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150 Jahre Charles Darwin: Evolutionslehre

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Charles Darwin im Alter von 51 (Bildquelle: Wikipedia)

Am 24.2.1871 wurde das Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ (Originaltitel: „The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex“) von Charles Darwin (1809-1882) veröffentlicht. Darin wurden die gemeinsamen Wurzeln von Menschen und Affen beschrieben. Als die Frau des Bishofs von Worcester davon erfuhr, soll sie der Legende nach gesagt haben: “Let us hope it is not true, but if it is, let us pray that it will not become generally known!”.

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Die erste Skizze (1837) eines Stammbaums des Lebens, "I think" (Bildquelle: Wikipedia).

Tatsächlich hat sich Darwins Evolutionstheorie in Kreisen der Wissenschaft durchgesetzt, auch wenn in den USA angeblich 40% der Bevölkerung daran zweifeln sollen und lieber an den Kreationismus glauben, wonach Gott die Welt vor einigen tausend Jahren geschaffen hat. Da in einigen Staaten der USA die Evolutionstheorie nicht unterrichtet werden darf (bzw. die Lehre vom “Intelligent Design” als gleichberechtigte Alternativtheorie zu Darwins Vorstellungen im Lehrplan der Schulen vorgeschrieben ist!), wundert ein derartiger Befund nicht. Wie schön, dass wir in Deutschland freie Wissenschaft haben und über Darwins Ideen sprechen können, ohne Gefängnis befürchten zu müssen.

Für die Psychologie hatte das Werk von Charles Darwin, dessen Erstveröffentlichung ja bereits 1859 mit dem Buch „On the origin of species“ erfolgte, zunächst kaum Bedeutung, obwohl der Schlusssatz des 1859-Buches lautete “Psychology will be based on a new foundation“. Das wurde damals wohl nicht verstanden, unter anderem deswegen, weil der Behaviorismus im beginnenden 20 Jh. so verbreitet war.

Erst im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts hat sich dies fundamental geändert: Das Aufkommen einer evolutionären Psychologie, das von Edward Wilsons “Sociobiology” sowie von den Kognitionspsychologen Leda Cosmides und John Tooby massgeblich beeinflusst wurde (siehe Barkow, J. H., Cosmides, L., & Tooby, J. (Eds.). (1992). The adapted mind: Evolutionary psychology and the generation of culture. Oxford University Press) und im Lehrbuch von David Buss “Evolutionary Psychology” kulminierte (1999 erstmals erschienen, in 5. Auflage 2014; Untertitel bis heute: “The new science of the mind”; siehe auch den englischen Wikipedia-Eintrag “Evolutionary Psychology“), prägt unser Fach bis heute, wenngleich der anfängliche “Hype” etwas nachgelassen hat (war der fast zeitgleiche Hype um die Neuropsychologie daran schuld?).

Bis heute sind evolutionspsychologische Konzepte in vielen Kontexten interessant, sei es in der Forschung zu Eifersucht (Frauen reagieren z.B. eher auf emotionale Untreue, während Männer eher auf sexuelle Untreue reagieren), sei es in der kognitiven Psychologie (der “Betrüger-Entdeck-Mechanismus” hilft z.B. bei der Logik der Selection Task von Peter Wason), sei es im klinischen Bereich von Angststörungen (es gibt z.B. weitaus mehr Patienten mit Angst vor Spinnen als mit Angst vor Autos). Cosmides und Tooby waren sich einig: “Our modern skulls house a Stone Age mind.” Die Evolution des Lebens kommt nicht auf Augenhöhe der rasanten Entwicklung unserer Welt hinterher.

Charles Darwin: Die von ihm beschriebenen Mechanismen der Variation und Selektion beschreiben grundlegende Merkmale schöpferischer Prozesse. In der Kreativitätstechnik des “brain storming” (von John Osborn 1939 erstmalig beschrieben) werden zunächst wilde Ideen erzeugt (”Varianten”), bevor dann der kritische Blick die besten Ideen herausfiltert (”Selektion”) und überleben lässt. Die Evolutionslehre beschreibt nichts anderes als kreative Prozesse, gesteuert vom Zensor des Überlebensvorteils. Danke, Charles Darwin, für dieses universelle Prinzip!

HCE: Holpriger Neustart

Im Jahr 2011 wurde von engagierten Kolleginnen und Kollegen das “Heidelberg Center for the Environment” (HCE) gegründet, um die vorhandenen Kompetenzen im Bereich der Umweltforschung zu bündeln. Wie toll, das Thema “Umwelt” an einer Volluniversität wie der Uni Heidelberg breit anzugehen, ein Thema, das die Menschheit beschäftigt und viele junge Menschen (wie z.B. “Fridays for Future“) auf die Strassen bringt. Auch die Wissenschaft engagiert sich erkennbar für dieses Thema (”Scientists for Future“). Dass bereits 2011 unsere Uni hier die Vorreiter-Rolle übernehmen wollte: Was für eine grossartige Idee (ich bin als persönliches Mitglied dem HCE beigetreten)! Und wie schade, dass daraus nicht allzuviel geworden ist…(natürlich danke an Sanam Vardag und Max Jungmann für die tolle Arbeit im Hintergrund!). Immerhin könnte (ironischerweise?) das Format der “Heidelberger Brücke” erhalten bleiben. Im letzten Jahr war das HCE beinah führungslos nach dem Rücktritt des damaligen Direktoriums im Frühjahr 2020. Dazu später mehr.

Erst mal eine gute Nachricht: Das HCE hat ab sofort wieder ein Direktorium! Thomas Rausch als neuer Direktor sowie Jale Tosun und André Butz als seine Stellvertreter haben bei der gerade im Januar 2021 vollzogenen Neuwahl die erforderliche einfache Mehrheit an Stimmen erzielt (71 Mitglieder verzeichnet das HCE derzeit, mindestens die Hälfte davon, also 36 Stimmen, waren nötig, um gewählt zu werden). Gratulation! (Nachtrag 12.2.2021: Am Freitag, den 5.2.2021, hat der Rektor die Ernennungen ausgesprochen - erst jetzt kann es losgehen!)

Die schlechte Nachricht: Von den vier Kandidaten für das “Erweiterte Direktorium” (je ein Vertreter für jedes der vier Fields of Focus, FoF) haben drei das nötige Quorum nicht erreicht, nur Oliver Friedrich als Vertreter des Field of Focus 2 (FoF2) hat mit 39 Stimmen die Hürde genommen. Die vorgeschlagenen Vertreter für FoF1 (Marcus Koch), FoF3 (Olaf Bubenzer) und FoF4 (Timo Goeschl) verfehlten dagegen die einfache Mehrheit knapp. Warum? Nun: es wurden insgesamt nur 41 Stimmzettel in der auf 3 Wochen verlängerten Wahlperiode abgegeben (nach 14 Tagen, also dem ersten “offiziellen” Ende der Wahlperiode, waren es nur 34 Mitglieder, die abgestimmt hatten, also weniger als 50% der Mitglieder…). Dabei war die Dringlichkeit eines starken Mandats für die neue Spitze klar angesagt worden. (Nachtrag 16.2.2021: Zum Demokratie-Verständnis des neu gewählten Direktoriums nur so viel (Auszug aus einer Rundmail vom 12.2.2021): “Um zu vermeiden, dass HCE-Mitglieder, die derzeit ihre Schwerpunkte nicht oder nicht mehr am HCE sehen, bzw. zum jetzigen Zeitpunkt in anderen Aktivitäten gebunden sind, durch ihre (möglicherweise gut begründete) Zurückhaltung die weitere Entwicklung des HCE blockieren, haben wir mit der Rechtsabteilung folgendes Prozedere abgesprochen: HCE-Mitglieder können per email den Antrag stellen ihre Mitgliedschaft für 6 Monate ruhen zu lassen (auch ohne Begründung). Nach 6 Monaten wird das Erweiterte Direktorium anfragen, ob weiterhin Interesse an einer aktiven Mitgliedschaft besteht oder nicht. Wir bitten daher zu prüfen, wer von dieser Möglichkeit Gebrauch machen will und erwarten etwaige Anträge auf Ruhen der Mitgliedschaft bis zum 19.2.2021. Wir vertrauen darauf, dass alle HCE-Mitglieder, die davon NICHT Gebrauch machen, sich bei den bevorstehenden Nachwahlen zum Erweiterten Direktorium beteiligen werden.” Was ist das für ein Verfahren!).

Was ist da los? Ich habe ja schon vor knapp einem Jahr in meinem Blog über den Rücktritt des damaligen Direktoriums unter der Leitung von Thomas Meier geschrieben. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit des HCE gibt es eben doch ein paar Unterschiede. Während nach außen hin das HCE immer als ein bedeutender Teil der Exzellenzstrategie dargestellt wurde (eine der drei “interdisziplinären Inkubatoren” bestehend aus (1) Marsilius-Kolleg (MK), (2) Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen (IWR) und (3) HCE), blieb die Unterstützung des HCE (nach innen) immer hinter derjenigen für die beiden anderen Säulen zurück (nach außen wurde das HCE wiederholt groß herausgestellt, z.B. beim Klimaschutz-Aktionsplan des Heidelberger OB). Zum Beispiel die räumliche Unterbringung: Das IWR hat mit dem Mathematikon eine große räumliche Struktur erhalten, das MK hat ebenfalls in den Marsilius-Arkaden eine Heimat gefunden, einzig das HCE blieb eine weitgehend “virtuelle” Struktur. Über finanzielle Ausstattungsunterschiede will ich hier nichts sagen, außer dass die Größenordnung des HCE-Budgets gerade mal einen mittleren 6stelligen Euro-Betrag erreicht (man kann sich vorstellen, was damit zu erreichen ist…).

Viel tiefgreifender als diese Äußerlichkeiten scheinen mir Probleme der inhaltlichen Ausrichtung des HCE zu sein. Man braucht sich nur die handelnden Personen anzusehen: Fast alle kommen sie aus dem Teil “rechts des Neckar” (Uni-Campus INF), “links des Neckar” sind nur wenige Namen zu finden, aus dem Altstadt-Campus niemand (dass das Psychologische Institut auf der Altstadt-Campus-Landkarte nicht benannt wird, sehe ich gerade - reiner Zufall, oder?). Von wegen “bridging” und “Brücke“! Damit ist der angedachte Forschungsverbund im Wesentlichen ein Verbund aus Lebens- und Naturwissenschaften. Die Geistes- und Sozialwissenschaften spielen - zumindest im (erweiterten) Direktorium, aber auch auf der im Anhang zur Satzung befindlichen Liste der persönlichen Mitglieder - keine große Rolle mehr. In meinen Augen ein großer Fehler, wenn Umweltforschung ohne den Menschen gedacht wird! Menschen treten nämlich beim Thema “Umwelt” in mindestens drei Rollen auf: (1) als Verursacher von Umweltveränderungen; (2) als Betroffene von Umweltveränderungen; (3) als change agents bzw. proaktive Gestalter einer nachhaltigen Entwicklung z.B. durch mitigation und adaptation, etwa bei der Bewältigung des Klimawandels - so haben es Lenelis Kruse und ich in einem Beitrag für das in Vorbereitung befindliche “Handbuch Umweltwissenschaften” geschrieben, das vom HCE herausgegeben werden soll (hier zum Preprint).

Auch die Satzung des HCE wurde auf Drängen des Rektorats neu gestaltet (der Senat hat die neue Satzung am 10. November 2020 im Umlaufverfahren verabschiedet). Es gibt nun nur noch “persönliche” Mitglieder (vorher konnten auch ganze Institute Mitglied werden), das Direktorium muss vom Rektorat bestätigt werden (ein Verlust an Autonomie, den ich bedauere!).

Ich bin sehr gespannt, wie es mit dem HCE weitergeht - Umweltforschung findet natürlich auch ausserhalb des HCE statt. Aber es wäre schade, wenn die interdisziplinären Ressourcen, die unsere Volluniversität zu bieten hat, nicht ausgeschöpft würden, und HCE-Forschung im wesentlichen naturwissenschaftliche Forschung bliebe. Ob es gelingt, die Kolleginnen und Kollegen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften wieder ins Boot zu holen, wird die Zukunft zeigen. Vielleicht gelingt es ja, Mittel aus der neuen, seit 1.1.2021 aktiven Klimaschutzstiftung Baden-Württemberg für interdisziplinäre Projektvorhaben einzuwerben? Ich wünsche dem HCE eine gute Zukunft, denn wir brauchen gute interdisziplinäre Umweltforschung aus allen Bereichen der Volluniversität!

Von der Seilbahn zur Ottobahn?

Mobilitätsprobleme gibt es an vielen Orten in der Welt, der individualisierte Autoverkehr nimmt zu und nicht ab, die Strassen werden immer voller, (kostenlose) Parkplätze sind ein rares Gut und werden zunehmend von Anwohnern in Frage gestellt, die sich Lebensraum rückerobern wollen (”wem gehört die Strasse?”). Auch in Heidelberg ist dieses Thema nur allzu bekannt; in der Masterplanung für das Neuenheimer Feld ist das Thema virulent - nicht zuletzt durch die immer wieder als Lösung ins Gespräch gebrachte “5. Neckarquerung” von Wieblingen ins Neuenheimer Feld.

Vor gut vier Jahren, im Juni 2016, habe ich in diesem Blog unter dem Titel “Mobilitätskonzepte für das Neuenheimer Feld” den damaligen Problemstand beschrieben und mich unter anderem für eine damals vom Heidelberger Architekten Nils Herbstrieth vorgeschlage Lösung, den Peoplemover (den “UNIverCITY-Shuttle” - die damalige Webseite führt heute leider ins Leere), stark gemacht, eine Hochbahn also, die oberhalb der Strassen Kabinen zum Transport einsetzt. In den aktuellen Entwürfen zum Masterplan INF hat das Team Ferdinand Heide eine originelle Seilbahnlösung in seinem Konzept vorgesehen (siehe auch den SPD-Beitrag “Seilbahn als 5. Neckarquerung - Illusion oder urbane Zukunft?”)

Nun fand, organisiert vom “Verkehrclub Deutschland” (VCD) und vom Verein “Urban Innovation - Stadt neu denken!” (UI), eine virtuelle Veranstaltung statt, in der ein neues Konzept, die “Ottobahn“, vom Geschäftsführer Marc Schindler visionär vorgestellt und von Albrecht Kern (VCD), Michael Braum (IBA) sowie Nils Herbstrieth (UI) wohlwollend kommentiert wurde.

//ottobahn.de/)

Ottobahn (von der Homepage https://ottobahn.de/)

Bei der Ottobahn handelt es sich um ein radgetriebenes Gondelverkehrssystem, das in rund 5m Höhe den Luftraum über der Strasse nutzt (darunter ein Radweg?), um Kabinen (mit drei Formen je nach Inhalt: (a) 1 Person; (b) Familie, bis 4 Personen; (c) Gepäck, Waren) softwaregesteuert komfortabel von A nach B mit Geschwindigkeiten bis 60 km/h zu transportieren. Der Unterschied zur Seilbahn: jede Kabine ist prinzipiell unabhängig von allen anderen, auf Fernstrecken werden Kabinen zu Verbünden verknüpft. Individualkabinen können in dichter Folge nacheinander fahren und erreichen damit hohe Transportkapazitäten, können aber zugleich sehr individuelle Routen fahren, da die Weichen softwaregesteuert schnell umschalten können. Man bestellt sich “seine” Kabine auf die Minute pünktlich, die letzte Meile wird allerdings - je nach Streckenführung -  ggflls. einem anderen Verkehrsmittel zugewiesen.

Das Konzept (noch gibt es wohl nur Prototypen in Hallen) soll innerhalb von Städten, aber auch zwischen Städten funktionieren (auf Fernstrecken werden Durchschnittsgeschwindigkeiten >200 km/h angestrebt, in Städten Durchschnitte von 50 km/h - zum Vergleich: Strassenbahnen kommen auf 18 km/h, Autos auf 30 km/h). Über die Kosten hieß es nur: deutlich preiswerter als andere Systeme pro Strecken-km. Die Befürchtungen von Anwohnern, dass in ihre Wohnung unzulässig Einblick durch Vorbeifahrende genommen werden könnte, konterte der Hersteller mit dem Hinweis auf Scheiben, die softwaregesteuert von Durchsicht auf Milchglassicht umzustellen sind. Dadurch, dass die Kabinen zum Ein- und Ausstieg auf Erdboden herabgesenkt werden, ist auch ein barrierefreier Betrieb gesichert. Rollstühle wie Fahrräder finden Platz in der geräumigen Kabine, in der WLAN sowie Bildschirm für Entertainment/Arbeit zur Verfügung stehen.

