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Society of Indian Psychologists: Wall between US and Mexico?

Nachfolgend ein Statement der indianischen Psychologen zur von Donald Trump geplanten Mauer zwischen USA und Mexiko, zu dem es - wie ich finde - keines Kommentars bedarf:

THE SOCIETY OF INDIAN PSYCHOLOGISTS (SIP) STATEMENT ON THE PROPOSAL TO BUILD A WALL BETWEEN WHAT IS KNOWN AS THE US AND WHAT IS KWON AS MEXICO

Approved by the SIP EC January 27, 2017

The Society of Indian Psychologists strongly opposes President Trump’s proposal to build a wall between what is known as the United States of America and what is known as México. Except for the Native North Americans and their descendants who dwell in the area, everyone else is an immigrant. For children of immigrants, including the 45th President, to build a wall in order to discourage immigration is hypocrisy at its highest level. History teaches us that nations who build walls do so out of fear, and that walls historically have been symbols of perceived national weakness. As Native people, we believe fear is an internal (within person) problem requiring an internal (often spiritual) intervention. We do not support activities that externalize fear as this particular proposal does. We also do not see the U.S. as a weak entity as would be suggested by building a wall. Furthermore, SIP views the wall proposal for what it is at its very core, an act of symbolic racism toward particular people, which we cannot support.

In particular, we believe the following truths speak to our opposition to the proposed wall:

1. The border between these “countries” is an arbitrary border that was created by colonial powers. In fact, the land in question was not given to either nation, and was in fact taken away forcibly from the Native North American people in the area.

2. The proposal does not acknowledge the history of the people that live in the region. Native North Americans predate these colonial boundaries, and in fact many families, communities, and nations have relatives dwelling on both sides of this arbitrary border. Building a wall will create a true division of people who have historically dwelled together, and will perpetuate and intensify the psychological harm that the arbitrariness of borders has created in the first place.

3. The funds that will be used to build the wall would be put to better use to address the amazing array of health, mental health, and educational disparities in the U.S. today. We believe very strongly that building the wall is an unnecessary waste of financial and human resources. A wall will not strengthen the U.S., but addressing educational injustices, poverty, social injustice, and psychological and social well-being for citizens would most certainly strengthen it.

4. We stand with our Latino/a citizens and marvel at the injustice of the symbolic message being sent to that community. We abhor the stereotyping of this population that has occurred in order to justify this thinly veiled act of symbolic racism. We see the wall as an act of intimidation and bullying that is meant to convey aspects of white privilege and supremacy that are not welcomed among a nations of immigrants. As the ones who dwelled in this land first, we do not accept the flawed rationale for its construction by its supporters.

Neujahrsempfang der “Freunde”

Im letzten Jahr haben wir von Seiten der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” (deren Vorsitzender ich bin) zum ersten Mal einen Neujahrsempfang gegeben, mit einem Festvortrag von unserem Heidelberger Archäometriker Prof. Dr. Ernst Pernicka über die rätselhafte Himmelsscheibe von Nebra. Die Veranstaltung kam so gut an, dass wir dieses Format in 2017 wiederholen wollten.

Peter Meusburger beim Vortrag

Peter Meusburger beim Vortrag

Am Freitag 10.2.2017 fand nun der diesjährige Empfang statt. Wir haben die neuen Marsilius-Arkaden als Standort gewählt, um den Freunden diesen schönen Neubau im Neuenheimer Feld einmal zeigen zu können. Als Festredner konnten wir den Kollegen Prof. Dr. Peter Meusburger gewinnen, der über die Bedingungen kreativer Kommunikation an Hochschulen sprach und die Einzigartigkeit des Universitätsstandorts Heidelberg herausstellte. Von den gut 450 Universitäten in Deutschland spielt Heidelberg klar in der ersten Liga. Und so wie es in der BRD rund 7000 Fußballvereineine gibt, aber nur 18 davon in der ersten Liga spielen, will Heidelberg natürlich auch im universitären Wettbewerb herausragend sein - und braucht dafür Platz! Das Gutachten von Peter Meusburger für die Stadt Heidelberg, das seinem Vortrag zugrunde lag, kann man übrigens hier nachlesen.

im Hörsaal der Marsilius-Arkaden

im Hörsaal der Marsilius-Arkaden

Wie im Vorjahr diente der Empfang auch dazu, den jährlich vergebenen und mit 2500 Euro dotierten “Preis der Freunde” zu verleihen. Diesmal ging er an die studentische Initiative “Rock Your Life“, die ein Mentorenprogramm für Schülerinnen und Schüler betreibt. Die studentischen Mentoren begleiten ehrenamtlich Schüler aus sozial, wirtschaftlich oder familiär benachteiligten Verhältnissen nach einem strukturierten Mentoring-Prozess auf dem Weg in den Beruf oder auf die weiterführende Schule. Hier ein Auszug aus der Laudatio der studentischen Jury (bestehend aus Tim Adler, Max Pascheberg und Cosima Steck), die von Tim Adler vorgetragen wurde:

Was macht unser diesjähriger Preisträger? Seit 2011 ist der Verein in Heidelberg aktiv und kooperiert inzwischen mit zwei Gesamtschulen. Dort unterstützt er Schülerinnen und Schüler in den letzten beiden Schuljahren und hilft ihnen dabei, ihr weiteres Schul- und Arbeitsleben zu planen. Studierende und Jugendliche bilden dazu ganz individuelle Mentoring-Paare – oder anders ausgedrückt: Jeder Buddy bekommt erst einmal einen erfahreneren Buddy.

Um die Studierenden auf diese sehr anspruchsvolle Aufgabe vorzubereiten, gibt es eigens entwickelte Vorbereitungskurse. Anschließend operieren die Paare autark. Dies gibt ihnen die Freiheit, die notwendig ist, um eine gemeinsame Vertrauensbasis aufzubauen. Die ist für eine erfolgreiche Mentoring-Beziehung unbedingt nötig.

Natürlich werden die Paare aber nicht alleine gelassen. Der Verein steht Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei allen Fragen und Anliegen zur Seite. Zusätzlich gibt es regionale Gruppenevents, damit die Buddys sich über ihre Erfahrungen austauschen können, denn gemeinsam lässt sich viel mehr erreichen. Neben diesem Teambuilding-Effekt geht es aber auch darum, den Buddys berufliche Perspektiven vorzustellen. Wer weiß, welche Möglichkeiten er bzw. sie hat, kann fundiertere Entscheidungen für seine Zukunft treffen, hat, hoffentlich, mehr Spaß an seiner Arbeit und damit schlussendlich mehr Stabilität in seinem Leben.

