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Stuart Sherman: Right Brain Problems

Stuart Sherman, aus der Performance-Serie "Spectacles" 1977-1993, Courtesy of the Estate of Stuart Sherman

Stuart Sherman (1945-2001)

Im Heidelberger Kunstverein ist zur Zeit unter dem Titel “Right Brain Problems” vom 20. April – 23. Juni 2013 eine Stuart Sherman-Ausstellung zu sehen. Es ist die erste Ausstellung seiner Werke in Europa, kuratiert von Susanne Weiß und Lena Zieske!

Stuart Sherman (1945-2001) ist ein Aktionskünstler gewesen, der mit seinen Aufführungen Leute zum Staunen gebracht hat: alltägliche Objekte und Aktionen in neuem Kontext - eine Veränderung von Perspektiven und Bewertungen. Die Ausstellung im Kunstverein zeigt zum ersten Mal in Europa einen Überblick über das filmische und performative Schaffen Shermans mit einer umfassenden Auswahl seiner Zeichnungen und Collagen.

Im Rahmen dieser Ausstellung habe ich am Mittwoch, 15. Mai 2013, um 19 Uhr im Heidelberger KV zum Thema “No (more) Right Brain Problems - Anmerkungen eines Psychologen zu Stuart Sherman” gesprochen (mehr dazu unter http://www.hdkv.de/html_docs/funke%20vortrag.htm). Schön, dass auch ein paar Psychologie-Studierende unter den Zuhörern waren!

Ich kannte die Arbeiten von Stuart Sherman bis dahin nicht, aber die Beschäftigung mit seinen Werken und seinen Ideen hat sich für mich gelohnt. Die Sicht eines Künstlers auf die Welt ist zwar verschieden von der eines Wissenschaftlers, aber die Themen sind durchaus verwandt: etwa das Verhältnis von Sehen und Denken, von konkretem Objekt und dessen bildlicher Abstraktion, von Routine und Reflexion. Es lohnt sich, in der Ausstellung die Videos zu betrachten - sie zeigen fast noch mehr als seine Grafiken und Collagen die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Aktionen betreibt und die uns nicht nur zum Nachdenken, sondern manchmal auch zum Lachen bringt.

Kunst, Kunstwissenschaft und Psychologie passen übrigens gut zueinander - ich will gar nicht an Sigmund Freud erinnern. Wie schade, dass der vor einigen Jahren von uns dazu geplante Sonderforschungsbereich von kritischen DFG-Gutachtern abgelehnt wurde. Die Kontakte mit dem Institut für Europäische Kunstgeschichte - vor einigen Jahren in Person von Raphael Rosenberg, heute in Person von Henry Keazor - bestehen jedoch weiterhin. Und auch ohne DFG-Förderung kann man sich dem Thema Kunst nähern: einfach mal in die Ausstellung gehen :-)

Weitere Infos zu Stuart Sherman:

Marsilius-Vorlesung “Evolution des Denkens”

Am 16.5.13 fand die Marsilius-Vorlesung in der alten Aula statt: “Evolution des Denkens” hieß der Vortrag von Prof. Dr. Onur Güntürkün (Uni Bochum), der die volle Aula in seinen Bann zog. Vor dem Hintergrund vergleichender Forschungen aus der Neurobiologie zeigt er, dass es viele evolutionäre Wege zur Entwicklung komplexer Denkprozesse gibt und die Entwicklung des Homo sapiens nur einer davon ist. So zeigen Untersuchungen an Vögeln, dass diese einen ganz eigenen Weg bei der Evolution ihres Vorderhirns und des Denkens eingeschlagen haben, womit sie kognitive Leistungen erbringen können, die auf dem Niveau von Schimpansen liegen oder dieses teilweise sogar übertreffen. Auch ohne Neocortex lassen sich wohl einige Probleme souverän lösen.

Gut gefallen hat mir seine Veranschaulichung mancher Argumente, so z.B. die Beobachtung, dass mit steigendem Gehirngewicht keinesfalls die Intelligenz wächst. Entscheidend dafür ist der Enzephalisationsquotient. Darunter versteht man die Relation vom gemessenen zum erwarteten relativen Hirngewicht - beim Menschen erreicht dieser Wert ein Maximum in bezug auf seine Vergleichsgruppe der Säugetiere. Derartige Nichtproportionalität verdeutlichte er z.B. anhand von Sardellen: “Stellen Sie sich einen Sardellenliebhaber vor, der allein immer die 100g-Dose Sardellen mit 10 Stück darin nimmt. Lädt er vier Gäste zu sich zum Sardellenessen und kauft die 500g-Dose, findet er dort jedoch nur 38 Sardellen, die in mehr Öl eingelegt sind, und nicht 50, wie erhofft”.

Komparative Verhaltensforschung macht deutlich, dass verschiedene Spezies ähnliche Probleme lösen mussten, dafür aber verschiedene Mittel zur Anwendung brachten. Zentrale Hirnstruktur für problemlösendes Verhalten beim Säugetier wurde der präfrontale Kortex, bei den Vögeln das Nidopallium caudolaterale. Dank dessen - so Güntürkün - können Vögel wie Säugetiere kognitive Teilfunktionen situationsgemäß koordinieren. Spannende Erkenntnisse, die uns die Komparatistik hier liefert!

