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Gastbeitrag “31. Tagung des Forums Friedenspsychologie”

Gastbeitrag von Ursula Christmann & Julia Schnepf anläßlich der 31. Tagung des Forums Friedenspsychologie zum Thema Frieden Macht Freiheit, 8.–10. Juni 2018, Universität Heidelberg.

Frieden ist der Gegenpol zu Gewalt, sei es personale oder strukturelle Gewalt. In der Friedenspsychologie geht es daher immer, direkt oder indirekt, um die Überwindung von Gewalt. Bei der 31. Tagung des Forums Friedenspsychologie stand vor allem die Macht des Wortes in der Relation zur friedensgefährdenden oder -zerstörerischen Gewalt im Mittelpunkt. Sprache und Kommunikation können Gewalt bahnen, aber sind zugleich ein Königsweg zur Verhinderung oder sogar Überwindung von gewalthaltigen Konflikten zwischen Personen, Gruppen, Ethnien etc. Gerade bei lang andauernden zwischenmenschlichen Konflikten mit hohem Gewaltpotenzial ist die konstruktive Macht des Wortes daher in der Lage, Freiheit wieder herzustellen: die Freiheit der Opfer wie der Täter.

Diesem Problem war nicht zuletzt auch die Keynote-Vorlesung von Frau Dr. Nurit Shnabel (Universität Tel Aviv) gewidmet, die ein Bedürfnis-basiertes Modell als Schlüssel für Versöhnungsprozesse vorgestellt hat. Das Modell geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich bestrebt sind eine positive Identität aufrechtzuerhalten und dass Konflikte die Identität von Opfer und Täter bedrohen. Opfer fühlen sich durch den Konflikt in ihrer  ‘Agency’ (z.B. Macht, Kontrolle, Einflussnahme, Handlungsfähigkeit) bedroht, während Täter eine Beeinträchtigung des moralischen Selbstbildes erfahren, und sei es nur durch die moralische Ablehnung (eines Großteils) der Umgebung und den möglichen sozialen Ausschluss. Versöhnung ist dann dadurch möglich, dass die konträr-komplementären Bedürfnisse der Wiederherstellung von Handlungsfähigkeit (Opfer) bzw. moralischer Akzeption (Täter) erfüllt werden, und zwar in gegenseitiger Kommunikation und Anerkennung. Gerade bei lang andauernden, auch kriegerischen Konflikten wird die Situation allerdings meist dadurch verkompliziert, dass Opfer auch zu Täter werden und umgekehrt. Welche Möglichkeiten – und Grenzen – für Versöhnungsprozesse durch diese Verschränkung des Täter-Opfer-Status auch im Rahmen des Bedürfnis-basierten Modells zu gegenwärtigen sind, war Gegenstand nicht nur des letzten Vorlesungsteils, sondern auch der engagierten Diskussion mit dem Auditorium.

Dem Rahmenthema der Tagung entsprechend wurden in der ersten Sektion ‚Die schiefe Ebene‘ zunächst die Gefahren thematisiert, die von destruktiver Kommunikation und Weltverarbeitung für den Frieden ausgehen (können). Eine prominente Rolle spielt in Deutschland dabei das „Schluss-Strich-Argument“ (in Bezug auf die Holocaust-Geschichte), das nicht nur in offenem Antisemitismus geäußert wird, sondern verschleiert auch im neuen Rechtspopulismus mit einer vorgeblich israelfreundlichen Kritik muslimischer Migranten/innen zum Ausdruck kommt. Gegen diese und andere Geflüchtete richtet sich auch die geringere Zuschreibung von komplexen Emotionen und Kognitionen (im Vergleich zur deutschen Mehrheitsbevölkerung), die als Infrahumanisierung beschrieben werden kann und einen nicht bewussten ersten Schritt zur Ausgrenzung und Ablehnung von Flüchtlingen darstellt. Die potenziellen Einflussfaktoren für solche Infrahumanisierung zwischen bahnendem Nationalismus und hemmendem Kontakt sind allerdings so komplex, dass eine Aufklärung durch weitere Forschung noch aussteht. Allerdings gibt es auch innerhalb der jeweiligen nationalen Mehrheitsgesellschaften ein Auseinanderdriften von Gesellschaftsschichten, das zum Erstarken von (rechts-)populistischen Entwicklungen geführt hat. Dieses Auseinanderdriften korreliert mit dem Anwachsen der Schere zwischen Arm und Reich in den letzten Jahrzehnten, wodurch sich im positiven Fall die traditionellen Parteien zur Erhaltung ihres Wählerpotenzials aber auch bemüßigt fühlen könn(t)en, diese Schere wieder mehr zu schließen. In diesem Fall würde der Rechtspopulismus dann letztlich eine Art Demokratiehäutung bewirken…

In der zweiten Sektion ‚Overcoming conflicts?‘ ging es in einem ersten Zugriff um die Möglichkeiten, die Spannung zwischen negativen und positiven Dynamiken in Richtung auf letztere aufzulösen. Dazu stand zunächst das Vertrauen in die Polizei (in den USA) bei Mitgliedern der (weißen) Mehrheitsgesellschaft vs. (farbigen) Minoritäten im Fokus. Durch Studien im Rahmen des Intergruppen-Vertrauen-Modells konnte nicht nur der erwartbare Ver-/Misstrauensunterschied zwischen diesen Gesellschaftsschichten gesichert werden, sondern auch dass sich das Misstrauen durch einen Mangel an Empathie und Vergleichbarkeit auf Seiten der Polizei verstärkt – was Konsequenzen für Polizei-Trainings haben sollte. Wie schwer sich solche konstruktiv-altruistischen Haltungen entwickeln lassen, zeigen allerdings Untersuchungen zum Management in der Organisationspsychologie. Hier erhalten diejenigen, die nicht nur Informationen für den eigenen Gewinn, sondern auch für den des Teams einholen, die deutlich schlechteren Bewertungen, was egoistisches Verhalten mehr als altruistisches belohnt. Allerdings gibt es, um solchen Dynamiken entgegenzuwirken, bereits eine Fülle von kreativitätssteigernden Gruppentechniken. Dazu gehören Ansätze wie das ‚Ideen-Mining‘ oder ‚Democratic Tableware‘, deren Effektivität allerdings noch durch systematische Interventionsstudien gesichert werden muss. Man darf sich daher die Überwindung von Konflikten nicht zu einfach vorstellen. Trotzdem existiert in der Zusammenschau der bisherigen Konflikt- und Friedensforschung durchaus ein substantieller Pool von Ansätzen zur Überwindung sogar von unlösbar scheinenden Konflikten: von der Reduzierung der Feindschaften über die Zusammenarbeit in umschriebenen Bereichen bis zur Anerkennung von Ungerechtigkeiten, und sei es nur auf symbolische Weise.

