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Von Haltbarkeit und Nachhaltigkeit

Die immer wieder spannende Vorlesungsreihe des Studium Generale an unserer Universität steht dieses Semester unter dem Rahmenthema “Manipulation - Wie frei sind wir wirklich?”. Im Kontext dieser interessanten Frage hielt am Montag 2.5.16 unser Kunsthistoriker Henry Keazor einen aufklärenden Vortrag über Wahrheit und Fälschung in der Kunst (siehe auch hier). Am Montag 9.5.16 lautete das Thema “Manipulation - wie frei kaufen wir wirklich?” und beschäftigte sich mit Manipulation in der Warenwelt. Da ich am 9.5. den Vortragenden vorstellen durfte und die anschliessende Diskussion geleitet habe, bin ich tiefer in dieses Thema eingestiegen.

Der gelernte Diplom-Betriebswirt und medial bekannte Verbraucherschützer Stefan Schridde kam aus Berlin und berichtete über seinen Kampf gegen geplante Obsoleszenz. Hinter diesem komplizierten Begriff verbirgt sich ein geplanter Verfall von Produkten, z.B. von Toner-Kartuschen, die nach 1500 bedruckten Seiten aufhören, obwohl sie noch mehr drucken könnten, aber von einem eingebauten Zähler daran gehindert werden. Sein 2012 gegründeter gemeinnütziger Verein “Murks? Nein danke!” kämpft gegen die bewusst vom Hersteller in Kauf genommene verkürzte Lebendauer von Produkten, die durch einfache (und zumeist billige) Änderungen haltbarer gemacht werden könnten.

Stefan Schridde hat nicht nur den Produkt-Murks im Visier, sondern setzt sich auch für eine nachhaltigere, ressourcensparendere Lebensform ein. Braucht wirklich jeder Mann einen Bohrer oder reicht nicht z.B. in einer Wohnanlage ein ausleihbarer Bohrer für die ganze Gemeinschaft? Sein Kredo: Zurück von einer Wachstumsideologie zum Modell eines Kreislaufs von Werden und Vergehen, in dem alte Produkte repariert werden oder zumindest vor dem Wegwerfen auf wiederverwertbare Bestandteile hin ausgewertet werden. Dass wir in unserer Wegwerf-Kultur den Abfall in Nachbars Garten werfen (=afrikanische Müllhalden voll mit Elektronik-Schrott), findet er zu recht schockierend. Im Nachgespräch hat mich auf das japanische Konzept des Wabi-Sabi hingewiesen, das eine Wertschätzung des gealterten Objekts darstellt und z.B. seinen Niederschlag in der Reparatur von Keramik-Vasen findet, deren Repaeraturstellen vergoldet werden (kintsugi). Eine Ästhetik des Flickwerks!

Am Donnerstag dieser Woche fand passend dazu die semesterweise stattfindende Marsilius-Vorlesung statt, über die ich hier schon wiederholt geschrieben habe (Links), und zwar zu einem verwandten Thema: Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn und Mitglied des Bioökonomierats der Bundesregierung, hielt seinen Festvortrag zum Thema “Bioökonomie: Nachhaltig leben und wirtschaften“.

Was bitte ist Bioökonomie? Von Braun sagt: “Bioökonomie bedeutet Biologisierung der Volkswirtschaft” und verfolgt damit das Ziel, Mensch und Natur in Einklang zu bringen; es geht um Erzeugung und Nutzung biologischer Prozesse und Produkte. Beispiele für Produkte sind Autos, die aus biobasierten Kunststoffen bestehen (und wo 30% der Fahrzeugteile kompostierbar sind), oder Häuser, die aus superstabilen Holzsandwichplatten hergestellt sind (in den USA werden daraus inzwischen 12 Stockwerke umfassende Hochhäuser gebaut, in der BRD ist das bislang wohl nur für 3 Stockwerke erlaubt); ein Beispiel für einen Prozess bildet das Kaskadenmodell der Nutzung von Bioprodukten, bei dem verschiedene Stadien eines Biostoffs zu unterschiedlichen Nutzungen führen (und z.B. Raps nicht nur für die Herstellung von Biosprit angepflanzt wird, sondern eine mehrfache Wertschöpfung angestrebt wird).

Ein interessanter Vortrag, der uns allen einen Spiegel vorgehalten hat, wie ungerecht knappe Ressourcen auf der Welt verteilt werden und dass man Nachhaltigkeit je nach der Leistungskraft unterschiedlich streng einfordern muss. Für uns in der “wohlhabenden” Welt ist die Forderung besonders hoch!

Joachim von Braun schlug in seiner Vorlesung zum Schluss einen Bogen von Marsilius von Inghen, dem Gründer einer sehr nachhaltigen Organisation (nämlich der Uni Heidelberg im Jahr 1386, dessen erster Rektor Marsilius war), zu Carl von Carlowitz, der im 18. Jahrhundert den Begriff und das Konzept der Nachhaltigkeit im Kontext der Forstwirtschaft eingeführt hat (siehe auch die Sustainable Development Goals der UN). Der Satz aus Carlowitz’ Buch “Man soll keine alte Kleider wegwerffen / bis man neue hat / also soll man den Vorrath an ausgewachsenen Holtz nicht eher abtreiben / bis man siehet / daß dagegen gnugsamer Wiederwachs vorhanden“ beschreibt das Grundprinzip nachhaltigen Wirtschaftens, über das wir immer wieder nachdenken sollten. Damit verbunden ist eine Philosophie der Genügsamkeit, die in Zeiten der Gier ein wichtiges Korrekturprinzip darstellt.

