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20 Jahre Wikipedia

Heute vor 20 Jahren startete das Projekt “Wikipedia” - eines der erfolgreichsten Wissensportale der Neuzeit! Wer meinem Blog folgt, wird immer wieder Links auf WP-Einträge finden. Ich bin von Anfang an ein Fan dieses aufklärerischen Vorhabens von Jimmy Wales gewesen! Was im 18. Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung mit Diderots & D’Alamberts “Encyclopedie” (>70.000 Stichworte) begann, ist heute unvergleichlich voluminöser, internationaler und weniger elitär als das damalige Projekt.

Meine verschiedenen Selbstversuche mit WP haben unterschiedliche Erfahrungen geliefert. Mit dem Stichwort “Ernst-August Dölle” hatte ich mir z.B. keine Freunde gemacht (heute ist es etabliert, damals wurde “humorlos Fiktives gestrichen”), aber auch der Versuch, das Stichwort “Große gesellschaftliche Herausforderungen” zu etablieren (immerhin vom Wissenschaftsrat verwendet), scheiterte an strengen Zensoren (ist heute Teil des WR-Eintrags). Das Stichwort “Komplexes Problem” wurde 2012 im Rahmen eines Seminars angelegt (Danke, Jessica Horn!) und existiert bis heute.

Mein 2016 gestarteter Versuch, gemeinsam mit Jochen Fahrenberg (Freiburg; allein schon unsere Namenskürzel JoFa & JoFu versprachen viel Spass …) das Wissen der Emeritierten zu nutzen (siehe meinen damaligen Blogbeitrag “Wikipedia und Psychologie“), hat leider nicht viel gebracht! Ich muss gestehen: ich habe mich auch nicht besonders engegiert… Ausser dem Kongressbeitrag in Leipzig 2016, der ein positives Echo hatte, und der Vorstellung meiner Ideen im DGPs-Vorstand unter Vorsitz von Andrea Abele-Brehm, die ebenfalls positiv aufgenommen wurden, sowie einem kleinen Aufruf zur Mitarbeit in der “Psychologischen Rundschau” (ich sehe gerade: Die Titelblätter der PR wie auch das Stichwort PR in der WP sind von mir eingefügt worden) ist nicht viel zustandegebracht worden. - Übrigens ist in den USA die APS (Association for Psychological Science) mit einer Wikipedia-Initiative (Link auf APS-Seite) vorbildlich unterwegs, die Qualität englischsprachiger WP-Beiträge zu verbessern und vervollständigen.

Glückwunsch also zu diesem tollen Projekt, das für mich als Informationsquelle nicht mehr wegzudenken ist und das ich im Alltag viel nutze (alle externen Links dieses Beitrags gehen diesmal auf WP-Seiten)!

Socrates in the town hall?

Am 10.1.2021 fand der traditionelle Neujahrsempfang der Grünen in der Halle 02 statt - natürlich online (das Gespräch wurde aufgezeichnet und steht zum Nachhören auf Youtube zur Verfügung)! Unter der Moderation von Dipl.-Psych. Arnd Küppers, einem Alumnus unseres Instituts und früheren Institutsmitarbeiter, fand ein Gespräch zwischen unserer (grünen) Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, der (grünen) Bundestagsabgeordneten Franziska Brantner und - als Ehrengast - dem (grünen) Wuppertaler Oberbürgermeister Uwe Schneidewind statt.

Mich hat vor allem die Person Uwe Schneidewind gelockt, ist er doch über viele Jahre Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie gewesen und hat dieses Amt aufgegeben, um seit dem 1. November 2020 als Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal zu amtieren - und zwar als Kandidat der CDU, obwohl sein Buch “Die große Transformation” (Fischer, 2018) viele Sätze enthält, die Außenstehende wohl eher dem Wuppertaler Philosophen und Unterstützer von Karl Marx, Friedrich Engels, zuschreiben würden.

Die große Transformation: Schneidewind bezeichnet den gesellschaftlichen Wandel als “Kunst” - er spricht von einer “Zukunftskunst, auf der Grundlage einer transformatinen Literacy (d.h. dem Wissen um das Zusammenspiel von technologischen, ökonomischen, institutionellen und kulturellen Dynamiken) aktive Beiträge zur Gestaltung einer am Leitbild der Nachhaltigkeit orientierten Zivilisation zu leisten” (S.41, kursiv). Transformative Literacy: Das bedeutet wohl eine Kompetenz zur Revolution! Er nimmt dabei explizit Bezug auf die “vier Engel” des moralisch-zivilisatorischen Fortschritts, die Steven Pinker in Kapitel 9 seines 2011 erschienenen Buches “The Better Angels of Our Nature” beschreibt: Empathie, Selbstkontrolle, Moralität, Vernunft (übrigens allesamt große Themen der Psychologie!).

Wissenschaft wird als Akteur gesehen, der Möglichkeitsräume aufzeigen soll und Wertpositionen vertritt (häufig verborgen und implizit, etwa in der Unterrichtung der Ökonomie - in der Psychologie z.B. im Rahmen eines verborgenen Menschenbilds, das den Menschen als Maschine begreift). Theresia Bauer hat ihr Konzept der Real-Labore eng an Uwe Schneidewinds Überlegungen angelehnt und fördert seit 2015 in Baden-Württemberg eine Reihe derartiger Projekte.

Schneidewinds “Zukunftskunst”. Damit ist die Fähigkeit gemeint, kulturellen Wandel, kluge Politik, neues Wirtschaften und innovative Technologien miteinander zu verbinden. So werden Energie- und Mobilitätswende, die Ernährungswende oder der nachhaltige Wandel in unseren Städten möglich. Sein Buch ermuntert Politik, Zivilgesellschaft, Unternehmen und jeden einzelnen von uns zu Zukunftskünstlern zu werden. Übrigens hat der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) bereits im Jahr 2011 in einem Gutachten mit dem Titel “Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation” das Konzept der Großen Transformation stark gemacht, als Antwort auf Große gesellschaftliche Herausforderungen. Das Konzept der Großen Transformation geht auf Karl Polanyi (1944) zurück, der damit die Umwandlungen des Gesellschaftssystems vom 19. in das 20. Jahrhundert (vor allem in England) beschrieben hat. - Den Begriff der “environmental literacy” hat wohl zunächst Roland Scholz (ETH Zürich) verwendet, bevor Lenelis Kruse (Heidelberg) daraus “sustainability literacy” machte und dann Uwe Schneidewind von “transformative literacy” sprach.

In Heidelberg hatte Uwe Schneidewind am 11.4.2018 im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum Masterplanverfahren Neuenheimer Feld einen Impulsvortrag gehalten, über den ich seinerzeit in meinem Blog-Eintrag schrieb:

Der anregende wie provozierende Impulsvortrag wurde von Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des “Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie” gehalten. Unter dem Titel “Horizont 2050+: Nachhaltigkeit, Campus, Städtebau, Mobilität” hat er das Fenster in die Zukunft weit geöffnet und der Stadt Heidelberg nicht nur zu diesem sehr besonderen Beteiligungsverfahren gratuliert, sondern auch die einmaligen Chancen betont, am Beispiel des Neuenheimer Feldes zukunftsweisende Modelle des Zusammenlebens von Stadt und Universität vorzuführen und zu erproben. Eines seiner Kriterien war die “Enkeltauglichkeit”: Was werden unsere Enkelkinder wohl dazu sagen, dass wir momentan alles auf motorisierten Individualverkehr ausrichten (um die 1.5 Tonnen schwere Kisten, die meist 1 Stunde am Tag meist 1 Person von A nach B bewegen und ansonsten auf einem Parkplatz stehen; wieviel Geldvermögen dort auf der Strasse steht, wagt man gar nicht zu berechnen).

Die Angst, am heute Bestehenden etwas aufgeben zu müssen, ohne genau zu wissen, was danach kommt, ist eine Innovationsbremse - unsere Rationalität, so Schneidewind, findet viele gute Argumente für den Status Quo. Das zu durchbrechen wurde in Kleingruppen versucht, die zu klärende Fragen für die ab Sommer startenden Planungsateliers vorbereiten sollten.

Gerade der Materplan-Prozeß in Heidelberg zeigt die berechtigte Sorge, dass es uns Bürgern noch an “transformativer Literacy” mangeln könnte…. Wir sind anscheinend  keine “großen Transformierer”, sondern eher die Apologeten des Status Quo und dessen Fortschreibung in die nächsten Jahrzehnte. Es wird sich bald zeigen, welche Rahmenplanung für die Zukunft des universitären INF-Areals vom (grün dominierten) Gemeinderat beschlossen werden wird.

Der Titel meines Blogbeitrags “Socrates in the town hall?” lehnt sich übrigens an den Titel eines Buches an, in dem empirische Daten den Leistungsvorsprung derjenigen Universitäten demonstrieren, die von Wissenschaftlern geleitet werden (im Unterschied zu denen, die von Managern verwaltet werden):

  • Goodall, Amanda H. (2009). Socrates in the boardroom. Why research universities should be led by top scholars. Princeton: Princeton University Press. [hier eine kurze Beschreibung aus der Hand der Autorin]

Die alte sokratische Vorstellung einer Gelehrtenrepublik, in der ein Philosoph/Wissenschaftler an der Spitze eines Staates steht und öffentliche Ämter nicht von Politikern, sondern von Wissenschaftlern ausgeübt werden (etwas abschätzig “Scientokratie” genannt): Mit Uwe Schneidewind tritt ein ausgewiesener Wissenschaftler den Versuch an, den politischen Alltag in Wuppertal zu gestalten. Mal sehen, was daraus wird!

Maschinen: Intelligenz? Ethik?

Ich hätte dieses Wochenende (8.-10.2021) eigentlich in Berlin verbringen sollen - die Evangelische Forschungsakademie hatte mich eingeladen, den Eröffnungsvortrag ihrer 145. (sic!) Tagung zu halten, die unter dem Thema “Künstliche Intelligenz. Macht der Maschinen und Algorithmen zwischen Utopie und Realität” stand. Wie heute fast schon üblich, fand diese Konferenz - für die Akademie zum ersten Mal - virtuell via Zoom mit etwa 60 Teilnehmenden statt.