Hochschulwahlen

Wahlen wohin man blickt: Vom 13.-15.5. fanden die Wahlen der Studierenden darüber statt, ob sie ab demnächst von einem Studierenden-Rat (StuRa) oder einem Studierenden-Parlament (StuPa) vertreten werden wollen. Beide Modelle unterscheiden sich dadurch, dass im StuRa die Fachschaften eine dezidiertere Position erhalten, während das StuPa die demokratische Wahl von 31 Studierendenvertretern vorsieht. Das sind vergleichsweise kleine Unterschiede - bedeutend ist, dass seit nunmehr 36 Jahren (!) wieder eine verfasste Studierendenschaft existiert, die sich zu hochschulpolitischen Themen äußern darf und eigene Finanzen verwaltet.

Wenn Hochschulen auch als Bildungsorte demokratisch engagierter Bürger verstanden werden sollen, war dieser Schritt überfällig. Die an sinkenden Wahlbeteiligungen erkennbare Demokratie-Müdigkeit stellt eine gefährliche Entwicklung dar, die Splittergruppen mit extremen Positionen plötzlich hohen Zulauf beschert. Das darf nicht sein - Hochschulabsolventen sollen nicht nur Wissen erwerben und kundige Bürger sein, sondern vor allem sollen sie auch mündige Bürger werden, die ihren Wissenserwerb als Privileg verstehen und zum Wohl der Menschheit verwenden. Demokratie muss man üben - wo ginge das besser als an einer Hochschule?

Auch im Akademischen Sernat hat Rektor Bernhard Eitel seine Wahlen getroffen und vorgestellt: die neuen Prorektoren, die ihn ab Herbst für die nächsten 3 Jahre begleiten. Insgesamt gibt es vier Prorektorate zur Unterstützung des Rektors:

  • Prorektor für internationale Beziehungen: Prof. Dr. Thomas Pfeiffer als bisheriger Amtsinhaber wird abgelöst von Prof. Dr. Dieter Heermann.
  • Prorektor für Forschung und Struktur: der amtierende Kollege Prof. Dr. Thomas Rausch findet in Prof. Dr. Stephen Hashmi seinen Nachfolger.
  • Prorektorin für Studium und Lehre: die bisherig amtierende Kollegin Prof. Dr. Friederike Nüssel wird von Prof. Dr. Beatriz Busse abgelöst.
  • Prorektor für Qualitätsentwicklung: unser Kollege Prof. Dr. Karlheinz Sonntag ist der einzige, für den bis jetzt noch kein Nachfolger feststeht.

Insgesamt ein gutes Team, das den Rektor unterstützt und das auch das volle Vertrauen des Senats geniesst.

Nachtrag: In den Wahlen zum Modell der Studierendenvertretung hat sich übrigens das StuRa-Modell durchgesetzt - hier der Text der Pressestelle der Uni Heidelberg vom 16.5.13 zu den studentischen Wahlergebnissen:

Bei der Urabstimmung über die Satzung der Verfassten Studierendenschaft an der Ruperto Carola ist die Entscheidung für das Modell eines Studierendenrats, kurz StuRa, gefallen. Rund 59 Prozent der Stimmen wurden für dieses Modell abgegeben. Auf den zweiten Vorschlag, das Studierendenparlament, entfielen knapp über 40 Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 17,6 Prozent. Insgesamt beteiligten sich 4833 Studierende an der Abstimmung.

Im Sommer 2012 hat der Landtag von Baden-Württemberg beschlossen, an den Hochschulen des Landes die Verfasste Studierendenschaft (VS) wieder einzuführen, die im Jahr 1977 vom Gesetzgeber abgeschafft worden war. Im Hinblick auf die mögliche Ausgestaltung einer Vertretungsstruktur der Studierenden haben zwei studentische Gruppen in den vergangenen Monaten die Modelle des Studierendenparlaments und des Studierendenrats erarbeitet. Nach der Entscheidung über das künftige Satzungsmodell für die Verfasste Studierendenschaft erfolgt nun die Festsetzung der Wahl der Organe der VS. Spätestens bis zum 31. Dezember 2013 muss sich die Vertretung laut Gesetz auf zentraler Ebene konstituiert haben.

Complex problem solving als MOOC?

Massive open online courses” - kurz MOOC genannt - sind seit einigen Jahren zu einem neuen Unterrichtsmodell geworden: Bekannte Forscher geben online Unterricht zu ihren Spezialthemen. Und dies nicht für eine kleine Gruppe von Teilnehmenden, sondern für eine riesige Gemeinde von Interessierten. Die Kurse aus Stanford oder Berkeley haben teilweise >100.000 Teilnehmer! (Zumindest am Anfang - durchhalten bis zum Ende incl. Prüfung tun Bruchteile davon).

