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Exzellenzuni Heidelberg: Nächste Runde

Ende September sind die Entscheidungen über eine wichtige Hürde der aktuellen Exzellenzinitiative gefallen: N=88 Anträge auf Exzellenzcluster waren von einem internationalen Expertengremium unter Leitung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)  in die Kategorien “grün” (uneingeschränkt förderwürdig; N=46), “gelb” (eingeschränkt förderwürdig; N=12) und “rot” (nicht förderwürdig; N=30) sortiert worden. Die zur Verfügung stehenden 385 Mio Euro jährlich (75% Bund, 25 % Sitzland) sollten für insgesamt 45-50 Verbünde reichen. Eigentlich alles gut, wäre da nicht noch die Politik mit im Spiel. Auf Druck von Wissenschaftsministern einzelner Bundesländer wurden am Ende von den 12 gelben Clustern immerhin 11 doch noch für eine Förderung vorgeschlagen. Die jetzt geförderten 57 Forschungsverbünde (davon nur 8 aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften) werden mit geringeren Fördersummen ausgestattet, da die gesamte Fördersumme nicht erhöht wurde. Und jetzt war die große Frage: wer schafft es, mit mindestens zwei geförderten Verbünden ins Rennen zu gehen? Nur diese “Glücklichen” dürfen nämlich dann in den nächsten zwei Monaten bis Dezember 2018 ein “Zukunftskonzept” erarbeiten. Die Liste der als förderfähig erachteten Anträge und eine zugehörige Landkarte findet man hier.

In der Bewertung der jetzt erfolgten Begurtachtung schreibt die Wissenschaftsjournalistin der FAZ, Heike Schmoll, in ihrem Beitrag mit dem Titel “Die Spitze liegt in der Breite” vom 28.9.18: “… eine der forschungsstärksten Universitäten in Heidelberg [hat] mit Mühe ihre zwei Cluster (davon eine im Verbund mit dem Karlsruher Institut für Technologie/KIT) durchbe[kommen]. Offenbar gehört der mit dem KIT eingereichte zu den am schwächsten bewerteten überhaupt.” Uff! Und dabei waren wir mal mit sieben (!) Skizzen gestartet (siehe meinen früheren Blog-Eintrag), von denen aber nur drei zum Vollantrag aufgefordert wurden und davon wiederum nur zwei überlebt haben. Die beiden jetzt erfolgreichen Cluster sind:

  • STRUCTURES: A unifying approach to emergent phenomena in the physical world, mathematics, and complex data. Sprecher sind die Heidelberger Wissenschaftler Prof. Dr. Manfred Salmhofer (Institut für Theoretische Physik), Prof. Dr. Anna Wienhard (Mathematisches Institut) und Prof. Dr. Ralf S. Klessen (Zentrum für Astronomie).
  • 3D Matter Made to Order. Sprecher sind Prof. Dr. Martin Wegener (KIT, Institut für Angewandte Physik / Institut für Nanotechnologie) und Prof. Dr. Uwe H. F. Bunz (Universität Heidelberg, Organisch-Chemisches Institut). Siehe hierzu: https://www.3dmattermadetoorder.kit.edu/
Man kann sich fragen, wie repräsentativ diese beiden Cluster für die Volluniversität Heidelberg sind - natürlich sind die Naturwissenschaften Glanzlichter unserer Universität, aber zugegeben wollen wir als Volluniversität ja gerade auch mit Medizin, Sozial- und Geisteswissenschaften punkten. Die Vielfalt ist das, worauf wir zurecht stolz sind. Die beiden Cluster, die das Rennen überlebt haben, können diese Vielfalt gar nicht adäquat abbilden (wollen sie auch gar nicht).

Zitat aus dem Blog des Wissenschaftsjournalisten Jan Martin Wiarda: “Insgesamt dürfen nach der Cluster-Verteilung noch 17 Universitäten auf den Titel Exzellenzuniversität hoffen, und zwar Kiel, Hamburg, Bochum, Bonn, Aachen, Köln, Dresden, TU München, LMU München, Tübingen, Konstanz, Freiburg, Karlsruhe, Heidelberg, Stuttgart, Münster und Braunschweig. Dazu kommt der Berliner Verbund aus drei Universitäten (plus Charité) – und das Hannoveraner Duo aus Uni und MHH. Also insgesamt 19, wie das in der ExStra-Sprache heißt, “Förderfälle” – und konkret auch alle bisherigen Exzellenzuniversitäten bis auf Bremen. Elf Exzellenzuniversitäten sollen im Juli 2019 prämiert werden. Soll heißen: Es wird nochmal spannend nächstes Jahr.”

Wie ist die Lage aus Heidelberger Sicht zu bewerten? Schwer zu sagen! Insgesamt elf Exzellenzuniversitäten sollen im kommenden Sommer gekrönt werden und neben dem Titel ” Exzellenzuniversität” die begehrten freien Mittel in jährlich zweistelliger Millionenhöhe (bis zu 15 Mio) erhalten. Wieviele dieser Finalisten werden aus Baden-Württemberg kommen? Wäre schön, wenn wir in Heidelberg mit dabei wären!

siehe auch den ausführlichen Kommentar von Jan Martin Wiarda: https://www.jmwiarda.de/2018/09/27/57-exzellenzcluster-pr%C3%A4miert/

siehe auch meinen Blog-Eintrag von 2012: “ExIni Zwei: Wir sind dabei

Dietrich Dörner zum 80. Geburtstag

DGPs)

Joachim Funke, Dietrich Dörner, Christina Bermeitinger, Wolfgang Schoppek (Foto: DGPs)

Einer meiner wichtigsten akademischen Bezugspersonen, Dietrich Dörner (Universität Bamberg), wird heute 80 Jahre alt. Dazu ganz herzlichen Glückwunsch! Auf der eben abgeschlossenen Frankfurter DGPs-Tagung haben Wolfgang Schoppek und ich ein kleines Symposium zu seinen Ehren organisiert - hier dessen Inhalt:

  • Erfolgreiche und erfolglose Versuche beim Erforschen sehr komplexer Systeme. - Joachim Funke (Universität Heidelberg)
  • Beyond psychometrics: The difference between difficult problem solving and complex problem solving. - Jens Beckmann (Durham University), Natassia Goode, Damian Birney
  • Following-up on Dörner’s advice: The role of simulation tools in alleviating stock-flow. - Medha Kumar (Indian Institute of Technology), Varun Dutt
  • Die Entwicklung von Werkzeugen zur Qualifikation und Arbeitsgestaltung für komplexe Arbeitssysteme. Anwendung und Weiterentwicklung der Theorie Dietrich Dörners. - Rüdiger von der Weth (HTW Dresden), Ulrike Starker
  • To what extent can ACT-R models address Complex Problem Solving? - Sabine Prezenski (TU Berlin), Andre Brechmann, Susann Wolff, Nele Russwinkel
  • Neues aus der Schneiderwerkstatt: Die Tailorshop-Mikrowelt als Open-Source Web-Anwendung. - Daniel Holt (Universität Heidelberg),  Johannes Hofmeister, Joachim Funke
  • Quo vadis, komplexes Problemlösen? Neue theoretische Impulse. - Wolfgang Schoppek (Universität Bayreuth)

Vorgeschaltet war eine Würdigung der Fachgruppe Allgemeine Psychologie, vorgetragen von deren Vorsitzenden, Christina Bermeitinger (Universität Hildesheim). Ich habe Christina gebeten, mir ihre Würdigung für meinen Blog zur Verfügung zu stellen. Diesem Wunsch ist sie sofort nachgekommen - danke dafür! Daher folgt hier:

Gastbeitrag von Christina Bermeitinger: “Grusswort der DGPs-Fachgruppe Allgemeine Psychologie zum 80. Geburtstag von Dietrich Dörner”

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste, liebe Wegbegleiter und Freunde von Dietrich Dörner, und ganz besonders: lieber Herr Dörner,

seien Sie herzlich willkommen! Wie gesagt, insbesondere lieber Herr Dörner, schön, dass Sie hier auf dem DGPs-Kongress sind und dass Sie doch noch reingelassen wurden! Das mit Dietrich Dörner und dem DGPs-Kongress scheint nämlich nicht immer eine Beziehung wechselseitiger Zuneigung zu sein. Dietrich Dörner widmet etwa das Schlusswort seiner 2017 erschienenen Selbstdarstellung dem DGPs-Kongress (sozusagen) und er moniert darin die kaum vorhandene Rezeption des Kongresses durch Presse und Gesellschaft – oder vielmehr bemängelt er die dadurch zum Ausdruck kommende mangelnde Relevanz psychologischer Forschung, Theorien und Themen für die Gesellschaft.

Vielleicht war es damit ein kleiner Racheakt, dass auch beim dritten Anlauf die Anmeldesoftware des diesjährigen Kongresses sich weigerte, Herrn Dörners Zahlung zu akzeptieren und ihn zum Kongress zuzulassen. (Tja, von wegen KI bedeute womöglich Künstlicher Idiot – nein, ich werte das als eindeutiges Zeugnis Künstlicher Intelligenz! Und vielleicht hat der Computer hier insgeheim ein bisschen gelacht – wer weiß schon, wie sich Computerlachen ausdrückt!)

Nun gut, wie wir sehen ist – mithilfe humaner Kongress-Hilfe – die analoge Anmeldung offenbar doch noch geglückt. Also: Schön, dass Sie hier sind! Ich bin Christina Bermeitinger und heute hier in meiner Funktion als Sprecherin der Fachgruppe Allgemeine Psychologie. Kurz etwas zum Ablauf der folgenden 30 (plus 90) Minuten: Von mir folgt gleich die Vorstellung von Leben und Werk Dietrich Dörners sowie (damit verbunden) ein Grußwort der Fachgruppe, im Anschluss werden Rüdiger von der Weth und Ulrike Starker etwas zu (ihrem) Leben und Wirken von und mit Dietrich Dörner vorstellen. Und dann freuen wir uns sehr auf das Symposium „Komplexes Problemlösen – Dietrich Dörner zum 80. Geburtstag“, das von Wolfgang Schoppeck und Joachim Funke organisiert wurde. Zunächst also nun von mir der Beitrag der Fachgruppe.

Üblicherweise stelle ich mich zur Vorbereitung auf Grußworte oder Reden vor mein Bücherregal zu Hause, insbesondere stelle ich mich dafür gerne vor die Bilderbuchabteilung, um Anregungen und Zitate für den entsprechenden Text zu sammeln. In diesem Fall war es jedoch etwas anders, hatte aber auch mit einem Buch und Bücherregalen zu tun. Es war nämlich so: Etwa zu Beginn dieses endlosen, jetzt zu Ende gehenden Sommers wurde die Fachgruppe zu dieser Veranstaltung eingeladen. Es war klar, dass es um Dietrich Dörner gehen solle.

Zu dieser Zeit hatte ich – in meiner momentanen Funktion als Institutsleitung des Psychologie-Instituts in Hildesheim – den Auftrag der Bibliothek erhalten, doch gemeinsam mit unserer Bibliotheksbeauftragten das komplette Sortiment der Psychologie in Augenschein zu nehmen. Insbesondere sollten wir markieren, welche Bücher schon mal ins Archiv wandern könnten. Da standen wir also zu zweit zwischen den Regalen und sind an manchen Stellen des nicht allzu zahlreich bestückten Psychologie-Sortiments ein wenig unglücklich geworden – insbesondere dort, wo es mehrere Regalbretter lang z.B. um Träume ging oder um Psychiatriegeschichte.

Da standen wir also nun, teilweise saß ich auch auf dem Boden für die Bücher ganz unten, und beklebten die Bücher, die ins Archiv können, mit blauen Punkten, und die Bücher, die weg oder mindestens irgendwo anders hin sollten (in die Ratgeber-Ecke oder die Soziologie oder was auch immer) mit roten Punkten. Nach ein paar Regalen hatten wir die Anfangshemmungen („Es sind doch Bücher!“ – „Ja, aber es sind völlig veraltete, nicht wissenschaftliche oder einfach total unpassende Bücher.“) überwunden und die Klebepunkte wechselten mit flinker werdender Hand auf die Buchrücken.

Und als ich da gerade saß und eine der unteren Reihen bearbeitete, stieß ich auf drei Exemplare eines Werkes mit braunem Leineneinband, alles offenbar deutlich ältere Jahrgänge und schon recht abgegriffen. Inzwischen hatte ich mir einen eindeutigen „im Zweifel weg“-Bias zugelegt, so dass ich schon die blauen „Archiv“-Punkte zückte. Dann sah ich Teile des Titels: Irgendwas mit „Misslingen“ – (schon wieder etwas aus der Kategorie „Ratgeberliteratur“?!?). Da fiel beim Aufschlagen des Werkes mein Blick endlich auf den Autor – Dietrich Dörner. Nun, die blauen Punkte konnte ich an dieser Stelle sparen und alle drei Exemplare stehen selbstverständlich unbepunktet weiter im Regal der Bibliothek (so sie nicht gerade ausgeliehen sind).

Als äußerst komprimierte – fast loriotesk anmutende – „Weisheit“ aus diesem Buch kann man mitnehmen: „Strategisches Denken ist möglich, aber nicht einfach.“ Zu Hause habe ich mich dann aber doch auch noch vor meine Bücher gestellt – und bin fündig geworden. „Leben mit Widersprüchen, Aufmerksamkeit auf soziale und ökologische Zusammenhänge, Möglichkeiten der Wahl, Bedeutung des Selbstbewusstseins, Fähigkeit zur Sorge, Offenheit für Erfahrungen…“

Das klingt fast wie eine Zusammenfassung vieler Aspekte, die beim Umgang mit komplexen Problemen, denen Dietrich Dörner einen großen Teil seiner Forschungstätigkeit gewidmet hat, eine Rolle spielen. Das Zitat stammt allerdings aus Wilhelm Schmids „Philosophie der Lebenskunst“. An der Parallele zeigt sich jedoch bereits ein zentrales Moment der Forschungsmotivation von Dietrich Dörner: Wie bei der Lebenskunst und bei Wilhelm Schmid geht es Dietrich Dörner um die Zusammenhänge, es geht um Freiheit, um Wahlmöglichkeiten und im Wesentlichen geht es um alles – kein einzelner Teil des Systems, sondern das System selbst, das Leben, die Seele, der Geist als solcher und Ganzes stehen im Fokus des Interesses. Und auch wenn einiges an Forschung und Literatur, die Dietrich Dörner hervorgebracht hat, sehr mechanisch klingen mag („Bauplan einer Seele“ oder „Die Mechanik des Seelenwagens“), so geht es ihm doch immer um den Menschen, um das, was ihn im Innersten zusammenhält.

Der Weg zu einem Verständnis von allem ist iterativ und bei Dietrich Dörner nahm das Interesse an einem Verständnis seinen Anfang in – der Bundeswehr, die ihn aufgrund der Beobachtung zahlreicher „Beispiele merkwürdigen Verhaltens“ überhaupt erst zur Psychologie gebracht hat. Sein Studium, das er 1965 mit dem Diplom in Psychologie abschloss, ging jedoch weit über die Psychologie hinaus – er hat sich sein Handwerkszeug in dieser Zeit zusammengesucht, hat Kurse in Neurophysiologie, Logik und Mathematik belegt und sich das Programmieren beigebracht und er brachte es damals sogar so weit, dass er mit der Nachtrechenerlaubnis geadelt wurde – zwei, drei Nachtstunden ganz allein zum Rumprobieren und Experimentieren! Es war also eher ein Studium Generale (mit Anspielung auf Generalschlüssel), in einer Zeit, in der die Psychologie anfing, eine Naturwissenschaft zu werden.

Um nun psychische Prozesse nachzubilden (und im besten Falle zu verstehen), hat er Simulationsprogramme geschrieben. Seine Dissertation widmete sich einer Theorie des Denkens mit Klassenbegriffen, die Theorie hat er auf den Computer gebracht. Das Verhalten des Computers hatte sehr große Ähnlichkeit mit dem Verhalten von Versuchspersonen. Danach hat er nach-gedacht und kam zu der Erkenntnis, dass dem Computer doch aber gerade DAS wesentliche Element menschlicher Intelligenz fehlte – nämlich sich ad hoc auf neue und fremde Aufgaben einzustellen und Lösungswege selbständig zu generieren. Ein intelligenter Computer war also noch lange nicht geschaffen; Diese Erkenntnis zog Ernüchterung und Enttäuschung nach sich.

Zusammen mit Gerd Lüer untersuchte Dietrich Dörner im Anschluss an diese Erkenntnis dann das Problemlösen. Die Leitfrage für Dietrich Dörner war hierbei: „Kann man […] Atome des Denkens finden, aus denen die vorangegangenen Teilprozesse des deduktiven Denkens als Moleküle zusammengesetzt sind?“ Die so geleitete Forschung führte zu einer – nach Dietrich Dörners eigener Aussage – wenig rezipierten, jedoch für eine Habilitationsschrift als geeignet beurteilten – Entdeckung. Es ging um elementare, neuronal interpretierbare Prozesse, aus denen Denken zusammengesetzt ist, und wie dies wiederum etwa mit Gefühlen zusammenhängt.

Danach folgte wieder eine enttäuschende Einsicht: Ein bestimmter Realitätsbereich des klaren, deduktiven und durchschaubaren Denkens war beschreibbar geworden. Der Computer jedoch war noch immer nicht „intelligent“, konnte nicht denken im Sinne eines kreativen, phantasievollen und auf neue Situationen ohne klar umrissene Aufgaben, Möglichkeiten und Zielbeschreibungen adaptiven „Abenteurers“. Dietrich Dörner erfuhr hier die Einschränkungen der experimentellen „Puristik der Psychologie“. Dies hat ihn nun weggführt – und zwar wohin?

Wir sind inzwischen in den 70er-Jahren angelangt. Die (nicht nur) psychologische und nicht nur Ausbildung erfolgte vom Studium bis zur Habilitation in Kiel. Danach hatte Dietrich Dörner Professuren oder Lehrstühle in verschiedenen Städten inne. Die Preisfrage lautet nun: Mit welchen Orten bringen Sie Dietrich Dörner am meisten in Verbindung? Gut, er war Hochschullehrer in Düsseldorf, in Gießen und schließlich in Bamberg, wo er seit 2005 Emeritus am Institut für Theoretische Psychologie ist. Er war Leiter der Max-Planck-Projektgruppe für Kognitive Anthropologie in Berlin. Und seit 2016 ist er zudem Ehrendoktor der Universität Heidelberg. Aber die Orte, die mit Dietrich Dörner wohl am meisten assoziiert werden, sind – Lohhausen und Tanaland.

Dietrich Dörner konstruierte virtuelle Enklaven (Lohhausen oder Tanaland und ähnliche) mit unklaren Situationen; es gab keine festen Lösungsmethoden, es war alles nicht so ganz durchschaubar, falsch und richtig gab es nicht pauschal, sondern etwas war situationsabhängig besser/richtig oder schlechter/falsch. Die Versuchspersonen waren Politiker (beispielsweise Lohhausen-Bürgermeister) in diesen unklaren ökologisch-wirtschaftlich-politischen Situation. Das Oberthema war „Denken in komplexen Situationen“.

Feststellbar waren starke interindividuelle sowie intra-individuelle Unterschiede in den angewandten Strategien der Versuchspersonen. Das Verhalten der Versuchspersonen ergab sich aus der untrennbaren Einheit von Wahrnehmung, Emotionen, Lernen und Denken – eine Trennung in Hot und Cold Cognition war entweder unmöglich oder sinnlos. Aus den Erkenntnissen und der akribischen Analyse seltener, jedoch äußerst aufschlussreicher Aussagen der Versuchspersonen, die bestimmte Denkfehler offenbarten, ist das eingangs bereits eingeführte überaus erfolgreiche Buch „Die Logik des Misslingens“ entstanden.

Seit den 80er-Jahren (und heute noch immer – iterativ das Stichwort) hat Dietrich Dörner dann versucht, eine Theorie zu finden für die Gesamtorganisation des Verhaltens. Das Ziel war eine vollkommen formale Theorie der psychischen Prozesse, bei der der Seele als Steuerungsprinzip des Verhaltens die entscheidende Rolle zukommt – und das im Gegensatz zum Rest der Psychologie, die nach Dörners Einschätzung dieses Steuerungsprinzip ignoriert, um nur den Output zu untersuchen. Mit Emo-Regul wurde ab 1984 ein System für die menschliche Seelenstruktur gebaut, mit einem Motivsystem, Regulationen, einem Gedächtnis und einem Wahrnehmungssystem; mit der PSI-Theorie hat Dietrich Dörner eine Theorie begonnen, die am Ende ein komplettes Lebewesen mit Kognition, Emotion und Motivation abbilden können soll. Daran wird noch heute gearbeitet.

Theoretische Psychologie ist Dietrich Dörner ein ganz besonderes Anliegen, nicht nur als ehemaliger Inhaber eines Lehrstuhls für Theoretische Psychologie und ehemaliger Direktor eines Instituts für Theoretische Psychologie. Theorien sollten aus der Beobachtung von Einzelfällen entstehen und Einzelfälle sollten aus der Theorie ableitbar und erklärbar sein. Der Rückbezug auf (gute) Theorien ist eine Forderung, mit der Dietrich Dörner heute nicht alleine ist – Empfehlungen etwa der DGPs sowie des Wissenschaftsrates fordern diese ebenfalls ; deren Umsetzung gehen andere jedoch weniger selbstverständlich an als er.

Dietrich Dörner gehörte nie zum Mainstream der (Allgemeinen) Psychologie, was jedoch die DFG nicht davon abgehalten hat, ihm den wichtigsten deutschen Forschungspreis, den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, zu verleihen und er wurde auch mit einer Reihe weiterer Auszeichnungen und Ehrungen bedacht, etwa war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin oder auch Fellow des Hanse-Wissenschaftskollegs Delmenhorst. Dietrich Dörner selbst attestiert sich, dass er wohl „wissenschaftstheoretisch“ nicht so ganz auf der Linie der Fachgruppen-Ideologie zu liegen scheine (darüber sprechen wir nochmal). Freunde sagen über Dietrich Dörner, dass sie einigen seiner Ansichten stets vehement widersprechen werden, dass seine Ideen und Vorstellungen es jedoch immer wert waren und sind, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Dietrich Dörner war Pionier der Problemlöseforschung und im Bereich der Computersimulationen. Er hat das Verhalten historischer Personen ergründet und eben Einzelfälle analysiert. Er setzte damit Methoden ein, die manche (nicht zuletzt Dietrich Dörner selbst) als außerhalb der Psychologie (eventuell sogar der Wissenschaft) betrachtet haben. Jedoch gestehen sie ein, dass Dietrich Dörner damit einen Anlass liefert, sich mit Möglichkeiten einer alternativen (Allgemeinen) Psychologie auseinanderzusetzen. Dietrich Dörner biete genügend Gründe dafür, über den Tellerrand unserer Alltagsforschung hinaus zu sehen.

Wenn man Dietrich Dörners Selbstdarstellung liest, offenbart sich, dass er dem Diktum von Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) „Man sollte nie so viel zu tun haben, dass man zum Nachdenken keine Zeit mehr hat.“ folgt. Es wird außerdem deutlich, dass Dietrich Dörner Forschung grundsätzlich als Kooperation betrachtet – er schreibt stets von „wir“, nennt „1000 tolle Leute“, man kann die Wertschätzung gegenüber seinen Mit-Denkern spüren – er lebt hier das vor, was die DGPs in ihren Empfehlungen zur Qualität der psychologischen Forschung 2016 veröffentlicht hat. Die inhaltlichen Themen, über die Dietrich Dörner forscht (Denken, kreative Herangehensweisen, Simulationen, integrative Betrachtung, Ineinandergreifen von Prozessen, Einflüsse von anderen und Gruppen) gehören inhärent zu dem, wie er forscht, dazu.

Dietrich Dörner beschäftigt sich mit den grundsätzlichen und grundlegenden Fragen des Funktionierens der Seele, im Kern also mit einer integrativen Allgemeinpsychologie (einer Allgemeinpsychologie im Gesamten sozusagen, also mit Kognition, Emotion und Motivation). Darüber hinaus hat er wichtige Impulse gegeben und Diskurse angestoßen in der Differentiellen Psychologie und auch der Sozialpsychologie. Und schließlich hat er wichtige Beiträge zur Methodenlehre geleistet, indem er insbesondere – wie vorher schon erwähnt – vor blindem Experimentieren warnt, neue Möglichkeiten aufzeigt und die klare Ableitung von Theorien und aus Theorien fordert.

Dietrich Dörner hat sich nicht nur in seiner Forschung außerordentlich engagiert. Er war auch als Herausgeber an der Zeitschrift „Sprache und Kognition“, die 1981 gegründet und 2000 eingestellt wurde, maßgeblich beteiligt. Darüber hinaus war Dietrich Dörner ein „psychologischer Wegbereiter der Wiedervereinigung“ oder mindestens ein „Wegbereiter der psychologischen Wiedervereinigung“. Als wesentlicher Initiator eines Projekts im Rahmen des Abkommens zur wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit zwischen den beiden deutschen Staaten hat Dietrich Dörner eine fruchtbare Kooperation trotz aller politischer Herausforderungen aufgebaut. Dörner, Spada, Hermann, Klix, van der Meer – das sind Namen, die zu dieser Kooperation dazugehörten. Es gab Workshops, gemeinsame Projekt und gemeinsame Publikationen und durch ganz praktische Unterstützung (Beispielsweise Einladungen zum Internationalen Kongress der Psychologie nach Sydney) eröffneten sich für manche der ostdeutschen Kolleginnen vorher ungreifbare Möglichkeiten mit sehr positiven und nachhaltigen Konsequenzen.

Dietrich Dörner ist Mitglied der Fachgruppe Allgemeine Psychologie, die es „erst“ seit 1996 gibt, und engagiert sich bisweilen auch hier, ganz aktuell hat er sich im Mai gemeldet, um als Mentor für den Nachwuchs zur Verfügung zu stehen. Vielen Dank dafür!

Am Ende möchte ich nun den Versuch eines Brückenschlags (verbunden mit einem kleinen Versöhnungsangebot – nicht nur dadurch, dass die Resonanz auf den Kongress in der Presse deutlich gesteigert werden konnte) wagen, von der Lebenskunst über den DGPs-Kongress und Frankfurt zu Dietrich Dörner. Wie mag dieser Brückenschlag gelingen?

Das Motto des diesjährigen Kongresses lautet „Psychologie gestaltet“. Frankfurt hat damit dem Kongress ein Motto gegeben, das nicht nur zur Psychologie, sondern auch sehr gut hierher nach Frankfurt passt. Den bereits viel zitierten Gestaltpsychologen um Wertheimer war es ein Anliegen, „die gute Gestalt“ zu finden – und dieses Anliegen im weiteren Sinne bezüglich einer guten, ganzen, gestalthaften, einheitlichen Theorie kann man auch bei Dietrich Dörner finden. Selbst die Betrachtung und Analyse der Historie stellt eine Parallele dar: Der Campus mit zahlreichen Reflexionen seiner Vergangenheit auf der einen Seite und Dietrich Dörner mit der Analyse historischer Personen und Situationen auf der anderen Seite. Neben diesen beiden Bezügen passt das Motto des Kongresses noch aus einem weiteren Grund sehr gut nach Frankfurt (und zu Dietrich Dörner). Beispielsweise schreibt der Frankfurter Designer Dieter Rams in seinem Tokyo Manifest (Mai 2009): „Design [dementsprechend Gestaltung] fängt [daher] mit Nachdenken an.“ Mit Wilhelm Schmid (und seiner Lebenskunst) frage ich nun und gebe die Antwort: „Warum [überhaupt] gestalten? Aufgrund der Kürze des Lebens. Das also ist das finale Argument.“

… am Ende einer Würdigung und Verbeugung anlässlich des anstehenden 80. Geburtstags eines außergewöhnlichen und streitbaren Psychologen, eines Nachdenkers, Vorreiters und Gestalters unseres Faches: Dietrich Dörner.

Stiftungssymposium “Lass mich wachsen!

Im Frühjahr 2018 hat ein Flaggschiff-Projekt unserer „Stiftung Universität Heidelberg“ stattgefunden. Wissenschaftler aus sieben Ländern diskutierten im April beim „1. Heidelberger Stiftungssymposium“, das im Internationalen Wissenschaftsforum der Universität Heidelberg (dem ehemaligen Sitz des PI auf der Hauptstr. 242) veranstaltet wurde, über das Thema Selbstregulation und mentale Gesundheit sowie über die Frage, was die Entwicklung entsprechender Kompetenzen begünstigt oder behindert. Wie gut wir eigene Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse regulieren können, ist entscheidend für das Wohlbefinden und die Produktivität in jeder Lebensphase.

Sabina Pauen beim Vortrag in der Heuscheuer

Sabina Pauen beim Vortrag in der Heuscheuer

Am vergangenen Freitag nachmittag (dem 21.9.18) wurden nun ab 17:00 in der „Heuscheuer“ (dem Hörsaal hinter dem Marstall, Große Mantelgasse 2) die Ergebnisse des wissenschaftlichen Symposiums aus dem Frühjahr nun für eine breitere Öffentlichkeit präsentiert. Meine Kollegin Sabina Pauen hat es übernommen,  den Eröffnungsvortrag zu halten – er trug den schönen Titel „Lass mich wachsen! Kann Selbstregulation die Entwicklung von Kindern stärken?“. Darin wurde deutlich gemacht, dass selbstregulative Fähigkeiten im Kindesalter geübt werden sollten, weil sie für den späteren Lebensweg von großer Bedeutung sind. Der gerade verstorbene deutschstämmige Psychologe Walter Mischel (1930-2018) hat in den 1960er Jahren den inzwischen legendären Marshmallow-Test erfunden, in dem ein kleines Kind in einem Raum allein gelassen wird mit einem Marshmellow vor sich. Das Kind kann die Süßigkeit sofort essen oder aber wartet ein paar Minuten und erhält dann die doppelte Menge. Dieser Versuchungssituation zu widerstehen, so Mischel, sagt Kompetenzen im späteren Lebensalter voraus: Wer warten kann, ist klüger, lebt zudem gesünder und ist glücklicher.

Sabina Pauen machte deutlich, dass die in in der Psychologie so genannten “exekutiven Funktionen” von entscheidender Bedeutung für die Selbstkontrolle sind. Dies machte sie mit vielen Beispielen deutlich. Das zahlreich erschienene Publikum (in dreistelliger Zahl) bedankte sich bei der Vortragenden, die auch zugleich Sprecherin eines Schwerpunktbereichs “Regulation und Selbstregulation: Individuen und Organisationen” (Field of Focus 4) im Rahmen der Exzellenzinitiative unserer Universität ist, mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Fragen, die in der Pause gestellt werden konnten.

Nach einer kurzen Pause, in der lebhaft diskutiert wurde, fand dann eine Podiumsdiskussion statt, in der die Anwendungsaspekte der betriebenen Forschung besprochen wurden. Teilnehmende der sehr interessanten Podiumsdiskussion waren:

  • Prof. Dr. Joachim E. Fischer: Er ist Humanmediziner und seit 2006 Ordinarius für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg und leitet das gleichnamige Institut. Primäres Ziel des MIPH ist die Entwicklung und Implementierung innovativer und ganzheitlicher Strategien zur Erhaltung der Gesundheit und zur Krankheitsprävention in der Gesellschaft.
  • Prof. Dr. med. Rainer Matthias Holm-Hadulla: Er ist Psychoanalytiker und Psychiater. Neben seiner praktischen Tätigkeit als Berater und Psychotherapeut leitet er das Heidelberger Institut für Coaching. Er lehrt an der Universität Heidelberg und an der Pop-Akademie Baden-Württemberg, Mannheim. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist die Kreativitätsforschung.
  • Myriam Lasso: Sie ist Juristin und seit 2005 Leiterin des Kinder- und Jugendamtes, das mit ca. 450 Mitarbeitern das größte Amt der Stadtverwaltung Heidelberg ist. Die Aufgaben umfassen alle Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe, u.a. die Bereitstellung von Kindertagesbetreuungsplätzen, die Sicherstellung des Kinderschutzes, Unterstützungsleistungen in Form von Individualhilfen, aber vor allem auch sog. strukturelle Angebote im Sozialraum der Kinder- und Jugendlichen.
  • Prof. Dr. Sabina Pauen: Sie ist Professorin für Entwicklungs- und Biologische Psychologie an der Universität Heidelberg. Ihre Arbeiten zur frühen sozial-kognitiven Entwicklung von Kindern sind international führend und nicht nur in Fachzeitschriften oder Büchern veröffentlicht, sondern auch aus Fernsehen und Rundfunk bekannt.
  • Moderiert wurde die Veranstaltung durch den SWR-Redakteur Ralf Caspary.
Es war in meinen Augen eine gelungene Veranstaltung, ein wichtiges Thema einer breiteren interessierten Öffentlichkeit vorzustellen. Das Feedback, das ich Teilnehmenden einsammeln konnte, stützt diesen Eindruck. Unser gesamter Stiftungsvorstand, der anwesend war, sieht sich in der Konzeption des “Stiftungssymposiums” insgesamt bestätigt und freut sich auf das nächste Symposium, das in zwei Jahren stattfinden soll (die zur derzeitigen Niedrigzinsphase schwachen Finanzen unserer Stiftung erlauben keine höhere Frequenz). Dank an Sabine Falke (FoF4), die mit ihrem Team den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung organisiert hatte.

Der Bericht über das Symposium: http://www.foerderer.uni-hd.de/stiftung/stiftungssymposium.html

Hier erklärt Sabina Pauen das “Naschexperiment” in Hirschhausens “Check-Up”: https://www.daserste.de/information/ratgeber-service/hirschhausens-check-up/videos/CheckUp_Kindheit_NaschexperimentInterview_Homepage-100.html

Hier ein YouTube-Video mit ein paar lustigen Szenen: https://www.youtube.com/watch?v=Y7kjsb7iyms

Birgit Spinath ist neue DGPs-Präsidentin

Prof. Dr. Birgit Spinath

Prof. Dr. Birgit Spinath, Präsidentin der DGPs 2018-2020

Meine Kollegin Birgit Spinath ist auf dem gerade abgelaufenen 51. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Frankfurt (nicht ganz überraschend!) für die kommenden zwei Jahre zur Präsidentin unserer Gesellschaft gewählt worden! Nicht ganz überraschend deswegen, weil wir sie bereits auf dem 50. Kongreß in Leipzig als “president elect” gewählt hatten (siehe meinen damaligen Blogeintrag) und sie sich die letzten beiden Jahre unter der Präsidentschaft von Conny Antoni (der jetzt “past president” heisst) bereits auf ihr Amt vorbereiten konnte.

In ihre Amtszeit als Präsidentin wird wohl die Umsetzung des reformierten Psychotherapeutengesetzes fallen. Das hat Konsequenzen auf der Ebene von Studienordnungen, aber auch auf personeller und struktureller Ebene. Da entsteht eine Menge Klärungsbedarf und verschiebt die bisherigen Gewichtungen der verschiedenen Anwendungsfächer, aber auch die Gewichtungen der bisherigen Studienmodule im Bachelor und Master in Richtung auf mehr Klinische Psychologie. Am Ende des fünfjährigen Studiums soll dann ja die Approbation stehen. Genaueres zur Position der DGPs in Sachen Psychotherapiereform findet man hier.

In Ihrem ersten Statement als Präsidentin, in dem sie ihrer Freude über das Amt und ihrer emotionalen Beziehung zur Psychologie Ausdruck verlieh, machte Birgit Spinath deutlich, dass sie der Qualitätssicherung der Lehre besondere Aufmerksamkeit schenken will (in einem zurückliegenden Blogeintrag habe ich darüber schon geschrieben). Eine ihrer ersten Aktivitäten als neu berufene Präsidentin bestand darin, auf dem Gesellschaftsabend des Kongresses zu späterer Stunde als DJane “MissEd” aufzulegen (über ihren DJane-Auftritt auf der GEBF-Tagung 2017 habe ich in diesem Blog früher berichtet). Es wurde ordentlich getanzt…

Insgesamt hinterläßt der Frankfurter Kongress bei mir nur beste Eindrücke: Wir hatten Glück mit dem herbstlichen Sommereinbruch und konnten den herrlichen Campus der Frankfurter Uni geniessen. Dazu ein vielfältiges Programmangebot, tolle Keynotes und viele Begegnungen mit Kolleginnen und Kollegen, die ich zum Teil schon lange nicht mehr gesehen hatte. Zahlreiche Preise wurden verliehen, darunter die Ehrung für das Wissenschaftliche Lebenswerk für Sabine Sonnentag (Universität Mannheim) und Reinhard Pekrun (LMU München), der Preis für Wissenschaftspublizistik geht an Gert Scobel, der Martin-Irle-Preis für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses geht an Manfred Schmitt (Universität Landau; die komplette Liste der Preisträger 2018 findet man hier). Über das von Wolfgang Schoppek und mir organisierte Symposium zu Ehren von Dietrich Dörners 80. Geburtstag wird noch zu bloggen sein…

Auf der Mitgliederversammlung der DGPs wurden zahlreiche Satzungsänderungen vorbereitet (genauer gesagt: es wurde beschlossen, über diese Satzungsänderungen online abzustimmen, da das Quorum von 20% der Mitglieder in der Frankfurter Mitgliederversammlung nicht erreicht wurde). Neben vielen technischen Änderungen gibt es eine fundamentale inhaltliche Änderung, die unseren Verein von einer rein akademisch geprägten Fachgesellschaft mit wissenschaftlichem Fokus hin zu gesellschaftlicher Verantwortung bringt:

In §2 der Satzung (”Ziele”) soll es demnächst heissen (neue Teile kursiv): “Die DGPs erstrebt die Förderung, Verbreitung und Anwendung der wissenschaftlichen Psychologie zum Wohle der Menschen und der Gesellschaft.” Natürlich ist diese Spezifikation der Zielsetzung zu begrüßen - macht aber zugleich deutlich, dass wir nachdenken müssen, was das bedeutet: “Wohl der Menschen und der Gesellschaft”. Da kommen spannende Diskussionen auf uns zu! Ein Beispiel: Sind subtil-manipulative werbepsychologischen Massnahmen zum Wohl der Menschen? Oder nur zum Wohl spezieller Menschen? Es kommen Werte ins Spiel! Hierzu bedarf es m.E. einer guten Ethik-Ausbildung, will man bei derartigen Fragen nicht über kurz oder lang in Streitigkeiten enden. Solche Diskussionen helfen uns bestimmt, die Zielsetzungen unseres Faches schärfer in den Fokus zu rücken. Was ist die Aufgabe der Psychologie in der modernen Gesellschaft? Können wir uns vom Reparaturbetrieb für kranke Seelen zur Emanzipationshilfe aufgeklärter Individuen entwickeln?

Ich freue mich auf die kommenden zwei Jahre unter der neuen Präsidentin und bin sicher, dass hier einiges bewegt vwerden wird! Und übrigens: Der nächste Kongreß wird im September 2020 in Wien stattfinden, organisiert von Ulrich Ansorge und seinem Team. Wir freuen uns schon darauf!

Hier geht es zur Pressemitteilung der DGPs

siehe auch meinen früheren Blog-Beitrag von September 2016: Neue DGPs Präsidentin-elect: Birgit Spinath

Wertvolle Altwaren

Von einer aufmerksamen Studentin wurde ich angefragt, ob die Taschenbuchausgabe meines 2003 erschienenen Buchs “Problemlösendes Denken” im Angebot von Amazon am 14.9.2018 mit einem Preis von 2.263,20 € nicht etwas überteuert erscheine (zumal es sich nicht um die sehr seltene Liebhaber-Ausgabe mit Goldrand zu handeln scheint):

Ja, liebe Leonie, das mag auf den ersten Blick überteuert aussehen, aber mit etwas Nachdenken wurde mir klar: Amazon rechnet mit weiteren Erfolgen meinerseits (das setzt mich unter Druck!) und weiss in seiner Allwissenheit schon jetzt, dass die wenigen verkauften Exemplare meines Lehrbuchs einmal als Liebhaberstücke in bibliophilen Sammlungen verschwinden und dann noch viel teuer werden. Ein Grund dafür, dass nur noch wenige Exemplare überhaupt zu finden sind (und daher der Preis in die Höhe schnellt), sind natürlich die vielen Exemplare, die Studierende gekauft und dann in ihrer Verzweiflung nach dessen Lektüre zerrissen und vernichtet haben.

Tut mir leid, aber die “unsichtbare Hand des Marktes” (wer hat’s erfunden: Adam Smith) und der Zauber von Angebot und Nachfrage führen hier zu Phänomenen, die auf den ersten Blick erstaunlich sein mögen, auf den zweiten Blick aber die Wahrheit ökonomischer Prinzipien (an denen ich schon mehrfach gezweifelt hatte) unter Beweis zu stellen scheinen (wenn es sich nicht einfach nur um den Tippfehler einer schlecht bezahlten Amazon-Aushilfskraft handelt). Es könnte natürlich auch sein, dass Kindle sämtliche Print-Ausgaben aufgekauft hat und damit den Preis in die Höhe treibt, um sein eBook zum Preis von “nur” 21,99 € wie ein Schnäppchen erscheinen zu lassen…

Und wer die von Amazon geforderte Summe Geld nicht aufbringen kann, keinen Kindle-Reader besitzt und dennoch im alten Schinken lesen möchte, komme in meinem Büro vorbei. Es gibt beim Autor deutlich preiswertere Lösungen…

Nachtrag 14.9.18: Ein treuer Leser meines Blogs (Jochen M., der in meiner Heimatstadt lehrt) schreibt (Beginn Zitat): “… dass hier jemand (unabsichtlich?) den hidden maximum price offenbart hat, den er in seinem Repricing-Tool für den Fall voreingestellt hat, dass der Preisvergleich die Nichtlieferbarkeit des Buchs bei den anderen automatisch mitabgefragten Anbietern ergibt; denn dann ist es rational, für das einzige verbliebene Exemplar Mondpreise zu verlangen. Diese Tools sind für Händler ja attraktiv (https://en.wikipedia.org/wiki/Dynamic_pricing; https://etailment.de/news/stories/Repricing—was-Marktplatz-Haendler-darueber-wissen-muessen-4174),  aber für Verbraucher eher nicht… (https://en.wikipedia.org/wiki/Price_discrimination). Interessant könnte sein zu schauen, was mit dem Preis auf Amazon passiert, wenn jemand ein zweites Exemplar auf Ebay oder im ZVAB einstellt (die das Buch beide gerade nicht im Angebot haben).” (Ende Zitat) JM verweist auch darauf, dass Apple-Kunden teurere Angebote erhalten als Windows-Nutzer (siehe z.B. hier).

Und noch was: Der Gebrauchtbücher-Aufkäufer Momox bietet selbst für Bücher, die ich als wahre Schätze ansehe, häufig nur 0.15€ zum Ankauf an. Beim “Problemlösenden Denken” liegt das Angebot derzeit immerhin bei 8.50€!

HDJBO Band 3: Perspektiven der Mobilität

Der nunmehr dritte Band unserer Online-Buchreihe “Heidelberger Jahrbücher” in der Tradition der Heidelberger Romantiker von 1807 ist gerade bei “Heidelberg University Publishing” als “open access” erschienen. Nachdem wir - Michael Wink und ich - uns in den ersten beiden Bänden den Themen “Stabilität im Wandel” (2016) und “Wissenschaft für alle: Citizen Science” (2017) gewidmet hatten, geht es nunmehr um “Perspektiven der Mobilität” (2018). Wir wollten eine etwas breitere Sicht auf das Thema als nur die typische Perspektive von Verkehrsmobilität. Tatsächlich sind eine Reihe von Autorinnen und Autoren unserer Bitte gefolgt, einen Beitrag zu diesem Thema zu liefern.

Die acht Beiträge des Bandes behandeln aus der Sicht verschiedener Disziplinen unserer Voll-Universität allesamt das Thema Mobilität:

  • Joachim Funke (Psychologie): Mobilität als Bewegung im physischen, sozialen und geistigen Raum. (Link) - Funke beschäftigt sich aus Sicht eines Psychologen mit Mobilität. Seine Unterscheidung von physischer, sozialer und geistiger Mobilität soll die Breite des hinter diesem Begriff stehenden Verständnisses verdeutlichen. Er argumentiert dafür, Mobilität nicht auf die verkehrsbezogene Interpretation zu beschränken. Auch die „Mobilität im Geiste“ ist seiner Meinung nach von großer Bedeutung.
  • Claudia Erbar & Peter Leins (Biologie): Wie mobil sind Pflanzen? (Link) - Erbar und Leins zeigen in ihrem Beitrag die höchst vielfältigen Mechanismen, mit deren Hilfe Pflanzen sich auszubreiten wissen. Die Anpassungen von Samen, Früchten und Fruchtständen an die sie transportierenden Medien sind spektakulär und reichen von Kleb- und Klettverschlüssen zur Anheftung als blinde Passagiere über Flug-, Schwimm- und Schleudertechniken bis hin zur Wanderung über den Darm von Tieren.
  • Dieter Schulz (Anglistik): Wandern und Methode: Thoreaus Essay „Walking“ (1862) im Lichte Gadamers. (Link) - Schulz beleuchtet als Philosoph eine ganz andere Seite der Mobilität, nämlich das Verhältnis von Denken und Gehen. Frei nach Thomas Bernhards Diktum „Die Wissenschaft des Gehens und die Wissenschaft des Denkens sind im Grunde genommen eine einzige Wissenschaft“ wird unter Bezugnahme auf Henry David Thoreaus Essay „Walking“ von 1846 und Hans-Georg Gadamers Werk „Wahrheit und Methode“ von 1960 der Zusammenhang zwischen Bewegung und Erkenntnis herausgearbeitet.
  • Johannes Stauder (Soziologie): (Why) have women left East Germany more frequently than men? (Link) - Stauder illustriert in seinem Beitrag die soziologische Perspektive der Mobilität anhand von Untersuchungen zur Migration von Ost- nach Westdeutschland nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990. Seine differenzierte Analyse, die auf Daten des Sozioökonomischen Panels beruht, macht die größere Bedeutung von bildungsbezogenen (im Vergleich zum berufsbezogenen) Migrationsmotiven deutlich. Bildung ist ein möglicherweise unterschätzter „Attraktivitätsfaktor“ im Rahmen innerdeutscher Migrationsbewegungen.
  • Volker Storch (Biologie): „Biologische Invasionen“ – Neophyten, Neozoen, Krankheitserreger. (Link) - Storch macht in seinem Beitrag das Thema der „Invasionsbiologie“ deutlich: sowohl Haustiere wie auch Nutzpflanzen wurden importiert, manchmal allerdings mit Kollateralschäden. Organismen, die durch den Menschen aus ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in andere Regionen und Kontinente verschleppt wurden, werden als Neobiota bezeichnet; gemeint ist dabei die Ansiedlung bestimmter Arten, insbesondere Neophyten (Pflanzen) und Neozoen (Tiere), in Gebieten, in denen sie vormals nicht heimisch waren.
  • Michael Wink (Biologie): Biodiversity on oceanic islands – evolutionary records of past migration events. (Link) - Wink geht der Frage nach, wie Inseln vulkanischen Ursprungs zu ihrer Fauna und Flora gekommen sind. Am Beispiel der makaronesischen Inseln (Azoren, Madeira, Kapverden, Kanaren) zeigt er auf, wie durch genetische Analysen die Ausbreitung verschiedener Spezies nachverfolgt werden kann. Insbesondere Vögel erweisen sich hier als dankbare Studienobjekte. Darwin hätte nicht zu den Galapagos-Inseln aufbrechen müssen, sondern schon in näherer Entfernung herrliches Anschauungsmaterial für seine Theorie gefunden.
  • Christoph Cremer (Physik): Mobilität und Dynamik im Zellkern. (Link) - Cremer stellt die Mobilität des menschlichen Zellkern-Genoms in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Dachte man in der Vergangenheit, dass der Zellkern wie ein Sack unsere DNA, RNA und Proteine fest umschlossen hält, weiss man heute dank moderner mikroskopischer Verfahren, dass das Genom vielfältigen dynamischen Veränderungen unterliegt. Das Gebiet der Epigenetik beschreibt diese Dynamik des in den Zellkernen lokalisierten Genoms. Sein Beitrag eröffnet einen Blick auf das Gebiet der “4D Nucleome“, dass die Prinzipien der dreidimensionen Organisation des Zellkerns um die Dimension Zeit erweitert.
  • Katja Mombaur, Davide Corradi, Khai-Long Ho-Hoang & Alexander Schubert (Technische Informatik): Assistenzroboter für eine Steigerung der Mobilität im Alter. (Link) - Die Autoren beschäftigen sich mit der Mobilität älterer Menschen. Sie gehen der Frage nach, wie durch intelligente Assistenzsysteme (z.B. Exoskelette und Mobilitätsassistenzroboter) eine eventuell eingeschränkte Mobilität wiederhergestellt oder zumindest verbessert werden kann. In einer alternden Gesellschaft ist dies sicher ein wichtiges Thema und beleuchtet das Mobilitätsthema unter sehr anwendungsnahen Blicken.

Wir als Herausgeber sind sehr zufrieden mit der bunten Mischung an Beiträgen, die zusammengekommen sind. Wir wünschen den Beiträgen wohlwollende Rezeption und angemessene Verbreitung! Wir danken der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg” für die wie immer wertvolle Unterstützung des Jahrbuchs. Aber auch der Universitätsbibliothek, insbesondere Maria Effinger und ihrem Team, ist herzlich zu danken. Last but not least: wo wären wir ohne unsere tolle Redaktionsassistentin Julia Karl, die den LaTeX-Satz ebenso beherrscht wie die erfolgreiche Kommunikation mit unseren Autorinnen und Autoren!

Quelle: Funke, J. & Wink, M. (Hrsg.) (2018). Perspektiven der Mobilität. Heidelberg: Heidelberg University Publishing (=Heidelberger Jahrbücher Online, Band 3).

Theoretische Psychologie - quo vadis?

Es ist einmal an der Zeit, von den Sorgen der theoretischen Psychologie zu berichten - neben dem (inzwischen aufgelösten) Institut für Theoretische Psychologie von Dietrich Dörner in Bamberg ist mein eigener Lehrstuhl einer der wenigen (wenn nicht gar der einzige noch im aktiven Dienst verbliebene!) mit der Denomination “Theoretische Psychologie” (daher kommt das T in unserem Kürzel ATP).

ATP Logo

ATP Logo (by Bernd Reuschenbach)

Am Bamberger Institut für Theoretische Psychologie - im Jahr 2000 eingerichtet - wurde bis zur Emeritierung von Dietrich Dörner im Jahre 2006 vor allem an der kognitiven Modellierung (PSI) psychischer Prozesse gearbeitet. Wie einer meiner früheren Blog-Einträge beschreibt, war das Thema dort nach wie vor in Bearbeitung, aber auf deutlich schmalerer Basis als vorher. In Heidelberg ist eines unserer Themen die Verbindung von Denken und Handeln im Lichte einer Integration von Kognition und Emotion - “mind in action” also. Aber auch kognitive Modellierung steht auf unserer Agenda :-)

Wofür brauchen wir überhaupt theoretische Psychologie? Zur Illustration sei ein Blick in unsere frühere Vorbild-Disziplin Physik geworfen - die Physik war für Wilhelm Wundt nicht nur wegen des experimentellen Ansatzes und der Psycho-Physik interessant, sondern auch als Analogiequelle (die Suche nach den “Atomen” des Psychischen). Das Theoretisieren ist das Herz aller Wissenschaften, selbst der empirischen - was wäre Empirie ohne Theorie? Natürlich sind wir heute über die Vorbild-Wissenschaft Physik hinausgewachsen - unser Forschungsgegenstand “Mensch” ist eben nicht totes Naturobjekt, sondern ein lebendiges, historisch und sozial eingebettetes Lebewesen. Da ist das Vorbild der Biologie (insbesondere in deren systemisch orientierten Bereichen) vielleicht doch etwas passender.

Dass in Heidelberg die Theoretische Psychologie diesen besonderen Status hat, ist zu großen Teilen meinem Vorgänger Norbert Groeben zu verdanken. Seine methodologischen Reflexionen und sein wissenschaftstheoretisches Interesse haben diesen Ausschnitt unseres Faches stark gemacht. Leider ist dieses Interesse bundesweit nicht allzu stark verbreitet, ebenso wie die Psychologie-Geschichte auch eher ein Gebiet für Außenseiter sein dürfte.

Apropos Physik: Nicht nur, dass der Nobelpreis für Physik 2008 an drei theoretische Physiker ging -  auch die Ausstattung der Theoretischen Physik ist derjenigen der Theoretischen Psychologie leicht überlegen: An der Uni Heidelberg sind z.B. am Institut für Theoretische Physik allein 15 ordentliche Professoren, 9 Gruppenleiter und 5 apl-Professoren im Dienst der Theorie tätig - das ist mehr Personal, als das gesamte Psychologische Institut aufzubieten hat. Wo bleibt ein Institut für Theoretische Psychologie?

Die gelegentlich anzutreffende Geringschätzung der Theoretischen Psychologie schlägt sich auch in den Studienordnungen nieder: Eine “Einführung in die Erkenntnistheorie“, wie wir sie in Heidelberg unseren BSc-Studierenden bieten, ist bundesweit inzwischen zu einer Rarität geworden. Darauf sind wir hier allerdings  stolz und werden für das Weiterleben der Theoretischen Psychologie unbeirrt eintreten. Nichts sei so praktisch wie eine gute Theorie, soll Kurt Lewin gesagt haben. Stimmt! Also halten wir das Banner der Theorie aufrecht!

Übrigens hat es vor einiger Zeit Vorschläge gegeben, eine eigene Fachgruppe “Theoretische Psychologie” innerhalb der DGPs zu gründen. Dazu ist es dann doch nicht gekommen. Der ersatzweise gemachte Vorschlag, dieses Teilgebiet der Fachgruppe “Geschichte der Psychologie” anzugliedern, wurde aus mir nachvollziehbaren Gründen abgelehnt.

Dass wir jetzt in einer Reproduzierbarkeitskrise stecken (”replication crisis“), ist nicht nur fragwürdigen Forschungspraktiken zuzuschreiben (wie z.B. p-hacking oder HARKing), sondern hat auch mit schwachen Theorien zu tun, die uneindeutige Vorhersagen machen oder die an sehr spezielle Randbedingungen geknüpft sind. Wenn wir heute nach Auswegen aus der Krise suchen, muss man natürlich über die notwendigen Voraussetzungen guter Forschung reden, die methodischen Aspekte (wie z.B. manipulation checks, die die Wirksamkeit der Treatment-Variable eines Experiments überprüfen) aber sind eigentlich eher Sekundärtugenden. Primär sollte das Augenmerk auf gute Theoriebildung und daraus ableitbaren, strengen Hypothesen gelegt werden. Dazu ist ein Phänomenbezug unabdingbar. Vor das Theoretisieren ist eine genaue Analyse des fraglichen Phänomens erforderlich.

Wie lernt man Theoriebildung? Man muss sich gute Vorbilder anschauen. Einen Kurs “how to setup a good theory” gibt es nicht, wohl aber eigene Fingerübungen im “Empirisch-experimentellen Praktikum”, in der eigenen Bachelor- oder Masterarbeit. Forschungsorientierte Lehre sollte den Theoriebezug zum jeweiligen Gegenstand herausarbeiten, die Beschäftigung mit erkenntnistheoretischen Fragen (also Methodologie, nicht nur Methodik) ist unabdingbar.

Eine Literaturempfehlung aus dem eigenen Haus: Fiedler, Klaus (2018). The creative cycle and the growth of psychological science. Perspectives on Psychological Science, 19(6), 433–438. https://doi.org/10.1177/1745691617745651

PS: Dass auch in der Theoretischen Physik nicht alles Gold ist, was glänzt, zeigt der Skandal um den Autor Mohamed El Naschie, der vor einigen Jahren als Lachnummer entlarvt wurde (siehe hier): Jahrelang hat er als Autor und Herausgeber seine Kollegen und den Elsevier-Verlag genarrt - dass die von ihm herausgegebene Zeitschrift für ein Jahresabo von 4000 Euro zu abonnieren war und einen Impact-Faktor >3 erzielte, macht deutlich, dass formale Kriterien zur Beurteilung wissenschaftlichen Erfolgs irren können :-)

Wissenschaftlichen Fortschritt am Impact ablesen zu wollen kommt mir sehr bürokratisch vor - der Geist macht seine Sprünge, wo er will und wie er will. Da ist der Impact-Factor eher das Maß des Buchhalters, über das der Geist schmunzelt… Das Lachen vergeht mir allerdings, wenn ich sehe, wie ernst derartige Indikatoren von Entscheidungsträgern genommen werden.

DGPs wertet Studium und Lehre auf

In einem kürzlichen erschienenen Beitrag in der Zeitschrift “Psychologische Rundschau” hat sich der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) unter Federführung ihrer designierten Präsidentin Birgit Spinath Gedanken über die Weiterentwicklung des Psychologiestudiums gemacht (hier der Link zum Download).

Insgesamt 42 (sic!) Empfehlungen werden von der Kommission gegeben, die sich auf insgesamt 10 Themenfelder wie folgt verteilen:

  1. Motivation für Engagement in der Lehre: Empfehlungen 1-3
  2. Karriere- und Berufungsentscheidungen: 4-7
  3. Qualifizierung für gute Lehre: 8-12
  4. Ziele und Inhalte der Lehre: 13-16
  5. Evidenz-basiertes Handeln in der Lehre: 17-19
  6. Prüfungen, Lernzielkontrollen und Notengebung: 20-23
  7. Systematisches Qualitätsmonitoring: 24-30
  8. Lehrevaluationen: 31-36
  9. Rollenverständnis von Lehrenden: 37-39
  10. Notwendigkeit zur Etablierung einer Fachdidaktik Psychologie: 40-42

Dass das Thema “Lehre und Studium” auf die Agenda gesetzt wird, ist m.E. überfällig. Besteht die Gefahr, dass dadurch das Thema “Forschung” vernachlässigt wird? Das befürchte ich nicht - Forschung ist immer ein Thema für den DGPs-Vorstand, das wird nicht wegfallen. Neu ist die Aufmerksamkeit, die dem Thema Lehre und Studium gewidmet wird. Das ist ein enormer Schritt nach vorne und könnte unseren Studiengang noch attraktiver machen als er derzeit schon ist. Und natürlich sind viele dieser Empfehlungen auch auf andere Studienfächer übertragbar!

Quelle:

Spinath, B., Antoni, C., Bühner, M., Elsner, B., Erdfelder, E., Fydrich, T., … Vaterrodt, B. (2018). Empfehlungen zur Qualitätssicherung in Studium und Lehre: Verabschiedet vom Vorstand der DGPs am 20. April 2018. Psychologische Rundschau, 69(3), 183–192. https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000408

Farewell an Ursula Christmann

Eine Expertin der Interdisziplinarität verlässt meine Arbeitseinheit Allgemeine und Theoretische Psychologie: Frau apl. Prof. Dr. Ursula Christmann ist zum 30.6.2018 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden, hat aber ihre Lehrveranstaltungen in diesem Sommersemester dankenswerterweise noch bis zum Ende gebracht. Seit 1.4.1989 steht sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Diensten unseres Instituts, anfangs halbtags, später ganztags. Ein paar akademische Eckpunkte ihrer Biografie: 1951 in Landstuhl geboren, 1975 Diplom in Übersetzungswissenschaft an der Universität Mainz; 1980 Diplom in Psychologie an der Universität Heidelberg; 1988 Promotion zum Dr. phil. an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Universität Heidelberg; 2000 Habilitation an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Universität Heidelberg (Venia legendi für das Fach Psychologie); schließlich 2005 Ernennung zur ausserplanmäßigen (apl.) Professorin.

Lehre hat sie von Anfang an regelmäßig sowohl im Nebenfach als auch im Hauptfach Psychologie angeboten. Gerade für Hauptfachstudierende hat sie variable und abwechslungsreiche Inhalte in die Lehre für die Hauptfachstudierenden eingebracht. So bot sie wiederkehrend Lehrveranstaltungen zu folgenden Themen an: Gedächtnispsychologie; Angewandte Gedächtnisforschung; Sprachpsychologie; Metapher, Witz, Ironie; Textverarbeitung; Sprache und Denken; Lernstrategien; Argumentationsintegrität; Emotion; Stressentstehung – Stressbewältigung; Motivation; Medienkompetenz; Einführung in die Psychologie; Grundzüge der Psychologie; Emotion und Kognition; Kommunikation. Dass sie winters wie sommers jeweils den zweiten Teil der Vorlesung Allgemeine Psychologie I und II übernahm, habe ich als große Entlastung für mich angesehen! Die Betreuung von Abschlussarbeiten (darunter preisgekrönte wie die Masterarbeit von Anne-Louise Göhring sowie die Diplomarbeit von Dr. Lisa Scharrer) und Dissertationen gehörte natürlich auch dazu.

