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Vorträge, Vorträge, Vorträge!

Die abgelaufene Woche stand für mich ganz im Zeichen von vier interessanten Vorträgen. Heidelberg hat insgesamt ja ein tolles Vortragsangebot (viele interessante Forscher, Literaten, Künstler, etc. kommen gerne hierher) - ein Angebot, das mich manchmal terminlich überfordert, aber natürlich vor allem begeistert. Die Ausbeute dieser Woche: klasse!

(1) Arndt Bröder (Allgemeine Psychologie, Uni Mannheim) sprach im Rahmen des sozialpsychologischen Kolloquiums zum Thema “Viele Mechanismen oder einer? Empirische Untersuchungen zu Metaphern adaptiven Entscheidens” und hat sich gefragt, ob man experimentell zeigen kann, dass die Metapher des adaptiven Werkzeugkastens oder diejenige des “adjustable spanner” besser passt. Mir ist nochmal deutlich geworden: Mit minimal komplexen Paradigmen in der Informationssuche (man muss unter knappen Info-Ressourcen zu einer Entscheidung kommen und bekommt auf Wunsch, gegen Entgelt etc. weitere Info-Stücke, die entweder konkordant, neutral oder diskordant zur geplanten Entscheidungsalternative stehen) sieht man nur die eine Seite der Medaille - die andere Seite (und die ist bei komplexen Siituationen eher typisch) besteht darin, aus einer Flut von Informationen die relevanten Stücke herauszusuchen. Da werden andere Heuristiken verlangt, scheint mir. Stoff zum Nachdenken jedenfalls.

(2) Timo Leuders (Mathematik-Didaktik, PH Freiburg) hat im Rahmen des Interdisziplinären Bildungskolloquiums über “Entdeckendes Lernen” gesprochen. Am Beispiel der Mathematik-Didaktik ist “discovery learning” daraufhin überprüft worden, unter welchen Bedingungen es traditionellen Instruktionsformaten überlegen ist. Dass mehr Zeit benötigt wird, ist sicher ein Nachteil - auf der anderen Seite steht als Gewinn neben dem Wissenserwerb auch der Erwerb einer spezifischen Art zu denken (in diesem Fall: mathematisches Denken) und eine gesteigerte Selbstkompetenz, wenn man verborgene Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten (manchmal mit ein bisschen Hilfe) selbst aufdeckt. Interessanter Aspekt am Rande: Welche Rolle spielen Beweise in der Mathematik? In der chinesischen Mathematik sind sie bedeutungslos, bei uns offensichtlich entscheidend. Bis heute sind “Vermutungen” in der Mathematik etwas sehr Wichtiges, indem aus Beobachtungen über Regularitäten mögliche Gesetzmäßigkeiten induziert werden.

(3) Melanie Wald-Fuhrmann (MPI für empirische Äathetik, Frankfurt) hat unter dem Titel “Warum lieben Sie Brahms?” in der Alten Aula die 14. Marsilius-Vorlesung gehalten. Es ging darum, wie sich ästhetische Präferenzen entwickeln. Dabei sind soziologische Aspekte ebenso wie psychologische zu berücksichtigen. Dass sich Subkulturen auch über einen bestimmten Musikgeschmack definieren, ist ein interessantes Phänomen. Und natürlich lieben Mädchen ihre Boy-Groups, Jungen ihre Girl-Groups, oder? Entwicklungspsychologische Überlegungen helfen hier weiter. - Dass sich die Max-Planck-Gesellschaft entschlossen hat, zum Thema Ästhetik ein eigenes MPI einzurichten, finde ich klasse! Hier in Heidelberg hatten wir (Christiane von Stutterheim, Raphael Rosenberg und ich) vor Jahren einmal den Plan zu einem eigenen SFB (”Kognition von Sprache, Musik und Bild”), der solche Themen ebenfalls hätte fokussieren sollen - die DFG-Gutachter haben uns damals leider mit etwas engstirnigen Argumenten abgewiesen, obwohl wir gute Ideen hatten. Die Marsilius-Vorlesung hat bei mir alte Pläne wieder in Erinnerung gerufen. Übrigens: Ich habe bisher alle Marsilius-Vorlesungen gehört und war nie enttäuscht!

