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Nachhaltigkeitsbildung aus Sicht komplexer Probleme

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Im letzten Jahr erhielt ich eine Anfrage von Thomas Pyhel (Abteilung Umweltkommunikation und Kulturgüterschutz bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, DBU), ob ich nicht einen Beitrag für sein geplantes Buch über Komplexität schreiben könnte, mit einem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. Nach kurzer Überlegung habe ich zugesagt. Nachhaltigkeit halte ich für ein gesellschaftlich sehr wichtiges Thema (es taucht in meinem Blog regelmäßig auf, siehe hier), erst im letzten Sommer hatte ich es gerade in den Senat und den Universitätsrat eingebracht.

Mangelnde Nachhaltigkeit beim Bauen hat z.B. dazu geführt, dass eine Reihe von Gebäuden im Neuenheimer Feld, die in den 1970er Jahren errichtet wurden, heute schon wieder - nach nur 40jähriger Nutzung - abbruchreif sind. Mein eigenes Büro befindet sich dagegen in einem Gebäude von 1850 (Alte Anatomie), wo man damals offensichtlich für eine kleine Ewigkeit gebaut hat. Zugegeben: auch unser historischer Altbau könnte an manchen Stellen eine Sanierung vertragen, wenn Bund und Land etwas mehr Geld für den Hochschulbau und die Gebäudeerhaltung in die Hand nehmen würden und den Sanierungsstau auflösen würden (hier ein paar klare Worte unseres Rektors zum Thema Sanierungsstau in Heidelberg). Zur Nachhaltigkeit gehört eben die Pflege des Bestands dazu! Der Rettung notleidender Banken und Banker wurde seinerzeit größere Priorität eingeräumt. Ob diese Hilfe einen nachhaltigen Effekt hatte, darf aus heutiger Sicht bezweifelt werden.

Beim Nachdenken über das zu schreibende Kapitel wurde mir schnell klar, wie gut meine Überlegungen zum Umgang mit Komplexität und Unsicherheit auf das Thema “Nachhaltigkeit” passen. Vor kurzem erst haben wir (Andreas Fischer, Daniel Holt und ich) über Systemkompetenz geschrieben, die unserer Meinung nach im Bildungssystem des 21. Jahrhunderts nicht fehlen darf - der richtige Umgang mit Zeit und zeitlichen Verläufen gehört natürlich dazu. Über das Heute hinaus an das Morge” und vor allem an das Übermorgen zu denken, ist nicht ganz einfach, dabei gilt doch der Satz: “Heute ist morgen schon gestern” - aber “Übermorgen” kommt in diesem Bonmot gar nicht erst vor.

Auch wenn wir in der psychologischen Forschung viel über die Fehler im Umgang mit Komplexität und Unsicherheit sprechen, ist das kein Anlaß zum Pessimismus oder zur Annahme, dass Menschen aus prinzipiellen Gründen nicht zu nachhaltigem Handeln fähig seien. Im Gegenteil gibt es allen Grund zum Optimismus: Menschen können prinzipiell nachhaltig denken und handeln - die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele dafür, und das nicht erst seit Carl von Carlowitz 1713 sein Buch über die nachhaltige Baumzucht veröffentlicht hat, in dem der Begriff “Nachhaltigkeit” erstmals auftaucht.

Für die psychologische Forschung ist heute klarer als zuvor, dass Nachdenken über Nachhaltigkeit an bestimmte Prämissen gebunden ist. In fünf Abschnitten werden in meinem Artikel folgende Aspekte vertieft, die man zur Bildung für Nachhaltigkeit nutzen kann: (1) Erfahrung geht über Analyse; (2) soziale Wesen beachten Gruppennorm; (3) »In die Augen, in den Sinn«; (4) »Framing«: Keiner mag Verluste; (5) Intrinsische Motivation ist wichtiger als extrinsische. Entsprechend diesen Empfehlungen heisst es abschließend mit Bezug zur Vermittlung einer Nachhaltigkeitseinstellung zum Klimawandel: “Eine bessere Strategie vor dem Hintergrund psychologischer Forschung sollte daher Klimawandel (a) als ein persönlich erfahrbares, lokales und präsentes Risiko darstellen anstatt auf weit entfernte Regionen oder weit in der Zukunft liegende Ereignisse zu verweisen; (b) den Hebel sozialer Gruppennormen nutzen; (c) die Gewinne aus sofortigem Handeln verdeutlichen anstatt die Schrecken der Zukunft auszumalen; (d) die intrinsische Langzeitmotivation zu umweltbewusstem Handeln stärken anstatt primär durch extrinsische Anreize das Verhalten zu beeinflussen.”

Hier die Zusammenfassung des kurzen Kapitels:

Aus psychologischer Sicht ist das Thema »Nachhaltigkeit« mit zahlreichen Herausforderungen belastet. Dies illustrieren beispielhaft die folgenden Fragen: Wie kommt es, dass wir trotz besseren Wissens nicht unseren Einstellungen entsprechend handeln? Sind wir mit unserem Verstand überhaupt für das Erfassen derartiger Komplexität gerüstet? Denken wir mehr an das »Hier und Jetzt« als an die ferne Zukunft? Das Wissen aus der Psychologie über menschliche Fehler im Umgang mit komplexen Situationen hilft bei der Entwicklung realistischer Erwartungen.

Und hier die Quellenangabe:

Funke, J. (2018). »Wie soll man da durchblicken?«  Psychologische Aspekte einer Nachhaltigkeitsbildung. In T. Pyhel (Ed.), Zwischen Ohnmacht und Zuversicht? Vom Umgang mit Komplexität in der Nachhaltigkeitskommunikation (pp. 49–57). München: Oekom. (zum Download auf meine Webseite mit den Publikationen gehen oder das kleine Bild rechts oben anklicken).

Masterplan Im Neuenheimer Feld/Neckarbogen: Auftaktveranstaltung

Die Universität Heidelberg hat ihre zahlreichen Institute auf verschiedenen “Campi” verteilt: Im Altstadt-Campus sowie im Campus Bergheim sind überwiegend Geistes- und Sozialwissenschaften links des Neckars untergebracht. Der rechts des Neckars gelegene Campus “Im Neuenheimer Feld” (INF) beherbergt große Teile der Naturwissenschaften, der Medizin und Großforschungseinrichtungen wie das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) oder das Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Im Neckarbogen sind auch der Zoo, die Jugendherberge sowie Sportanlagen (z.B. Olympia-Stützpunkt) untergebracht.

