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Große gesellschaftliche Herausforderungen

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Am 24.4.2015 hat der Wissenschaftsrat (WR; seit 2014 unter dem Vorsitz von Manfred Prenzel, TU München) in Stuttgart ein Positionspapier zum Thema „Zum wissenschaftspolitischen Diskurs über Große gesellschaftliche Herausforderungen“ vorgestellt (zum Download: hier), das viele interessante Anregungen enthält. Die Stellungnahme beansprucht, “Desiderate für den Umgang von Wissenschaft und Wissenschaftspolitik mit Großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu formulieren” (S. 5). Das ist - nicht nur in Hinblick auf die in 2017 kommende dritte Runde der Exzellenzinitiative - von besonderem Interesse: Die großen Förderorganisationen der Wissenschaft (wie DFG, MPG, FhG), aber auch der Bund und die Länder lesen in diesem Papier Erwartungen an die Wissenschaft (und an die Wissenschaftsförderer), die die Ressourcenverteilung, neue Forschungsformate sowie generell das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft betreffen und uns als Wissenschaftler daher interessieren müssen.

Ausgangspunkt der Überlegungen sind sog. Große gesellschaftliche Herausforderungen (GgHn, das große G soll den stehenden Begriff markieren; international verwendete Bezeichnungen sind “societal challenges” oder “grand challenges”), die nach unserem Begriffsverständnis als “wicked problems” (der Begriff stammt von Rittel, 1972, und bezeichnet komplexe Probleme) verstanden werden können und die sich “durch hohe Komplexität, Vernetztheit, Zielpluralität und Unschärfe” (S. 16) auszeichnen.

Beispiele für die damit gemeinten gesellschaftlichen Herausforderungen sind Klimawandel, Energieversorgung, Wasseressourcen, Welternährung, Altern, Gesundheit, Ressourcenverknappung, Friedenssicherung – Problemfelder, für die keine einfachen und vor allem keine kurzfristigen Lösungen in Sicht sind. Viele Akteure sind beteiligt, haben ganz unterschiedliche Informationslagen und vor allem unterschiedliche Interessen. Kompromisslösungen, die Gerechtigkeit herstellen sollen, sind nicht in Sicht, weil schon beim Konzept “Gerechtigkeit” der Streit beginnt: Die verschiedenen Spielarten (z.B. Verteilungsgerechtigkeit oder Generationengerechtigkeit) führen jeweils zu anderen Ergebnissen und machen Diskussionen notwendig.

Im europäischen Forschungsraum hat die EU-Kommission für ihr Förderprogramm “Horizon 2020” etwa 40% der gesamten Fördersumme von insgesamt knapp 80 Milliarden Euro für die Beschäftigung mit “societal challenges” bereitgestellt (also rund 30 Mrd €). Darunter versteht die EU inhaltlich folgende konkrete Themen: „Health, demographic change and wellbeing; food security, sustainable agriculture and forestry, marine and maritime and inland water research, and the bioeconomy; secure, clean and efficient energy; smart, green and integrated transport; climate action, environment, resource efficiency and raw materials; Europe in a changing world, inclusive, innovative and reflective societies; secure societies – protecting freedom and security of Europe and its citizens“. Eine lange Liste!

Zum Themenkomplex “neue Forschungsformate” werden Stichworte wie “Reallabore” oder “citizen science” (Bürgerforschung, dh. Beteiligung von Akteuren ausserhalb der Wissenschaft an Forschung) erwähnt und der Unterschied zwischen erkenntnisorientierter und lösungsorientierter Forschung betont. Unter dem Leitbild “transformativer Wissenschaft” (z.B. Schneidewind & Singer-Brodowski, 2014; siehe auch den das Buch begleitende Blog) wird eine spezielle Sicht von Wissenschaft beschrieben: Der “Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen” (WGBU) hat 2011 transformative Wissenschaft definiert als die Wissenschaft, die „Umbauprozesse durch spezifische Innovationen (…) befördert. Sie unterstützt Transformationsprozesse konkret durch die Entwicklung von Lösungen sowie technischen und sozialen Innovationen; dies schließt Verbreitungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Möglichkeiten zu deren Beschleunigung ein und erfordert zumindest in Teilen systemische Betrachtungsweisen sowie inter- und transdisziplinäre Vorgehensweisen, darunter die Beteiligung von Stakeholdern“ (WBGU, 2011, p. 374).

Der Wechsel von staatsgetriebener Forschung (z.B. Atomkraft in den 60er Jahren) über industriegetriebene Forschung (z.B. Humanisierung der Arbeitswelt) zur zivilgesellschaftlich getriebenen Forschung: Wie können Bürgerinnen und Bürger ihre Interessen an Forschung einbringen? Was sind die zivilgesellschaftlichen Interessen an Forschung? Die Frage nach einem glücklichen, friedlichen, gesunden Leben (”subjektives Wohlbefinden“) könnte dabei aus unserer psychologischen Sicht eine wesentliche Rolle spielen.

Was sind nun die Desiderate, die der WR in Bezug auf die GgHn formuliert? In sieben Unterkapiteln werden die Bedürfnisse im Umfeld von GgHn beschrieben.