In seinem Buch „Der Mann ohne Geld“ (2012) hat der britische Wirtschaftswissenschaftler Mark Boyle seine Erlebnisse aufgeschrieben, wie er ein Jahr lang ohne Geld gelebt hat. Seine wichtigste Erkenntnis: „Wenn wir unser eigenes Essen anbauen würden, würden wir nicht ein Drittel wegschmeißen, wie es heute der Fall ist. Wenn wir unsere eigenen Tische bauen müssten, würden wir sie nicht einfach auf den Sperrmüll schmeißen, sobald sich die Mode ändert. Wenn wir unser Trinkwasser selbst reinigen müssten, würden wir es nicht verschwenden.“ Was ein Glück, wenn wir Geld haben und uns das Wegschmeissen leisten können - oder?

CHE Ranking Psychologie 2016

Alle Jahre wieder wird ein Blick auf die aktuellen Hochschulrankings fällig. Gerade ist das neue CHE Psychologie-Ranking 2016 von der ZEIT veröffentlicht worden (Link). Grundlage des Rankings ist eine umfassende Datentabelle. Dazu heisst es: “Im CHE Hochschulranking findet man für jede Hochschule bis zu 37 unterschiedliche Bewertungskriterien - auch Indikatoren genannt.” Diese Indikatoren werden zu acht großen Bereichen zusammengefasst: (1) Arbeitsmarkt- und Berufsbezug, (2) Ausstattung, (3) Forschung, (4) Internationale Ausrichtung, (5) Studienergebnis, (6) Studienort und Hochschule, (7) Studierende, (8) Studium und Lehre.

59 Institute (darunter einige private Hochschulen) aus Deutschland sind auf den verschiedenen Kriterien in eine von drei Kategorien (Spitzen-, Mittel- bzw. Schlussgruppe) eingeordnet worden. Bei den vier Standard-Kriterien (Studiensituation insgesamt, Betreuung durch Lehrende, Forschungsgelder pro Wissenschaftler [T€], Veröffentlichungen pro Wissenschaftler) hat kein Institut 4 x Spitze erreicht, aber unser Heidelberger PI führt das gesamte Feld an zusammen mit 5 weiteren Instituten (Uni Bamberg, TU Dresden, Uni Greifswald, Uni Mannheim, Uni Marburg, Uni Osnabrück) mit jeweils 3x Spitzengruppe und 1x Mittelgruppe (hier das Heidelberger Ergebnis in der Übersicht).

Haben diese Rankings irgend etwas zu bedeuten? Ja und nein. Ja, Rankings sind aussagekräftig, denn sie sagen anhand von objektiven und subjektiven Daten etwas über die verglichenen Institute aus. Selbst wenn man seine eigenen Indikatoren kennt (ich gestehe, dass ich nicht alle kannte), sagen die absoluten Werte zunächst nichts. Ich sehe z.B., dass wir in Heidelberg 1.9 Dissertationen pro Professor und Jahr (errechnet über ein Drei-Jahres-Zeitfenster; der genannte Wert wird zur Spitzengruppe gerechnet) - ist das viel oder wenig? In Kiel sind es 0.7 (Mittelgruppe), in Eichstätt 0.5 (Schlussgruppe). Im Vergleich mit anderen merkt man plötzlich, dass es doch erhebliche Unterschiede gibt, und im Detail finden wir auch für uns in Heidelberg verbesserungsbedürftige Bereiche wie z.B. Räume, Prüfungen, Studieneinstieg.

Nein, Rankings sind aussagekräftig, denn es könnten weitere Kriterien benannt werden, auf denen ein Institut besonders gut wegkommt und die nicht so einfach quantifizierbar sind (z.B. ob die Absolventen zu Toleranz, Mut und Engagement in ihrem Fach angeregt wurde; ob sie Gutes für die Gesellschaft leisten oder nicht - wenn sie etwa gelernt haben, keine neuen Foltertechniken zu entwickeln). Und selbst bei den vorhandenen Kriterien kann man sich über die Bewertung streiten: Ist die pure Anzahl (Spitzenreiter HU Berlin mit 7.1 Publikationen pro Wissenschaftler versus Schlusslicht Eichstätt mit 1.0 Publikationen pro Wissenschaftler) tatsächlich ausschlaggebend? Wir wissen alle, dass es bessere und schlechtere Publikationen gibt. Angenommen, Eichstätter Kolleginnen und Kollegen produzierten Spitzenartikel, die Kolleginnen und Kollegen der HU Berlin dagegen nur Durchschnittsartikel (was kaum zu glauben ist): was sagen die Zahlen dann? An einem 200seitigen Fachbuch arbeite ich normalerweise länger als an einem fünfseitigen Zeitschriftenartikel. Was hat mehr Gewicht? John Ridley Stroop hat überhaupt nur 3 Psychologie-Paper (in den 1920er Jahren) geschrieben - aber der Stroop-Effekt ist bis heute in aller Munde. Manchmal ist 1 spektakuläres Paper mehr wert als 100 Paper, die im Rauschen der Wissenschaft untergehen (wir wissen, dass die allermeisten Veröffentlichungen das Schicksal erleiden, schon nach wenigen Jahren gar nicht mehr zitiert zu werden).

Also: Rankings sind interessant zu lesen, aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich freue mich über das gute Abschneiden unseres Instituts (es bestätigt mein Vor-Urteil :-), aber ich würde mich deswegen nicht über andere Institute erheben wollen, die nicht so gut abschneiden. Alles steht und fällt mit den Kriterien. Gut, dass diesmal so eine breite Auswahl zur Verfügung gestellt wird. Da ist für jeden was drin.