Betrachtungsraum Masterplan INF (zum Vergrößern anklicken)

Betrachtungsraum Masterplan INF (zum Vergrößern anklicken)

Die Verkehrserschließung für täglich 25.000 Studierende, Mitarbeitende, Patientinnen und Patienten sowie deren Besucher ist seit vielen Jahren zwischen Stadt und Universität strittig. Bislang erfolgt der ÖPNV über Busse. Der Rektor wünscht eine 5. Neckarbrücke, gegen die Naturschützer und Anwohner aus Wieblingen protestieren. Gegen den Planfeststellungsbeschluß zum Bau einer Straßenbahn im Neuenheimer Feld haben Universität, Klinikum, DKFZ und MPI erfolgreich geklagt. Das Verwaltungsgericht Mannheim (VGH) gab im Juni 2016 der Klage der Universität recht: Gerügt wurde, dass sich das Regierungspräsidium Karlsruhe gegenüber den Argumenten der Uni weitgehend verschlossen habe. Auch sei keine Alternativroute geprüft worden. Vor allem aber habe sich das Regierungspräsidium über das “tatsächliche Ausmaß der nachteiligen Wirkungen” für die bestehenden und möglichen neuen Forschungseinrichtungen der Uni “selbst keine Gewissheit verschafft” (die Uni befürchtet z.B. Störungen von Meßeinrichtungen durch Vibrationen).

Neben den Verkehrsproblemen sind vor allem bauliche Aspekte wichtig: Wohin kann die Universität expandieren, wenn weitere Bauvorhaben nötig sind? Auf dem Campus INF gibt es schon jetzt wenig Restflächen, selbst manche heute noch bestehende Freifläche ist längst verplant. Der Masterplan soll weit in die Zukunft reichen und muss daher Vorsorge auch für solche Gebäude treffen, an die heute noch nicht gedacht wird, weil der Bedarf vielleicht erst in 20 Jahren auftritt. Die Handschuhsheimer Felder (nördlich des Klausenpfads) - so befürchten jedenfalls einige - könnten dafür ins Auge gefasst werden. Allerdings sind sowohl der Naherholungswert dieser Grünflächen sehr hoch wie auch die landwirtschaftliche Nutzung sehr wichtig, die in heutiger Zeit immer wertvoller erscheint. Hier prallen Interessen unter dem Stichwort “Spitzengemüse versus Spitzenforschung” scheinbar unvereinbar aufeinander und haben verhärtete Fronten geschaffen.

Um diesem unglücklichen Zustand abzuhelfen, hat der Gemeinderat der Stadt Heidelberg beschlossen, gemeinsam mit dem Land und der Universität ein Masterplanverfahren durchzuführen, das bis Ende 2019 einen Rahmenplan vorlegen soll, der von allen Beteiligten konsentiert und vom Gemeinderat beschlossen wird. Verschiedene Gremien sind hieran beteiligt (ich will sie nicht alle aufzählen - wenn man die Grafik mit der Struktur zeigt, bricht manchmal Gelächter aus…). Komplexitätsreduktion sieht anders aus. Schon die schiere Menge von 82 Mitglieder des “Forums”, die allesamt verschiedene Interessen vertreten, zeigt die Problematik einer verbindlichen Zielfindung.

Im Winter 2017 hat mich der Rektor gebeten, die Interessen der Universität im Koordinierungsbeirat (KoBe) zu vertreten. Der KoBe ist Teil einer komplexen Struktur, mit der die Entwicklung der Universität in den nächsten Jahrzehnten befördert werden soll. Hier ein Auszug aus der Rahmenvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Heidelberg und der Universität Heidelberg:

“Ziel des gesamten Verfahrens ist, neue Entwicklungsperspektiven für die Universität, das Universitätsklinikum, das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Max-Planck-Institute und weitere wissenschaftliche Forschungs- und Lehreinrichtungen zu schaffen. Dazu ist in einem öffentlichen Planungsdiskurs unter Einbeziehung von Fachplanern, Bürgerschaft, Nutzern des Gebietes und Politik sowie unter Würdigung der öffentlichen und privaten Belange ein strategisches Konzept für die räumliche und stadtplanerische Entwicklung des Sondergebiets “Im Neuenheimer Feld” für Wissenschaft, Lehre und Forschung von internationalem Rang zu erarbeiten. Das Konzept soll auch Gebiete für Wirtschaftsunternehmen sowie öffentliche und soziale Infrastruktur umfassen.”

Nun hat am 11.4.2018 die insgesamt 5stündige Auftaktveranstaltung zur Öffentlichkeitsbeteiligung stattgefunden. Auf einem Infomarkt sind in der ersten beiden Stunden von den verschiedenen Akteuren Gedanken zur Zukunft vorgestellt werden. Ausserdem wurden nochmals Hintergrundinfos zum Beteiligungsverfahren gegeben sowie ein Impulsvortrag gehalten, der die Zuhörer inspirieren sollte, die dann startenden Planungsteams mit Fragen zur Klärung auszustatten. Oberbürgermeister Würzner, Baubürgermeister Odszuck, Rektor Eitel (per Videostatement eingespielt), die Ko-Vorsitzende des Koordinierungsbeirats Lenelis Kruse-Graumann (zusammen mit Albertus Bujard) und die Moderatoren des Abends (Ursula Stein und Joachim Fahrwald) begrüßten die zahlreichen Anwesenden (>300) in der Sporthalle INF 700.

Der anregende wie provozierende Impulsvortrag wurde von Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des “Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie” gehalten. Unter dem Titel “Horizont 2050+: Nachhaltigkeit, Campus, Städtebau, Mobilität” hat er das Fenster in die Zukunft weit geöffnet und der Stadt Heidelberg nicht nur zu diesem sehr besonderen Beteiligungsverfahren gratuliert, sondern auch die einmaligen Chancen betont, am Beispiel des Neuenheimer Feldes zukunftsweisende Modelle des Zusammenlebens von Stadt und Universität vorzuführen und zu erproben. Eines seiner Kriterien war die “Enkeltauglichkeit”: Was werden unsere Enkelkinder wohl dazu sagen, dass wir momentan alles auf motorisierten Individualverkehr ausrichten (um die 1.5 Tonnen schwere Kisten, die meist 1 Stunde am Tag meist 1 Person von A nach B bewegen und ansonsten auf einem Parkplatz stehen; wieviel Geldvermögen dort auf der Strasse steht, wagt man gar nicht zu berechnen).

Die Angst, am heute Bestehenden etwas aufgeben zu müssen, ohne genau zu wissen, was danach kommt, ist eine Innovationsbremse - unsere Rationalität, so Schneidewind, findet viele gute Argumente für den Status Quo. Das zu durchbrechen wurde in Kleingruppen versucht, die zu klärende Fragen für die ab Sommer startenden Planungsateliers vorbereiten sollten.