Warum zeichnen wir den Preisträger jetzt aus? Inzwischen wurde bereits die 5. Kohorte an Mentoring-Paaren erfolgreich verabschiedet und jedes Jahr kommen 45 neue Paare hinzu. All das zeigt den nachhaltigen Erfolg des Ansatzes und die Ausdauer und Leistung von Rock your Life. Man spürt förmlich, wie diese Initiative brennt – brennt für die gute Sache, brennt für ihre Studierenden und natürlich ganz besonders: brennt für ihre Buddys. Sie sind überzeugt, dass sie es schaffen und schließlich selbst sagen werden: „We will rock your life!“

Bereits letztes Jahr war die Initiative, die sich sehr kontinuierlich um den Preis beworben hat, unter den Favoriten. Deshalb freue ich mich sehr, dass wir, die Gesellschaft der Freunde, Rock your Life! Heidelberg nun mit dem Preis der Freunde des Jahres 2016 auszeichnen dürfen.”

Rock your life!

Die Preisträger: Rock your life!

Schließlich kamen auch die Preisträger noch zu Wort. Die große und zahlreich anwesende Gruppe von Studierenden wurde - vertreten durch Rebecca Alvarado und Simon Weber - nochmals in eigenen Worten vorgestellt, bevor dann Flamme (für den tollen Flammenständer, der die jährlichen Preisträger symbolisiert und im Eingangsbereich der Neuen Universität in einer Glasvitrine steht), Urkunde und Preisgeld überreicht wurden. Ich habe mich als Psychologie-Professor natürlich sehr gefreut, dass in dieser ausgezeichneten Initiative auch Psychologie-Studierende aktiv tätig sind!

Im Anschluß fand im Vorraum des Hörsaals ein Empfang der Gäste statt. Bei kleinen Snacks und kalten Getränken wurde lebhaft diskutiert, es wurden Kontakte geknüpft und Pläne geschmiedet.

Wie schön, dass es den Neujahrsempfang gibt - danke, liebe Gaby, für den Anstoß dazu! Nachdem es nun zum zweiten Mal so erfolgreich abgelaufen ist, glaube ich sagen zu können, dass eine neue Tradition entstanden ist. Ich freue mich schon auf den nächsten Neujahrsempfang 2018!

siehe auch Pressemitteilung

Wieviel Wissen braucht man zum Handeln?

Die im Titel gestellte Frage “Wieviel Wissen braucht man zum Handeln?” scheint auf den ersten Blick trivial: natürlich braucht ein Akteur Wissen, um zielführend in eine Situation eingreifen zu können. Natürlich braucht ein Pilot eine Menge an Wissen, wenn er sein Flugzeug sicher starten, fliegen und landen will - hoffentlich ist genug Wissen vorhanden! Aber stimmt das wirklich? Welche Art von Wissen ist erforderlich? Und warum führt Wissen nicht immer zu entsprechendem Handeln? Warum handeln wir manchmal “wider besseres Wissen”?

Experten z.B. verfügen über Wissen, das sie gar nicht mehr so einfach verbalisieren können; wir sprechen von implizitem im Unterschied zu explizitem Wissen. Die Zugänglichkeit reicht von bewusst bis unbewusst. Deklarative Inhalte werden “prozeduralisiert” und verlieren damit bewusste Verfügbarkeit (beschreiben Sie einem Anfänger, wie Radfahren funktioniert). Viele spannende Fragen, auf die es keine einfache Antworten gibt.

Hier die Zusammenfassung meines Beitrags: “How much knowledge is necessary for action? This question is fundamental because it suggests that the link between knowledge and action is debatable, that there is no given, fixed causal relationship between knowledge and action. In addition, there seems to be no fixed causal direction. Knowledge can be a prerequisite for action but also a consequence of an action. My opening question relates two key words in psychology. One of them is knowledge, about which a large body of knowledge exists (e.g., Halford, Wilson, & Phillips, 2010)—about its different types (e.g., procedural, declarative), styles of acquisition (implicit, explicit), and degrees of accessibility (conscious, subconscious, unconscious). The other word is action, about which there are various theories describing human behavior with respect to intention (e.g., Fishbein & Ajzen, 2010). In this introductory section I try to give an overview of these conceptions and of the relation between knowledge and action.”

Der Artikel ist (wie das gesamte Buch) dank einer Finanzierung durch die Klaus-Tschira-Stiftung kostenlos abrufbar (open access). Hier die Angaben zu meinem Beitrag:

Funke, J. (2017). How much knowledge is necessary for action? In P. Meusburger, B. Werlen, & L. Suarsana (Eds.), Knowledge and action (pp. 99–111). Heidelberg: Springer. http://doi.org/10.1007/978-3-319-44588-5_6

Folter im Namen der Freiheit?

Unter dem Titel “Folter im Namen der Freiheit?” fand am Mittwoch Abend 11.1.17 eine gut besuchte Veranstaltung zum Thema Folter statt. Eingeladen dazu hatten das Forum Internationale Sicherheit (FIS), die Fachschaft Psychologie unseres Instituts und Amnesty International (Hochschulgruppe Heidelberg). Gekommen waren etwa 250 Studierende, die mit großem Interesse den Ausführungen des Podiums folgten, an einer “Liquid Feedback“-Runde teilnahmen und später auch die Diskussion bereicherten.

Als Kooperationspartner und Diskussionsteilnehmer haben unter der fachkundigen Moderation von Donna Joy Doerbeck teilgenommen: Dr. Vedrin Sahovic von Amnesty International (Koordinationsgruppe gegen Folter), Prof. Dr. Sebastian Harnisch vom Institut für Politische Wissenschaft und vom Psychologischen Institut Prof. Dr. Joachim Funke. Vor und nach der Podiumsdiskussion gab es neben Sekt, Salzstangen und Selters einen Stand mit Petitionen und weiteren Informationen.

Der Amnesty-Vertreter Dr. Vedrin Sahovic machte deutlich, dass Folter nach wie vor ein ubiquitäres Phänomen sei und trotz der UN-Antifolterkonvention, der viele Staaten zugestimmt haben, in über 140 Staaten der Welt gefoltert werden, aus unterschiedlichen Gründen heraus: vermeintliche Informationsgewinnung, Rache, Abschreckung, schlechte Ausbildung der Polizei - um nur ein paar der Gründe zu benennen.  Das Recht, innerhalb kurzer Zeit vor einen Richter geführt zu werden, seine Familie zu informieren und einen Anwalt seines Vertrauens zur Hilfe heranzuziehen, sei ein wirksamer Schutz vor Willkür und Folter.

Der Politikwissenschaftler Sebastian Harnisch machte deutlich, dass Autokratien anders foltern als Demokratien. In Autokratien ist es kein Geheimnis: es kommt zu öffentlichen Auspeitschungen und ähnlichem. Autokratien sind da nicht pingelig. Bei Demokratien ist es anders: Hier steht die Legitimation des Gewaltmonopols immer in Frage und muss rechtlichen Vorgaben genügen. Daher ist in den USA viel juristischer Aufwand (und Geheimhaltung) betrieben worden, angefangen damit dass es nicht “Folter” heisst, sondern “verschärfte Verhörbedingungen”; weiter, dass man möglichst extra-territorial foltert (Guantanomo); dass die Gültigkeit bestimmter Konventionen bestritten wird (Terroristen sind keine Kriegsgefangenen und daher gelten die Genfer Konventionen nicht).