(1) Zunächst ist für die Identifikation zukünftiger GgHn ein gesellschaftlicher Verständigungsprozeß notwendig, der politisches Handeln bestimmt. Kommunikation und Partizipation spielen dabei eine wichtige Rolle.

(2) Das Zusammenführen und Integrieren verschiedener Wissensquellen stellt einen weiteren Bedarf dar, der mehr bedeutet als die Verwendung des Wörtchens “interdisziplinär”. Ob man gleich zum Mittel des “text mining” greifen will, sei dahingestellt - ich denke, Integration muss anders erfolgen (und zwar über Nachdenken).

(3) Das Erkennen und Offenlegen der Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis. Erkenntnisse sind oft nicht eindeutig (schadet Kaffee dem Herzen oder nicht?). Man findet häufig Pro- und Kontra-Argumente. Dies bedeutet nicht nur das Offenlegen von möglichen Interessenkonflikten, sondern auch Selbstkritik in bezug auf eigene Erkenntnisse. Selbst Wissenschaftler machen Fehler :-)

(4) Koordinationsmechanismen sind bei komplexen Problemen eher nicht-hierarchisch, nicht-direktiv und dezentral. Instrumenten- und Perspektivenvielfalt ist wichtiger als Homogenität. Das bedeutet einen gewissen Verlust an Kontrolle, zugleich aber möglichen Gewinn an Kreativität.

(5) Die Selbstkorrekturfähigkeiten im Wissenschaftssystem müssen gestärkt werden. Gleichzeitig sollen Vielfalt und Freiheit der Forschung nicht eingeschränkt werden. Wissenschaftlich fundierte Sachstandsanalysen sollen dabei helfen.Der Hype um manche Forschungsthemen geht zulasten solider aber “leiser” Forschung (ein Beispiel ist das spektakulär inszenierte Human Brain Project, von dem die EU schon nach kurzer Anlaufphase gerade eine Neuausrichtung verlangt [siehe auch meinen Blog-Eintrag dazu]).

(6) Die Mitwirkung von Akteuren ausserhalb der Wissenschaft an Forschungsaktivitäten sollte mitbedacht werden, da die GgHn umfassende gesellschaftliche Veränderungsprozesse anstossen, die alle Akteure betreffen und sie daher von Anfang an einbeziehen sollten.

(7) Eine Stärkung der globalen Perspektive (”Think global, act local”) mit dem Aspekt der Global Governance, also der Staaten-übergreifenden Abstimmung, da GgHn fast immer grenzüberschreitende Themen darstellen und Interessen Dritter berühren.

Ist das ganze nur ein Papiertiger? Zunächst mal ja! Um so ein Papier lebendig werden zu lassen, müssen Dinge in die Tat umgesetzt werden. Die Anstöße sind da, das Tun fehlt noch. Aber es wäre nicht fair (und den GgHn unangemessen), einfach nur zuzusehen und nicht auch selbst aktiv zu werden. Veränderungsprozesse fangen immer mit ersten kleinen Schritten an. “Schritte” heisst: man muss sich bewegen, aus der Deckung herauskommen. Sonst werden eines Tages aus den GgHn die MGgHn - die Mega-Großen gesellschaftlichen Herausforderungen.

Kritische Reaktionen gibt es auch schon, die in diesem Transformationskonzept einen Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft sehen und die Fremdbestimmung von Forschungszielen befürchten (siehe z.B. hier). Das sollte natürlich nicht passieren. Aber seien wir ehrlich: schon heute sind Teile der Drittmittelforschung nicht mehr völlig frei von Interessenkonflikten, und für Gutachten zur Stützung der einen Position finden sich Gegengutachten, die eine andere Sicht stark machen. Wahrheitssuche ist eben ein schwieriges Geschäft. Wer Angst vor Fremdsteuerung hat, darf nicht nur transformative Wissenschaft kritisieren, sondern muss die herrschenden Forschungsstrukturen hinterfragen.

Das WR-Papier wird hoffentlich einen breiten Diskurs auslösen! Mich hat es schon mal zum Nachdenken gebracht. Ich arbeite an einem HCE-Antrag zu Reallaboren mit!

Anzeigen in der “Rundschau”

Im aktuellen Heft 2/2015 der “Psychologischen Rundschau” (PRU) ist nach Seite 130 eine Anzeige geschaltet, die Erstaunen auslöst: Die University of Nicosia (Standort: Wien) wirbt dort auf einer 1/2 Seite für ein Doktoratsstudium Psychologie, berufsbegleitend, “nur 12 Präsenztermine in Wien”. Den vollständigen Werbeflyer findet man hier. Natürlich ist es ein Bezahl-Studium, da es sich um eine private Hochschule handelt - die Gebühren sind mit 13.500 Euro für ein dreijähriges Doktoratsstudium preiswert (zum Vergleich: private Hochschulen in der BRD bieten einen kompletten BSc-Studiengang Psychologie für knapp 30.000 Euro an).

Da es sich bei der PRU um die Zeitschrift handelt, die im Namen der “Deutschen Gesellschaft für Psychologie” (DGPs) herausgegeben wird, stellt sich natürlich die Frage, wer über die Aufnahme von Anzeigen entscheidet. Die Herausgeber verantworten den redaktionellen Teil, für die Anzeigen ist der Verlag zuständig. So weit, so gut - aber trotzdem stellt sich die Frage, ob diese Werbung nicht eine rote Linie überschreitet, die dem Anspruch der DGPs widerspricht. Brauchen wir in der DGPs vielleicht Regeln für den Umgang mit Anzeigenkunden?