Die RNZ hat in ihrer Ausgabe vom 21.1.2021 über das Konzept ausführlich berichtet unter dem Titel “Künftig in Kapseln durch die Stadt?” (hier zum PDF). Ich bin gespannt, wie diese Idee von der Stadt Heidelberg (Bürgerinnen und Bürger einerseits, Verwaltung andererseits) aufgenommen wird. Mein Leitspruch: Zukunft nicht extrapolieren, sondern imaginieren! Uwe Schneidewind (der neue “grüne” OB der Stadt Wuppertal, der von der CDU unterstützt wird) spricht von der “Kunst der gesellschaftlichen Transformation”. Nur zur Erinnerung: Irgendwann gab es nämlich nicht immer mehr Pferdekutschen, sondern eines Tages waren sie einfach aus dem Straßenbild verschwunden… Disruption nennt man so einen Prozeß! Wie heisst es bei Joseph Schumpeter sinngemäß: Innovationen, die kreative Zerstörung bewirken, sind der Treibsatz für Wohlstandsschübe. Mal sehen, ob hier eine Disruption beginnt oder ob der Aufstand der Bedenkenträger siegt.

PS: noch ein Hochbahn-Ansatz: Bosch “Rope Nutshell” bze. “eRopeWay”, siehe https://www.bosch.com/de/stories/forscherportrait-dr-felix-jaegle/

Gratulation an Florian Kutzner zur Professur

Mit Freude lese ich in den Mitteilungen unseres Dekans, dass PD Dr. Florian Kutzner (Abt. Sozialpsychologie) den Ruf auf die Professur für Wirtschaftspsychologie an der Privatuniversität Schloss Seeburg (im Salzburger Land) erhalten und zum 1.3.2021 angenommen hat!

Lieber Florian: Viel Erfolg am neuen Ort! Ich bin sicher, dass Österreich mit Ihnen einen tollen Lehrer und Forscher an Land gezogen hat! Nach vielen Jahren in Heidelberg wird der Tapetenwechsel sicher frischen Wind bringen! Bin gespannt auf Ihren Bericht über eine Universität, von der ich bislang nichts gehört habe, die aber wegen Ihnen ab sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zieht :-)

20 Jahre Wikipedia

Heute vor 20 Jahren startete das Projekt “Wikipedia” - eines der erfolgreichsten Wissensportale der Neuzeit! Wer meinem Blog folgt, wird immer wieder Links auf WP-Einträge finden. Ich bin von Anfang an ein Fan dieses aufklärerischen Vorhabens von Jimmy Wales gewesen! Was im 18. Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung mit Diderots & D’Alamberts “Encyclopedie” (>70.000 Stichworte) begann, ist heute unvergleichlich voluminöser, internationaler und weniger elitär als das damalige Projekt.

Meine verschiedenen Selbstversuche mit WP haben unterschiedliche Erfahrungen geliefert. Mit dem Stichwort “Ernst-August Dölle” hatte ich mir z.B. keine Freunde gemacht (heute ist es etabliert, damals wurde “humorlos Fiktives gestrichen”), aber auch der Versuch, das Stichwort “Große gesellschaftliche Herausforderungen” zu etablieren (immerhin vom Wissenschaftsrat verwendet), scheiterte an strengen Zensoren (ist heute Teil des WR-Eintrags). Das Stichwort “Komplexes Problem” wurde 2012 im Rahmen eines Seminars angelegt (Danke, Jessica Horn!) und existiert bis heute.

Mein 2016 gestarteter Versuch, gemeinsam mit Jochen Fahrenberg (Freiburg; allein schon unsere Namenskürzel JoFa & JoFu versprachen viel Spass …) das Wissen der Emeritierten zu nutzen (siehe meinen damaligen Blogbeitrag “Wikipedia und Psychologie“), hat leider nicht viel gebracht! Ich muss gestehen: ich habe mich auch nicht besonders engegiert… Ausser dem Kongressbeitrag in Leipzig 2016, der ein positives Echo hatte, und der Vorstellung meiner Ideen im DGPs-Vorstand unter Vorsitz von Andrea Abele-Brehm, die ebenfalls positiv aufgenommen wurden, sowie einem kleinen Aufruf zur Mitarbeit in der “Psychologischen Rundschau” (ich sehe gerade: Die Titelblätter der PR wie auch das Stichwort PR in der WP sind von mir eingefügt worden) ist nicht viel zustandegebracht worden. - Übrigens ist in den USA die APS (Association for Psychological Science) mit einer Wikipedia-Initiative (Link auf APS-Seite) vorbildlich unterwegs, die Qualität englischsprachiger WP-Beiträge zu verbessern und vervollständigen.

Glückwunsch also zu diesem tollen Projekt, das für mich als Informationsquelle nicht mehr wegzudenken ist und das ich im Alltag viel nutze (alle externen Links dieses Beitrags gehen diesmal auf WP-Seiten)!

Socrates in the town hall?

Am 10.1.2021 fand der traditionelle Neujahrsempfang der Grünen in der Halle 02 statt - natürlich online (das Gespräch wurde aufgezeichnet und steht zum Nachhören auf Youtube zur Verfügung)! Unter der Moderation von Dipl.-Psych. Arnd Küppers, einem Alumnus unseres Instituts und früheren Institutsmitarbeiter, fand ein Gespräch zwischen unserer (grünen) Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, der (grünen) Bundestagsabgeordneten Franziska Brantner und - als Ehrengast - dem (grünen) Wuppertaler Oberbürgermeister Uwe Schneidewind statt.

Mich hat vor allem die Person Uwe Schneidewind gelockt, ist er doch über viele Jahre Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie gewesen und hat dieses Amt aufgegeben, um seit dem 1. November 2020 als Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal zu amtieren - und zwar als “Grüner” mit Unterstützung der CDU, obwohl sein Buch “Die große Transformation” (Fischer, 2018) viele Sätze enthält, die Außenstehende wohl eher dem Wuppertaler Philosophen und Unterstützer von Karl Marx, Friedrich Engels, zuschreiben würden.

Die große Transformation: Schneidewind bezeichnet den gesellschaftlichen Wandel als “Kunst” - er spricht von einer “Zukunftskunst, auf der Grundlage einer transformatinen Literacy (d.h. dem Wissen um das Zusammenspiel von technologischen, ökonomischen, institutionellen und kulturellen Dynamiken) aktive Beiträge zur Gestaltung einer am Leitbild der Nachhaltigkeit orientierten Zivilisation zu leisten” (S.41, kursiv). Transformative Literacy: Das bedeutet wohl eine Kompetenz zur Revolution! Er nimmt dabei explizit Bezug auf die “vier Engel” des moralisch-zivilisatorischen Fortschritts, die Steven Pinker in Kapitel 9 seines 2011 erschienenen Buches “The Better Angels of Our Nature” beschreibt: Empathie, Selbstkontrolle, Moralität, Vernunft (übrigens allesamt große Themen der Psychologie!).

Wissenschaft wird als Akteur gesehen, der Möglichkeitsräume aufzeigen soll und Wertpositionen vertritt (häufig verborgen und implizit, etwa in der Unterrichtung der Ökonomie - in der Psychologie z.B. im Rahmen eines verborgenen Menschenbilds, das den Menschen als Maschine begreift). Theresia Bauer hat ihr Konzept der Real-Labore eng an Uwe Schneidewinds Überlegungen angelehnt und fördert seit 2015 in Baden-Württemberg eine Reihe derartiger Projekte.

Schneidewinds “Zukunftskunst”. Damit ist die Fähigkeit gemeint, kulturellen Wandel, kluge Politik, neues Wirtschaften und innovative Technologien miteinander zu verbinden. So werden Energie- und Mobilitätswende, die Ernährungswende oder der nachhaltige Wandel in unseren Städten möglich. Sein Buch ermuntert Politik, Zivilgesellschaft, Unternehmen und jeden einzelnen von uns zu Zukunftskünstlern zu werden. Übrigens hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) bereits im Jahr 2011 in einem Gutachten mit dem Titel “Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation” das Konzept der Großen Transformation stark gemacht, als Antwort auf Große gesellschaftliche Herausforderungen. Das Konzept der Großen Transformation geht auf Karl Polanyi (1944) zurück, der damit die Umwandlungen des Gesellschaftssystems vom 19. in das 20. Jahrhundert (vor allem in England) beschrieben hat. - Den Begriff der “environmental literacy” hat wohl zunächst Roland Scholz (ETH Zürich) verwendet, bevor Lenelis Kruse (Heidelberg) daraus “sustainability literacy” machte und dann Uwe Schneidewind von “transformative literacy” sprach.

In Heidelberg hatte Uwe Schneidewind am 11.4.2018 im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum Masterplanverfahren Neuenheimer Feld einen Impulsvortrag gehalten, über den ich seinerzeit in meinem Blog-Eintrag schrieb:

Der anregende wie provozierende Impulsvortrag wurde von Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des “Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie” gehalten. Unter dem Titel “Horizont 2050+: Nachhaltigkeit, Campus, Städtebau, Mobilität” hat er das Fenster in die Zukunft weit geöffnet und der Stadt Heidelberg nicht nur zu diesem sehr besonderen Beteiligungsverfahren gratuliert, sondern auch die einmaligen Chancen betont, am Beispiel des Neuenheimer Feldes zukunftsweisende Modelle des Zusammenlebens von Stadt und Universität vorzuführen und zu erproben. Eines seiner Kriterien war die “Enkeltauglichkeit”: Was werden unsere Enkelkinder wohl dazu sagen, dass wir momentan alles auf motorisierten Individualverkehr ausrichten (um die 1.5 Tonnen schwere Kisten, die meist 1 Stunde am Tag meist 1 Person von A nach B bewegen und ansonsten auf einem Parkplatz stehen; wieviel Geldvermögen dort auf der Strasse steht, wagt man gar nicht zu berechnen).

Die Angst, am heute Bestehenden etwas aufgeben zu müssen, ohne genau zu wissen, was danach kommt, ist eine Innovationsbremse - unsere Rationalität, so Schneidewind, findet viele gute Argumente für den Status Quo. Das zu durchbrechen wurde in Kleingruppen versucht, die zu klärende Fragen für die ab Sommer startenden Planungsateliers vorbereiten sollten.

Gerade der Materplan-Prozeß in Heidelberg zeigt die berechtigte Sorge, dass es uns Bürgern noch an “transformativer Literacy” mangeln könnte…. Wir sind anscheinend  keine “großen Transformierer”, sondern eher die Apologeten des Status Quo und dessen Fortschreibung in die nächsten Jahrzehnte. Es wird sich bald zeigen, welche Rahmenplanung für die Zukunft des universitären INF-Areals vom (grün dominierten) Gemeinderat beschlossen werden wird.

Der Titel meines Blogbeitrags “Socrates in the town hall?” lehnt sich übrigens an den Titel eines Buches an, in dem empirische Daten den Leistungsvorsprung derjenigen Universitäten demonstrieren, die von Wissenschaftlern geleitet werden (im Unterschied zu denen, die von Managern verwaltet werden):

  • Goodall, Amanda H. (2009). Socrates in the boardroom. Why research universities should be led by top scholars. Princeton: Princeton University Press. [hier eine kurze Beschreibung aus der Hand der Autorin]

Die alte sokratische Vorstellung einer Gelehrtenrepublik, in der ein Philosoph/Wissenschaftler an der Spitze eines Staates steht und öffentliche Ämter nicht von Politikern, sondern von Wissenschaftlern ausgeübt werden (etwas abschätzig “Scientokratie” genannt): Mit Uwe Schneidewind tritt ein ausgewiesener Wissenschaftler den Versuch an, den politischen Alltag in Wuppertal zu gestalten. Mal sehen, was daraus wird!

Maschinen: Intelligenz? Ethik?

Ich hätte dieses Wochenende (8.-10.2021) eigentlich in Berlin verbringen sollen - die Evangelische Forschungsakademie hatte mich eingeladen, den Eröffnungsvortrag ihrer 145. (sic!) Tagung zu halten, die unter dem Thema “Künstliche Intelligenz. Macht der Maschinen und Algorithmen zwischen Utopie und Realität” stand. Wie heute fast schon üblich, fand diese Konferenz - für die Akademie zum ersten Mal - virtuell via Zoom mit etwa 60 Teilnehmenden statt.

Über meinen Eröffnungsvortrag, der die menschliche Intelligenz von künstlicher abgegrenzt hat (Merksatz: “Menschen handeln, Maschinen führen aus”) will ich hier nicht weiter berichten. Wohl aber gab es ein paar Beiträge, die mir bedenkenswerte Aspekte zum Themenfeld künstlicher Intelligenz aufgezeigt haben. Darüber will ich ein paar Zeilen schreiben.

Der Informatiker Peter Liggesmeyer (TU Kaiserslautern) machte Stärken und Schwächen maschineller Systeme deutlich. Er verglich konventionelle mit Ki-Programmen: Die konventionellen Programme sind zwar unflexibel, dafür einwandfrei feststellbar, d.h, deren Ergebnisse sind erklärbar. Maschinelles Lernen (KI-Programme) ist flexibel, lernfähig, aber nur mangelhaft reproduzierbar, Ergebnisse sind nicht leicht erklärbar.

Ausführlich ging Liggesmeyer auf die Gefahren lernender Algorithmen ein - die Beispiele (z.B. Eykholt el al. 2018, doi: 10.1109/CVPR.2018.00175, über ein Stop-Schild, das plötzlich als Geschwindigkeitsbegrenzung gedeutet wid; Metzen et al. 2017, http://arxiv.org/abs/1704.05712, über eine Bildverarbeitung, bei der für das menschliche Auge sichtbare Fußgänger aus KI-Sicht unsichtbar werden) zeigen potentielle Unfallquellen für autonome Fahrzeuge auf). Das weite Feld der adversarial examples kam hier zur Sprache, das unser Vertrauen in maschinelle Lernverfahren etwas erschüttert.

Apropos: Autonomes Fahren wird vielleicht schneller kommen, als wir es heute für möglich halten - vielleicht auch zunächst nur auf bestimmten Strassen wie z.B. Autobahnen, wo (zumindest unter akzeptablen Wetter-Bedingungen) überschaubare Situationsklassen auftreten (normalerweise keine Radfahrer, keine Fußgänger, keine überraschenden Wegführungen). Auf der anderen Seite stehen Sicherheitsbedenken: der Tesla-Autopilot-Unfall mit tödlichem Ausgang macht schmerzlich klar, dass die angestrebten Sicherheitsstandards für selbstfahrende Autos noch nicht erreicht werden. Der autonome Tesla bringt es zur Zeit auf einen tödlichen Unfall auf insgesamt 210 Millionen gefahrene Kilometer. In der Vergangenheit (im 19. Jahrhundert) wurde übrigens eine neue Technologie namens “Dampfmaschine” eingeführt, als längst noch nicht alle Probleme dieser Technologie gelöst waren und die Dampfkessel noch reihenweise explodierten (”Learning from ignorance” von Jim Thomson 2013 über Dampfkessel-Explosionben in den USA; hier ein Bericht vom TÜV über historische Dampfkessel-Explosionen in Baden-Württemberg aus dem Jahr 2016). Manche Technologien drängen auf den Markt und warten nicht auf kritische Prüfung…

Weil heute Daten wichtiger als Algorithmen sind (die Qualität eines maschinellen Lernprogramms hängt vor allem von Menge und Qualität der Trainingsdaten ab), sind große Konzerne wie Facebook und Google in einer Spitzenposition. Liggesmeyer machte deutlich, dass wir uns mehr über die sinnvolle Verwendung unserer Daten als über deren Verbergen (klassischer Weg: “Datenzugangskontrolle”) Gedanken machen sollten - das neue Konzept dabei heisst “Datennutzungskontrolle” (hier ein Erklär-Video vom Fraunhofer-Institut) und soll berechtigten Nutzern (z.B. Ärzte, Behörden) unserer Daten den Zugriff gewähren. Die Bundesregierung hat dazu eine neue Datenstrategie beschlossen.

Der Komponist Franz Danksagmüller (Lübeck) zeigte in seinem Beitrag anhand musikalischer Beispiele, wie Algorithmen Musik “im Stil von” XY (Bach, Mozart, Michael Jackson) produzieren. Offensichtlich keine neue Entdeckung, weil bereits Mozart eine Anleitung zur Komposition von Walzer-Musik zugeschrieben ist, die mit gewürfelten Zahlen bestimmte Teilstücke immer neu zusammenfügt (sog. “Würfelmusik“). “Ergreifend” sind diese Kompositionen noch nicht (hier ein durchaus eindrucksvolles Beispiel aus dem Linzer Museum “Ars Electronica“), aber sie werden immer besser :-) Der Google Doodle zu Ehren von Johann Sebastian Bachs Geburtstag am 21.3.2019 war der erste Doodle überhaupt, der mit AI gespeist war und ein umfangreiches #BachDoodle-Team mit großer Expertise hinter sich stehen hatte (das Video erklärt den Hintergrund).

