Skip to content

Michael Bosnjak neuer ZPID-Direktor

Nun ist es offiziell: Zum 1. Juli 2017 tritt Prof. Dr. Michael Bosnjak die Stelle des Direktors vom ZPID an, ein Leibniz-Institut an der Universität Trier, das von Günther Reinert 1971 gegründet wurde. Warum ich darüber schreibe? Ich bin mit ZPID alt geworden. Als junger Student in den 1970er Jahren habe ich bei Reinert bibliographieren gelernt (wie zitiert man korrekt?), später wurde ich in den wissenschaftlichen Beirat des ZPID berufen. Der damalige Beiratsvorsitzende Dietrich Albert (Vorsitzender von 1989-1997) schlug mich als seinen Nachfolger vor; ich habe dieses Amt von 1997-2006 innegehabt und an Hans-Werner Bierhoff weitergereicht, der es von von 2006-2012 innehatte und an Werner Greve abgegeben hat, der seit 2012 im Amt ist. Ich selbst bin seit 2013 im Verwaltungsrat des ZPID tätig und war daher jetzt auch bei der gerade erfolgten Berufung des Direktors beteiligt.

Michael Bosnjak tritt die Nachfolge von Günter Krampen an, der die Leitung des ZPID im Jahr 2004 von Leo Montada übernahm und nun in den Ruhestand geht. Mit Günter Krampens Hilfe konnte das ZPID nicht nur seine internationale Sichtbarkeit vergrößern, sondern auch seinen Personalbestand erheblich ausbauen und auf ein solides Fundament stellen. Sein Engagement für das ZPID kann nicht hoch genug geschätzt werden.

Ich bin gespannt, wie sich der neue Direktor positioniert - ein paar Stichworte habe ich ja schon im Berufungsverfahren gehört. Zum einen ist eine stärkere Kundenorientierung zu erwarten (Unterstützung transparenter, replizierbarer Forschung im Kontext von Open Science), zum anderen wird vermutlich die Palette der ZPID-Angebote breiter als bisher ausfallen und alle Phasen eines Forschungsprozesses unterstützen, nicht nur das Auffinden relevanter Literaturnachweise. Damit könnte eine Ausweitung des ZPID-Portfolios verbunden sein, die aus dem ZPID eines Tages ein “Leibniz-Institut für Psychologie” machen könnte. Das fände ich toll und würde unser Fach in besonderer Weise privilegieren: längst nicht alle Fächer haben eine derartige Infrastruktur-Einrichtung im Rücken, die auch für die Deutsche Gesellschaft für Psychologie interessante Optionen bietet.

Erst mal freue ich mich, dass es mit der Berufung zum 1.7.2017 geklappt hat und nun ein hoffentlich “sanfter” Übergang erfolgt! Ich drücke dem neuen Direktor beide Daumen, dass möglichst viele seiner Ideen den Weg in die Wirklichkeit finden. Von meiner Seite volle Unterstützung für den Transitionsprozeß!

29. Heidelberger Symposium “verANTWORTEN”

Vom 11.-13.5.2017 fand in den Räumen der Neuen Universität und im Zelt auf dem Universitätsplatz das 29. Heidelberger Symposium “verANTWORTEN” unter der Schirmherrschaft von MP Winfried Kretschmann statt. Das Besondere an diesem Symposium: es wird von A bis Z von Studierenden selbst organisiert! Im Hintergrund stehen die seit 1988 existierende studentische Initiative “Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur” (HCWK), ein prominent besetztes Kuratorium sowie großzügige Sponsoren.