(4) Kurt Roth (Umweltphysik, Uni Heidelberg) hat im Rahmen des von unserem Assyriologen Stefan Maul organisierten “Gesprächskreis Geistes- und Naturwissenschaften” über “Evolution - Versuch einer großen Schau” einen unglaublich anregenden Vortrag über die Entstehung des Weltalls gehalten (die physikalische, chemische und biologische Evolution seit dem “Big Bang“), mit einem Ausblick auf die technologische Evolution im 21. Jahrhundert. Ein völlig neues Verständnis der Nukleogenese und der Kosmogenese, bei dem die Anthropogenese leider nur einen winzig kleinen Teil ausmacht (der mich natürlich am meisten interessiert). Viele Fragen, die nach 2 1/2 Stunden Vortrag und Diskussion offen blieben, aber nachwirken.

Mit Vorträgen ist es manchmal so, wie Christian Morgenstern es über Witze schreibt: “Korf erfindet eine Art von Witzen, / die erst viele Stunden später wirken. / Jeder hört sie an mit langer Weile. // Doch als hätt’ ein Zunder still geglommen, / wird man nachts im Bette plötzlich munter, / selig lächelnd wie ein satter Säugling”. Natürlich waren meine vier Vorträge nicht langweilig, sondern sehr lebendig - um wieviel mehr lässt das auf fruchtbare Nachwirkung hoffen! Der Zunder glimmt!

Faking Science: Die Geschichte von Diederik Stapel

Im September 2011 ist der Fall Diederik Stapel an die Öffentlichkeit gekommen - ein holländischer Sozialpsychologe, der in seinen international Aufsehen erregenden Artikeln mit selbst gemachten Daten gearbeitet hat. Zahlreiche Veröffentlichungen wurden mit gefälschten Daten publiziert (und zwar in in guten und sehr guten Zeitschriften, darunter “Science”), für eine Vielzahl weiterer Publikationen sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Angaben von Retraction Watch zufolge wurden bis August 2013 insgesamt 54 Veröffentlichungen zurückgezogen.

Als Reaktion auf die Entlassung aus den Diensten der Universität Tilburg hat Stapel nicht nur seinen Doktortitel der Universität Amsterdam freiwillig zurückgegeben, sondern auch ein Buch über seine Geschichte verfasst. Ich habe über die Weihnachtszeit diese Biografie von Diederik Stapel gelesen, als PDF kostenlos zu erhalten:

Stapel, D. (2014). Faking science: A true story of academic fraud. Retrieved from http://errorstatistics.com/2014/12/21/derailment-faking-science-a-true-story-of-academic-fraud-by-diederik-stapel-translated-into-english/

Der Text ist nicht schön geschrieben (enthält viele verwirrende Sprünge… Der Buchtitel “Derailment” bekommt dadurch noch eine andere Bedeutung), aber er gibt einen Einblick in die Psyche eines Datenfälschers und den Umständen, unter denen aus einem sehr engagierten, begeisterten jungen Studenten ein erfolgreicher betrügerischer Professor wurde, der sich am Ende zwar erkennbar schämt, aber auch über die öffentliche Verfolgung von ihm und seiner Familie durch die Presse klagt.

Deutlich wird, dass kleine Grenzüberschreitungen (”questionable research practices“) am Anfang stehen (mal hier und dort einen Datenpunkt adjustiert, der nicht ganz konform ausfiel), denen zunehmend gröbere Verletzungen guter wissenschaftlicher Praxis folgen, da sich (zunächst) keine negativen Konsequenzen ergeben, sondern im Gegenteil sich die öffentliche Aufmerksamkeit begeistert auf ihn richtet. Er ist es, der der Öffentlichkeit die Welt erklären kann. Stapel geniesst diese “Star”-Position und sonnt sich im Rampenlicht, bis alles zu Bruch geht und sein “faking science” - nach 7 (sic!) Jahren - auffällt. Wissenschaft und Starkult passen eben nicht zueinander.

Was die Autobiografie aber auch deutlich macht: Es gibt für den Betroffenen keinen Mechanismus, diesen Betrug zu heilen - die Beichte führt nicht zur Erlösung. Eine Rückkehr in die Wissenschaft scheint nach einem derartigen Fehltritt nicht mehr möglich. Ist das fair? Wie steht es mit einer zweiten Chance?