Zum Thema Ethik habe ich einiges über Maschinenethik gehört - ein neues Forschungsgebiet an der Schnittstelle von Philosophie, Robotik und Informatik. Die Philosophin Catrin Misselhorn (Uni Göttingen) hatte Spannendes beizutragen. Gibt es bei einem selbstfahrenden Staubsauger ethische Probleme? Ich hätte spontan “nein” gesagt, aber Frau Misselhorn brachte den Maikäfer ins Spiel, den ich vielleicht doch lieber vor dem Aufsaugen gerettet wissen möchte… Und tatsächlich gibt es das Ladybird-Projekt, in kleiner, mobiler Saugroboter, der Marienkäfer bzw. ähnliche Objekte erkennt und bei ihrer Anwesenheit seine Arbeit unterbricht - eine “moralische Maschine” also. Ihrer steilen These, dass moralische Maschinen in einem funktionalen Sinn Menschen moralisch überlegen seien, kann ich nicht zustimmen - zu sehr gehen mir dabei die Stufen der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg durch den Kopf (an denen man natürlich vieles kritisieren kann, aber nicht hier): Maschinen sehe ich (allenfalls) auf dem Level konventioneller Moral gefangen, während Menschen zu post-konventionellen Moralentscheidungen fähig sind. Weisheit spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle, die ich bei einer Maschine nicht erkennen kann. Aber vielleicht sollte ich erst einmal ihr Buch “Grundfragen der Maschinenethik” (2018, 4. Aufl. bei Reclam) lesen …

Der Theologe Dirk Evers (Uni Halle) hat in seinem Beitrag über “Gottebenbildlichkeit und KI” den “Authentizitätswahn” (Thomas Bauer) unserer Epoche angesprochen (”Diktatur der Freiheit” nach Eric Schmidt, Google-CEO von 2001-2011, und dem Philosophen Richard David Precht: KI gibt mir Antworten darauf, was ich tun könnte; ein Beispiel: Der Wahlomat hilft bei der Suche auf die Frage “wen soll ich wählen?”). In diesen “Überforderungsdynamiken der Moderne” bietet KI eine Entlastung vom Entscheidungsdruck, die wir anscheinend dankbar annehmen.

Am Beispiel von Seerobbe (”Pflege-Robbe”) Paro und Computerhund Aibo wurde zugleich deutlich, dass solche künstlichen Knuddeltiere durchaus eine therapeutische Funktion erfüllen können, aber immer der  “Modus des zweifachen Bewusstseins” (Christopher Scholtz; hier ein Aufsatz von Scholtz zum Thema) gesehen werden sollte, wonach wir uns bewusst darüber sind, keine lebendigen Wesen vor uns zu haben. Politisch verband Evers diesen Gedanken mit der Forderung, dass in jeder Interaktion mit einem Maschinenwesen (Roboter, “Bot” etc.) sich dieses als Maschine zu erkennen geben müsse - eine tolle Forderung, wie ich finde! Denn Maschinen haben keine Würde, können daher auch einfach abgestellt werden - wir gehen keine sozialen Verpflichtungen mit Maschinen ein! Menschenwürde: unbedingt! Maschinenwürde: nein!

Noch eine letzte politische Forderung von Dirk Evers, die bei mir hängengeblieben ist: “Daten sollten vergesellschaftet werden”. Momentan liefern wir unsere persönliche Daten im Gegenzug für eine meist kostenlose Nutzung von Webdiensten. Dabei könnte man viele dieser Daten für gesamtgesellschaftlich nützliche Zwecke verwenden statt sie privaten Firmen zur Nutzung zu überlassen (Beispiel Taxiunternehmen Uber: siehe z.B. den Vortrag von Mirko Herberg “What if the citizens of Berlin owned Uber’s data?”).

Ich wusste gar nicht, wie politisch Theologen sein können! Danke an die Referenten und die Referentin für die vielen Anregungen, danke für das “food for thought”, das in meine Handschuhsheimer Dachstube gelangen durfte! Ein Weiterbildungs-Wochenende der besonderen Art! Danke für die Einladung!

Hier Links zu den aufgezeichneten Vorträgen:

Gastbeitrag “Corona, Mathematik und Psychologie” (Dietrich Dörner)

Beim nachfolgenden Gastbeitrag handelt es sich um einen Text unseres Ehrendoktors Dietrich Dörner, der seit vielen Jahrzehnten dynamische Prozesse untersucht. In den 1980er Jahren hat er sich intensiv mit der AIDS-Epidemie, insbesondere deren Fallzahlen beschäftigt (nur zwei beispielhafte Quellen: Dörner, D. (1985). Zeitabläufe, Aids und Kognition. Sprache & Kognition, 4, 175–177. - Koch, M., L’Age-Stehr, J., Gonzalez, J. S., & Dörner, D. (1987). Die Epidemiologie von Aids. Spektrum der Wissenschaft, 1(8), 38–51.) und sich immer für Modelle bzw. Simulationen der Wirklichkeit als Erklärungsansätze interessiert. Für meine eigene Forschung im Bereich des Umgangs mit komplexen Systemen war das sehr wichtig (und es hat immerhin 40 Jahre freundlichen Streits bedurft, um einen gemeinsamen Artikel  - Dörner & Funke 2017 -  zu verfassen, ein Fall von adversarial collaboration).

Im vorliegenden Gastbeitrag zeigt Dietrich Dörner die Nützlichkeit (und geradezu unglaubliche Vorhersagekraft!) einer mathematischen Funktion (der Gompertz-Funktion) zur Modellierung von Corona-Fallzahlen (auch wenn die politischen Implikationen einen erneuten Anlass zum Streit bedeuten könnten). Das neue Feld von “political decision making” (PDM): Eine Schnittstelle zwischen Politikwissenschaft und Psychologie, die zunehmend größere Bedeutung erlangt! Lesen Sie selbst!

PS: Am 17.1.21 hat DD seinen ursprünglichen Beitrag (von mir erstmals am 2.1.2021 hier unter dem Titel “Corona und Mathematik” publiziert; die Links wurden allesamt von mir hinzugefügt) ganz wesentlich aktualisiert und ergänzt (von mir am 18.1.2021 unter dem ergänzten Titel “Corona, Mathematik und Psychologie” ins Netz gestellt). Am 30.1., 5.2., 16.2. und am 22.2.2021 hat es noch weitere Aktualisierungen gegeben (am Ende angefügt). - Ich betone bei dieser Gelegenheit nochmals, dass die politischen Bewertungen des Gastbloggers DD nicht meine persönlichen Bewertungen widerspiegeln. Dass sich politisches Handeln rechtfertigen muss (gerade angesichts von Grundrechtseinschränkungen), halte ich allerdings wie DD für notwendig.

Gastbeitrag “Corona, Mathematik und Psychologie”. Von Prof. Dr. Dietrich Dörner, Universität Bamberg

Wenn etwas Neues geschieht, und besonders, wenn dieses Neue bedrohlich erscheint, möchte man gerne wissen, warum es geschieht und warum es so geschieht wie das der Fall ist. Denn wenn man etwas von etwas anderem ableiten kann, es berechnen kann, dann heißt das, dass es bestimmten Gesetzen gehorcht. Und dann ist es schon viel weniger bedrohlich; denn man weiß dann, wovon das Geschehen abhängt und das kann bedeuten, dass man eine Abhilfe finden kann.

Warum geschieht „Corona“ und wie geschieht es? Auf die Frage „wie?“ kann man oberflächlich leicht antworten; auf der Abbildung 1 sieht man den Zuwachs der Neuinfizierten Tag für Tag vom 1. September 2020 bis zum Weihnachtsfest. Auf die Frage „wie?“ kann man also antworten „so!“. Und auf Abbildung 1 zeigen. Hier sieht man (hellblau) die Zuwachszahlen, so wie sie vom Robert-Koch-Institut von Tag zu Tag berichtet werden. Dann sieht man eine Kurve aus blauen Quadraten; diese zeigt den Zuwachs von Tag zu Tag als gleitenden Mittelwert, als 7-Tage-Mittel; die Werte werden also berechnet, indem zum Wert eines Tages die sechs vorausgehenden Werte hinzuaddiert werden und die Summe durch 7 geteilt wird. (Das kann man auch anders machen, zum Beispiel so, dass die jeweils aktuelle Zahl in der Mitte steht und man die Summe bildet, indem man die drei vorlaufenden und die drei nachlaufenden Werte zum mittleren Wert addiert und das ganze durch 7 teilt. Dann hat man ein zentriertes 7-Tage-Mittel. Dieser Unterschied ist schon wichtig, da man sonst leicht verwirrende Ergebnisse erhält; wenn man die sechs vorlaufenden Wert zum siebten addiert, bekommt das 7-Tage-Mittel einen „Rechtsdrall“; die aktuellen Werte sind „vergangenheitslastig“. Das sieht man auf Abbildung 1 deutlich! Besonders im „Oktober“! Aber mit einem solchen Rechtsdrall kann man leben. Wenn man ihn kennt! Denn er lässt ja keine Daten aus!).

Abbildung 1: Die Entwicklung der Anzahl der Neuinfizierten vom 1. September bis zum 24. Dezember 2020. Hellblau: Anzahl der Neuinfektionen pro Tag nach dem RKI. Blaue Quadrate: 7-Tage-Mittel der Anzahl der Neuinfektionen pro Tag.

Was geschieht in dem Prozess, der auf Abbildung 1 dargestellt wird? Und warum läuft der Prozess gerade so ab? Das sieht – auf den ersten Blick – zumindest im hinteren Teil ziemlich „unordentlich“ aus! Zuerst geht es langsam los; dann aber wird der Anstieg steiler. Dann wieder schwächer und es folgt eine Art Plateau, das langsam absinkt. Soweit noch ganz gut; das ist ein Sigmoid! – Aber dann sieht man gar nicht mehr so genau, was los ist; es wird einfach „unordentlich“; man erkennt keine Regel! Es gibt wieder einen Aufstieg, dem ein weiteres Plateau vom 11. bis zum 16. Dezember folgt. Dann gibt es wieder einen Anstieg und wieder ein Plateau, aber ein kleineres. – Was geht hier vor?

Eine Infektion ist ein biologisches Geschehen. Das Virus vermehrt sich, so gut es kann und das tut es, in dem es immer mehr Personen infiziert. Das hat aber eine natürliche Grenze, nämlich in der Anzahl der infizierbaren Personen. Biologische Wachstumsprozesse lassen sich gewöhnlich als Sigmoide (Sigma = griechisch S) beschreiben, als eine Struktur also, die einem S, welches man an der oberen Hälfte nach rechts zieht, ähnlich ist. Ein solcher sigmoidaler Verlauf ist in der Abbildung 1 beobachtbar, nämlich vom 1. September bis etwa zum 15. November. – Warum aber bildet sich ein Sigmoid und nicht zum Beispiel eine exponentiell verlaufende Kurve? Das ist einfach zu beantworten; das Wachstum „frisst“ gewissermaßen seine eigenen „Ressourcen“. Je mehr die Anzahl der Infizierten anwächst, desto weniger können neu infiziert werden und dadurch nimmt die Wachstumsrate immer mehr ab, um schließlich gegen Null zu gehen.

Eine sehr allgemeine Wachstumsfunktion ist die Gompertz-Funktion. Benjamin Gompertz (1779 – 1865) war ein britischer Jude, der, weil er Jude war, nicht studieren durfte. Dennoch wurde er im Jahre 1819 in die Royal Society aufgenommen. (So ganz stringent war also der britische Rassismus nicht.) – Gompertz befasste sich unter anderem mit „Sterbetabellen“ also mit der Frage, wie die Entwicklung der Häufigkeit von Todesfällen mit steigendem Alter zu- und schließlich natürlich wieder abnimmt (weil einfach immer weniger Leute da sind, die sterben können). Solche Zahlen benötigen die Versicherungsanstalten, um die Versicherungsgebühren so zu berechnen, dass eben ein erfreulicher Betrag für den Versicherungsnehmer im Erlebensfall abfällt, auf der anderen Seite aber auch für die Versicherungsgesellschaft ein befriedigender Profit gesichert ist. (Die Gompertz-Funktion ist mithin ein echtes Produkt einer „kapitalistischen“ Kalkulation; damit sie Gewinn abwirft, muss sie stimmen!) Gompertz entwickelte (oder entdeckte) im Jahre 1825 die Gompertz-Funktion als eine allgemeine Funktion, die viele verschiedene Wachstumsverläufe (genauer: unendlich viele!) zu berechnen gestattet. Die Formel lautet:

y = A × e^(-e^(B - C × x))

(Das Zeichen ‚^‘ sollte man hier ‚hoch‘ lesen und ‚e‘ ist die Eulersche Zahl, nämlich 2.71828 … .) – Für den konkreten Fall muss man die Parameter A, B, und C schätzen. Erfreulicherweise reicht als Grundlage für die Schätzung im Extremfall neben dem Beginn der Entwicklung ein einziges Datum! Bei stark zufallsbehafteten Daten sollte man aber vielleicht doch lieber auf drei oder vier Datenpunkte oder eine kurze Serie zurückgreifen. Man wird dann, wenn man das ganze am Rechner macht, erstaunt beobachten können, wie „Gompertz“ – wie von Zauberhand – aus einer kurzen Serie, die fast wie eine Gerade aussieht, einen ziemlich komplizierten Kurvenverlauf macht.

(Mit den Parametern A = 1026000, B = 3.46, C = 0.046 und x = 1 .… 75 können Sie die 7-Tage-Mittelwerte der Abbildung 1 ganz gut errechnen. Nehmen Sie zum Beispiel x = 65. Das ist also auf der Abbildung 1 der 4. November. Und dann rechnen Sie bitte

y = 1026000 × 2.71828^(-2.71828^(3.46 - 0.046 × 65))

Wenn Sie nun für y irgendetwas errechnet haben, was ungefähr so aussieht wie „207147“, dann haben Sie richtig gerechnet! Das ist nun die Gesamtzahl der Infizierten nach 65 Tagen. Diese Zahl wollen Sie aber gar nicht; sie wollen das Wachstum zu diesem Zeitpunkt. Das bekommen Sie ganz einfach, indem Sie von der obenstehenden Zahl die Gesamtzahl der Infizierten nach 64 Tagen abziehen. Damit Sie nicht zu rechnen brauchen: das ist 192118! Das Wachstum am Tag 65 beträgt mithin 15028. Zu dieser Zahl sollten Sie noch 1288 addieren, das ist eine Wachstumskonstante, die so etwas wie eine Basis darstellt, ein Grundwachstum, auf dem die Entwicklung aufsetzt. (Das ist so ungefähr das tägliche Wachstum von Neuinfizierten, das zwischen dem 1. Mai und dem 31. August 2020 durchschnittlich der Fall war. Die sogenannte „zweite Welle“ setzt auf diesem Grundwachstum auf. – Diese additive Konstante bezeichnen wir in Abbildung 2 als „Ae0“. Ae0 kann aber auch eine Funktion sein, zum Beispiel ein Gompertz-Wachstum, das die Basis ist, auf der ein anderes Wachstum, welches natürlich auch ein Gompertz-Wachstum sein kann, aufsetzt. – Dafür wird uns ein Beispiel noch begegnen!

Sie bekommen also nun für den 4. November das von Benjamin Gompertz vorausgesagte Wachstum von 16317. Das Wachstum, welches das RKI berichtet, ist – bei einer 7-Tage-Mittelung – = 16192. – Also ich finde, wenn man bedenkt, dass Benjamin Gompertz keine Ahnung hatte von Corona und auch nicht von der bisherigen Entwicklung, wenn man ihm nur gesagt hätte: „es gibt hier eine Entwicklung, die am 1. September 2020 beginnt und die durch folgende drei Punkte (1. …, 2. …, 3. …) geht. Nun sagen Sie uns doch bitte einmal welchen Wert diese Entwicklung am 4. November 2020 haben wird?“ – Und wenn er nun antworten würde: „16317!“, dann würde man ja wohl doch sagen: „Benjamin Gompertz kann hellsehen!“ Und zwar über eine Distanz von 195 Jahren hinweg. (Benjamin Gompertz kann uns auch verraten, wann die Entwicklung zu einem Plateau einschwenkt und was dann weiterhin geschieht in den nächsten 200 Tagen. Oder auch 2000 Tagen.)

Die Gompertz-Funktion ist eine Funktion von großer Eleganz, großer Intelligenz und erstaunlich einfach, für das, was sie leistet! (Und bitte glauben Sie nicht, dass man mit einer Gompertz-Funktion eigentlich fast alles machen kann durch die geeignete Wahl der Parameter A, B, C und Ae0. Sie könne keineswegs die Gompertz-Kurve auch nur an beliebige sigmoidale Entwicklungen anpassen. Denn der Wendepunkt (also der Punkt von dem an die Wachstumsraten nicht mehr steigen, sondern sinken) muss bei einer Gompertz-Kurve bei 1/e liegen; der Wendepunkt ist also erreicht, wenn 36.78% der entsprechenden Bevölkerung infiziert ist. Und das kann man nicht einfach „setzen“, sondern es muss bei den empirischen Daten der Fall sein!).