Für die Psychologie ist das Thema Folter virulent unter dem Begriff “Weiße Folter“, womit vor allem soziale Isolation, sensorische Deprivation, aber auch Methoden wie Waterboarding gemeint sind, die schwerer nachweisbar sind als die blutige “rote Folter”. Die Folterdiskussion ist insbesondere in den USA nach 9/11 für die Psychologie relevant geworden, weil mit dem Hoffman-Report bekannt wurde, dass Psychologen viel Geld (Millionen Dollar) mit der Entwicklung von Foltermethoden verdient haben und die weltweit größte (und sehr einflußreiche) Psychologenorganisation, die American Psychological Association, hier mit der damaligen Bush-Regierung geheime Absprachen zur Aufweichung von Ethikregeln vorgenommen hatte, um die Teilnahme von Psychologen an Foltertätigkeiten zu legitimieren. Ich selbst habe auf die grundgesetzlich verankerte Menschenwürde hingewiesen, die gleich im ersten Satz absolut klar formuliert wird: “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”

Insbesondere mein Kieler Kollege, der Allgemeine Psychologe Prof. Dr. Rainer Mausfeld, hat sich seit vielen Jahren um die Aufklärung dieser Beteiligung von Psychologen an Folter bemüht (siehe z.B. hier oder auch der inzwischen legendäre Youtube-Beitrag “Warum schweigen die Lämmer?” von ihm)

Insgesamt eine interessante Veranstaltung! Ich selbst war begeistert von der hohen Resonanz unter unseren Studierenden! Kompliment für dieses Interesse am Thema! Nach der Auftaktveranstaltung im letzten November, wo wir den Film “Folter made in USA” (eine arte-Dokumentation zum Thema) im HS 2 gezeigt haben, ist nun eine starke Präsenz des Themas garantiert, mit der ich sehr zufrieden bin. Natürlich ist der4 Kampf gegen Folter damit nicht gewonnen, aber ein paar mehr Köpfe denken über das Thema nach - und die überwältigende Mehrheit unserer Studierenden denkt kritisch darüber! Das freut mich!

Literatur aus historisch-politikwissenschaftlicher Sicht: Einolf, C. J. (2007). The fall and rise of torture: A comparative and historical analysis. Sociological Theory, 25(2), 101–121. - Greenberg, K. J., & Dratel, J. L. (eds.) (2005). The torture papers. The road to Abu Ghraib. New York: Cambridge University Press. - Lightcap, T. (2011). The politics of torture. New York: Palgrave Macmillan. - Lightcap, T., & Pfiffner, J. P. (eds.) (2014). Examining torture. Empirical studies of state repression. New York: Palgrave Macmillan. - Rejali, D. (2007). Torture and democracy. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Literatur aus psychologischer Sicht: Green, D., Rasmussen, A., & Rosenfeld, B. (2010). Defining torture: A review of 40 years of health science research. Journal of Traumatic Stress, 23(4), 528–531. - Mausfeld, R. (2009). Psychologie, ,weiße Folter‘ und die Verantwortlichkeit von Wissenschaftlern. Psychologische Rundschau, 60(4), 229–240. - O’Mara, S. (2015). Why torture doesn’t work: The neuroscience of interrogation. Cambridge, MA: Harvard University Press. - Punamäki, R.-L., Qouta, S. R., & Sarraj, E. E. (2010). Resilience and crime victimization. Journal of Traumatic Stress, 23(4), 532–536.

MicroDYN revisited

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In den letzten 10 Jahren hat sich meine Heidelberger Arbeitsgruppe mit der computerbasierten Erfassung von Problemlösekompetenzen beschäftigt. Als Chairman 2009-2014 der von der OECD eingesetzten Internationalen “Problem solving expert group” haben wir die Konzeption von PISA 2012 im Bereich “problem solving” von statischen Aufgaben hin zu dynamischen Szenarien verändert. Das ging nur dank der erstmaligen Umstellung der weltweiten PISA-Testung von Papier- auf Computerdarbietung. Das war sicherlich ein großer Erfolg!

Die durch die Testinstrumente MicroDYN (Paradigma linearer Strukturgleichungen) und MicroFIN (Paradigma finiter Automaten) definierten Aufgabenformate haben sich für die Erzeugung größerer Itempools zum Bereich “problem solving” im Rahmen von “large-scale assessments” wie PISA als brauchbar erwiesen. Inwiefern die Forschung zum Umgang mit komplexen Situationen von diesen Tests profitiert und ob hier wirklich mehr als Intelligenz und Arbeitsgedächtnis gemessen werden, ist eine wiederholt (und lebhaft) diskutierte Frage.

Nun ist ein kleines Positionspapier von Andreas Fischer, Daniel Holt und mir erschienen, in dem wir die Validität von MicroDYN-Aufgaben gerade im Vergleich zu komplexeren Szenarien wie z.B. dem “Tailorshop” kritisch diskutieren. Insbesondere die Frage, inwieweit mit linearen Strukturgleichungssystemen und finiten Automaten wirklich komplexes Problemlösen erfaßt werden kann, beschäftigt uns darin. Im wesentlichen sehen wir insbesondere in MicroDYN eine erhebliche Einschränkung des ursprünglichen Konzepts, wie es seit den 1970er Jahren von Dietrich Dörner und anderen propagiert wurde. Daß sich MicroDYN gut an Schulnoten validieren ließ, ist in unseren Augen eher kritisch zu sehen. Eine Validierung an einer Manager-Stichprobe wäre sicherlich besser. Leider sehen die diesbezüglichen Daten gar nicht so überzeugend aus.

Hier das Abstract unseres Beitrags:

In this commentary, we critically review the study of Greiff, Stadler, Sonnleitner, Wolff, and Martin, “Sometimes less is more: Comparing the validity of complex problem solving measures” (Intelligence, 2015, 50, 100–113). The main conclusion of Greiff et al. that the “multiple complex systems” (MCS) approach to measuring complex problem-solving ability possesses superior validity compared to classical microworld scenarios (“less is more”) seems to be an overgeneralization based on inappropriate analysis and selective interpretation of results. In its original form, MCS is a useful tool for investigating specific aspects of problem solving within dynamic systems. However, its value as an instrument for the assessment of complex problem solving ability remains limited.