Christian Wulff in der Neuen Aula

Christian Wulff in der Neuen Aula

Eröffnet wurde das Symposium am Donnerstag morgen mit einem motivierenden Festvortrag von Bundespräsident a.D. Christian Wulff über “Ansichten auf Deutschland und Europa 2017″. In der gut gefüllten Aula der Neuen Universität hielt er eine eindrucksvolle Rede, die zu mehr Beteiligung an politischen Prozessen aufforderte (”wer in einer Demokratie einschläft, kann in einer Diktatur aufwachen”) und den Wert von Frieden und Demokratie betonte. Er diagnostizierte vier Ursachen für eine negative Stimmung in Deutschland: Terrorismus, Globalisierung, Digitalisierung und Flüchtlingsströme. Zu allen vier Bereichen trug er differenzierte Argumente zur Begründung seiner Bestandsaufnahme vor. Seine Lösungsvorschläge: Mitarbeit in demokratischen politischen Parteien (die Aula lachte, als er zur Begründung anführte, man käme damit weit - er selbst kam an die Spitze der BRD); Offenheit für Fremdes (mit dem konkreten Vorschlag, die EU möge 3 Mrd Ero bereitstellen für ein kostenloses 6wöchiges Interrail-Ticket, das alle EU-Bürger mit Erreichen des 18. Lebensjahres erhalten sollten, um Europa kennenzulernen) und Vermeidung von Ängsten. Seine Argumente machten nachdenklich und sprühten Optimismus aus. Beim Thema Waffenexporte wich er allerdings den Fragen der Studierenden aus.

Von den 35 Einzelveranstaltungen in diesen drei Tagen konnte ich nur einen Bruchteil verfolgen. Ein paar Beispiele: Thomas Mücke, Mitbegründer und Geschäftsführer des “Violence Prevention Network“, zeigte Wege zur Deradikalisierung und Extremismusprävention auf; Peter Praet, Chefvolkswirt der EZB, berichtete über die Rolle der Europäischen Zentralbank; der Soziologe Louis Klein entwarf die Utopie einer europäischen Republik; Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ehemalige Bundesjustizministerin, plädierte für eine vernünftige Mischung aus Freiheit und Verantwortung im Internet; Hansjörg Geiger, ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes, erlaubte Einblicke in den Dschungel der Nachrichtendienste; Paul Kirchhof, ehemaliger Bundesverfassungsrichter, machte das Spannungsverhältnis zwischen Gesetzgebern und Verfassungsrichtern deutlich.

Es bleibt insgesamt ein ausserordentlich positiver Eindruck zurück: viele Anregungen, die hoffentlich auch bei anderen Zuhörerinnen und Zuhörern etwas in Bewegung gesetzt haben. Ganz im Sinn der Veranstalter: Antworten auf drängende Fragen suchen und Verantwortung übernehmen, aktives Mitgestalten anstatt manipuliert zu werden. War das postmodern? Ist mir egal - Hauptsache, das Programm der Aufklärung wird fortgeführt und die Menschen zum eigenen Denken gebracht!

Was mich mit Stolz erfüllt: Im 30köpfigen, interdisziplinär gemischten studentischen Vorbereitungsteam sind 7 Psychologie-Studentinnen (5x Hauptfach, 2x Nebenfach) vertreten! Nicola Dilchert, Henrieke Freier, Maya Kasper (NF), Larissa Kunoff, Lisa Makowski, Mirai Neumann (NF) und Annika Reicherter haben seit rund einem Jahr ehrenamtlich an der Vorbereitung dieser aufwändigen Veranstaltung mitgearbeitet. Ausserdem sind zahlreiche Psychologie-Studierende als Helfer unterwegs und ich habe eine Reihe unserer Studierenden unter den Zuhörern gesehen. Über dieses Engagement unserer Studierenden freue ich mich insofern ganz besonders, als man den Psychologie-Studierenden nachsagt, dass ihre hohe Qualifikation (extrem strenger NC) und ihre starke Leistungsorientierung im Bologna-System zu einer einseitigen Fokussierung auf enge Studieninhalte führe. Zumindest die jetzt aktiven Personen demonstrieren, dass sie über den Tellerrand unserer Fachgrenzen hinausschauen und Dinge in Bewegung setzen! Gut im Studium zu sein und sich politisch verhalten ist kein Widerspruch, sondern in Einklang zu bringen! In Analogie zur Work-Life-Balance könnte man von einer Study-Policy-Balance reden.

Verwundert war ich ein wenig über die geringe Teilnahme von Mitgliedern unserer Universität aus anderen Statusgruppen. Professorinnen und Professoren habe ich fast keine gesehen, auch die Beteiligung des akademischen Mittelbaus fiel mir nicht besonders auf. Schade! Da haben sich Studierende viel Mühe gemacht und ein tolles Programm auf die Beine gestellt! Gut, dass so viele Mitstudierende das honorieren und aktiv teilnehmen!