Auch wenn die konkreten Ergebnisse der Auftaktveranstaltung noch nicht bekannt sind: Der schwierige Prozeß ist in Gang gekommen! Eines der wichtigsten Ergebnisse des Abends: Erfolg kann sich nur einstellen, wenn gegenseitiges Vertrauen und Respekt voreinander bestehen. Ich bin gespannt auf den weiteren Gang der Dinge und werde sicher wieder berichten.

mehr zum Masterplan auf den Seiten der Stadt Heidelberg

RNZ vom 13.4.18: “Das ‘Abenteuer Masterplan’ hat begonnen

Gastbeitrag “On the Road Again - Am 14.4.2018 findet der zweite ‘March for Science’ statt”

Gastbeitrag von Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson zum zweiten “March for Science” am Samstag, 14.4.2018 (Vorbemerkung JF: Nachdem ich gehört habe, dass aufgrund unglücklicher Umstände dieses Jahr kein March for Science in Heidelberg organisiert werden konnte, habe ich die bundesweite Organisatorin TGB gebeten, uns wenigstens einen Gastbeitrag zu senden. Ich freue mich sehr, dass sie die Zeit dazu gefunden hat! Danke dafür!):

Der „March for Science“ geht am 14.4.2018 zum zweiten Mal auf die Straßen – auch wieder in Deutschland, und diesmal auch in anderen Formaten. Warum es nach wie vor nötig ist, dass Forscher/innen und Wissenschaftsinteressierte sichtbar werden, dass sie Fake News und sogenannten “alternativen Fakten” solide Erkenntnisse entgegensetzen und sich weiter um eine breite Vertrauensbasis bemühen und was das alles mit unserer Demokratie zu tun hat, darum geht es in diesem Gastbeitrag.

Ein Vertrauen wie das, das die Gesellschaft der Wissenschaft entgegenbringt, genießt keine andere Institution. In den letzten Jahren ist es sogar noch gestiegen. Fragt man Menschen, wieso man der Wissenschaft vertrauen kann, so steht die Fachkompetenz von Forscherinnen und Forschern ganz oben auf der Liste. Sie sind Expert/innen in ihren Bereichen und haben lange und hart daran gearbeitet, sich diese Expertise anzueignen. Wissenschaftliche Erkenntnisse basieren auf nachvollziehbaren Methoden. Will man also politische Entscheidungen im Sinne der Bürgerinnen und Bürger treffen, stellen solide wissenschaftliche Befunde die bessere Grundlage dafür dar als bloße subjektive und durch Echokammern verzerrte Meinungen. Der Wissenschaft kommt somit sogar eine wichtige Rolle für unsere Demokratie zu. Denn Objektivität und Unparteilichkeit gehen Hand in Hand. Naturgesetze gelten für alle, und einem soliden empirischen Befund ist es herzlich egal, ob man an ihn glaubt oder nicht. Ähnlich wie Richter/innen Gutachten zur Klärung der Sachlage auf Gebieten jenseits ihrer eigenen Expertise hinzuziehen, welche so wenig wie möglich durch Partikularinteressen verfälscht sein sollten, um ein faires Urteil zu ermöglichen, bilden wissenschaftliche Befunde die Grundlage für politische Entscheidungen. Das Mandat hierzu liegt bei den gewählten Vertreter/innen des Volks, nicht bei der Wissenschaft – was ihre Rolle jedoch keineswegs schmälert. Voraussetzung ist jedoch, dass die Wissenschaft ihre Erkenntnisse verständlich kommunizieren kann und will; und beides ist nicht unproblematisch, wie wir weiter unten noch sehen werden.

Neben der angesprochenen Kompetenz in Bezug auf den Gegenstand selbst gibt es jedoch noch zwei weitere Merkmale, die Vertrauen begünstigen: die Erwartung von Integrität und die Erwartung von Benevolenz, dass also Wissenschaftler/innen der Gesellschaft Gutes wollen. Das Bild der integren Wissenschaft hat in den letzten Jahren durchaus etwas gelitten. So ideal und objektiv wie oben beschrieben, funktioniert Wissenschaft nämlich leider nicht immer. Im Grunde funktioniert ja nichts, was Menschen anfassen, optimal. Denn wie alle Menschen handeln natürlich auch Forscherinnen und Forscher aus dem Interesse heraus, sich einigermaßen gut durchs Leben zu wursteln. “Gut”, das bedeutet idealerweise, dass man eine der wenigen Lebenszeitprofessuren bekommt. Für diese braucht es hauptsächlich zwei Dinge: zum einen viele Veröffentlichungen, idealerweise in begutachteten Zeitschriften mit hohem Impactfaktor, obwohl zahlreiche Befunde die Unsinnigkeit dieses Kriteriums zur Bewertung von Individuen nachgewiesen haben; zum anderen viele Drittmittel, die die klammen Universitäten entlasten (mittlerweile sind Universitäten zur Hälfte durch Dritt- und Projektmittel finanziert), mithin zwei wunderbar quantifizierbare Kriterien, die auch das siebenjährige Kind eines der Kommissionsmitglieder zusammenzählen könnte.

Was dabei zu kurz kommt, ist zum einen die Lehre, zum anderen die Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Beides bietet großartige Gelegenheiten, sowohl die Ideale der Wissenschaft als auch die Realität des Wissenschaftssystems zu vermitteln – und beides zählt im Berufungsprozess herzlich wenig. Gerade die transparente Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist jedoch eine ganz zentrale Chance, um Vertrauen nicht nur in die Fachkompetenz, sondern auch in die Integrität und Wohlgesonnenheit der Wissenschaft zu bilden und zu erhalten. Viele Forscher/innen tun dies aus einem hohen Idealismus und einer intrinsischen Freude an der Kommunikation mit der Außenwelt heraus; sie tun dies jedoch zusätzlich zu der eigentlich karriererelevanten Arbeit und in der nicht vorhandenen Freizeit.

Entsprechend lautet die Botschaft an den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht etwa “Suche die Wahrheit, trage dazu bei, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu mehren, und beglücke möglichst viele Leute damit“, sondern “Publiziere viel, am besten auf englisch, wirb reichlich Geld ein und kommuniziere innerhalb der Community mit den richtigen Leuten.“ Es erübrigt sich zu sagen, dass “schöne“ Resultate (sprich: statistisch signifikante und verblüffende Ergebnisse, die eine gute “Story“ ergeben) leichter einen Abnehmer finden als Replikationen, also detailgenaue Nachbauten früherer Studien. Im Zuge der Replikationskrise 2015 ist hier erfreulicherweise einiges im Fluss; allerdings sind wir immer noch weit entfernt von den “harten“ Naturwissenschaften, bei denen auch der wiederholte Nachweis irgendwelcher Naturkonstanten noch anerkannt und wertgeschätzt wird. Viele der aktuellen Probleme der Psychologie (Interessierte seien auf das lesenswerte Werk “The Seven Deadly Sins of Psychology“ von Chris Chambers verwiesen) und der Wissenschaft insgesamt sind auf solche verqueren Anreizstrukturen zurückzuführen. Dem Wahrheitsstreben ist das alles nur sehr bedingt zuträglich: Je sensationeller ein Befund, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Replikationsversuchen nicht standhält.