Was mich bei der Anzeige schmunzeln lässt: Die PRU erhalten alle 2.500 Mitglieder der DGPs ins Haus geliefert - allerdings sind die meisten Leserinnen und Leser bereits promoviert, da Promotion noch bis vor kurzem Voraussetzung für eine Mitgliedschaft in der DGPs ist (inzwischen gibt es auch studentische Mitglieder, aber in geringen Mengen). Es kann der University of Nicosia also mit der Anzeige kaum darum gehen, Kunden zu finden. Da wären andere Journale sicher passender. Was dann?

Abschied von Frau Hohneder

Alexandra Hohneder in ihrem Büro (Anklicken zum Vergrößern)

Zum 1.5.2015 verläßt uns Alexandra Hohneder und wechselt vom Prüfungsamt in den Ruhestand - ein Wechsel an einer zentralen Stelle des Psychologischen Instituts, der sicher nicht leicht zu verkraften ist! Über lange Jahre hinweg hat Frau Hohneder unsere Studierenden (früher die Diplomer, heute die Bachelor- und Master-Studis) zugleich streng wie auch verständnisvoll begleitet. Am 21.4. fand ein Abschiedsfest im Institut statt - es waren viele Personen (auch Ehemalige) anwesend und haben Frau Hohneder nochmals hoch leben lassen, ein Ständchen gebracht, Geschenke überreicht, für die Arbeit in den vergangenen 25 Jahren gedankt und Ihr alles Gute für die Zukunft gewünscht.

Ein Prüfungsamt hat darauf zu achten, dass fair geprüft wird, dass erbrachte Leistungen anerkannt und registriert werden, sowie dass die Prüfungsresultate ordnungsgemäß zu einem Zeugnis (heute “transcript of records”, Notenliste mit ECTS-Punkten) zusammengestellt werden. Frau Hohneder hat dies in optimaler Weise (reibungslos und ruhig) über die Bühne gebracht und uns Pluspunkte verschafft an einer für die Zufriedenheit der Studis wichtigen Stelle. Dass die Arbeit in den letzten Jahren zugenommen hat, steht ausser Frage.

Ein legendärer Ausspruch von Frau Hohneder nach der Umstellung auf ECTS-Punkte 2007: “Mit dieser Umstellung werden ganze Völkerstämme beschäftigt!” Zu diesen Völkerstämmen zählen übrigens nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Prüfungsämter, sondern auch alle Dozierenden incl. der Professoren-Ebene: Soviel Verwaltungsarbeit wie heute hatte ich noch nie! Und das ist langweilig! Dagegen waren die mündlichen Prüfungen, die es früher gab, richtig unterhaltsam (und ich habe viele Stunden damit verbracht: an der Uni Bonn habe ich in den 12 Jahren, die ich dort verbracht habe, rund 1000 mündliche Prüfungen in Allgemeiner Psychologie [im Grundstudium] sowie Kognitiver Psychologie [im Hauptstudium] abgehalten). In gewisser Weise war das noch im weitesten Sinn Wissenschaft, heute ist es pure Administration. Das semesterweise Ausfüllen von Excel-Sheets (für jede Veranstaltung eines) mit Kreditpunkten und sonstigen Details: Wenn ich die Stunden dafür zusammenzähle, hätte ich bestimmt eine weitere Veröffentlichung schreiben können.

Als Nachfolger von Frau Hohneder ist Michael Brünnich bestellt, der aus der Ethnologie kommt, sich schon seit März 2015 einarbeitet und dem wir natürlich alles Gute zum Start wünschen!

Frau Hohneder: wir beide hatten trotz aller Belastungen durch Prüfungen (und durch Prüflinge) immer wieder Spass miteinander - das werde ich vermissen! Und natürlich wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute für den Ruhestand!

Neues von Jens Förster (Teil 3)

Vor einiger Zeit habe ich in meinem Blog über den Sozialpsychologen Jens Förster und seine problematischen Paper geschrieben. Gleich 2x stand er im Fokus meines Blogs:

* 09.05.2014: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2014/05/09/integre-wissenschaft/

* 19.09.2014: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2014/09/19/neuigkeiten-im-fall-jens-forster/

Nun gibt es in der Angelegenheit “Alexander-von-Humboldt-Professur” aktuelle Neuigkeiten: Jens Förster teilt mit, dass er auf diese hochdotierte Professur verzichtet (siehe den Bericht auf Retraction Watch) und zukünftig das massenhafte Produzieren von Daten zugunsten des “digging deeper” aufgeben will; er schreibt (nachzulesen in seinem eigenen Blog): “I will spend the rest of my life on BEING rather than on HAVING. Thus, I will leave the materialistic and soulless production approach in science. And I want to say  ‘Adieu’ to 10 cruel years, in which my life was almost completely determined by others. I am going my own way now.”