Der Rektor der Universität Heidelberg, Bernhard Eitel, beschrieb einmal die Aktivität des HCWK und dessen Anspruch nach Interdisziplinarität als „Vorläufer der Exzellenzinitiative“. Das Heidelberger Symposium wurde mit einer „intellektuelle Festtafel“ verglichen, an der sich Gleichgesinnte austauschen und bereichern könnten. Eine schöne Metapher! Und für mich erfreulich: es waren keineswegs nur Gleichgesinnte unterwegs!

Die Konzeption und Organisation des Symposiums liegt seit nunmehr fast 30 Jahren in den Händen der wechselnden studentischen Organisatoren, die über die Jahre hinweg qualitativ hochwertige Veranstaltungen zustande gebracht haben. Ich finde das ausserordentlich bemerkenswert! Im Jahr 2014 haben wir von der Gesellschaft der Freunde aus übrigens den HWCK und dessen Symposien mit dem Preis der Freunde ausgezeichnet. Eine gute Entscheidung, die ich nach dem Besuch des diesjährigen Symposiums voll bestätigt finde! Liebe aktive Studierende: Danke für Euren Einsatz! Und viel Erfolg beim nächsten Symposium, auf das ich mich schon freue!

Buchempfehlung: “The Slow Professor”

The Slow Professor

The Slow Professor

1. Mai, Tag der Arbeit: Gelegenheit, einmal über die veränderten Bedingungen unserer akademischen Arbeitswelt nachzudenken. Hier hat sich einiges getan, allerdings nicht abrupt, sondern ganz allmählich (und damit kaum sofort bemerkbar) von Jahr zu Jahr.

Vielleicht hat es mit meinem Alter zu tun: Ich bin kein Freund von Hektik, auch wenn ich gelegentlich schnell Entscheidungen treffen kann. Der universitäre Alltag hat sich in meinem akademischen Leben (ich habe 1980 mein Diplom gemacht und bin danach - also bislang 37 Jahre lang - nur an Universitäten beschäftigt gewesen) radikal verändert. In meiner Assistentenzeit habe ich stundenlang in der kleinen Institutsbibliothek (oder der größeren Universitätsbibliothek) gesessen, nach Informationen gesucht, Bücher und Zeitschriften gelesen. Die ca. 100 Abonnements mit vierteljährlicher Erscheinungsfrequenz konnte ich durchblättern und ich fühlte mich auf dem Laufenden. Heute stehen mir an der UB Heidelberg >90.000 E-Journals (aus vielen Disziplinen) zur Verfügung, die ihre Artikel häufig unmittelbar nach Akzeptanz der Herausgeber online stellen und mich sofort darüber per Mail informieren. Uff! Wer kann das alles lesen? Ich schaffe nur einen winzigen Bruchteil davon.

Früher kamen Studierende mit wichtigen Anliegen in meine Sprechstunde - heute erhalte ich studentische Anfragen per Email rund um die Uhr (über deren Wichtigkeit will ich hier nicht reden). Kontakte mit Wissenschaftlern an anderen Orten gab es vor allem auf Konferenzen, zwischendurch schrieb man sich Briefe; ich habe heute noch dicke Ordner voll mit Korrespondenz aus den 1980er Jahren, zu einer Zeit, als man sich noch handsignierte Sonderdrucke schickte statt der heute üblichen PDFs. Nicht nur in Zeiten der Antragstellung zur Exzellenz-Initiative (es läuft gerade die dritte Welle) kommt es zu erhöhtem Mailaufkommen, weil an Anträgen gefeilt wird und viele Standpunkte integriert werden müssen. Das ist sicherlich von Vorteil, füllt aber die Mailbox schneller als man lesen kann… Tempo, Tempo, Tempo!

Nun ist mir gerade ein neu erschienenes Buch in die Hand gefallen, das sich mit der Hochgeschwindigkeitskultur an Hochschulen beschäftigt (Danke für den Hinweis, Frau Busse). Maggie Berg (Queen’s University, Kingston, Ontario, Canada) und Barbara Seeber (Brock University, St. Catherines, Ontario, Canada) stellen Fragen danach, ob wir an den Universitäten noch die nötige Ruhe zum Nachdenken finden. Wenn um 22:45 Uhr eine Mail der Geschäftsführung eintrifft und man bis zum nächsten Morgen um 8 Uhr eine Stellungnahme abgeben soll, ist das sicher nicht gesund. In der akademischen Welt haben wir uns stillschweigend mit dem erhöhten Tempo abgefunden. Dabei bleibt viel Gutes auf der Strecke, wie z.B. die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Haus (oder der Besuch der Institutsbibliothek).