In der dritten Sektion ‚Politisches Engagement und Kompetenz‘ lag das Schwergewicht dann auf den (möglichst) konstruktiven Prozessen und (Rahmen-)Bedingungen für die Sicherung von Frieden und Freiheit. In einer groß angelegten Studie an Thüringischen Schulen konnte dabei gesichert werden, dass es sehr wohl gerade auch unter den Jugendlichen eine große Gruppierung gibt, die sich intrinsisch motiviert für politisches Engagement interessieren und auch gegenüber Ausländern eine positive Einstellung aufweisen; insbesondere aber zeigte sich, dass dafür demokratiepraktizierender Unterricht eine entscheidende Rahmenbedingung darstellt. Paralleles gilt für Ausländer/Migranten/innen auch selbst: Sie versuchen sowohl in der Phase der Flucht aus dem Herkunftsland als auch der Integration ins Aufnahmeland ihre Akteurschaft in vielfältiger Weise aufrecht zu erhalten. Im gesamtgesellschaftlichen Kontext setzt das allerdings auch konstruktive Erklärungsmodelle auf Seiten der aufnehmenden Gesellschaft voraus. Dafür sind mediale Darstellungen, sowohl bildlicher als auch textueller Art, mit entscheidend, die einen Einfluss darauf haben, ob sich anteilnehmende Emotionen mit angemessener Verbalisierung entwickeln oder nicht. Aber selbst wenn dies zunächst nicht gelingt und Diskriminierung vorliegt, kann die Psychologie Trainingsprogramme zur Überwindung von Diskriminierung anbieten: so zum Beispiel das Kompetenztraining zur Bewältigung von Diskriminierung (KOBEDI) der Universität Marburg, das selbstverständlich nicht nur Diskriminierung von Flüchtlingen, sondern auch alle anderen Richtungen sexueller, religiöser etc. Diskriminierung umschließt.

In der letzten Sektion ‚Die Macht des Wortes‘ stand dann abschließend die argumentative Kraft der Kommunikation im Mittelpunkt. Zunächst wurde mit dem Konzept der Argumentationsintegrität eine Sensibilität für gerechte und kooperative Kommunikation in der auch politischen Diskussion vorgestellt, durch die unintegre, unfaire Argumente auf die Sprecher/innen zurückfallen (sollten). Die häufigsten unfairen rhetorischen Strategien (46 an der Zahl) lassen sich 11 Standards des un/integren Argumentierens zuordnen, die an Videobeispielen aus dem Wahlkampf der AfD verdeutlicht wurden. Gerade der Erfolg dieser Partei wirft allerdings die Frage auf, ob es u.U. ganze Bevölkerungsteile gibt, die Unintegrität nicht ablehnen, sondern sich daran ergötzen. Und wie man einer solchen Gefährdung von Frieden und Freiheit entgegentreten kann. Die Antwort gab der letzte Vortrag über eine erwägungsorientierte Bildung von Kindesbeinen an. Das betrifft eine Didaktik schon im 3. Schuljahr, durch die argumentative Kompetenz und insbesondere auch der konstruktive Umgang mit anderen Meinungen (qua Meinungen anderer) erlernt und eingeübt werden. Am Ende dieses Weges sollte dann eine aufgeklärte Toleranz stehen, in der die Macht des Wortes gleichermaßen Frieden und Freiheit ermöglicht.

In der Mitte der Tagung wurde, wie üblich, auch der Gert-Sommer-Preis für die beste friedenspsychologische  Qualifikationsarbeit des letzten Jahres verliehen. Der Preis ging an die Dissertation über ein ‚Evil-Model‘ von T. Williams, in dessen Preisvortrag die komplexen Dimensionen und Verschränkungen von Genoziden am Beispiel Ruandas und der Roten Khmer aufgezeigt wurden. Wegen der überdurchschnittlichen Qualität der Einreichungen gab es in diesem Jahr auch zwei Honorable Mention-Vorträge: einmal zu den Möglichkeiten, die Jugendliche in Afghanistan für ihre Zukunft sehen (U. Auge), die trotz der z.T. außerordentlich belastenden Lebenssituation auf die Verbesserung ihres Landes ausgerichtet sind. Und zum anderen zum Friedensethos im Nordirland-Konflikt (S. Krüger), in dem die Kirchen durchaus auch eine aktive Politik des ‚Counterframings‘ betrieben haben.

Die Tagung wurde von ca. 50 Teilnehmer/innen der verschiedensten mit Konflikt- und Friedenforschung befassten Institutionen besucht. Die Organisation konnte so gestaltet werden, dass alle Teilnehmer jeden Vortrag zu besuchen in der Lage waren, wodurch eine quasi familiäre und sehr intensive Atmosphäre des engagierten Austauschs entstand. Der Ort des Psychologischen Instituts im Friedrichsbau von 1865 inmitten der Altstadt mag das Seine dazu beigetragen haben. In diesem Klima lief auch die Mitgliederversammlung des Forums (Freitag Abend, 8.6.) und die Vorstandssitzung (Sonntag Morgen, 10.6.) ab. Die Tagung wurde organisiert von Frau Prof. Dr. Ursula Christmann und Frau Julia Schnepf (B.A.) mit Unterstützung des Field of Focus 4 Self-Regulation and Regulation der Heidelberger Exzellenzinitiative, der Gesellschaft der Freunde der Universität Heidelberg und der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie. Allen Unterstützern sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

Heidelberger Poetikdozent 2018: Maxim Biller

Gestern abend war die erste von drei Vorlesungen unserer diesjährigen Poetikdozenten Maxim Biller. Zum 25. Mal, so Kulturamtsleiterin Andrea Edel bei der Eröffnungsveranstaltung in der Alten Aula der Universität, kommt ein Poet in dieser Funktion in unsere Stadt und berichtet Bürgern wie Studenten aus dem Innenleben der Poesie. Zitat: “1993 als Kooperation zwischen der Universität und der Stadt Heidelberg begründet wird die Poetikdozentur vom Kulturamt der Stadt unterstützt und von dem Heidelberger Ehepaar Dr. Karin und Dr. Peter Koepff gefördert. Sie ist Teil des UNESCO-Programms »City of Literature«, dem Heidelberg seit 2014 angehört.” (Quelle).