Ein Fall von Läuterung? Hört sich (jedenfalls auf den ersten Blick) mal ganz gut an und scheint anzudeuten, dass er bestimmte Praktiken seiner Vergangenheit offensichtlich als Fehler sehen könnte! Das war in früheren Statements ja eher anders, wo ich den Eindruck gewann, dass er sich zu Unrecht angegriffen sah und eher zum Gegenangriff auf die Statistiker überging. Eine gewisse unterschwellige Schuldzuweisung bleibt feststellbar und lässt unklar, ob die Läuterung so echt ist (Zitat JeFö: “I would urge those who still have doubts to read the recent excellent alternative explanations for my results under discussion, proving that such results patterns can be obtained by methods that are not problematic”).

Last but not least: er erspart dem Auswahlausschuss und dem Stiftungsrat der AvH-Stiftung damit eine für beide Seiten schwierige Entscheidung (face saving). Natürlich frage ich mich, wenn JeFö jetzt schreibt, dass er ab sofort “sein eigenes Ding macht”: Wer hat früher sein Ding gemacht? Kommt nach der Fremd- nun die Selbstbestimmung? Und wie anders wird das wohl sein? Woran kann man diesen Wechsel erkennen? Wie wird Forschung im Modus “BEING” im Vergleich zu Forschung im Modus “HAVING” aussehen? Wir dürfen gespannt sein!

Der “Fall” von JeFö ist vorläufig zu einem Ende gekommen - frei nach Bertolt Brecht (abgwandelt von Reich-Ranicki): „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Nachtrag 1.5.2015: Gegen den Förster-kritischen Statistik-Dozenten Raphael Diepgen (siehe dessen Kommentar zu diesem Blog) wird von der RUB disziplinarrechtlich ermittelt: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/ruhr-uni-bochum-bootet-statistik-dozenten-aus-a-1030937.html Hintergrund-Info zu den Machtverhältnissen: die Dekanin der Fakultät, Sylvia Schneider, ist die Frau von Jürgen Margraf, der sich als Alexander-von-Humboldt-Preisträger für Jens Förster und sein Kommen noch Bochum eingesetzt hat. Honi soit qui mal y pense (=ein Schelm, wer Böses dabei denkt)…

Semesterstart

Das Sommersemester 2015 hat begonnen -  die Welle an Emails, Anrufen, Besuchen und sonstigen Aktivitäten rollt gerade wieder an und es heisst wieder Geduld aufzubringen, bis die anfängliche Unruhe abebbt. Dabei scheint mir der Zeitdruck zuzunehmen: Gutachten-Zyklen (für Journals, für Stiftungen, für Berufungskommissionen, für Stipendien, für Buchverlage) werden immer kürzer, zugleich steigt die Menge an Information an, die dabei nachgefragt wird. Terminabsprachen und Sitzungsplanungen stehen in großer Zahl an. Journalisten rufen an und wollen Statements. Geldgeber verlangen Berichte und Abrechnungen. Neue Projekte (wie z.B. “problem solving assessment in Japan”) müssen vorbereitet werden. Daneben wollen Artikel geschrieben und Druckfahnen korrigiert werden.

Was auch immer wieder zu Semesterbeginn ansteht: Vorbereitung der Lehre! Und das bedeutet sowohl inhaltliche als auch formale Vorbereitungen wie z.B. Durchsicht der EDV-Anmeldelisten, in die z.B. erworbene ECTS-Punkte einzutragen sind. Das bedeutet auch Wiedersehen mit Studierenden, die über ihre Fortschritte oder auch Probleme berichten; das bedeutet auch Prüfungen und Nach-Prüfungen. Die anstehende Auswahl der Master-Bewerbungen (159 für OBAC, 433 für DCP), organisiert von Benjamin Tauber unter Leitung von Monika Sieverding, kommt dazu. Aus allen Arbeitseinheiten werden Mitwirkende gebraucht, um die Besten herauszufischen, mit denen wir demnächst arbeiten werden. Spannend, aber auch mühsam!

Als internationale Gäste, die uns diesen Sommer begleiten, sind gleich mehrere Personen zu nennen, nämlich unsere beiden neuen Honorarprofessoren Robert Kail (Entwicklung) und Allan Wigfield (Pädagogische) sowie die Gastprofessoren Manfred Diehl (Altern), Kathleen Vohs (Sozial) und Gerdi Weidner (Gesundheit). Im Winter kommen dann auch unsere Honorarprofessoren Andreas Schleicher (Pädagogische) und Robert Sternberg (Allgemeine). Wir freuen uns auf viele Anregungen.

Im Institut haben wir seit 1.4.15 einen neuen Geschäftsführenden Direktor (GD genannt): nach Sven Barnow, der uns gut durch die letzte Periode geführt hat, folgt nun Hans-Werner Wahl in diesem Amt, das für 2 Jahre übernommen wird. Wir wünschen ihm viel Erfolg dabei (und das nicht nur aus eigenem Interesse)! Das erste Professorium unter neuer Leitung wie auch die erste große Mitarbeiterbesprechung (siehe Panorama-Foto von Florian Kutzner) haben am Montag einen guten Auftakt gebracht.

Wie jedes Semester ist auch diesmal wieder ein Anstieg der Unruhe unvermeidlich und zugleich gibt es doch die Gewissheit, dass in ein paar Tagen wieder “business as usual” stattfindet. Mit Blick auf meinen Blutdruck eine beruhigende Erwartung! An uns alle: Guten Start! Keep calm and carry on!

Stock-Flow Failure zum Verschwinden gebracht?