Und last but not least: Natürlich schauen wir auch mal, was andere Fächer an unserer Uni in den Rankings erzielen! Ausgerechnet Biologie und Chemie, die 2016 neu gerankt wurden, kommen nicht so gut weg - dabei fliessen dort wesentlich mehr Mittel hinein als in die Psychologie :-) Vielleicht sollten wir einen Bonus vom Rektorat dafür bekommen, dass wenigstens wir Psychologen die Flagge der Spitzengruppe hochhalten?

Frühere Blog-Einträge zum Thema:

Heidelberger Jahrbücher Online: Band 1 (2016)

Zitat: “Vor 150 Jahren, im Oktober 1807, veröffentlichten neun Heidelberger Professoren die Ankündigung einer Heidelbergischen Literaturzeitung. Zu den Gelehrten, die gemeinsam mit der “Akademischen Buchhandlung” Mohr & Zimmer zum Bezug der “Heidelbergischen Jahrbücher der Literatur” aufforderten, gehörten der Ordinarius für klassische Philologie Georg Friedrich Creuzer, der Theologe Daub, der Staatswissenschaftier Langsdorf, der Jurist Thibaut und der Historiker Wilken.

Die ersten Jahre des Erscheinens dieser neuen Literaturzeitschrift trafen mit dem jähen und kur­zen Aufstieg der Heidelberger Romantik zusammen. Es war ein die Geister lebhaft bewegendes Ereignis, an dem die Universität ihren Teil hatte und das auch in ihren Reihen die Rationalisten von den Romantikern, die “Vossiden” von den “Wunder­hornisten” schied. Zunächst war in den Heidelbergischen Jahrbüchern die romantische Richtung herrschend. Sie machte die Zeitschrift für einige Jahre zu ihrem wichtigsten Rezensionsorgan, an dem die Brüder Grimm, Görres und Savigny mitwirkten und das Goethes Aufmerksamkeit immerhin in solchem Ausmaß weckte, daß er sich 1816 von Sulpiz Boisserée die ersten sieben Jahrgänge “um ein Billiges” erbat. Alfred Kloß hat 1916 in einer von Albert Köster angeregten und zuverlässig unter­richtenden Leipziger Dissertation diese Anfangszeit der Jahrbücher untersucht und beschrieben.

Die Zeitschrift erschien ohne Unterbrechung in 65 Jahrgängen bis 1872 und wurde 1891 im Verlag von G. Koester, Heidelberg, unter dem Titel “Neue Heidelberger Jahrbücher” durch den Historisch-Philosophischen Verein in veränderter Form, jetzt nicht mehr als Rezensionszeitschrift, sondern als ein Jahrbuch mit Auf­sätzen vorwiegend historischen und philologischen Charakters neu herausgebracht.” Zitatende (Quelle: Vorwort des Jahrbuchs von 1957, hrsg. von der Universitätsgesellschaft Heidelberg).

Nach dieser bereits wechselvollen Geschichte, die nur durch die beiden Weltkriege unterbrochen wurde, erschienen die Heidelberger Jahrbücher seit 1950 wieder ohne Unterbrechung. Seit 1999 wird in jedem Band ein fachübergreifendes Thema aus unterschiedlichen Positionen beleuchtet. Ziel ist es, das Gespräch und den Kontakt der Wissenschaften untereinander zu fördern. Seit 2003 ist die Gesellschaft der Freunde (GdF) Herausgeber der Schriftenreihe. Verantwortliches Mitglied für die Jahrbücher ist das langjährige Vorstandsmitglied Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funke, der heutige Vorsitzende der GdF.

Infolge stark gestiegener Publikationskosten wurde der Vertrag mit dem Springer-Verlag 2014 gekündigt, der Band 54 zum Thema Menschenbilder war der letzte noch von Springer verlegte Band. Bereits mit dem Band 55 unter dem Titel “Universität Heidelberg. Menschen, Lebenswege, Forschung” (ein Geschenk der GdF an die Universität zur 625-Jahr-Feier) trat unsere Gesellschaft nicht nur als Reihen-Herausgeber, sondern auch als Verleger auf, allerdings auch in diesem Fall mit nicht unerheblichen Kosten.

Nach einigen Überlegungen beschloss daher der Vorstand der GdF auf meinen Vorschlag hin, in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek die Reihe vom Printmedium auf das digitale Medium (mit Print-Option) umzustellen. Der Titel der Reihe wurde entsprechend umgeändert in “Heidelberger Jahrbücher Online” (HDJBO), die Bandzählung für diese Reihe mit Band 1 im Jahre 2016 neu gestartet. Die digitale Version wird in der “Open Journal System”-Infrastruktur OJS (siehe hier) geführt, deren Finessen unsere Redaktionsassistentin Julia Karl fest im Griff hat.

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 1 (2016)

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 1 (2016)

Eingebunden ist die Reihe in das Programm von Heidelberg University Publishing (HeiUP), dem neuen Open-Access Publikationssystem unserer Universität. HeiUP stellt das Projekt dar, von dem ich seit langem geträumt habe (siehe meinen Blog-Eintrag dazu aus dem Jahr 2010) und das nun dank DFG-Förderung durch die Universitätsbiliothek fachkundig realisiert wird.