Ich habe viele dieser Vorlesungen im Rahmen der Poetikdozenturen besucht und darüber berichtet (siehe hier), nicht nur weil ich selbst gerne gute Literatur lese und mit einer Schriftstellerin (Marlene Bach) verheiratet bin, sondern weil mich natürlich als Kreativitäts- und Problemlöseforscher die Erzeugung schöner Dinge auch fachlich interessiert. Schreiben als (komplexer) Problemlöseprozess: das ist eine Perspektive, die mich fasziniert und zu der es bislang wenig Forschung gibt.

Der diesjährige, 1960 in Prag geborene Poet Maxim Biller ist nun nicht der Prototyp des abgehobenen Dichters, sondern sowohl als preisgekrönter Literat wie auch als scharfzüngiger Literaturkritiker bekannt. Sein Motto wird beschrieben als “scharf denken, präzise fühlen, cosmopolitisch leben”. Der Provokateur wirkt als Literaturkritiker bei “Spiegel”, “Zeit” oder “FAZ” mit. Auch im “Literarischen Quartett“, einer Literatursendung im ZDF, war er 2015/2016 dabei. Mit seinem als Vorwurf an die jüngere Autorengeneration gerichteten Diktum der “Schlappschwanz-Literatur“, die vom Literaturbetrieb gepampert werde, hat er zwar viel Aufmerksamkeit erhalten, aber auch einige Freunde verloren. Über das Verb “billern” heisst es in einer Zeit-Kolumne vom 17.3.2017: “Einen billern, das würde bedeuten: einen Menschen charmant begrüßen und ihn auf kluge Weise zum Lachen bringen. Billern, das hieße aber auch: einen Menschen aus dem Nichts heraus angreifen und ihn verletzen. Billern wäre eine Drohung: Ich biller dir gleich eine. Oder ein Wunsch: Ach, lass uns doch mal wieder richtig schön billern gehen.”

Gestern abend hat es in der Alten Aula “gebillert”: Viel Selbstbezügliches, viel über sein (bedauerliches?) Schicksal als jüdischer Schriftsteller in Deutschland, viel über frühere Reden, die er anläßlich von an ihn verliehenen Preisen gehalten hat und deren Inhalte er kritisch reflektiert; wenig (nichts!) über Poesie, wenig (nichts!) über literarisches Schaffen; Klage darüber, dass er nicht und warum er nicht der deutsche Philip Roth ist. Öffentlich vorgelesene Psychoanalyse? Da habe ich von anderen Poetikdozenten an gleicher Stelle Erbaulicheres gehört. Sein Schlusssatz an diesem langen Abend macht deutlich, worum es ihm geht: “Erst wenn mein jüdischer Widerspruchsgeist ein Lächeln in die Gesichter und Herzen meiner deutschen Leser bringt und nicht Wut und Panik, werde ich so gut sein, wie ich es schon immer sein wollte” - schade, dass nicht viele Zuhörer gelächelt haben…

Man hätte vorgewarnt sein können: Über die Billersche Lichtenberg-Poetikvorlesung an der Universität Göttingen Anfang 2018 schreibt Dorothee Emsel im Litlog-Blog durchaus kritisch (”Gerne hätten wir die Rubrik »Prominent ignoriert« der ZEIT eigens für die kürzlich stattgefundene Lichtenberg-Poetikvorlesung kreiert.” - uff! Das ist ein Statement!). Meine Eindrücke decken sich leider mit dem Göttinger Bericht.

hier der Kommentar von Heribert Voigt in der RNZ vom 20.6.2018: https://www.rnz.de/kultur-tipps/kultur-regional_artikel,-21-heidelberger-poetikdozentur-bad-boy-verteilte-rhetorische-hiebe-_arid,366856.html

Gastbeitrag “30 Jahre – 1 Jahr – 3 Tage: Das 30. Heidelberger Symposium”

Gastbeitrag von Julia Karl, B.Sc., Masterstudentin am Psychologischen Institut & Mitorganisierende des 30. Heidelberger Symposiums.

Es ist geschafft! Ein Jahr lang haben 23 Studierende auf diese drei Tage hingearbeitet: das 30. Heidelberger Symposium! Und es hat sich gelohnt: Noch nie (seit wir Statistiken über den Verkauf von Tickets haben) wurden so viele Karten im Vorverkauf verkauft, am Ende der Veranstaltung kamen wir mit 1024 verkauften Tickets, freiem Eintritt für Helfer*innen, Altorganisator*innen und Referent*innen auf eine stolze Besucherzahl von über 1200 Menschen.

Doch kommen wir vor einem Fazit der drei Tage erst einmal zu den Anfängen des 30. Heidelberger Symposiums: Ende Mai 2017 traf sich zum ersten Mal eine Gruppe interessierter Studierender in den Büroräumen des Heidelberger Clubs für Wirtschaft und Kultur e.V. (HCWK). Fast alle von uns hatten schon einmal an einem Symposium teilgenommen und wir waren gespannt, was uns erwarten würde. Nach einer intensiven Themensuche - es ist gar nicht so einfach, ein spannendes Überthema zu finden, unter dem über 30 Veranstaltungen stattfinden können - einigten wir uns auf das Thema „Gleichgewicht“. Ein wichtiger erster Schritt, denn damit ging nun die Arbeit richtig los: Zunächst galt es einen geeigneten Schirmherrn für unsere Veranstaltung zu finden – eine Aufgabe, die nicht nur viel Schreibarbeit, sondern auch viel Geduld erforderte. Umso mehr freuten wir uns, als im Oktober Federica Mogherini, die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, zusagte. Leider konnte sie durch die hohe Arbeitslast in Brüssel nicht am Symposium anwesend sein, wir haben uns dennoch sehr über ihr Interesse an unserer Veranstaltung gefreut. Ebenso war die Zusage Jürgen Trittins den Eröffnungsvortrag zu übernehmen, ein Grund zur Freude.