Bieten die Autorinnen Lösungen an? Schwierig! Für Personen auf Dauerstellen ist die Beschäftigung mit dem Thema sicher anders als für diejenigen, die noch eine feste (oder eine bessere) Position suchen. Den jungen Leuten zur Entschleunigung zu raten fällt schwer, weil der Wettbewerb um die wenigen Dauerstellen heute in der Bewerbungssituation vor allem mit quantitativen Faktoren geführt wird: Wer mehr Drittmittel einwirbt, wer die umfangreichere Publikationsliste hat, einen höheren Hirsch-Index oder einen höheren Journal Impact-Faktor vorweist, kommt im Zweifel leichter zum Zuge als die Person, die gründlich nachgedacht hat, aber nicht so viel auf den Tisch der Berufungskommission legen kann. Das ist keine gute Entwicklung.

Tag der Arbeit: eine Gelegenheit, über Entschleunigung nachzudenken, auch wenn es so aussieht, als müsse man überall schnell sein. Einfache Lösungen sind für mich nicht in Sicht. Aber ich versuche weiterhin, mein persönliches Tempo zu bewahren und nicht in Hektik zu verfallen.

Berg, M., & Seeber, B. K. (2016). The slow professor: Challenging the culture of speed in the academy. Toronto: University of Toronto Press. [hier ein Interview mit den Autorinnen]

PS: Von unserer Theologie-Kollegin Prof. Dr. Ingrid Schoberth erhielt ich den Hinweis, dass die Schnecke auf dem Titelbild des Buchs in christlicher Tradition auch als Zeichen der Auferstehung gelesen werden kann (siehe z.B. hier) - interessante Deutung!

March for Science HD

Am 22. April 2017 (dem Tag der Erde) sind in über 500 Städten weltweit hunderttausende Wissenschaftler/innen und Wissenschaftsfreunde mit dem „March for Sciencegegen Postfaktizismus und für wissenschaftlich fundierte Fakten auf die Straße gegangen. In Deutschland waren viele Universitätsstädte, darunter Berlin, Bonn, Dresden, Frankfurt, Freiburg, Göttingen, Greifswald, Hamburg, Heidelberg, Jena, Kassel, Koblenz, Kiel, Leipzig, München, Münster, Rostock, Stuttgart, Trier und Tübingen beteiligt. Die Organisatoren wollten ein Zeichen dafür setzen, dass verlässliche Informationen die Voraussetzung für einen kritischen gesellschaftlichen Diskurs und fundiertes Urteilen sind. Postfaktische Auffassungen hingegen verleugnen und relativieren den Organisatoren zufolge wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Unterstützt wird der “March for Science” von renommierten Organisationen und Persönlichkeiten aus der Wissenschaft.

Treffen am Ebertplatz

Treffen am Ebertplatz

In Heidelberg zogen etwa 1000 Personen [Korrektur 23.4.17: Es waren mindestens 1800, wie dieser lesenswerte Blogbeitrag von Markus Pössel durch eine akribische Auswertung von hochauflösenden Foto-Dateien belegt] in friedlicher Stimmung vom Ebertplatz über die Hauptstrasse zum Universitätsplatz, wo die Kundgebung mit 13 Kurzreden, unterbrochen durch wissenschaftsadäquate Musik von Balsamico, stattfand. Eröffnet wurde der Rede-Reigen durch Statements von unserer Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und unserem Rektor Bernhard Eitel. Das gesamte Programm findet sich hier. Insgesamt doch etwas lang…

im Regen auf der Hauptstrasse

im Regen auf der Hauptstrasse

Wir leben nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA in schwierigen Zeiten, was das Vertrauen in die Wissenschaft betrifft. Kreationisten stellen die Evolutionstheorie in Frage, Klimawandel soll ein (zum Schaden der USA) von den Chinesen erfundenes Konstrukt sein. Dies sind nur zwei von vielen Beispielen einer neuen Wissenschaftsignoranz. Das bewegt mich, der ich für die Wissenschaft arbeite, dazu Flagge zu zeigen und dafür einzutreten, das Kantische Projekt der Aufklärung unter Einsatz von kritischem Denken fortzusetzen; sonst würden wir heute noch glauben, die Erde wäre eine Scheibe und Mittelpunkt des Weltalls.