Das wiederum nährt Zweifel an der Integrität von Wissenschaftler/innen und suggeriert, dass sie – obgleich ein guter Teil ihrer Finanzierung ja nach wie vor aus Steuergeldern stammt – keineswegs zum Wohle der Gesellschaft, sondern primär zur Optimierung des eigenen Lebenslaufs arbeiten. In einem aufgrund knapper Stellen automatisch konkurrenzorientierten System ist es ja durchaus nicht die dümmste Überlebensstrategie, sich selbst der bzw. die Nächste zu sein. Allein: Nachhaltig ist das nicht.

Was also tun? Mehr Professuren und Alternativen zur akademischen Karriere zu schaffen, liegt auf der Hand. Ein naheliegender Ansatzpunkt ist außerdem, die Anreizstrukturen im Wissenschaftssystem zu ändern, die der Wahrheitsfindung aktuell ja nur mit Einschränkungen zuträglich sind – und die im Übrigen ja auch nur die wenigsten Forscher/innen uneingeschränkt gutheißen.

Die Wirkung wissenschaftlicher Aktivitäten bemisst sich nicht in Impactfaktoren. Kommunikation mit der interessierten Öffentlichkeit außerhalb des Wissenschaftssystems sollte deshalb ebenfalls stärker belohnt werden. Projektmittel, die man für Wissenschaftskommunikation beantragen kann, sind ein guter Anfang; in ihrer ganzen Bedeutsamkeit konsequent wertgeschätzt würde diese Art des Austauschs allerdings erst dann, wenn das Fehlen eines schlüssigen Kommunikationskonzepts zur Ablehnung von Anträgen führen würde. Wer an dieser Stelle aufschreit, man könne niemanden zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit zwingen, mag mit Blick auf die Cui-bono-Frage überlegen, woher sein Widerstand eigentlich rührt.

Dass Wissenschaft großartig ist und Freude macht, ist in der Bevölkerung angekommen; das zeigen die großen Erfolge von Wissenschaftssendungen, Nächten der Wissenschaften, populärwissenschaftlichen Zeitschriften, follower-reichen Social-Media-Accounts zum Thema Wissenschaft und viele weitere Indizien. Es geht aber um mehr. Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft, und zwar ein Teil, der nach wie vor viele Freiheiten und Privilegien genießt. Mit Belohnungsstrukturen, die rein innersystemisch funktionieren, schafft man keine Anreize für Wissenschaftler/innen, sich verantwortungsvoll in die Gesellschaft einzubringen. Genau das ist aber nötig, um extremistischen Diskursen und verlogener Propaganda von vornherein die Stirn zu bieten. Sie bedrohen die Grundvoraussetzung für ergebnisoffene Forschung und somit das Fundament der Wissenschaft selbst: die Freiheit.

Der “March for Science“ hat sich zum Ziel gesetzt, Freiheit und Wahrheit als die zentralen Werte der Wissenschaft hochzuhalten und zu verteidigen. Wenngleich in Heidelberg in diesem Jahr aus personellen Gründen keine Demo stattfinden wird: Das Heidelberger Team plant derzeit ein Event im Mai, und Hilfe ist mehr als willkommen. Die Organisator/innen in Frankfurt und Stuttgart laden jedoch herzlich zur Teilnahme an den dortigen Demonstrationen ein und freuen sich über zahlreiche Gäste aus Heidelberg und Umgebung! Und wer uns unterstützen will, ist hierzu herzlich eingeladen, ob auf lokaler oder auf deutschlandweiter Ebene.

Weitere Informationen:

Kontakt: Dr. Tanja Gabriele Baudson und Claus Martin, Email: sciencemarchgermany@gmail.com, Twitter: @ScienceMarchGER, Facebook: https://www.facebook.com/ScienceMarchGER

Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson vertritt seit 2017 die Professur für Entwicklungs- und Allgemeine Psychologie an der der Universität Luxemburg. Zuvor hatte sie eine Vertretungsprofessur für Methoden der empirischen Bildungsforschung an der TU Dortmund inne.Am 3.4.2018 erhielt sie in Berlin den mit 10.000 Euro dotierten Preis “Hochschullehrerin des Jahres 2018” des Deutschen Hochschulverbands. Zitat aus der Laudatio: “Frau Kollegin Baudson war als Hauptinitiatorin des deutschen ‘March for Science’ maßgeblich daran beteiligt, gut 37.000 Menschen auch außerhalb der Wissenschaftsszene zu mobilisieren, um am 22. April 2017 bundesweit für die Freiheit der Forschung zu demonstrieren. … Frau Kollegin Baudson hat über ihre Tätigkeit in Forschung und Lehre hinaus mit viel Herzblut einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, öffentlichkeitswirksam deutlich werden zu lassen, dass nicht ‘alternative Fakten’, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses sein sollen. In einer Zeit, in der gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter enormen Druck stehen, ihre Karriere durch eine Vielzahl an Publikationen zu befördern, hat sie sich die Zeit genommen, die Werte der Wissenschaft gegen populistische Anfeindungen zu verteidigen.”

Cornelia Wrzus ist neue Professorin für Alternsforschung

Mit großer Freude habe ich aus gut informierten Kreisen vernommen, dass die Wiederbesetzung der Professur für Psychologische Alternsforschung (Nachfolge von Hans-Werner Wahl, der als Seniorprofessor weiter wirkt) erfolgt ist: Unsere neue Alternsforscherin heisst Cornelia Wrzus (sprich: Wruus). Sie hat den an sie ergangenen Ruf zum 1.5.2018 angenommen! Darüber freuen wir uns sehr!

Momentan ist sie als Juniorprofessorin für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Mainz beschäftigt (hier geht es zu ihrer dortigen Homepage), wo sie nach Ihrem Psychologiestudium an der Universität Potsdam (1999-2005), einer Mitarbeiterinnenstelle an der HU Berlin (2005-2008) und einer Mitarbeiterinnenstelle am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin (2009-2013) gelandet war. Im Jahr 2015 erhielt sie den William-Stern-Preis für „hervorragende innovative Arbeiten auf dem Gebiet der Persönlichkeitspsychologie“, verliehen durch die Deutsche Gesellschaft für Psychologie, von der Fachgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik.

Ihre bisher stärker in der Persönlichkeitspsychologie liegenden Forschungsinteressen (laut ihrer Homepage: Persönlichkeit im Lebensverlauf; Mechanismen von Persönlichkeitsentwicklung im Erwachsenenalter; Neurotizismus und affektive Prozesse; Persönlichkeitsdiagnostik im Lebensverlauf; Persönlichkeit und Soziale Beziehungen) werden sich nun vermutlich stärker auf den späteren Lebensabschnitt konzentrieren. Eine Anbindung ihrer Arbeit an das Netzwerk Alternsforschung (NAR) ist geplant.

Liebe Frau Wrzus: Willkommen im Kollegium des Psychologischen Instituts! Wir wünschen Ihnen einen guten Start!