Interessant am Rande: Stapel wäre gerne Schauspieler geworden! Wie es scheint, hat er es indirekt geschafft, diesen Berufswunsch mit seinen Auftritten in Hörsälen und in den Medien zu realisieren!

Link zum Untersuchungsbericht der Levelt-Kommission: https://www.commissielevelt.nl/

PS: Es ist ein Kommentar von Rolf Degen eingetroffen, der seinerseits über das Buch von Stapel eine lesenswerte Rezension verfasst hat (Link: siehe unten im Kommentarfeld und hier).

Je suis Charlie - und nun?

Der Terror-Anschlag von Paris am 7.1.2015: schrecklich, brutal, menschenverachtend! Wie gut, dass eine Welle der Solidarität rollt und die Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter demokratischer Verfassungen in den Mittelpunkt rückt! Geht das Ereignis unsere Disziplin “Psychologie” an? Natürlich! Das Thema geht uns alle an, also auch uns Psychologen. Was können wir zur Erklärung beitragen, was zur Verhinderung weiterer derartiger Anschläge?

Aus meiner Sicht muss dies mittel- und langfristig auch Konsequenzen für die angewandte Forschung haben. Wenn sozialwissenschaftliche Forschung gesellschaftliche Relevanz erlangen will, muss sie hier vermehrt Beiträge zum Verständnis, zur Therapie und Prävention anbieten. Das geht aber nur, wenn für entsprechende Forschung auch finanzielle Förderung möglich ist. Solange die Suche nach den letzten Geheimnissen der Teilchenphysik drastisch mehr Fördermittel erhält als die Suche nach den Wurzeln des Terrorismus, kann wissenschaftlich begründete Erkenntnis über diesen Phänomenbereich nicht wirklich wachsen (dabei wäre sie im Vergleich zu apparateintensiver Forschung viel billiger).

“Je suis Charlie” - dieses Motto der Solidarität mit den Opfern gefällt mir, aber es ist zu wenig, wenn es ein Lippenbekenntnis bleibt. Brauchen wir mehr Überwachung, mehr Polizeischutz? Wenn wir nicht an die Wurzeln des Terrorismus gehen, vermutlich ja - obwohl wir auch ständig erfahren, dass selbst die gigantischen Datensammlungen in den USA terroristische Anschläge nicht verhindern. Und mehr Überwachung und Kontrolle: damit gäben wir ja gerade ein Stück der Freiheit her, um die wir kämpfen.

In Paris wurde 1789 das Ideal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ausgerufen - Ideal und Wirklichkeit klaffen leider immer noch auseinander! Unfreiheit, Ungleichheit und Unmenschlichkeit sind auf diesem Planeten leider häufig anzutreffen - aber das ist kein Grund, von Idealen abzuweichen. Der Traum “Alle Menschen werden Brüder” ist ein schöner, auch wenn der Alltag leider anders aussieht.

Was kann man tun? Es sind sicher viele Faktoren verantwortlich dafür, dass Menschen Gewalt als letztes Mittel ihrer Interessen einsetzen. Ein Ansatzpunkt unter mehreren wäre, Bildung und Aufklärung in die Regionen zu tragen, wo Menschen bislang noch keinen freien Zugang zum Wissen haben und sich keine eigene Meinung bilden können. Und mit “Region” sind keineswegs nur entlegene räumliche Gebiete gemeint, sondern auch die Region der bildungsbenachteiligten Schichten unserer westlichen Gesellschaft. Dass in den Banlieues größerer französischer Städte nicht nur preiswerte Schlafstätten vermietet werden, sondern auch Bildung schwerer zu vermitteln ist, scheint ein Teil des Problems zu sein und ist in deutschen Grossstädten vermutlich nicht viel anders.

Bildung ist auch ein Beitrag zur Chancengleichheit bzw. Chancengerechtigkeit: Wofür lohnt es sich zu arbeiten? Tatsächlich zeigen Studien der OECD, dass mehr Bildung zu höherem Einkommen führt: “Bildung ist in allen OECD-Staaten der sicherste Weg, um ein hohes Einkommen zu erzielen. Mit jedem weiteren Bildungsabschluss steigt es in der Regel an. Besonders lohnenswert ist unter diesem Aspekt ein Abschluss im Tertiärbereich (Hochschul-, Fachschul-, oder Meisterabschluss). Verglichen mit dem Erwerbseinkommen von Personen mit einem Abschluss im Sekundarbereich verdienen Personen mit tertiärem Abschluss 62 % mehr. Im OECD-Durchschnitt sind es 51 % mehr.” (OECD, Education at a Glance, 2013). Und gleich noch eine Erkenntnis aus diesem Bericht: “Bildung fördert die Entstehung und Entwicklung von Werten, die bürgerschaftliches Engagement und politisches Interesse anregen, sowie die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen des Einzelnen, um sich gesellschaftlich einzubringen.”  Was wollen wir mehr?