Unter dem Titel “Stabilität im Wandel” haben die Band-Herausgeber, der Biologe Michael Wink und der Psychologe Joachim Funke, nun acht Beiträge für den ersten Jahrgang ausgewählt, die aus Sicht sehr unterschiedlicher Disziplinen auf das Thema verweisen: Stabilität im Wandel. Das Wörtchen “im” im Titel ist uns wichtig - mit “und” kann man alles Mögliche verbinden, mit der Präposition “im” legen wir uns dagegen fest: Wandel ist überall, und trotzdem gibt es bei allem Wandel ein erhebliches Ausmass an Stabilität. Das ist eben Stabilität im Wandel. Hier eine kurze Charakterisierung der acht Beiträge (dem Vorwort entnommen):

  • Der Biologe Michael Wink eröffnet mit seinem Beitrag „Panta rhei - Zufall, Wandel und Evolution charakterisieren unsere Welt“ den Grundgedanken unserer Themenwahl: Eine Welt voll von Wandel und dennoch mit von uns Menschen phänomenal wahrgenommener Stabilität. Wandel der Kontinente, des Klimas, der Biodiversität, sozialer Strukturen: Der Gedanke stabiler Verhältnisse scheint aus wissenschaftlicher Sicht eher ein Wunschtraum als die Wirklichkeit zu sein. Diese Wandlungsprozesse sollten ernst genommen werden aus Verantwortung für den Planeten Erde.
  • Der Geograph Hans Gebhardt greift mit seinem Beitrag „Das „Anthropozän“ - zur Konjunktur eines Begriffs“ den Klimawandel auf. Mit der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren beginnt ein neues geologisches Zeitalter - Anthropozän genannt -, das durch menschliche Eingriffe in die Natur gekennzeichnet ist. Gebhardt verdeutlicht, dass der neu geprägte Begriff zwar erfreulicherweise die Aufmerksamkeit auf die enge Verbindung von Natur, Sozialem und Technik lenkt, aber zugleich eine Reihe von kritischen Aspekten mit sich bringt, die seinen Gebrauch fragwürdig erscheinen lassen. Zumindest für die Geographen sei es – so Gebhardt – ein überflüssiger Begriff.
  • Die Biologen Mathias Hafner und Rüdiger Rudolf beschäftigen sich in ihrem Beitrag „Mare nostrum - mare mutatur: die Biodiversität des Mittelmeers im Wandel der Zeiten und unter dem Einfluss des Menschen“ mit den vielfältigen Aspekten des Konzepts „Biodiversität“, das sich als ein sehr dynamisches Konstrukt erweist. Am Beispiel der Artenvielfalt des Mittelmeers werden zahlreiche Phänomene dieses marinen Ökosystems diskutiert. Der nur Teilen erfolgreiche Aufbau nachhaltiger Fischerei durch marine Schutzzonen zeigt, daß noch mehr getan werden muß, wenn man das Mittelmeer als Biodiversitäts-Hotspot erhalten möchte.
  • Die Physiker Jörg Hüfner und Rudolf Löhken beschreiben „Die zwei Wege des Georges Lemaître zur Erforschung des Himmels“. Der Belgier Georges Lemaître (1894-1966) hat sich dem Himmel als Physiker und als Geistlicher genähert. Als Physiker war er der Entdecker der Expansion des Universums und hat auch als erster die Idee des Urknalls formuliert. Als Geistlicher hat er die Vorstellung eines „verborgenen Gottes“ entwickelt – eine Idee, die mit seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten durchaus in Einklang zu bringen war. Wandlung durch Expansion, Stabilität durch ein Schöpferkonzept: auch hier ein Echo unseres Rahmenthemas.
  • Der Mediziner Ernst G. Jung und der Psychologe Joachim Funke widmen sich mit dem Thema „Kosmetik im Wandel der Jahrtausende“ einem Bereich, der über die gesamte bekannte Geschichte hinweg Menschen beschäftigt hat: Wie kann man seine äußere Erscheinung durch Hilfsmittel verschönern? Ein stabiles Anliegen von Menschen mit immer neuen Ausdrucks- und Erscheinungsformen. Schönheitskonzepte werden ebenso angesprochen wie die moderne Kosmetikindustrie, die mit unseren kulturell vermittelten Bedürfnissen Geld verdient.
  • Der Medienwissenschaftler Hans Giessen befasst sich unter dem Titel „Mediengestaltung im Wandel der Technologien - Wie Handys die Videoproduktion verändern“ mit den verschiedenen medialen Erscheinungsformen bewegter Bilder. Im Vergleich zu Kino und Computermonitor wird der kleine Schirm des Handys näher betrachtet: was bleibt gleich, was ändert sich? Sowohl formale als auch inhaltliche Aspekte sind durch das Medium „Handy“ in neue Formen verwandelt worden – Stabilität im Wandel auch hier!
  • Mit dem Kapitel „Psychiatriereform in Deutschland. Vorgeschichte, Durchführung und Nachwirkungen der Psychiatrie-Enquête“ des Psychiaters Heinz Häfner liegt ein spannender Erfahrungsbericht über den Wandel im Umgang mit psychisch Kranken vor. Die durch durch die Psychiatrie-Enquête ausgelöste Reform der psychiatrischen Versorgung, an der der Autor (zugleich Gründer des ZI Mannheim) maßgeblich beteiligt war, zeigt nicht nur ein Stück Geschichte der Gesundheitspolitik, sondern verdeutlicht auch einen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit psychisch Kranken, der in Deutschland wie sonst nirgendwo vollzogen wurde. Das Phänomen psychischer Erkrankungen bleibt stabil, der gesellschaftliche Umgang damit hat sich drastisch geändert.
  • Der Historiker Detlef Junker beleuchtet in seinem Beitrag „Botschafter Jacob Gould Schurman und die Universität Heidelberg“ ein interessantes Kapitel der Geschichte deutsch-amerikanischer Beziehungen. Die bewegte und wechselvolle Geschichte der Beziehungen zwischen der Universität Heidelberg und den USA wird am Beispiel der Spendenkampagne für ein neues Kollegiengebäude am Universitätsplatz deutlich: War zunächst in den 1920er Jahren zunächst große Freude über das Engagement amerikanischer Freunde angesagt, hat sich diese Einschätzung nach der Machtergreifung durch die Nazis verändert. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte der Faden wiederaufgenommen werden und in Form des heutigen „Heidelberg Center for American Studies“ (HCA) zu neuen Ehren gelangen, das vom Autor des Beitrags gegründet wurde. Auch hier: Stabilität der Beziehungen und Wandel im äußeren Erscheinungsbild.