Wissenschaft darf sich nicht aus gesellschaftlichen Diskursen heraushalten. Es gibt eine Verantwortung der Wissenschaft, ihre Erkenntnisse trotz aller Vorläufigkeit verständlich zu machen, Warnungen auszusprechen, Empfehlungen abzugeben. Vieles an Forschung ist selbst für Expertinnen und Experten schwer zu verstehen - wieviel unsicherer muss sich jemand fühlen, der die Flut von Erkenntnissen gar nicht überschaut, nicht überschauen kann? Das darf uns aber nicht davon abbringen, weiterhin Forschung zu betreiben und die Welt um uns herum besser zu verstehen suchen. Das Ringen um Wahrheit ist ein schwerer Prozeß, bei dem auch manchmal Fehler gemacht werden. Das ist aber kein Grund dafür, mit der Wahrheitssuche aufzuhören.

Karl Jaspers hat 1946, als er die Heidelberger Universität wieder aus dem braunen Sumpf ziehen sollte, geschrieben:  “Die Universität ist die Stätte, an der Gesellschaft und Staat das hellste Bewußtsein des Zeitalters sich entfalten lassen. Dort dürfen als Lehrer und Schüler Menschen zusammenkommen, die hier nur den Beruf haben, Wahrheit zu ergreifen. Denn daß irgendwo bedingungslose Wahrheitsforschung stattfinde, ist ein Anspruch des Menschen als Menschen.” Dafür bin ich auf die Straße gegangen und habe mich sehr gefreut, dass ich nicht alleine unterwegs war! Auch symbolische Handlungen können sehr wirksam sein! Viele Bekannte und Freunde aus der Professorenschaft, dem Mittelbau und der Verwaltung habe ich gesehen, noch mehr aber viele unserer Studierender, worüber ich mich besonders gefreut habe! Kollegen aus Mannheim und Karlsruhe habe ich ebenfalls getroffen.

Dem lebendigen Geist

Universitätsplatz: Dem lebendigen Geist

Nachfolgend ein Auszug aus der Presseerklärung der Universität Heidelberg, die diesen Marsch unterstützt hat, zu finden unter http://www.uni-heidelberg.de/presse/meldungen/2017/m20170405_universitaet-heidelberg-unterstuetzt-march-for-science-germany.html:

“Die Universität Heidelberg unterstützt den „March for Science“ und damit die weltweite Initiative für unabhängige Wissenschaft und einen offenen gesellschaftlichen Diskurs auf der Grundlage überprüfbarer und abgesicherter Fakten. Der Rektor der Ruperto Carola, Prof. Dr. Bernhard Eitel, lädt alle Mitglieder der Universität ein, an der Kundgebung am 22. April in Heidelberg teilzunehmen. Prof. Eitel: „Die bei uns grundgesetzlich geschützte Freiheit von Forschung und Lehre, Erkenntnisgewinn auf Basis wissenschaftlicher Methoden und ein offener Diskurs sind für eine demokratisch verfasste Gesellschaft und die politische Entscheidungsfindung unverzichtbar. Für diese Werte wollen wir gemeinsam eintreten.“

Als älteste Universität Deutschlands und eine der forschungsstärksten in Europa ist die Ruperto Carola aufgrund ihrer Wirkungsgeschichte in besonderer Weise der Freiheit von Forschung und Lehre verpflichtet. „SEMPER APERTUS“ – stets offen, ist der Leitspruch, mit dem sich die Universität Heidelberg uneingeschränkt auch zu ihrer Verantwortung für einen wissensbasierten Dialog mit Gesellschaft und Politik bekennt.”

siehe auch meinen früheren Blog-Beitrag: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2017/03/03/march-for-science-2017-psychologen-sind-dabei/

New book: “Nature of Problem Solving”

A new book has been published today: “The nature of problem solving. Using research to inspire 21st centure learning”, edited by Benö Csapó and Joachim Funke. It presents work done in the context of PISA 2012, an activity that I was involved from 2009 until 2014 as Chairman of the International Expert Group on Problem Solving that prepared this enterprise (see my former blog-entry). In his Foreword, Andreas Schleicher (the “father” of PISA assessments) writes enthusiastically about our book: “… while problem solving is a fairly intuitive and all-pervasive concept, what has been missing so far is a strong conceptual and methodological basis for the definition, operationalisation and measurement of such skills. This book fills that gap. It explores the structure of the problem-solving domain, examines the conceptual underpinning of the PISA assessment of problem solving and studies empirical results. Equally important, it lays out methodological avenues for a deeper analysis of the assessment results, including the study of specific problem-solving strategies through log-file data.”