Vielleicht sollten wir doch Bildungsausgaben als sinnvolle und systemrelevante Investitionen anerkennen? Im aktuellen Bundeshaushalt 2015 stehen gut 15 Mrd Euro für Bildung und Forschung bereit, im Vergleich zu 32 Mrd Euro für Verteidigung. Das Verkehrsministerium liegt mit gut 23 Mrd Euro auch noch vor dem BMBF-Etat. Welche Prioritäten wollen wir gesetzt sehen? Ich bin für Bildung! Schädliche Nebenwirkungen halten sich in Grenzen - und Bildung kann man leicht teilen! Es ist eines von den besonderen Gütern gemäß der Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom, die man bedenkenlos teilen kann und die durch Teilung sogar noch mehr werden!

Der zur Schleife gebogene Bleistift: Ein Zeichen nicht nur für die Solidarität mit den getöteten französischen Karikaturisten, sondern auch ein Zeichen für mehr Bildung! Früher hiess es: Macht Schwerter zu Pflugscharen! Heute könnte man sagen: Bleistifte statt Kalashnikows!

Jahresende 2014

Am Freitag Abend 19.12. war mein letzter Termin dieses Jahres - ein angenehmer: Abendessen im “Güldenen Schaf” mit unserem Honorarprofessor Andreas Schleicher von der OECD (Paris)! Es hat höllisch geregnet, im Gastraum mussten Eimer aufgestellt werden, da der Regen durch die Decke kam… Zusammen mit Birgit Spinath sassen wir erfreulicherweise im Trockenen und hatten eine gute Diskussion. Eines der Gesprächsergebnisse: eine OECD-Edition zum Thema “PISA Problem Solving”, herausgegeben von Beno Csapo, Andreas Schleicher und mir, kommt nach langer Wartezeit in die finale Phase und könnte 2015 das Licht der Welt erblicken.

Keine Ahnung, was 2015 so alles bringt...

Keine Ahnung, was 2015 so alles bringt...

Die ganze letzte Woche über hatten sich Termine geknubbelt; drei Doktorprüfungen, die Vorweihnacht-Klausur “Einführung in die Psychologie” (mit 170 Teilnehmenden), Sitzungen vom Vorstand (Stiftung Universität Heidelberg und Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg) und einer wichtigen Berufungskommission an der Universität Trier, zwei Weihnachtsfeiern, dazu Termine mit Studierenden. Noch fertigzustellen waren 2 Gutachten zur Besetzung von Professorenstellen, 3 Gutachten für Studierende, 1 Gutachten für ein internationales  Journal und 3 Gutachten für eine Konferenz. Nicht mehr fertig geworden sind 4 Manuskripte, die eingereicht werden sollen und nun bis ins neue Jahr warten müssen. Uff!

All das ist für dieses Jahr 2014 nun vorbei. Zeit, zur Ruhe zu kommen und Bilanz zu ziehen. Zeit, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren und neue Ideen für die Forschung zu generieren. Zeit, die Gedanken schweifen zu lassen und bei schöner Musik und guter Lektüre zu entspannen. Zeit, sich auf das neue Jahr 2015 vorzubereiten.

Allen Blog-Leserinnen und -Lesern wünsche ich ein paar ruhige Tage, einen guten Rutsch in das neue Jahr und viele interessante Geschichten in 2015!