Über meinen Eröffnungsvortrag, der die menschliche Intelligenz von künstlicher abgegrenzt hat (Merksatz: “Menschen handeln, Maschinen führen aus”) will ich hier nicht weiter berichten. Wohl aber gab es ein paar Beiträge, die mir bedenkenswerte Aspekte zum Themenfeld künstlicher Intelligenz aufgezeigt haben. Darüber will ich ein paar Zeilen schreiben.

Der Informatiker Peter Liggesmeyer (TU Kaiserslautern) machte Stärken und Schwächen maschineller Systeme deutlich. Er verglich konventionelle mit Ki-Programmen: Die konventionellen Programme sind zwar unflexibel, dafür einwandfrei feststellbar, d.h, deren Ergebnisse sind erklärbar. Maschinelles Lernen (KI-Programme) ist flexibel, lernfähig, aber nur mangelhaft reproduzierbar, Ergebnisse sind nicht leicht erklärbar.

Ausführlich ging Liggesmeyer auf die Gefahren lernender Algorithmen ein - die Beispiele (z.B. Eykholt el al. 2018, doi: 10.1109/CVPR.2018.00175, über ein Stop-Schild, das plötzlich als Geschwindigkeitsbegrenzung gedeutet wid; Metzen et al. 2017, http://arxiv.org/abs/1704.05712, über eine Bildverarbeitung, bei der für das menschliche Auge sichtbare Fußgänger aus KI-Sicht unsichtbar werden) zeigen potentielle Unfallquellen für autonome Fahrzeuge auf). Das weite Feld der adversarial examples kam hier zur Sprache, das unser Vertrauen in maschinelle Lernverfahren etwas erschüttert.

Apropos: Autonomes Fahren wird vielleicht schneller kommen, als wir es heute für möglich halten - vielleicht auch zunächst nur auf bestimmten Strassen wie z.B. Autobahnen, wo (zumindest unter akzeptablen Wetter-Bedingungen) überschaubare Situationsklassen auftreten (normalerweise keine Radfahrer, keine Fußgänger, keine überraschenden Wegführungen). Auf der anderen Seite stehen Sicherheitsbedenken: der Tesla-Autopilot-Unfall mit tödlichem Ausgang macht schmerzlich klar, dass die angestrebten Sicherheitsstandards für selbstfahrende Autos noch nicht erreicht werden. Der autonome Tesla bringt es zur Zeit auf einen tödlichen Unfall auf insgesamt 210 Millionen gefahrene Kilometer. In der Vergangenheit (im 19. Jahrhundert) wurde übrigens eine neue Technologie namens “Dampfmaschine” eingeführt, als längst noch nicht alle Probleme dieser Technologie gelöst waren und die Dampfkessel noch reihenweise explodierten (”Learning from ignorance” von Jim Thomson 2013 über Dampfkessel-Explosionben in den USA; hier ein Bericht vom TÜV über historische Dampfkessel-Explosionen in Baden-Württemberg aus dem Jahr 2016). Manche Technologien drängen auf den Markt und warten nicht auf kritische Prüfung…

Weil heute Daten wichtiger als Algorithmen sind (die Qualität eines maschinellen Lernprogramms hängt vor allem von Menge und Qualität der Trainingsdaten ab), sind große Konzerne wie Facebook und Google in einer Spitzenposition. Liggesmeyer machte deutlich, dass wir uns mehr über die sinnvolle Verwendung unserer Daten als über deren Verbergen (klassischer Weg: “Datenzugangskontrolle”) Gedanken machen sollten - das neue Konzept dabei heisst “Datennutzungskontrolle” (hier ein Erklär-Video vom Fraunhofer-Institut) und soll berechtigten Nutzern (z.B. Ärzte, Behörden) unserer Daten den Zugriff gewähren.

Der Komponist Franz Danksagmüller (Lübeck) zeigte in seinem Beitrag anhand musikalischer Beispiele, wie Algorithmen Musik “im Stil von” XY (Bach, Mozart, Michael Jackson) produzieren. Offensichtlich keine neue Entdeckung, weil bereits Mozart eine Anleitung zur Komposition von Walzer-Musik zugeschrieben ist, die mit gewürfelten Zahlen bestimmte Teilstücke immer neu zusammenfügt (sog. “Würfelmusik“). “Ergreifend” sind diese Kompositionen noch nicht (hier ein durchaus eindrucksvolles Beispiel aus dem Linzer Museum “Ars Electronica“), aber sie werden immer besser :-) Der Google Doodle zu Ehren von Johann Sebastian Bachs Geburtstag am 21.3.2019 war der erste Doodle überhaupt, der mit AI gespeist war und ein umfangreiches #BachDoodle-Team mit großer Expertise hinter sich stehen hatte (das Video erklärt den Hintergrund).

Zum Thema Ethik habe ich einiges über Maschinenethik gehört - ein neues Forschungsgebiet an der Schnittstelle von Philosophie, Robotik und Informatik. Die Philosophin Catrin Misselhorn (Uni Göttingen) hatte Spannendes beizutragen. Gibt es bei einem selbstfahrenden Staubsauger ethische Probleme? Ich hätte spontan “nein” gesagt, aber Frau Misselhorn brachte den Maikäfer ins Spiel, den ich vielleicht doch lieber vor dem Aufsaugen gerettet wissen möchte… Und tatsächlich gibt es das Ladybird-Projekt, in kleiner, mobiler Saugroboter, der Marienkäfer bzw. ähnliche Objekte erkennt und bei ihrer Anwesenheit seine Arbeit unterbricht - eine “moralische Maschine” also. Ihrer steilen These, dass moralische Maschinen in einem funktionalen Sinn Menschen moralisch überlegen seien, kann ich nicht zustimmen - zu sehr gehen mir dabei die Stufen der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg durch den Kopf (an denen man natürlich vieles kritisieren kann, aber nicht hier): Maschinen sehe ich (allenfalls) auf dem Level konventioneller Moral gefangen, während Menschen zu post-konventionellen Moralentscheidungen fähig sind. Weisheit spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle, die ich bei einer Maschine nicht erkennen kann. Aber vielleicht sollte ich erst einmal ihr Buch “Grundfragen der Maschinenethik” (2018, 4. Aufl. bei Reclam) lesen …

Der Theologe Dirk Evers (Uni Halle) hat in seinem Beitrag über “Gottebenbildlichkeit und KI” den “Authentizitätswahn” (Thomas Bauer) unserer Epoche angesprochen (”Diktatur der Freiheit” nach Eric Schmidt, Google-CEO von 2001-2011, und dem Philosophen Richard David Precht: KI gibt mir Antworten darauf, was ich tun könnte; ein Beispiel: Der Wahlomat hilft bei der Suche auf die Frage “wen soll ich wählen?”). In diesen “Überforderungsdynamiken der Moderne” bietet KI eine Entlastung vom Entscheidungsdruck, die wir anscheinend dankbar annehmen.

Am Beispiel von Seerobbe (”Pflege-Robbe”) Paro und Computerhund Aibo wurde zugleich deutlich, dass solche künstlichen Knuddeltiere durchaus eine therapeutische Funktion erfüllen können, aber immer der  “Modus des zweifachen Bewusstseins” (Christopher Scholtz; hier ein Aufsatz von Scholtz zum Thema) gesehen werden sollte, wonach wir uns bewusst darüber sind, keine lebendigen Wesen vor uns zu haben. Politisch verband Evers diesen Gedanken mit der Forderung, dass in jeder Interaktion mit einem Maschinenwesen (Roboter, “Bot” etc.) sich dieses als Maschine zu erkennen geben müsse - eine tolle Forderung, wie ich finde! Denn Maschinen haben keine Würde, können daher auch einfach abgestellt werden - wir gehen keine sozialen Verpflichtungen mit Maschinen ein! Menschenwürde: unbedingt! Maschinenwürde: nein!

Noch eine letzte politische Forderung von Dirk Evers, die bei mir hängengeblieben ist: “Daten sollten vergesellschaftet werden”. Momentan liefern wir unsere persönliche Daten im Gegenzug für eine meist kostenlose Nutzung von Webdiensten. Dabei könnte man viele dieser Daten für gesamtgesellschaftlich nützliche Zwecke verwenden statt sie privaten Firmen zur Nutzung zu überlassen (Beispiel Taxiunternehmen Uber: siehe z.B. den Vortrag von Mirko Herberg “What if the citizens of Berlin owned Uber’s data?”).

Ich wusste gar nicht, wie politisch Theologen sein können! Danke an die Referenten und die Referentin für die vielen Anregungen, danke für das “food for thought”, das in meine Handschuhsheimer Dachstube gelangen durfte! Ein Weiterbildungs-Wochenende der besonderen Art! Danke für die Einladung!

Gastbeitrag “Corona und Mathematik” (Dietrich Dörner)

Beim nachfolgenden Gastbeitrag handelt es sich um einen Text unseres Ehrendoktors Dietrich Dörner, der seit vielen Jahrzehnten dynamische Prozesse untersucht. In den 1980er Jahren hat er sich intensiv mit der AIDS-Epidemie, insbesondere deren Fallzahlen beschäftigt (nur zwei beispielhafte Quellen: Dörner, D. (1985). Zeitabläufe, Aids und Kognition. Sprache & Kognition, 4, 175–177. - Koch, M., L’Age-Stehr, J., Gonzalez, J. S., & Dörner, D. (1987). Die Epidemiologie von Aids. Spektrum der Wissenschaft, 1(8), 38–51.) und sich immer für Modelle bzw. Simulationen der Wirklichkeit als Erklärungsansätze interessiert. Für meine eigene Forschung im Bereich des Umgangs mit komplexen Systemen war das sehr wichtig (und es hat immerhin 40 Jahre freundlichen Streits bedurft, um einen gemeinsamen Artikel  - Dörner & Funke 2017 -  zu verfassen, ein Fall von adversarial collaboration).

Im vorliegenden Gastbeitrag zeigt Dietrich Dörner die Nützlichkeit (und geradezu unglaubliche Vorhersagekraft!) einer mathematischen Funktion (der Gompertz-Funktion) zur Modellierung von Corona-Fallzahlen (auch wenn die politischen Implikationen einen erneuten Anlass zum Streit bedeuten könnten). Lesen Sie selbst!