Große kommerzielle Plattformen wie Coursera, Udacity oder Udemy bieten neben nicht-kommerziellen Plattformen wie eDX oder P2PU inzwischen zertifizierte Kurse an, mit denen man Kreditpunkte sammeln kann. Unklar ist allerdings, ob sie und wie sie anerkannt werden. Die Nachfrage scheint jedenfalls sehr hoch zu sein.

Nun hat die elearning-Plattform iversity zusammen mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft eine Förderung von 10x 25.000 Euro Anschubfinanzierung für die Einrichtung eines MOOC an deutschen Hochschulen ausgelobt. Bei diesem Wettbewerb habe ich mich beteiligt! Zusammen mit unserer Master-Studentin Mareike Walther habe ich ein Bewerbungsvideo produziert und ein kleines Kurskonzept zum Thema “Complex Problem Solving” erstellt und eingereicht (der Link dazu steht am Ende dieses Beitrags).

Warum nehme ich daran teil? Was erhoffe ich mir von einem MOOC-Kurs? Es ist ja nicht so, als wären wir Professoren lehrmäßig nicht ausgelastet - auch ich freue mich jedes Mal auf das alle vier Jahre mögliche Forschungssemester, wo man lehrfrei seinen Forschungsinteressen nachgehen kann. Warum dann ein MOOC? Neben meiner Neugier auf dieses Format (und abgesehen von der Tatsache, dass mich ein Heidelberger Absolvent nominiert hat - danke!) ist es vor allem die Möglichkeit, einen Kurs zu gestalten, der ausschließlich mein Fachgebiet und meine Expertise anspricht. Ich mache also genau das, was ich meine am besten zu können: Informationen zum Forschungsstand auf meinem ureigensten Gebiet! Der zweite Grund: in diesen Kurs kommen nur Teilnehmer, die am Thema Interesse haben. Das ist ein Unterschied zu mancher Pflicht-Lehrveranstaltung, an der Studierende aus extrinsischen Gründen teilnehmen (weil sie es müssen, nicht weil sie es wollen). Dies scheint mir das beste Argument: ein Kurs wird angeboten, weil ihn Leute hören wollen, weil sie etwas lernen wollen - nicht weil sie gerade noch 4 Leistungspunkte für ihr Studium brauchen.

Ich glaube, dieses eigengetriebene Interesse der Lernenden ist für mich so wichtig, weil ich in meinem eigenen (überlangen) Studium viele Veranstaltungen (in Philosophie, Soziologie, Ethnologie, Kunstgeschichte, Germanistik) einfach nur aus Interesse an den Inhalten besucht habe und dies für mich - trotz manchmal miserabler Didaktik der Dozierenden - sehr ergiebig war, weil ich mich auch unabhängig von den Dozierenden mit dem Thema auseinandergesetzt habe! Hier sehe ich mit MOOC eine neue Chance auf ein interessegeleitetes, neugiergetriebenes Studium frei von Zertifikaten wie BSc und MSc sowie frei von einer Währung (”Leistungspunkte”).

Natürlich soll dies nicht meine Verpflichtungen in der Präsenzlehre mindern - im Gegenteil: ich hoffe sehr, dass hier eine wechselseitige Befruchtung stattfindet. Vielleicht finden sich ja Studierende vor Ort, die MOOC plus Präsenzlehre machen? Diese Art von blended learning wäre natürlich klasse!

Tatsächlich gibt es in MOOCs erheblichen Drop-Out: Viele schauen einfach mal herein, bringen den Kurs aber nicht zu Ende - das ist für mich kein Problem! Bei mir soll damit kein Geld verdient, sondern es sollen Erkenntnisse verbreitet werden. Und wenn jemand nur einen Teil der Info mit nimmt: auch gut!

“To give psychology away” - dieses Statement von George Miller (1969) habe ich immer als wichtig erachtet. Mit MOOC eröffnet sich die Chance, weltweit Interessierten unsere Erkenntnisse zum Lösen komplexer Probleme vorzustellen und aus den Rückmeldungen zu lernen. Mal sehen, ob da nicht etwas Interessantes entsteht!

Gut 200 Vorschläge sind eingereicht, 10 werden gefördert. Mitentscheidend für einen Zuschlag ist die öffentliche Zustimmung zu den Kursen während der Abstimmungsphase zwischen dem 1. Mai 2013 und dem 23. Mai 2013. Also, wenn Sie mich unterstützen wollen: Geben Sie mir Ihre Stimme! Vote here!

ZPID Verwaltungsrat

Auf Vorschlag des Rheinland-Pfälzischen Wissenschaftsministeriums und im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Gesundheit sind Prof. Dr. Claudia Dalbert (Universität Halle bzw. Fraktionsvorsitzende der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag von Sachsen-Anhalt) und ich als externe Mitglieder von April 2013 an für vier Jahre in den Verwaltungsrat des Leibniz-Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) berufen worden. Der Verwaltungsrat ist das Aufsichtsgremium der Anstalt und beschliesst über alle Fragen von grundsätzlicher Bedeutung und überwacht dessen Direktor, der in einem gemeinsam von der Uni Trier und des ZPID durchgeführten Berufungsverfahren bestimmt wird.