Nachzulesen ist der komplette Beitrag (als Open Access) hier: Funke, J., Fischer, A., & Holt, D. (2017). When less Is less: Solving multiple simple problems is not complex problem solving—A comment on Greiff et al. (2015). Journal of Intelligence, 5(1), 5. http://doi.org/10.3390/jintelligence5010005 Übrigens ist neben unserer Kritik an der Arbeit von Greiff et al., die uns zu dieser Stellungnahme herausgefordert hat, auch eine weitere kritische Auseinandersetzung dazu erschienen: Kretzschmar, A. (2017). Sometimes less is not enough: A commentary on Greiff et al. (2015). Journal of Intelligence, 5(1), 4. http://doi.org/10.3390/jintelligence5010004

Eine interessante Randbemerkung: Eigentlich hatten wir unsere Replik beim Journal “Intelligence” eingereicht und gehofft, dass unsere Kritik dort veröffentlicht werden würde. Der dortige Herausgeber Richard Haier hat zu meinem Erstaunen unseren Kommentar abgelehnt (im O-Ton: “Commentaries/Discussions and responses to them are not often published in Intelligence. They are rarely cited and rarely settle an issue.”) - mein Respekt vor dem Journal ist daraufhin etwas gesunken. Diskussionen gehören für mich zum Kern wissenschaftlicher Aktivitäten. Umso erfreulicher, dass der Editor eines inhaltlich verwandten “Journal of Intelligence“, Paul De Boeck, zum Abdruck unserer kritischen Stellungnahme bereit war, obwohl der Ursprungsartikel, auf den sich unser Kommentar und unsere Kritik bezieht, in einem Konkurrenzblatt erschienen ist. Eine (wie ich finde: schwache) Erwiderung der Autorengruppe zu unserer Kritik ist dort ebenfalls erschienen: Greiff, S., Stadler, M., Sonnleitner, P., Wolff, C., & Martin, R. (2017). Sometimes more is too much: A rejoinder to the commentaries on Greiff et al. (2015). Journal of Intelligence, 5(1), 6. http://doi.org/10.3390/jintelligence5010006

Wissenschaft in Post-Faktischer Gesellschaft

Der Begriff der “Postfaktischen Politik” (post-truth politics) ist zu einem neuen Schlagwort geworden: Im Zuge von Brexit und den im November 2016 erfolgten USA-Wahlen wurde deutlich, dass ein Spiel mit Emotionen im politischen Kontext offensichtlich erfolgreich sein kann, selbst wenn die Fakten dagegen sprechen. Für Wissenschaftler auf der ganzen Welt muss das eine Provokation sein: Wir versuchen in unseren Kreisen die Fahne der Wahrheit hochzuhalten, zumindest die des kritischen Denkens (je nach Wahrheitskonzeption), wohl wissend, wie schwer es manchmal ist, zu einem klaren Urteil zu gelangen.

Dass aber anerkannte Tatbestände wie z.B. Klimawandel oder wachsende ökonomische Ungleichheit unverhohlen geleugnet werden und man mit Falschaussagen bei Wahlen Mehrheiten bekommt, ist ein schockierender Tatbestand, der jeden Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin beunruhigen muss. Und natürlich kommt sofort die Psychologie ins Spiel, die sich mit Fragen beschäftigt wie z.B. der, warum Fakten nicht akzeptiert werden und warum ein Spiel mit Emotionen wirkungsvoller ist als eine Aufzählung von Fakten.

Dazu kommt: Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik ist offensichtlich gestört. Ob es an einem Glaubwürdigkeitsverlust der Wissenschaften liegt, ist schwer zu sagen - “die” Wissenschaften gibt es nicht, es gibt einzelne Wissenschaftler, die keine hohen ethischen Standards befolgen, aber natürlich gibt es Stimmungen und Meinungen über Wissenschaft im Allgemeinen. Am Beispiel der Psychologie sieht man ja auch, dass zu den drängenden gesellschaftlichen Problemen (”Große gesellschaftliche Herausforderungen“) kaum Äußerungen prominenter Wissenschaftler zu hören sind. Sind wir alle wieder im Elfenbeinturm versammelt? Das Schweigen der Wissenschaftler ist laut und deutlich zu hören.

Verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen ist schwierig - vielleicht können wir in kleinen Schritten unsere Nützlichkeit für die Gesellschaft, die uns ja alimentiert, aufzeigen? Um es mit einem Statement von Dietrich Dörner zu sagen: Man darf nicht immer nur behaupten fliegen zu können - ab und zu muß man auch mal einen Gleitflug demonstrieren.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat das Wort “postfaktisch” zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Welche Art von Auszeichnung ist das? Ich wäre froh, wenn wir wieder zu einer fakten-orientierten Gesellschaft und einer fakten-orientierten Politik zurückkehren könnten. Dort hat Wissenschaft ihren Platz. Das Programm der Aufklärung, das vor gut 300 Jahren begann, ist noch nicht zu Ende - ganz im Gegenteil brauchen wir verstärkte Anstrengungen, um die Ideale der Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit auch in diesen stürmischen Zeiten hochzuhalten.

Der Philosoph Karl Jaspers (einer der Neubegründer der Universität Heidelberg nach dem Ende des 2. Weltkriegs) hat in seinem 1946 erschienenen Buch “Die Idee der Universität” (Heidelberg: Springer) die Aufgabe der Universität sehr ergreifend als “bedingungslose Wahrheitssuche” auf S. 9 wie folgt beschrieben:

“]Wikipedia]

Karl Jaspers (1946) [Quelle: Wikipedia

“Die Universität hat die Aufgabe, die Wahrheit in der Gemeinschaft von Forschern und Schülern zu suchen. Sie ist eine Korporation mit Selbstverwaltung, ob sie nun die Mittel ihres Daseins durch Stiftungen, durch alten Besitz, durch den Staat, und ob sie ihre öffentliche Autorisierung durch päpstliche Bullen, kaiserliche Stiftungsbriefe oder landesstaatliche Akte hat. Unter allen diesen Bedingungen kann sie ihr Eigenleben unabhängig vollziehen, weil die Begründer der Universität dieses wollen oder solange sie es dulden. Sie hat ihr Eigenleben, das der Staat frei läßt, aus der unvergänglichen Idee, einer Idee übernationalen, weltweiten Charakters wie die der Kirche. Sie beansprucht und ihr wird gewährt die Freiheit der Lehre. Das heißt, sie soll die Wahrheit lehren unabhängig von Wünschen und Weisungen, die sie von außen oder von innen beschränken möchten.

Die Universität ist eine Schule, aber eine einzigartige Schule. An ihr soll nicht nur unterrichtet werden, sondern der Schüler an der Forschung teilnehmen und dadurch zu einer sein Leben bestimmenden wissenschaftlichen Bildung kommen. Die Schüler sind der Idee nach selbständige, selbstverantwortliche, ihren Lehrern kritisch folgende Denker. Sie haben die Freiheit des Lernens.