Gastbeitrag “Corona und Mathematik”. Von Prof. Dr. Dietrich Dörner, Universität Bamberg

Wenn etwas Neues geschieht, und besonders, wenn dieses Neue bedrohlich erscheint, möchte man gerne wissen, warum es geschieht und warum es so geschieht wie das der Fall ist. Denn wenn man etwas von etwas anderem ableiten kann, es berechnen kann, dann heißt das, dass es bestimmten Gesetzen gehorcht. Und dann ist es schon viel weniger bedrohlich; denn man weiß dann, wovon das Geschehen abhängt und das kann bedeuten, dass man eine Abhilfe finden kann.

Warum geschieht „Corona“ und wie geschieht es? Auf die Frage „wie?“ kann man oberflächlich leicht antworten; auf der Abbildung 1 sieht man den Zuwachs der Neuinfizierten Tag für Tag vom 1. September 2020 bis zum Weihnachtsfest. Auf die Frage „wie?“ kann man also antworten „so!“. Und auf Abbildung 1 zeigen. Hier sieht man (hellblau) die Zuwachszahlen, so wie sie vom Robert-Koch-Institut von Tag zu Tag berichtet werden. Dann sieht man eine Kurve aus blauen Quadraten; diese zeigt den Zuwachs von Tag zu Tag als gleitenden Mittelwert, als 7-Tage-Mittel; die Werte werden also berechnet, indem zum Wert eines Tages die sechs vorausgehenden Werte hinzuaddiert werden und die Summe durch 7 geteilt wird. (Das kann man auch anders machen, zum Beispiel so, dass die jeweils aktuelle Zahl in der Mitte steht und man die Summe bildet, indem man die drei vorlaufenden und die drei nachlaufenden Werte zum mittleren Wert addiert und das ganze durch 7 teilt. Dann hat man ein zentriertes 7-Tage-Mittel. Dieser Unterschied ist schon wichtig, da man sonst leicht verwirrende Ergebnisse erhält; wenn man die sechs vorlaufenden Wert zum siebten addiert, bekommt das 7-Tage-Mittel einen „Rechtsdrall“; die aktuellen Werte sind „vergangenheitslastig“.)

Abbildung 1: Die Entwicklung der Anzahl der Neuinfizierten vom 1. September bis zum 24. Dezember 2020. Hellblau: Anzahl der Neuinfektionen pro Tag nach dem RKI. Blaue Quadrate: 7-Tage-Mittel der Anzahl der Neuinfektionen pro Tag.

Was geschieht in dem Prozess, der auf Abbildung 1 dargestellt wird? Und warum läuft der Prozess gerade so ab? Das sieht – auf den ersten Blick – zumindest im hinteren Teil ziemlich „unordentlich“ aus! Zuerst geht es langsam los; dann aber wird der Anstieg steiler. Dann wieder schwächer und es folgt eine Art Plateau, das langsam absinkt. Soweit noch ganz gut; das ist ein Sigmoid! – Aber dann sieht man gar nicht mehr so genau, was los ist; es wird einfach „unordentlich“; man erkennt keine Regel! Es gibt wieder einen Aufstieg, dem ein weiteres Plateau vom 11. bis zum 16. Dezember folgt. Dann gibt es wieder einen Anstieg und wieder ein Plateau, aber ein kleineres. – Was geht hier vor?

Eine Infektion ist ein biologisches Geschehen. Das Virus vermehrt sich, so gut es kann und das tut es, in dem es immer mehr Personen infiziert. Das hat aber eine natürliche Grenze, nämlich in der Anzahl der infizierbaren Personen. Biologische Wachstumsprozesse lassen sich gewöhnlich als Sigmoide (Sigma = griechisch S) beschreiben, als eine Struktur also, die einem S, welches man an der oberen Hälfte nach rechts zieht, ähnlich ist. Ein solcher sigmoidaler Verlauf ist in der Abbildung 1 beobachtbar, nämlich vom 1. September bis etwa zum 15. November. – Warum aber bildet sich ein Sigmoid und nicht zum Beispiel eine exponentiell verlaufende Kurve? Das ist einfach zu beantworten; das Wachstum „frisst“ gewissermaßen seine eigenen „Ressourcen“. Je mehr die Anzahl der Infizierten anwächst, desto weniger können neu infiziert werden und dadurch nimmt die Wachstumsrate immer mehr ab, um schließlich gegen Null zu gehen.

Eine sehr allgemeine Wachstumsfunktion ist die Gompertz-Funktion. Benjamin Gompertz (1779 – 1865) war ein britischer Jude, der, weil er Jude war, nicht studieren durfte. Dennoch wurde er im Jahre 1819 in die Royal Society aufgenommen. (So ganz stringent war also der britische Rassismus nicht.) – Gompertz befasste sich unter anderem mit „Sterbetabellen“ also mit der Frage, wie die Entwicklung der Häufigkeit von Todesfällen mit steigendem Alter zu- und schließlich natürlich wieder abnimmt (weil einfach immer weniger Leute da sind, die sterben können). Solche Zahlen benötigen die Versicherungsanstalten, um die Versicherungsgebühren so zu berechnen, dass eben ein erfreulicher Betrag für den Versicherungsnehmer im Erlebensfall abfällt, auf der anderen Seite aber auch für die Versicherungsgesellschaft ein befriedigender Profit gesichert ist. (Die Gompertz-Funktion ist mithin ein echtes Produkt einer „kapitalistischen“ Kalkulation; damit sie Gewinn abwirft, muss sie stimmen!) Gompertz entwickelte (oder entdeckte) im Jahre 1825 die Gompertz-Funktion als eine allgemeine Funktion, die viele verschiedene Wachstumsverläufe (genauer: unendlich viele!) zu berechnen gestattet. Die Formel lautet:

y = A × e^(-e^(B - C × x))

(Das Zeichen ‚^‘ sollte man hier ‚hoch‘ lesen und ‚e‘ ist die Eulersche Zahl, nämlich 2.71828 … .) – Für den konkreten Fall muss man die Parameter A, B, und C schätzen. Erfreulicherweise reicht als Grundlage für die Schätzung im Extremfall neben dem Beginn der Entwicklung ein einziges Datum! Bei stark zufallsbehafteten Daten sollte man aber vielleicht doch lieber auf drei oder vier Datenpunkte oder eine kurze Serie zurückgreifen. Man wird dann, wenn man das ganze am Rechner macht, erstaunt beobachten können, wie „Gompertz“ – wie von Zauberhand – aus einer kurzen Serie, die fast wie eine Gerade aussieht, einen ziemlich komplizierten Kurvenverlauf macht.

(Mit den Parametern A = 1026000, B = 3.46, C = 0.046 und x = 1 .… 75 können Sie die 7-Tage-Mittelwerte der Abbildung 1 ganz gut errechnen. Nehmen Sie zum Beispiel x = 65. Das ist also auf der Abbildung 1 der 4. November. Und dann rechnen Sie bitte

y = 1026000 × 2.71828^(-2.71828^(3.46 - 0.046 × 65))

Wenn Sie nun für y irgendetwas herausbekommen haben, was ungefähr so aussieht wie „207147.03.“, dann haben Sie richtig gerechnet! Das ist nun die Gesamtzahl der Infizierten nach 65 Tagen. Diese Zahl wollen Sie aber gar nicht; sie wollen das Wachstum zu diesem Zeitpunkt. Das bekommen Sie ganz einfach, indem Sie von der obenstehenden Zahl die Gesamtzahl der Infizierten nach 64 Tagen abziehen. Damit Sie nicht zu rechnen brauchen: das ist 192118.054! Das Wachstum am 65 Tag beträgt mithin 15028.97. Zu dieser Zahl sollten Sie noch 1288 addieren, das ist eine Wachstumskonstante, die so etwas wie eine Basis darstellt, ein Grundwachstum, auf dem die Entwicklung aufsetzt. (Das ist so ungefähr das tägliche Wachstum von Neuinfizierten, das zwischen dem 1. Mai und dem 31. August 2020 durchschnittlich der Fall war. Die sogenannte „zweite Welle“ setzt auf diesem Grundwachstum auf. – Diese additive Konstante bezeichnen wir in Abbildung 2 als „Ae0“. Ae0 kann aber auch eine Funktion sein, zum Beispiel ein Gompertz-Wachstum, das die Basis ist, auf der ein anderes Wachstum (welches natürlich auch ein Gompertz-Wachstum sein kann), aufsetzt. – Dafür folgt unten ein Beispiel!)

Sie bekommen also nun für den 4. November das von Benjamin Gompertz vorausgesagte Wachstum von 16316.97. Das Wachstum, welches das RKI berichtet, ist – bei einer 7-Tage-Mittelung – = 16192.976. – Also ich finde, wenn man bedenkt, dass Benjamin Gompertz keine Ahnung hatte von Corona und auch nicht von der bisherigen Entwicklung, wenn man ihm nur gesagt hätte: „es gibt hier eine Entwicklung, die am 1. September 2020 beginnt und die durch folgende drei Punkte (1. …, 2. …, 3. …) geht. Nun sagen Sie uns doch bitte einmal welchen Wert diese Entwicklung am 4. November 2020 haben wird?“ – Und wenn er nun antworten würde: „16316.97!“, dann würde man ja wohl doch sagen: „Benjamin Gompertz kann hellsehen!“ Und zwar über eine Distanz von 195 Jahren hinweg. (Benjamin Gompertz kann uns auch verraten, wann die Entwicklung zu einem Plateau einschwenkt und was dann weiterhin geschieht in den nächsten 200 Tagen.)

Die Gompertz-Funktion ist eine Funktion von großer Eleganz, großer Intelligenz und erstaunlich einfach, für das, was sie leistet!