In der Debatte um das Verständnis des Klimawandels gibt es das Phänomen des “stock-flow failure” (SF-Fehler; siehe z.B. Cronin, Gonzalez & Sterman, 2009: “Why don’t well-educated adults understand accumulation? A challenge to researchers, educators, and citizens”, Link), wonach selbst gut gebildete Personen Schwierigkeiten damit haben, Zuflüsse und Abflüsse von Beständen richtig einzuschätzen. Typisches Beispiel wäre die Vermutung: Wenn wir morgen mit der CO2-Emission aufhören würden, ist dem Klimawandel Einhalt geboten, weil dann keine Emissionen mehr das Klima verschmutzen. Falsch! Der SF-Fehler besteht darin, den Bestand zu ignorieren. Wenn man bei seiner Badewanne den Hahn schliesst, hört der Wasserzufluss auf. Gut! Aber das in der Wanne befindliche Wasser wird dadurch erst mal nicht weniger. Dafür müsste man den Abfluss öffnen.

Selbst wenn wir morgen am Tag also alle Emissionen komplett einstellen würden, hätten wir über Jahrzehnte mit dem bereits akkumulierten Bestand und dessen schädlichen Auswirkungen zu kämpfen. Die Arbeitsgruppe um John Sterman (MIT System Dynamics Group) hat diesen Fehler vielfach nachgewiesen und damit eine Erklärung angeboten, warum Menschen mit dem Klimawandel nicht verantwortlich umgehen: sie können es nicht! Sie verstehen die Logik von Zuflüssen, Beständen und Abflüssen nicht richtig und handeln daher nicht adäquat.

In einer neuen Arbeit mit dem Titel “Improving Stock-Flow Reasoning With Verbal Formats” argumentieren Helen Fischer, Christina Degen und ich, dass das Format der Befragung diesen SF-Fehler provozieren könnte und der SF-Fehler daher ein Artefakt der Erhebungsbedingungen ist. Wir können in unseren Experimenten nämlich einerseits die Befunde zum SF-Fehler reproduzieren, wenn wir unsere Testpersonen im Sterman-Stil befragen; andererseits können wir den Fehler zum Verschwinden bringen, wenn wir in einem leicht verändeten Stil (verbal) fragen. Ein sogenannter Format-Effekt: Die Art der Befragung legt das Ergebnis fest. Wir ziehen daraus den Schluss: Menschen verstehen stock-flow besser als gedacht, man muss nur die richtigen Fragen stellen :-) Das heisst aber auch: es gibt keine Entschuldigung dafür, in Sachen Klimawandel mit der Schulter zu zucken und auf das Unvermögen der Menschheit zu plädieren; es liegt nicht an mangelndem Verstehen, sondern an mangelndem Willen. Villeicht doch keine so gute Botschaft?

Hier sind unsere Überlegungen dazu nachzulesen: Fischer, H., Degen, C., & Funke, J. (2015). Improving stock-flow reasoning with verbal formats. Simulation & Gaming. doi:10.1177/1046878114565058 - Siehe auch: Fischer, H., & Gonzalez, C. (2015). Making sense of dynamic systems: How our understanding of stocks and flows depends on a global perspective. Cognitive Science. doi:10.1111/cogs.12239

57. TeaP in Hildesheim

Vom 8.-11.3.15 fand an der Uni Hildesheim die 57. Tagung experimentell arbeitender Psychologen (TeaP) statt. Gut 600 Teilnehmende aus 15 Ländern konnten mehr als 370 Vorträge hören und knapp 160 Poster anschauen. Dazu kamen 1 Begrüssungsabend im Ratskeller, 3 Mittagsvorlesungen, 1 Gesellschaftsabend auf der Domäne Marienburg und 1 Fachgruppen-Treffen. Organisiert wurde das Ganze von einem Dreier-Team bestehend aus Christina Bermeitinger (federführend; sie löst auch Arndt Bröder im Vorsitz der Fachgruppe ab), Werner Greve und Andreas Mojzisch.

Ein volles (und tolles!) Programm, das die ganze Bandbreite der Allgemeinen und Experimentellen Psychologie zeigt! Es wird verständlich, warum wir als Fachgruppe so erfolgreich sind (in Termini von Drittmitteln, internationalen Publikationen etc.): wir haben tollen Nachwuchs! Die TeaP ist eine Tagung junger Leute; als Ü60 merke ich das an meiner sinkenden Bereitschaft, auf Miiternachtsparties zu gehen. Das war vor 30 Jahren anders… Die jungen Wissenschaftler sind hoch motiviert, gut ausgebildet und viele können auch auf Englisch gut präsentieren! Tagungssprache ist seit der Mannheimer TeaP englisch.

Was mir auffiel: die Atmosphäre ist freundlicher geworden. Zu meiner Zeit gab es einige ältere Herren, die als “scharfe Hunde” bekannt waren und deren bissige Kommentare gefürchtet waren. Das sieht heute anders aus - und das liegt nicht daran, dass ich meine Zähne verloren hätte…Der Umgang miteinander ist friedlicher geworden. Dafür fehlt es ein wenig an kontroversen Diskussionen.