Here is a summary of the content:

Part I (”Problem solving – Overview of the domain”) presents our view of problem solving and its assessment. In Chapter 1, Benö Csapó and Joachim Funke highlight the relevance of problem solving within a world that relies less and less on routine behaviour and increasingly requires non-routine, problem-solving behaviour. They underline the need for innovative assessments to understand how improved school practices contribute to the development of problem-solving skills in learners. In Chapter 2, Jens Fleischer and colleagues use data from PISA 2003 to demonstrate the importance of analytical problem solving as a crosscurricular competency. Starting with the observation that German students’ analytical problem solving skills are above the OECD average but their maths skills are only average, they develop the cognitive potential exploitation hypothesis: good problem-solving skills could be harnessed to develop mathematics skills. In Chapter 3, Magda Osman argues that complex problems can be represented as decision-making tasks under conditions of uncertainty. This shift in emphasis offers a better description of the skills that underpin effective problem solving, with a focus on the subjective judgments people make about the controllability of the problem-solving context. In Chapter 4, John Dossey describes the mathematical perspective and points to the strong relation between mathematics and problem solving. He emphasises the important role of metacognition and self-regulation in both solving real problems and in the practice of mathematics.

Part II (”Dynamic problem solving as a new perspective”) introduces dynamic problem solving as a new perspective within PISA 2012. In Chapter 5, Dara Ramalingam and colleagues present the PISA 2012 definition of problem solving, outline the development of the assessment framework and discuss its key organising elements, presenting examples of static and interactive problems from this domain. In Chapter 6, Samuel Greiff and Joachim Funke describe the core concept of interactive problem solving in PISA 2012 as the interplay of knowledge acquisition and knowledge application to reach a given goal state. Interactive problem solving differs from static problem solving because some of the information needed to solve the problem has to be found during interaction processes. In Chapter 7, Andreas Fischer and colleagues describe typical human strategies and shortcomings in coping with complex problems, summarise some of the most influential theories on cognitive aspects of complex problem solving, and present experimental and psychometric research that led to a shift in focus from static to dynamic problem solving.

Part III (”Empirical results”) deals with data from different studies presented here because they influenced the thinking around the PISA 2012 problem-solving assessment. In Chapter 8, Gyöngyvér Molnár and colleagues report results from a Hungarian study of students from primary and secondary schools who worked with static and interactive problem scenarios. They found that students’ ability to solve these dynamic problems appears to increase with age and grade level, thus providing evidence that education can influence the development of these skills. At the same time, the measured construct is psychometrically sound and stable between cohorts. In Chapter 9 Ray Philpot and colleagues describe analyses of item characteristics based on the responses of students to PISA 2012 problem solving items. They identified four factors that made problems more or less difficult, which could be helpful for test developers but also researchers and educators interested in developing learners from novice to expert problem-solvers in particular domains. In Chapter 10, Philipp Sonnleitner and colleagues discuss the challenges and opportunities of computer-based complex problem solving in the classroom through the example of Genetics Lab, a newly developed and psychometrically sound computer-based microworld that emphasises usability and acceptance amongst students.

Part IV (”New indicators”) presents ideas arising from the new computer-based presentation format used in PISA 2012. In Chapter 11, Nathan Zoanetti and Patrick Griffin explore the use of the data from log files, which were not available from paper-and-pencil tests and offer additional insights into students’ procedures and strategies during their work on a problem. They allow researchers to assess not just the final result of problem solving but also the problem-solving process. In Chapter 12, Krisztina Tóth and colleauges show the long road from log-file data to knowledge about individuals’ problem solving activities. They present examples of the usefulness of clustering and visualising process data. In Chapter 13, David Tobinski and Annemarie Fritz present a new assessment tool EcoSphere, which is a simulation framework for testing and training human behavior in complex systems. Its speciality is the explicit assessment of previously acquired content knowledge.