Die Parameter A, B, C bedeuten folgendes: A ist der Grenzwert, dem die Funktionswerte zustreben, also in unserem Fall zum Beispiel die Gesamtanzahl der schließlich Infizierten. B ist die Entfernung des Wendepunktes der Kurve (der Wendepunkt ist der Zeitpunkt, von dem an die Wachstumsraten nicht mehr zu-, sondern abnehmen.) Wenn B klein ist, so wird der Anstieg der Wachstumsraten schnell sehr steil; die Anzahl der Neuinfizierten pro Zeiteinheit wird also schnell recht groß. Das ist zum Beispiel auf hoch vernetzte Gruppen, in denen häufig die Kontakte wechseln, zurückzuführen. In einer solchen Gruppe breitet sich die Infektion, wenn erst einmal eine Person infiziert worden ist, explosionsartig aus. (Nein! Selbst dann nicht exponentiell! Sondern auch dann mit fallenden Wachstumsraten!) – C ist die „Schlankheit“ der Funktionsentwicklung; mit großen Werten von C bilden sich relativ große „Bäuche“ nach unten rechts bzw. nach oben links in der zweiten Hälfte. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine Wachstumskurve einen schnellen Start, aber ein sehr langen „Schwanz“ haben kann. Das ist zu erwarten, wenn eine Population gewissermaßen inhomogen vernetzt ist, also zum einen hoch vernetzte Mitglieder enthält, die einander leicht infizieren können, aber auch relativ schwer erreichbare Personen, die allein oder in abgeschotteten Gruppen leben und deren Infektion größere „Schwierigkeiten“ macht. Mit der Schätzung der Parameter A, B und C erprobt man also in unserem Fall gewissermaßen sozialpsychologische Hypothesen. Man sagt etwas aus über die Merkmale der Beziehungsstrukturen der Population, in der sich Corona ausbreitet.

In Abbildung 1 sinkt das Wachstum nach dem 14. November aber nicht stark ab, wie es eigentlich zu erwarten wäre. Vielmehr sinkt es erst noch ein wenig, nimmt dann erst langsam, schließlich aber schneller bis zum 11. Dezember wieder zu, dann flacht es ab, um aber etwa am 18. Dezember einen erneuten „Sprint“ zu beginnen, der am 20. Dezember aber wieder abflacht. Merkwürdig und gefährlich; irgendwie scheint die ganze Angelegenheit keiner Regel mehr zu gehorchen. In der Presse hieß es: das Wachstum ist außer Kontrolle! Das stimmt aber nicht. Betrachten wir nun die Abbildung 2!

Abbildung 2: Die Entwicklung der Anzahl der Neuinfizierten und die Berechnung der entsprechenden Zahlen mithilfe der Gompertz-Funktion: Rote Quadrate: Gompertz-Werte (theoretische Werte). Blaue Quadrate: 7-Tage-Mittel der Anzahl der Neuinfektionen pro Tag. Rote Rauten: Fortentwicklung der „zweiten Welle“ nach der dem Einsetzen der „dritten Welle“. Gelbe Rauten: die dritte Welle nach Gompertz, isoliert dargestellt. Grüne Dreiecke: Summe der Zuwächse der „zweiten Welle“, eigentliches Gompertz-Wachstum (Achtung! Anderer Maßstab: 1:2500; Standard-Maßstab: 1:100).

Hier gibt es mehr Kurven zu sehen, aber alles erscheint „ordentlicher“. Gompertz überall. Hier sieht man die „zweite Welle“, deren Zuwachs nach dem Höhepunkt etwa am 14. November zunehmend abflacht, abzusinken beginnt, aber noch Anfang Februar 2021 etwa 2000 Neuinfizierte pro Tag beträgt. (Die Kurve mit den roten Rauten ist die Fortsetzung der „zweiten Welle“. Die sollte auch man nämlich nicht vergessen! Es gibt sie nämlich immer noch!) – Etwa ab dem 19. November setzt sich auf diese Kurve eine andere auf, die aber auch wieder gut durch eine Gompertz-Funktion beschrieben werden kann, deren Parameter man (blaue Schrift!) oben links auf Abb. 2 sieht. Man sieht diese Gompertz-Funktion als gelben Kurvenverlauf rechts unten, der etwa am 19. November beginnt. Wenn man diese auf die „zweite Welle“ aufsetzt, bekommt man die Fortsetzung der Kurve der Neuinfizierten als Summe aus „zweiter“ und „dritter Welle“, als Gompertz-Verläufe. Wir haben hier also einfach zwei Gompertz-Funktionen „huckepack“!

Aber diese Entdeckung muss man erst einmal machen; denn der erste Eindruck, den man von dem Verlauf der Entwicklung der Anzahl der Neuinfizierten vom 19. November an hat (siehe Abbildung 1), ist keineswegs „gompertzsch“. Man sieht „Gompertz“ erst dann, wenn man den weiteren Verlauf des Wachstums der „zweiten Welle“ nach dem 19. November betrachtet. Man kann dann sehen, dass die „dritte Welle“ gewissermaßen dadurch verzerrt wird, dass das jeweilige Wachstum auf der abflauenden „zweiten Welle“ aufsitzt. Wenn man die lichtgrauen Senkrechten von „Welle 2“ zu den 7-Tage-Mittelwerten (blaue Quadrate) auf eine waagerechte Unterlage stellt, und nicht auf die abflauende „zweite Welle“, wird das ganz deutlich. Und dann kann man die Parameter A, B, C für die Gompertz-Funktion schätzen. Und bekommt – bis auf zwei „Ausreißer“ – um den 12. und den 17. Dezember herum – gute Übereinstimmungen mit der Realität. (Auf die beiden „Ausreißer“ gehen wir noch ein!).

Quintessenz also: alles Gompertz! – Wir können aber nicht nur die Vergangenheit beschreiben, sondern auch die Zukunft voraussagen. Die Kurve der Anzahl der Neuinfizierten sollte etwa am 10. Januar 2021 die 20,000-Linie schneiden, um dann weiter abzusinken; am 7. Februar gibt es dann „nur noch“ etwa 7500 Neuinfizierte. – Nebenbei: wenn Sie so halbwegs mit Excel umgehen können, können Sie das alles selbst ziemlich leicht berechnen und ausrechnen, mit wieviel Neuinfizierten wir am Ostersonntag 2021 rechnen müssen.
Und schon mit dem ersten Parametersatz konnte man die „zweite Welle“ ganz gut voraussagen. (Wir verblüfften im Oktober Kollegen mit der Voraussage, dass zu Weihnachten etwa mit 7-8000 Neuinfizierten zu rechnen sei, sehr. (Die Bundeskanzlerin hatte für die zweite Welle eine bei weitem größere Anzahl von Neuinfizierten „exponentiell“ ermittelt!) Wenn man nur die „zweite Welle“ betrachtet, so erwies sich unsere Schätzung als richtig.)

Die gesamte Infektionsentwicklung in der Bundesrepublik lässt sich also, obwohl auf den ersten Blick sehr „unordentlich“, sehr einfach, nämlich mit einer einzigen Funktion, beschreiben. Sie lautet:

y = 1288 + 1026000 × e^(- e^(3.46 - 0.046 × x)) + 975000 × e^ (-e^ (4.05-0.045 × (x-45)))

Die Passung der Gompertz-Funktion zur Realität ist recht gut; man könnte auch sagen: sehr gut! Und dass das Ganze Zufall ist, ist sehr unwahrscheinlich. Wirklich sehr unwahrscheinlich; die Wahrscheinlichkeit liegt unter 1/1.000.000.

Es stellen sich aber einige Fragen:

1.    Auf der Abbildung 2 sieht man zwei sehr große Abweichungen der empirischen von der theoretischen Kurve, also der 7-Tage-Mittelwerte (blaue Quadrate) von der Gompertz-Kurve (rote Quadrate). Und zwar geht diese Abweichung (am 12. Dezember) zunächst nach oben; es findet sprunghaft eine große Vermehrung der Neuinfektionen statt. Und wenige Tage später (am 17. Dezember) kommt es dann zu einer gegenläufigen Entwicklung etwa gleicher Größe, die Neuinfektionen nehmen sehr stark ab. Hier sieht es so aus, als wären versehentlich oder absichtlich die Neuinfektionszahlen zunächst nach oben, dann aber – korrigierend? – nach unten verschoben worden. Dass diese beiden Veränderungen, die sich also wechselseitig aufheben, durch Zufall aufgetreten sind, ist sehr unwahrscheinlich.

2.    Man intendierte ja, durch Lockdowns, Reisebeschränkungen, Quarantäne, Maskenzwang, Ausgangsverbote, Geschäftsschließungen usw. usw. den Gang der Infektionen zu verändern, zu verlangsamen oder ganz zum Stillstand zu bringen. Alle diese Maßnahmen, die ja eigentlich zu einer Veränderung der Parameter der Neuinfektionen hätten führen müssen, also dazu, dass die Gompertz-Funktion nicht mehr zu den blauen Quadraten passt, sind in der Abbildung 2 gänzlich unsichtbar. Es ist so, als hätte es diese Maßnahmen nicht gegeben! Wo sind die Effekte? („Die Maßnahmen waren einfach zu schwach!“ meint die Bundesregierung. Ein wenig ähnelt dieses Verhalten dem Tun des Autofahrers, der immer wieder vergeblich versucht, sein Auto anzulassen, ohne zu merken, dass kein Sprit im Tank ist.)

Abbildung 3: Verlauf der Anzahl der Neuinfizierten im März und April 2020 und die zugehörige Gompertz-Funktion. Etwa ab dem 1. Mai liegt das 7-Tage-Mittel deutlich über der Gompertz-Funktion. Warum?

Das Vertrauen in Lockdowns usw. hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass man glaubt, man hätte im März und April mit diesen Maßnahmen ja doch einen sehr guten Erfolg erzielt. Das aber könnte ein Irrtum sein. Auf Abbildung 3 sieht man, dass das Geschehen im März und April keineswegs auf den Lockdown usw. zurück zu führen zu sein braucht. Man sieht in Abbildung 3, dass sich das Geschehen im März und April 2020 auch allein durch den natürlichen Wachstumsprozess erklären ließe. Der Lockdown könnte also ganz unnötig gewesen sein! (Es könnte sogar sein, dass „die Maßnahmen“ nicht nur nichts genutzt, sondern geschadet haben; auf Abbildung 3 kann man deutlich sehen, dass sich nach der akuten Phase das Verhalten verschoben hat und nun deutlich riskanter wurde. Die Infektionszahlen liegen sehr deutlich über den Gompertz-Erwartungen. Und das könnte darauf zurückzuführen sein, dass man durch den relativ glimpflichen Verlauf der „ersten Welle“ und durch die Zurückführung dieses Ausgangs auf die staatlichen Maßnahmen das Gefühl bekommen hat, nunmehr „Corona“ im Griff zu haben. Und deshalb wurde man leichtsinnig. Und das könnte immerhin in nicht unbeträchtlichen Weise zu den mehr als 2000 Todesfällen von Mai bis Mitte Juli beigetragen haben!) – In ihrer Regierungserklärung am 29. Oktober 2020 meinte die Bundeskanzlerin, dass die geplanten Maßnahmen „geeignet, erforderlich und verhältnismäßig“ seien. Es erwies sich bislang, dass sie weder geeignet, also auch nicht erforderlich und deshalb schon gar nicht verhältnismäßig waren. – Die EU-Einschätzung der Bundeskanzlerin ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sie die Maßnahmen im März und April als Erfolge ihrer Politik verbucht hat. Benjamin Gompertz meint, dass die Infektionszahlen etwa ab Weihnachten zurückgehen werden. Mal sehen, auf welchem Konto dieser Rückgang Ende Januar verbucht werden wird!