Die Präsentationen folgen einem 15-Minuten-Rhythmus (12 Minuten Präsentation, 3 Minuten Diskussion ist der Plan; faktisch sind es 14:30 für Präsentation und 0:30 für Fragen), das ist stressig und führt dazu, dass manche gleich ihre Introduction überspringen und mitten drin einsteigen, um ihr Untersuchungsparadigma oder das Design zu berichten, ohne das die Daten kaum verständlich wären. Das wollen wir im nächsten Jahr ändern.

Drei Mittagsvorlesungen waren aufschlussreich: John-Dylan Haynes (Berlin) über “Decoding thougths from brain imaging signals”, Ernst Fehr (Zürich) über “Understanding the mind by examining the brain” und Hannes Rakoczy (Göttingen) über “The (dis-)unity of implicit and explicit theory of mind” brachten interessante Themen auf und haben ihre Standpunkte verdeutlicht. Der etwas breitere Blick tut angesichts vieler spezifischer Beiträge gut und ist ein wichtiger Bestandteil der Tagung.

Ein neues Format bestand in “No-Data Sessions”: Andreas Mojzisch hat in Anlehnung an Heinrich Dükers ursprüngliche Pläne den Beratungscharakter stark gemacht. Doktorandinnen und Doktoranden in der Planungsphase tragen ihre Ideen vor und bekommen Anregungen und Kritik von dazu eingeladenen Expertinnen und Experten.

Ein Highlight für mich war das Symposium “The Reproducibility Project“: Susann Fiedler (MPI Bonn), Georg Jahn (Lübeck), Frank Renkewitz (Erfurt) und Hedderik van Rijn (Groningen) berichteten über das 2011 gestartete Projekt, die in unseren Top-Journalen publizierten Experimente systematisch zu replizieren. 93 solcher “direct replcations” sind inzwischen abgeschlossen, viele weitere noch in der Pipeline. Aktueller Zwischenstand: nur 40% der Experimente liessen sich replizieren, die Effektstärke sank bei den unabhängigen Replikationen erheblich ab (von durchschnittlich r=.33 auf r=.10). Die gute Nachricht: “We are changing” - so die selbstbewusste Botschaft der Replikationsgruppe!

Auch die Veranstaltungen zur freien Statistik-Software R haben sich großer Beliebtheit erfreut und viele Zuhörende gefunden. BDie Poster-Sessions waren gut besucht und an den Ständen wurde lebhaft diskutiert (mehr als bei den Vorträgen). Bestimmt gab es noch andere Highlights, die mir entgangen sind, weill man nicht an allen Orten gleichzeitig sein konnte.

Noch etwas ganz Unwissenschaftliches aus dem Nähkästchen der Veranstalter: “Our participants ate 1300 pretzel sticks, 1300 cheeserolls, 14 baking sheets of cake (2x Butterkuchen, 2x Puddingkuchen, 2x Kirschbutterkuchen, 3x Streuselkuchen, 2x Bienenstich, 3x Apfelkuchen), 60 kg of apples, 45kg of bananas, 40 kg of tangerines, 20 kg of grapes. They drank 480 small bottles of orange juice, 480 small bottles of apple juice, 1320 small bottles of water, 70 liters of milk, 14 liters of soya-milk, and 19 packages of coffee using 2000 coffee cups. 449 people had lunch at the mensa.” Das ist der Treibstoff der Konferenz gewesen :-)

Alles in allem eine lohnende Reise! Viele Gespräche mit alten Bekannten, neue Bekanntschaften und ein paar neue Ideen, die unsere eigene Forschung voran bringen könnten. Dank an die Organisatoren für eine schöne Tagung! Und im nächsten Jahr wird Heidelberg vom 21.-23.3.16 Gastgeber der 58. TeaP sein (hier mein früherer Blog-Eintrag dazu). Wir freuen uns schon!

Signifikanztest ade?

Normalverteilung mit 5% Rändern

Normalverteilung mit 5% Rändern

Nun ist es soweit: Die erste psychologische Fachzeitschrift hat einen vollständigen Bann des in der Psychologie seit vielen Jahrzehnten fest etablierten Signifikanztests verhängt! Die uns Psychologen heilige Kuh der Inferenzstatistik wird geschlachtet!

Im jüngsten Editorial der Zeitschrift “Basic and Applied Social Psychology” (BASP) schreiben die Herausgeber David Trafimow und Michael Marks, dass die 2014 bereits angedrohte Massnahme nun ab 2015 in die Tat umgesetzt wird:

“The Basic and Applied Social Psychology (BASP) 2014 Editorial emphasized that the null hypothesis significance testing procedure (NHSTP) is invalid, and thus authors would be not required to perform it (Trafimow, 2014). However, to allow authors a grace period, the Editorial stopped short of actually banning the NHSTP. The purpose of the present Editorial is to announce that the grace period is over. From now on, BASP is banning the NHSTP.”

Wow! Das ist ein mutiger Schritt! Aber wie sollen wir bloss ohne den Signifikanztest zu neuen Erkenntnissen kommen? Wir wissen doch spätestens seit Jacob Cohen berühmtem Aufsatz von 1994 “The earth is round (p<.05)“! Ist ein Leben als Psychologe ohne den Zusatz “p<.05″ überhaupt vorstellbar? Was kommt an die Stelle der verbannten Inferenzstatistik?

