fällig. Gerade ist das neue CHE Psychologie-Ranking 2016 von der ZEIT veröffentlicht worden (Link). Grundlage des Rankings ist eine umfassende Datentabelle. Dazu heisst es: “Im CHE Hochschulranking findet man für jede Hochschule bis zu 37 unterschiedliche Bewertungskriterien - auch Indikatoren genannt.” Diese Indikatoren werden zu acht großen Bereichen zusammengefasst: (1) Arbeitsmarkt- und Berufsbezug, (2) Ausstattung, (3) Forschung, (4) Internationale Ausrichtung, (5) Studienergebnis, (6) Studienort und Hochschule, (7) Studierende, (8) Studium und Lehre.

59 Institute (darunter einige private Hochschulen) aus Deutschland sind auf den verschiedenen Kriterien in eine von drei Kategorien (Spitzen-, Mittel- bzw. Schlussgruppe) eingeordnet worden. Bei den vier Standard-Kriterien (Studiensituation insgesamt, Betreuung durch Lehrende, Forschungsgelder pro Wissenschaftler [T€], Veröffentlichungen pro Wissenschaftler) hat kein Institut 4 x Spitze erreicht, aber unser Heidelberger PI führt das gesamte Feld an zusammen mit 5 weiteren Instituten (Uni Bamberg, TU Dresden, Uni Greifswald, Uni Mannheim, Uni Marburg, Uni Osnabrück) mit jeweils 3x Spitzengruppe und 1x Mittelgruppe (hier das Heidelberger Ergebnis in der Übersicht).

Haben diese Rankings irgend etwas zu bedeuten? Ja und nein. Ja, Rankings sind aussagekräftig, denn sie sagen anhand von objektiven und subjektiven Daten etwas über die verglichenen Institute aus. Selbst wenn man seine eigenen Indikatoren kennt (ich gestehe, dass ich nicht alle kannte), sagen die absoluten Werte zunächst nichts. Ich sehe z.B., dass wir in Heidelberg 1.9 Dissertationen pro Professor und Jahr (errechnet über ein Drei-Jahres-Zeitfenster; der genannte Wert wird zur Spitzengruppe gerechnet) - ist das viel oder wenig? In Kiel sind es 0.7 (Mittelgruppe), in Eichstätt 0.5 (Schlussgruppe). Im Vergleich mit anderen merkt man plötzlich, dass es doch erhebliche Unterschiede gibt, und im Detail finden wir auch für uns in Heidelberg verbesserungsbedürftige Bereiche wie z.B. Räume, Prüfungen, Studieneinstieg.

Nein, Rankings sind aussagekräftig, denn es könnten weitere Kriterien benannt werden, auf denen ein Institut besonders gut wegkommt und die nicht so einfach quantifizierbar sind (z.B. ob die Absolventen zu Toleranz, Mut und Engagement in ihrem Fach angeregt wurde; ob sie Gutes für die Gesellschaft leisten oder nicht - wenn sie etwa gelernt haben, keine neuen Foltertechniken zu entwickeln). Und selbst bei den vorhandenen Kriterien kann man sich über die Bewertung streiten: Ist die pure Anzahl (Spitzenreiter HU Berlin mit 7.1 Publikationen pro Wissenschaftler versus Schlusslicht Eichstätt mit 1.0 Publikationen pro Wissenschaftler) tatsächlich ausschlaggebend? Wir wissen alle, dass es bessere und schlechtere Publikationen gibt. Angenommen, Eichstätter Kolleginnen und Kollegen produzierten Spitzenartikel, die Kolleginnen und Kollegen der HU Berlin dagegen nur Durchschnittsartikel (was kaum zu glauben ist): was sagen die Zahlen dann? An einem 200seitigen Fachbuch arbeite ich normalerweise länger als an einem fünfseitigen Zeitschriftenartikel. Was hat mehr Gewicht? John Ridley Stroop hat überhaupt nur 3 Psychologie-Paper (in den 1920er Jahren) geschrieben - aber der Stroop-Effekt ist bis heute in aller Munde. Manchmal ist 1 spektakuläres Paper mehr wert als 100 Paper, die im Rauschen der Wissenschaft untergehen (wir wissen, dass die allermeisten Veröffentlichungen das Schicksal erleiden, schon nach wenigen Jahren gar nicht mehr zitiert zu werden).