Wie man sehen kann, umfassen die Themen eine breite inhaltliche Auswahl, die die Omnipräsenz des Rahmens „Stabilität im Wandel“ belegen. Dies passt zum Anspruch der Universität Heidelberg, als Volluniversität eine große Spannbreite inhaltlicher Schwerpunktsetzungen abdecken zu können und damit einseitige Perspektiven zu vermeiden.

Michael Wink und ich sind gespannt, wie das neue digitale Format ankommt und wie unser Jahrgangsthema aufgenommen wird. Feedback ist erwünscht!

Frühere Blog-Einträge zum Thema Heidelberger Jahrbücher:

Gastbeitrag “Forschungsdatenmanagement in der Psychologie”

Gastbeitrag von Gidon Frischkorn

Wer von uns kennt das nicht: Ein Kollege fragt uns nach den Daten eines Projekts, das vor 2 Jahren abgeschlossen wurde oder eine Studentin oder ein Student fragt nach einer Abschlussarbeit und wir erinnern uns an einen Datensatz, mit dem noch ein paar interessante Fragestellungen exploriert werden könnten. Doch in ersterem Fall müssen wir den Datensatz häufig erstmal suchen und dann entscheiden, welcher der 5 Datensätze, die wir finden, denn der Richtige ist. Oder im zweiten Fall fragen wir uns beim Öffnen des Datensatzes erstmal, was hinter den Variablen „EI_01“ bis „EI_20“ und den Variablen „Agg_Meth1_EI“ und „Agg_Meth2_EI“ steht und ob das Rohdaten sind oder schon Daten, die irgendwie aufbereitet wurden.

Das Problem von Forschungsdatenmanagement besteht schon länger und doch wurde es durch die öffentliche Diskussion um die Reproduzierbarkeit psychologischer Forschung wieder mehr in den Fokus gerückt. Die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen hängt vor allem mit einer guten Dokumentation der verschiedenen Schritte zusammen, die im Rahmen eines Forschungsprojekts durchgeführt werden (Asendorpf et al., 2013; interessant übrigens, dass hier Klaus Fiedler und Brian Nosek, die in letzter Zeit sehr unterschiedliche Meinung vertreten haben, beide auf dem gleich Papier als Autoren stehen).

Ein wesentlicher Schritt im Prozess wissenschaftlicher Forschung, insbesondere empirischer Forschung, ist das Management von Forschungsdaten. Eine gute Dokumentation der erhobenen Daten und auch der Aufbereitung von Rohdaten ermöglicht es, die aus den Daten gezogenen Schlüsse nachvollziehbar und reproduzierbar zu machen. Ich denke, es ist selbstverständlich, dass diese beiden Dinge wünschenswerte Attribute für wissenschaftliche Ergebnisse sind.

Dennoch ist die Dokumentation von Daten und deren Aufbereitung im Alltag der Wissenschaft häufig aufwändiger als gedacht. Häufig wird die knappe Zeit also eher auf weitere Möglichkeiten zur Analyse verwendet, als die Daten zu dokumentieren. Und ehrlich gesagt kann auch ich mir wenig anstrengendere Aufgaben vorstellen, als am Ende eines Projekts alle Daten zu sammeln und gut zu dokumentieren, Codebücher zu schreiben und Details zu den Fragebögen zu sammeln, um alle Scores und Variablen für jeden einigermaßen informierten Kollegen verständlich zu machen.

Wie kann also gutes Forschungsdatenmanagement aussehen? Zu diesem Thema hat das Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) ein Projekt ins Leben gerufen: DataWiz. Die Idee ist, ein fachgerechtes Datenmanagement in der Psychologie zu etablieren und dadurch eine nachhaltige Sicherung von Forschungsdaten zu ermöglichen. Darüber hinaus wird durch ein gutes Datenmanagement eben auch die Möglichkeit, Forschungsdaten zu teilen und öffentlich verfügbar zu machen, stark vereinfacht.

Zum Start dieses Projekts hat das ZPID zu einem Kick-Off Workshop eingeladen, der Mitte März am Psychologischen Institut in Heidelberg stattgefunden hat. Neben einer illustren Runde von Professoren und Post-Docs (für eine Übersicht aller Teilnehmer klicken Sie auf den Link) durfte auch ich an diesem Workshop teilnehmen. Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Workshop waren, dass Forschungsdatenmanagement so wenig Aufwand wie möglich sein sollte und das Thema schon so früh wie möglich an die Studierenden und Nachwuchswissenschaftler herangetragen werden sollte. Idealerweise wird also schon im Studium (eventuell im Rahmen des Empirischen Praktikums oder bei Abschlussarbeiten) über Datenmanagement gesprochen.