Was kommt, ist eine Konzentration auf das Wesentliche: Vor allem Indikatoren der Effektstärke, die in Verbindung mit deutlich größeren Stichproben als bisher (endlich!) an Aussagekraft gewinnen! Praktische Signifikanz schlägt statistische Signifikanz! Und natürlich Häufigkeiten und Verteilungsinformationen, die in NHSTP häufig ignoriert wurden. Das hätte John Tukey, den Autor des legendären Buchs “Exploratory data analysis” (1977), sicherlich gefreut.

Wird ein völliger Verzicht auf den Signifikanztest nicht die Qualität der Beiträge schmälern? Die Herausgeber sind vom Gegenteil überzeugt: “We hope and anticipate that banning the NHSTP will have the effect of increasing the quality of submitted manuscripts by liberating authors from the stultified structure of NHSTP thinking thereby eliminating an important obstacle to creative thinking. The NHSTP has dominated psychology for decades; we hope that by instituting the first NHSTP ban, we demonstrate that psychology does not need the crutch of the NHSTP, and that other journals follow suit.”

Eine spannende Entwicklung! Auch wenn es sicher nicht das Flaggschiff unserer Fachzeitschriften ist: Hier findet gerade eine Revolution statt! Einer macht den ersten Schritt, andere werden folgen! Und klasse, dass es aus der Sozialpsychologie kommt! In der gegenwärtigen Krise unseres Faches ein demonstrativer Akt des Willens zur Veränderung!

see also blog entry from John Kruschke: http://doingbayesiandataanalysis.blogspot.de/2015/02/journal-bans-null-hypothesis.html

DEMADYN’15: (Non-)Optimal Decision making

Unter dem Kürzel DEMADYN’15 verbirgt sich eine internationale und interdisziplinäre Tagung, deren vollständiger Titel lautet “Hengstberger Symposium on (Non-)Optimal human decision making in dynamic environments” und die vom 2.-4.3.2015 am Internationalen Wissenschaftsforum (IWH) in Heidelberg stattfand. Eingeladen hatten die drei Hengstberger-Preisträger 2015: Peter Duersch (Alfred-Weber-Institut), Daniel Holt (Psychologisches Institut) und Christian Kirches (Institut für Wissenschaftliches Rechnen).

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Etwa 40 Junior- und Senior-Wissenschaftler aus dem In- und Ausland waren zu Gast in Heidelberg. In multidisziplinärer Perspektive ging es dabei unter anderem um die Frage, was „optimale“ Entscheidungen in sich verändernden Situationen sind und unter welchen Bedingungen sie getroffen werden. Als Keynote-Speakers konnten exzellente Kolleginnen und Kollegen gewonnen werden: Ido Erev (Technion, Haifa, Israel), John Hey (Centre for Experimental Economics, University of York, United Kingdom), Magda Osman (Queen Mary College, University of London, United Kingdom) und Sebastian Sager (Otto von Guericke Universität, Magdeburg, Germany) trugen die Sicht ihrer jeweiligen Disziplin (Mathematik, Ökonomie, Psychologie) vor und diskutierten theoretische und methodische Probleme in der Erforschung dynamischen Entscheidungsverhaltens.

Unter dem Stichwort “dynamic decision making” verbergen sich verschiedene Entwicklungslinien in der aktuellen Forschung; eine davon ist der von meiner Heidelberger Gruppe verfolgte Weg des Umgangs mit dynamischen computersimulierten Szenarien (”complex problem solving“). Die Rolle exekutiver Funktionen als Steerungsinstanzen wurde auf der Tagung ebenso diskutiert wie die Rolle bewusster und unbewusster Anteile beim Entscheiden; aber auch zur Formalisierung und Optimalitätsbestimmung bei komplexen Systemen wie z.B. dem Szenario “Tailorshop” (siehe meinen älteren Blogeintrag), das von den Mathematikern gründlich durchleuchtet und vor allem von Michael Engelhart optimiert wurde (siehe hier).

Alles in allem eine sehr schöne Tagung, die Interdisziplinarität erfahrbar gemacht hat durch rege Diskussionen und zu neuen Aktivitäten angeregt hat. Es war eine gute Mischung von Teilnehmern: solche, die gerade ihre Masterarbeit fertig gestellt haben, und solche, die ihren Kaffee mit Nobelpreisträgern trinken. Interessant auch, wie sehr die klassischen Ökonomen (im Unterschied zu den Vertretrern von behavioral economics) am Konzept “expected utility” hängen und Verhalten ausschliesslich unter Bezugnahme auf die “utility function” erklären wollen. Ich hatte den Eindruck, dass die Disziplinen Psychologie und Ökonomie nur sehr langsam konvergieren und immer noch erhebliche Unterschiede in den zentralen Axiomen bestehen. Wir hoffen, einige der besten Beiträge demnächst in unserem neuen “Journal of Dynamic Decision Making” (JDDM) vorstellen zu können, das sich gerade in der Startphase befindet.

Das Ambiente am IWH ist einfach sehr schön (direkt unterhalb des Schlosses) und für solche kleine Gruppen optimal geeignet. Dank an die drei Organisatoren dieser Tagung! Und Dank an den Stifter, die Klaus-Georg und Sigrid Hengstberger-Stiftung, die diese Konferenz finanziert hat! Toll, dass wir solche Möglichkeiten haben! Die Uni Heidelberg erweist sich wieder mal als ein Ort, der hervorragende internationale Gäste anzieht und spannende interdisziplinäre Diskurse ermöglicht. Das ist Voll-Universität in bester Form! Kreative Ideen: Wo, wenn nicht hier?!