Die Universität ist die Stätte, an der Gesellschaft und Staat das hellste Bewußtsein des Zeitalters sich entfalten lassen. Dort dürfen als Lehrer und Schüler Menschen zusammenkommen, die hier nur den Beruf haben, Wahrheit zu ergreifen. Denn daß irgendwo bedingungslose Wahrheitsforschung stattfinde, ist ein Anspruch des Menschen als Menschen.”

Diesem hohen Anspruch sollten wir in einer postfaktischen Kultur uneingeschränkt folgen - mal abgesehen davon, dass wir uns unsere Kultur nicht von zynischen Politikern vorschreiben lassen sollten.

Gastbeitrag “Warum Big Data keine psychologische Bombe ist”

Gastbeitrag von Dr. Max Vetter, Berlin

„Das Magazin“, eine Schweizer Wochenzeitung, schreibt in seiner Dezemberausgabe über den Psychologen Michal Kosinski, er habe eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren (https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/). Damit, so die Behauptung der Autoren, habe er Donald Trump zum Wahlsieg und Ted Cruz zur Aufholjagd im Vorwahlkampf verholfen. Rechtspopulisten aus ganz Europa und auch die deutsche AfD stünden nun bereits Schlange.

https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

Aktuelles Titelblatt "Das Magazin"

Keine verheißungsvolle Schlagzeile und eine, die für das Image von Psychologinnen und Psychologen eine Reihe negativer Implikationen haben könnte. In der Tat hat Kosinski in etlichen Publikationen Modelle publiziert, in denen er mit Hilfe von online hinterlassenen Spuren wie Facebook Likes verschiedene Variablen wie Geschlecht, sexuelle Orientierung oder die Big Five vorhersagen konnte (z.B. Kosinksi, Stillwell & Graepel, 2013; Kosinski, Bachrach, Kohli, Stillwell & Graepel, 2014; Youyou, Kosinski & Stillwell, 2015).

Aus dem Artikel in „Das Magazin“ mit dem plakativen Titel „Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt“, der also den Vergleich mit der Entwicklung der Atombombe bemüht und einen Psychologen als modernen Bombenbauer präsentiert, ergeben sich aus meiner Sicht zwei Kernfragen:

  1. Sind da tatsächlich Psychologen dabei, eine mediale Atombombe zu entwickeln, die in der Konsequenz dazu führt, dass sie demokratische Wahlen entscheidet oder bereits entschieden hat?
  2. Wenn sich aus digital hinterlassenen Spuren bereits jetzt vergleichbar akkurate Vorhersagen menschlichen Verhaltens bzw. Rückschlüsse auf latente Konstrukte wie Persönlichkeitsvariablen schließen lassen, wozu braucht es dann eigentlich noch die Persönlichkeitspsychologie und mit ihr die Entwicklung von Testverfahren und Methoden? Brauchen wir also Big Data statt Big Five?

Frage 1 ist sicherlich die politischere, aber zugleich aus meiner Sicht vorerst gänzlich unpolitisch mit psychologischer Methodenlehre zu beantworten. Was abstrakt klingt ist eigentlich eine sehr simple Lektion: Korrelation ist nicht gleichbedeutend mit Kausalität. Mit anderen Worten: Die zeitlich sequenzierte Abfolge plausibel klingender Ereignisse erlaubt noch keinen Rückschluss über deren kausalen Zusammenhang. Im vorliegenden Fall bedeutet das:

a)    Donald Trump mag im Wahlkampf statistische Modelle zur Vorhersage einzelner oder mehrerer Traits bzw. sozio-demographischer Variablen aus online hinterlassenen Spuren genutzt haben.
b)    Er mag daraufhin personalisierte Wahlwerbung platziert haben. Das ist strategisch klug und könnte personalisierte Persuasion genannt werden.
c)    Er hat die US-Wahl gewonnen.

Aus a und b folgt jedoch nicht zwingend c. Wir wissen nicht, was letztlich den Ausschlag für seinen Wahlsieg gegeben hat. Es gab keine Kontrollgruppe. Auch der naheliegende Vergleich zu Hillary Clinton, der in „Das Magazin“ bemüht wird, scheidet wegen zu vieler nicht kontrollierter Störfaktoren aus. Die Schlussfolgerung erscheint mir daher zu voreilig, gefährlich daran ist, dass sie so schlüssig daher kommt. Nun gibt es in den Medien und vereinzelt auch in der Psychologie („end with a bang, not a whimper“; Bem, 1987, S. 14) die Tendenz, Kausalitäten herzustellen, um eine schlüssige Geschichte zu erzählen. Und in der Tat, der Artikel in „Das Magazin“ drängt der Leserin oder dem Leser diesen Schluss förmlich auf. Das aber halte ich für einen Fehlschluss; einen für den portraitierten Psychologen schmeichelhaften zwar (denn ist jemand, der dem mächtigsten Mann der Welt ins Amt verhilft nicht eigentlich der mächtigste Mann der Welt?), aber einer, der höchstens für eine zu testende Hypothese taugt – nicht für eine Schlussfolgerung.

Frage 2 stellt gewissermaßen die Daseinsberechtigung psychologischer Methoden wie der rationalen Fragebogen- oder Testkonstruktion in Frage. Psychometrisch gedacht lassen sich unterschiedliche Methoden der Testentwicklung unterscheiden: Die rational-deduktive Methode leitet Items (oder Fragen) von einem zuvor definierten Konstrukt ab, die im zweiten Schritt empirisch geprüft und selektiert werden können. Die Frage „Wie stehen Sie zu einer Flüchtlingsobergrenze?“ könnte so zu einem Item für das Konstrukt „Rechtspopulismus“ werden. Anders geht die external-empirische Methode vor, die rein empirisch selektiert, welche Items eine Merkmalsausprägung besonders gut anzeigen bzw. besonders gut zwischen zwei Gruppen trennen. Falls also gelbe Haare besonders prädiktiv für Rechtspopulismus wären, würde in diesem Falle „Haarfarbe“ zum Prädiktor für Rechtspopulismus.

Im Falle der Kosinski’schen Facebook-Like-Analyse (und in weiten Teilen der Anwendung von Big Data) kommt also die zweite Methode zum Einsatz. Dass dies durchaus erfolgreich sein kann, zeigen die Modelle und Publikationen von Kosinski, deren Wert ich hier nicht schmälern möchte. Was aber ist nun der Mehrwert rational-deduktiver psychologischer Herangehensweisen (und Mehrwert beziehe ich hier nicht nur auf wissenschaftlichen Mehrwert, sondern auch auf gesellschaftlichen)? Diese Methode baut auf einer Theorie auf. Theorien besitzen mindestens zwei klare Vorteile: Sie lassen sich prüfen und sie ermöglichen einen Erkenntnisüberschuss über das direkt Beobachtbare hinaus. Sie bilden sozusagen ein Netz aus Erkenntnissen, das auch dann trägt, wenn nicht jeder einzelne Faden des Netzes bekannt ist. Was aber lernen wir daraus, dass gelbe Haare und Rechtspopulismus zusammenhängen? Psychologie sollte letztlich mehr sein als Wetter- oder Wahlvorhersage und eben nicht nur genau vorhersagen, sondern auch genau erklären können. Daraus, warum unterschiedliche Vorlieben, Willensäußerungen oder weniger offensichtliche Handlungen (online wie offline) offenbar mit einer besonderen Empfänglichkeit für simplifizierende Erklärungen oder populistische Thesen zusammenhängen, könnten wir (und die Politik) lernen, wie Populismus inhaltlich begegnet werden kann. Darüber aber geben Kosinskis Modelle oder deren Anwendung durch Donald Trumps Wahlkampfteam keine Auskünfte.