Insgesamt hat mir der Workshop gezeigt, dass das Thema Forschungsdatenmanagement im wissenschaftlichen Alltag wenig diskutiert wird. Wie so häufig ist es eben „selbstverständlich“, dass sich jeder einzelne Wissenschaftler um die Ordnung in seinen Daten kümmert. Ich denke jedoch: ein gewisser Standard kann an dieser Stelle nicht schaden. Die Transparenz von wissenschaftlicher Forschung halte ich für eines der wichtigsten aktuellen Themen und damit besteht eine Notwendigkeit für eine gute Dokumentation von Daten und Skripten zur Aufbereitung von Daten. In anderen Disziplinen ist das übrigens selbstverständlich, so sagte Ronny Bölter, der Informatiker im Team von DataWiz, dass es in der Informatik für unzureichend kommentierten Code innerhalb des Studiums Punktabzug gibt. Ein solcher Default wäre für die Psychologie eventuell auch wünschenswert.

Andreas Fischer geht nach Nürnberg

Andreas an seinem Heidelberger Arbeitsplatz

Andreas an seinem Heidelberger Arbeitsplatz

Mein langjähriger Mitarbeiter Dr. Andreas Fischer verläßt uns, um in Nürnberg in unmittelbarer Nähe zu seiner Familie seine Forschung fortzusetzen. Er schreibt: “Nach einigen Jahren des Forschens & Lehrens werde ich die Universität Heidelberg zum Ende dieses Monats schweren Herzens verlassen, um eine Stelle am Forschungsinstitut Betriebliche Bildung in Nürnberg anzutreten.” Gegenstand seiner Arbeiten dort wird Kompetenzdiagnostik bei formal unzureichend Qualifizierten sein, deren Qualifikation häufig nicht mit formalen Zertifikaten adäquat belegt ist; computerbasierte Tests könnten hier wichtige objektive Informationen liefern. Mit diesen thematischen Inhalten sind gute Voraussetzungen für eine Fortsetzung gemeinsamer Arbeiten gegeben.

Im Herbst 2010 ist Andreas von der Universität Trier in meine Arbeitsgruppe gekommen, um zunächst in meinem BMBF-Projekt “Facettendiagnostik” und später auf einer Abteilungsstelle in der ATP an der Diagnostik von Problemlösekompetenz mitzuwirken. Im Oktober 2015 konnte er seine Promotion “Assessment of Problem Solving Skills by means of Multiple Complex Systems – Validity of Finite Automata and Linear Dynamic Systems” abschließen, die eine kritische Analyse unseres MicroDYN- und MicroFIN-Ansatzes enthält, den wir im Rahmen des DFG-Projekts “Kompetenzdiagnostik” entwickelt hatten und den wir heute (auch dank Andreas’ Arbeiten) etwas kritischer bewerten als noch vor fünf Jahren (siehe z.B. Funke, 2014).

In neuerer Zeit hat sich Andreas überdies dem Thema “Weisheit” zugewandt, dessen Nähe zu komplexen Entscheidungen unübersehbar ist. In seinen Lehrveranstaltungen hat er Studierende für dieses Thema begeistert. Auch als Gründungsherausgeber von unserem 2015 gestarteten “Journal of Dynamic Decision Making” ist er aktiv (und wird uns aus Nürnberg auch weiterhin dabei begleiten). Ethisches Denken, computergetützte Diagnostik, kritisches Denken und Systemkompetenz sind seine Schwerpunkte und werden es hoffentlich bleiben können.

Lieber Andreas: Du wirst uns fehlen! Aber die gute Nachricht ist: wir werden in Kontakt bleiben! Dir und Deiner Familie einen guten Start an der neuen Stelle!

Forschungssemester Sommer 2016

Im Leben jedes Hochschullehrers gibt es wiederkehrend Phasen, die als belastend empfunden werden (Vorlesungszeit), und Phasen der Entlastung (vorlesungsfreie Zeit). Herausragend sind die nach LHG §49 Abs 7 möglichen Forschungssemester (”sabbatical”), die der Rektor auf Antrag und mit Zustimmung der Fakultät in der Regel frühestens alle vier Jahre bewilligen kann. Bei mir ist es im Sommer 2016 wieder einmal soweit, dass ich von der Lehre entbunden bin. Ich lehre gerne, doch kostet das gerade im Lichte der verstaltungsbegleitenden Prüfungen mehr Zeit als früher - allein jedes Wintersemester muss ich 8 ECTS Punke (3 für die “Einführung”, 3 für die “Erkenntnistheorie”, 2 für die “Allgemeine Psychologie I”) für >100 Studierende (meist 150 Studierende incl Nebenfächler) bescheinigen. Uff: 1000 ECTS Punkte pro Wintersemester, das war mir gar nicht so klar…

Ich will an einigen Publikationen arbeiten, die schon länger auf eine “Zeit am Stück” warten, und einige neuere Bücher und Artikel lesen. Reisetätigkeit gehört ebenfalls dazu. Ein Besuch in Jacksonville, FL, bei meinem Kollegen Dominik Güss von der University of North Florida steht am Anfang. Dankenswerterweise vertritt mich Ursula Christmann im Sommer nicht nur in der Lehre, indem sie meine Vorlesung mit übernimmt, sondern wird auch in der Administration nach dem Rechten sehen. Das entlastet erheblich!