Abschied von Hausmeister Kreft

Peter Kreft in seinem Büro

Peter Kreft in seinem Büro (anklicken zum Vergrößern)

Als ich 1997 nach Heidelberg berufen wurde, habe ich zwei Dinge schnell gelernt: wie wertvoll die Parkerlaubnis auf dem Innenhof unseres Instituts ist (mitten in der Fussgängerzone) und dass nur 1 Person auf dem Institutsgelände das Sagen haben kann - und das ist der Hausmeister!

Peter Kreft hat über viele Jahre hinweg (seit Ende 1983) dem Institut gedient und sich um das Gebäude und das Gelände hervorragend gekümmert (bis Januar hat er in der Villa auf dem Institutsgelände gewohnt). Mit den Menschen in den Gebäuden ging es nicht immer so reibungslos; immer wieder gab es kleinere oder größere Konflikte, was daran lag, dass Herr Kreft kompromisslos war. Fahrräder dürfen nur an den dafür vorgesehenen Abstellplätzen abgestellt werden; diese Vorschrift gilt für alle, auch für den Geschäftsführenden Direktor, mag er es noch so eilig gehabt haben und “nur mal eben” das Rad an einer unerlaubt praktischen Stelle geparkt haben. Entweder bekam man einen Anschiss oder das Rad wurde stillschweigend versetzt.

Ich zitiere aus einer Rundmail unseres Kustos Dr. Joachim Schahn, der aus Anlass des Ausscheidens von Herrn Kreft ein wenig zur Geschichte des Hausmeisterdienstes in den letzten 30 Jahren schreibt:

“Die Hausmeister übernahmen damals nicht nur die Aufgaben, die wir heute zum Hausmeisterdienst rechnen, wie die Hauspost, kleinere Reparaturen, die Überwachung des Gebäudes auf Schäden, das Auswechseln der Handtücher auf den Toiletten oder von defekten Leuchten, usw. Sie waren im Wesentlichen für alles das zuständig, was heute „outgesourced“ ist: Schließdienst, Anleitung des Reinigungsdienstes, Winterdienst und anderes mehr. In den Anfangszeiten wurden sogar die Büromöbel selbst hergestellt (einige alte Exemplare tun heute noch ihren Dienst); auch unsere Postfachanlage wurde in den 70er Jahren vom damaligen Hausmeister Theo Ellwanger gebaut.

Gegen Mitte/Ende der 70er Jahre arbeiteten am Institut unglaubliche drei (!) Hausmeister gleichzeitig, die manchmal etwas unterbeschäftigt waren und daher auch die Bibliotheksaufsicht zeitweise übernommen haben. Doch diese Zeit war gegen Anfang der 80er Jahre dann bald vorbei, und es begann die eigentlich sinnvollste Phase mit zwei Hausmeistern (Herrn Ellwanger und Herrn Kreft), die zusammen die komplette Öffnungszeit des Instituts abdeckten und über Mittag gemeinsam Dienst hatten; in dieser Zeit konnten Dinge erledigt werden, die nur zu zweit möglich sind (z.B. Möbeltransporte). Im Zuge des „Solidarpakts I“ Ende der 90er Jahre verloren wir dann nach seiner Pensionierung einige Jahre später Herrn Ellwanger. Zahlreiche seitherige Hausmeisteraufgaben wurden an externe Firmen vergeben, landeten beim Verwaltungssekretariat (z.B. die Post zu frankieren und die Schlüssel zu verwalten) oder bei anderen Mitgliedern des Hauses. Eine Urlaubs- oder Krankheitsvertretung gab es zunächst nur noch lückenhaft, später gar nicht mehr, so dass das Institut seither auf eigene Kosten eine Firma mit der Vertretung beauftragen muss. Und nun werden wir nach Herrn Krefts Pensionierung gar keinen Hausmeister mehr haben. Die Universität darf nach einer Vorgabe der früheren Landesregierung, die sich auf ein Gutachten beruft, nach dem zahlreiche Hausmeisterstellen überflüssig sind, keine frei werdenden Hausmeisterstellen mehr neu besetzen, bis der Sollwert erreicht ist. Vorerst wird für uns ein Dienstleister zuständig sein; allerdings nur in Teilzeit.”

Ich werde Herrn Kreft vermissen! Seine Art des “sich kümmerns” um “sein” Institut werden wir wohl alle vermissen, da bin ich ziemlich sicher. Hausmeisterdienste, die uns jetzt versorgen, haken professionell Checklisten ab und halten (hoffentlich!) Minimalstandards ein. Aber was dort nicht auf der Liste vorkommt, spielt eben auch keine Rolle. “Sich kümmern” sieht anders aus; schon der Kleine Prinz von Saint-Exupéry hat gewusst, dass die Pflege eines kleinen Planeten mehr als nur Abhaken von Checklisten ist.

Lieber Herr Kreft: Ihnen und Ihrer Frau eine gute Zeit des Ruhestands! Schauen Sie doch ab und zu mal nach dem Rechten :-)