Kanzlerwahl Universität Heidelberg

Nach 6jähriger Amtszeit scheidet die bisherige Kanzlerin der Universität Heidelberg, Frau Dr. Angela Kalous, Ende Augst 2018 aus ihrem Amt. Heute mittag (am 15.3.18) haben Senat und Universitätsrat in einer gemeinsamen Sitzung den Nachfolger gekürt: Dr. Holger Schroeter, bisher Vizepräsident für Finanzen und Personal der Universität Göttingen, soll ab September 2018 die Verwaltung unserer Universität leiten. Von den 8 Stimmen des Universitätsrats erhielt er 8, von den 33 Senatsstimmen 30. Das ist eine überwältigende Mehrheit!

Seit Herbst 2017 hat die fünfköpfige Findungskommission (Kollegin Johanna Stachel als Mitglied des Universitätsrats; die beiden Senatssprecher als Senatsvertreter: Medizin-Dekan Wolfgang Herzog und ich; Clemens Benz als Vertreter des Ministeriums in Stuttgart) unter Leitung des Universitätsratsvorsitzenden Prof. Dr. Hanns-Peter Knaebel ihre Arbeit aufgenommen: Ausschreibung der Stelle, Sichtung der Bewerbungen, Gespräche mit ausgewählten Kandidatinnen und Kandidaten, Bildung einer Liste. Nach zahlreichen Sitzungen ist die Entscheidung auf einen Kandidaten gefallen, der viel Erfahrung im Wissenschaftsbetrieb gesammelt hat und dem wir den erfolgreichen Umgang mit den anstehenden Herausforderungen zutrauen. Rektor Bernhard Eitel freut sich erklärtermaßen auf die Zusammenarbeit ab dem Herbst im Rektorat!

Der zukünftige Kanzler ist promovierter Diplom-Forstwirt und Diplom-Kaufmann. Vor seiner Tätigkeit als Vizepräsident für Finanzen und Personal der Universität Göttingen war Dr. Holger Schroeter (Jg. 1971) kaufmännischer Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Ein wichtiges Thema seiner Arbeit wird sicher die Digitalisierung der Verwaltung sein. Hier liegen noch einige Verbesserungsmöglichkeiten vor uns.

Gleichzeitig mit den Glückwünschen für den neuen Kanzler Dr. Schroeter ist natürlich auch Dank an die ausscheidende Kanzlerin Dr. Angela Kalous auszusprechen. Die Modernisierung der Verwaltung wurde hier erfolgreich begonnen in einer Zeit, in der zahlreiche gesetzliche Vorgaben von Bund und Land den Handlungsspielraum der Universitäten deutlich eingeengt haben. Als Mitglied der damaligen Findungskommission aus dem Jahr 2012 bin ich rückschauend der Meinung, dass wir eine gute Wahl getroffen haben (auch wenn sich nicht alle Möglichkeiten realisiert haben, die wir damals am Horizont sahen). Eine gute Wahl: Ich hoffe (ich bin davon überzeugt!), dass wir dies auch von unserer heutigen Entscheidung sagen können! Der heutige Wahlgang stellt jedenfalls ein ermutigendes Zeichen dar!

hier die Pressemitteilung der Universität: http://www.uni-heidelberg.de/presse/news2018/pm20180315_dr-holger-schroeter-wird-neuer-kanzler-der-ruperto-carola.html

Ernst-August Dölle als Namensgeber

Der in der Psychologiegeschichte legendäre Ernst-August Dölle ist wieder in Erinnerung gerufen worden: An der Uni Ulm hat Kollege Morten Moshagen ein extrem leistungsfähiges Rechnercluster zur numerischen Simulation nach ihm benannt (hier der Link). Der “Dölle-Cluster” schafft 1.8 TFlop/s, was ihn zum fünftschnellsten Rechnerverbund der Welt (Stand Juni 2001) macht! Da hätte Dölle sich sich bestimmt dolle gefreut, wenn er das hätte erleben dürfen!

Dem Schreiber dieses Blogs ist eine (zugegeben etwas unscharfe) Aufnahme von diesem neuartigen Cluster zugespielt worden, für deren Authentizität er sich jedoch nicht verbürgen möchte. Wie schon mehrmals in der Dölle-Forschung geschehen, ist die Quellenlage höchst uneindeutig und bedarf weiterer Forschung! Dennoch möchte ich meinen kleinen Beitrag über die Technik des Dölle-Clusters nicht zurückhalten - hier ist das Foto:

Das Dölle-Cluster?

Vermutlich ist die Anlage nur unter strengen Sicherheitsauflagen zu betreten - Teil der Ulmer Exzellenzstrategie? Da bleibt noch viel zu klären… Übrigens gibt es einen netten Eintrag zu EAD in Wikipedia, an dem ich meine ersten Erfahrungen mit strengen Wikipedianern gemacht habe. WP ist nicht der Ort, an dem es (zumindest damals, 2007) viel zu lachen gab :-)

Zum Schluß möchte ich Dölle-Interessierte auf die Webseite hinweisen, die Jochen Musch an der Uni Düsseldorf zum Gedenken an Ernst-August Dölle führt. Und natürlich darf das Buch, das alles in Gang gesetzt hat, nicht unerwähnt bleiben:

Herrmann, Theo (Hrsg.) (1974). Dichotomie und Duplizität. Grundfragen psychologischer Erkenntnis. Ernst August Dölle zum Gedächtnis. Bern: Hans Huber.

About complex problem solving

Recently, I was asked by an initiative called Latest Thinking to tell something about my research for a broader audience - now it is ready: an open access video for the public audience! Here comes the summary:

“Decision-making in a complex world is a challenge. Some people are better at it than others. Why is this so? JOACHIM FUNKE focuses his research on identifying those character traits that can be trained or changed and that help people to improve their decision-making behavior. For this, Funke and his team need to identify the personality traits of their study participants and they use simulated situations to analyze their decision-making behavior. In this way, they find the conditions for success and failure. One of the results is that intelligence alone is not sufficient; participants also need emotional regulation strategies to deal with complex situations. The researchers also observed that two conditions tend to lead to failure: too narrow a focus and neglecting to follow up your decisions. These findings suggest ways to train people’s abilities to face the complex decision-making challenges of the twenty-first century.”

Here is the link to the video (LT Video Publication DOI): https://doi.org/10.21036/LTPUB10567

https://lt.org/publication/which-character-traits-are-important-good-decision-making

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William James und sein Heidelberger Fiasco

//commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16250941

William James (1842-1910); Quelle: Wikimedia

Psychologiegeschichte ist nicht für jedermann ein spannendes Thema - dennoch will ich heute anläßlich einer eben erschienenen Publikation von Horst Gundlach (einem Alumnus unseres Instituts) einmal darüber schreiben. Zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend: Zum einen geht es um den “Vater der amerikanischen Psychologie”, nämlich William James; zum anderen geht es um Heidelberg, genauer gesagt: den vermeintlichen Besuch von James bei den beiden damaligen Heidelberger Koryphäen Hermann von Helmholtz und Wilhelm Wundt im Jahr 1868, also vor vor ziemlich genau 150 Jahren in ziemlich genau den Gebäuden, in denen wir heute unsere Arbeit verrichten.