Von 1997-2006 war ich zwei Amtszeiten lang Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des ZPID, von 2011-2013 war ich Mitglied in dessen Kuratorium. Nach der Umwandlung des ZPID von einer “wissenschaftlichen Einrichtung” an der Uni Trier in eine landesunmittelbare “Anstalt” des öffentlichen Rechts wurde nun das Kuratorium aufgelöst und der Verwaltungsrat hat sich konstituiert. Der Landtag Rheinland-Pfalz hat dies in seiner Sitzung vom 8.2.2013 mit dem “Landesgesetz über das Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation” (kurz: ZPIDG) beschlossen, nun erfolgt die Umsetzung dieses Gesetzes.

Ich freue mich, das ZPID noch eine weitere Wegstrecke lang begleiten zu können und ihm mit Rat und Tat beiseite zu stehen!

siehe auch meinen Beitrag zum 40jährigen Jubiläum des ZPID: f20.blog.uni-heidelberg.de/2012/10/13/40-jahre-zpid/

PS: Hier die Pressemitteilung des ZPID vom 22.4.2013 zur Umwandlung der Struktur:

Das ZPID ist ab 2013 eine Anstalt des öffentlichen Rechts

Das Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) ist seit dem 01.01.2013 eine Anstalt öffentlichen Rechts des Landes Rheinland-Pfalz. Es bleibt mit seinen Räumlichkeiten und Mitarbeiter/innen an der Universität Trier angesiedelt.

Das ZPID wurde 1972 noch unter dem Namen „Zentralstelle für Psychologische Information und Dokumentation“ (ZPID) mit Mitteln der Max-Planck-Gesellschaft an der Universität Trier gegründet. Im Jahr 1988 wurde es als zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Trier institutionalisiert und ab diesem Zeitpunkt über die „Blaue Liste“ der Bund-Länder-Einrichtungen finanziert, aus der die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) hervorging. Seit 1997 ist das ZPID Gründungsmitglied der Leibniz-Gemeinschaft und wird seitdem zu jeweils 50 % durch den Bund und die Ländergemeinschaft finanziert. Es blieb jedoch weiterhin eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Trier.

Der Paragraph 91b des Grundgesetzes, nach dem der Bund keine Institutionen innerhalb von Hochschulen fördern darf, machte eine Änderung dieses status quo notwendig. Per Landesgesetz wurde das ZPID zum Jahreswechsel eine rechtlich unabhängige Anstalt öffentlichen Rechts des Landes Rheinland-Pfalz. Der Verwaltungsrat der neuen Anstalt trat am 19.04.2013 zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen und verabschiedete die Satzung der Anstalt sowie eine Kooperationsvereinbarung zwischen ZPID und Universität Trier. Sein neuer Status ermöglicht dem ZPID größere Flexibilität in seiner strategischen Entwicklung. Seine strukturelle Anbindung und wissenschaftliche Kooperation mit der Universität Trier möchte das ZPID zum Vorteil beider Institutionen weiter fortführen.

Gastbeitrag “To publish or not to publish … Vom langen Atem in der Wissenschaft”

Gastbeitrag von Monika Sieverding

Publish or perish“ heißt eine bekannte Devise in der Wissenschaft. Manchmal muss man einen ganz schön langen Atem haben, um dieser Devise folgen zu können. Im Januar 2011 haben Laura Schmidt, Julia Obergfell, Fabian Scheiter und ich Ergebnisse einer Studie zum Thema „Stress und Studienzufriedenheit bei Bachelor- und Diplom-Psychologiestudierenden im Vergleich“, die auf einer Diplomarbeit von Laura Schmidt und Julia Obergfell aufbaut (s. das Buch: Zwangsjacke Bachelor?) bei der Psychologischen Rundschau eingereicht, das Manuskript wurde nach gründlicher Revision im Januar 2012 endgültig angenommen, und nun, im April 2013 ist der Artikel endlich erschienen …

Mehr als 2 Jahre zwischen Einreichung und Veröffentlichung und das bei demselben Journal … Ist die Erfahrung mit diesem Publikationsvorgang eine Ausnahme? Nein, absolut nicht. Ein Manuskript aus dem gleichen Forschungsprojekt wartet bei einem anderen Journal nach Wiedereinreichung der Revision seit mehr als 5 Monaten auf eine Entscheidung. Ein weiteres Manuskript aus einem anderen Forschungsprojekt unserer Arbeitsgruppe befindet sich zur Zeit in der 3. Revision, die Herausgeberin des Journals hat angekündigt, dass noch mindestens ein Revisionsvorgang erfolgen wird, danach dann nur noch (!!!) ein formaler Begutachtungsvorgang. …