Also: Rankings sind interessant zu lesen, aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich freue mich über das gute Abschneiden unseres Instituts (es bestätigt mein Vor-Urteil :-), aber ich würde mich deswegen nicht über andere Institute erheben wollen, die nicht so gut abschneiden. Alles steht und fällt mit den Kriterien. Gut, dass diesmal so eine breite Auswahl zur Verfügung gestellt wird. Da ist für jeden was drin.

Und last but not least: Natürlich schauen wir auch mal, was andere Fächer an unserer Uni in den Rankings erzielen! Ausgerechnet Biologie und Chemie, die 2016 neu gerankt wurden, kommen nicht so gut weg - dabei fliessen dort wesentlich mehr Mittel hinein als in die Psychologie :-) Vielleicht sollten wir einen Bonus vom Rektorat dafür bekommen, dass wenigstens wir Psychologen die Flagge der Spitzengruppe hochhalten?

Frühere Blog-Einträge zum Thema:

Heidelberger Jahrbücher Online: Band 1 (2016)

Zitat: “Vor 150 Jahren, im Oktober 1807, veröffentlichten neun Heidelberger Professoren die Ankündigung einer Heidelbergischen Literaturzeitung. Zu den Gelehrten, die gemeinsam mit der “Akademischen Buchhandlung” Mohr & Zimmer zum Bezug der “Heidelbergischen Jahrbücher der Literatur” aufforderten, gehörten der Ordinarius für klassische Philologie Georg Friedrich Creuzer, der Theologe Daub, der Staatswissenschaftier Langsdorf, der Jurist Thibaut und der Historiker Wilken.

Die ersten Jahre des Erscheinens dieser neuen Literaturzeitschrift trafen mit dem jähen und kur­zen Aufstieg der Heidelberger Romantik zusammen. Es war ein die Geister lebhaft bewegendes Ereignis, an dem die Universität ihren Teil hatte und das auch in ihren Reihen die Rationalisten von den Romantikern, die “Vossiden” von den “Wunder­hornisten” schied. Zunächst war in den Heidelbergischen Jahrbüchern die romantische Richtung herrschend. Sie machte die Zeitschrift für einige Jahre zu ihrem wichtigsten Rezensionsorgan, an dem die Brüder Grimm, Görres und Savigny mitwirkten und das Goethes Aufmerksamkeit immerhin in solchem Ausmaß weckte, daß er sich 1816 von Sulpiz Boisserée die ersten sieben Jahrgänge “um ein Billiges” erbat. Alfred Kloß hat 1916 in einer von Albert Köster angeregten und zuverlässig unter­richtenden Leipziger Dissertation diese Anfangszeit der Jahrbücher untersucht und beschrieben.

Die Zeitschrift erschien ohne Unterbrechung in 65 Jahrgängen bis 1872 und wurde 1891 im Verlag von G. Koester, Heidelberg, unter dem Titel “Neue Heidelberger Jahrbücher” durch den Historisch-Philosophischen Verein in veränderter Form, jetzt nicht mehr als Rezensionszeitschrift, sondern als ein Jahrbuch mit Auf­sätzen vorwiegend historischen und philologischen Charakters neu herausgebracht.” Zitatende (Quelle: Vorwort des Jahrbuchs von 1957, hrsg. von der Universitätsgesellschaft Heidelberg).

Nach dieser bereits wechselvollen Geschichte, die nur durch die beiden Weltkriege unterbrochen wurde, erschienen die Heidelberger Jahrbücher seit 1950 wieder ohne Unterbrechung. Seit 1999 wird in jedem Band ein fachübergreifendes Thema aus unterschiedlichen Positionen beleuchtet. Ziel ist es, das Gespräch und den Kontakt der Wissenschaften untereinander zu fördern. Seit 2003 ist die Gesellschaft der Freunde (GdF) Herausgeber der Schriftenreihe. Verantwortliches Mitglied für die Jahrbücher ist das langjährige Vorstandsmitglied Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funke, der heutige Vorsitzende der GdF.

Infolge stark gestiegener Publikationskosten wurde der Vertrag mit dem Springer-Verlag 2014 gekündigt, der Band 54 zum Thema Menschenbilder war der letzte noch von Springer verlegte Band. Bereits mit dem Band 55 unter dem Titel “Universität Heidelberg. Menschen, Lebenswege, Forschung” (ein Geschenk der GdF an die Universität zur 625-Jahr-Feier) trat unsere Gesellschaft nicht nur als Reihen-Herausgeber, sondern auch als Verleger auf, allerdings auch in diesem Fall mit nicht unerheblichen Kosten.