Das Sabbatical ist ein Ritual, das die Bibel erstmals erwähnt: Gott schuf die Welt in sechs Tagen und ruhte am siebten Tag. Der Gedanke, nach anstrengender Arbeit eine längere Ruhepause zu machen, ist Teil des täglichen Wach- und Schlaf-Rhythmus, aber auch in größeren Zeitskalen kann dieses Konzept natürlich genutzt werden. In manchen Arbeitsgruppen dienen sog. “retreats” zur Findung neuer Ideen - für mich ist ein Forschungssemester nicht nur Regeneration von Kraft, sondern auch mögliche Quelle der Inspiration. In meinem vorletzten Forschungssemester 2006 habe ich die Grundlagen dafür entwickelt, die später von 2007 an im DFG-Projekt “Kompetenzdiagnostik” sechs Jahre erfolgreich weiterverfolgt werden konnten. Das hat sich damals gelohnt. Mal sehen, was diesmal herauskommt.

#Teap2016: A nice conference is over

From Sunday, March 20, until Wednesday, March 23, about 800 participants here at Heidelberg constituted an activity that was labelled the “58. Conference of Experimental Psychologists” (or in short: #teap2016, to use the Twitter hashtag). More than 600 contributions were presented during the 3 days, 12 sessions were run in parallel. Wow!

The Teap (the acronym comes from “Tagung experimentell arbeitender Psychologen”) was held 1958 for the first time at Marburg University, bringing together a small group of experimentalists. The idea was to develop and use a method that Wilhelm Wundt in 1858 learned from Heidelberg scholars, during his time of being Hermann von Helmholtz’ assistent. 100 years later, in 1958, the Teap started for the first time, and since then every year the Teap is hosted by one of the many Psychology Departments in Germany, Austria, or Switzerland. Every 10 years we go all back to Marburg to celebrate that beginning - so, mark the date “60. Teap 2018 at Marburg” already, and the “59. Teap 2017 at Dresden”, too).

During the last 50 years, the number of participants increased steadily: I myself remember my first active participation at a Teap in the year 1982 at Trier University. It was a small conference compared to todays situation but nevertheless it still feels “to be with friends”. Since then, I have seen on many Teap events and have seen the conference growing.

BTW: the last time that the Teap was hold at Heidelberg was in the year 1979, that is, 37 years ago. How long might it take to come back to Heidelberg again? And will then the capacity of our buildings still be big enough for the then increased number of participants?

It is difficult to point to special highlights of such a huge program - but for sure, our three Keynote Lectures have been highlights:

  • Asher Koriat, Haifa, Israel: “Monitoring the correctness of our own knowledge: Subjective Confidence and its accuracy” - showing in a lot of different experiments that the correlation between confidence and accuracy of our judgments about our own knowledge is positive only when people’s cognitive performance is largely correct, but is negative when people are largely in error;
  • Eric-Jan Wagenmakers, University of Amsterdam, Netherlands: “Transparent Research Practices: Past Roots, Present Revolution, and Future Prospects” -  showing his clear recommendations to overcome at least some of the problems resulting from Questionable Research Practices by making research more transparent than today;
  • Klaus Scherer, LMU Munich & Swiss Center for Affective Sciences, Geneva, Switzerland: “Experimental evidence for major emotion theories: A comparative survey” - demonstrating within a huge number of studies (that I could not grasp in short time) the validity of his component process model of emotion.

Also, our delicious conference dinner at the famous “Stadthalle” was a nice event, with classical music from  Noemi Zimdahl (violin) and her brother Malte Zimdahl (piano) - Malte is a psychology student at Mannheim University, Noemi a student of cultural management at Ludwigsburg. They played for us wonderful music with a romantic touch like Brahms or Schubert. For those, who preferred to dance, the nearby located Turmbar offered a late-night party.

A final highlight was the panel discussion on the issue of “Replicability crisis in experimental psychology?!”, with the panelists Eric-Jan “try preregistration” Wagenmakers, Andrea Kiesel, Susann Fiedler, Edgar “do the Neyman-Pearson statistics” Erdfelder, Thorsten Meiser, and Klaus “there is no crisis” Fiedler. A broad spectrum of opinions and recommendations delivered “food for thought” for the trip home. We as organizers were pleased to see that more than half of the 800 participants came to this final event in the Aula of the New University!

Together with my co-organizers Jan Rummel and Andreas Voß, I am happy now! Thanks to all participants for coming and contributing their research! Thanks also to our exhibitors and sponsors! Hope to see you again at Dresden 2017! Last but not least: Thanks to our local team, lead by Sabine Falke!

[and for all friends of Twitter: #teap2016 turns into #teap2017]

Teap-Team is expecting the conference

The Teap conference at Heidelberg runs from March 20 to March 23, 2016. Thanks to the many contributions, we could prepare a wonderful program (load as PDF) with more than 600 individual presentations in 12 parallel sessions per day and now hope that all participants will arrive in good shape and in good mood at Heidelberg.

Sabine Falke, our chief coordinator, prepared the contracts for our large team of helpers. Under the lead of Jule Wolf, our team of student assistants (Sina Baader, Ines Brenner, Fabian Dittmar, Julia Folz, Anna Hänig, Amelie Haindl, Holly Hammerton, Alexander Kipnis, Nini Lü, Linda McCaughey, Melanie Meisel, Theresa Mentrup, Lorena Morschek, Kilian Ramisch, Fiona Rupprecht, Johannes Schultheis, Manuel Thoma, Corinna Walter, Fynn Ole Wöstenfeld, Imme Zillekens) is prepared to help visitors and guests in case of any problems (or better: to prevent problems before they might occur). In addition, our secretary, Mrs. Edith v. Wenserski, helps us organizing the food and drink logistics of our event. You can see most of the team on the picture above, wearing the Teap shirt that helps to identify us.

Participants of the Teap can (from Sunday on) be identified by theirs bags with the Teap 2016 logo imprinted. It might be that Heidelberg citizens - based on the many bags visible on Hauptstrasse (Main Street) - will notice the presence of so many psychologists for a short period of time. I will check that, too!