Schließlich übt die Vorhersage aus virtuellen Spuren eine für mich nicht ganz nachvollziehbare Faszination aus. Zur Erinnerung: Die Wahrscheinlichkeit, das Geschlecht einer fremden Person durch Raten korrekt vorherzusagen beträgt ziemlich genau 50%. Kosinski steigert diese Wahrscheinlichkeit in einem Modell durch die Verwendung von 300 Likes auf 93% (die Präzision steigt zwar nicht perfekt linear aber dennoch annähernd). Ich wage zu behaupten, dass fast jeder Psychologie Bachelorabsolvent und jede Absolventin in der Lage ist, diese Präzision mit deutlich weniger Fragen (ich wage sogar die Behauptung, mit maximal zehn) zu erreichen. Ist das also die künstliche Intelligenz, vor der wir uns fürchten? Unter diesen Umständen fürchte ich mich allerdings mehr vor der humanoiden psychologischen Intelligenz.

Das für mich Faszinierende sind nicht die Big Data Modelle und deren Vorhersagen, sondern die massenhafte Verfügbarkeit von Antworten auf relativ standardisiert gestellte Fragen im Netz, ein riesiger Stimulustest quasi. Statt mit „thin slices“ (Ambady & Rosenthal, 1992) haben wir es hier wohl eher mit dicken Scheiben zu tun. Das Neue, und dafür sensibilisiert „Das Magazin“ zu Recht, ist Folgendes: In psychologischen Studien holen wir uns die explizite Zustimmung zur Datensammlung für einen bestimmten Zweck („informed consent“) und garantieren eine nicht Rückführbarkeit auf die einzelne Person. Wenn bislang diagnostische Verfahren eingesetzt wurden, geschah dies in der Regel sehr transparent (Screening Verfahren, Intelligenztests, Assessment Center, Anamnesegespräche) und daher bestand auch kein Grund zu der häufig geäußerten Sorge, jederzeit und ohne es zu bemerken von Psychologinnen und Psychologen „analysiert“ zu werden. Das ändert sich gerade. Eine Nutzung dieser Daten hat sicherlich viele Vorteile – auch außerhalb des US-Wahlkampfes –wirft aber etliche ethische Fragen auf. Nicht alle sind aber so neu, wie es ihr digitales Gewand verheißt: Wählergruppen gezielt zu ignorieren etwa, weil deren Status als Nichtwähler bekannt ist, dürfte auch für deutsche Politikerinnen und Politikern keine ganz neue Strategie sein. Sie mag durch neue Daten zielgenauer werden, überhaupt erst möglich wird sie dadurch jedoch nicht. Und in der Konsequenz ist sie jetzt so verwerflich wie eh und je. Statt also durch statistische Modelle niedrig hängende „Wählerfrüchte“ zu ernten (bzw. die hoch hängenden gezielt zu ignorieren), sollte die Diskussion endlich stärker dahingehend geführt werden, wie wir an diesen Stellen mehr verstehen können. Dabei wird die eine oder andere psychologische Theorie langfristig hilfreich sein, Big Data als Methodik meinetwegen auch.

Zum Nachlesen:

Ambady, N., & Rosenthal, R. (1992). Thin slices of expressive behavior as predictors of interpersonal consequences: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 111, 256–274.

Bem, D. J. (1987). Writing the empirical journal article. In Darley, J. M., Zanna, M. P., & Roediger III, H. L. (Eds) (2002), The Compleat Academic: A Career Guide. Washington, DC: American Psychological Association.

Kosinski, M., Stillwell, D., & Graepel, T. (2013). Private traits and attributes are predictable from digital records of human behavior. Proceedings of the National Academy of Sciences, 110(15), 5802-5805.

Kosinski, M., Bachrach, Y., Kohli, P., Stillwell, D., & Graepel, T. (2014). Manifestations of user personality in website choice and behaviour on online social networks. Machine Learning, 95, 357-380.

Youyou, W., Kosinski, M., & Stillwell, D. (2015). Computer-based personality judgments are more accurate than those made by humans. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 112, 1036–1040.

Über den Autor: Dr. Max Vetter hat in Heidelberg Psychologie studiert und dort auch zum Thema Entscheidungsarchitekturen zur Förderung nachhaltigen Verhaltens promoviert. Aktuell arbeitet er als Politikberater für Verbraucherpolitik bei ConPolicy (http://www.conpolicy.de/institut/dr-max-vetter/) in Berlin.

Nachtrag JF 10.12.16: Es gibt noch ein paar weitere Links zum Thema:

Big Data allein entscheidet keine Wahl:
http://www.zeit.de/digital/internet/2016-12/us-wahl-donald-trump-facebook-big-data-cambridge-analytica/komplettansicht

Können Facebook-Likes wirklich Wahlen entscheiden:
http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Wissenschaft/d/9529238/koennen-facebook-likes-wirklich-wahlen-entscheiden-.html

Wie unser Technik-Aberglaube allen schadet: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/magischer-digitalismus-wie-unser-technik-aberglaube-uns-allen-schadet-a-1124836.html

Datenpsychologe Kosinski: https://www.welt.de/wissenschaft/article160088355/Je-weniger-Likes-desto-leichter-durchschaubar.html

Masterfeier 2016 in der Alten Aula

Zusammen mit Dr. Herbert Wettig habe ich im Jahr 1999 die “Alumni Psychologici” als erste eigenständige Sektion der “Gesellschaft der Freunde” gegründet (heute hat sich die Zahl der Sektionen deutlich vergrößert). Und schon im Jahr 2000 fand mit Unterstützung des Kollegen Manfred Amelang die erste Absolventenfeier am Psychologischen Institut im Hörsaal 2 statt. Damit wurde eine Tradition begründet, die bis heute anhält und neben den wiederkehrenden, ritualisierten Elementen (wie z.B. feierliche Zeugnisübergabe) auch immer wieder Neuerungen enthält. Ein erst kürzlich eingeführtes Element, nämlich das Tragen von Talaren (übrigens: keiner muss das tragen, aber fast alle wollen das gerne!), hat sich gut bewährt!