Nach einigen Überlegungen beschloss daher der Vorstand der GdF auf meinen Vorschlag hin, in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek die Reihe vom Printmedium auf das digitale Medium (mit Print-Option) umzustellen. Der Titel der Reihe wurde entsprechend umgeändert in “Heidelberger Jahrbücher Online” (HDJBO), die Bandzählung für diese Reihe mit Band 1 im Jahre 2016 neu gestartet. Die digitale Version wird in der “Open Journal System”-Infrastruktur OJS (siehe hier) geführt, deren Finessen unsere Redaktionsassistentin Julia Karl fest im Griff hat.

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 1 (2016)

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 1 (2016)

Eingebunden ist die Reihe in das Programm von Heidelberg University Publishing (HeiUP), dem neuen Open-Access Publikationssystem unserer Universität. HeiUP stellt das Projekt dar, von dem ich seit langem geträumt habe (siehe meinen Blog-Eintrag dazu aus dem Jahr 2010) und das nun dank DFG-Förderung durch die Universitätsbiliothek fachkundig realisiert wird.

Unter dem Titel “Stabilität im Wandel” haben die Band-Herausgeber, der Biologe Michael Wink und der Psychologe Joachim Funke, nun acht Beiträge für den ersten Jahrgang ausgewählt, die aus Sicht sehr unterschiedlicher Disziplinen auf das Thema verweisen: Stabilität im Wandel. Das Wörtchen “im” im Titel ist uns wichtig - mit “und” kann man alles Mögliche verbinden, mit der Präposition “im” legen wir uns dagegen fest: Wandel ist überall, und trotzdem gibt es bei allem Wandel ein erhebliches Ausmass an Stabilität. Das ist eben Stabilität im Wandel. Hier eine kurze Charakterisierung der acht Beiträge (dem Vorwort entnommen):