Grundgesetz geändert zum Wohl der Unis

Am 19.12.2014 hat der Bundesrat eine Änderung von §91b des Grundgesetzes beschlossen (hier der neue Wortlaut; Bericht im Tagesspiegel): Danach darf sich in Fällen “übergeordneter Bedeutung” der Bund an der langfristigen Finanzierung von landeseigenen Hochschulen beteiligen. Bislang war dies ausschließlich Ländersache. Ausnahmen gab es nur für kurzfristige Projekte wie z.B. die Exzellenzinitiative. Der Föderalismus im Hochschulbereich führt ja zu manchen Kuriositäten (nur noch in Baden-Württemberg gibt es z.B. “Pädagogische Hochschulen” - alle übrigen Bundesländer haben diese längst in ihre Universitäten als “School of Education” integriert), aber in Zeiten knapper Kassen führt er auch zu Finanzkrisen im Hochschulbereich.

Mit dem Angebot des Bundes, ab 2015 allein für die Zahlung von BaFöG aufzukommen (und damit die Länderkassen erheblich zu entlasten, die bislang ein Drittel der Kosten trugen), konnten die Länder für die Aufhebung des Kooperationsverbots gewonnen werden. Dennoch wird es nicht zur Einrichtung von Bundesuniversitäten kommen (jedenfalls nicht in absehbarer Zeit).

Was das für den Hochschulpakt III in Baden-Württemberg konkret in Heidelberg bedeuten wird, muss man im Januar beurteilen, wenn es in Stuttgart zu dessen Unterzeichnung kommt (hier nochmal die damaligen Forderungen der Universitäten und hier eine Kritik von Studierendenvertretern). Die optimistischen Statements unserer Landesministerin Theresia Bauer werden dann auf den Prüfstand gestellt werden müssen.

Masterfeier 2014 mit Talar!

Alumnifeier 2014 in Hörsaal 2

Alumnifeier 2014 in Hörsaal 2

Unsere diesjährige Master- und Diplomfeier für die Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs 2014 fand am Freitag 12.12.14 um 17:00 in HS 2 statt. Das Besondere diesmal: Die Studierenden durften Talar und Barett tragen, um den Abschluß gemeinsam mit Lehrenden, Freunden und Verwandten feierlich zu begehen. Es war grossartig! Angefangen mit dem Umkleiden in ÜR B (ein Spiegel fehlte - wie konnten wir das vergessen….), der gemeinsame Einmarsch in den HS 2, begleitet von dezenten Gitarrenklängen, mit den Eltern, Freunden und Verwandten auf den hinteren Bankreihen und den Alumni in den vorderen Reihen: ein würdiger Moment! So hatten Dr. Herbert Wettig (=mein Stellvertreter im Vorsitz der Alumni Psychologici) und ich mir das vorgestellt!

Die Ansprache von unserem Geschäftsführenden Direktor Sven Barnow, der Sein und Haben im Sinne Ernst Fromms thematisierte, war passend und gab den richtigen Ton vor. Die fetzige Gitarrenmusik von Engin Devekiran (BSc Psychologie 3. Semester) setzte das Gesagte in gute Töne um.

Der Rückblick von Christina Keidel, MSc, war ein wunderschöner Beitrag in Form eines Journal Articles (mit den kanonischen Elementen: Einführung, Methode, Ergebnisse, Diskussion). Super vorgetragen! Mit einem grossen Blumenstrauß wurde Abschied genommen von Alexandra Hohneder (stehender Applaus!!), die unser Prüfungsamt seit Jahrzehnten exzellent organisiert hat und im kommenden Frühjahr leider in den vorgezogenen Ruhestand eintritt.

Bevor die Studiendekanin Birgit Spinath die Urkunden überreichte, berichtete Kollege Oliver Schilling als Vertreter der Weinert-Preis-Kommission über deren Arbeit und gab  bekannt, dass unter sechs Vorschlägen die Arbeit von Ivan Vasilev, M.Sc., über Optimismus herausgeragt habe und daher den diesjährigen Weinert-Preis erhalten hat. Gratulation!

Das letzte Wort hatte ich selbst als Vorsitzender der Alumni Psychologici - Stolz auf unsere Absolventen mischt sich mit Betrübnis über den Verlust vertrauter Gesichter, die nun als unsere Botschafter ausschwärmen! Mögen sie nicht vergessen, dass erworbenes Wissen zu einem humanen Umgang damit verpflichtet! Und dass Wissen up to date gehalten werden muss - liebe Alumni: kommt gelegentlich zurück in den Tempel des Wissens!