In amerikanischen Darstelllungen wird vielfach der Mythos verbreitet, James habe auf seiner Europa-Reise von April 1867 bis November 1868 bei europäischen Spitzenwissenschaftlern in Leipzig, Berlin, Heidelberg, Wien, Paris und Florenz studiert. Tatsächlich hat ihn seine Europa-Reise nach Dresden, Teplitz (ein böhmischer Kurort, wo James sein Rückenleiden behandeln ließ), Berlin, Paris und auch nach Heidelberg geführt. Die akribische Recherche von Horst Gundlach macht allerdings deutlich, dass James kein fleissiger Student (an keinem der Orte!) gewesen sein dürfte; sein kurzer Aufenthalt Ende Juni 1868 in Heidelberg wird in einem späteren Brief als “Heidelberg fiasco” bezeichnet - er ist nämlich kurz nach seiner Ankunft überstürzt abgereist! Er hatte den Semesteranfang (Mitte April) verpasst. Zudem wurde Ende Juni über eine mögliche Rückkehr von Helmholtz an die Universität Bonn spekuliert (die nicht erfolgte). Gundlach schreibt (p. 68): “The Heidelberg fiasco was the outcome of the interplay of deficient information gathering and a personal propensity toward escapist behavior in perplexing situations” - William James zeigt hier keinen gelungenen Umgang mit einem komplexen Problem! Das geschilderte Fluchtverhalten ist auch an den anderen Orten belegt.

Als ich gestern abend den Artikel zu lesen begann, konnte ich nicht mehr aufhören - es ist eine spannende Geschichte, die sich stellenweise wie ein Krimi liest, was mit der gründlichen Spurensuche zusammenhängt: Mosaiksteine werden zusammengeführt und entwerfen ein anderes Bild, als es in den Jubel-Biographien über den “amerikanischen Plato” (so Alfred North Whitehead über James) zu finden ist. Und war bei James vor seinem Besuch die Stadt Heidelberg noch als “delicious place to live in” bezeichnet worden, kehrte sich das in der Rückschau ins Negative um: “how lonesome the life there was”, zudem eine klaustrophobische Enge des Neckars zwischen “precipitous hills”. Was ein Glück, dass er seinem Vater schreiben konnte, er habe russische Prinzessinen getroffen, die ihm ihre Krankengeschichten und Eheprobleme ausbreiteten!

Vielleicht sollten wir rechtzeitig zum 150. Jahrestag des vermeintlichen Besuchs ein Schild an der Eingangstür unseres Instituts (dem Friedrichsbau) anbringen lassen, wonach William James zwar mit gewisser Wahrscheinlichkeit vor dieser Tür gestanden haben mag, aber das Gebäude wohl nicht zum Studium betreten hat. - Hier das Abstract des lesenswerten Artikels:

“Urged on by his father to become a physician instead of a painter, William James pursued 3 evasion stratagems. First, to avoid becoming a practitioner, he declared that he wanted to specialize in physiology. Based upon this premise, he left for Germany in the spring of 1867. The second step was giving up general physiology and announcing that he would specialize in the nervous system and psychology. Based upon this premise, he declared that he would go to Heidelberg and study with Helmholtz and Wundt. However, he then deferred going there. When, at last, he was urged by an influential friend of his father’s to accompany him to Heidelberg, he employed his default stratagem: He simply fled. He returned home after 3 terms in Europe without enrolling at a single university. There is no evidence that he had learned anything there about psychology or experimental psychology, except, possibly, by reading books. James’s “Heidelberg fiasco” was the apogee of his evasion of his father’s directive. A dense fog of misinformation surrounds his stay in Heidelberg to this day. By analyzing circumstances and context, this article examines the fiasco and places it in the pattern of his behavior during his stay in Europe. Nevertheless, experiencing this fiasco potentially shaped James’s ambivalent attitude toward experimental psychology on a long-term basis. (PsycINFO Database Record (c) 2018 APA, all rights reserved)”

Quelle: Gundlach, H. (2018). William James and the Heidelberg fiasco. History of Psychology, 21(1), 47–72. https://doi.org/10.1037/hop0000083

Wissenschaftsrat kommentiert Psychologie

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Zu berichten ist über ein seltenes, aber wichtiges Ereignis: der Wissenschaftsrat (WR; oberstes Beratungsgremium der Bundesregierung in Sachen Wissenschaft) hat unter dem Titel “Perspektiven der Psychologie in Deutschland” Empfehlungen für das Fach Psychologie ausgesprochen - das letzte Mal hat er 1983, also vor 35 Jahren, “Empfehlungen zur Forschung in der Psychologie” ausgesprochen (Suche auf den WR-Seiten)!

Um es gleich vorneweg festzustellen: Es ist ein lesenswertes Papier vorgelegt worden, das viele interessante Zahlen zu unserem Fach präsentiert und zugleich Anstöße für die Weiterentwicklung gibt. Hier ein Zitat aus der Kurzfassung (p. 7):

“Die Psychologie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in beachtenswerter Weise zu einer international angesehenen empirischen Wissenschaft entwickelt. Dennoch befindet sich das Fach derzeit in einer Umbruchsituation. Die Herausforderungen durch die bevorstehende Reform der Psychotherapieausbildung, die Ausdifferenzierung des Studienangebotes wie auch des Faches als Ganzes sowie das Finden und Wahrnehmen seiner innerakademischen wie gesellschaftlichen Rolle erfordern große Anstrengungen und kluges Vorgehen, wozu hier Empfehlungen gegeben werden. Im Kern zielen diese Empfehlungen darauf, durch verschiedene Maßnahmen eine Profilierung und Öffnung der Psychologie in den verschiedenen Leistungsdimensionen voranzutreiben, um dem Fach eine zukunftsträchtige Entwicklung zu ermöglichen. Gleichzeitig stehen auch Empfehlungen zur Reform der Psychotherapieausbildung und deren Begleitung im Fokus des Interesses. Dies ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass der Wissenschaftsrat der Psychologie als „Mutterwissenschaft“ der Psychotherapie eine besondere Verantwortung für diese zuschreibt. Die Empfehlungen sollen daher angesichts der großen Herausforderungen, die in unserer Gesellschaft aktuell aus psychischen Störungen resultieren, auch einen Beitrag zur weiteren Verbesserung der Versorgung leisten.”