3.    So, das ist nun zweifellos die Stimme der Wissenschaft, die soeben gesprochen hat. Die Stimme der Wissenschaft? Oder eine Stimme der Wissenschaft? Kann man nun der Wissenschaft glauben? Doch, sicherlich kann es so geschehen, wie Benjamin Gompertz das voraussagt. Nach Weihnachten geht es abwärts mit Corona! Und Anfang Februar 2021 haben wir nur noch 7500 Neuinfizierte am Tag. – Aber die Wissenschaft weiß auch: „Bedenke, dass es immer auch ganz anders sein kann!“ (Georg Christoph Lichtenberg). Wir gehen immer auf schwankendem Boden, auch mit der Wissenschaft. Aber es besteht ja durchaus die Möglichkeit, dass sich aus den vielen Wellenbewegungen, die sich mit „Corona“ in der Bundesrepublik Deutschland abspielen, plötzlich eine Koordination verschiedener Wellen zu einer vierten oder fünften großen Welle ergibt. Dann geht es wieder aufwärts mit „Corona“. Oder, dass wir vielleicht Fehler gemacht haben bei der Schätzung der Gompertz-Parameter für die „dritte Welle“ (bei der „zweiten Welle“ gibt es viele Indizien dafür, dass die geschätzten Parameter wohl(!) richtig sind). Kleine Ungenauigkeiten bei der Parameterschätzung, die vielleicht in den ersten eineinhalb Monaten der „dritten Welle“ keine Rolle spielten, könnten doch die Voraussage des weiteren Verlaufs ändern?

Voltaire meinte nicht „nur so“ und aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit, dass man alles (alles!) sagen dürfe. Denn nur so kann man sicher sein, dass auch die vielleicht für manche Zeitgenossen „inplausiblen“ Auffassungen ausgesprochen werden, also auch das, was heute (da es nicht mit dem allgemein für wahr gehaltenen Theorien übereinstimmt) als „Verschwörungstheorie“ abqualifiziert wird. Viele Behauptungen, die den jeweiligen Zeitgenossen als völlig inplausibel erschienen, erwiesen sich später als Wahrheiten. Vielleicht ist die Abqualifikation von „Verschwörungstheorien“ in 99 % der Fälle richtig. Wenn man sie aber alle abqualifiziert, verliert man auch das eine Prozent, das man beachten sollte. – Geschwindigkeiten sind relativ! Wenn ich mich in einem Vorortzug, der sich mit 50 km/h seinem Ziel nähert, mit 5 km/h in die Gegenrichtung bewege, dann bewege ich mich nur mit 45 km/h in Richtung auf das Ziel! Das ist doch klar! „Nee!“ meinte Einstein, „das ist gar nicht klar; für die Lichtgeschwindigkeit gilt das nicht!!“ – Fast wäre Einstein im Jahre 1905 wegen des Versuchs der Verbreitung dieses Blödsinns aus der wissenschaftlichen Szene entfernt worden! Wenn da nicht Max Planck gewesen wäre, der für Blödsinn einen gewissen Sinn aufbrachte!

„Prüfet alles! Das Gute aber behaltet!“ meinte Rousseau. Rousseau sagte nicht: „Prüfet alles, außer den „Verschwörungstheorien“! – Es empfiehlt sich sehr, sich von der Wissenschaft beraten zu lassen, aber ihren Aussagen bedingungslos zu vertrauen, empfiehlt sich nicht. Es gibt zum Beispiel in der Physik Leute, die meinen, dass sich Einstein „quantenphysikalisch“ sehr geirrt habe und es gibt andere, die meinen, dass die Lichtgeschwindigkeit keine Konstante, sondern eine Variable sei. Ich finde die Idee, dass die Naturgesetze einer Evolution unterworfen sind, sehr interessant!

Und zum Abschluss: das alles sieht ganz hübsch aus! Und ist ein Triumph für Benjamin Gompertz! Aber: es ist in bestimmter Weise nicht verallgemeinerbar! Das sieht man schon daran, dass man, wie in diesem Fall, für die Gompertz-Funktion verschiedene Parametersätze verwenden musste, die also populationsspezifisch sind. Nun haben wir in der Bundesrepublik schätzungsweise 300 vor sich hin schmurgelnde „Infektionswellen“. Und für jede bräuchten wir wahrscheinlich einen jeweils spezifischen Parametersatz, da die sozialen Beziehungsstrukturen ganz verschieden sein dürften. „Gompertz“ ist vermutlich immer noch ein allzu niedriger Auflösungsgrad. Besser wäre eine echte Computersimulation des gesamten Geschehens. Auch das wäre wohl machbar, erfordert aber einen Aufwand, den einer allein nicht erbringen kann!

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Hinweis von J.F.: An der Universität des Saarlandes gibt es (eingerichtet von Thorsten Lehr) einen Covid-19-Simulator.

Heidelberg als Schwerpunkt der Umweltpsychologie - Lenelis Kruse erinnert sich

Lenelis Kruse-Graumann

Lenelis Kruse-Graumann

Im Rahmen meiner Interview-Reihe mit Ehemaligen und Heutigen am Psychologischen Institut der Uni Heidelberg sowie mit weiteren relevanten Personen habe ich jüngst ein Interview mit Lenelis Kruse geführt (YouTube Channel “Oral History“), mit der ich schon seit längerem an einem Handbuch-Artikel zum Thema „Umweltpsychologie“ im Rahmen eines HCE-Publikationsprojekts zusammenarbeite. Dabei kam die Frage auf, wie in den 1970er Jahren Heidelberg zu einem Schwerpunkt in der Umweltpsychologie wurde (dabei wollen wir nicht vergessen, dass der 1877 in Schlesien geborene und 1955 in Heidelberg verstorbene Psychologe Willy Hellpach – ein Wundt-Schüler – mit seinem erstmal 1911 erschienenen und in späteren Auflagen „Geopsyche“ betitelten Werk als einer der „Väter“ der modernen Umweltpsychologie gelten darf). - Im Nachgang zu unserem Gespräch schreibt mir Lenelis Kruse:

„Deine Frage nach der Entstehung eines Heidelberger Schwerpunkts “Umweltpsychologie” hat mich zum Nachdenken und Nachsuchen gebracht. Wann fing das eigentlich an? Nicht schon zu Zeiten meiner Dissertation (1972), die sich ja auch ganz wesentlich mit phänomenologischen Ansätzen zur Lebenswelt, Leiblichkeit, sozialem Raum etc. beschäftigte. Früher war man noch ein einsamer Doktorand, der vor sich hin arbeitete, oft einsam und frustriert. Es gab ja noch keinerlei Doktoranden-Seminare oder gar ein Doktoranden-Programm, wie heute. Für die schwerpunktmäßige Entwicklung in Heidelberg war das DFG-Schwerpunkt-Programm (SPP) „Psychologische Ökologie“ von 1978 bis 1988, aber auch schon dessen Vorbereitung seit 1974 wichtig.

Seit 1978 gab es ein DFG-SPP “Psychologische Ökologie” (das musste so heißen nach Intervention der Naturwissenschaftler – wir, die Antragsteller, wollten Ökologische Psychologie). Dieses SPP wurde nach dem Kongress der DGPs 1974 in Salzburg mit Gerhard Kaminskis Organisation eines Symposiums zur “Umweltpsychologie” durch eine Arbeitsgruppe bestehend aus Lutz Eckensberger (Saarbrücken), Kurt Pawlik (Hamburg), Carl-Friedrich Graumann (Heidelberg), Jürgen Franke (Nürnberg), Wolfgang Hawel (Dortmund), Kurt Stapf (Tübingen), Wolfgang Schönpflug (Berlin), Ernst Boesch (Saarbrücken), dann noch dazu Lenelis Kruse (Heidelberg), Ernst-Dieter Lantermann (damals noch Aachen), Clemens Trudewind (Bochum), Hugo Schmale (Hamburg) in mehreren Tagungen, unterstützt von der Werner-Reimers-Stiftung (Bad Homburg), meist auf der Reisensburg bei Günzburg, vorbereitet. Aus diesen Personen bildete sich dann auch eine Zeitlang die eigentliche Umweltpsychologie in Deutschland.

Ich hatte seinerzeit zwei Projekte in diesem SPP. Eines war “Konstruktionen von Privatheit”. Carl-Friedrich Graumann hatte zusammen mit Gerd Schneider ein tolles und sich ausweitendes Projekt zur “Identität von Stadt und der Identifikation der Bürger mit ihrer städtischen Umwelt”. Die Auswertungskategorien waren seinerzeit schon in meinen Seminaren mit einem kleinen Projekt “Walk around the block” (von Kevin Lynch abgekupfert) entwickelt worden, zusammen mit Gerhard Schneider, Tilman Habermas u.a, die dann auch als Mitarbeiter bzw. HiWis später in dem Projekt gearbeitet haben (heutzutage hätte man längst diese Seminarforschung zu Publikationen ausgebaut). Über lange Zeit waren auch Werner Kany, Marco Lalli und Ernst Weimer als Projektmitarbeiter tätig.

So entwickelte sich die Umweltpsychologie in Heidelberg nach Rückkehr von Carl-Friedrich Graumann und mir aus New York 1974, eben auch durch die Arbeit in und an dem SPP. Leider weiß ich nicht mehr genau, ab wann Umweltpsychologie als forschungsorientiertes Wahlfach im Hauptdiplom auch in der Heidelberger Prüfungsordnung verankert wurde. Neben der “walk around the block”-Methode haben wir übrigens auch - ähnlich der von Jochen Fahrenberg propagierten Technik des Ambulanten Assessment - die Methodik das “walk through Interview” etabliert (erstmals von Lynch & Rivkin 1959 eingesetzt), bei uns durch die Not geboren, weil wir es sonst in der gerade eröffneten Kopfklinik in HD nie geschafft hätten, Pflegepersonal zu den räumlichen, raumbezogenen Problemen ihrer Tätigkeit zu befragen (in dem von Architekten doch so hochgelobten Klinikneubau).