Neben der Suche nach der Schirmherrschaft wurden die geplanten Veranstaltungen inhaltlich konkretisiert und dazu passende Referent*innen angefragt – eine Aufgabe, die uns von Herbst 2017 bis März 2018 begleiten sollte. Hierüber gibt es viele lustige Geschichten und Anektdoten zu erzählen: So wurde mein lieber Teamkollege Sven eines Morgens um kurz vor 8 Uhr von seinem Telefon aus dem Schlaf geklingelt und der Mann, der sich nur mit den Worten „Hallo, hier ist Walter“ vorstellte und auf ihn einzureden begann, stellte sich später als Walter Riester, den ehemaligen Bundesminister für Arbeit, heraus, der aus seinem Ruhestandsdomizil heraus verschiedene organisatorische Aspekte seines Vortrags klären wollte. Solche und andere lustige Begebenheiten passieren einem, wenn man das Symposium mitorganisiert :D

Neben der Vorbereitung des (inhaltlichen) Programmes müssen Spenden akquiriert werden, da wir uns als gemeinnütziger Verein hauptsächlich darüber finanzieren. Darüber hinaus schreiben wir jährlich den Kunst- und Kulturpreis aus, welcher mit 500 Euro dotiert ist und Künstler*innen aus Deutschland die Gelegenheit gibt, Designvorschläge zum aktuellen Thema des Symposiums einzureichen. Aus den Vorschlägen wählten wir schließlich unser Corporate Design aus und setzten es auf Plakate, Flyern und Co. um. Je näher das Symposium rückte, desto gespannter wurden wir alle: Wir fanden unser Programm toll, jetzt mussten auch noch die Studierenden begeistert werden. Kurz vor dem Symposium mobilisierten wir dann nochmal letzte Kraftreserven für Waffelverschenkaktionen, Flyerschichten und Ticketverkauf.

Und nachdem wir das Zelt auf dem Uniplatz errichtet hatten, war es plötzlich soweit und die drei Tage, auf die wir hingearbeitet hatten, standen bevor. Anfangs noch von Aufregung geprägt, fanden wir schnell in einen Rhythmus, der meiner Meinung nach schön unsere organisierte Vorbereitung der Veranstaltung verdeutlichte. Jeder hatte seine Aufgabe im Blick und war dennoch bereit, jederzeit für sein restliches Team einzuspringen.

Ich kann zwar nicht selbst von vielen Veranstaltungen berichten (als Organisationsmitglied findet man leider nicht die Zeit, viele Veranstaltungen zu besuchen), aber ich kann das Feedback der Teilnehmer*innen und anderer Teammitglieder weitergeben. Das Programm mit seinen Referent*innen wurde herausragend angenommen und erfreute sich großen Interesses. So kam es freitagsmorgens etwa zu einer für die letzten Jahre eher unüblich hohen Zahl von Zuschauern, die den bekannten Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge sehen wollten. Neben einem hochinteressanten und persönlichen Beitrag über Transsexualität von Anastasia Biefang wurde der Vortrag über die politische Lage in Saudi Arabien von Sebastian Sons sowie ein anekdotengeladener Vortrag Gunter Pleugers (Ehem. Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York) über die Vereinten Nationen sehr gut aufgenommen. Und auch der Vortrag von Sabine Herpertz, der Ärztlichen Direktorin der Allgemeinen Psychiatrie hier in Heidelberg, erfreute sich großer Beliebtheit.

Wir als Organisationsteam sind hoch zufrieden mit unserer Leistung und haben uns sehr über das positive Feedback gefreut, das uns bisher erreicht hat. Wir bedanken uns noch einmal herzlich bei allen, die teilgenommen haben sowie bei unseren großartigen Referent*innen, die unentgeltlich mit uns über spannende Themen diskutiert haben. Seit 30 Jahren existiert das Heidelberger Symposium nun und wir sind glücklich, einen Teil zu dieser tollen Geschichte beigetragen zu haben.

Und in alter Manier ist nach dem 30. Symposium bekanntlich vor dem 31. Symposium! Wir freuen uns also über alle Interessierte, die Lust haben interdisziplinär zusammenzuarbeiten und eine tolle Veranstaltung auf die Beine zu stellen!

Dank für Kellerausbau

Mit großer Freude erhielt ich heute aus der Hand einer Fachschaftsvertreterin das unten wiedergegebene Schreiben, in dem sich mehrere Studierende und Fachschaftsvertreter bei mir für den Kellerausbau und die Einrichtung des Aufenthaltsraums bedanken. Vor einem Jahr habe ich über den Abschluss der Bauarbeiten gebloggt (siehe hier), jetzt kommt ein erster Erfahrungsbericht nach einem Jahr Nutzung gerade recht. Das Feedback bezieht sich auf unser gläsernes “Aquarium”, also den Aufenthaltsraum VOR dem eigentlichen Zentralen Verhaltenslabor am PI. Danke, liebe Leute, für soviel positive Energie!!! You made my day!

Nachruf auf Jean-Paul Reeff

Mein luxemburgischer Freund Dr. Jean-Paul Reeff ist völlig überraschend im Alter von 61 Jahren in der Berliner Wohnung seiner langjährigen Lebenspartnerin Petra Stanat verstorben. Eine schockierende Nachricht, hatte wir doch erst vor kurzem seinen 60. Geburtstag in Bonn im Kreis vieler Freunde aus aller Welt gefeiert. Kennengelernt haben wir uns Anfang der 1980er Jahre an der Universität Trier, wo Jean-Paul an einem Austausch über Wahrnehmungspsychologie interessiert war. Er hatte in Innsbruck bei Ivo Kohler über Infraschall promoviert und sich mit nicht-euklidischer Geometrie beschäftigt.

Mit dem Wechsel Jürgen Bredenkamps von Trier nach Bonn im Herbst 1984 kam auch Jean-Paul mit ans Bonner Institut und begleitete dort den Aufbau unseres Demel-Blickbewegungslabors (DEBIC-84, später DEBIC-90). Das war zu der Zeit noch viel Frickel-Arbeit; neben der Programmierung von Schnittstellen war auch der Lötkolben unverzichtbar. Er hatte als einer der ersten eine Next-Station in seinem Büro und war damit computertechnisch allerbestens ausgestattet. Durch ihn bin ich mit den Segnungen und Flüchen des Internet vertraut geworden. Durch ihn wurden Thomas Krüger und ich angeregt, den ersten WWW-Server eines psychologischen Instituts (https://www.psychologie.uni-bonn.de, damals noch in der Bonner Römerstrasse 164) einzurichten. Durch ihn haben ein paar Bonner Kollegen und ich auch Zugang zu Forth erhalten, einer exotischen Programmiersprache - es gab auf unseren Fluren einige Zeit ein richtiges Forth-Fieber, das Jean-Paul ausgelöst hatte.