Man muss also nicht nur einen langen Atem, sondern auch eine hohe Frustrationstoleranz haben und darf vor allem die Rückmeldungen (oder zwischenzeitlich eben auch: Nicht-Rückmeldungen) nicht persönlich nehmen. Es gibt zum Glück ab und zu auch positive Gegenbeispiele. Der Gastherausgeber der Zeitschrift „Appetite“ z.B., bei der Nadine Ungar, Tatjana Stadnitski und ich ein Manuskript eingereicht hatten, fand unsere Studie, in der wir eine „5-am-Tag-Intervention“ mit einer „Just one more“-Intervention verglichen hatten, so interessant, dass er nach Einreichung der Revision dafür sorgte, dass der Artikel in kürzester Zeit (und zwar innerhalb eines Monats!) erscheinen konnte. Solche Erfahrungen, die eine Belohnung der ‚Schreibaktivität‘ nach einer überschaubaren Zeit beinhalten, sind zwischendurch unbedingt notwendig, um die Motivation zum Schreiben und Publizieren aufrecht zu erhalten.

Klar: die langen Wartezeiten entstehen ja unter anderem dadurch, dass wir alle zunehmend mit Review-Anfragen überschüttet werden, jedes einzelne Review kostet viel Zeit. Immer mehr Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sollen immer mehr publizieren, immer mehr eingereichte Manuskripte müssen im Peer-Review-Verfahren begutachtet werden…

Ich gebe zu: Manchmal gab es Momente, in denen ich die Reviews nicht ganz so konstruktiv fand und mir überlegt habe, ob ich mir eine weitere Revision sparen soll. (Vor allem dann, wenn die Veränderungen in der Revision, die aufgrund der Empfehlungen von Reviewer X vorgenommen wurden, anschließend von Reviewer Y schärfstens kritisiert werden …) Vor kurzem habe ich – nach reiflicher Überlegung – auch mal ein Review ganz zurückgewiesen, weil es schlicht und ergreifend unsachlich und unqualifiziert war. Im Großen und Ganzen aber habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Reviews zu einer deutlichen Verbesserung der Manuskripte beitragen, und ich habe durch die wertvollen Anregungen der Kollegen und Kolleginnen schon sehr viel gelernt. Und wenn dann erst mal der Artikel gedruckt vor einem liegt, dann ist der Frust über die lange Wartezeit fast schon wieder vergessen, und man ist einfach nur stolz.

“Kurpfalzgift”

Der fünfte Kriminalroman (nach “Elenas Schweigen”, “Kurpfälzer Intrige”, “Ab in die Hölle” und “Kurpfalzblues”) aus der Maria-Mooser-Reihe ist gerade unter dem Titel “Kurpfalzgift” erschienen. Auf dem Klappentext heisst es:

“Der streitbare Kurpfälzer Viktor Beerkamp ist spurlos verschwunden. Alles, was er hinterlassen hat, sind ein Blutfleck und ein rätselhafter Hinweis auf Perkeo, den trinkfreudigen Hofzwerg, der einst auf dem Heidelberger Schloss lebte. Hat Beerkamp seine Kurpfälzer Nase ein wenig zu tief in fremde Angelegenheiten gesteckt? Als ein zweiter Mann verschwindet, wird Maria Mooser klar, dass bei diesem Fall nur eines sicher ist: Gift kann töten, Schweigen auch.

Skrupellose Abzocker, kopflose Hühner, gefährliche Leidenschaften - Maria Mooser kämpft an allen Fronten.”

Die Autorin Marlene Bach, die sich dieses alles fein säuberlich ausgedacht und in schöne, zum Teil sehr amüsante Worte gepackt hat, ist mir selbst ja keine Unbekannte - ich hatte wieder einmal das Vergnügen, die Entstehung dieses Romans aus nächster Nähe zu begleiten und als einer der ersten Leser die Auflösung des raffinierten Plots zu erfahren. Möge das Buch viele Leserinnen und Leser finden! [hier die nächsten Lesungstermine]

Dass es nicht nur um Unterhaltung geht, ist mir wichtig herauszustellen. Der neue Forschungsschwerpunkt “Regulation und Selbstregulation” hat in Person von Maria Mooser ein sehr gutes Anschauungsbeispiel durch die Art und Weise, wie MM ihre eigenen Emotionen z.B. gegenüber ihrem Assistenten Alsberger herauf- und herunterreguliert, es aber nicht immer schafft sich zu kontrollieren. In meinem aktuellen Seminar “Selbstregulation” werde ich wohl einzelne Szenen aus dem neuen Buch zur Illustration heranziehen.

Übrigens: In einer Lesung auf der Criminale 2013 in Bern zusammen mit Ingrid Noll und Helga Beyersdörfer hat Marlene Bach ihr neues Werk vor rund 200 Zuhörenden vorgestellt - großer Applaus!