Part V (”Future issues: Collaborative problem solving”) deals with issues that came after PISA 2012. Three years after PISA 2012 focused on individual problemsolving competencies, PISA 2015 moved into the new and innovative domain of collaborative problem solving, defined as “the capacity of an individual to effectively engage in a process whereby two or more agents attempt to solve a problem by sharing the understanding and effort required to come to a solution and pooling their knowledge, skills and efforts to reach that solution.” In Chapter 14, Esther Care and Patrick Griffin present an alternative assessment of collaborative problem solving that inspired the PISA assessment while being clearly distinct from it. They deal with human-tohuman collaboration, in contrast to the human-to-computer design eventually used. In Chapter 15, Arthur Graesser and colleagues, explore the use of “conversational agents” (intelligent computerbased systems that interact with a human) and how dialogues and even trialogues with two agents can be used for new types of assessment.

A final “Epilogue” from Benö Csapó and Joachim Funke summarizes the work that has been done, reflects terminological issues, and looks into the future.

For me, a long story now comes to a good end! We started the book project 5 years ago. In the meantime, there were quiet phases as well as hectic ones, and until the end of 2016 I was not sure if our book project would come up as a success. Julia Karl and Marion Lammarsch helped us in a critical layout phase with the LaTeX documents - thanks!

Beno has written this sentence in our epilogue: “As we finish the work of editing this book and look back at the process behind that effort, we have the feeling that it has simultaneously been one of the most inspiring experiences and one of the most challenging undertakings of our professional careers.” Thanks to the OECD staff (Rachel, Sophie, Sylvie) that helped to finalize our projects, thanks to Francesco Avvisati for accompanying our book and thanks to our authors for staying with us the whole time!

Csapó, B., & Funke, J. (eds.) (2017). The nature of problem solving. Using research to inspire 21st century learning. Paris: OECD Publishing. http://doi.org/10.1787/9789264273955-en (or try here)

Here is a nice statement about our book from Dirk van Damme, Head of the Innovation and Measuring Progress Division, Directorate for Education and Skills, OECD.

20 Jahre ATP Heidelberg: Eine Zwischenbilanz

ATP Logo

ATP Logo (von Bernd Reuschenbach entworfen)

In diesen Tagen jährt sich der Termin meiner Berufung nach Heidelberg: vor 20 Jahren, zum 1.4.1997, wurde ich vom damaligen Wissenschaftsminister Klaus von Trotha als Nachfolger von Norbert Groeben auf den Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Psychologie (ATP) berufen. Vom damaligen Rektorat Peter Ulmer wurden die Verhandlungen geführt und dort wurde ich auch vereidigt.

Eine Rückschau auf die vergangenen 20 Jahre zeigt, dass sich unsere Abteilung gut entwickelt hat - dies sowohl als subjektiver Eindruck wie auch anhand objektiver Leistungsdaten belegt. Wir haben eine Reihe von Drittmittel-finanzierten Forschungsvorhaben durchgeführt (siehe hier), wir haben gut publiziert (siehe hier meine Publikationsliste) und haben uns damit einen Namen in der weltweiten Problemlöseforschung gemacht. Die verschiedenen Aktivitäten im Zusammenhang mit “PISA 2012 Problem Solving” (siehe hier), bei denen ich den Vorsitz der weltweiten Expertengruppe innehatte, haben ein Übriges getan. Als letzter Lehrstuhl in der BRD mit der Denomination “Theoretische Psychologie” versuche ich, auch diesen Zweig lebendig zu halten.

Zudem habe ich mich um akademischen Nachwuchs gekümmert und an zahlreichen Promotionen und Habilitationen mitgewirkt. Einige der Betreuten sind inzwischen als Professorinnen und Professoren an anderen Hochschulen gelandet. Darüber freue ich mich sehr! Service für die akademische Gemeinschaft habe ich  u.a. als Geschäftsführender Herausgeber der “Psychologischen Rundschau” (von 2005-2008) geleistet, ebenso als Mitbegründer des “Journal of Dynamic Decision Making” (JDDM, seit 2015 am Start) oder als Mitbegründer von “Heidelberg University Publishing“. Lange Jahre (von 1999-2007) war ich als Vorsitzender des Beirats vom ZPID (Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation) unterwegs, in dessen Kuratorium (seit 2013: Verwaltungsrat) ich seit 2010 sitze.