Schon früh erkannte Jean-Paul den Wert bestimmter Formalismen für die Erzeugung von Item-Universen, ob es Rainer Mausfelds ABRESY (Abstrakte Regelsysteme von Rainer Mausfeld und Reinhard Niederee, 1985) oder mein eigener DYNAMIS-Ansatz war. Sein 2006 erschienener Bericht “The Assessment of Problem-Solving Competencies” (zusammen mit Anouk Zabal und Christine Blech im Auftrag des DIE, Bonn, verfasst) hat mitgeholfen, den Übergang vom Assessment statischen Problemlösens hin zu dynamischem Problemlösen zu bahnen - wie überhaupt Jean-Paul mich dazu gebracht hat, mich an PISA zu beteiligen. Ohne Jean-Paul wären meine PISA-Aktivitäten nicht zustande gekommen - dafür bin ich ihm sehr dankbar!

Sein weltweites Engagement für Bildung führte ihn ebenso nach Afghanistan (siehe hier ein Interview dazu) wie nach Südafrika, in die USA oder nach Japan (siehe meinen Bericht über meine Japan-Reise, die Jean-Paul erst möglich gemacht hatte). Neben seiner Anstellung, zunächst am Luxemburger Erziehungsministerium, später am DIPF in Frankfurt, gründete er verschiedene Firmen. Zuletzt war er Board Member der in Luxembourg ansässigen “International Innovation Management and Consulting S.A.”. Seine zeitweilig in Bad Neuenahr-Ahrweiler ansässige Firma “LIFE Consult”, die offen zugängliches Bildungsmaterial (OER) fördern sollte, hat mich in den 1990er Jahren erstmals mit den Ideen hinter Open Access vertraut gemacht zu einer Zeit, als es noch keine große OA-Bewegung gab.

Hier seine Selbstbeschreibung auf LinkedIn: “I am an independent consultant and a senior consultant for the German Institute for International Educational Research (DIPF) in the fields of innovation management and international cooperation. I hold degrees in psychology, physics and computer sciences, and a PhD in experimental psychology. I have a strong background in assessment and evaluation, as well as in technology-based learning and assessment. My consultancy focuses on initiating and accompanying large-scale interdisciplinary projects, on technology transfer, and on acting as a broker between research, policy and practice.”

Jean-Paul konnte sich als Luxemburger auf dem internationalen Parkett bestens bewegen: neben Letzeburgisch sprach er fliessend Deutsch, Englisch und Französisch (auch Japanisch konnte er in Grundzügen). Er verstand es wie kein Zweiter, wissenschaftliche Grundlagenforschung für Politiker verständlich zu machen und damit die oft scharfe Trennung der Welten von Politikern und Wissenschaftlern zu durchbrechen. Innovatives Potential hat er überall gesucht und oft gefunden. Seine Begeisterung für Technology Based Assessment war auch deswegen ansteckend, weil er die technologische Entwicklung immer verfolgte und zahlreiche exzellente Kontakte zu Technologiefirmen unterhielt. Auch an der Entwicklung und dem Einsatz der in Luxemburg betriebenen OpenSource-Testdarbietungs-Plattform TAO hatte er Anteil.

Die Entwicklung der Plattform ItemBuilder am DIPF in Frankfurt ist eines seiner Kinder, die auch im Rahmen von PISA große Beachtung fanden. Alle unsere in Heidelberg entwickelten Items für die weltweite PISA-Studie, die ich in meiner Zeit als Chairman der International Expert Group on Problem-Solving zu verantworten hatte, nahmen ihren Anfang im ItemBuilder, den die Münchener Firma Softcon (seit 2014 Teil der Nagarro AG) in enger Absprache mit Jean-Paul und Heiko Rölke vom DIPF entwickelte. Die Freundschaft zu Michael Dorochevsky, dem Chefentwickler, Dieter Hüttenberger, Vorstand der Softcon, und Brigitte Stuckart, der Firmenchefin, war ein tragendes Element dieser Entwicklung.

Während der Zeit Ende der 1980er Jahre, als ich an meiner Habil arbeitete, versorgte Jean-Paul mich mit Elbling, einem trockenen Weisswein, den er aus Luxemburg mitbrachte und der das Schreiben meiner Habil beförderte. Gelegentlich gab es auch Kochkäse-Abende, eine Luxemburger Spezialität, mit der ich mich nicht so recht anfreunden konnte. Umso besser habe ich unsere gemeinsamen Sushi-Essen in Tokyo in bester Erinnerung, auch wenn ich mich vor Fugu bis zuletzt gescheut habe.

Wieviel Flugkilometer Jean-Paul zurückgelegt hat, weiss ich nicht genau - ein Indikator seiner Vielfliegerei war sein priviligierter Status als “Frequent Traveller”, der ihm Zugang zu phantastischen Lounges an den besten Flughäfen der Welt erlaubte. Ich selbst wurde von ihm mehrmals als Gast in diese verborgene Welt des First-Class-Service eingeladen, die neben kulinarischen und hygienischen Annehmlichkeiten auch Office-Leistungen umfasste und wirklich hilfreich war, wenn es etwa Verspätungen oder Flugausfälle gab.

Mit Jean-Paul zusammen war ich in Boston, Budapest, Melbourne, San Francisco, Szeged, Tokyo, Washington - um nur ein paar der großen Städte zu benennen, in die ich durch ihn gekommen bin. Neben den dienstlichen Aufgaben verstand Jean-Paul es auch sehr gut, die Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Städte unter die Lupe zu nehmen. Sehr früh hat mich Jean-Paul auch in die Geheimnisse privater B&B-Unterkünfte (als Alternativen zu teuren Hotels) eingeführt, die er in den letzten Jahren auf seinen Reisen zunehmend bevorzugte.

Jean-Pauls große Stärke war es, Menschen aus verschiedenen Kulturen (z.B. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft) zusammenzubringen und sie für seine Ideen zu begeistern. Seine immer freundliche Art des Umgangs miteinander hat dies ganz massgeblich gefördert: der Respekt voreinander war stets zu spüren, selbst wenn in den Auffassungen Divergenzen auftraten. Vielleicht hat ihm auch deswegen die japanische Kultur so zugesagt.