Semesterbeginn

Das Sommersemester 2013 hat begonnen. Schon im Vorfeld war es am erhöhten Mailaufkommen zu erkennen (”Ich bin Nebenfachstudent und brauche 4 Leistungspunkte - bei Ihnen gibt es aber nur 3 LP. Was soll ich machen?” [mein Vorschlag: in die Vorlesung von Frau Christmann gehen, da gibt's drei weitere LP]; “Ich war im letzten Jahr nicht in der AP I - darf ich trotzdem in die AP II kommen?” [mein Vorschlag: aber ja doch, probieren Sie es aus...]; “Fängt die Veranstaltung schon am 15.4. an?” [Antwort: Sie beginnt wie angegeben am 22.4.] usw.). Zusammen mit den Rückfragen zum vergangenen Semester (”Ich habe bei Ihnen an der Klausur teilgenommen - kann ich eine Bescheinigung darüber erhalten?” [meine Antwort: meine Sekretärin stellt für alle Sonderfälle wie Erasmus oder spezielle Nebenfächer entsprechende Scheine aus]) sind es gut 50 Mails mit Anfragen gewesen… Und noch hat das Semester gar nicht richtig durchgestartet!

Dazu kommen zahlreiche Studierende aus anderen Universitäten, die irgendetwas Interessantes auf meinen Webseiten gefunden haben oder darum bitten, Ihnen doch noch ein paar aktuelle Quellenangaben zum Thema “Kreativität im Kindergarten” zu liefern - ich wäre ja Experte. Auch Nachfragen zu unseren Zitierregeln werden gerne gestellt. Und natürlich rufen Journalisten an mit ganz tollen Fragen “Warum lacht man auf dem Klo so gerne?”, “Was sagt die Psychologie zum Haarersatz von Jürgen Klopp?” usw. In der April-Ausgabe 20134 der Apotheken-Umschau sind ein paar Zitate von mir zum Thema “Compliance” - da habe ich 20 Minuten mit dem Journalisten diskutiert.

Mit dem Start des neuen Semesters startet auch der neue Geschäftsführende Direktor (GD) Sven Barnow seine zweijährige Amtszeit als “primus inter pares”,  der damit die Kollegin Monika Sieverding ablöst, die in den letzten zwei Jahren an der Spitze unseres Professoriums stand. In einer ihrer letzten Aktionen hat sie die GDs aller baden-württembergischen Psychologischen Institute zusammengerufen, um beim Wissenschaftsministerium die Einstufung der Psychologie als Natur- und nicht (wie bisher vorgesehen aufgrund einer Klassifikation des Statistischen Bundesamtes von neunzehnhundert-something) als Buchwissenschaft zu erreichen. Nur unter dieser Randbedingung nämlich sind wir bereit, wie vom Ministerium gefordert mehr MSc-Studienplätze einzurichten; de facto geht es um den Betrag, der pro neuem Studienplatz bereitgestellt wird - die Buchwissenschaften erhalten nur fast halb soviel wie Naturwissenschaften.

Senatsunterlagen 407. Sitzung

Senatsunterlagen 407. Sitzung

Tatsächlich war diese Initiative von Monika Sieverding recht erfolgreich und wir hoffen, schon ab diesem Winter 20 weitere MSc-Plätze anbieten zu können - also neben 90 BSc-Plätze nun auch 90 MSc-Plätze stellen zu können. Die Nachfrage nach Psychologie ist ungebrochen hoch: auf die bisher 70 MSc-Plätze haben es ca. 650 hochqualifizierte Bewerberinnen und Bewerber abgesehen, deren Unterlagen wir im Moment prüfen und bewerten. Die Bewerbungen auf die BSc-Plätze sind etwa 8x so hoch…

Auch die erste Senatssitzung dieses Semesters (die 407. insgesamt) findet diese Woche statt - die Sitzungsunterlagen sind ein 8 cm hoher Stapel (siehe Foto) von weit über 1000 Seiten, die wir 5 Tage vor der Sitzung erhalten… Gut, dass wir Senatoren mit Wasser und Kaffee versorgt werden!

Die nächsten drei Monate dreht die Institution Universität wieder einmal auf eine höhere Schlagzahl - glücklich diejenigen, die wie unsere Kollegin Birgit Spinath ein Forschungssemester erhalten haben und sich ganz auf ihre inhaltlichen Fragen konzentrieren können. Dieser zeitweilige Rückzug auf das Wesentliche kommt allen zugute, und wir alle kommen immer wieder einmal in den Genuss dieses Privilegs.

Jetzt heisst es für die meisten von uns aber erst einmal Zähne zusammenbeissen und dem ersten Ansturm standhalten. Wellen kommen - und gehen… Eine lebendige Organisation braucht dieses Auf und Ab. Das Sommersemester ist gekommen - und wird am 26. Juli wieder gehen :-)

PS: Sehe gerade, dass ich vor 6 Jahren schon mal zu diesem Thema einen (kurzen) Blog-Eintrag geschrieben habe: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2007/04/12/semesterbeginn/

Carola und ich: Eine Beziehung der besonderen Art

Ich habe ein Verhältnis. Mit einer 625 Jahre alten Dame. Mit Carola. Zugegeben: Der Altersunterschied lässt sich nicht leugnen. Aber die Gute ist bei aller Lebenserfahrung so lebhaft und offen, sie steckt so voller überraschender Ideen und interessanter Fragen, dass ich ihn manchmal glatt vergesse. Als Psychologe befasse ich mich gerne mit Beziehungen, besonders mit außergewöhnlichen. Und die zwischen Carola und mir interessiert mich natürlich ganz besonders.