Zum Abschluss gab es wieder ein kleines Geschenk von mir, mit dem die Erinnerung an unser Institut erhalten bleiben sollte. Beim anschließenden Empfang durch die Alumni Psychologici in unserem Fakultätssaal konnten wir noch ein wenig miteinander reden, trinken und essen, bevor alle wieder zu ihren neuen Standorten aufbrachen.

Dank an alle, die diese Veranstaltung hinter den Kulissen mit vorbereitet haben - um ein paar Namen zu nennen: Christiane Fauth, Edith Hartmann, Alexandra Hohneder, Miriam Langeloh und die Hilfskräfte aus den verschiedenen Abteilungen! Ohne gute Vorbereitung, gute Begleitung und flottes Aufräumen wäre das nicht so glatt gelaufen! Toll, dass wir so ein gutes Team haben!

Ich bin nun gespannt darauf, wohin der weitere Weg unsere Absolventinnen und Absolventen führt. Ich freue mich auf ein Wiedersehen und hoffe, dass wir in Kontakt bleiben! [Facebook-Accounts: Joachim Funke, Alumni Psychologici bzw. DJ Funk]

Masterfeier mit Talar?

Funke mit Talar & Barett

Funke mit Talar & Barett (es kommt noch eine orange Schärpe dazu)

„Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ - das war ein beliebter Spruch zu Zeiten der Studentenrevolte in den 1970er Jahren (ich habe ihn damals als junger Student auf der Strasse selbst skandiert). Der damit verbundene Angriff auf undemokratische, autoritäre und elitäre Strukturen hat in den vergangenen 40 Jahren zu vielen überfälligen Veränderungen geführt. In Baden-Württemberg ist die Verfasste Studierendenschaft inzwischen wieder eingeführt worden. Studierende werden heute angehört und einbezogen - nicht nur symbolisch. Die Auswüchse alter Professorenherrlichkeit sind beschnitten. Können wir uns heute wieder mit dem Thema “Talar” beschäftigen, ohne durch diese Geschichte belastet zu sein?

Anlass für diese Überlegungen ist die Idee, unsere Masterfeier etwas festlicher zu gestalten und die Masterabsolventinnen und -absolventen zur Feier des Ereignisses mit Robe und Barett zu schmücken. Mit einem Zuschuss aus dem Spendentopf der “Alumni Psychologici” konnte ein Satz an Ausstattung beschafft werden, der für die nächsten Jahre vorhält (ein ganz herzlicher Dank von hier aus an die Groß-Spenderin Anne-Marie de Jonghe!).

Was spricht dagegen? Stimmt es wirklich, dass die Unis, die wissenschaftlich nicht viel zu bieten haben, umso mehr Wert auf Pomp und Getöse legen? Wir haben an dieser Stelle sicher nichts zu kompensieren, daher würde ich mir diesen Schuh nicht anziehen. Ist es eine Amerikanisierung unserer Kultur? Fragen Sie doch mal, von wem die Amerikaner diese Tradition übernommen haben :-) Ist es nicht falsche Gleichmacherei? Nun ja, es ist nur äußerlich - und auch nur für eine kurze Zeit. Also: Für mich sind die problematischen Aspekte erträglich.

Was spricht dafür? In meinen Augen erhöht es symbolisch die Bedeutung dieser biografischen Wendemarke “Master”: Für die meisten ist das Studium mit diesem Abschluss vorbei und der berufliche Gelderwerb rückt als Lebensthema nah heran; einige wenige werden als Doktorandinnen und Doktoranden weitermachen. Stolz über das Geschaffte, Feier des Moments, Spannung auf das neu Bevorstehende: Die Anwesenheit von Eltern und Freunden schafft eine Bühne für diesen Moment der Rückschau auf das Erreichte, dem Abschied von der akademischen Heimat, von den Dozierenden und von den Mitstudierenden. Und für einen Moment sind alle im positiven Sinn gleich - die Einheitstracht symbolisiert die Zugehörigkeit zur Gruppe der “Erleuchteten”.

Also: ein Talar ist ein Talar ist ein Talar :) (Danke, Sven, für Deine klaren Worte!) In heutiger Zeit hat er m.E. die kritikwürdige Symbolik verloren und ist einfach nur ein würdiges akademisches Kleidungsstück, mit dem ich nicht allzuviel Sonstiges verbinden würde. Und natürlich ist es jedem freigestellt die Kluft zu tragen oder nicht - es ist ein Angebot, mehr nicht!