Lebe wohl, Joppo! Es war eine gute Zeit mit Dir! Wir werden Dir später folgen! Du wirst uns mit Deinem trockenen Humor, Deiner überragenden Freundlichkeit, Deiner Liebe zu gutem (und ausgefallenem) Essen, und mit Deinen unendlichen Kontakten in die weite Welt der Bildungspolitik fehlen! Dein Leben war ungerecht kurz, aber es war voll an Erfahrungen und Aktivitäten! Du hast in dieser Zeit sehr sehr viel bewegt! Ein kleiner Trost!

hier der Nachruf vom DIPF: https://www.dipf.de/de/dipf-aktuell/apropos-dipf/nachruf-jean-paul-reeff

PS: Am 31.5. haben viele seiner Freunde und Angehörigen an der Beisetzung seiner Urne teilgenommen. Sie liegt jetzt auf einem sehr schönen Friedhof: auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, Großgörschenstraße 12-14, 10829 Berlin-Schöneberg (Grabstelle: Q18/09).

Interview “Wie entsteht Kreativität?”

Vor kurzem erschien in “jetzt“, einem Partner der “Süddeutschen Zeitung“, ein Interview mit mir zum Thema Kreativität (hier: https://www.jetzt.de/job/wie-kreativitaet-entsteht). Da vermutlich nicht alle meine Leserinnen und Leser dort hineinschauen, hier noch mal der Text auf meinen eigenen Seiten:

Wie entsteht Kreativität?

Kann ich sie erlernen oder ist sie eine reine Talentsache? Fragen an einen Psychologieprofessor. Interview von Johanna Bouchannafa:

Während der eine sich seit der Grundschule die wildesten Geschichten ausdenkt, spielt der nächste lieber Spiele mit eindeutigen, festen Regeln. Als Erwachsene blüht die eine in einem kreativen Berufsfeld komplett auf, während die andere sich lieber an feste Strukturen hält. Ist Kreativität Zufall? Ein Talent, das man eben hat oder nicht? Oder kann man Kreativität erlernen?

Das haben wir Joachim Funke gefragt. Er ist Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg und befasst sich unter anderem mit psychologischer Kreativitätsforschung.

jetzt: Jeder versteht unter Kreativität etwas anderes. Gibt es eine eindeutige Definition?

Joachim Funke: Kreativität bedeutet das Hervorbringen eines neuen, individuell oder gesellschaftlich nützlichen Produkts. Ein Produkt, das nicht durch Routineverfahren erzeugt werden kann. In der Psychologie unterscheiden wir die „kreative Person“, zum Beispiel einen Schriftsteller oder eine Wissenschaftlerin, den „kreativen Prozess“, zum Beispiel das Schreiben, Komponieren, Experimentieren, „das kreative Produkt“, zum Beispiel ein Roman oder eine Erfindung, sowie die „kreative Umgebung“, etwa unter der Dusche.

jetzt: Was ist der Ursprung der Kreativität? Woher kommt sie?

JF: Kreativität ist ein Erfolgsgeheimnis der Evolution: Schaffe zufällige Mutationen und schaue, was sich bewährt. Früher hielt man kreative Ideen für göttliche Eingebungen. Heute sind wir eher davon überzeugt, dass hinter kreativen Erfolgen harte Arbeit steckt. Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, hat monatelang nach einer brauchbaren Legierung seines Glühfadens gesucht. Da gehörte viel Willenskraft dazu.

jetzt: Sind Kreativität und Durchhaltevermögen also praktisch dasselbe?

JF: Nein, Kreativität darf man nicht mit Durchhaltevermögen gleichsetzen. Aber natürlich ist es hilfreich, nicht gleich beim ersten Scheitern eine gute Idee aufzugeben. Der amerikanische Forscher Robert Sternberg unterscheidet drei Formen von Intelligenz für den Lebenserfolg. Erstens: kreative Intelligenz, um die wirklich wichtigen Probleme im Leben aufzuspüren. Zweitens: analytische Intelligenz, um diese Probleme zu lösen. Und drittens: praktische Intelligenz, um die gefundenen Problemlösungen auch im eigenen Leben anzuwenden und im sozialen Kontext durchzusetzen. Das Durchhaltevermögen ist Teil der praktischen Fähigkeiten. Die kreative Intelligenz ist davon unabhängig.

jetzt: Was macht einen kreativen Menschen aus?

JF: Wichtige Merkmale einer kreativen Persönlichkeit sind Neugier und Offenheit, aber auch Nonkonformismus und die Bereitschaft, Unsicherheit zu ertragen. Ein Mindestmaß an Intelligenz und Wissen gehört dazu. Willenskraft und Ausdauer sind ebenfalls bedeutsam.

jetzt: Warum ist Kreativität so wichtig für uns und unsere Gesellschaft?

JF: Jeder Mensch trägt kreative Potenziale in sich, die allerdings meist nicht entwickelt und gefördert werden. Die Zukunft unseres Planeten hängt nicht zuletzt davon ab, wie einfallsreich unsere Problemlösungen für die großen gesellschaftlichen Herausforderungen ausfallen.

jetzt: Nicht jeder Mensch ist gleich kreativ. Welche Arten von Kreativität gibt es?

JF: Die sogenannte „große“ Kreativität bezieht sich auf weltbewegende Erfindungen oder Kunstwerke, die weite Teile der Menschheit betreffen. „Kleine“ Kreativität zeigt sich im Alltag, wenn der Reißverschluss klemmt und ich mit einer Büroklammer ein Problem lösen kann. Zum anderen nach inhaltlichen Bereichen: Kreativität in der Wissenschaft sieht anders aus als die in der Kunst.

jetzt: Während in den USA Kunst und kreatives Schreiben ähnlich praktisch wie ein Handwerk unterrichtet werden, hält sich Deutschland eher die Vorstellung, dass man entweder talentiert und kreativ ist oder eben nicht. Welche Herangehensweise stimmt denn nun?