Meine erste Begegnung mit Carola: 1986 auf dem von Manfred Amelang organisierten nationalen Psychologenkongress – eine knappe Woche im Heidelberger September, bei schönem Herbstwetter. Für mich als Jungwissenschaftler, dessen Promotionsschrift 1986 bei Springer (in Heidelberg!) erschien, eine wunderbare Erfahrung! Hier zu arbeiten müsste das Paradies sein … Aber erstmal musste ich mich an meiner damaligen Uni Bonn habilitieren. Carola verschwand aus meinen Gedanken, brachte sich aber bald wieder in Erinnerung: 1992 lockte sie mich mit einer C3-Professur für Allgemeine Experimentelle Psychologie und verschmähte mich dann doch.  Im Winter 1994 ließ sie noch einmal ihre Reize spielen: Die C4-Professur für Allgemeine und Theoretische Psychologie (Nachfolge Groeben) wurde ausgeschrieben, und ich umwarb sie erneut. Wiederum kam ich nur auf Platz 2 hinter Elke van der Meer. Die aber lehnte ab, und so kam endlich der Ruf des damaligen Wissenschaftsministers Klaus von Trotha zu mir. Nach kurzen Verhandlungen fing ich zum 1.4.1997 an meiner hoch geschätzten Ruperto Carola an zu arbeiten. Wenn man sich dann etwas länger kennt: Na ja, Paradies ist etwas anderes. Aber es hat ja auch keiner gesagt, dass Carola jeden Tag gleichbleibend bezaubernd, lustig und charmant ist. Bei so vielen Facetten müssen auch ein paar dabei sein, die weniger glänzen.

Gab es auch andere Beziehungen neben der zu Carola? Zum Jahrtausendwechsel hatte ich eine Liebelei mit einer Sächsin – die TU Dresden bot hervorragende Arbeitsmöglichkeiten und rief mich ins Elbflorenz. Am Ende hat meine Carola dann aber auch in die Schatulle gegriffen und mir den Verbleib an ihrer Seite schmackhaft gemacht.

Was mich an dieser Universität fasziniert, ist ihre große Bandbreite an Themen und die Vielfalt interessanter Persönlichkeiten, die hier in Lehre und Forschung tätig sind (und waren - wie z.B. der Gründungsvater der modernen Psychologie Wilhelm Wundt oder Carl Friedrich Graumann, der die Ökologie menschlichen Erlebens und Verhaltens betont hat). Dies schlägt sich für mich in vielfältigen persönlichen Beziehungen zu den Vertretern anderer Fächer nieder, von denen ich mich anregen lasse und mit denen ich gelegentlich kooperiere. Mit dem Ethnologen Jürg Wassmann habe ich z.B. Seminarsitzungen abgehalten, in denen wir uns - sehr zur Freude der Studierenden - über die Methoden unserer Fächer gestritten haben. Mit dem Kunsthistoriker Raphael Rosenberg bin ich in einem gemeinsamen Seminar in die Tiefen von Kunst und Psychologie versunken, einfach herrlich!

Ruperto Carola: Das ist ein Vollweib! Eine “comprehensive university”! Eine, die in die volle Breite geht! Eine, an der was dran ist! Und sie hat viele Geschichten zu erzählen, über die Zeit der Romantik, die Zeit der aufblühenden Naturwissenschaften mit den ersten Nobelpreisen, die Studentenrevolution in den 1970er Jahren … Das Unileben unter dem Vorzeichen “semper apertus” und dem Motto “Dem lebendigen Geist”: Das ist eine Aufforderung zu lebenslanger Kreativität in der Tradition der Aufklärung.

Ja, ich bin stolz auf meine Ruperto Carola! Die alte Dame hat mich ganz schön in ihren Bann gezogen. Auch wenn sie manchmal grantelt: Es ist großartig, hier als Teil von ihr zu arbeiten.  Deswegen ist ein neutraler Blick auf mein Verhältnis zu ihr kaum möglich – Liebe macht bekanntlich blind! Dass Carola schon 625 Jahre alt ist, trage ich ihr nicht nach. Für mich ist sie eine junge Lady, mit der ich noch so einiges vorhabe!

(veröffentlicht in „Heidelberger Jahrbücher“, Band 55, 2013)

Anmerkung zur Entstehungsgeschichte: Dieser Beitrag ist schon vor über 2 Jahren geschrieben worden. Damals war geplant, anläßlich des 625jährigen Jubiläums unserer Uni im Jahre 2011 einen besonderen Band der regelmäßig erscheinenden  “Jahrbücher” herauszubringen: nicht einen weiteren Themenband, wie ihn die letzten  Ausgaben vorgesehen hatten, sondern einen Band, in dem sich Professorinnen und Professoren dieser Universität nach eigenem Gusto auf zwei Seiten präsentieren sollten. Im Hinterkopf hatte ich dabei den von Annette Kämmerer und mir herausgegebenen Band “Seelenlandschaften“, in dem wir knapp 100  Professorinnen und Professoren der Psychologie in Selbstdarstellungen auf jeweils 2 Seiten versammelt hatten.