Abschied von Berndt Brehmer (1940-2014)

Der schwedische Kognitionspsychologe Berndt Brehmer ist im Alter von 74 Jahren in Uppsala gestorben (11.5.1940-19.5.2014). Brehmer war einer der international sichtbaren Forscher seines Landes, der seit den 1970er Jahren Arbeiten zur Social Judgment Theory, zu multiple-cue probability learning, zu Dynamic Decision Making und zu Distributed Decision Making anregende und provozierende Paper veröffentlicht hat. Von der Universität Uppsala, an der er lange beschäftigt war, ist er später an das “Swedish National Defence College” gewechselt, wo er auch über seine Pensionierung hinaus an verbesserten Command-Control-Strukturen interessiert war.

Meine eigene Verbindung zu Berndt datiert in die frühen 90er Jahre zurück. Als junger Assistent an der Uni Bonn hatte ich das Glück, Partner eines EU-Projekts zu sein, in dem Donald Broadbent gemeinsam mit europäischen Partnern implizite Lernprozesse untersuchte. In diesem Rahmen (sowie in weiteren darauf folgenden EU-Projekten) lernte ich Berndt kennen und habe lebhafte Diskussionen mit ihm führen können. Seine 1993 mit Dietrich Dörner veröffentlichte Arbeit “Experiments with computer-simulated microworlds: Escaping both the narrow straits of the laboratory and the deep blue sea of the field study” war natürlich ein Streitthema, stellt aber aus heutiger Sicht eine gute Begründung dieser Art von Forschung dar.

Seine zahlreichen Arbeiten über Feedback-Delays - er verwendete eine spezielle Variante der Computersimulation “Fire Fighting“, in der kollaboratives und kooperatives Problemlösen untersucht werden konnte – hatten mich bereits während meiner Doktorarbeit beschäftigt. Einer seiner Titel - 1980 in Acta Psychologica publiziert - trug den legendären Titel “In one word: Not from experience”, in dem er argumentierte, dass in klinischer Urteilsbildung beim Umgang mit Wahrscheinlichkeiten Erfahrung kaum eine Rolle spielt, sondern Urteilsverzerrungen (biases) dominieren. Sein Beitrag von 1995 über die verschiedenen Arten von Feedback in dem von Peter Frensch und mir herausgegebenen Band “Complex problem solving: The European perspective” ist bis heute ein Klassiker.

Zweimal hatte ich das Glück, ihn und seine Frau Annika in Uppsala besuchen zu können. Einmal anläßlich der Disputation von Anders Jansson (1997), bei der ich als “opponent discussant” zur öffentlichen Gegenrede an die Universität Uppsala eingeladen war - und das zweite Mal drei Jahre später mit der gleichen Prozedur, diesmal anläßlich der Disputation mit dem Kandidaten Georgios Rigas (2000). Beide Male waren meine Einwände gegen die Thesen der Doktoranden von ihnen entkräftet worden, so dass die Kandidaten promoviert werden konnten. Teil dieser eindrucksvollen Prozedur, die nach 400 Jahre alten Regeln abgewickelt wurde, war übrigens die Art der Veröffentlichung der Dissertation - das gedruckte Exemplar wurde mit einem 15cm langen Nagel an eine Holzwand innerhalb der Universität genagelt, wo bereits zahlreiche andere veröffentlichte Dissertationen hingen. Spektakulär! Promotionsfeiern in Schweden haben ganz eigene Rituale, wie ich damals gelernt habe - from experience!

Unvergessen auch die Einladung in Berndts kleines Appartment in Uppsala, wo es natürlich Elch-Fleisch zu essen und viel Wein zu Trinken gab… Das ist nun alles Vergangenheit, aber nicht vergessen. Und seine Ideen leben sowieso weiter! Ein letztes Mal also: Hejdå!

see also http://c4i.gmu.edu/2014/06/tribute-to-berndt-brehmer/

ZPID sucht ab 2016 neuen Direktor

Das Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) ist eine für die deutschsprachige Psychologie einmalige Einrichtung zur Unterstützung unserer Forschung und Lehre. Als Service-Einrichtung sammelt das ZPID alle Dokumente der deutschsprachigen Psychologie, erfasst sie sorgfälig und macht die Dinge zugänglich - seien es Publikationen, Testverfahren oder sogar Datensätze. Mit einer schnellen und effizienten Suchmaschine namens PsychSpider kann der gesamte Bestand rasch durchsucht werden. Fast noch interessanter: PubPsych, das Psychologie-Suchportal mit europäischem Schwerpunkt, steht unter www.pubpsych.eu weltweit für Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit zur Verfügung. - Viele andere Aufgaben werden in dieser Einrichtung, die an der Universität Trier als selbständiges Leibniz-Institut angedockt ist, ebenfalls erledigt. Für die Psychologie ein unschätzbares Kleinod!