Die Parameter A, B, C bedeuten folgendes: A ist der Grenzwert, dem die Funktionswerte zustreben, also in unserem Fall zum Beispiel die Gesamtanzahl der schließlich Infizierten. B ist die Entfernung des Wendepunktes der Kurve (der Wendepunkt ist der Zeitpunkt, von dem an die Wachstumsraten nicht mehr zu-, sondern abnehmen.) Wenn B klein ist, so wird der Anstieg der Wachstumsraten schnell sehr steil; die Anzahl der Neuinfizierten pro Zeiteinheit wird also schnell recht groß. Das ist zum Beispiel auf hoch vernetzte Gruppen, in denen häufig die Kontakte wechseln, zurückzuführen. In einer solchen Gruppe breitet sich die Infektion, wenn erst einmal eine Person infiziert worden ist, explosionsartig aus. (Nein! Selbst dann nicht exponentiell! Sondern auch dann mit fallenden Wachstumsraten!) – C ist die „Schlankheit“ der Funktionsentwicklung; mit großen Werten von C bilden sich relativ große „Bäuche“ nach unten rechts bzw. nach oben links in der zweiten Hälfte. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine Wachstumskurve einen schnellen Start, aber ein sehr langen „Schwanz“ haben kann. Das ist zu erwarten, wenn eine Population gewissermaßen inhomogen vernetzt ist, also zum einen hoch vernetzte Mitglieder enthält, die einander leicht infizieren können, aber auch relativ schwer erreichbare Personen, die allein oder in abgeschotteten Gruppen leben und deren Infektion größere „Schwierigkeiten“ macht. Mit der Schätzung der Parameter A, B und C erprobt man also in unserem Fall gewissermaßen sozialpsychologische Hypothesen. Man sagt etwas aus über die Merkmale der Beziehungsstrukturen der Population, in der sich Corona ausbreitet.

In Abbildung 1 sinkt das Wachstum nach dem 14. November aber nicht stark ab, wie es eigentlich zu erwarten wäre. Vielmehr sinkt es erst noch ein wenig, nimmt dann erst langsam, schließlich aber schneller bis zum 11. Dezember wieder zu, dann flacht es ab, um aber etwa am 18. Dezember einen erneuten „Sprint“ zu beginnen, der am 20. Dezember aber wieder abflacht. Merkwürdig und gefährlich; irgendwie scheint die ganze Angelegenheit keiner Regel mehr zu gehorchen. In der Presse hieß es: “das Wachstum ist außer Kontrolle”! Das stimmt aber nicht. Betrachten wir nun die Abbildung 2!

Abbildung 2: Die Entwicklung der Anzahl der Neuinfizierten und die Berechnung der entsprechenden Zahlen mithilfe der Gompertz-Funktion: Rote Quadrate: Gompertz-Werte (theoretische Werte). Blaue Quadrate: 7-Tage-Mittel der Anzahl der Neuinfektionen pro Tag. Rote Rauten: Fortentwicklung der „zweiten Welle“ nach der dem Einsetzen der „dritten Welle“. Gelbe Rauten: die dritte Welle nach Gompertz, isoliert dargestellt. Grüne Dreiecke: Summe der Zuwächse der „zweiten Welle“, eigentliches Gompertz-Wachstum (Achtung! Anderer Maßstab: 1:2500; Standard-Maßstab: 1:100).

Hier gibt es mehr Kurven zu sehen, aber alles erscheint „ordentlicher“. Gompertz überall. Hier sieht man die „zweite Welle“, deren Zuwachs nach dem Höhepunkt etwa am 14. November zunehmend abflacht, abzusinken beginnt, aber noch Anfang Februar 2021 etwa 2000 Neuinfizierte pro Tag beträgt. (Die Kurve mit den roten Rauten ist die Fortsetzung der „zweiten Welle“. Die sollte auch man nämlich nicht vergessen! Es gibt sie nämlich immer noch!) – Etwa ab dem 19. November setzt sich auf diese Kurve eine andere auf, die aber auch wieder gut durch eine Gompertz-Funktion beschrieben werden kann, deren Parameter man (blaue Schrift!) oben links auf Abb. 2 sieht. Man sieht diese Gompertz-Funktion als gelben Kurvenverlauf rechts unten, der etwa am 19. November beginnt. Wenn man diese auf die „zweite Welle“ aufsetzt, bekommt man die Fortsetzung der Kurve der Neuinfizierten als Summe aus „zweiter“ und „dritter Welle“, als Gompertz-Verläufe. Wir haben hier also einfach zwei Gompertz-Funktionen „huckepack“!

Aber diese Entdeckung muss man erst einmal machen; denn der erste Eindruck, den man von dem Verlauf der Entwicklung der Anzahl der Neuinfizierten vom 19. November an hat (siehe Abbildung 1), ist keineswegs „gompertzsch“. Man sieht „Gompertz“ erst dann, wenn man den weiteren Verlauf des Wachstums der „zweiten Welle“ nach dem 19. November betrachtet. Man kann dann sehen, dass die „dritte Welle“ gewissermaßen dadurch verzerrt wird, dass das jeweilige Wachstum auf der abflauenden „zweiten Welle“ aufsitzt. Wenn man die lichtgrauen Senkrechten von „Welle 2“ zu den 7-Tage-Mittelwerten (blaue Quadrate) auf eine waagerechte Unterlage stellt, und nicht auf die abflauende „zweite Welle“, wird das ganz deutlich. Und dann kann man die Parameter A, B, C für die Gompertz-Funktion schätzen. Und bekommt – bis auf zwei „Ausreißer“ – um den 12. und den 17. Dezember herum – gute Übereinstimmungen mit der Realität. (Auf die beiden „Ausreißer“ gehen wir noch ein!).

Quintessenz also: alles Gompertz! – Wir können aber nicht nur die Vergangenheit beschreiben, sondern auch die Zukunft voraussagen. Die Kurve der Anzahl der Neuinfizierten sollte etwa am 10. Januar 2021 die 20,000-Linie schneiden, um dann weiter abzusinken; am 7. Februar gibt es dann „nur noch“ etwa 7500 Neuinfizierte. – Nebenbei: wenn Sie so halbwegs mit Excel umgehen können, können Sie das alles selbst ziemlich leicht berechnen und ausrechnen, mit wieviel Neuinfizierten wir am Ostersonntag 2021 rechnen müssen.

Und schon mit dem ersten Parametersatz konnte man die „zweite Welle“ ganz gut voraussagen. Wir verblüfften im Oktober Kollegen mit der Voraussage, dass zu Weihnachten etwa mit 7-8000 Neuinfizierten zu rechnen sei, sehr. (Die Bundeskanzlerin hatte für die zweite Welle eine bei weitem größere Anzahl von Neuinfizierten „exponentiell“ ermittelt!) Wenn man nur die „zweite Welle“ betrachtet, so erwies sich unsere Schätzung als richtig.

Die gesamte Infektionsentwicklung in der Bundesrepublik lässt sich also, obwohl auf den ersten Blick sehr „unordentlich“, sehr einfach, nämlich mit einer einzigen Funktion, beschreiben. Sie lautet:

y = 1288 + 1026000 × e^(- e^(3.46 - 0.046 × x)) + 975000 × e^ (-e^ (4.05-0.045 × (x-45)))

ist also die Summe zweier Gompertz-Funktionen mit verschiedenen Parametern. – Die Passung der Gompertz-Funktion zur Realität ist recht gut; man könnte auch sagen: sehr gut! Und dass das Ganze Zufall ist, ist sehr unwahrscheinlich. Wirklich sehr unwahrscheinlich; die Wahrscheinlichkeit liegt unter 1/1.000.000.

Es stellen sich aber einige Fragen:

1. Auf der Abbildung 2 sieht man zwei sehr große Abweichungen der empirischen von der theoretischen Kurve, also der 7-Tage-Mittelwerte (blaue Quadrate) von der Gompertz-Kurve (rote Quadrate). Und zwar geht diese Abweichung (am 12. Dezember) zunächst nach oben; es findet sprunghaft eine große Vermehrung der Neuinfektionen statt. Und wenige Tage später (am 17. Dezember) kommt es dann zu einer gegenläufigen Entwicklung etwa gleicher Größe, die Neuinfektionen nehmen sehr stark ab. Hier sieht es so aus, als wären versehentlich oder absichtlich die Neuinfektionszahlen zunächst nach oben, dann aber – korrigierend? – nach unten verschoben worden. Dass diese beiden Veränderungen, die sich also wechselseitig aufheben, durch Zufall aufgetreten sind, ist sehr unwahrscheinlich.

2. Man intendierte ja, durch Lockdowns, Reisebeschränkungen, Quarantäne, Maskenzwang, Ausgangsverbote, Geschäftsschließungen usw. usw. den Gang der Infektionen zu verändern, zu verlangsamen oder ganz zum Stillstand zu bringen. Alle diese Maßnahmen, die ja eigentlich zu einer Veränderung der Parameter der Neuinfektionen hätten führen müssen, also dazu, dass die Gompertz-Funktion nicht mehr zu den blauen Quadraten passt, sind in der Abbildung 2 gänzlich unsichtbar. Es ist so, als hätte es diese Maßnahmen nicht gegeben! Wo sind die Effekte? („Die Maßnahmen waren einfach zu schwach!“ meint die Bundesregierung. Ein wenig ähnelt dieses Verhalten dem Tun des Autofahrers, der immer wieder vergeblich versucht, sein Auto anzulassen, ohne zu merken, dass kein Sprit im Tank ist.)

Abbildung 3: Verlauf der Anzahl der Neuinfizierten im März und April 2020 und die zugehörige Gompertz-Funktion. Etwa ab dem 1. Mai liegt das 7-Tage-Mittel deutlich über der Gompertz-Funktion. Warum?

Das Vertrauen in Lockdowns usw. hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass man glaubt, man hätte im März und April mit diesen Maßnahmen ja doch einen sehr guten Erfolg erzielt. Das aber könnte ein Irrtum sein. Auf Abbildung 3 sieht man, dass das Geschehen im März und April keineswegs auf den Lockdown usw. zurück zu führen zu sein braucht. Man sieht in Abbildung 3, dass sich das Geschehen im März und April 2020 auch allein durch den natürlichen Wachstumsprozess erklären ließe. Der Lockdown könnte also ganz unnötig gewesen sein! (Es könnte sogar sein, dass „die Maßnahmen“ nicht nur nichts genutzt, sondern geschadet haben; auf Abbildung 3 kann man deutlich sehen, dass sich nach der akuten Phase das Verhalten verschoben hat und nun deutlich riskanter wurde. Die Infektionszahlen liegen sehr deutlich über den Gompertz-Erwartungen. Und das könnte darauf zurückzuführen sein, dass man durch den relativ glimpflichen Verlauf der „ersten Welle“ und durch die Zurückführung dieses Ausgangs auf die staatlichen Maßnahmen das Gefühl bekommen hat, nunmehr „Corona“ im Griff zu haben. Hier fehlte die Kausalanalyse! Die Bundesregierung hat es unterlassen, sich durch Experten darüber beraten zu lassen, worauf der Verlauf eines Wachstums zurückzuführen sein kann.

Und weil man glaubte, dass „Corona“ durch einen undifferenzierten, globalen Lockdown besiegbar sei, wurden die Leute leichtsinnig. Und das könnte immerhin in nicht unbeträchtlichen Weise zu den mehr als 2000 Todesfällen von Mai bis Mitte Juli beigetragen haben!) –  In ihrer Regierungserklärung am 29. Oktober 2020 meinte die Bundeskanzlerin, dass die geplanten Maßnahmen „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ seien. Es erwies sich bislang, dass sie weder geeignet, also auch nicht erforderlich und deshalb schon gar nicht verhältnismäßig waren. – Die EU-Einschätzung der Bundeskanzlerin ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sie die Maßnahmen im März und April als Erfolge ihrer Politik verbucht hat. Benjamin Gompertz meint, dass die Infektionszahlen etwa ab Weihnachten zurückgehen werden. Mal sehen, auf welchem Konto dieser Rückgang Ende Januar verbucht werden wird!

3. So, das ist nun zweifellos die Stimme der Wissenschaft, die soeben gesprochen hat. Die Stimme der Wissenschaft? Oder eine Stimme der Wissenschaft? Die “Stimme der Wissenschaft”, wie sie die Leopoldina verbreitete und der unsere Bundeskanzlerin eilig folgte, lautete aber ganz anders! Sie empfahl einen harten Lockdown! Unsere „Stimme“ aber meint, dass eine Reduzierung des Wachstums von allein auftreten wird. Nun kann man nun natürlich dennoch versuchen, die Reduzierung des Wachstums zu beschleunigen! Und das ist sinnvoll und geboten! Aber die richtigen Methoden hat man dafür anscheinend noch nicht gefunden! Noch schlimmer: man sucht doch gar nicht danach! Man wiederholt einfach die gleichen Maßnahmen in verstärkter Weise! Ob das so klug ist? – Welcher Stimme sollte man nun vertrauen? Kann man der Wissenschaft überhaupt glauben? Doch, sicherlich kann es so geschehen wie Benjamin Gompertz das voraussagt. Nach Weihnachten geht es abwärts mit Corona! Und am 7. Februar 2021 haben wir nur noch 7500 Neuinfizierte am Tag. – Aber die Wissenschaft weiß auch: „Bedenke, dass es immer auch ganz anders sein kann!“ (Georg Christoph Lichtenberg). Wir gehen immer auf schwankendem Boden, auch mit der Wissenschaft. Aber es besteht ja durchaus die Möglichkeit, dass sich aus den vielen Wellenbewegungen, die sich mit „Corona“ in der Bundesrepublik Deutschland abspielen, plötzlich eine Koordination verschiedener Wellen zu einer vierten oder fünften großen Welle ergibt. Dann geht es wieder aufwärts mit „Corona“. – Oder, dass wir vielleicht Fehler gemacht haben bei der Schätzung der Gompertz-Parameter für die „dritte Welle“ (bei der „zweiten Welle“ gibt es viele Indizien dafür, dass die geschätzten Parameter wohl(!) richtig sind). Kleine Ungenauigkeiten bei der Parameterschätzung, die vielleicht in den ersten eineinhalb Monaten der „dritten Welle“ keine Rolle spielten, könnten doch die Voraussage des weiteren Verlaufs ändern? – Hier vielleicht noch einige, meines Erachtens aber der Wissenschaft wegen, notwendige Worte zur öffentlichen Diskussion von „Corona“:

Voltaire meinte, nicht „nur so“ und aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit, dass man alles (alles!) sagen dürfe. Denn nur so kann man sicher sein, dass auch die vielleicht für manche Zeitgenossen „inplausiblen“ Auffassungen ausgesprochen werden, also auch das, was heute (da es nicht mit dem allgemein für wahr gehaltenen Theorien übereinstimmt) als „Verschwörungstheorie“ abqualifiziert wird. Viele Behauptungen, die den jeweiligen Zeitgenossen als völlig inplausibel erschienen, erwiesen sich später als Wahrheiten. Vielleicht ist die Abqualifikation von „Verschwörungstheorien“ in 99% der Fälle richtig. Wenn man sie aber alle abqualifiziert, verliert man auch das eine Prozent, das man beachten sollte. Vielleicht verliert man noch mehr! Denn was ist eine „Verschwörungstheorie“? Vielleicht nur eine Theorie, die irgendwem nicht passt, weil seine Theorie eine andere ist. (Gerade „Ideologen “ (gleichgültig ob „rechts“, „links“, „christlich“, „muslimisch“, … ) sind äußerst empfindlich, wenn man ihre „Theorien“ anzweifelt. Denn Zweifel heißt es im Bereich von Ideologien immer Zweifel an der „letzten Wahrheit“!)

Die einfachste Form, eine vielleicht ganz vernünftige Theorie beim Publikum in Misskredit zu bringen, ist, sie zur „Verschwörungstheorie“ zu erklären. Auch darauf sollte man achten! Was will uns jemand eigentlich sagen, wenn er eine Theorie als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet?

Geschwindigkeiten sind relativ! Wenn ich mich in einem Vorortzug, der sich mit 50 km/h seinem Ziel nähert, mit 5 km/h in die Gegenrichtung bewege, dann bewege ich mich nur mit 45 km/h in Richtung auf das Ziel! Das ist doch klar! „Nee!“ meinte Einstein, „das ist gar nicht klar; für die Lichtgeschwindigkeit gilt das nicht!!“ – Fast wäre Einstein im Jahre 1905 wegen des Versuchs der Verbreitung dieses Blödsinns aus der wissenschaftlichen Szene entfernt worden! Wenn da nicht Max Planck gewesen wäre, der für Blödsinn einen gewissen Sinn aufbrachte!

„Prüfet alles! Das Gute aber behaltet!“ meinte Rousseau. Rousseau sagte nicht: „Prüfet alles, außer den „Verschwörungstheorien“! – Es empfiehlt sich sehr, sich von der Wissenschaft beraten zu lassen, aber ihren Aussagen bedingungslos zu vertrauen, empfiehlt sich nicht. Es gibt zum Beispiel in der Physik Leute, die meinen, dass sich Einstein „quantenphysikalisch“ sehr geirrt habe und es gibt andere, die meinen, dass die Lichtgeschwindigkeit keine Konstante, sondern eine Variable sei. Ich finde die Idee, dass die Naturgesetze einer Evolution unterworfen sind, sehr interessant!