Die Masterfeier 2016, die am 2.12.2016 stattfand, hatte eine räumliche Neuerung: Zum allerersten Mal fand diese Veranstaltung in der Alten Aula, der “guten Stube” der Universität, statt (ein wunderschöner Band über die Alte Aula kann übrigens kostenlos als PDF bei Heidelberg University Publishing heruntergeladen werden). Welch ein schönes Ambiente für die Abschlussfeier! Unser Geschäftsführender Direktor Prof. Dr. Hans-Werner Wahl wies in seiner Begrüßungsrede darauf hin, dass die Psychologie in Heidelberg seit langem zu den Top-Instituten der BRD gehört und sich auch in der Qualität unserer Studierenden spiegele. In der Sprache der Winzer sprach er von einem “guten Gewächs 2016″.

Im Rahmen der Feierstunde wurde erneut der Franz E. Weinert-Preis für die beste Abschlußarbeit 2016 vergeben. Die Preisträgerin Anne-Louise Göhring erhielt für ihre Masterarbeit über die Wirkung von Metaphern in der politischen Sprache (Betreuer: Prof. Dr. Ursula Christmann und Prof. Dr. Norbert Groeben) die Urkunde aus der Hand des Kommissionsvorsitzenden Prof. Dr. Dirk Hagemann. Aufmerksamen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wird der Name Anne-Louise Göhring schon begegnet sein: ich habe erst vor kurzem über ihre gemeinsam mit Frau Prof. Dr. Ursula Christmann verfasste Nature-Publikation geschrieben.

Die Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs 2016 erhielten dann aus der Hand des Prüfungsausschuss-Vorsitzenden Prof. Dr. Oliver Schilling ihre Urkunden. Der tradionelle, angezählte “Hütewurf” schloß diesen Teil des Abends (das “Kerngeschäft”, wie es von Oliver benannt wurde) mit großem “Yippie Yeah” ab.

Schließlich durfte ich selbst wieder ein paar Schlußworte sprechen, emotional unterstützt von unserer Großsponsorin Anne-Marie De Jonghe, bevor es dann in der “Bel Etage” des Rektors mit Brot und Wasser (und noch Edlerem!) zu einem lebendigen Ausklang kam. Ich bin mit manchen Eltern ins Gespräch gekommen und habe mich gefreut, wie stolz sie auf ihre “Gewächse” waren - zu Recht!

Feierlich umrahmt wurde die Veranstaltung am Steinway-Flügel von unserer Master-Studentin Julia Geller, die insgesamt drei wunderschöne Stücke spielte (Robert Schumann: Waldszenen, Op. 82; Franz Schubert: Impromptu in Ges-dur, D899; Wolfgang A. Mozart: Rondo in D-dur, K485) und die volle Aula in nachdenklich-freudige Stimmung versetzte. Klasse! Herzlichen Dank dafür!

Noch eine Neuerung: Im Vorraum der Aula stand zum ersten Mal eine “Foto-Box“, mit der alle Teilnehmenden Fotos von sich machen konnten. Mal sehen, wie sich das bewährt!

Ein großes “Danke-schön” an das Orga-Team in Person von Christiane Fauth, Ute Lorenz und - ganz wesentlich! -  meiner Sekretärin Edith von Wenserski; auch Anja Schilling als Sekretärin des GD, Michael Brünnich vom Prüfungsamt, Hausmeister Reiner Meßner und verschiedene Hilfskräfte haben mitgeholfen, dass die Veranstaltung am Ende so laufen konnte, wie sie denn stattfand. Und das trotz schwieriger Randbedingungen: es musste das gesamte Equipment und Catering vom PI in die Aula gebracht werden; der Weihnachtsmarkt vor der Eingangstüre machte den Transport nicht einfacher…

Insgesamt eine tolle Feier! Die Zeiten, in denen Abschlußurkunden nüchtern per Post zugestellt wurden, sind definitiv vorbei! Gemeinsam mit Eltern und Dozierenden feiern die Absolventinnen und Absolventen das Ende eines wichtigen Lebensabschnitts! Das ist gut so! Auch wenn die Zukunft viele Ungewißheiten enthält: dankbar zu sein für das bis jetzt Erreichte und sich darüber zu freuen, dass man es bis hierhin geschafft hat, ist klug und weise! Das hat für mich nichts mit “Amerikanisierung” des Hochschulbetriebs zu tun , sondern ist ein Akt der Würde und Menschlichkeit! Schön, dass ich das mit so vielen Menschen um mich herum teilen kann!

Ruprecht-Karls-Preise 2016

Gestern nachmittag wurden in einer feierlichen Zeremonie in der Alten Aula der Universität in Anwesenheit des Rektors und zahlreicher prominenter Gäste ausgezeichnete Dissertationen unserer Universität mit dem Ruprecht-Karls-Preis (RKP) geehrt, der von der Stiftung Universität seit 1990 jährlich vergeben wird. Ausgezeichnet wurden dieses Jahr vom Vorsitzenden der Stiftung, Dr. Karl Hahn, die wissenschaftlichen Arbeiten von Dr. Susanne Bach (Germanistik), Dr. Kristina Meyer (Physik), Dr. Lutz Ohlendorf (Rechtswissenschaften), Dr. Ricarda Stegmann (Religionswissenschaften) und Dr. Christian Thome (Biowissenschaften). Ausserdem wurde in Anwesenheit von Mitgliedern der Stifter-Familie der Umweltpreis der Viktor und Sigrid Dulger Stiftung vom Rektor unserer Universität, Prof. Dr. Bernhard Eitel, an Dr. Marlon Barbehön (Politische Wissenschaft) verliehen.

Preisträger mit Rektor Bernhard Eitel, Jury-Vorsitzendem Paul Kirchhof und Stiftungs-Vorsitzendem Karl Hahn im Kaminzimmer (Foto: JF)

Die Laudatio auf die ausgewählten Dissertationen hielt zum 26. Mal (!) Prof. Dr. Paul Kirchhof, der als Vorsitzender der Jury über den Auswahlprozeß und die Entscheidungskriterien berichtete. Das wichtigste war jedoch sein Bericht über die Preisträger-Arbeiten selbst: in seiner unnachahmlichen Weise brach er die höchst komplizierten Fachinhalte der Dissertationen auf ein für alle Anwesenden nachvollziehbares Niveau herunter und führte damit das Prinzip verständlicher Wissenschaft vor. Die neuen Erkenntnisse der ausagezeichneten Dissertationen wurden auf anschauliche Weise deutlich gemacht.

Als Festredner konnten wir einen der früheren Preisträger und ein jetziges Vorstandsmitglied der Stiftung, Dr. Thorsten Helm, gewinnen. In höchst erbaulicher und amüsanter Weise ging er der Frage nach, welche Bedeutung derartige Wissenschaftspreise haben. Unter dem Titel „Preise in der Wissenschaft: Individuelle Anerkennung und Gemeinwohlimpuls” beleuchtete er kurz und prägnant von allen Seiten das Thema und brachte die Zuhörenden immer wieder zum Lachen. Lieber Thorsten: danke, daß Du auch die Psychologie miteinbezogen hast!