Der Text des WR besteht aus zwei Teilen, einer etwas umfangreicheren Beschreibung der “Ausgangslage” und einem etwas kürzeren Teil “Analysen und Empfehlungen”. Was die Ausgangslage betrifft, geht es um die Themen “Studium und Lehre”, “Wissenschaftlicher Nachwuchs”, “Forschung”, “Arbeitsmarkt” und “Psychotherapie”. (1) Studium und Lehre: Es wird deutlich, dass die Psychologie zu den nachfragestärksten Fächern an den Universitäten gehört, aber durch den extrem hohen Numerus Clausus private Fachhochschulen inzwischen 25% der Studierenden aufnehmen (das waren im WS 15/16 ca. 18.000). Die Anzahl unserer Studienabbrecher ist mit 11% die niedrigste Quote aller untersuchten Bachelorfächer. 873 Professorinnen und Professoren (Frauenanteil 40%) sind in der BRD tätig. (2) Zum Nachwuchs: Im Jahr 2015 wurden 544 Personen promoviert und 42 Personen habilitiert. (3) Zur Forschung: “Insgesamt 12.120 psychologische Publikationen, gut 45 % davon in englischer Sprache, sind für den Jahrgang 2014 aus den deutschsprachigen Ländern in der Datenbank PSYNDEX, der Datenbank der Psychologie des Leibniz-Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) in Trier verzeichnet.” (p. 28). Uff! Die müssen erst mal gelesen werden. Für mich nicht verwunderlich: “Bei den Studienarten dominierten mehr denn je empirische Studien, während der Anteil an Überblicksarbeiten, theoretischen und methodologischen Studien seit Jahren rückläufig ist.” (p. 29). Drittmitteleinnahmen liegen pro (staatlicher) Psychologie-Professur im Schnitt bei jährlich 117.000 Euro. (4) Zum Arbeitsmarkt: Der sieht mit 2.4% Arbeitslosenquote (etwas besser noch als der insagesamt gute Akademiker-Durchschnitt) ausgezeichnet aus. Im Mikrozensus 2014 gaben 116.000 Personen ein erfolgreich abgelegtes Psychologiestudium an, 92.000 waren nach eigenen Angaben als Psychologin/Psychologe tätig. Eine gute Quote! Allerdings scheinen diese Zahlen eher zu hoch. Neue Bachelorabschlüsse scheinen keinen Arbeitsmarkt zu finden, allenfalls auf dem Niveau zuarbeitender Psychologisch-technischer Assistenten (PsTA). Der Masterabschluss ist Standard. (5) Zur Psychotherapie: In 2016 wurden 2700 Psychologische Psychotherapeuten approbiert, darunter 800 Kinder- und Jugendlichentherapeuten. Gut 70% der ca. 43.000 gemeldeten Psychologischen Psychotherapeuten arbeiten in eigener Praxis. Und noch eine (erschreckende) Zahl: “Unter den rund 2.000 unter 35-jährigen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind fast 91 % weiblich.” (p. 467). Was bedeuitet das für therapiebedürftige Männer?

Der analytische und empfehlende zweite Teil der Stellungnahme befasst sich mit den Themen “Psychologie zwischen alten und neuen Herausforderungen”, “Perspektiven für die psychologische Forschung”, “Neue Formen des Psychologiestudiums”, “Psychotherapie”, “Wissenschaftlicher Nachwuchs” sowie “Psychologie und Gesellschaft”. Beginnen wir mit den (1) Herausforderungen: Dass die jüngere Geschichte eine Erfolgsgeschichte sei, konstatiert der WR gleich zu Beginn und sieht dennoch in mehreren Bereichen zu bewältigende Herausforderungen: Der Primat der Einzelforschung (warum nicht mehr “many labs studies“?), innerfachliche Verschiebungen (z.B. die Trennung in Grundlagen- und Anwendungsdisziplinen wird hinfällig), interdisziplinäre Herausforderungen (Medizin, Informatik, Neurowissenschaften, Bildungsforschung), neue Bindestrich-Psychologien (z.B. Wirtschafts-P.). Zu den Herausforderungen zählt auch die Bewältigung der Replikationskrise und die Sicherstellung ethischer Prinzipien in unserem Forschungsalltag (siehe Folter-Skandal der APA).

(2) Forschungsperspektiven: Hier geht es dem WR in erster Line um Profilbildung (z.B. durch intradisziplinäre Vernetzung), aber auch um die vernachlässigte Theoriebildung und methodologische Reflexion. Der WR hat “eine Tendenz zu einer verstärkten Beschäftigung mit Detailfragen sowie ein Rückgang von Studien zur Geschichte des Faches und zu wissenschaftstheoretischen Fragestellungen beobachtet. Der Wissenschaftsrat ist der Überzeugung, dass ein Weiterverfolgen dieser Fragen von großer Bedeutung für die Leistungsfähigkeit des Faches ist, indem über die Weiterentwicklung von Methoden hinaus Grundannahmen überprüft werden, der innere Zusammenhalt der Disziplin in ihrer Vielfalt gestärkt wird und dies die Fähigkeit zur Positionierung gegenüber anderen Disziplinen sowie zur kritischen Auseinandersetzung mit ihnen befördert.” (p. 55). Einfache Frage: Wieviele Professuren mit der Denomination “Theoretische Psychologie” gibt es denn noch in der BRD? (Ich wiederhole ein häufig von mir vorgetragenes Beispiel: Von den rund 40 Professuren für Physik in Heidelberg sind allein 10 als Theoretische Physik deklariert - Zeichen eines weit entwickelten Faches!).

(3) Neue Formen des Psychologiestudiums: hier denkt der WR an eine stärkere Diversifizierung im Masterstudienbereich. Während im Bachelor-Abschnitt die Psychologie breit vermittelt werden sollte, kommt im Master die Spezialisierung zum Tragen. An den Fachhochschulen sollen das anwendungsorientierte Profil geschärft und die Zusammenarbeit von Hochschulen und Fachhochschulen gestärkt werden. Die Einrichtung zusätzlicher Studienplätze an staatlichen Hochschulen und Fachhochschulen wird angeraten. Die von der DGPs betriebene Einrichtung eines Qualitätssiegels für das Bachelorstudium wird zwar unterstützt, aber zugleich wird angeregt, die Spezifik psychologischer Studiengänge an Fachhochschulen stärker miteinzubeziehen. Ebenfalls diskutiert wird der Übergang vom BSc- in den MSc-Abschnitt und die Problematik von zu guten Noten (”Kuschelnoten” sind übrigens kein spezifisches Problem der Psychologie, sondern betreffen viele Fächer).

(4) Psychotherapie: “Das vom WR vorgeschlagene Standardmodell für die Psychotherapieausbildung sieht vor, diese während des ersten Studienabschnitts in ein allgemeines Psychologiestudium zu integrieren und in einem Masterstudium „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ fortzuführen. Neben diesem Regelfall soll es aber ausdrücklich möglich sein, auch alternative Studienmodelle, beispielsweise in Kooperation mit der Medizin, zu erproben und zu evaluieren. Zur Qualitätssicherung benennt der WR Grundvoraussetzungen für Hochschulen, die eine Psychotherapieaus­bildung anbieten wollen. Dazu gehören unter anderem einschlägige aktive Forschung und ein systematischer und qualitätsgesicherter Zugang zur Patientenversorgung”.