Durch meine Bekanntschaft mit dem damaligen Chef der Augenklinik Prof. Völcker konnten wir diese Interviews in der Klinik machen. Später, im Rahmen einer Doktorarbeit, war das nicht mehr so leicht möglich. Das Pflegepersonal wurde dann größtenteils nach Feierabend in der Privatwohnung interviewt. “Walk through” fiel dann flach. Man müsste mal schauen, wer damit sonst oder auch heute noch arbeitet. Es ist einfach eine tolle Methode zur authentischen Datenerfassung vor Ort und eben nicht nur retrospektiv.

Warum war der Aufenthalt 1973/74 am Graduate Center in New York so wichtig für mich? Weil ich dort ein Jahr lang mit Harold Proshansky (der damals gerade Präsident der City University New York geworden war, trotzdem aber mindestens einmal pro Woche im Psychology Department war), mit William Ittelson, der sich sehr für Phänomenologie in der Psychologie und Umweltpsychologie interessierte und zwei seiner Doktoranden immer wieder zu mir schickte, Leanne Rivlin und Gary Winkel, dazu noch Maxine Wolfe und Susan Saegert als den wichtigen Leuten am Department zusammen war. Maxine Wolfe arbeitete zu privacy bei Kindern und psychiatrischen jugendlichen Patienten, Susan Saegert hatte gerade über crowding promoviert, Gary Winkel interessierte sich für Anzeichen der deterioration of city areas (Quartiere würden wir dazu sagen), z.B. heute total diskriminierend (trotzdem wahr): Der Zuzug von immer mehr schwarzen Familien, das Herumhängen von Jugendlichen in Parks, in den Eingängen zu großen Geschäften etc…

Alle Studierenden dort arbeiteten an den verschiedensten Dissertationsthemen. Darüber wurde ständig diskutiert. Hal Proshansky hatte gerade mit einem Doktoranden das Konzept von “place identity” weiterentwickelt. Dort habe ich natürlich ganz viel mitgekriegt, und das war entscheidend für meine Bewertung von und Einstellung zu Umweltpsychologie und auch einer gewissen Sicherheit, dass dieses ein total wichtiges Thema für die gesamte Psychologie sei.

Wie kam ich nach New York an die City University (CUNY)? Nach meiner Promotion 1972 im heißen Juli war ich auf einer Tagung der Universität Stuttgart, wo es um urbane Umweltforschung ging, ausgerichtet von Architekten und Städteplanern. Da traf ich Gary Winkel. Dieser lud mich dann zum Graduate Programm an die CUNY ein, und so konnte ich mich bei der DFG um ein Forschungsstipendium bewerben. Vorher hatte ich mich um ein DAAD-Stipendium beworben. Einer der Gutachter war Martin Irle (Mannheim), der meinte, dass als Promovierte für mich ein DFG-Stipendium viel besser sei… Ja, so entwickeln sich Karrieren eben auch durch viele Zufälle.

Was bisher noch total fehlt, ist ja mein zweites wirklich sehr aktives Forscherleben im Schwerpunktprogramm “Sprache und Situation”, zusammen mit der Uni Mannheim (Theo Herrmann), wo ja auch Margret Wintermantel über die ganze Laufzeit sehr aktiv war. Mein Schwerpunkt das Thema “Soziale Repräsentation und Sprache” insbesondere das “Sprechen” zwischen Männern und Frauen, zwischen Alt und Jung usw. in verschiedenen Projekten (u.a. mit Caja Thimm und auch Sabine Koch als Mitarbeiterinnen). Später konnten wir (Caja Thimm, Sabine Koch und ich) das Thema sogar in einem soziologischen SPP der DFG zum Thema “Professionalisierung und Geschlecht” noch weiterführen (Theo Herrmann meinte ja ohnehin zu meinen SFB-Projekten zur Sozialen Repräsentation, “das sei Soziologie”. Als eingefleischter Experimentator ging er methodisch an das Thema Sprechen eben ganz anders heran).

Zu dieser Genderthematik siehe übrigens schon den kritischen Beitrag von Margret Wintermantel und mir mit dem Titel “Leadership Ms.-Qualified” im Band “Changing conceptions of leadership“, 1986 von Carl-Friedrich Graumann und Serge Moscovici herausgegeben und seinerzeit in der Studiengruppe der Werner Reimers-Stiftung entstanden. Meine Antrittsvorlesung an der FernUni Hagen im Jahr 1985 habe ich übrigens genau zu diesem Thema und nicht zu einem umweltpsychologischen Problem gehalten. Das passte m.E. hervorragend zu einer Hochschule mit 80 männlichen Professoren!“

Soweit ein Kommentar, der mir aus heutiger Sicht sehr interessant scheint, zeigt er doch die wichtige Rolle von Zufällen bei der Gestaltung von Berufskarrieren, aber zugleich auch die Bedeutung einzelner signifikanter Personen bei der Prägung von Forschungsfeldern. Warum mir selbst das Thema „Umweltpsychologie“ (UP) am Herzen liegt? Die menschengemachte Zerstörung unseres Planeten stellt ein „komplexes Problem“ dar – es gibt keine einfache Lösung, weil schon das Ziel nicht allen klar ist. Daran müssen wir (intra-, inter- und trans-disziplinär) arbeiten – die Große Transformation (Uwe Schneidewind) kommt nicht von selbst.

In diesen Zeiten bräuchten wir viel mehr UP als wir an deutschsprachigen Psychologie-Instituten vorfinden. Während im Ausland entsprechende Schwerpunktsetzungen deutlich zu erkennen sind (die American Psychological Association erscheint mir hier geradezu vorbildlich), ist eine Berufsbezeichnung „Umweltpsychologin/ Umweltpsychologe“ kaum gebräuchlich, wie ein Blick in aktuelle Stellenangebote zeigt. Aber solange das Anwendungsfach UP ein Schattendasein führt, ist kaum eine Änderung zu erwarten. Man kann von der Initiative, die Lenelis Kruse beschreibt, nur lernen.

Quellen:

Graumann, C.-F., & Moscovici, S. (Eds.). (1986). Changing conceptions of leadership. New York, NY: Springer. doi: 10.1007/978-1-4612-4876-7

Kaminski, G. (Hrsg.). (1976). Umweltpsychologie. Perspektiven—Probleme—Praxis. Stuttgart: Klett.

Kruse, L. (1974). Räumliche Umwelt: Die Phänomenologie des räumlichen Verhaltens als Beitrag zu einer psychologischen Umwelttheorie. Berlin: de Gruyter. [Promotion]

Kruse, L. (1980). Privatheit als Problem und Gegenstand der Psychologie. Bern: Huber. [Habilitation]

Kruse, L., & Wintermantel, M. (1986). Leadership Ms.-Qualified: I. The Gender Bias in everyday and scientific thinking. In C. F. Graumann & S. Moscovici (eds.), Changing conceptions of leadership (S. 171–197). New York, NY: Springer. doi: 10.1007/978-1-4612-4876-7_11

Lynch, K., & Rivkin, M. (1959). A walk around the block. Landscape, 8(3), 24–34.

Proshansky, H. M., Ittelson, W. H., & Rivlin, L. G. (1976). Environmental psychology: People and their physical settings. 2nd ed. New York: Holt, Rinehart and Winston.

3jähriges Tor-Jubiläum

Das Psychologische Institut der Uni Heidelberg ist an einewm wunderschönen Ort untergebracht: mitten in der Altstadt, direkt an der Hauptstrasse (Fussgängerzone) gelegen, mit zwei historischen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert (Friedrichsbau und Alte Anatomie) und einem schönen Innenhof, der von der Brunnengasse her befahrbar ist.

Nun weist unser Kustos Dr. Joachim Schahn daraufhin, dass wir jetzt im Dezember ein dreijähriges Jubiläum zu feiern haben: Den Abriss des ursprünglichen Tors, das die Einfahrt zum Innenhof von der Brunnengasse aus begrenzte. Am 4. Dezember 2017 wurde das alte Tor abgerissen und die Einfahrt verbreitert, damit Feuerwehrfahrzeuge im Fall eines Brandes besser um die Ecke kommen. Alles schön und gut, wir haben der Feuerschutzverordnung natürlich für die Erhöhung unseres Brandschutzes zu danken! Tatsächlich sind bei den verschiedenen Fehlalarmen die (vergeblich angefahrenen) Einsatz-Fahrzeuge gut auf unser Gelände gekommen. Wir konnten das alle zusammen gut beobachten, denn die in den Büros installierten Rauchmelder sind dermassen laut, dass es im Alarmfall niemand mehr im Büro aushält und sich deswegen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hof versammeln.

Einfahrt 1

Einfahrt Bild 1

Einfahrt 2

Einfahrt Bild 2

Die beiden Fotos (zum Vergrößern anklicken) zeigen die erbärmliche Situation: Seit 12/2017 ist die alte Abschlussmauer abgerissen, ein häßliches Baustellen-Gitter ist an deren Stelle getreten. Dahinter ist die neue Durchfahrtsschranke zu sehen, die noch immer nicht in Betrieb ist und schon 2x beschädigt wurde (der graue Kasten, der den Schrankenmotor enthält, ist gequetscht worden). Großartig ist übrigens auch die neue Postbox, die vorne links in Bild 1 zu sehen ist: Der Einwurf nach Toresschluß am Abend oder am Wochenende ist nur von sehr sportlichen Paketboten zu erreichen :-)

Mal sehen, wie lange dieser Zustand noch andauert. Verantwortlich hierfür ist übrigens nicht das Institut! Auch das zuständige Bauamt und unser Dezernat D3 können nicht viel machen: Die Handwerker werden in der Privat-Wirtschaft einfach so viel besser bezahlt und bekommen dort momentan auch so viel Aufträge, dass die öffentliche Hand einfach nur zuschauen kann. Ich erinnere mich nur zu gut an die lange Umbauzeit (2014-2017) für den Einbau des Fahrstuhls und den Kellerausbau im Hintergebäude. Am Ende war alles gut!