Looking forward to an exciting and stimulating conference in the sunny town of Heidelberg!

BTW: If you are on Twitter, follow me (jofu01) with the hashtag #teap2016.

Teap 2016 als Wordle Cloud

http://www.teap2016.de/

Reproduzierbarkeits-Debatte geht weiter

Wie nicht anders zu erwarten, geht die schon seit mehreren Jahren andauernde Reproduzierbarkeits-Debatte weiter. Nachdem im August 2015 in der Top-Zeitschrift “Science” mit viel Publizität über die gross angelegten Replikationsstudien der “Open Science Foundation” (OSF) berichtet wurde

Open Science Collaboration (2015). Estimating the reproducibility of psychological science. Science, 349(6251), 1–8. doi:10.1126/science.aac4716

und die Ergebnisse nicht sehr rosig ausfielen (um es mal ganz freundlich zu formulieren), ist gerade letzte Woche die Debatte in “Science” fortgesetzt und erneut aufgeheizt worden. Diesmal wird mit viel Publizität eine gegenteilige These vertreten.

In dem Beitrag von Gilbert et al. (2016)

Gilbert, D. T., King, G., Pettigrew, S., & Wilson, T. D. (2016). Comment on “Estimating the reproducibility of psychological science.” Science, 351(6277), 1037–a. doi:10.1126/science.aad7243

wird ein für das Fach sehr positives Urteil gefällt, nämlich “that the reproducibility of psychological science is quite high”!

Wie kann es sein, dass die eine Studie (die Originalarbeit der OSF-Gruppe) zu einer kritischen Bewertung kommt (OSF 2015: “39% of effects were subjectively rated to have replicated the original result; and if no bias in original results is assumed, combining original and replication results left 68% with statistically significant effects”), während eine erneute Analyse des gleichen Datenmaterials zu einer völlig konträren Einschätzung gelangt: “we show that when these results are corrected for error, power, and bias, they provide no support for this conclusion. In fact, the data are consistent with the opposite conclusion, namely, that the reproducibility of psychological science is quite high” (Gilbert et al., 2016). Offensichtlich besteht Klärungsbedarf!

Die durch Gilbert et al. heftig kritisierte OSF-Autorengruppe erhielt nach guter wissenschaftlicher Praxis Gelegenheit zur Erwiderung auf diese Kritik:

Anderson, C. J., Barnett-Cowan, M., Bosco, F. A., Chandler, J., Chartier, C. R., Cheung, F., … Zuni, K. (2016). Response to Comment on “Estimating the reproducibility of psychological science.” Science, 351(6277), 1037b. doi:10.1126/science.aad9163

Die Einschätzung dieser Gruppe sieht natürlich etwas anders aus: “Their [Gilbert et al.] very optimistic assessment is limited by statistical misconceptions and by causal inferences from selectively interpreted, correlational data. Using the Reproducibility Project: Psychology data, both optimistic and pessimistic conclusions about reproducibility are possible, and neither are yet warranted.” Wenn man sich diese Erwiderung im Detail anschaut, kommt man zu dem Schluss, dass Gilbert et al. sich - nicht ganz fair - bestimmte Kriterien herausgegriffen und fehlerhafte Schlüsse gezogen haben.

Dass aus ein-und-demselben Datensatz unterschiedliche Schlüsse gezogen werden, wundert mich nicht - in einer sehr schön dokumentierten Arbeit aus dem Jahr 2015 haben Silberzahn et al.

Silberzahn, R., Uhlmann, E., Martin, D., Anselmi, P., Aust, F., Awtrey, E., … Nosek, B. A. (2015). Many analysts, one dataset: Making transparent how variations in analytical choices affect results. Open Science Framework, 1–56. [siehe https://osf.io/gvm2z/]

einen Datensatz an 29 verschiedene Forschergruppen gegeben und um Auswertung gebeten. Es ging darin um die durchaus spannende Frage, ob die Hautfarbe eines Fussballspielers Einfluss nimmt auf die Tendenz von Schiedsrichtern, rote Karten zu geben. Es kommen 29 verschiedene Ergebnisberichte zusammen, die einen weiten Range an Schlußfolgerungen abdecken und von signifikanten Einflüssen bis hin zu keinen Einflüssen reichen. Wohlgemerkt: es handelt sich um den gleichen Datensatz!

In Sachen Reproduzierbarkeit ist sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen - in den Foren und Blogs wird heftig weiterdiskutiert, siehe z.B.:

Wichtig scheint mir darüber nachzudenken, was eigentlich Replikation bedeuten soll und was eine “gute” Replikation von einer “schlechten” unterscheidet. Für mich ist das Konzept der “konzeptuellen” Replikation (im Unterschied zur exakt gleichen) wichtig: zu sehen, ob selbst bei geänderter Spezifikation von Details ein Effekt erhalten bleibt. Beispiel: Bleibt die Ebbinghaus’sche Gedächtniskurve erhalten, wenn man andere sinnfreie Silben verwendet als der Original-Autor? [Antwort: ja!] Bleibt die Ebbinghaus’sche Gedächtniskurve erhalten, wenn man statt sinnfreien Silben bedeutungstragendes Wortmaterial verwendet? [Antwort: nein!]

An solchen “konzeptuellen” Erweiterungen sieht man m.E. die Tragfähigkeit von Effekten deutlicher als an statistischen Signifikanzen, die knapp die willkürlich gezogene Zufallsgrenze unterschreiten. Aber wann ist eine Replikation eine “Replikation”?