Der jetzige ZPID-Direktor Günter Krampen, nach dem Gründer Günther Reinert und dessen Nachfolger Leo Montada der dritte Direktor des Hauses, geht im Jahr 2016 in den Ruhestand - nun wird eine kompetente Person für die Nachfolge gesucht (hier geht es zur Stellenausschreibung, die bis 8.12.14 offen ist). Hier ein Auszug aus der Ausschreibung:

Für die Leitung des ZPID sind neben einem guten Überblick über die Psychologie Erfahrungen und Engagement im Schnittfeld von Psychologie und Informationswissenschaften erforderlich; Leitungskompetenz wird erwartet. Die Konzeption und Leitung der wissenschaftlichen Studien des ZPID gehört zu den Aufgaben der Position. Das Land-Rheinland-Pfalz und die Universität Trier vertreten ein Betreuungskonzept, bei dem eine hohe Präsenz der Lehrenden am Hochschulort erwartet wird. Einstellungsvoraussetzungen sind ein Studienabschluss im Fachgebiet Psychologie, Promotion, Habilitation oder gleichwertige wissenschaftliche Leistungen, pädagogische Eignung und Erfahrungen in universitärer Lehre.

Als Nutzer der Serviceleistungen, aber auch als langjähriger Beiratsvorsitzender und nunmehr Mitglied des Verwaltungsrates der ZPID hoffe ich auf zahlreiche interessante Bewerbungen aus der Community!

Merkel sucht Psychologen

In der Zeitung war kürzlich zu lesen, dass im Bundeskanzleramt Psychologinnen und Psychologen gesucht werden für die Projektgruppe “Politische Planung” (Link zum RNZ-Beitrag vom 26.8.14). Klasse! Das ist eine exzellente Entscheidung und bringt die Psychologie in eine gute Position zu zeigen, was man mit unseren Erkenntnissen auf dem politischen Feld anfangen kann!

Entscheidungsarchitekturen, komplexes Problemlösen, dynamisches Entscheiden: Da schlummert einiges und wartet auf Anwendung! Viele Themen der Tagespolitik kann man unter psychologischer Perspektive betrachten. Gerade die Komplexität politischer Entscheidungsprozesse lädt dazu ein, Erkenntnisse aus den Bereichen “dynamic decision making” und “complex problem solving” fruchtbar zu machen. Ein gutes “nudging” (sensu Thaler & Sunstein) wäre auch beim Organspenden wirklich hilfreich!

Waffenlieferungen an die kurdischen Peschmerga erscheinen als die einfachste Problemlösung in einer ethisch schwierigen Situation - warum wird nicht auf politischer Ebene daran gearbeitet, dass die IS-Truppen keine Finanzmittel mehr aus dem Verkauf besetzter Ölförderanlagen erzielen können? Oder keine Waffen mehr aus Drittländern erhalten? Systemische Analysen findet man in der politischen Diskussion selten - häufiger sind einfache Haupteffekt-Modelle (”wenn die Peschmerga die richtigen Waffen in die Hand bekommen, halten sie damit den Vormarsch der IS-Truppen auf”). Frieden schaffen mit Waffen: Ich kenne zahlreiche Beispiele dafür, wo dieses Konzept gescheitert ist.

Dass die nun eingesetzte Projektgruppe sofort Wirkung zeigt, wage ich allerdings zu bezweifeln - immerhin ist ein Anfang gemacht. Und wie das Beispiel des Harding Center for Risk Literacy zeigt, kann man bereits mit einer kleinen Truppe schlagkräftig die Öffentlichkeit informieren und aufklären. Mal sehen, was da aus dem Bundeskanzleramt an die Öffentlichkeit kommt.