Auf dem anschließenden Empfang in der Bel Etage des Rektors waren sich alle einig: eine schöne Veranstaltung! Toll, dass es so viele Menschen gibt, die uns ideell und finanziell unterstützen und damit so tolle Aktivitäten ermöglichen! Wir freuen uns auch über kleinere Zuwendungen!

Hier die Pressemitteilung zum RKP 2016.

Präsident für alle Amerikaner?

Normalerweise äußere ich mich hier im HeiPI-Blog nicht zu tagespolitischen Themen. Dennoch scheint mir - nachdem der erste Schock über das amerikanische Wahlergebnis mit dem Wahlsieg von Donald Trump verdaut ist - eine Reflexion aus der Sicht eines Psychologen zulässig, ja nötig. Mal abgesehen davon, dass ich eben eine Rundmail von der weltweit größten Psychologenorganisation (der “American Psychological Association”, APA; nicht zu verwechseln mit der “American Psychiatric Association”, auch APA genannt) erhalten habe, in der die Präsidentin Susan McDaniel und zwei ihrer Vorstandskollegen die AP-Mitglieder vor Spaltung warnen und zur Einheit aufrufen.

Der zu Ende gegangene amerikanische Wahlkampf hat nie zuvor Dagewesenes hervorgebracht: respektlose Beleidigungen von Minderheiten, sexistische Bemerkungen, das angedrohte Nichtanerkennen eines möglichen Wahlverlusts, bis hin zur Forderung Trumps, seine Gegnerin Hillary Clinton ins Gefängnis zu bringen. Alles nur Wahlkampfgetöse? Was kann nach soviel zerschlagenem Porzellan noch gekittet werden? Wie ist ein Aufeinanderzugehen politischer Gegner nach sovielen Verletzungen, Schmähungen, Beleidigungen noch möglich? Das ist auch eine psychologische Frage.

Die - ebenfalls attackierte - Bundeskanzlerin hat ihre Gratulation zum Wahlsieg sehr professionell gemacht: Angebot zur Zusammenarbeit auf der Grundlage wichtiger Grundwerte moderner Verfassungen. Mal sehen, ob die Botschaft verstanden wird! Mir hat diese Reaktion Angela Merkels (unabhängig von meinen politischen Präferenzen) sehr gut gefallen! Auch die erste Reaktion der Wahlverliererin Hillary Clinton mit dem Angebot zur Zusammenarbeit ist professionell!  Natürlich fällt das umso schwerer, je tiefer die Gräben vorher gezogen wurden.

Eine andere interessante Baustelle ist die Wahlforschung. Ihr Versagen auf ganzer Linie zeigt Probleme sozialwissenschaftlicher Methoden. Telefonumfragen liefern offensichtlich kein “wahres” Abbild der Verhältnisse. Die Verzerrungen, die dadurch entstehen, dass man (aus welchen Gründen auch immer) am Telefon oder an der Haustür nicht offen für seine Meinung einsteht, sondern sich erst in der geschützten Wahlkabine mit seinem Kreuz zu erkennen gibt, haben Wahlforscher unterschätzt. Hier sind psychologische Forschungsergebnisse über den begrenzten Wert von Selbstauskünften und den Bedingungen, unter denen Aussagen glaubwürdig sind, zu rezipieren und zu vertiefen.

Als Problemlöseforscher sehe ich der neuen Situation mit viel Interesse entgegen! Der Umgang mit Unsicherheit wird gefordert (Aussenminister Steinmeier glaubt, dass Aussenpolitik “unberechenbarer” wird), die Komplexität wird ansteigen, Probleme werden wachsen. Zugleich will Trump selbst natürlich viele Probleme lösen und steht unter großem Erwartungsdruck. Mal sehen, wie die erforderliche Komplexitätsreduktion ausfallen wird. Braucht postfaktische Politik überhaupt Ergebnisse? Eine tolle Zeit für die Politische Psychologie, die es bei uns allerdings nicht an vielen Standorten gibt. Hier ist eine Stellungnahme von Siegfried Preiser.

Und natürlich bin ich gespannt, welche Vorbildeffekte die US-Wahl auf die Bundestagswahl in der BRD 2017 hat: ob wir hier ähnliche Attacken registrieren müssen wie in den USA? Noch sind wir Zuschauer, bald schon selbst Betroffene. Auch bei uns gibt es sicher viele, die sich von der politischen Elite nicht mehr vertreten fühlen und zum Protestwähler werden gegen “die da oben”. Folgen der Globalisierung? Gefühlter (oder sogar realer) Verlust an Einflußmöglichkeiten? Angst vor ungewisser Zukunft?

Nur am Rand sei erwähnt: eine Reihe linksintellektueller Amerikaner denken darüber nach, das Land zu verlassen. Der Server der Kanadischen Einwanderungsbehörde soll nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses unter der Last der Anfragen zusammengebrochen sein. Auch bei mir ist schon eine Anfrage eines amerikanischen Kollegen nach den Möglichkeiten hier bei uns am Institut zu arbeiten eingetroffen. Nach Syrien, Türkei, Brexit nun also auch Trump-Flüchtlinge an den Hochschulen? Wir werden sehen.

Präsident aller Amerikaner ist Donald Trump definitiv nicht - ob er Präsident für alle Amerikaner sein wird, muss sich zeigen. Die Wandlung vom hetzenden Spalter zum versöhnenden Einheitsstifter stellt einen psychologischen Entwicklungsprozeß dar, den ich mir nicht vorstellen kann. Aufbauend auf psychologischen Erkenntnissen würde ich sagen: Nicht in kurzer Zeit und nicht mehr in diesem Lebensalter. Aber vielleicht sollte ich mehr Bescheidenheit in meinen Prognosen an den Tag legen - das Wahlergebnis konnte ich mir auch schon nicht vorstellen. Die Welt braucht offensichtlich mehr Phantasie neben einem Mehr an Werten wie Menschlichkeit, Toleranz, Achtung, Respekt, Würde, Anstand - um ein paar altbackene Konzepte ins Spiel zu bringen. Vielleicht müssen wir uns auch als Psychologen mehr einmischen, unsere Funktion in der Gesellschaft nochmals überdenken?

PS: Ab und an treffen wir uns mit Freunden in Kallstadt, dem Herkunftsort der Trumps, zum Weinkauf und zum Abendessen. Mal sehen, ob da Begeisterung über den triumphalen Erfolg eines Pfälzer Abkömmlings zu spüren ist. Den (ethnografischen) Film “Kings of Kallstadt” fanden wir jedenfalls witzig!