(5) Wissenschaftlicher Nachwuchs: Attraktiven Stellen außerhalb der Wissenschaft stehen “wenig verläßliche Karrierewege an den Hochschulen” (p. 79) gegenüber. Daher empfiehlt der WR “gezielte Nachwuchsprogramme, verlässliche Karrierewege und attraktive Zielpositionen”. Strukturierte Promotionsprogramme, Tenure-Track-Stellen an den Hochschulen und permanente Beschäftigungsverhältnisse alternativ zur Professur sollen dabei verfolgt werden.

(6) Psychologie und Gesellschaft: Der abschließende Teil betont die gesellschaftliche Relevanz der Psychologie. Die Beteiligung auch der Psychologie an den “Großen gesellschaftlichen Herausforderungen” (siehe dazu meinen Blogbeitrag vom Mai 2015) wird eingefordert, hin zu einer “stärkere(n) Öffnung gegenüber der Gesellschaft”. Transfer von der Forschung in die Praxis soll nicht nur verstärkt betrieben werden, sondern auch seinerseits zum Gegenstand von Forschung und Lehre werden.

Insgesamt ein beflügelnder Lagebericht, den uns der WR vorgelegt hat! Ich bin als Fachvertreter stolz auf die hier beschriebenen Erfolge, die in den letzten 35 Jahre erzielt wurden; ich selbst habe ungefähr mit dem Erscheinen des 1983er-Berichts des WR mit meiner wissenschaftlichen Aktivität begonnen und fühle mich daher vom Berichtszeitraum 1983-2018 persönlich angesprochen. Ich teile aber auch die Einschätzung, dass wir viel zu tun haben, um die hier benannten Desiderata einzulösen und für Verbesserungen zu sorgen. Bei einer ganzen Reihe von Empfehlungen teile ich die Bewertung durch den WR voll und ganz, sehe aber keine klaren Lösungswege. Ein Besispiel: Natürlich wollen wir uns bei Berufungsverfahren nicht primär auf quantitative Leistungsindikatoren verlassen - aber ignorieren können wir Drittmittel-Summen und Hirsch-Indices auch nicht. Gute Kompromisse werden benötigt (siehe meinen Kommentar dazu in PPS).

Gut gefallen hat mir, dass die Psychologie als “Mutterwissenschaft” der Psychotherapie bezeichnet wird! Ein schönes Bild! Aber natürlich frage ich mich, wer war wohl der Vater? Oder ist die Vaterschaft wieder mal unklar?

Hier der Link zur Pressemitteilung des WR, an dessen Ende die ausführlichen Dokumente gelinkt sind:

Hier der Link zur gemeinsamen Pressemitteilung der DGPs und des Fakultätentags Psychologie:

Neujahrsempfang 2018 der Freunde

Auch in diesem Jahr hat die “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” zum Neujahrsempfang am Freitag 26.1.2018 eingeladen. Es war das dritte Ereignis in dieser Reihe. Viele Freunde - alte und neue - sind der Einladung gefolgt, knapp 100 Personen kamen zum Empfang.

Wir haben wie im letzten Jahr erneut die Marsilius-Arkaden im Neuenheimer Feld als Treffpunkt gewählt, der sowohl einen Hörsaal als auch im Eingangsbereich ein Foyer mit Bar für den anschließenden Empfang umfasst. Als Festredner konnten wir diesmal dank der Aktivitäten unseres Vorstandsmitglieds Dr. Thorsten Helm den Kollegen Prof. Dr. Matthias Hentze gewinnen, der als Direktor des EMBL (European Molecular Biology Laboratory) nicht nur das EMBL vorstellte (das gibt es nun schon über 40 Jahre auf dem Boxberg in Heidelberg; es handelt sich um Europas führendes Grundlagenforschungsinstitut in den Lebenswissenschaften), sondern die Zuhörer auch mitnahm auf eine “Reise zum Mittelpunkt des Lebens”. Dabei ging er insbesondere auf das mehrjährige Großprojekt der Tara-Expedition zur Erkundung der Ozeane ein, bei der an 210 Stellen weltweit über 35.000 Proben genommen worden. Die darin enthaltenen Millionen Kleinstorganismen sind am EMBL genauer untersucht worden. Mithilfe von Nobelpreis-gewürdigten Technologien der höchstauflösenden Mikroskopie (Jacques Dubochet, Stefan Hell) und mittels moderster Bioinformatik-Methoden wird ein wertvoller Beitrag zur evolutionären Biologie geleistet. Sehr beeindruckend!

Wie im Vorjahr diente der Empfang auch dazu, den jährlich vergebenen und mit 2500 Euro dotierten “Preis der Freunde” zu verleihen. Diesmal ging er an die gemeinnützige studentische Initiative “Weitblick Heidelberg“, die sich für einen gerechten Zugang zu Bildung einsetzt. O-Ton Weitblick (aus ihrem Webauftritt): “Wir wollen Studierenden aller Fachrichtungen die Möglichkeit bieten, sich neben der Berufsorientierung zu engagieren und eigenes Wissen, Talente und Fähigkeiten für soziale Projekte einzusetzen. Durch die Vereinsarbeit wollen wir vor allem das Bewusstsein für soziale Verantwortung schärfen. Unsere Antriebskraft ist dabei kein blinder Aktionismus, sondern der Gedanke, dass wir mit Arbeit, die uns Spaß macht, wirklich etwas bewegen können”. Die studentische Jury (bestehend aus Herrn Pascheberg, Herrn Rix und Frau Stieglitz) verfasste eine Laudatio, die von Frau Stieglitz und Herrn Rix im Dialog vorgetragen wurde. Sie machten das Bild des “Mosaiks” stark: viele Hände tragen zu einem ganzheitlichen Unterstützungskonzept bei (hier geht es zur Pressemitteilung).

Im Anschluß fand im Vorraum des Hörsaals wieder der Empfang der Gäste statt. Bei kleinen Snacks und kalten Getränken wurde lebhaft diskutiert, es wurden alte Kontakte gepflegt und neue geknüpft. Als Vorsitzender des Vereins hatte ich meine Freude daran, weil genau dies einem der Zwecke entspricht, die in unserer Satzung benannt sind, nämlich: “Begründung und Pflege von Kontakten zwischen der Universität Heidelberg, ihren wissenschaftlichen Vertretern und ihren Studierenden sowie den Menschen in und um Heidelberg”. Was könnten wir besseres tun als das, was wir mit dem Neujahrsempfang gemacht haben?

Wie schön, dass es den Neujahrsempfang gibt - Ich freue mich schon auf den nächsten (vierten) Neujahrsempfang 2019!

hier zur Erinnerung frühere Blog-Einträge:

Bericht über den Neujahrsempfang 2017

Bericht über den Neujahrsempfang 2016