Bin mal gespannt, wie es in ein paar Jahren mit der geplanten Generalsanierung unseres Instituts läuft…

Nachtrag 17.12.2020: Unser Kustos ergänzt meine Schilderung noch mit weiteren Einzelheiten, die ich gerne zur Kenntnis bringen möchte (für mich als Problemlöse-Forscher eine wahre Fundgrube für menschliche Fehler):

“- Nach dem Abriss im Dezember 2017 tat sich monatelang nichts mehr, bis die eigentlichen Bauarbeiten anfingen, der Grund ist mir unbekannt.

- Wegen des breiteren Tores musste das Gefälle des letzten Stücks der Ausfahrt angepasst werden. Als die Baufirma das machen wollte, kam heraus, dass unterhalb der Einfahrt Fernwärmerohre verlaufen, die durch die Absenkung der Einfahrt um ein paar cm nicht mehr tief genug gelegen wären (Vorschrift). Offenbar war das nicht bekannt. Also mussten die Rohre tiefer gelegt werden. Das dürfen aber nur die Stadtwerke. Die hatten aber leider gerade keine Zeit, und als sie Zeit hatten, hatte gerade die Heizperiode angefangen. Während der Heizperiode ging das aber nicht, also musste bis Mai (2019, glaube ich) gewartet werden.

- Als die Stadtwerke endlich fertig waren, waren wir natürlich nicht mehr im Terminplan der Baufirma, das musste erst wieder neu vereinbart werden.

- Durch die Verbreiterung der Einfahrt musste die Mauer vor dem Zugang zum “Kaffeekeller” abgerissen und neu gebaut werden. Weil die aber um ein paar cm zu wenig hoch geraten ist (warum?), war sie nicht mehr vorschriftsgemäß, es fehlte nun eine Absturzsicherung, die vorher nicht nötig war, weil die Mauer höher gewesen ist. Erst sollte deswegen noch oben ein Geländer darauf, nun soll eine Hecke gepflanzt werden - oben natürlich, unten würde die Einfahrt ja wieder enger.

- Obwohl dann der Untergrund im Sommer 2019 soweit fertig war, konnte trotzdem konnte neues Tor angebracht werden, weil das Bauamt die Ausschreibung versäumt hat. Grund dafür waren mehrere unerwartete Krankheitsfälle und (überraschende?) Pensionierungen und dadurch wechselnde Verantwortlichkeiten, und es gab dann offenbar dringendere Dinge als unser Tor. Obwohl der Bauzaun immerhin monatlich Miete kostet.

- Im Herbst (2020) wurde die Ausschreibung endlich gemacht, nun warten wir auf das Anbringen. Dafür gibt es noch keinen Termin.

- Möglicherweise können wir aber froh sein, wenn sich das noch verzögert. Das neue Tor konnte nicht wie das alte mit zwei starren Flügeln hergestellt werden, weil es dann beim Öffnen am Boden aufgesetzt wäre. Deswegen wird jeder Flügel nochmal durch ein Scharnier geteilt, so dass es eine Art doppeltes Falttor ist. Für solche Tore ist aber erforderlich, dass alle, die es bedienen, eine offizielle Einweisung benötigen, da Fehlbedienungen dazu führen können, dass sich das Tor plötzlich von alleine schließt und dabei Personen verletzt oder Autos beschädigt. Das bedeutet, dass die Allgemeinheit außerhalb der Öffnungszeiten das Tor nicht mehr bedienen darf, so dass der Parkplatz nachts und am Wochenende nicht mehr benutzbar sein wird - es sei denn für jene, die an einer solchen Einweisung teilnehmen.

- Das war erst das Tor. Nun kommt die Schranke! Die steht schon seit einem Jahr und hat auch vor den Unfall funktioniert, und zwar in dem Sinne, dass sie auf und zugehen konnte. Nicht aber in dem Sinne, dass man sie mit Zufahrtskarten hätte öffnen können. Da gibt es seit 2 Jahren irgendwelche Probleme im URZ, sie ist also garnicht benutzbar. Die Lösung dieser Probleme ist noch nicht terminiert.

- Statt einer Halbschranke wurde eine Vollschranke angebracht. Bei geschlossener Schranke haben so Fahrräder nur noch zwei schmale Öffnungen zum Durchfahren. Dabei gibt es Probleme, wenn sich zwei entgegenkommen, oder wenn gleichzeitig Fußgänger durchgehen. Deswegen soll nun wieder ein Stück abgesägt werden. Es ist aber noch nicht klar, ob das wirklich gemacht wird, die Leute vom Bauamt sind sich da nicht einig.

- Dass sich der Unfall ereignet hat, bei dem nicht nur der Schrankenkasten, sondern auch die Elektronik in Mitleidenschaft gezogen wurde, hat mit dem Bauamt nichts zu tun, ist aber ein weiteres Kapitel dieser unendlichen Geschichte. Inzwischen wurde der Kasten wieder geliefert, aber leider in der falschen Farbe. Wenigstens fiel das noch vor der Montage auf. Erst einmal wird also nicht montiert…

- Bei der letzten Montage wurde vergessen, Abdeckkappen aus Kunststoff anzubringen. Deswegen konnte bei Regen das Wasser ungehindert in die Elektronik laufen.”

Danke, lieber Joe, für diese wunderbaren Ergänzungen! Mir gefällt insbesondere die Vorstellung, dass alle die, die das neue Flügeltor nutzen wollen (wenn es denn endlich kommt!), erst einmal einen Kurs in dessen Handhabung machen müssen. Was waren das für Zeiten, wo man ein Tor “einfach so” öffnen und schließen konnte….

Podiumsdiskussion “Psychische Störungen verstehen”

Noch vor Corona hatte sich im letzten Winter (2019, im Anschluß an die lebhafte fachöffentliche Disputation von Alexander Wendt mit Thomas Fuchs, Dirk Hagemann, Jan Rummel und mir) eine studentische Gruppe “Quo Vadis, Psychologie?” konstituiert, die sehr grundsätzliche Fragen an unser Fach stellen wollte und eine Serie von Podiumsdiskussion für das Sommersemester 2020 geplant hatte - “ja, mach’ nur einen Plan” hat Brecht gesagt…

Nun ist mit viel Verzögerung, aber nicht mit weniger Herzblut die erste virtuelle Podiumsdiskussion zum Thema “Psychische Störungen verstehen” zwischen Sven Barnow (dem Klinischen Psychologen) und Thomas Fuchs (dem Psychiater) unter meiner Moderation erfolgt.

Es gab ein großes Echo - in der Zoom-basierten Veranstaltung waren >200 Zuhörende angemeldet, im zusätzlichen Stream auf YouTube nochmals >100 Zuhörende. Die vielen Fragen, die im Chat an die beiden Diskutanten Sven Barnow und Thomas Fuchs gestellt wurden, konnten aus Zeitgründen nur ausschnittsweise behandelt werden (Dank an Franziska Arnold für die Organisation dieser schwierigen Auswahl!).

Worum ging es inhaltlich? Ausgangspunkt der Diskussion war die Perspektive, aus der heraus auf psychische Störungen geblickt wird. Ob man Depressionen als Denkfehler, als Störung des Neurotransmitter-Haushalts oder als Störung leiblich-zwischenleiblicher Erfahrung begreift, macht einen Unterschied. Welche wissenschaftlichen und klinischen Konsequenzen haben diese unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen in Bezug auf psychische Störungen?

In den Eingangsstatements der beiden Diskutanten kamen - so mein persönlicher Eindruck - durchaus vergleichbare Standpunkte zum Vorschein: (1) Kritik am traditionellen Verständnis psychischer Störungen im Sinne medizinisch-psychiatrischer Modelle, in denen psychische Störungen als Erkrankungen des Gehirns bezeichnet werden (Transmittertheorien, Stoffwechselerkrankungen usw.); (2) Kritik am vorschnellen “labeling” von Norm-Abweichlern durch Diagnosen gemäß einem Diagnoseschlüssel, in dem der Einfluss der Pharma-Industrie nicht zu übersehen ist; (3) die unterschätzte Rolle von Gesellschaft bzw. Umwelt (Erich Fromm schreibt 2005 in seinem Buch “Die Kraft der Liebe” auf S. 38: “Ob ein Mensch gesund ist oder nicht, ist in erster Linie keine individuelle Angelegenheit, sondern hängt von der Struktur seiner Gesellschaft ab”).

Aber natürlich gab es auch spezifische Punkte der beiden Fachvertreter. Barnow etwa betonte, dass leidende Patienten häufig diejenigen sind, die intensiver über ihr Leben reflektieren (der antike Philosoph Sokrates soll sinngemäß gesagt haben: “Ein Leben, über das man nicht nachdenkt, ist nicht lebenswert.” Genau das tun Patienten manchmal mehr als andere Menschen). Außerdem sieht er im Leidensprozeß die transformative Kraft zur Erneuerung. Zitat Barnow: “Den … schmerzlichen Prozess sollten wir nicht leichtfertig pathologisieren, sondern empathisch aufgreifen und die zugrundeliegenden Kernmechanismen verstehen und die betreffende Person dazu befähigen, das eigene psychische Erleben in etwas Positives zu transformieren.”

Für die Therapie psychischer Störungen bedeutet das eine Orientierung an den Kompetenzen, die positive Veränderungen im Therapieverlauf begünstigen (u.a. Emotionsregulation, kognitive Flexibilität, Mentalisierung, Achtsamkeit). Ich würde sie als “transformative” Kompetenzen bezeichnen, die wir ganz generell bei Menschen fördern sollten.

Thomas Fuchs verwendet lieber den Begriff der Krise und verweist auf Karl Jaspers Konzept der “Grenzsituationen“, denen jeder Mensch ausgesetzt ist. Fuchs sieht eine psychische Störung nicht als im Gehirn lokalisierbare Dysfunktion, sondern als verkörpert bzw. als „psychosomatisch“. Jede psychische Störung spielt sich im gesamten Organismus ab, sie wird auch leiblich erlebt, insbesondere aufgrund der leiblichen Resonanz der Gefühle. Stimmungen und Gefühle sind nicht bloße Folgen von Kognitionen, sondern es verhält sich eher umgekehrt: Kognitionen folgen Gefühlen, so wie sich Eisenfeilspäne in einem Magnetfeld ausrichten. Psychische Störungen betreffen die Person in ihrem verkörperten und affektiven Selbsterleben, so Fuchs.