Und zum Abschluss: das alles sieht ganz hübsch aus! Und ist ein Triumph für Benjamin Gompertz! Aber: es ist in bestimmter Weise nicht verallgemeinerbar! Das sieht man schon daran, dass man, wie in diesem Fall, für die Gompertz-Funktion verschiedene Parametersätze verwenden musste, die also populationsspezifisch sind. Nun haben wir in der Bundesrepublik schätzungsweise 300 vor sich hin schmurgelnde „Infektionswellen“. Und für jede bräuchten wir wahrscheinlich einen jeweils spezifischen Parametersatz, da die sozialen Beziehungsstrukturen ganz verschieden sein dürften. „Gompertz“ ist vermutlich immer noch ein allzu niedriger Auflösungsgrad. Besser wäre eine echte Computersimulation des gesamten Geschehens. Auch das wäre wohl machbar, erfordert aber einen Aufwand, den einer allein nicht erbringen kann!

— ab hier: Ergänzung vom 17.1.2021 —

Tja, so war der Stand am 24. Dezember. Und dann kam eben Weihnachten und jetzt geschah folgendes: Die Empirie machte einen Knick. Nach unten! Die Zuwachsraten der Neuinfizierten sanken und sanken. Wunderbar, ein Weihnachtsgeschenk: irgendwer hat uns von Corona erlöst. Und natürlich: zu der Wachstumsfunktion passt das gar nicht! Denn die hätte ja eigentlich weiter so verlaufen müssen, wie es die roten Quadrate indizieren! So ging es aber nicht! Bis zum heutigen Tage (5.1.2021) nicht. Also: Das war es dann also mit „Corona“, zum zweiten mit der Gompertz-Funktion!?


Abbildung 4: Der Heiligabend-Knick. Siehe Text!

Stimmt das? Nun: Das ist eine neue Lektion, die aber eigentlich selbstverständlich ist. Aber nicht für jeden! – Viele Wissenschaften sagen: „Nur die Empirie!“, „Facts are facts!“. „Nein, du musst immer fragen: was steht hinter der Empirie? Du musst nach den Ursachen fragen?!“ Hört Corona wegen Weihnachten auf? Kaum! Aber die Gesundheitsämter hören auf! Sie testen nicht mehr oder kaum noch und berichten auch nicht mehr notwendigerweise zuverlässig. Und so kommt es zu der „empirischen Veränderung“. Die „facts“ sind ganz andere „facts“ als vorher. Man sieht das und hier ist es sinnfällig! Geben Sie sich nie mit der Empirie zufrieden! Gucken Sie immer auf das, was hinter der Empirie steht. – Was geschehen müsste wäre, dass sich bei der Normalisierung der Tätigkeit der Gesundheitsämter und anderer Institutionen wiederum die Wachstums- bzw. Verfallsraten zeigen würden, die so ungefähr durch die roten Quadrate indiziert werden. Schauen wir mal! – Aber man kann auch schon jetzt sagen, dass die „Empirie“ der Wachstumsgröße nach dem 24. Dezember vermutlich zwar „Empirie“ ist („vermutlich“ deshalb, weil man auch „facts“ angeben kann, die gar keine sind!), aber dass eben andere Einflüsse zu denen hinzukamen, die vorher wirksam waren.

Wie kann man erkennen, ob „facts“ auch „facts“ sind? Nun, man kann sich in unserem Falle zum Beispiel die Intensivbetten-Belegung angucken. Denn die ist natürlich abhängig von der Anzahl der Neuinfizierten. Aber einmal mit einer bestimmten Verzögerung und zum zweiten werden eben nicht alle Neuinfizierten krank. – Und dann sieht man, dass im Hinblick auf die Intensivpflege der Heiligabend-Knick nicht stattfand. Im Wesentlichen folgte die Intensivbettenbelegung ihrem vorherigen Trend. Natürlich gegenüber dem Wachstum der Neuinfizierten verzögert! Also hat sich mit den tatsächlich schwer Erkrankten so gut wie gar nichts getan. Zumindest bis heute (30.12.2020)! Also wird sich auch mit dem Infektionsgeschehen nichts geändert haben. So können wir vermuten; aber das ist eine kleine Lektion im Hinblick auf den Umgang mit der Empirie. Empirie sollte man nicht ohne Nachdenken zu Kenntnis nehmen! – Wie es weitergeht, werden wir ja sehen! Aber: Wenn nun die Infektionszahlen wieder in die Höhe gehen sollten in den kommenden Tagen, dann sollte man keinen Schreck bekommen.

Gut, inzwischen ist wiederum einige Zeit vergangen; wir schreiben den 16.1.2021. Und den Stand der Entwicklung sehen wir in der Abbildung 5! Hier sieht man, dass nach dem 3. Januar die Anzahl der Neuinfizierten wieder ansteigt und – oh Wunder! – die verirrten Schäflein der blauen Quadrate, nähern sich, wie an der Schnur gezogen, der Gompertz-Funktion und beginnen, ihr wieder zu folgen. Kann das zufällig sein? Nun, das kann man ja prüfen. Dass das zufällig ist, ist sehr sehr unwahrscheinlich! Woher wissen die Einwohner der Bundesrepublik, in Nord und Süd und Ost und West, dass sich eine ganz bestimmte Anzahl heute in Arztpraxen oder Testzentren zum Testen melden sollen? Und morgen ist die Zahl eine andere! Und übermorgen wieder anders!


Abbildung 5: Die Rückkehr der verirrten Schäflein. Siehe Text!

So und nun noch etwas zur Psychologie des politischen Denkens. Wir haben ja schon vorherüber die Besonderheiten des politischen Denkens gesprochen, besonders über dessen hohe Anfälligkeit für törichte Entscheidungen und Entschlüsse. Sehen wir nun noch einmal nach, was wir da so im Hinblick auf das „Coronadenken“ in der letzten Zeit finden.

Wir haben behauptet, dass Politiker auf die hohe Unbestimmtheit der politischen Situation und dem Unwissen über die Determinanten der zukünftigen Entwicklung zu Angstreaktionen neigen. Die Versuche, Besorgnis und Angst zu bekämpfen, führen nun dazu, dass sich Politiker oft überschätzen.

Die meisten Fehler der Politik basieren, nach Meinung von Platon (Timaios 69 d) auf der Selbstüberschätzung oder der Selbstunterschätzung. Drei grobe Kategorien von Torheiten führen bei Politikern zur Hybris (oder zur Verzweiflung), und zwar besonders bei solchen, mit einem instabilen Selbstwertgefühl. Diese neigen zum „Narzissmus“, haben also eine große Tendenz, ihr Selbstwertgefühl zu stärken. Und zwar in folgender Weise:

1. Vereinfachung der Realität. Wenn die Realität einfach ist, dann sind natürlich auch die Probleme einfacher! Wie vereinfacht man die Realität? Eher nicht dadurch, dass man die Realität vereinfacht; das ist ziemlich schwer. Man vereinfacht das Bild, dass man sich von der Realität macht. Das wiederum ist ziemlich leicht. Es geschieht oft dadurch, dass der Blick auf die Realität vergröbert wird und man nur noch diejenigen Dinge wahrnimmt, die einem in den Kram passen. Das ist die „Konfirmationstendenz“, die Tendenz, dass, was man gerade braucht, auch wahrzunehmen, auch wenn es gar nicht vorhanden ist. Beispiele dafür findet beim man beim Coronadenken recht oft. – Die Konfirmationstendenz muss nicht dazu führen, dass man etwas Wünschenswertes wahrnimmt, was gar nicht vorhanden ist. Denn irgendwelche Indizien sollten ja doch wohl da sein, damit doch ein schwacher Grund dafür besteht, daran zu glauben, dass etwas Wünschenswertes vorhanden ist. Wenn nun ein solches hoffnungsbringendes Indiz ganz und gar nicht gefunden werden kann, dann bleibt der Versuch, die Realität den eigenen Wünschen anzugleichen erfolglos. Und es resultiert Verzweiflung, die oftmals damit verbunden ist, dass man die kleinen Chancen, die die Realität vielleicht doch bietet, übersieht, also die eigenen Möglichkeiten, erfolgreich zu handeln nicht nur nicht überschätzt, sondern unterschätzt!

2. Aktionismus: Man beweist den anderen, aber vor allem sich selbst, dass man etwas tun kann. Was man da tut ist weitgehend gleichgültig, hauptsächlich es ist erfolgreich. Man braucht aber oft gar nichts zu tun, um sich selbst zu beweisen, dass man viel tun kann. Oft hilft es schon allein, dass man sich ein großes Ziel setzt. Allein das zeigt ja schon, dass man sich sehr viel zutraut. – Das Setzen von großen Zielen ist eine bei Politikern sehr beliebte Sportart.

3. Wahrung bzw. Verstärkung der sozialen Einbindung: „Elf Freunde sollt ihr sein!“ meinte Sepp Herberger, langjähriger Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft. In der Tat ist eines der besten Mittel gegen Depressionen, gegen das Gefühl, den Dingen nicht gewachsen zu sein, die soziale Einbindung. Man weiß: da sind andere, die mir helfen, wenn es gefährlich wird! – Was ist denn dagegen einzuwenden? Das ist doch ganz klar! – Schauen wir mal!

Diese drei Motive spielen eine bedeutsame Rolle bei der Handlungsregulation in politischen Situationen. Und das wollen wir jetzt besprechen.

Beginnen wir mit der Kausalillusion. Wenn man daran glaubt, dass der Lockdown bei der „ersten Welle“ im März und April geholfen hat, so weiß man sowohl, dass man etwas tun kann und man weiß auch das die Welt von Corona im Grunde sehr einfach ist. Einfach „lockdownen“! Und schon ist die Sache „gegessen“.

Man folgert nach der Regel „danach, also deswegen!“ („Post hoc ergo propter hoc!“ spotteten bereits die Scholastiker.) Dieser Fehler unterlief Söder und Merkel vielleicht schon bei der sogenannten „ersten Welle“, als sie den natürlichen Verlauf dieser Welle auf ihre eigenen Entscheidungen zurückführten, also auf den Lockdown und andere Maßnahmen; die Schließung von Kitas und Schulen, zum Beispiel. Auf die Idee, sich zunächst einmal zu überlegen, wie man denn mit „Corona“ umgehen sollte, welche Einflussmöglichkeiten es generell geben kann, kam man nicht; den Lockdown übernahm man aus China. Denn „selbst überlegen“ hätte ja bedeutet, sich erneut der Unbestimmtheit auszusetzen, die man gerade eben durch den Entschluss zum Lockdown losgeworden war.

Die eigentlich notwendige Analyse der Tatsache zum Beispiel, dass in verschiedenen Bundesländern „Corona“ ganz verschieden verlief, zum Beispiel in Schleswig-Holstein ganz anders als in Sachsen, wurde nicht untersucht! Im Gegenteil; der Ministerpräsident von Bayern, Markus Söder, setzte sich nachhaltig dafür ein, überall in der Bundesrepublik die gleiche Strategie zu fahren. – Warum eigentlich! Die Schleswig-Holsteiner waren deutlich weniger von „Corona“ betroffen als die Sachsen. Warum nicht die Unterschiede genau untersuchen? Dazu hätte es durchaus gereicht, wenn man 2-3 kluge Leute nach Sachsen bzw. nach Schleswig-Holstein geschickt hätte, um dort zu untersuchen, wie es denn eigentlich hier und da ist, wie es mit den sozialen Beziehungen steht. Denn die Infektionsausbreitung ist ja sehr wesentlich ein sozialer Prozess!

Man kann annehmen, dass die sozialen Unterschiede, beispielsweise im Familienleben eine große Rolle spielen; die wenigen Untersuchungen, die man über die Zusammenhänge von Corona und den Lebensumständen gemacht hat, belegen, dass anscheinend doch die große Menge der Infektionen innerhalb der Familien stattfinden.

Julia kommt von der Schule nach Hause. Julia ist eine 16jährige Gymnasiastin und sie hat Ärger in der Schule gehabt. Entsprechend verdrossen ist ihre Miene als sie nach Hause kommt. Die Mama merkt das, nimmt sie sofort im Flur in den Arm: „Nun red‘ doch mal! Was war denn los?“ Julia erzählt und nach 5 Minuten geht es ihr besser. – Und nach zwei Tagen hat Julia „Corona“ und die Mama nach vier Tagen! Bei beiden verlief das Ganze glimpflich, aber sie verordnen sich beide noch 14 Tage lang Quarantäne und verzichten auch auf den ansonsten sehr engen Kontakt mit den Großeltern. Keine weiteren Folgen. Außer, dass die beiden vielleicht in der Phase, in der sie noch gar nichts von ihrer „Corona“ wussten, noch andere angesteckt haben? Innerhalb der Familie und außerhalb? Und die, die angesteckt wurden, merken das vielleicht auch oft nie. Und stecken unwissentlich weitere Personen an, die dann auch …

Wenn man nun den Leuten solche Fälle erzählte und ihnen sagte: „lasst doch so etwas erst mal!“, dann hätte das vielleicht mehr Effekte, als wenn man völlig uneinsichtige Regeln einführt, zum Beispiel also den Besuch von Museen verbietet. Der enge Kontakt gehört zum Leben, zum sozialen Zusammenhalt und ihn pauschal einzuschränken wird nicht gehen. Pauschale Regelungen führen leicht dazu, dass sich viele Leute einfach nur darüber ärgern. Und da ein Bruch dieser Regeln in den allermeisten Fällen keine unmittelbar negativen Folgen hat, wird er (also der Bruch der Regeln) „Kinder“ bekommen. Warum kann man hier nicht dem japanischen Beispiel folgen?

Spielt bei den Maßnahmen vielleicht das angenehme Gefühl eine Rolle, dass manche Politiker zu haben scheinen, wenn sie doch endlich einmal durchgreifen können? Dieses „Glücksgefühl“ aber führt bei den „Regierten“ aber sehr leicht zu Trotzreaktionen, erzielt also das genaue Gegenteil von dem, was erzielt werden sollte. – Entsprechende Beispiele kann man leicht, zum Beispiel von Lehrern, erfahren! Wann hat Ministerpräsident Söder zuletzt mit einem Grundschullehrer, der in Coronazeiten versucht, so eine Art von Unterricht aufrechtzuerhalten, gesprochen? – Solche Erfahrungen werden ja von den Politikern gar nicht erst gesucht. Denn wenn man nach solchen Erfahrungen fragen würde, dann käme ja vielleicht ‘raus, dass die „Regierungsaktion“ ein Flop war! – Politiker lieben das „ballistische“ Handeln: Die Kanonenkugel wird abgeschossen, der Abschluss wird bejubelt, wo aber das Projektil schließlich einschlägt, interessiert den Politiker nicht mehr. Denn es könnte ja ein Misserfolg sein! Und Misserfolge kann nun ein Politiker, der an seiner öffentlichen Resonanz interessiert ist und sich sehr gern auch als erfolgreicher „Macher“ sieht, gar nicht brauchen! Das ist schädlich für das Selbstwertgefühl! Wenn man aber Misserfolge gar nicht wahrnimmt, dann ist die Welt wieder einfach. Man weiß, was man zu tun hat.

Und daraus ergibt sich der nächste Fehler, Methodismus. Dieser Fehler ergibt sich aus der Kausalillusion; nachdem man der Meinung war, dass sich der Lockdown im März und April hervorragend bewährt habe, wendete man ihn im Oktober und November wieder ein. Bislang ohne jeden messbaren Erfolg! (s.o.) – Warum stellte sich kein Erfolg ein? Nun, aus denselben Gründen, aus denen sich im März und April kein Erfolg einstellte. Der allerwichtigste Grund für die Zu- und Abnahme der Infektionen im März und April und auch dann späterhin, war einfach der normale, durch die Gompertzfunktion beschreibbare Verlauf der Infektion. – Bis zum heutigen Tage hat man nicht eingesehen, dass ein Wachstumsprozess einen natürlichen Verlauf hat, bei dem die Zuwachsraten zunächst größer und dann wieder kleiner werden.

Als die zweite Welle im November zu einem Plateau wurde und dann abzunehmen begann, meinte der Bundesgesundheitsminister Spahn am 21. November: „wir haben das exponentielle Wachstum gebrochen!“ Von Wachstumsfunktionen hatte er anscheinend bis dato nichts gehört. Als Gesundheitsminister! Nach einem dreiviertel Jahr Corona!! Und dabei konnte man das alles sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten Welle wunderbar beobachten; in beiden Fällen traten klar sichtbare Sigmoide auf. Die Zuwachszahlen nahmen – wie auf Schienen laufend – erst zu und dann wieder – Ende März und Anfang April – ab. (Bei der 2. Februar-Welle wurde die Abnahme der Zuwachsraten durch die „dritte Welle“ gestoppt.)

Man kann also nicht nur etwas sehen, was gar nicht da ist (konfirmative Wahrnehmung), man kann auch das, was deutlich sichtbar ist, nicht sehen (Wahrnehmungsabwehr). Und das gilt besonders für Misserfolge.

Das, was wir eben kritisierten, war nicht nur der Methodismus, sondern auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Man sollte sich nicht nur fragen: „Was habe ich richtig gemacht?“ Viel wichtiger ist die Frage: „Was habe ich falsch gemacht?“ Diese Frage aber stellen sich Politiker gewöhnlich nicht.

In ihrer Regierungserklärung am 29. Oktober erklärte die Bundeskanzlerin, dass die nunmehr beschlossenen Maßnahmen „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ seien. Es zeigte sich, dass sie weder geeignet, aus diesem Grunde auch nicht erforderlich und deshalb auch nicht verhältnismäßig waren (wenn man an die negativen Folgen des Lockdowns für die Wirtschaft denkt, denen keine positiven Folgen gegenüberstanden). – Hat man von der Bundeskanzlerin jemals etwas darüber gehört, dass sie sich geirrt habe? Dass sie sich selbst überschätzt hätte? Nein, nie! Sie sprach in ihrer Neujahrsansprache von „einigen wenigen Unverbesserlichen“, verriet aber nicht, auf welche Weise diese wenigen den Null-Erfolg der Maßnahmen vom 29. Oktober hervorgebracht haben. Denn wenn nur wenige sich nicht an die Maßnahmen gehalten hätten, dann müßte doch zumindest ein kleiner Erfolg sichtbar sein?! Hier wird also der Misserfolg extern attribuiert; „ich habe die Angelegenheit richtig eingeschätzt, sondern die „wenigen Unverbesserlichen“ haben die Suppe versalzen!“

Das Reden von den „einigen wenigen Unverbesserlichen“ weist auf einen weiteren Fehler bei der Wahrnehmung der Realität hin. Für die Kanzlerin gibt es nur schwarz-weiß. Es gibt die Leute, die sich an die Regeln halten und die „einigen wenigen Unverbesserlichen“, es gibt nur richtig und falsch. Das Zwischenfeld bleibt unbesetzt. Und so geht es weiter: Es gibt nur die richtigen Informationen, die die Kanzlerin kennt und es gibt die anderen, die nicht Informationen, sondern „Verschwörungstheorien“ produzieren. Und diese sind, ohne jegliche Unterscheidung, „unwahr und gefährlich, zynisch und grausam“. So die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache. – So hat man sich dann eingemauert! Drinnen sind die Freunde, draußen sind die Feinde! – Warum lebt die Kanzlerin in einer manichäischen Welt? Das sollte man sich einmal überlegen!

Heute am 5.1.2021 treffen sich die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder um über weitere Maßnahmen zu beschließen. Sind das eigentlich Ärzte, Epidemiologen, Soziologen, Psychologen, Psychiater? Also: sind Fachleute dabei? Wahrscheinlich Herr Drosten. Aber auch Herr Streeck? Nein! Der nicht! Das ist ein Quertreiber! (Um nicht zu sagen: ein „Querdenker!“ Und ein „Querdenker“ ist schon fast ein Faschist!) – Es sind nur Leute anwesend, die im wesentlichen dieselben Auffassungen haben wie die Kanzlerin, aber Facherfahrungen kaum mitbringen.

Es gibt einige Regeln für Beratungen und Besprechungen in der Politik, die man berücksichtigen sollte. Eine uralte Regel ist, dass die Teilnehmer eines Entscheidungsgremiums selbstständig denken können sollen. Das forderte Platon schon in der Politeia. Er verlangte Bedachtsamkeit, also die Fähigkeit, das eigene Denken bedenken zu können. In politischen Gremien, die auf die Lösung von Langfristproblemen zielen, sollte man tunlichst Personen einbringen, die ihre eigenen Meinungen haben. Und die sich ihre Meinungen immer wieder selbst neu bilden können. – Napoleon meinte einmal zu seinem langjährigen Berater Caulaincourt: „Ich habe 60 Schlachten geschlagen und aus keiner etwas für die folgenden gelernt!“ Und ähnlich äußerte sich Clausewitz, der meinte, dass man in jeder Situation immer wieder neu denken müsse. Und genauso ein Manager, dessen Namen ich vergessen habe: „Der Erfolg ist dein größter Feind!“ – Übrigens: der vorerwähnte Graf Caulaincourt war kein Freund von Napoleon, sondern eher ein Feind! Er war durch die Umstände an Napoleon gekettet. Und er tat seine Pflicht mehr als französischer Patriot denn als Freund Napoleons. – Wenn in den Beratungsgremien sowieso nur die „Freunde“ sitzen, dann kann man sich das Beratungsgremium eigentlich sparen! – Nein, sparen kann man es sich nicht, denn die allgemeine Akklamation eines größeren Gremiums stärkt das Selbstgefühl ganz ungemein. Und so verstärkt sich so das Gefühl, dass die falsche Realitätssicht die richtige ist.

So, und nun suchen Sie einmal im Umkreis unserer Kanzlerin nach selbstständig denkenden, also bedachtsamen Personen! Altmaier?, Braun?, Seibert? – Die finden Sie nicht! Die findet man nur „außerhalb der Mauern“. Manichäer aber hassen das Böse! Und das Böse kann natürlich nie das Richtige sein!

Noch eine Anmerkung zur Regierungserklärung der Kanzlerin am 29.10.2020: Die Kanzlerin meinte, die beschlossenen Maßnahmen seien „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“. Ein kennzeichnendes Merkmal von politischen Verhältnissen ist ihre große Unbestimmtheit. Die ist wohl kaum ganz zu beseitigen. Insofern sollte man (es sei denn, man ist ein Polizeioffizier im Einsatz) immer daran denken, dass man nicht notwendigerweise recht hat mit seinen Annahmen. Also solche Aussagen wie „Wir schaffen das!“ oder „Die Maßnahmen sind geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ sollte man unterlassen. Denn es ist sehr leicht möglich, dass sie sich als falsch erweisen.

Und es ist sehr vernünftig, wenn man die Betroffenen auf die Unbestimmtheit aufmerksam macht, die nie ganz zu beseitigen ist. Wenn man gesagt hätte: „nach meinem jetzigen Kenntnisstand, sind die Maßnahmen geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“, dann wäre dagegen nichts einzuwenden gewesen und es wäre auch der Kanzlerin leichtgefallen, gegebenenfalls einen Kurswechsel durchzuführen. Es hätte ihr erlaubt zu sagen: „Ich habe mich getäuscht, die Maßnahmen waren nicht geeignet; nun müssen wir einmal untersuchen, warum das der Fall war!“ Sie hätte sogar sagen können: „das mit dem Lockdown, das kostet mehr als es bringt! Lassen wir das lieber!“ – Da aber die Kanzlerin sich festgelegt hatte, wäre ein Kurswechsel peinlich gewesen. Die Kanzlerin hat sich selbst dazu verdammt, ihren Kurs fortzusetzen! – (Ich las neulich, dass eine Woche Lockdown 3 Milliarden € kosten! Wie viele Krankenhäuser könnte man damit bauen? So aber ist das Geld nur einfach weg!)

Weitere Frage: Warum liebt es die Kanzlerin, unbedingte, positive Prognosen abzugeben? („Wir schaffen das!“, Die Maßnahmen sind „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“!) – Churchill, als er im Zweiten Weltkrieg, nach der französischen Kapitulation vor Deutschland, sich entschloss, den Krieg gegen Hitler allein fortzuführen, hat sich gehütet, dem englischen Volk zu sagen „Wir schaffen das!“. Vielmehr hat er höchst negative Ereignisse prognostiziert („Blood, sweat and tears!“) und das Ergebnis offen gelassen. Aber Churchill war eben ein Politiker!

Dietrich Dörner

Trimberg Research Academy, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Nachtrag DD 30.1.2021: Da inzwischen einige die Gompertz-Zahlen ziemlich regelmäßig anfordern, schicke ich jetzt die aktuellen Abbildungen einfach als Sammelpaket. Ich bitte um Entschuldigung für diese kollektive Behandlung, aber das spart mir eine Menge Arbeit!

Abbildung 6: Aktualisierte Verlaufsdaten (zum Vergrößern anklicken). Legende: Hellblaue Quadrate: RKI berichtet über die jeweilig aktuellen Zahlen der Neuinfizierten. Dunkelblaue Quadrate: 7-Tage-Mittel der hellblauen Quadrate. Rote Quadrate: Gompertzabschätzungen der Anzahl der Infizierten. (Ab dem 24. November als Summe zweier Gompertzfunktionen.)Rote Rauten: Fortsetzung der „zweiten Welle“ (die ja immer noch aktiv ist!) Gelbe Rauten: Die isolierte und waagerecht gestellte „dritte Welle“, die in der Zeichnung auf der „zweiten Welle“ aufliegt. Grüne Dreiecke: Summiertes Wachstum (betrifft nur die „zweite Welle“).

Viele haben gefragt, wie es denn kommt, dass man ausgerechnet aufgrund der Gompertzfunktion so gute Voraussagen eines Infektionverlaufs machen kann. Ich glaube, dass für ein Verständnis eine Analogie ganz hilfreich ist: die Gompertzfunktion ist eine allgemeine Wachstumsfunktion, die zum Beispiel auch Verbrennungsprozesse abbildet. Jeder, der ein Kaminfeuer entzündet, weiß, dass das Feuer erst langsam anbrennt, solange nur die ersten dünnen Zweige, die man als Zünder unter die Mitte des Feuerholzes gelegt hat, brennen. Dann fangen erst langsam und dann immer schneller auch die dickeren Scheite zu brennen an. Dann flammt das Feuer hoch, das Wachstum ist sehr schnell. Dann aber verlangsamt sich das Wachstum wieder und geht, immer langsamer werdend, gegen null. Und selbst am nächsten Morgen findet man vielleicht noch eine einige kleine Glutherde! – Genau das ist ein Gompertz-Prozess, ein asymmetrisch-sigmoidaler Prozess. Nur dass hier das „Holz“ durch Feuer „infiziert“ wird, nicht durch einen Virus. – Diese Analogie hilft es, zu verstehen, dass eine Infektion genau so ablaufen muss, wie es die Gompertzfunktion vorschreibt! – Und es macht dann eben einen Unterschied, ob man Eichenholz verbrennt oder Birkenholz oder das alles gemischt. Die Zusammensetzung des Brennholzes und seine Menge bildet man in den Parametern A, B und C ab. – Und wenn man das Feuer löschen will, indem man einen Eimer Wasser draufgießt, dann hängt der Erfolg davon ab, ob man wirklich Wasser draufgießt oder aber Öl oder beides gemischt, und davon, ob man das Wasser auch wirklich ins Feuer gießt und nicht daneben! Und wenn sich vor dem Feuer eine Glasscheibe (gegen den Funkenflug) befindet, klappt das vielleicht auch nicht so recht mit dem Löschprozess.

Nachtrag 2.2.2021: Hallo, hier kommen die heutigen Zahlen direkt zweimal!

Abbildung 7a und 7b: Aktualisierte Verlaufsdaten.

Warum zweimal? Das ist auf zwei Briefe, von Alexis K. und von Pia D., zurückzuführen. Und da die diskutierten Themen vielleicht von allgemeinem Interesse sind, folgt nun die Antwort: Liebe Pia, lieber Alexis, kluge Fragen! Ich nehme schon an, dass der Gompertz an so etwas wie “Eingriffe” gedacht hat. Zumindest kann man seine Funktion durchaus variabel machen, indem man A, B und C nicht als Konstante verwendet, sondern als Funktionen. Das wäre ein Handgriff im Programm. Ich hab’ das mal gemacht und schicke zwei Diagramme mit. Man sieht, dass für das eine Diagramm für die zweite Gompertzkurve die herkömmlichen, meine gewöhnlichen Parameter, verwendet wurden, für die zweite Kurve im zweiten Diagramm aber andere Parameter. Das sieht dann – im Moment zumindest – so aus, als würde es besser passen.

Statt das nun in zwei verschiedenen Programmläufen zu machen, kann man das auch in einem Programm machen, kann also die ganze Sache so programmieren, dass zum Beispiel ab dem 18. Januar die Kurve der roten Quadrate leicht angehoben und vielleicht „bauchiger“ gemacht wird (Veränderung von A und C). Und das könnte man auch schrittweise einführen, dann sieht man es kaum. Und so könnte man die Leute hübsch betrügen; man müsste dann schon nachrechnen, um den Betrug zu entlarven und auf die Idee kommt natürlich keiner, weil es einen gewissen Aufwand bedeutet und man ja auch gar keinen Verdacht schöpft. – Wenn man aber die ganze Sache offen sagt, ist dagegen nichts einzuwenden! Im Gegenteil man würde sich dann in dieser Weise festlegen auf die Voraussage, dass die Maßnahmen das und das bringen! – (Ich möchte aber den Politiker sehen, der sich in dieser Weise festlegt! – Unsere Bundeskanzlerin hatte allerdings am 29. Oktober gesagt, dass die Maßnahmen „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ seien. Ohne Konjunktiv! Aber darauf ist sie nie zurückgekommen!)

Natürlich hast du recht, Pia, wenn du meinst, dass die Leute sich eben nicht daran gehalten haben. Aber auf der anderen Seite haben sie sich wahrscheinlich schon an die “alten” Maßnahmen gehalten (Masken, Abstände, usw.) und an die neuen vielleicht oft deshalb nicht, weil sie sich zum Beispiel darüber geärgert haben, dass sich Ehepaare nicht mehr zusammen treffen dürfen, usw. (In der Beziehung wurde aber keinerlei Forschung betrieben; es wurden nicht die Leute in seriöser Weise befragt, an welche Regelungen sie sich halten und an welche nicht. Das wäre ja eigentlich wichtig gewesen, dass man herausbekommt, an welchen Stellen die Leute einfach aus Ärger trotzig wurden. Das ist eben auch eine psychologische Reaktion, mit der man rechnen sollte!)

Zurück zu den Gompertzkurven: in den letzten zehn Tagen lag zwar die empirische Kurve (blaue Quadrate) sehr schön parallel zu der roten Kurve, aber doch schon mit einem ziemlich großen Abstand, zumindest wenn man die bisherigen Voraussagen von Benjamin Gompertz betrachtet. Das kann Zufall sein, aber mir ist das eigentlich schon ein bisschen zu viel! Es kann sein, dass ich mich einfach zu Anfang bei den Parametern verschätzt habe, denn am 5. oder 8. Dezember hatte ich ja erst wenige Daten für die Parameter Schätzung. Und da zum Beispiel bei C schon die dritte, Nachkommastelle einen ziemlich gewaltigen Einfluss hat, ist es schon möglich, dass ich nachjustieren muss. Es kann aber auch sein, dass ein Nachjustieren gar nichts bringt, weil ganz einfach eben die Parameter gewechselt haben und man im Grunde mit zwei verschiedenen Gompertzkurven rechnen müsste, mit verschiedenen Parametern. Zu denken wäre beispielsweise an die Mutanten. Dass die empirischen Werte seit zehn Tagen oder zwölf immer höher liegen als die Werte der ursprünglich benutzten zweiten Gompertzkurve, würde ja für eine Verschlechterung (in der Verbesserung) der Lage sprechen. Es könnte zum Beispiel sein, dass das “Home Office” nicht nur zu einer Verminderung der Kontakte, sondern zu einer Vermehrung der “familiären” Kontakte führt. (Denkt mal an die Julia-Geschichte!) Also: die kleine Nike, fünf Jahre alt, kommt aus dem Kindergarten nach Hause und fällt dem Papa im Home-Office um den Hals. Nike wird vermutlich überhaupt niemals merken, dass sie Corona infiziert war. Der Papa unter Umständen aber schon. Und wenn nicht: er kann ja seine Infektion durchaus trotzdem weitergeben! – Das wenige, was die Nachverfolgungen gebracht haben, ist, dass die familiären Ansteckungen deutlich in der Mehrzahl sind. (Grafik aus dem Handelsblatt liegt bei.) Mir erzählte neulich eine Frau, die bei Bosch in der Personalabteilung arbeitet, dass so gut wie alle Corona-Fälle bei Ihnen im Betrieb auf familiäre Infektionen zurückzuführen seien. (Natürlich sind hier Familien mit Kindern besonders “gefährdet”.) Also vielleicht hat der Herr Minister Heil ein Eigentor geschossen mit seiner Home-Office Verpflichtung. Und hat vielleicht die Sache zu undifferenziert betrachtet! (Eins ist aber ziemlich sicher! Er wird das niemals zugeben!)

Es kann aber auch sein, dass man das Ganze gar nicht mehr mit einer Gompertzkurve beschreiben kann, weil andere Umstände eingetreten sind, die sich nicht “gompertzianisch” verhalten. Solche nicht-Gompertz-Einflüsse wären wohl die Impfungen. Wenn sie wirklich nach einer gewissen Zeit verfallen, dann könnte man das so regeln, dass man A in gewissen Zeitabständen erhöht, also die Anzahl derjenigen, die angesteckt werden können. Ich würde das aber gar nicht mehr mit einer Funktion machen, sondern würde dafür ein „echtes“ Simulationsprogramm verwenden. (Ich habe so etwas mal gemacht; das ist auch gar nicht schwer, aber ich hab allein keine Zeit dafür, das weiter auszubauen.) Denn so schön und elegant die Gompertzfunktion ist: sie ist halt doch grob, weil sie hinsichtlich der Ansteckungswege, der Behandlungen usw. usw. nur in Grenzen Differenzierungen erlaubt.

So, soweit meine Anmerkungen zu Alexis und Pia!

Nachtrag DD 5.2.2021: Hier einmal wieder die neuesten Zahlen der Neuinfizierten und die zugehörigen Gompertz-Zahlen. Im ganzen bleibt der Trend erhalten, also die Abnahme der Anzahl der Neuinfizierten seit dem 24. Dezember. Bislang ergeben sich keine besonderen Veränderungen. Die Gompertzprognosen passen gut zur Empirie. Aber die letzten 5 - 6 Zahlen liegen wieder etwas über den Gompertzzahlen, was für eine Zunahme der Infektiosität sprechen könnte. Das könnten die neuen Mutanten sein? Aber warten wir zunächst mal die Wochenendzahlen ab, die natürlich bei einem Sieben-Tage-Mittel dazugehören.

Abbildung 8: Aktualisierte Verlaufsdaten 5.2.2021.

Wenn man aber hört, dass inzwischen etwa 5-6 % der Neuinfizierten mit einer neuen Corona-Mutante einer höheren Infektiosität infiziert sein sollen, dann sollte man auf die Entwicklung achten. Bislang habe ich mitunter die Parameter nachjustiert und das war möglich, ohne dass man die Gesamtpassung (gemessen zum Beispiel als Summe der Abweichungsquadrate der roten oder blauen Rechtecke) verschlechterte; sie verbesserte sich eher noch.

Also auch die frühere Passung vom 19. November bis etwa zum 24. Dezember. Solche Änderungen gehen aber nicht ewig; denn bei den Gompertz-Kurven ist das ja so, dass buchstäblich jeder Punkt mit jedem anderen zusammenhängt. Eine isolierte Änderung der Parameter ist ganz unmöglich; ändert man A, so muss man auch B und C ändern, um die Gesamtpassung aufrecht zu erhalten. Bislang konnte man immer noch sagen: du hast dich zu Beginn, Anfang Dezember, mit den Parametern verschätzt; kein Wunder, es waren da ja auch bislang erst wenige Zahlen vorhanden. Besonders, wenn sich mit einer Anpassung an die späteren Zahlen auch die Passung der früheren Zahlen verbesserte, ist das alles in Ordnung.

Aber das braucht nicht der Fall zu sein, es kann sein, dass eben nicht nur Verschätzungen entlarvt werden, sondern sich die Parameter „wirklich” verändern. Dann würde eine Parameteränderung nicht eine Verbesserung der Gesamtpassung bewirken, sondern deren Verschlechterung! Und dann dürfte man eine Änderung nicht mehr als “Nachjustierung”, als Korrektur früherer Schätzfehler betrachten, sondern sie würde bedeuten, dass nunmehr die Parameter sich wirklich, in der Realität, verändert haben.

Immerhin wären die Gompertz-Kurven auch in diesem Falle ganz brauchbar. Man würde zeigen, dass diese Gompertz-Modellierung, bzw. ihr Misserfolg, aufmerksam macht auf Parameteränderungen. Aber wenn der Prozess im Gang bleibt, dann verändert sich ja täglich das Verhältnis der mit dem traditionellen Coronavirus neuinfizierten und derjenigen, die mit der Mutante Infiziert werden. Dann müsste man, wenn man das Ausmaß der täglichen Veränderungen kennt, täglich mit anderen Parametern arbeiten. Auch das ließe sich machen! – Aber man müsste auch wissen, ob vielleicht bislang wenig Infizierbare oder gar nicht Infizierbare auch infiziert werden können? Dann würde sich A verändern müssen!

Mal sehen!

Nachtrag DD 14.2.2021: Hier sind die neuesten Zahlen der Neuinfizierten.

Abbildung 10a und 10b: Aktualisierte Verlaufsdaten (Anklicken zum Vergrößern).

Im Augenblick sieht es nicht so aus, als ob die Mutanten “durchschlagen”. Sondern es geht in geradezu unheimlicher Weise seinen gewohnten Gang. – Ich habe bislang die “Gompertz-Botschaft” nicht breit gestreut, aber die Leute, die irgendwie davon erfahren und nachfragen, mehren sich. Ich habe die wichtigsten Fragen in einem kleinen Aufsatz beantwortet, den ich auch beifüge. Und die Leute, die nachfragen, kriegen halt nur diesen Aufsatz. – Ich wollte eigentlich kein Diskussionsforum für „Corona“ aufmachen.

Es ist mir rätselhaft, dass das RKI an “Gompertz” so vorbeigehen konnte und es spricht auch eher für die schlechte Organisation des wissenschaftlichen Beraterteams der Bundeskanzlerin, die ihre Berater anscheinend so auswählt, dass sie nur eine Meinung zu hören bekommt. Sehr schlimmer Fehler! „The victims of groupthink!“

Nachtrag 22.2.2021: Hier sind die neuesten Coronadaten.

Abbildung 11a und 11b: Aktualisierte Verlaufsdaten (Anklicken zum Vergrößern).

Ich habe mich darum bemüht, die Parameter der neuen, „dritten Welle“, die wohl eigentlich die vierte Welle ist, aufgrund der letzten Tage zu schätzen. Diese Daten (der „Balken“) sind meines Erachtens sehr gut. Sie zeigen einmal eine hohe interne Konsistenz im Hinblick auf die Richtung und die Aufeinanderfolge; dass eine solche Reihe von sieben Daten durch Zufall zustandekommt, ist sehr unwahrscheinlich. Ich würde mich wundern, wenn die Schätzung grob falsch wäre. Die Daten vom 19. November an, die auf die “dritte” Welle hindeuteten, waren längst nicht so gut und trotzdem gelang es, ziemlich gute Parameter für die Prognose zu schätzen. Nun ja, mal sehen! Ich sende auch die „waagerechten“ Daten mit, um den Unterschied zu zeigen und um zu demonstrieren, wie geschätzt wurde. (Man ermittelt erst die grobe Form mithilfe der Einstellung des Parameters C. Dann schiebt man mit B die Kurve an ihren Platz und justiert dabei C unter Umständen noch nach. Und dann kommt der Parameter A also die Asymptote. – Tja, wenn das so einfach wäre … !)

Außerordentlich dramatisch sind die Daten nicht, zumindest nicht, wenn man die Kurve mit der Pushmeldung der FAZ vergleicht, die gerade eben über meinen Bildschirm flackerte: „Rasende Ausbreitung der Mutanten!“ (Es hat schon erheblich “Rasenderes” gegeben im letzten Jahr!) Man sollte aber auch bedenken, dass das (man kann es den Parametern entnehmen) ca. 100.000 Neuinfizierte mehr bedeuten könnte. Und die entsprechende Anzahl von Toten! – Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass „Maßnahmen“, die nunmehr neu getroffen werden (damit ist wohl mit Sicherheit zu rechnen!), sich in einer Senkung der Kurve unter das Gompertz-Niveau zeigen müssten, um eine Wirksamkeit anzuzeigen.

Abbildung 12. Ausschnitt

Noch ein Hinweis: der Balken mit den sieben waagerecht aufeinander folgenden Zahlen vom 13.2. bis zum 21.2. ist eigentlich kein “Plateau”, wie der Gesundheitsminister Spahn meint, sondern er steht ja (im Diagramm deutlich sichtbar) auf der niedergehenden Summe der zweiten und der dritten Welle. Er steht also auf einer schiefen Ebene und ist deshalb als Anstieg, sogar als (leicht) beschleunigter Anstieg, kaum erkennbar. Erkennbar wird das erst, wenn man ihn „waagerecht” aufstellt. Das muss man sehen, und das hat keiner gesehen, der den steilen Anstieg vor Weihnachten als eine Fortsetzung der zweiten Welle betrachtete und nicht als eine “dritte Welle” identifizierte. Die Nichtbeachtung der Gompertz-Kurve (die ja diese schiefe Ebene erzeugt!) führt zu einem falschen Bild der Ausbreitung von Corona und damit auch zu falschen Folgerungen im Hinblick auf die Bekämpfungsmaßnahmen. Noch einmal sei der Hinweis darauf erlaubt, dass sowohl die Bundeskanzlerin als auch Herr Wieler vom RKI den Gompertz-Niedergang der Infektionszahlen vom 10. Januar an als einen Effekt der Maßnahmen der Bundesregierung identifizierten! Die hätten sich also bewährt! Und deshalb könne man genauso weitermachen! (Wenn ein Auto einen Berg herabrollt und dabei immer schneller wird, muss das nicht unbedingt bedeuten, dass der Motor gut funktioniert!)

Solche Fehlurteile kosten Menschenleben! Und zwar unnötigerweise! – In der FAZ findet man am Donnerstag (18.2.2021, Seite 5) einen Leserbrief von Professor Dr. Karl J. Lackner aus Mainz. Lackner stellt fest, dass etwa 17,000 Todesfälle bei alten Leuten hätten vermieden werden können. Warum das nicht geschah und auf welche Weise es nicht geschah, möge Sie sich überlegen. Man sollte einmal wirklich untersuchen, wie es kommt, dass die massiven Maßnahmen der Bundesregierung kaum Folgen im Hinblick auf die Infektionszahlen mit sich brachten.

In dem vorletzten Kommentar zu den “Neuen Zahlen”, hatte ich gemeint, dass die hohe Zahl von Neuinfizierten am 10. Februar wohl der Wendepunkt einer ansteigenden Entwicklung sein könnte, vielleicht der Wendepunkt der „Mutantenwelle“. Ich hatte das mit einigem Triumph festgestellt! Fehler!

Wahrscheinlich ist der auf den Wunsch zurückzuführen, dass doch endlich ein starker Niedergang der Infektionszahlen der Fall sein solle. Konfirmative Wahrnehmung! Vor solchen Fehlern sollte man eigentlich gefeit sein, wenn man sich mit politischem Denken beschäftigt. Ist man aber nicht! – In der Tat kann man diese „Beule“ etwa vom 30. Januar bis zum 13. Februar nicht als “kleine” Gompertz-Kurve erklären oder nur mit großen Verrenkungen. So bleibt sie unerklärt, vielleicht enthält diese ganze Phase eine Reihe von kleinen Fällen des “Aufflackerns” der Anzahl von Infektionszahlen in einzelnen Landkreisen oder Städten, die aber dann doch nicht nachhaltig waren. Gewissermaßen Zündungen, die dann eben doch nicht richtig durchschlugen. Warum nicht? – So etwas zu wissen, wäre wichtig. Denn dann wüsste man, an welchen Schräubchen man drehen müsste, um das Aufflackern einer Infektion zu verhindern. Und 3, 4 Fallstudien anzustellen, wäre auch kein großer Aufwand.

So hat der Landkreis Tirschenreuth seit einiger Zeit sehr hohe Infektionszahlen. In der letzten Woche 358 pro 100.000 Einwohner. Im Landkreis Tirschenreuth wohnen 72.918 Einwohner. Also gab es in Tirschenreuth in dieser Woche 261 Neuinfizierte. Und (z.B.) Dithmarschen hat niedrigere Infektionszahlen! In dieser Woche 13.5 pro 100.000 Einwohner. Dithmarschen hat 133.193 Einwohner. Also gab es in der vergangenen Woche 18 neuinfizierte Einwohner. Also nur 14.5 % in Bezug auf die Zahl der Neuinfizierten in Tirschenreuth. Aber die Betten für die Intensivversorgung sind in beiden Landkreisen in folgender Weise belegt: In Dithmarschen gibt es 3 Covid Fälle, die 3 der 38 Intensivbetten belegen. 3 von 18! In Tirschenreuth gibt es 7 Covid Fälle, die 7 der 14 Intensivbetten belegen. 7 von 261! In Tirschenreuth müsste es eigentlich etwa 43 Personen geben, die ein Intensivbett beanspruchen. Also: irgendetwas stimmt hier nicht. Die Anzahl der Intensivpflegepatienten pro Infektionsfall ist in Dithmarschen offensichtlichermassen sehr viel größer als in Tirschenreuth! Was besagt also die Anzahl von Infizierten für die Anzahl der Erkrankten? Je mehr Infizierte desto weniger Kranke? Komisch! – Man findet mehr Beispiele dieser Art!
——–

Hinweis von J.F.: An der Universität des Saarlandes gibt es (eingerichtet von Thorsten Lehr) einen Covid-19-Simulator.

Aktuelle Zahlen zur Covid-19-Lage liefert das Robert-Koch-Institut.

For english-speaking readers, checkout https://www.linkedin.com/pulse/corona-model-germany-discussion-dr-alexis-katechakis

Hier weitere Arbeiten anderer Forschungsgruppen, die mit Gompertz arbeiten:

1982 Ärzteblatt: Wachstumsfunktionen: Exponentialfunktion — Logistische Funktion — Gompertz-Funktion:
8.4.2020 Wo geht die Reise hin? Einschätzung vom 8. April:
2020 Die zweite Welle? Walter Mohr und Frank W. Püschel:
2020 Universality in COVID-19 spread in view of the Gompertz function:
Gompertz-Funktion zu den Corona-Toten in Italien:
2020 Predicting the number of total COVID-19 cases and deaths in Brazil by the Gompertz model:

Heidelberg als Schwerpunkt der Umweltpsychologie - Lenelis Kruse erinnert sich

Lenelis Kruse-Graumann

Lenelis Kruse-Graumann

Im Rahmen meiner Interview-Reihe mit Ehemaligen und Heutigen am Psychologischen Institut der Uni Heidelberg sowie mit weiteren relevanten Personen habe ich jüngst ein Interview mit Lenelis Kruse geführt (YouTube Channel “Oral History“), mit der ich schon seit längerem an einem Handbuch-Artikel zum Thema „Umweltpsychologie“ im Rahmen eines HCE-Publikationsprojekts zusammenarbeite. Dabei kam die Frage auf, wie in den 1970er Jahren Heidelberg zu einem Schwerpunkt in der Umweltpsychologie wurde (dabei wollen wir nicht vergessen, dass der 1877 in Schlesien geborene und 1955 in Heidelberg verstorbene Psychologe Willy Hellpach – ein Wundt-Schüler – mit seinem erstmal 1911 erschienenen und in späteren Auflagen „Geopsyche“ betitelten Werk als einer der „Väter“ der modernen Umweltpsychologie gelten darf). - Im Nachgang zu unserem Gespräch schreibt mir Lenelis Kruse:

„Deine Frage nach der Entstehung eines Heidelberger Schwerpunkts “Umweltpsychologie” hat mich zum Nachdenken und Nachsuchen gebracht. Wann fing das eigentlich an? Nicht schon zu Zeiten meiner Dissertation (1972), die sich ja auch ganz wesentlich mit phänomenologischen Ansätzen zur Lebenswelt, Leiblichkeit, sozialem Raum etc. beschäftigte. Früher war man noch ein einsamer Doktorand, der vor sich hin arbeitete, oft einsam und frustriert. Es gab ja noch keinerlei Doktoranden-Seminare oder gar ein Doktoranden-Programm, wie heute. Für die schwerpunktmäßige Entwicklung in Heidelberg war das DFG-Schwerpunkt-Programm (SPP) „Psychologische Ökologie“ von 1978 bis 1988, aber auch schon dessen Vorbereitung seit 1974 wichtig.

Seit 1978 gab es ein DFG-SPP “Psychologische Ökologie” (das musste so heißen nach Intervention der Naturwissenschaftler – wir, die Antragsteller, wollten Ökologische Psychologie). Dieses SPP wurde nach dem Kongress der DGPs 1974 in Salzburg mit Gerhard Kaminskis Organisation eines Symposiums zur “Umweltpsychologie” durch eine Arbeitsgruppe bestehend aus Lutz Eckensberger (Saarbrücken), Kurt Pawlik (Hamburg), Carl-Friedrich Graumann (Heidelberg), Jürgen Franke (Nürnberg), Wolfgang Hawel (Dortmund), Kurt Stapf (Tübingen), Wolfgang Schönpflug (Berlin), Ernst Boesch (Saarbrücken), dann noch dazu Lenelis Kruse (Heidelberg), Ernst-Dieter Lantermann (damals noch Aachen), Clemens Trudewind (Bochum), Hugo Schmale (Hamburg) in mehreren Tagungen, unterstützt von der Werner-Reimers-Stiftung (Bad Homburg), meist auf der Reisensburg bei Günzburg, vorbereitet. Aus diesen Personen bildete sich dann auch eine Zeitlang die eigentliche Umweltpsychologie in Deutschland.

Ich hatte seinerzeit zwei Projekte in diesem SPP. Eines war “Konstruktionen von Privatheit”. Carl-Friedrich Graumann hatte zusammen mit Gerd Schneider ein tolles und sich ausweitendes Projekt zur “Identität von Stadt und der Identifikation der Bürger mit ihrer städtischen Umwelt”. Die Auswertungskategorien waren seinerzeit schon in meinen Seminaren mit einem kleinen Projekt “Walk around the block” (von Kevin Lynch abgekupfert) entwickelt worden, zusammen mit Gerhard Schneider, Tilman Habermas u.a, die dann auch als Mitarbeiter bzw. HiWis später in dem Projekt gearbeitet haben (heutzutage hätte man längst diese Seminarforschung zu Publikationen ausgebaut). Über lange Zeit waren auch Werner Kany, Marco Lalli und Ernst Weimer als Projektmitarbeiter tätig.

So entwickelte sich die Umweltpsychologie in Heidelberg nach Rückkehr von Carl-Friedrich Graumann und mir aus New York 1974, eben auch durch die Arbeit in und an dem SPP. Leider weiß ich nicht mehr genau, ab wann Umweltpsychologie als forschungsorientiertes Wahlfach im Hauptdiplom auch in der Heidelberger Prüfungsordnung verankert wurde. Neben der “walk around the block”-Methode haben wir übrigens auch - ähnlich der von Jochen Fahrenberg propagierten Technik des Ambulanten Assessment - die Methodik das “walk through Interview” etabliert (erstmals von Lynch & Rivkin 1959 eingesetzt), bei uns durch die Not geboren, weil wir es sonst in der gerade eröffneten Kopfklinik in HD nie geschafft hätten, Pflegepersonal zu den räumlichen, raumbezogenen Problemen ihrer Tätigkeit zu befragen (in dem von Architekten doch so hochgelobten Klinikneubau).

Durch meine Bekanntschaft mit dem damaligen Chef der Augenklinik Prof. Völcker konnten wir diese Interviews in der Klinik machen. Später, im Rahmen einer Doktorarbeit, war das nicht mehr so leicht möglich. Das Pflegepersonal wurde dann größtenteils nach Feierabend in der Privatwohnung interviewt. “Walk through” fiel dann flach. Man müsste mal schauen, wer damit sonst oder auch heute noch arbeitet. Es ist einfach eine tolle Methode zur authentischen Datenerfassung vor Ort und eben nicht nur retrospektiv.

Warum war der Aufenthalt 1973/74 am Graduate Center in New York so wichtig für mich? Weil ich dort ein Jahr lang mit Harold Proshansky (der damals gerade Präsident der City University New York geworden war, trotzdem aber mindestens einmal pro Woche im Psychology Department war), mit William Ittelson, der sich sehr für Phänomenologie in der Psychologie und Umweltpsychologie interessierte und zwei seiner Doktoranden immer wieder zu mir schickte, Leanne Rivlin und Gary Winkel, dazu noch Maxine Wolfe und Susan Saegert als den wichtigen Leuten am Department zusammen war. Maxine Wolfe arbeitete zu privacy bei Kindern und psychiatrischen jugendlichen Patienten, Susan Saegert hatte gerade über crowding promoviert, Gary Winkel interessierte sich für Anzeichen der deterioration of city areas (Quartiere würden wir dazu sagen), z.B. heute total diskriminierend (trotzdem wahr): Der Zuzug von immer mehr schwarzen Familien, das Herumhängen von Jugendlichen in Parks, in den Eingängen zu großen Geschäften etc…

Alle Studierenden dort arbeiteten an den verschiedensten Dissertationsthemen. Darüber wurde ständig diskutiert. Hal Proshansky hatte gerade mit einem Doktoranden das Konzept von “place identity” weiterentwickelt. Dort habe ich natürlich ganz viel mitgekriegt, und das war entscheidend für meine Bewertung von und Einstellung zu Umweltpsychologie und auch einer gewissen Sicherheit, dass dieses ein total wichtiges Thema für die gesamte Psychologie sei.

Wie kam ich nach New York an die City University (CUNY)? Nach meiner Promotion 1972 im heißen Juli war ich auf einer Tagung der Universität Stuttgart, wo es um urbane Umweltforschung ging, ausgerichtet von Architekten und Städteplanern. Da traf ich Gary Winkel. Dieser lud mich dann zum Graduate Programm an die CUNY ein, und so konnte ich mich bei der DFG um ein Forschungsstipendium bewerben. Vorher hatte ich mich um ein DAAD-Stipendium beworben. Einer der Gutachter war Martin Irle (Mannheim), der meinte, dass als Promovierte für mich ein DFG-Stipendium viel besser sei… Ja, so entwickeln sich Karrieren eben auch durch viele Zufälle.

Was bisher noch total fehlt, ist ja mein zweites wirklich sehr aktives Forscherleben im Schwerpunktprogramm “Sprache und Situation”, zusammen mit der Uni Mannheim (Theo Herrmann), wo ja auch Margret Wintermantel über die ganze Laufzeit sehr aktiv war. Mein Schwerpunkt das Thema “Soziale Repräsentation und Sprache” insbesondere das “Sprechen” zwischen Männern und Frauen, zwischen Alt und Jung usw. in verschiedenen Projekten (u.a. mit Caja Thimm und auch Sabine Koch als Mitarbeiterinnen). Später konnten wir (Caja Thimm, Sabine Koch und ich) das Thema sogar in einem soziologischen SPP der DFG zum Thema “Professionalisierung und Geschlecht” noch weiterführen (Theo Herrmann meinte ja ohnehin zu meinen SFB-Projekten zur Sozialen Repräsentation, “das sei Soziologie”. Als eingefleischter Experimentator ging er methodisch an das Thema Sprechen eben ganz anders heran).

Zu dieser Genderthematik siehe übrigens schon den kritischen Beitrag von Margret Wintermantel und mir mit dem Titel “Leadership Ms.-Qualified” im Band “Changing conceptions of leadership“, 1986 von Carl-Friedrich Graumann und Serge Moscovici herausgegeben und seinerzeit in der Studiengruppe der Werner Reimers-Stiftung entstanden. Meine Antrittsvorlesung an der FernUni Hagen im Jahr 1985 habe ich übrigens genau zu diesem Thema und nicht zu einem umweltpsychologischen Problem gehalten. Das passte m.E. hervorragend zu einer Hochschule mit 80 männlichen Professoren!“

Soweit ein Kommentar, der mir aus heutiger Sicht sehr interessant scheint, zeigt er doch die wichtige Rolle von Zufällen bei der Gestaltung von Berufskarrieren, aber zugleich auch die Bedeutung einzelner signifikanter Personen bei der Prägung von Forschungsfeldern. Warum mir selbst das Thema „Umweltpsychologie“ (UP) am Herzen liegt? Die menschengemachte Zerstörung unseres Planeten stellt ein „komplexes Problem“ dar – es gibt keine einfache Lösung, weil schon das Ziel nicht allen klar ist. Daran müssen wir (intra-, inter- und trans-disziplinär) arbeiten – die Große Transformation (Uwe Schneidewind) kommt nicht von selbst.

In diesen Zeiten bräuchten wir viel mehr UP als wir an deutschsprachigen Psychologie-Instituten vorfinden. Während im Ausland entsprechende Schwerpunktsetzungen deutlich zu erkennen sind (die American Psychological Association erscheint mir hier geradezu vorbildlich), ist eine Berufsbezeichnung „Umweltpsychologin/ Umweltpsychologe“ kaum gebräuchlich, wie ein Blick in aktuelle Stellenangebote zeigt. Aber solange das Anwendungsfach UP ein Schattendasein führt, ist kaum eine Änderung zu erwarten. Man kann von der Initiative, die Lenelis Kruse beschreibt, nur lernen.

Quellen:

Graumann, C.-F., & Moscovici, S. (Eds.). (1986). Changing conceptions of leadership. New York, NY: Springer. doi: 10.1007/978-1-4612-4876-7

Kaminski, G. (Hrsg.). (1976). Umweltpsychologie. Perspektiven—Probleme—Praxis. Stuttgart: Klett.

Kruse, L. (1974). Räumliche Umwelt: Die Phänomenologie des räumlichen Verhaltens als Beitrag zu einer psychologischen Umwelttheorie. Berlin: de Gruyter. [Promotion]

Kruse, L. (1980). Privatheit als Problem und Gegenstand der Psychologie. Bern: Huber. [Habilitation]

Kruse, L., & Wintermantel, M. (1986). Leadership Ms.-Qualified: I. The Gender Bias in everyday and scientific thinking. In C. F. Graumann & S. Moscovici (eds.), Changing conceptions of leadership (S. 171–197). New York, NY: Springer. doi: 10.1007/978-1-4612-4876-7_11

Lynch, K., & Rivkin, M. (1959). A walk around the block. Landscape, 8(3), 24–34.

Proshansky, H. M., Ittelson, W. H., & Rivlin, L. G. (1976). Environmental psychology: People and their physical settings. 2nd ed. New York: Holt, Rinehart and Winston.

3jähriges Tor-Jubiläum

Das Psychologische Institut der Uni Heidelberg ist an einewm wunderschönen Ort untergebracht: mitten in der Altstadt, direkt an der Hauptstrasse (Fussgängerzone) gelegen, mit zwei historischen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert (Friedrichsbau und Alte Anatomie) und einem schönen Innenhof, der von der Brunnengasse her befahrbar ist.

Nun weist unser Kustos Dr. Joachim Schahn daraufhin, dass wir jetzt im Dezember ein dreijähriges Jubiläum zu feiern haben: Den Abriss des ursprünglichen Tors, das die Einfahrt zum Innenhof von der Brunnengasse aus begrenzte. Am 4. Dezember 2017 wurde das alte Tor abgerissen und die Einfahrt verbreitert, damit Feuerwehrfahrzeuge im Fall eines Brandes besser um die Ecke kommen. Alles schön und gut, wir haben der Feuerschutzverordnung natürlich für die Erhöhung unseres Brandschutzes zu danken! Tatsächlich sind bei den verschiedenen Fehlalarmen die (vergeblich angefahrenen) Einsatz-Fahrzeuge gut auf unser Gelände gekommen. Wir konnten das alle zusammen gut beobachten, denn die in den Büros installierten Rauchmelder sind dermassen laut, dass es im Alarmfall niemand mehr im Büro aushält und sich deswegen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hof versammeln.

Einfahrt 1

Einfahrt Bild 1

Einfahrt 2

Einfahrt Bild 2

Die beiden Fotos (zum Vergrößern anklicken) zeigen die erbärmliche Situation: Seit 12/2017 ist die alte Abschlussmauer abgerissen, ein häßliches Baustellen-Gitter ist an deren Stelle getreten. Dahinter ist die neue Durchfahrtsschranke zu sehen, die noch immer nicht in Betrieb ist und schon 2x beschädigt wurde (der graue Kasten, der den Schrankenmotor enthält, ist gequetscht worden). Großartig ist übrigens auch die neue Postbox, die vorne links in Bild 1 zu sehen ist: Der Einwurf nach Toresschluß am Abend oder am Wochenende ist nur von sehr sportlichen Paketboten zu erreichen :-)

Mal sehen, wie lange dieser Zustand noch andauert. Verantwortlich hierfür ist übrigens nicht das Institut! Auch das zuständige Bauamt und unser Dezernat D3 können nicht viel machen: Die Handwerker werden in der Privat-Wirtschaft einfach so viel besser bezahlt und bekommen dort momentan auch so viel Aufträge, dass die öffentliche Hand einfach nur zuschauen kann. Ich erinnere mich nur zu gut an die lange Umbauzeit (2014-2017) für den Einbau des Fahrstuhls und den Kellerausbau im Hintergebäude. Am Ende war alles gut!

Bin mal gespannt, wie es in ein paar Jahren mit der geplanten Generalsanierung unseres Instituts läuft…

Nachtrag 17.12.2020: Unser Kustos ergänzt meine Schilderung noch mit weiteren Einzelheiten, die ich gerne zur Kenntnis bringen möchte (für mich als Problemlöse-Forscher eine wahre Fundgrube für menschliche Fehler):

“- Nach dem Abriss im Dezember 2017 tat sich monatelang nichts mehr, bis die eigentlichen Bauarbeiten anfingen, der Grund ist mir unbekannt.

- Wegen des breiteren Tores musste das Gefälle des letzten Stücks der Ausfahrt angepasst werden. Als die Baufirma das machen wollte, kam heraus, dass unterhalb der Einfahrt Fernwärmerohre verlaufen, die durch die Absenkung der Einfahrt um ein paar cm nicht mehr tief genug gelegen wären (Vorschrift). Offenbar war das nicht bekannt. Also mussten die Rohre tiefer gelegt werden. Das dürfen aber nur die Stadtwerke. Die hatten aber leider gerade keine Zeit, und als sie Zeit hatten, hatte gerade die Heizperiode angefangen. Während der Heizperiode ging das aber nicht, also musste bis Mai (2019, glaube ich) gewartet werden.

- Als die Stadtwerke endlich fertig waren, waren wir natürlich nicht mehr im Terminplan der Baufirma, das musste erst wieder neu vereinbart werden.

- Durch die Verbreiterung der Einfahrt musste die Mauer vor dem Zugang zum “Kaffeekeller” abgerissen und neu gebaut werden. Weil die aber um ein paar cm zu wenig hoch geraten ist (warum?), war sie nicht mehr vorschriftsgemäß, es fehlte nun eine Absturzsicherung, die vorher nicht nötig war, weil die Mauer höher gewesen ist. Erst sollte deswegen noch oben ein Geländer darauf, nun soll eine Hecke gepflanzt werden - oben natürlich, unten würde die Einfahrt ja wieder enger.

- Obwohl dann der Untergrund im Sommer 2019 soweit fertig war, konnte trotzdem konnte neues Tor angebracht werden, weil das Bauamt die Ausschreibung versäumt hat. Grund dafür waren mehrere unerwartete Krankheitsfälle und (überraschende?) Pensionierungen und dadurch wechselnde Verantwortlichkeiten, und es gab dann offenbar dringendere Dinge als unser Tor. Obwohl der Bauzaun immerhin monatlich Miete kostet.

- Im Herbst (2020) wurde die Ausschreibung endlich gemacht, nun warten wir auf das Anbringen. Dafür gibt es noch keinen Termin.

- Möglicherweise können wir aber froh sein, wenn sich das noch verzögert. Das neue Tor konnte nicht wie das alte mit zwei starren Flügeln hergestellt werden, weil es dann beim Öffnen am Boden aufgesetzt wäre. Deswegen wird jeder Flügel nochmal durch ein Scharnier geteilt, so dass es eine Art doppeltes Falttor ist. Für solche Tore ist aber erforderlich, dass alle, die es bedienen, eine offizielle Einweisung benötigen, da Fehlbedienungen dazu führen können, dass sich das Tor plötzlich von alleine schließt und dabei Personen verletzt oder Autos beschädigt. Das bedeutet, dass die Allgemeinheit außerhalb der Öffnungszeiten das Tor nicht mehr bedienen darf, so dass der Parkplatz nachts und am Wochenende nicht mehr benutzbar sein wird - es sei denn für jene, die an einer solchen Einweisung teilnehmen.

- Das war erst das Tor. Nun kommt die Schranke! Die steht schon seit einem Jahr und hat auch vor den Unfall funktioniert, und zwar in dem Sinne, dass sie auf und zugehen konnte. Nicht aber in dem Sinne, dass man sie mit Zufahrtskarten hätte öffnen können. Da gibt es seit 2 Jahren irgendwelche Probleme im URZ, sie ist also garnicht benutzbar. Die Lösung dieser Probleme ist noch nicht terminiert.

- Statt einer Halbschranke wurde eine Vollschranke angebracht. Bei geschlossener Schranke haben so Fahrräder nur noch zwei schmale Öffnungen zum Durchfahren. Dabei gibt es Probleme, wenn sich zwei entgegenkommen, oder wenn gleichzeitig Fußgänger durchgehen. Deswegen soll nun wieder ein Stück abgesägt werden. Es ist aber noch nicht klar, ob das wirklich gemacht wird, die Leute vom Bauamt sind sich da nicht einig.

- Dass sich der Unfall ereignet hat, bei dem nicht nur der Schrankenkasten, sondern auch die Elektronik in Mitleidenschaft gezogen wurde, hat mit dem Bauamt nichts zu tun, ist aber ein weiteres Kapitel dieser unendlichen Geschichte. Inzwischen wurde der Kasten wieder geliefert, aber leider in der falschen Farbe. Wenigstens fiel das noch vor der Montage auf. Erst einmal wird also nicht montiert…

- Bei der letzten Montage wurde vergessen, Abdeckkappen aus Kunststoff anzubringen. Deswegen konnte bei Regen das Wasser ungehindert in die Elektronik laufen.”

Danke, lieber Joe, für diese wunderbaren Ergänzungen! Mir gefällt insbesondere die Vorstellung, dass alle die, die das neue Flügeltor nutzen wollen (wenn es denn endlich kommt!), erst einmal einen Kurs in dessen Handhabung machen müssen. Was waren das für Zeiten, wo man ein Tor “einfach so” öffnen und schließen konnte….