Nun liegt Band 55 der Heidelberger Jahrbücher auf dem Tisch. Darin stellen sich rund 100 aktive Heidelberger Wissenschaftler in kurzen, sehr persönlich gehaltenen Porträts vor. In unterhaltsamer Weise schildern sie ihren Lebensweg und ihr Verhältnis zur Universität Heidelberg. Das so entstandene Mosaik aus Prosatexten, Abbildungen und Fotos zu den Porträtierten zeigt die Vielfalt unserer Universität, einer echten Voll-Universität. Aus der Psychologie sind dabei Sven Barnow, Joachim Funke, Annette Kämmerer, Birgit Spinath und Andreas Voß, aus dem weiteren Kreis unserer Fakultät Andreas Kruse, William Sax und Johannes Schröder.

Tatsächlich hat sich das Erscheinen verzögert, da wir zwischenzeitlich unseren Vertrag mit Springer gekündigt hatten und das ganze Projekt nun im Selbstverlag betreiben. Zudem war der Prozess des Einsammelns von Texten mit vorgeschrieben maximaler Länge und mit gutem Foto des Autors eine harte Geduldsprobe für die beiden Band-Herausgeber Markus Hilgert und Michael Wink - besten Dank für ihre Mühen!

Als das für diese Buchreihe verantwortliche Vorstandsmitglied der “Gesellschaft der Freunde” bin ich stolz auf das Ergebnis! Der Band liegt nun jedenfalls auf dem Tisch und wird demnächst in der UB vorgestellt. Er ist für 18,70 € im Buchhandel oder direkt in der Geschäftsstelle der “Gesellschaft der Freunde” erhältlich. Übrigens: Mitglieder der “Alumni Psychologici” erhalten auf Anfrage ein Exemplar kostenlos.

Frühere Themenbände unserer Reihe: Rausch (1999), Kreativität (2000), Milieu+Vererbung (2001), WahnWeltBild (2002), Weltbilder (2003), Konflikt (2004), Bildung und Wissenschaft (2005), Gesundheit (2006), 200 Jahre Heidelberger Romantik (2007), Überzeugungsstrategien (2008), Sprache (2009) - sind online über die Universitätsbibliothek Heidelberg verfügbar. Siehe http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/epubl/hdjb/.

Climate Engineering: Warum wir Probleme damit bekommen

Zusammen mit meiner federführenden Doktorandin Dorothee Amelung habe ich an einem Artikel mitgeschrieben, der unsere Kritik an den verschiedenen Ideen zu “Climate Engineering” (CE) enthält. CE ist der Versuch, die unangenehmen Folgen des anthropogenen Klimawandels durch grosstechnologische Massnahmen (z.B. Solar Radiation Management) zu reduzieren. Nach drei Jahren Mitarbeit im interdisziplinären Marsilius-Projekt haben wir einen tieferen Einblick in die Problematik gewinnen können. Aus der Warte derjenigen, die - wie wir - mit komplexen Problemen arbeiten, steht zu viel auf dem Spiel, als dass man auf einen “technological climate fix” setzen sollte.

Wir haben die Merkmale komplexer Probleme am Beispiel CE  durchdekliniert: Komplexität, Vernetztheit, Intransparenz, Dynamik und Zielkonflikte als zentrale Merkmale treffen allesamt auf CE zu und erlauben daher den Transfer von dort gewonnenen Erkenntnissen.  Angesichts der vielfältigen Fehlermöglichkeiten sind wir zu einem skeptischen Urteil gekommen.

Unsere Warnung wird vermutlich nicht viel ändern - die Technologien sind längst fortgeschritten und warten nur auf eine grossflächige Erprobung. Ausserdem: Die Alternative “Verhaltensänderung” sieht nicht gut aus. Allen Warnungen zum Trotz wird unser ökologischer Fussabdruck (siehe meinen Blog-Beitrag zum “Virtuellen Wasser“) immer größer. Psychologie als Verhaltenswissenschaft tut sich schwer, in diesem Bereich substantielle Verhaltensänderungen in grossem Maßstab herbeizuführen. Positive Einstellungen zum Klimaschutz sind zwar da, aber offensichtlich nicht durchgängig verhaltensrelevant - das klassische Dilemma! Natürlich wollen wir alle den armen Eisbären auf seiner Scholle schützen, aber deswegen am Wochenende auf das Billigangebot eines Flugs nach London für 20 Euro verzichten?  Vermutlich brauchen wir einen langen Atem. Und wir sollten immer daran denken: Think globally, act locally!

Hier die Referenz:

  • Amelung, D., & Funke, J. (2013). Dealing with the uncertainties of climate engineering: Warnings from a psychological complex problem solving perspective. Technology in Society, 35, 32-40. (der Artikel steht als PDF zum Download bereit auf meiner Publikationsliste).
  • siehe auch meinen Blog-Eintrag Abschluss-Symposium “Climate Engineering”