JF: In unserer heutigen Forschung gehen wir davon aus, dass jeder Mensch kreative Potentiale in sich trägt, die allerdings meist nicht entwickelt und gefördert werden. Mit einer handwerklichen Ausbildung kommt man sicher schon ein gutes Stück voran. Denn wirklich große Kreativität besteht in einer Kombination aus guten handwerklichen Fähigkeiten in Verbindung mit einer entsprechenden Persönlichkeit und einer kreativitätsförderlichen Umwelt.

jetzt: Gibt es eine Möglichkeit meine eigene Kreativität zu entwickeln, auch wenn ich schon erwachsen bin und mich nicht besonders kreativ fühle?

JF: Kreativität ist eine Lebenshaltung, die ich auch im Erwachsenenalter einnehmen kann, wenn ich es will! Mit einer weltoffenen Neugier macht man den ersten Schritt, mit dem mutigen Hervorbringen eines Textes, eines Kunstwerks, einer Gestaltung kommt dann der zweite Schritt. Man muss sich nur trauen und darf sich durch unberechtigte Kritik nicht kleinkriegen lassen. Wichtig ist auch, dass der Antrieb von innen kommt - wenn man Anreize von außen vorgibt, wenn es „anerzogen“ werden soll, funktioniert das meist nicht.

jetzt: Kann man im Laufe des Lebens kreativer werden oder Kreativität auch wieder „verlieren“?

JF: Kreativität ist keine konstante Eigenschaft, sondern hat Hochs und Tiefs. Im Bereich der Naturwissenschaften ist der Altersbereich zwischen 30 und 40 Jahren maximal kreativ, in der Kunst verschiebt sich dieser Spitzenpunkt wesentlich nach hinten. Bei Schriftstellern, Komponisten, Malern gibt es beeindruckende Alternswerke, die in den Naturwissenschaften nicht bekannt sind.

Friedrichsbau: Apsiden besiedelt

Das Vordergebäude des Psychologischen Instituts wird auch gelegentlich Friedrichsbau genannt, nach dem Großherzog Karl Friedrich von Baden, der dieses Gebäude zum Wohl der Naturwissenschaften im Jahr 1861 errichten ließ. Im Eingangsbereich sind direkt hinter dem hölzernen Eingangstor vier Apsiden, von denen bislang nur eine gefüllt war. Ab sofort sind drei weitere Personen hinzugekommen.

Wundt & James

Wundt & James

Östlich zunächst der Gründungsvater der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt (1832-1920), der von 1856-1874 in Heidelberg wirkte. Neben ihm der Gründungsvater der amerikanischen Psychologie, William James (1842-1910), der 1868 zu einem Kurzaufenthalt in Heidelberg weilte.

Westlich sieht man zunächst Hermann von Helmholtz (1821-1894), der von 1858-1870 in Heidelberg arbeitete und für den der Friedrichsbau in erster Linie errichtet wurde. Daneben die Gedenktafel für den ungarischen Wissenschaftler Lorand Eötvös, der bei Kirchhoff, Bunsen und Helmholtz studiert hatte und später u.a. die Gravitationswaage entwickelt hat, mit der Bodenschätze (z.B. Erdöl) entdeckt werden konnten.

Helmholtz & Eötvos

Helmholtz & Eötvös

Ich danke den Alumni Psychologici für die Finanzierung dieser Bilder und Edith von Wenserski sowie Reiner Meßner für die fachkundige Unterstützung bei ihrer Herstellung, Rahmung und Anbringung.

Ich freue mich, ab sofort beim Betreten unseres Instituts nicht nur vor dem Eingang von Robert Bunsen begrüßt zu werden, sondern nun auch hinter der Eingangstür mit Wundt und James zwei Psychologen auf der rechten Seite und mit Helmholtz und Eötvös zwei Naturwissenschaftler auf der linken Seite zu sehen. Mögen uns diese Portraits immer an die Wahrheitssuche unserer Vorgänger erinnern! Sie sind zugleich eine Mahnung, auf allen Ebenen den Frauenanteil in der Wissenschaft zu steigern!

Robert Sternberg in der Kritik

Unser Honorarprofessor Robert Sternberg ist in die Kritik geraten. Anlass dazu haben kritische Blogger gegeben, die sowohl das hohe Ausmass seiner Selbstzitationen (Blog von Eiko Fried:”7 Sternberg papers: 351 references, 161 self-citations”, siehe hier) als auch das Vorkommen von Selbst-Plagiaten (Blog von Nick Brown: “Some instances of apparent duplicate publication by Dr. Robert J. Sternberg”, siehe hier) kritisiert haben.

Natürlich ist das sehr unschön und schlechte wissenschaftliche Praxis, daran gibt es keinen Zweifel! Seine Verdienste um die akademische Welt der Psychologie stehen ebenso ausser Zweifel. Jetzt ist Bob Sternberg am 26.4.18 als Herausgeber des Spitzenjournals “Perspectives on Psychological Science” (PoPS) mit sofortiger Wirkung zurückgetreten (hier der Beitrag in “Inside Higher Education“). In einem offenen Schreiben vom 10.4.18 an das APS Publication Committee hatten Chris Crandall (Professor of Psychology, University of Kansas) und zahlreiche Mitunterzeichnende zuvor seinen sofortigen Rücktritt gefordert.

Ein Fall von Machtmissbrauch? Als Editor ist man in besonderer Weise zur Einhaltung ethischer Prinzipien verpflichtet. In den letzten Jahren haben sich hier hohe Standards entwickelt, hinter die niemand zurückfallen möchte. In den Richtlinien des “Committee on Publications Ethics” (COPE) heisst es zur Frage, ob Herausgeber in der von ihnen herausgegebenen Zeitschrift publizieren dürfen (hier der Link zu den Guidelines): “While you should not be denied the ability to publish in your own journal, you must take extra precautions not to exploit your position or to create an impression of impropriety. Your journal must have a procedure for handling submissions from editors or members of the editorial board that will ensure that the peer review is handled independently of the author/editor.” Solange ein unabhängiger Review-Prozess hier sichergestellt werden kann, spricht nichts dagegen.