  • Der Biologe Michael Wink eröffnet mit seinem Beitrag „Panta rhei - Zufall, Wandel und Evolution charakterisieren unsere Welt“ den Grundgedanken unserer Themenwahl: Eine Welt voll von Wandel und dennoch mit von uns Menschen phänomenal wahrgenommener Stabilität. Wandel der Kontinente, des Klimas, der Biodiversität, sozialer Strukturen: Der Gedanke stabiler Verhältnisse scheint aus wissenschaftlicher Sicht eher ein Wunschtraum als die Wirklichkeit zu sein. Diese Wandlungsprozesse sollten ernst genommen werden aus Verantwortung für den Planeten Erde.
  • Der Geograph Hans Gebhardt greift mit seinem Beitrag „Das „Anthropozän“ - zur Konjunktur eines Begriffs“ den Klimawandel auf. Mit der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren beginnt ein neues geologisches Zeitalter - Anthropozän genannt -, das durch menschliche Eingriffe in die Natur gekennzeichnet ist. Gebhardt verdeutlicht, dass der neu geprägte Begriff zwar erfreulicherweise die Aufmerksamkeit auf die enge Verbindung von Natur, Sozialem und Technik lenkt, aber zugleich eine Reihe von kritischen Aspekten mit sich bringt, die seinen Gebrauch fragwürdig erscheinen lassen. Zumindest für die Geographen sei es – so Gebhardt – ein überflüssiger Begriff.
  • Die Biologen Mathias Hafner und Rüdiger Rudolf beschäftigen sich in ihrem Beitrag „Mare nostrum - mare mutatur: die Biodiversität des Mittelmeers im Wandel der Zeiten und unter dem Einfluss des Menschen“ mit den vielfältigen Aspekten des Konzepts „Biodiversität“, das sich als ein sehr dynamisches Konstrukt erweist. Am Beispiel der Artenvielfalt des Mittelmeers werden zahlreiche Phänomene dieses marinen Ökosystems diskutiert. Der nur Teilen erfolgreiche Aufbau nachhaltiger Fischerei durch marine Schutzzonen zeigt, daß noch mehr getan werden muß, wenn man das Mittelmeer als Biodiversitäts-Hotspot erhalten möchte.
  • Die Physiker Jörg Hüfner und Rudolf Löhken beschreiben „Die zwei Wege des Georges Lemaître zur Erforschung des Himmels“. Der Belgier Georges Lemaître (1894-1966) hat sich dem Himmel als Physiker und als Geistlicher genähert. Als Physiker war er der Entdecker der Expansion des Universums und hat auch als erster die Idee des Urknalls formuliert. Als Geistlicher hat er die Vorstellung eines „verborgenen Gottes“ entwickelt – eine Idee, die mit seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten durchaus in Einklang zu bringen war. Wandlung durch Expansion, Stabilität durch ein Schöpferkonzept: auch hier ein Echo unseres Rahmenthemas.
  • Der Mediziner Ernst G. Jung und der Psychologe Joachim Funke widmen sich mit dem Thema „Kosmetik im Wandel der Jahrtausende“ einem Bereich, der über die gesamte bekannte Geschichte hinweg Menschen beschäftigt hat: Wie kann man seine äußere Erscheinung durch Hilfsmittel verschönern? Ein stabiles Anliegen von Menschen mit immer neuen Ausdrucks- und Erscheinungsformen. Schönheitskonzepte werden ebenso angesprochen wie die moderne Kosmetikindustrie, die mit unseren kulturell vermittelten Bedürfnissen Geld verdient.
  • Der Medienwissenschaftler Hans Giessen befasst sich unter dem Titel „Mediengestaltung im Wandel der Technologien - Wie Handys die Videoproduktion verändern“ mit den verschiedenen medialen Erscheinungsformen bewegter Bilder. Im Vergleich zu Kino und Computermonitor wird der kleine Schirm des Handys näher betrachtet: was bleibt gleich, was ändert sich? Sowohl formale als auch inhaltliche Aspekte sind durch das Medium „Handy“ in neue Formen verwandelt worden – Stabilität im Wandel auch hier!
  • Mit dem Kapitel „Psychiatriereform in Deutschland. Vorgeschichte, Durchführung und Nachwirkungen der Psychiatrie-Enquête“ des Psychiaters Heinz Häfner liegt ein spannender Erfahrungsbericht über den Wandel im Umgang mit psychisch Kranken vor. Die durch durch die Psychiatrie-Enquête ausgelöste Reform der psychiatrischen Versorgung, an der der Autor (zugleich Gründer des ZI Mannheim) maßgeblich beteiligt war, zeigt nicht nur ein Stück Geschichte der Gesundheitspolitik, sondern verdeutlicht auch einen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit psychisch Kranken, der in Deutschland wie sonst nirgendwo vollzogen wurde. Das Phänomen psychischer Erkrankungen bleibt stabil, der gesellschaftliche Umgang damit hat sich drastisch geändert.
  • Der Historiker Detlef Junker beleuchtet in seinem Beitrag „Botschafter Jacob Gould Schurman und die Universität Heidelberg“ ein interessantes Kapitel der Geschichte deutsch-amerikanischer Beziehungen. Die bewegte und wechselvolle Geschichte der Beziehungen zwischen der Universität Heidelberg und den USA wird am Beispiel der Spendenkampagne für ein neues Kollegiengebäude am Universitätsplatz deutlich: War zunächst in den 1920er Jahren zunächst große Freude über das Engagement amerikanischer Freunde angesagt, hat sich diese Einschätzung nach der Machtergreifung durch die Nazis verändert. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte der Faden wiederaufgenommen werden und in Form des heutigen „Heidelberg Center for American Studies“ (HCA) zu neuen Ehren gelangen, das vom Autor des Beitrags gegründet wurde. Auch hier: Stabilität der Beziehungen und Wandel im äußeren Erscheinungsbild.

Wie man sehen kann, umfassen die Themen eine breite inhaltliche Auswahl, die die Omnipräsenz des Rahmens „Stabilität im Wandel“ belegen. Dies passt zum Anspruch der Universität Heidelberg, als Volluniversität eine große Spannbreite inhaltlicher Schwerpunktsetzungen abdecken zu können und damit einseitige Perspektiven zu vermeiden.

Michael Wink und ich sind gespannt, wie das neue digitale Format ankommt und wie unser Jahrgangsthema aufgenommen wird. Feedback ist erwünscht!

Frühere Blog-Einträge zum Thema Heidelberger Jahrbücher: