Skip to content

CO2-neutrale Universitäten, Nachhaltigkeit & Bilanzen

Es gibt ja die These, dass sich Exzellenz und Nachhaltigkeit beissen - aber es gibt auch Hinweise, dass Spitzen-Universitäten beides verbinden können. An der exzellenten ETH Zürich wird das Thema Nachhaltigkeit z.B. ganz aktiv propagiert. Aber gibt es überhaupt schon carbon-neutrale Universitäten (oder solche auf dem Weg dorthin)? Ein paar Unis haben sich schon zu klaren Statements hinreissen lassen: die Uni Sheffield (Netzwerk: https://www.carbonneutraluniversity.org), die (kleine) Universität Lüneburg (sie hat sogar eine eigene Fakultät Nachhaltigkeit), die Exzellenz-Uni Hamburg, um ein paar Beispiele zu nennen. Wenn man auf der Homepage der Uni Heidelberg im Suchfeld das Stichwort “Nachhaltigkeit” eingibt (hier klicken), erhält man zwar Hinweise auf Veranstaltungen zum Thema, aber keinen Hinweis auf eine mögliche Selbstverpflichtung. Das Leitbild der Universität Heidelberg kommt ohne den Begriff der Nachhaltigkeit aus.

Natürlich finden sich auch an unserer Heidelberger Universität Gruppen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen: am HCE, bei den Juristen, bei der “Jungen Universität“, beim Studierendenrat. Könnte mehr sein… Beeindruckend ist allerdings das Studierendenwerk Heidelberg (StW): Deren neue Geschäftsführerin, Tanja Modrow, legte beim letzten Treffen des Klimaschutz-Aktionsbündnis (=eine Gesprächsrunde mit klimarelevanten Akteuren der Stadt Heidelberg, gegründet im Anschluss an den Gemeinderatsbeschluss vom 22.11.2019 zum 30-Punkte-Aktionsplan der Stadt) im März 2021 einen 9-Punkte-Plan zur Nachhaltigkeit des StW vor, der große Zustimmung fand und als vorbildlich betrachtet werden kann.

In Hinblick auf die Universität Heidelberg ist die Situation weniger klar: Im November 2019 hat Dieter Teufel (UPI Heidelberg) in einem eindrucksvollen Vortrag zum Thema “Klimaschutz in Stadt und Universität Heidelberg - Was läuft gut, was nicht?” die hiesige Situation vor Ort analysiert. Daran hat sich bis heute nichts wesentlich verändert. Die “Students for Future Heidelberg” hatten seinerzeit einen Forderungskatalog erstellt, auf den die Universität mit einer Stellungnahme reagiert hat, die ich aber eher als Verteidigungsschrift einordnen würde denn als visionäres Zukunftspapier. Als Psychologe sehe ich in der Stellungnahme mehr “avoidance” als “approach” (über meinen Eindruck, an der Uni viele Nachhaltigkeits-Muffel anzutreffen, habe ich in einem früheren Blog-Eintrag geschrieben).

Inzwischen gibt es erste Rankings von Universitäten in Hinblick auf ihren Beitrag zu den “Sustainable Development Goals” (SDG) der United Nations. Die GreenMetric (an der sich die Uni Heidelberg erst gar nicht beteiligt) ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Shanghai-Ranking oder dem von “Times Higher Education“. Aber es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch derartige Rankings “grüne” Aspekte berücksichtigen.

Das führt zur Frage: Wie sollten Universitäten angemessen bilanziert werden? Typischerweise wird im Jahresbericht der Universität die finanzielle Situation beleuchtet. Das ist ja auch sinnvoll, da wir dem Landtag über die Verausgabung der uns zugewiesenen Mittel natürlich Rechenschaft ablegen müssen. Im Jahresbericht der Uni heisst es: “Im Jahresbericht stellt die Universität Heidelberg ihre vielfältigen Aktivitäten im vorangegangenen Kalenderjahr dar. Berichtet wird über neue Entwicklungen in Forschung, Studium und Lehre, über Kooperationen und Internationales. Eine umfangreiche Statistik sowie der Jahresabschluss komplettieren den Bericht.” (Webseite “Jahresbericht“, Stand 27.3.2021). Aber reicht das aus? Welche anderen Arten der Bilanzierung gibt es denn neben der ökonomischen? Drei Ergänzungen zur kaufmännischen Betrachtung möchte ich kurz vorstellen.

(1) Wissensbilanz. Eine Wissensbilanz bilanziert das intellektuelle Kapital einer Organisation. Was läge einer Universität näher als diese Art von Leistungsermittlung? Eine kleine Sammlung publizierter Wissensbilanzen findet sich hier (auffällig ist das fast völlige Fehlen von Bildungseinrichtungen). In Österreich ist die Erstellung von Wissensbilanzen an den Hochschulen übrigens vom Gesetzgeber verpflichtend eingeführt und kann auf der Bildungsplattform “eduTube” von dafür Berechtigten eingesehen werden (leider nicht von mir). Zum Glück machen einzelne Unis ihre Bilanz öffentlich (hier z.B. die Wissensbilanz der Uni Graz für 2019).

(2) Klimabilanz (CO2-Bilanz). In Hinblick auf den Klimawandel müssen alle Menschen auf diesem einen Planeten (und alle Unternehmen natürlich erst recht) ihren ökologischen Fussabdruck überprüfen (siehe meinen früheren Blog-Beitrag zum Thema “Virtuelles Wasser“). Das gilt auch für Universitäten: Die Universität Freiburg hat jüngst ihre Treibhausgasbilanz für das Jahr 2017 veröffentlicht. Die Universität Lüneburg (”Leuphana”) hat ein paar Hinweise zu ihrer Klimabilanz gegeben. Eindrucksvoll: Die Geschäftsführerin des Sportbekleidungsherstellers VAUDE, Antje von Dewitz (v.D.), lässt ihr Unternehmen seit 2012 klimaneutral produzieren und legt jährlich eine Klimabilanz vor. Geht doch!

(3) Gemeinwohl-Bilanz. Christian Felber hat in seinem Buch zur Gemeinwohl-Ökonomie (2018, 2. Auflage) beschrieben, welche Vorteile in einer Gemeinwohl-Bilanz zu sehen sind. Sein 2017 gehaltener Vortrag an der Uni Trier “Wirtschaft neu denken” (er ist auf YouTube nachzuhören) gibt einen guten Einblick in das dahinterstehende Konzept (Quelle: Felber, C. 2018. Die Gemeinwohl-Ökonomie. Deuticke).

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist nicht nur eine Aufgabe für Schulen, sondern sollte auch an Hochschulen selbstverständlich sein (hier das BNE-Portal der Stadt Heidelberg). Wenn der Anspruch führender Universitäten darin besteht, das Führungspersonal der Zukunft auszubilden, dann muss im 21. Jahrhundert BNE dazugehören. Die Schlüsselqualifikationen im 21. Jahrhundert (siehe meinen früheren Blog-Beitrag) müssen das Thema “Nachhaltigkeit” addressieren, das Leben aller Menschen auf diesem einen Planeten wird davon abhängen, wie gut wir mit dem wirtschaften, das uns gegeben ist. Das tolle Projekt “Big History” (ich empfehle zum Einstieg das motivierende Video des australischen Historikers David Christian hier) zeigt noch mal, wie sehr wir uns um “unseren” Planeten kümmern sollten.

In seinem neuen Buch “Adaptive Intelligence” macht unser Honorarprofessor Robert Sternberg deutlich, dass wir zur Beurteilung der Intelligenz einer Person deren Beitrag zum Wohl der Spezies Mensch mitheranziehen sollten - Adaptivität des homo sapiens sapiens als Ganzes, nicht nur der Überlebensvorteil des Einzelnen. Eine interessante Idee, wie ich finde! Da kommen Nachhaltigkeitsüberlegungen gerade richtig!

Einrichtung der Psychotherapeuten-Studiengänge

Es ist entschieden: Die neuen “Psychotherapeuten-Studiengänge” (B.Sc. Psychologie, M.Sc. Psychologie) werden bei uns zum Wintersemester 2021/22 eingerichtet! Bis zuletzt waren Fragen der Finanzierung offengeblieben (die neuen Studiengänge brauchen mehr Personal). Im November 2019 war das neue Gesetz verabschiedet worden (siehe meinen damaligen Blog-Beitrag), nun lässt die Umsetzung nicht mehr lange auf sich warten.

Die Geschäftsführende Direktorin unseres Instituts, Birgit Spinath, schreibt heute: “Frau Senz [Prorektorin für Studium und Lehre] informiert uns … darüber, dass die LRK [Landesrektorenkonferenz] beschlossen hat, die neuen Studiengänge einzurichten und somit das Finanzierungsangebot des Ministeriums anzunehmen. Ich denke, das ist ein Grund zur Freude. Es war ein langer Weg und das Verhandlungsergebnis ist beachtlich. Zwar muss es sofort weitergehen mit den Verhandlungen (z.B. wegen der Räume), aber über das Erreichen dieses Etappenziels sollten wir uns freuen.”

Ich freue mich mit allen, die daran gearbeitet haben. Nun kann ab dem kommenden Wintersemester eine neue Phase des Psychologie-Studiums beginnen! Wie erfreulich!

Für mich ist die Umstellung mit einem schmerzlichen Verlust verbunden: dem Wegfall der Vorlesung “Einführung in die Erkenntnistheorie”. Deren Inhalte werden jetzt komprimiert in der Vorlesung “Einführung in die Psychologie” von Jan Rummel enthalten sein, zusammen mit einem Überblick über das Fach, über seine Geschichte (inkl. der Geschichte der Psychotherapie) und eben über wissenschaftstheoretische Grundlagen. In diesem WS 2020/21 hat meine Lieblingsvorlesung zum letzten Mal stattgefunden - alles hat ein Ende. Und in jedem Ende steckt bekanntermassen ein Neuanfang, auf den wir uns freuen sollten.

Kleiner Trost für mich: Ich darf im SoSe 2022 nochmal die Vorlesung “Adaptive Cognition” für unsere Masterstudierenden halten. Die habe ich auch gerne gemacht - ein kleiner Trost also für den Lehrer in mir :-)

63. TeaP in Ulm online

Vom 14.-16.3.2021 fand wieder einmal die jährliche “Tagung experimentell arbeitender Psychologen” (TeaP) statt - diesmal zum 63. Mal, diesmal in Ulm, diesmal online (hier Link). Es war meine erste Online-TeaP und ich ziehe ein paar Vergleiche zu früheren Präsenztagungen, an denen ich teilgenommen habe. Meine erste TeaP mit aktivem Beitrag war übrigens die 24. TeaP an der Uni Trier im Jahr 1982, und die von mir mitorganisierte 58. TeaP fand im Jahr 2016 an der Uni Heidelberg statt.

Zunächst einmal: Toll, dass die TeaP überhaupt unter den widrigen Bedingungen organisiert werden konnte! Toll, dass so viele einen aktiven Beitrag angemeldet haben! Mehr als 500 Beiträge, mehr al 700 Teilnehmende sind es gewesen! Spricht für ein Bedürfnis… Danke an das Orga-Team in Ulm: Anke Huckauf, Martin Baumann, Marc Ernst, Cornelia Herbert, Markus Kiefer und Marian Sauter!

Was hat mir gefehlt? Das Konferenz-Feeling fehlt vollkommen. Das fängt schon mit der Anreise und Hotelunterbringung an - Früher habe ich auf der Zugfahrt zum Tagungsort, im Hotelzimmer, am Frühstückstisch im Abstractband geblättert, wenn nicht schon das Hotelfrühstück (oder die ÖPNV-Fahrt zum Tagungsort) häufig Zufallskontakte mit anderen TeaP-Teilnehmenden zustandegebracht hatte. Das Schlendern mit der als Identikationsmerkmal getragenen Tagungstasche durch eine meist unbekannte Stadt gehörte ebenso dazu wie die Oriertierung in unbekannten Tagungsräumlichkeiten.

Natürlich gab es virtuelle Treffpunkte zum Plauschen und Kaffeetrinken - ich selbst habe davon diesmal keinen Gebrauch gemacht. Die zufälligen Begegnungen in real-life sind doch was ganz anderes! Manchmal reichte in der Vergangenheit ein Blick, ein kurzes Nicken schon aus, um einen lang vergessenen/vernachlässigten Kontakt kurz zu reaktivieren. Geht jetzt nicht mehr. Ebenso mal einfach der Blick in einen Vortragsraum, wo bekannte Gesichter bereits Platz genommen haben. Geht jetzt nur teilweise. Gesellschaftsabend? Fehlt völlig…

Aus meiner HeiAge-Arbeitsgruppe hat Alica Mertens unseren Beitrag zur Mobilitätsversion des Multi-Motiv-Gitters (wir nennen es das MMG-M) vorgetragen, in einer Arbeitsgruppe am Montagmorgen zwischen 8:15 und 9:15. Uff! Es waren fast 30 Teilnehmende anwesend! Ob das bei einem real-life-Vortrag auch so gewesen wäre? Ich habe da starke Zweifel… Und es ging minutengenau: Unser Beitrag war von 8:51-9:03 angesetzt (!) - und genau zu dieser Zeit fand er auch statt!

Was hat mir gut gefallen? Das vorherige Aufzeichnen der Vorträge ist ein Gewinn für beide Seiten: für die Vortragenden ist es streßreduzierend, für die Zuhörenden schafft es besser strukturierte Vorträge (ich erinnere Vorträge, wo die immer schon knappe Zeit mit der Einleitungsfolien fast verbraucht war und dann in den letzten Minuten ein Feuerwerk mit Ergebnis-Folien abgezogen wurde, dass es einem Kopfschmerzen bereitete… Für den Chair einer Arbeitsgruppe reduziert das ebenfalls Stress, denn man muss beim voraufgezeichneten Vortrag nicht mehr auf die Zeit achten und KollegInnen das Wort abschneiden. Alle Beiträge, die ich jetzt gesehen habe, haben eine gute Zeiteinteilung bewiesen. Apropos Zeit: Die jetzt vorgesehene Zeiteinteilung von exakt 7 Minuten Präsentation, 5 Minuten Diskussion ist extrem kurz und könnte auch auf 8/4 oder 8/5 verschoben werden. Übrigens haben mir persönlich die Präsentationen mit “embedded speaker” besser gefallen als die, wo nur eine Stimme aus dem “off” zu hören war.

Exzellent auch die Möglichkeit, alle Vorträge (auch die Keynotes!) zu einem späteren Zeitpunkt nochmals als Video anzuschauen! Davon habe ich mehrfach Gebrauch gemacht, sehr hilfreich! Was sonst auffiel: Die Diskussionen fanden bei englischsprachigen Beiträgen eher im Chat (und dort mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung) statt, bei deutschsprachigen Beiträgen eher als Redebeiträge mit Kamerazuschaltung (das fand ich lebendiger).

Von einem Kollegen habe ich gehört (ich war selbst nicht dort), dass die Posterpräsentationen sehr gut gemacht wurden (das könnte zu einem Modell unseres Heidelberger Praktikumskongresses werden). Wo ich noch war: Auf der Mitgliederversammlung der DGPs-Fachgruppe Allgemeine Psychologie, die vom Sprecher Dirk Wentura souverän moderiert wurde und eine Reihe interessanter Punkte enthielt, die im gerade kürzlich versandten Protokoll der Fachgruppenleitung nachzulesen sind. Selbst Wahlen konnten unter diesen Bedingungen durchgeführt werden. Gratulation zur Wiederwahl,  Dir lieber Dirk und den anderen Mitgliedern der Fachgruppenleitung!

Also: toll, dass es diese TeaP gab! Wir lernen dazu! Aber schon jetzt freue ich mich auf die nächste (hoffentlich “reale”) TeaP - in Planung ist für das nächste Jahr das 64. Treffen in Köln vom 20.-23.03.2022 (Organisation: Christoph Stahl, Hilde Haider). Die Homepage: www.teap2022.uni-koeln.de

Gastbeitrag “#OneMoreYear – Ein Appell an die Studierenden in Deutschland”

Gastbeitrag “#OneMoreYear – Ein Appell an die Studierenden in Deutschland” von Monika Sieverding, Professor of Psychology, Head of Gender Studies & Health Psychology, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Studierende in Deutschland sind in besonderer Weise von den coronabedingten Maßnahmen und Einschränkungen betroffen. Viele Studierende haben finanzielle Probleme, z.B. weil sie ihren Nebenjob verloren haben. Schon zwei Semester fand die Lehre fast ausschließlich online statt, für das kommende Sommersemester sind auch keine wesentlichen Lockerungen zu erwarten. Das heißt: Nach wie vor digitale Vorlesungen, Seminare und Prüfungen. Im Gegensatz zu Schulen sind an Universitäten keine Konzepte in Sicht, die zumindest Lehrveranstaltungen in Kleingruppen zulassen. Es gibt Studierende, die mit ihrem Bachelor- oder Masterstudium begonnen haben und noch keinerlei persönlichen Kontakt mit Lehrenden oder Mitstudierenden hatten. Der Frust ist verständlicherweise sehr groß — übrigens nicht nur unter Studierenden, sondern auch unter uns Lehrenden!

Ich möchte die Studierenden dazu ermuntern, sich ein Jahr mehr Studienzeit zu nehmen.

Wir (Fabian Scheiter, Dr. Laura Schmidt, Julia Obergfell und ich) haben in einem Forschungsprojekt an der Uni Heidelberg Stress im Studium untersucht und dazu das bewährte Demand-Control-Modell von Robert Karasek angewandt. Wir haben das Projekt begonnen, um zu erklären, warum nach Einführung der Bachelorstudiengänge ein so großer Anstieg im Stress bei Studierenden zu verzeichnen war. Und wir konnten zeigen, dass es nicht der Studienaufwand ist, der Stress und studentische Lebenszufriedenheit erklärt, sondern die Dimension Anforderungen und Entscheidungsfreiräume [1-4]. Wenn die Anforderungen zu hoch sind, weil z.B. zu viele Klausuren und Hausaufgaben in einem Semester geschrieben werden müssen und die Entscheidungsfreiräume zu niedrig sind (z.B., welche Lehrveranstaltungen belegt werden können, wann die Prüfungen gemacht werden), ist der Stress hoch und die Lebenszufriedenheit niedrig.

Seit Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge erlebe ich, dass Studierende unter einem enormen Druck stehen. Insbesondere unter einem enorm hohen Druck, das Bachelorstudium mit einer sehr guten Note abzuschließen, um gute Chancen auf einen Masterstudienplatz zu haben. Diesen Notendruck verstehe ich. Es gibt aber auch einen Druck, das Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen. Und diesen Regelstudienabschluss-Druck verstehe ich nicht.

Zu Zeiten der Diplom-Studiengänge gab es auch Regelstudienzeiten, diese lag z.B. im Psychologie-Studiengang bei 9 Semestern. Die durchschnittliche tatsächliche Studiendauer betrug jedoch 12 Semester. Das heißt, die Psychologie-Studierenden, die nicht gerade durch übermäßige Faulheit oder Probleme in der Selbstorganisation des Studiums bekannt sind, haben sich vor Einführung der Bachelorstudiengänge im Durchschnitt 3 Semester mehr Zeit genommen.

Fragen Sie mal Ihre Professorinnen und Professoren, wie lange sie studiert haben. Meine Wette wäre: Kaum eine/r hat in der Regelstudienzeit ihr oder sein Studium abgeschlossen. (Bei mir waren es übrigens auch 12 Semester.) [Anmerkung JF: Bei mir waren es 18 Semester.]

Die Regelstudienzeit wurde coronabedingt in den meisten Bundesländern um 2 Semester verlängert (https://www.fzs.de/2020/12/18/anpassungen-der-regelstudienzeit-aufgrund-der-corona-pandemie-in-den-bundeslaendern-ein-ueberblick/), von daher ist eine Verlängerung des Studiums auch mit BaFög möglich. Mir ist bewusst, dass die finanziellen Probleme, die z.B. durch den Wegfall eines Nebenjobs entstanden sind, dadurch nicht gelöst werden. Jedoch ist zu erwarten, dass mit zunehmender Lockerung der Maßnahmen in den nächsten Monaten auch wieder mehr Möglichkeiten entstehen werden, neben dem Studium Geld zu verdienen.

Das ist eine Chance, die so schnell nicht wiederkommt. Nutzen Sie diese Chance!

Das vergangene Jahr ist nicht völlig verloren, Sie haben sicher auch bereichernde Erfahrungen gemacht. Aber gönnen Sie sich das zusätzliche Jahr, um die Begegnungen mit anderen Studierenden und Lehrenden nachholen zu können! Sie werden noch lange genug im Berufsleben tätig sein — vielleicht 40 Jahre? — es gibt keinen Grund zur Eile. Ich ermuntere Sie nicht, jetzt alles schleifen zu lassen, es geht um ein zusätzliches Studienjahr, das ihnen coronabedingt geschenkt wurde.

Nehmen Sie sich dieses Jahr! Genießen Sie es! #OneMoreYear

Referenzen:

1.  Schmidt, L. and J. Obergfell, Zwangsjacke Bachelor?! Stressempfinden und Gesundheit Studierender: Der Einfluss von Anforderungen und Entscheidungsfreiräumen bei Bachelor-und Diplomstudierenden nach Karaseks Demand-Control-Modell. 2011: VDM Verlag Müller.

2.  Sieverding, M., et al., Stress und Studienzufriedenheit bei Bachelor- und Diplom-Psychologiestudierenden im Vergleich Eine Erklärung unter Anwendung des Demand-Control-Modells. (= Study-related stress and satisfaction in psychology students). Psychologische Rundschau, 2013. 64(2): p. 94-100.

3.  Schmidt, L.I., et al., Anforderungen, Entscheidungsfreiräume und Stress im Studium : Erste Befunde zu Reliabilität und Validität eines Fragebogens zu strukturellen Belastungen und Ressourcen (StrukStud) in Anlehnung an den Job Content Questionnaire. Diagnostica, 2019. 65(2): p. 63-74.

4.  Schmidt, L.I., et al., Predicting and explaining students’ stress with the Demand–Control Model: does neuroticism also matter? Educational Psychology, 2015. 35(4): p. 449-465.

Anmerkung. Der Beitrag ist textgleich zu der Version, die am 10.3.2021 auf LinkedIn veröffentlicht wurde. Am 6.4.2021 berichtete der “Spiegel” darüber. Am 10.4.2021 erschien ein Interview mit Monika Sieverding in der “Rhein-Neckar-Zeitung” (hier das Interview als PDF).

Hans-Ulrich Wittchen: Kein Ruhmesblatt mehr für die Psychologie

TU Dresden)

Wittchen 2015 (Quelle: TU Dresden)

Der Dresdener Kollege Hans-Ulrich Wittchen, der am dortigen Institut für Psychologie von 2000 bis zu seiner Pensionierung 2017 den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie innehatte, war eine Lichtgestalt der deutschen Psychologie: Im Jahr 2015 kürte ihn Thomson Reuters durch Aufnahme in deren Liste „The World’s Most Influential Scientific Minds“ - schließlich gehört er mit >800 Publikationen zu den am meisten zitierten Wissenschaftlern in der Psychologie, Psychiatrie und Neurowissenschaften (im Report “The World’s Most Influential Scientific Minds 2015” auf S. 103 gelistet).

Die Betonung liegt auf “war eine Lichtgestalt” - denn der jüngst erstellte Untersuchungsbericht einer unabhängigen Kommission an der TU Dresden unter Leitung des Hamburger Juristen Hans-Heinrich Trute über die schon länger kursierenden Vorwürfe (siehe auch meinen Blog-Beitrag “Skandale” vom April 2019) enthüllt einen Skandal, der ein tiefes Dunkelfeld um das helle Leuchten der “Lichtgestalt” legt. Die Rektorin der TU Dresden Ursula Staudinger, die erst  2020 in dieses Amt gewählt wurde und von Hause aus Psychologin ist, zeigt sich in einem gerade veröffentlichten Interview mit Jan-Martin Wiarda “tief erschüttert” über die “bemerkenswerte, außergewöhnliche, ja unerhörte Konstellation von Verfehlungen. Von den anfänglichen Täuschungen und Datenmanipulationen - es sollten Daten von >90 psychiatrischen Einrichtuingen erhoben werden, aber es waren wohl deutlich weniger Erhebungen als im Bericht geschildert - über die offensichtlichen Bemühungen, diese vor der drohenden Untersuchung zu vertuschen, bis hin zu Bemühungen, die Arbeit der Kommission zu verkomplizieren und zu verlangsamen, wo immer es ging.”

Worum ging es dabei? Der Vorwurf: Wittchen habe Daten einer wichtigen, mit 2.5 Mio Euro vom Bund geförderten Studie zur Personalausstattung psychiatrischer Kliniken gezielt manipulieren lassen (Duplikation von Datensätzen). Es geht dabei um die Zukunft der Versorgung Hunderttausender psychiatrischer Patienten. Der Vorwurf: Schwere Manipulation der Daten, Vertuschungsversuche, Behinderung der Aufklärung - zusätzlich seien Projektgelder für private Zwecke sowie zum Vorteil seiner Tochter zweckentfremdet worden, wie in der ZEIT 09/2021 unter dem Titel “Er hatte absolute Narrenfreiheit” (Bericht von Marc Scheloske) nachzulesen ist. Dort steht auch der bemerkenswerte Satz: “An einer großen Universität sind nicht alle Professoren geich wichtig.” Weiter unten dort: “Macht schützt.” Und noch das hier: “Das lange Schweigen der Mitarbeiter, die in tiefe Abhängigkeiten verstrickt waren.”

Dass in Dresden eine Transfer-Gesellschaft in den Skandal involviert ist, weckt Erinnerungen an unseren Heidelberger Skandal, die “Causa Bluttest“: Auch dort waren z.B. finanzielle Interessen der Verwertungsgesellschaft TTH (Technology Transfer Heidelberg; ist aufgelöst worden; die Nachfolge-Einrichtung heisst nun ScienceValue Heidelberg, SVH, und steht unter universitärer Kontrolle) im Hintergrund zu sehen, die über die wissenschaftliche Redlichkeit gestellt wurden. Geld kann korrumpieren.

Warum macht ein erfolgreicher Kollege mit sicherer Pension und hohem Einkommen so etwas? Noch einmal der ZEIT-Artikel mit einem Auszug aus dem Kommissionsbericht: “Prof. Wittchen wollte auch gegenüber Externen als erfolgreicher erscheinen, als er war.” Und andere Stimmen sagen - so die ZEIT -, Wittchen neige notorisch zu Übertreibungen und sei “unerschütterlich von der eigenen Grandiosität überzeugt”. Uff!

Rektorin Ursula Staudinger sieht in drei Bereichen notwendige Konsequenzen beim Auf- und Ausbau eines Compliance-Systems, das nunmehr an der TU Dresden aus drei “Säulen” besteht: (1) klare Regeln für gute wissenschaftliche Praxis (GWP, in einer entsprechenden Satzung verankert und flankiert von einem verpflichtenden Schulungssystem für alle Forschenden); (2) Antikorruptionsbeauftragte bis auf die Fakultätsebene, die finanzielle Vergehen frühzeitig aufspüren; und (3) ein “Whistleblower”-System (”eine Anlaufstelle und eigene Beschwerdeperson für Mitarbeiter, die Diskriminierung, Mobbing oder Gewalt erfahren”) in Verbindung mit “Konfliktlotsen”, die bereits im Vorfeld moderieren und mediieren sollen (das machen eigentlich derzeit schon Ombudspersonen wie ich oder Ombudspersonen für Doktoranden).

Von 1984 bis 1990 hatte Wittchen übrigens (als Erstberufung) die Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Mannheim inne. Die Kollegen dort werden sich in der Rückschau glücklich schätzen, dass er wegberufen wurde :-)

Ich bin gespannt, wie die Affäre weitergeht. Eine strafrechtliche Verantwortlichkeit Wittchens wird noch geprüft. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Unabhängig davon sollten wir alle darüber nachdenken, wie so eine Fehlentwicklung zu verhindern ist.

Nachtrag 3.3.2021: Die “Deutsche Gesellschaft für Psychologie” teilt mit, dass sie ein Verfahren gegen Kollegen Wittchen vor dem Ehrengericht der DGPs eingeleitet hat.

Nachtrag 8.4.2021: BuzzFeed.News berichtet unter dem Titel “Staatsanwaltschaft ermittelt nach Fälschungsskandal gegen Top-Psychologen” über weitere Details dieses unappetitlichen Falles. Auch ScienceMag berichtet international über diesen Fall. Die Ermittlungen der Dresdner Staatsanwaltschaft bleiben abzuwarten.

150 Jahre Charles Darwin: Evolutionslehre

Wikipedia)

Charles Darwin im Alter von 51 (Bildquelle: Wikipedia)

Am 24.2.1871 wurde das Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ (Originaltitel: „The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex“) von Charles Darwin (1809-1882) veröffentlicht. Darin wurden die gemeinsamen Wurzeln von Menschen und Affen beschrieben. Als die Frau des Bishofs von Worcester davon erfuhr, soll sie der Legende nach gesagt haben: “Let us hope it is not true, but if it is, let us pray that it will not become generally known!”.

Wikipedia]

Die erste Skizze (1837) eines Stammbaums des Lebens, "I think" (Bildquelle: Wikipedia).

Tatsächlich hat sich Darwins Evolutionstheorie in Kreisen der Wissenschaft durchgesetzt, auch wenn in den USA angeblich 40% der Bevölkerung daran zweifeln sollen und lieber an den Kreationismus glauben, wonach Gott die Welt vor einigen tausend Jahren geschaffen hat. Da in einigen Staaten der USA die Evolutionstheorie nicht unterrichtet werden darf (bzw. die Lehre vom “Intelligent Design” als gleichberechtigte Alternativtheorie zu Darwins Vorstellungen im Lehrplan der Schulen vorgeschrieben ist!), wundert ein derartiger Befund nicht. Wie schön, dass wir in Deutschland freie Wissenschaft haben und über Darwins Ideen sprechen können, ohne Gefängnis befürchten zu müssen.

Für die Psychologie hatte das Werk von Charles Darwin, dessen Erstveröffentlichung ja bereits 1859 mit dem Buch „On the origin of species“ erfolgte, zunächst kaum Bedeutung, obwohl der Schlusssatz des 1859-Buches lautete “Psychology will be based on a new foundation“. Das wurde damals wohl nicht verstanden, unter anderem deswegen, weil der Behaviorismus im beginnenden 20 Jh. so verbreitet war.

Erst im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts hat sich dies fundamental geändert: Das Aufkommen einer evolutionären Psychologie, das von Edward Wilsons “Sociobiology” sowie von den Kognitionspsychologen Leda Cosmides und John Tooby massgeblich beeinflusst wurde (siehe Barkow, J. H., Cosmides, L., & Tooby, J. (Eds.). (1992). The adapted mind: Evolutionary psychology and the generation of culture. Oxford University Press) und im Lehrbuch von David Buss “Evolutionary Psychology” kulminierte (1999 erstmals erschienen, in 5. Auflage 2014; Untertitel bis heute: “The new science of the mind”; siehe auch den englischen Wikipedia-Eintrag “Evolutionary Psychology“), prägt unser Fach bis heute, wenngleich der anfängliche “Hype” etwas nachgelassen hat (war der fast zeitgleiche Hype um die Neuropsychologie daran schuld?).

Bis heute sind evolutionspsychologische Konzepte in vielen Kontexten interessant, sei es in der Forschung zu Eifersucht (Frauen reagieren z.B. eher auf emotionale Untreue, während Männer eher auf sexuelle Untreue reagieren), sei es in der kognitiven Psychologie (der “Betrüger-Entdeck-Mechanismus” hilft z.B. bei der Logik der Selection Task von Peter Wason), sei es im klinischen Bereich von Angststörungen (es gibt z.B. weitaus mehr Patienten mit Angst vor Spinnen als mit Angst vor Autos). Cosmides und Tooby waren sich einig: “Our modern skulls house a Stone Age mind.” Die Evolution des Lebens kommt nicht auf Augenhöhe der rasanten Entwicklung unserer Welt hinterher.

Charles Darwin: Die von ihm beschriebenen Mechanismen der Variation und Selektion beschreiben grundlegende Merkmale schöpferischer Prozesse. In der Kreativitätstechnik des “brain storming” (von John Osborn 1939 erstmalig beschrieben) werden zunächst wilde Ideen erzeugt (”Varianten”), bevor dann der kritische Blick die besten Ideen herausfiltert (”Selektion”) und überleben lässt. Die Evolutionslehre beschreibt nichts anderes als kreative Prozesse, gesteuert vom Zensor des Überlebensvorteils. Danke, Charles Darwin, für dieses universelle Prinzip!

HCE: Holpriger Neustart

Im Jahr 2011 wurde von engagierten Kolleginnen und Kollegen das “Heidelberg Center for the Environment” (HCE) gegründet, um die vorhandenen Kompetenzen im Bereich der Umweltforschung zu bündeln. Wie toll, das Thema “Umwelt” an einer Volluniversität wie der Uni Heidelberg breit anzugehen, ein Thema, das die Menschheit beschäftigt und viele junge Menschen (wie z.B. “Fridays for Future“) auf die Strassen bringt. Auch die Wissenschaft engagiert sich erkennbar für dieses Thema (”Scientists for Future“). Dass bereits 2011 unsere Uni hier die Vorreiter-Rolle übernehmen wollte: Was für eine grossartige Idee (ich bin als persönliches Mitglied dem HCE beigetreten)! Und wie schade, dass daraus nicht allzuviel geworden ist…(natürlich danke an Sanam Vardag und Max Jungmann für die tolle Arbeit im Hintergrund!). Immerhin könnte (ironischerweise?) das Format der “Heidelberger Brücke” erhalten bleiben. Im letzten Jahr war das HCE beinah führungslos nach dem Rücktritt des damaligen Direktoriums im Frühjahr 2020. Dazu später mehr.

Erst mal eine gute Nachricht: Das HCE hat ab sofort wieder ein Direktorium! Thomas Rausch als neuer Direktor sowie Jale Tosun und André Butz als seine Stellvertreter haben bei der gerade im Januar 2021 vollzogenen Neuwahl die erforderliche einfache Mehrheit an Stimmen erzielt (71 Mitglieder verzeichnet das HCE derzeit, mindestens die Hälfte davon, also 36 Stimmen, waren nötig, um gewählt zu werden). Gratulation! (Nachtrag 12.2.2021: Am Freitag, den 5.2.2021, hat der Rektor die Ernennungen ausgesprochen - erst jetzt kann es losgehen!)

Die schlechte Nachricht: Von den vier Kandidaten für das “Erweiterte Direktorium” (je ein Vertreter für jedes der vier Fields of Focus, FoF) haben drei das nötige Quorum nicht erreicht, nur Oliver Friedrich als Vertreter des Field of Focus 2 (FoF2) hat mit 39 Stimmen die Hürde genommen. Die vorgeschlagenen Vertreter für FoF1 (Marcus Koch), FoF3 (Olaf Bubenzer) und FoF4 (Timo Goeschl) verfehlten dagegen die einfache Mehrheit knapp. Warum? Nun: es wurden insgesamt nur 41 Stimmzettel in der auf 3 Wochen verlängerten Wahlperiode abgegeben (nach 14 Tagen, also dem ersten “offiziellen” Ende der Wahlperiode, waren es nur 34 Mitglieder, die abgestimmt hatten, also weniger als 50% der Mitglieder…). Dabei war die Dringlichkeit eines starken Mandats für die neue Spitze klar angesagt worden. (Nachtrag 16.2.2021: Zum Demokratie-Verständnis des neu gewählten Direktoriums nur so viel (Auszug aus einer Rundmail vom 12.2.2021): “Um zu vermeiden, dass HCE-Mitglieder, die derzeit ihre Schwerpunkte nicht oder nicht mehr am HCE sehen, bzw. zum jetzigen Zeitpunkt in anderen Aktivitäten gebunden sind, durch ihre (möglicherweise gut begründete) Zurückhaltung die weitere Entwicklung des HCE blockieren, haben wir mit der Rechtsabteilung folgendes Prozedere abgesprochen: HCE-Mitglieder können per email den Antrag stellen ihre Mitgliedschaft für 6 Monate ruhen zu lassen (auch ohne Begründung). Nach 6 Monaten wird das Erweiterte Direktorium anfragen, ob weiterhin Interesse an einer aktiven Mitgliedschaft besteht oder nicht. Wir bitten daher zu prüfen, wer von dieser Möglichkeit Gebrauch machen will und erwarten etwaige Anträge auf Ruhen der Mitgliedschaft bis zum 19.2.2021. Wir vertrauen darauf, dass alle HCE-Mitglieder, die davon NICHT Gebrauch machen, sich bei den bevorstehenden Nachwahlen zum Erweiterten Direktorium beteiligen werden.” Was ist das für ein Verfahren!).

Was ist da los? Ich habe ja schon vor knapp einem Jahr in meinem Blog über den Rücktritt des damaligen Direktoriums unter der Leitung von Thomas Meier geschrieben. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit des HCE gibt es eben doch ein paar Unterschiede. Während nach außen hin das HCE immer als ein bedeutender Teil der Exzellenzstrategie dargestellt wurde (eine der drei “interdisziplinären Inkubatoren” bestehend aus (1) Marsilius-Kolleg (MK), (2) Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen (IWR) und (3) HCE), blieb die Unterstützung des HCE (nach innen) immer hinter derjenigen für die beiden anderen Säulen zurück (nach außen wurde das HCE wiederholt groß herausgestellt, z.B. beim Klimaschutz-Aktionsplan des Heidelberger OB). Zum Beispiel die räumliche Unterbringung: Das IWR hat mit dem Mathematikon eine große räumliche Struktur erhalten, das MK hat ebenfalls in den Marsilius-Arkaden eine Heimat gefunden, einzig das HCE blieb eine weitgehend “virtuelle” Struktur. Über finanzielle Ausstattungsunterschiede will ich hier nichts sagen, außer dass die Größenordnung des HCE-Budgets gerade mal einen mittleren 6stelligen Euro-Betrag erreicht (man kann sich vorstellen, was damit zu erreichen ist…).

Viel tiefgreifender als diese Äußerlichkeiten scheinen mir Probleme der inhaltlichen Ausrichtung des HCE zu sein. Man braucht sich nur die handelnden Personen anzusehen: Fast alle kommen sie aus dem Teil “rechts des Neckar” (Uni-Campus INF), “links des Neckar” sind nur wenige Namen zu finden, aus dem Altstadt-Campus niemand (dass das Psychologische Institut auf der Altstadt-Campus-Landkarte nicht benannt wird, sehe ich gerade - reiner Zufall, oder?). Von wegen “bridging” und “Brücke“! Damit ist der angedachte Forschungsverbund im Wesentlichen ein Verbund aus Lebens- und Naturwissenschaften. Die Geistes- und Sozialwissenschaften spielen - zumindest im (erweiterten) Direktorium, aber auch auf der im Anhang zur Satzung befindlichen Liste der persönlichen Mitglieder - keine große Rolle mehr. In meinen Augen ein großer Fehler, wenn Umweltforschung ohne den Menschen gedacht wird! Menschen treten nämlich beim Thema “Umwelt” in mindestens drei Rollen auf: (1) als Verursacher von Umweltveränderungen; (2) als Betroffene von Umweltveränderungen; (3) als change agents bzw. proaktive Gestalter einer nachhaltigen Entwicklung z.B. durch mitigation und adaptation, etwa bei der Bewältigung des Klimawandels - so haben es Lenelis Kruse und ich in einem Beitrag für das in Vorbereitung befindliche “Handbuch Umweltwissenschaften” geschrieben, das vom HCE herausgegeben werden soll (hier zum Preprint).

Auch die Satzung des HCE wurde auf Drängen des Rektorats neu gestaltet (der Senat hat die neue Satzung am 10. November 2020 im Umlaufverfahren verabschiedet). Es gibt nun nur noch “persönliche” Mitglieder (vorher konnten auch ganze Institute Mitglied werden), das Direktorium muss vom Rektorat bestätigt werden (ein Verlust an Autonomie, den ich bedauere!).

Ich bin sehr gespannt, wie es mit dem HCE weitergeht - Umweltforschung findet natürlich auch ausserhalb des HCE statt. Aber es wäre schade, wenn die interdisziplinären Ressourcen, die unsere Volluniversität zu bieten hat, nicht ausgeschöpft würden, und HCE-Forschung im wesentlichen naturwissenschaftliche Forschung bliebe. Ob es gelingt, die Kolleginnen und Kollegen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften wieder ins Boot zu holen, wird die Zukunft zeigen. Vielleicht gelingt es ja, Mittel aus der neuen, seit 1.1.2021 aktiven Klimaschutzstiftung Baden-Württemberg für interdisziplinäre Projektvorhaben einzuwerben? Ich wünsche dem HCE eine gute Zukunft, denn wir brauchen gute interdisziplinäre Umweltforschung aus allen Bereichen der Volluniversität!

Nachtrag 14.3.2021: Auf einer weiteren Online-Mitgliederversammlung am 11.3.2021 sind Nachwahlen durchgeführt worden, nachdem der erste Wahlgang teilweise “verunglückt” war. 35 Stimmen waren diesmal nötig - neu aufgenommen als HCE-Mitglieder wurden Johannes Glückler und Friedrike Reents. Die Aufnahme von Lenelis Kruse-Graumann in den Kreis der HCE-Mitglieder fand -knapp- keine erforderliche Mehrheit (unglaublich!). Für das Erweiterte Direktorium wurde die nötige Stimmenanzahl erreicht von Marcus Koch (für FoF1), Friedrike Reents (Fof3) und Timo Goeschl (FoF4). HCE-Direktor Thomas Rausch, dem die Erleichterung über die erfolgreichen Wahlvorgänge anzumerken war, sagte: “Das HCE ist jetzt handlungsfähig - und muss jetzt liefern!”

Von der Seilbahn zur Ottobahn?

Mobilitätsprobleme gibt es an vielen Orten in der Welt, der individualisierte Autoverkehr nimmt zu und nicht ab, die Strassen werden immer voller, (kostenlose) Parkplätze sind ein rares Gut und werden zunehmend von Anwohnern in Frage gestellt, die sich Lebensraum rückerobern wollen (”wem gehört die Strasse?”). Auch in Heidelberg ist dieses Thema nur allzu bekannt; in der Masterplanung für das Neuenheimer Feld ist das Thema virulent - nicht zuletzt durch die immer wieder als Lösung ins Gespräch gebrachte “5. Neckarquerung” von Wieblingen ins Neuenheimer Feld.

Vor gut vier Jahren, im Juni 2016, habe ich in diesem Blog unter dem Titel “Mobilitätskonzepte für das Neuenheimer Feld” den damaligen Problemstand beschrieben und mich unter anderem für eine damals vom Heidelberger Architekten Nils Herbstrieth vorgeschlage Lösung, den Peoplemover (den “UNIverCITY-Shuttle” - die damalige Webseite führt heute leider ins Leere), stark gemacht, eine Hochbahn also, die oberhalb der Strassen Kabinen zum Transport einsetzt. In den aktuellen Entwürfen zum Masterplan INF hat das Team Ferdinand Heide eine originelle Seilbahnlösung in seinem Konzept vorgesehen (siehe auch den SPD-Beitrag “Seilbahn als 5. Neckarquerung - Illusion oder urbane Zukunft?”)

Nun fand, organisiert vom “Verkehrclub Deutschland” (VCD) und vom Verein “Urban Innovation - Stadt neu denken!” (UI), eine virtuelle Veranstaltung statt, in der ein neues Konzept, die “Ottobahn“, vom Geschäftsführer Marc Schindler visionär vorgestellt und von Albrecht Kern (VCD), Michael Braum (IBA) sowie Nils Herbstrieth (UI) wohlwollend kommentiert wurde.

//ottobahn.de/)

Ottobahn (von der Homepage https://ottobahn.de/)

Bei der Ottobahn handelt es sich um ein radgetriebenes Gondelverkehrssystem, das in rund 5m Höhe den Luftraum über der Strasse nutzt (darunter ein Radweg?), um Kabinen (mit drei Formen je nach Inhalt: (a) 1 Person; (b) Familie, bis 4 Personen; (c) Gepäck, Waren) softwaregesteuert komfortabel von A nach B mit Geschwindigkeiten bis 60 km/h zu transportieren. Der Unterschied zur Seilbahn: jede Kabine ist prinzipiell unabhängig von allen anderen, auf Fernstrecken werden Kabinen zu Verbünden verknüpft. Individualkabinen können in dichter Folge nacheinander fahren und erreichen damit hohe Transportkapazitäten, können aber zugleich sehr individuelle Routen fahren, da die Weichen softwaregesteuert schnell umschalten können. Man bestellt sich “seine” Kabine auf die Minute pünktlich, die letzte Meile wird allerdings - je nach Streckenführung -  ggflls. einem anderen Verkehrsmittel zugewiesen.

Das Konzept (noch gibt es wohl nur Prototypen in Hallen) soll innerhalb von Städten, aber auch zwischen Städten funktionieren (auf Fernstrecken werden Durchschnittsgeschwindigkeiten >200 km/h angestrebt, in Städten Durchschnitte von 50 km/h - zum Vergleich: Strassenbahnen kommen auf 18 km/h, Autos auf 30 km/h). Über die Kosten hieß es nur: deutlich preiswerter als andere Systeme pro Strecken-km. Die Befürchtungen von Anwohnern, dass in ihre Wohnung unzulässig Einblick durch Vorbeifahrende genommen werden könnte, konterte der Hersteller mit dem Hinweis auf Scheiben, die softwaregesteuert von Durchsicht auf Milchglassicht umzustellen sind. Dadurch, dass die Kabinen zum Ein- und Ausstieg auf Erdboden herabgesenkt werden, ist auch ein barrierefreier Betrieb gesichert. Rollstühle wie Fahrräder finden Platz in der geräumigen Kabine, in der WLAN sowie Bildschirm für Entertainment/Arbeit zur Verfügung stehen.

Die RNZ hat in ihrer Ausgabe vom 21.1.2021 über das Konzept ausführlich berichtet unter dem Titel “Künftig in Kapseln durch die Stadt?” (hier zum PDF). Ich bin gespannt, wie diese Idee von der Stadt Heidelberg (Bürgerinnen und Bürger einerseits, Verwaltung andererseits) aufgenommen wird. Mein Leitspruch: Zukunft nicht extrapolieren, sondern imaginieren! Uwe Schneidewind (der neue “grüne” OB der Stadt Wuppertal, der von der CDU unterstützt wird) spricht von der “Kunst der gesellschaftlichen Transformation”. Nur zur Erinnerung: Irgendwann gab es nämlich nicht immer mehr Pferdekutschen, sondern eines Tages waren sie einfach aus dem Straßenbild verschwunden… Disruption nennt man so einen Prozeß! Wie heisst es bei Joseph Schumpeter sinngemäß: Innovationen, die kreative Zerstörung bewirken, sind der Treibsatz für Wohlstandsschübe. Mal sehen, ob hier eine Disruption beginnt oder ob der Aufstand der Bedenkenträger siegt.

PS: noch ein Hochbahn-Ansatz: Bosch “Rope Nutshell” bze. “eRopeWay”, siehe https://www.bosch.com/de/stories/forscherportrait-dr-felix-jaegle/

Gratulation an Florian Kutzner zur Professur

Mit Freude lese ich in den Mitteilungen unseres Dekans, dass PD Dr. Florian Kutzner (Abt. Sozialpsychologie) den Ruf auf die Professur für Wirtschaftspsychologie an der Privatuniversität Schloss Seeburg (im Salzburger Land) erhalten und zum 1.3.2021 angenommen hat!

Lieber Florian: Viel Erfolg am neuen Ort! Ich bin sicher, dass Österreich mit Ihnen einen tollen Lehrer und Forscher an Land gezogen hat! Nach vielen Jahren in Heidelberg wird der Tapetenwechsel sicher frischen Wind bringen! Bin gespannt auf Ihren Bericht über eine Universität, von der ich bislang nichts gehört habe, die aber wegen Ihnen ab sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zieht :-)

20 Jahre Wikipedia

Heute vor 20 Jahren startete das Projekt “Wikipedia” - eines der erfolgreichsten Wissensportale der Neuzeit! Wer meinem Blog folgt, wird immer wieder Links auf WP-Einträge finden. Ich bin von Anfang an ein Fan dieses aufklärerischen Vorhabens von Jimmy Wales gewesen! Was im 18. Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung mit Diderots & D’Alamberts “Encyclopedie” (>70.000 Stichworte) begann, ist heute unvergleichlich voluminöser, internationaler und weniger elitär als das damalige Projekt.

Meine verschiedenen Selbstversuche mit WP haben unterschiedliche Erfahrungen geliefert. Mit dem Stichwort “Ernst-August Dölle” hatte ich mir z.B. keine Freunde gemacht (heute ist es etabliert, damals wurde “humorlos Fiktives gestrichen”), aber auch der Versuch, das Stichwort “Große gesellschaftliche Herausforderungen” zu etablieren (immerhin vom Wissenschaftsrat verwendet), scheiterte an strengen Zensoren (ist heute Teil des WR-Eintrags). Das Stichwort “Komplexes Problem” wurde 2012 im Rahmen eines Seminars angelegt (Danke, Jessica Horn!) und existiert bis heute.

Mein 2016 gestarteter Versuch, gemeinsam mit Jochen Fahrenberg (Freiburg; allein schon unsere Namenskürzel JoFa & JoFu versprachen viel Spass …) das Wissen der Emeritierten zu nutzen (siehe meinen damaligen Blogbeitrag “Wikipedia und Psychologie“), hat leider nicht viel gebracht! Ich muss gestehen: ich habe mich auch nicht besonders engegiert… Ausser dem Kongressbeitrag in Leipzig 2016, der ein positives Echo hatte, und der Vorstellung meiner Ideen im DGPs-Vorstand unter Vorsitz von Andrea Abele-Brehm, die ebenfalls positiv aufgenommen wurden, sowie einem kleinen Aufruf zur Mitarbeit in der “Psychologischen Rundschau” (ich sehe gerade: Die Titelblätter der PR wie auch das Stichwort PR in der WP sind von mir eingefügt worden) ist nicht viel zustandegebracht worden. - Übrigens ist in den USA die APS (Association for Psychological Science) mit einer Wikipedia-Initiative (Link auf APS-Seite) vorbildlich unterwegs, die Qualität englischsprachiger WP-Beiträge zu verbessern und vervollständigen.

Glückwunsch also zu diesem tollen Projekt, das für mich als Informationsquelle nicht mehr wegzudenken ist und das ich im Alltag viel nutze (alle externen Links dieses Beitrags gehen diesmal auf WP-Seiten)!