Ausserdem sieht Fuchs psychische Krankheiten als Störungen der Interaktion von Organismus und Umwelt: Sie sind nicht “im Patienten”, sondern der Patient ist vielmehr “in der Krankheit”. Psychische Störungen sind aus dieser Sicht immer Störungen übergreifender Prozesse, sie betreffen die Person in ihrer Beziehung zu anderen. Dann kann es auch nicht überraschen, dass es für die meisten psychischen Störungen bislang keine neurobiologischen Marker oder fassbaren Korrelate gibt.

Hinsichtlich Therapie verweist Fuchs auf die große Meta-Analyse von Wampold und Imel (2015), wonach Empathie zu den effektstärksten Wirkfaktoren in Psychotherapien überhaupt gehört. Ebenso bedeutsam: Beziehungsqualität, Authentizität des Therapeuten (Carl Rogers). Ein ganz ähnlicher Befund wie in der pädagogischen Psychologie, wo die metaanalytische Hattie-Studie zeigt, dass der Lehrer oder die Lehrerin der entscheidende Wirkfaktorin der Schule ist – dessen Authentizität, sein Engagement, seine Begeisterungsfähigkeit, natürlich auch seine fachliche Kompetenz. Ganz analog zur Therapeutenrolle.

Es ließe sich noch einiges mehr anführen, aber das möge reichen als Hinweis auf ein interessantes Veranstaltungsformat: Im Streitgespräch ein “heisses” Thema in den Blickpunkt rücken und Standpunkte abklopfen. Wobei: Eine echte Diskussion (mit Argument-Gegenargument-Struktur) hat es dann doch nicht gegeben, dafür waren die beiden Diskutanten zu nah beieinander. Aber wir wollten ja auch keinen Streit um jeden Preis - der Dialog miteinander und der respektvolle Umgang mit unterschiedlichen Standpunkten ist für mich ein hoher Wert!

Großer Dank gebührt den Studierenden Franziska Arnold, Henning Früh (hat Heidelberg inzwischen verlassen), Tilman Juche, Kim Keller und Burkhard Pahl - Sven Barnow meinte: “So macht Lehre Spass!” Das Team “Grundsatz.Frage.Antwort” hatte Corona-bedingt viele Rückschläge zu überwinden, inhaltliche Fragen zu klären, technische Probleme zu lösen - aber sie haben sich nicht von Ihrer Idee abbringen lassen und dürfen sich jetzt über das Ergebnis ihrer Hartnäckigkeit freuen.

Natürlich gilt der Dank auch Dr. Alexander Wendt und der “Arbeitsgemeinschaft Philosophie und Psychologie“ (hier der Link: https://www.phi-psy.de/), die das Vorhaben der Heidelberger Studierenden aktiv befördert hat, um den Austausch zwischen Philosophie und Psychologie zu befördern.

Es geht weiter: am Freitag 15. Januar 18:30 ist der nächste Termin - das Digitale Kolloquium wird mit einem Vortrag von Thomas Kessel (Uni Wuppertal) fortgesetzt, weiere Podiumsdiskussionen mit Vertreterinnen und Vertretern des Psychologischen Instituts sind in Vorbereitung.

Lese-Empfehlungen: Barnow, S. (2020). Konzepte und Modelle von Emotion und Emotionsregulation. In S. Barnow (Hrsg.), Handbuch Emotionsregulation (S. 3–18). Heidelberg: Springer. doi: 10.1007/978-3-662-60280-5_1 - Fuchs, T. (2020). Verkörperte Emotionen und ihre Regulation. In S. Barnow (Hrsg.), Handbuch Emotionsregulation (S. 19–28). Heidelberg: Springer. Abgerufen von https://doi.org/10.1007/978-3-662-60280-5_2 - Hofmann, S. G., & Hayes, S. C. (2019). The future of intervention science: Process-based therapy. Clinical Psychological Science, 7(1), 37–50. doi: 10.1177/2167702618772296 - Wampold, B. E., & Imel, Z. E. (2015). The great psychotherapy debate: The evidence for what makes psychotherapy work (Second edition). New York: Routledge. - mein Blog-Beitrag zur Neu-Erscheinung von Thomas Fuchs “Verteidigung des Menschen.

Monika Sieverding als Expertin bei “Hart aber fair”

Unsere Gesundheits- und Genderspezialistin Prof. Dr. Monika Sieverding war am Mo 30.11.20 in der ARD-Sendung “Hart aber fair” im Kontext der Corona-Impfdebatte zu Gast. Leider konnte ich die Sendung nicht selbst verfolgen, habe aber von verschiedenen Seiten positive Bewertungen gehört. Und auch das Medienecho ist positiv!

Die “Bild”-Zeitung hat es mal gut getroffen, wie ich gehört habe )hier Link). Aber auch die “Berliner Zeitung” gibt die Sieverding’sche Position wohl gut wieder (hier Link). In der “Welt” heisst es: “Monika Sieverding gab spannende Einblicke in die Impfbereitschaft der Deutschen. Ausnahmsweise könnten einmal die Männer Vorreiter sei, die sich sonst bei medizinischer Betreuung eher zurückhielten. ‘Männer haben weniger Angst vor der Impfung und gehen pragmatischer damit um. Krebs kann man verdrängen. Corona betrifft jeden. Männer wollen das vom Tisch haben’, so ihre These.” (Quelle)

Gerade hatte ich mit Erstsemestern über das Verhältnis von Wissenschaft und Wertung debattiert und dabei den Standpunkt vertreten, dass sich Wissenschaft in der Gesellschaft verständlich machen muss, dass wir Wertungen/Einordnungen von Befunden vornehmen sollten (Zitat Sieverding: “Wir müssen selbst aktiver werden, um unsere Forschungserkenntnisse in die breite Bevölkerung zu transportieren”).. Wie schön, hier gleich ein anschauliches Beispiel mit großer Reichweite zu sehen! Sieverdings Ausspruch des Abends: “Die Leute wollen ihr Leben zurück“!

… und hier der Link zur ARD-Mediathek

Übersättigung mit Video?

Am Ende dieses Monats stelle ich bei mir eine Ermüdung in Sachen Video-Konferenzen fest (das Phänomen ist nicht neu und wird ja als “Zoom Fatigue” klassifiziert). Dabei gibt es so schöne Ideen: Etwa eine virtuelle Weihnachtsfeier, bei der alle Teilnehmenden vor dem Bildschirm sitzen, die Kerzen brennen, der Wein ist eingeschenkt :-) Danke an Lena, Nils und Jan für diese hübsche Idee der “Werihnachts-Tüte” für jeden Teilnehmenden! Über das OWCPS (One World Cognitive Psychology Seminar) habe ich mich ja schon in einem früheren Blog-Beitrag lobend geäußert. Auch die “Oral History“-Gespräche empfand ich als Bereicherung (weitere Aufnahmen in Vorbereitung).

Das ist natürlich eine tolle Online-Veranstaltung: Unser "Professorium" :-)

Was mir inzwischen auch gut gefällt (siehe meinen früheren -eher kritischen- Blog-Beitrag): Die wöchentlichen Vorlesungstermine, die nun als “inverted classroom” zum Beantworten informierter Fragen dienen - die Studierenden konnten sich die Folien zum jeweiligen Thema samt meinen Video-Kommentaren vorher ansehen und sind damit viel besser vorbereitet. Das gefällt mir! Aber natürlich ist der Aufwand deutlich höher: Die gesamte Vorlesung ist ja bereits im Vorfeld gehalten (das hat viele Tage der Semesterferien in Anspruch genommen).

Aber neben den vielen guten Seiten gibt es eben doch auch einiges an Schatten. Eine kleine (unvollständige) Liste der eher belastenden Ereignisse (die Veranstalter mögen mir die Nennung verzeihen - sie sind ja nicht wirklich Schuld an meiner Video-Ermüdung).

So wird etwa der alljährliche Vorweihnachts-Treff mit den Abi-Mitschülern des Jahrgangs 1972 (es gab zu der Zeit keine Mädchen an unserem -damals altsprachlichen- Humboldt-Gymnasium) in der Düsseldorfer Altstadt als Video-Treff stattfinden. Das Glas Altbier wird natürlich fehlen…

Der Koordinationsbeirat Masterplan Neuenheimer Feld (>30 Teilnehmende) tagte kürzlich dreieinhalb Stunden lang via Zoom. Bei früheren (kürzeren!) Sitzungen im Rathaus gab es wenigstens belegte Brötchen und Wasser - diesmal: Fehlanzeige! Und natürlich fehlen hier die informellen Gespräche am Rande solcher Treffen - das gehört zur Politik doch dazu!

In der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg” (der Mutter-Gesellschaft der Alumni Psychologici) halten wir am 17.12.20 zum ersten Mal eine Mitgliederversammlung via Internet/Zoom ab. Viele Fragen (etwa die nach rechtsverbindlichen Abstimmungen) stellen sich als schwierig heraus, und nicht alle technischen Probleme lassen sich definitiv ausschließen. Wir haben schon jetzt mehrere “Übungs”-Versammlungen durchgeführt und sind daher für einige Herausforderungen gewappnet… Interessant: Zum ersten Mal kommen auch Teilnehmende aus der ganzen BRD zur virtuellen Mitgliederversammlung - das ist natürlich gut!

Dass daneben Vorträge online gehalten werden oder Konferenzteilnahmen komplett digital ablaufen, ist einerseits praktisch (erspart Fahrzeit an anderen Ort und eventuelle dortige Unterbringung), aber natürlich fehlen andererseits das Nach-Konferenz-Gespräch mit Speis und Trank ebenso wie mögliches Sight-Seeing vor Ort.

Warum ich das schreibe? Weil ich mich schon jetzt auf Weihnachten freue - nicht als Online-Schaltung mit den Verwandten, sondern als Präsenzveranstaltung mit Beachtung der AHA-L-Regeln. Ein paar Tage ohne Online-Veranstaltungen: Da werde ich glücklich sein, mal nicht hören zu müssen: “Ich sehe Euch - hört Ihr mich?” oder im Chat lesen zu müssen: “HeiConf hat mich rausgeworfen, aber jetzt bin ich wieder zurück” (Insider-Joke, sorry Vincent Heuveline! Musste sein …)

Nie wieder!

Ohne Worte (Doppelklick aufs Bild, um die Inschrift zu lesen):

Wir haben es nicht vergessen!

http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2008/11/09/70-jahre-reichskristallnacht-9111938/