In ihrer Forschung ist sie breit aufgestellt. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen einen großen Teil der Kognitionspsychologie: Sprach-, Text- und Kommunikationspsychologie, Psychologie des Lesens, Argumentationsintegrität, Hypertext, Metaphern, Psycho- und Pragmalinguistik, Kognitive Lerntheorien und Lernstrategien, Forschungsprogramm ‘Subjektive Theorien’ – so die Themenliste auf ihrer Homepage. Diese Breite wurde durch zahlreiche Drittmittelprojekte belohnt, darunter die DFG-geförderten Vorhaben zur Argumentationsiontegrität (von 1988-1997 gefördert im Rahmen des SFB 245 “Sprache und Situation”; von 1997-2000 gefördert im DFG-Normalverfahren), zu Hypertexten (von 1998-2005 gefördert im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms “Lesesozialisation in der Mediengesellschaft”) sowie zum Paradox der ästhetischen Einstellung (von 2009-1012 gefördert im Rahmen des Innovationsfonds Frontier, als Teil der Exzellenzinitiative der Universität Heidelberg).

Die Ergebnisse ihrer Forschung hat sie regelmäßig sowohl national wie auch international publiziert (hier die bei ZPID hinterlegte Publikationsliste). Sie ist mit 17 Einträgen in PsycInfo und mit 92 Einträgen in Psyndex verzeichnet; dabei ist zu beachten, dass eine Reihe ihrer Arbeiten an der Schnittstelle zu anderen Fächern liegt (Germanistik, Sprachwissenschaft, Linguistik, deren Rezeption in den fachspezifischen Datenbanken nur unzureichend abgebildet wird. Auch in Sachen Konferenzdurchführung war sie mehrfach aktiv, zuletzt in diesem Juni die Tagung des Forum Friedenspsychologie.

Von den vielen verschiedenen Ämtern und Funktionen, die Frau Christmann im Laufe ihrer fast 30jährigen Tätigkeit bei uns in der Selbstverwaltung übernommen hat, möchte ich zwei hervorheben: zum einen das Amt der Gleichstellungsbeauftragten, das sie von 1998 bis 2018 (!) ausübte und über das der Gastbeitrag von Norbert Groeben ausführlicher informiert; zum anderen ihre Tätigkeit als Vorsitzende der Ethik-Kommission unserer Fakultät, die sie seit 2012 (dem Jahr, in dem wir diese Kommission eingerichtet haben) ausübt und seither über 100 Ethikanträge mit großer Sorgfalt und hoher Geschwindigkeit prozediert hat. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Antragsteller die erteilten Auflagen nachvollziehen konnten und verstehen, dass dies ein Beitrag zur Qualitätssicherung unserer hauseigenen Forschung darstellt.

Liebe Frau Christmann: im Namen des gesamten Instituts, aber auch ganz persönlich sage ich “Danke!” für all das, was Sie für uns in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geleistet haben! Das wird eine große Lücke hinterlassen! Und natürlich wünsche ich Ihnen, dass Sie Ihren nun beginnenden neuen Lebensabschnitt geniessen können! Sie werden ja unserem Institut noch eine Weile über die Ethik-Kommission, aber auch über Lehraufträge aktiv verbunden bleiben!

Tag der Freunde 2018

Als Vorsitzender unseres universitären Alumni-Vereins (der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.”) freue ich mich jedes Jahr auf den “Tag der Freunde”, an dem zum einen die jährliche Mitgliederversammlung erfolgt und ein paar Regularien erledigt werden, zum anderen aber mit dem Festvortrag und dem anschließenden geselligen Abendessen im Kreis der Freunde ein akademischer wie sozialer Höhepunkt unserer Gemeinschaft stattfindet. Dieses Jahr begehen wir das 70jährige Bestehen unseres Vereins, der in den Nachkriegsjahren 1948 gegründet wurde.

Bei der Mitgliederversammlung waren von unseren derzeit 1357 Mitgliedern rund 60 anwesend, als der Vorstand seinen Jahresbericht abgab und verschiedene Aktivitäten (vergangene ebenso wie geplante) vorstellte. Den ursprünglich eingeplanten Bericht des Rektors zum Stand der Exzellenzinitiative musste der Vorsitzende übernehmen, da der Rektor in letzter Minute absagen musste. Zum Glück sind mir als langjährigem Sprecher des Akademischen Senats unserer Universität viele dieser Fragen wohl vertraut, sodass ich diesen Part übernehmen konnte. Auch die Finanzlage unseres gemeinnützigen Vereins wurde präsentiert (sie hat sich erfreulicherweise verbessert). Der Vorstand wurde einstimmig entlastet und darf mit diesem Vertrauen im Rücken nun an die weitere Arbeit gehen. Danke dafür!

Nach kurzer Pause ging es dann mit dem Festvortrag weiter, zu dem erheblich mehr Personen als zur Mitgliederversammlung erschienen. Zitat aus dem Einladungsschreiben:

Unser diesjähriger Gastredner ist Prof. Dr. Edgar Wolfrum. Der ausgewiesene Zeithistoriker beleuchtet in seinem Vortrag mit dem Titel „1968 – vom globalen Ereignis zum nationalen Streitfall“ die soziale Bewegung der 1968er Jahre. Diese spaltet die Gemüter bis heute und ist nach wie vor wissenschaftlich umstritten. Wahlweise sind die 1968er schuld an allem, was schlecht ist, oder jedes frische laue Lüftchen wird positiv ihnen angeheftet. Wie konnte sich ein so umkämpfter Assoziationsraum ausbilden? Warum wird ein globales Ereignis – San Diego, Paris, Prag – gerade in Deutschland zu einem Streitfall wie nirgendwo sonst auf der Welt? Gab es deutsche Hypotheken, und was ist das Erbe von 1968?

Der Festredner Prof. Dr. Edgar Wolfrum lehrt und forscht seit 2003 an der Universität Heidelberg, wo er den Lehrstuhl für Zeitgeschichte innehat. Er ist durch zahlreiche Arbeiten und Buchveröffentlichungen bekannt – wie z.B.seine Monographie zur französischen Besatzungspolitik, seine Analysen und Kommentare zur deutschen Erinnerungspolitik, seine Studie zur rot-grünen Koalition, ein Handbuch zur Geschichte der Bundesrepublik („Die geglückte Demokratie“) und das als „Historisches Buch des Jahres 2017“ gekürte Buch „Welt im Zweispalt“. Edgar Wolfrum ist u.a. Vorsitzender der Historikerkommission zur NS-Aufarbeitung in Baden-Württemberg und seit 2017 Leiter der Forschungsstelle Antiziganismus.

Die Veranstaltung war ausgezeichnet besucht, Hörsaal 14 voll besetzt - leider ist dieser Saal nicht klimatisiert und auch nicht schallisoliert (die Musik vom Feuerwehrfest war irritierend, sorry dafür!). Dennoch konnten wir dem Vortrag von Kollegen Wolfrum gut folgen. Die anschließende lebhafte Diskussion brachte verschiedene Sichtweisen der 68er-Bewegung zur Geltung, positive wie negative. Ich habe mich an diese Zeit erinnert, in der ich als 15jähriger Gymnasiast erstmals auf der Strasse stand (ohne genau zu wissen wofür) und später als 18jähriger Erstsemester an der Uni Düsseldorf im Tutorium Werke von Marx und Engels zu lesen bekam, von denen ich kein Wort verstand…

Nach dem Festvortrag ging es für angemeldete Gäste in den Garten des Internationalen Wissenschaftsforums (IWH), unterhalb des Heidelberger Schlosses (die “Villa” war übrigens mal der Ort, an dem in den 1960er Jahren das Psychologische Institut mit seinen damals wenigen Studenten untergebracht war). Der Wettergott meinte es gut mit uns, das Essen war lecker, für Getränke war gesort - da konnten viele Gespräche stattfinden und die Freunde der Universität (darunter auch 30 Studierende, deren Eintritt von  Mitgliedern übernommen wurden) haben sich gut unterhalten. Zahlreiche Kontakte wurde neu geknüpft oder erneuert, gute Stimmung im Garten! Neue Mitglieder konnten gewonnen werden.

Übrigens gibt es in unserem Verein verschiedene Sektionen, darunter auch die von mir geleitete Sektion der “Alumni Psychologici“, die als Institution am Psychologischen Institut bekannt ist und dort Gutes tut (Finanzierung von Abschlußfeiern, Zuschuss zum Empra-Kongreß, Bibliotheksausstattung und vieles andere mehr). Eine der letzten Aktionen: Die Anschaffung der Bilder im Eingangsbereich haben wir den Alumni Psychologici zu verdanken. Wer noch kein Mitglied, aber sich mit dem Gedanken trägt: Hier geht es zur Anmeldung!