Ich hatte das zuletzt von Sternberg herausgegebene Journal “PoPS” in den letzten Jahren gerne gelesen und fand die Inhalte erfrischend und anregend! Im letzten Jahr hatte ich mich darüber gefreut, für dieses Journal als “Consulting Editor” mitwirken zu dürfen (als einer der wenigen Nicht-Amerikaner). Mal sehen, wie es nun mit diesem Journal weitergeht! Und mal sehen, wie es mit Bob Sternberg weitergeht! Das ist natürlich auch für ihn ein schmerzhaftes Ereignis.

mehr: Blog von Bobbie Spellman: morepops.wordpress.com/2018/04/22/dear-aps-its-not-me-its-you/ - Retraction Watch: https://retractionwatch.com/2018/05/16/journal-says-it-will-correct-three-papers-by-prominent-psychologist-for-duplication/

Edgar Erdfelder neuer Prorektor Forschung an der Uni Mannheim

Die räumliche Nähe zwischen Heidelberg und Mannheim führt zu einem engeren Austausch zwischen verschiedenen Instituten an beiden Standorten als zwischen Heidelberg und Darmstadt oder Heidelberg und Tübingen. Das gilt für das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit ebenso wie für den Fachbereich Psychologie an der Mannheimer Universität. Von daher wundert es vielleicht nicht, wenn ich hier über eine neue Personalie der Mannheimer Universität schreibe: Zum 1.10.2018 tritt unser Kollege Edgar Erdfelder das Amt des Prorektors für Forschung an.

Ich bin ein Freund davon, forschungsstarke Personen in der Administration von Fakultäten und Universitäten zu haben und nicht reine Verwaltungsfachleute). Sie kennen das forschende Geschäft von innen heraus, kennen die Lasten überflüssiger Bürokratie und sind an der Konzeption intelligenter Strukturen interessiert. Damit tun forschungsstarke Personen in der Administration Gutes für ihre Kolleginnen und Kollegen. Übrigens gibt es mit dem Buch von Amanda Godell aus dem Jahr 2009 (Goodall, A. H. 2009. Socrates in the boardroom. Why research universities should be led by top scholars. Princeton: Princeton University Press) auch evidenzbasierte Erkenntnisse über den Wert solcher Personen in administrativen Spitzenjobs.

Mit Edgar Erdfelder verbindet mich eine lange Geschichte - wir sind seid 1980 befreundet, als wir benachbarte Büros an der Universität Trier (damals noch auf dem Schneidershof) bezogen. Später sind wir mit unserem damaligen Chef Jürgen Bredenkamp von Trier nach Bonn gewechselt, noch später wurden wir unabhängig voneinander an die beiden benachbarten Orte Mannheim bzw. Heidelberg berufen, was uns sehr gefreut hat! Auch deswegen freue ich mich jetzt über die gute Nachricht aus unserer Nachbarstadt!

Lieber Ede: Herzlichen Glückwunsch zu diesem wichtigen Amt und viel Erfolg bei Deiner Tätigkeit!

Gastbeitrag “DGPs Qualitätssiegel für den Bachelorstudiengang Psychologie”

Gastbeitrag von Cordelia Menz, M.Sc., Qualitätsmanagerin an unserem Institut, zum gerade ausgestellten Qualitätssiegel der DGPs für unseren Bachelorstudiengang Psychologie:

DGPs-Qualitätssiegel für den Bachelorstudiengang Psychologie der Universität Heidelberg

Seit Oktober 2016 bietet die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) allen deutschsprachigen Hochschulen mit einem Bachelorstudiengang Psychologie (Abschluss: „Psychologie, B.Sc.“) die Möglichkeit, einen Antrag auf ihr Qualitätssiegel zu stellen. Die DGPs verfolgt mit diesem Qualitätssiegel unterschiedliche Ziele: Zunächst soll die Einheit des Faches Psychologie gewahrt und eine möglichst große Vergleichbarkeit der Studiengänge erreicht werden. Außerdem unterstützt das Qualitätssiegel auch die Sicherung einer exzellenten fachlichen Qualität. Das Siegel wird deshalb denjenigen psychologischen Studiengängen verliehen, „die in Bezug auf Struktur und Inhalt den Empfehlungen der DGPs folgen und die in Bezug auf ihre Wissenschaftlichkeit und Forschungsorientierung gewisse Mindeststandards einhalten“. Durch das Qualitätssiegel soll eine nachhaltige Sicherung der Qualität psychologischer Studiengänge gewährleistet werden. Darüber hinaus wird durch normative Standards eine erhöhte Transparenz für Studierende geschaffen.

Da das Psychologische Institut Heidelberg all diese Ziele als erstrebenswert erachtet, wurde ich als Qualitätsmanagerin des PI darum gebeten, die Antragstellung vorzubereiten. Mit tatkräftiger Unterstützung aller Sekretariate, des Prüfungsamts, der Fachstudienberatung sowie Herrn Dr. Schahn war es ein Leichtes, die vorgegebenen Fragen zu den unterschiedlichen Aspekten des Studiengangs zu beantworten. Viele der erfragten Inhalte waren auch für mich neu und spannend: Beispielsweise haben die Studierenden unseres Studiengangs uneingeschränkten Zugriff auf mehr als 1000 psychologische Fachzeitschriften. Damit stehen ihnen weitreichende Ressourcen zur Vorbereitung von Lehrveranstaltungen sowie Prüfungen zur Verfügung. Des Weiteren gelingt es den Beschäftigten unseres Instituts äußerst erfolgreich, externe Gelder einzuwerben, was sich u.a. in der hohen Anzahl der im Rahmen drittmittelfinanzierter Forschungsprojekte angestellter Hilfskräfte zeigt. Außerdem übersteigen die über 170 wissenschaftlichen Publikationen (von 2015 – 2017) unserer Professor*innen bei Weitem die gestellten Anforderungen. Auch dieser Indikator unterstreicht den hohen Stellenwert der Forschung an unserem Institut. Dass unser Studiengang die Mindestanforderungen der ECTS-Punkte für die Grundlagen- und Anwendungsdisziplinen sowie Statistik und empirisch-wissenschaftliches Arbeiten (mehr als) erfüllt, hat mich wenig überrascht.

Insgesamt verlief der Beantragungsprozess reibungslos und es gab keine Rückfragen der Gutachter*innen, sodass wir einige Wochen nach der Beantragung mit Freude die verliehene Urkunde des DGPs-Qualitätssiegels in Empfang nehmen durften. Diese kann nun im Schaukasten der Eingangshalle des Vordergebäudes im Psychologischen Institut bewundert werden. Der Bachelorstudiengang Psychologie der Universität Heidelberg darf nun also für fünf Jahre das DGPs-Qualitätssiegel tragen.

mehr zum Qualitätssiegel: Psychologie Fachschaften-Konferenz (PsyFaKo) Kommentar