Auch um das Institut habe ich mich in meinen bisher 20 Jahren gekümmert, sei es als Geschäftsführender Direktor, als Vorsitzender der von mir 1999 mitbegründeten Alumni oder als Mitglied des Akademischen Senats unserer Universität. Als Sprecher des Senats (seit Oktober 2010) bin ich zusammen mit Clemens Benz als dem Vertreter des Ministeriums, mit dem Vorsitzenden des Universitätsrats Hanns-Peter Knaebel und mit meinem Kollegen Wolfgang Herzog (bis Oktober 2014 mit Claus Bartram) Teil der kleinen Findungskommission, die Vorschläge für Rektor, Kanzler und die Universitätsräte macht. Ich denke, auch hier haben wir in den letzten sieben Jahren gute Entscheidungen zum Wohl der Universität vorbereitet. Auch am Honorarprofessor Sternberg (2007), an der Ehrenpromotion Dörner (2016) und an der Einführung von Talaren für Absolventen bei der Abschlußfeier (seit 2014) bin ich nicht unschuldig (auch für die Einführung von Abschlußfeiern seit 1999 bin ich als Alumni-Gründer mitverantwortlich).

Die Position unseres Faches innerhalb der Universität hat sich durch den lebhaften Einsatz aller Kolleginnen und Kollegen am PI deutlich verbessert - die Psychologie wird als starker Partner bei der Exzellenzinitiative gesehen! In den aktuellen Publikationsstatistiken der Universität heiBIB liegen wir im oberen Drittel (siehe dort unter “Fachfilter”: Psychologie) - und das, obwohl von den etwa 450 Professorinnen und Professoren unserer Universität nur 11 aus der Psychologie kommen.

Natürlich habe ich in diesen 20 Jahren auch Fehler gemacht (ich will sie hier nicht öffentlich ausbreiten…), aber ich hoffe aus meinen Fehlern gelernt zu haben. Und das Gute daran: das soziale Netz hilft diese Fehler zu verkraften - danke, liebe Kolleginnen und Kollegen, für Eure Unterstützung! Und genauso froh, wie ich rückblickend über manche von mir getroffene Zusage bin, so glücklich bin ich auch über die eine oder andere Absage, die ich gemacht habe.

Auch nicht-akademisch habe ich gute Erfahrungen gemacht, z.B. als DJ Funk: Das ist eine Seite von mir, die ich bis zum Jahr 2000 nicht kannte, aber seither immer wieder einmal zur Anwendung bringen konnte (hier eine Liste).

Ich bin sehr zufrieden mit den Entwicklungen in diesen 20 Jahren - wie wird es weitergehen? Für mich ist die persönliche Zielgerade meines Beschäftigungsverhältnisses schon zu sehen. Mal schauen, was da noch mehr kommen wird… Wie hat Rolf Verres seine Improvisation anläßlich der Abschiedsvorlesung des Kollegen Rainer Holm-Hadulla Ende Februar 2017 genannt: “Willkommen im Club der kreativen Rentner”! Das ist eine schöne Bezeichnung! In diesem Club möchte ich auch Mitglied sein!

PS: Meinen Alterungsprozeß habe ich durch ein tägliches Foto meiner Web-Kamera begleitet - da liegen inzwischen mehr als 3000 Aufnahmen vor… Die Auflösung ist leider nicht für eine weitergehende Analyse (z.B. des Emotionsausdrucks) ausreichend, aber die optische Inspektion zeigt langsame Veränderungen meines Erscheinungsbilds. Ich werde daraus zu gegebener Zeit einen kleinen Film machen. Die Veränderungen in meinem Büro zeigen die und die Seite).

Best Paper Award Hofmeister et al. (2017)

Einer unserer Absolventen, Johannes Hofmeister, hat gerade zusammen mit seinen Ko-Autoren und Betreuern Janet Siegmund und Daniel Holt den “Best Paper Award” auf der “24. IEEE International Conference on Software Analysis, Evolution and Reengineering” (SANER 2017) vom 21.-24.2.2017 in Klagenfurt gewonnen. Über 90 Beiträge standen dort im Wettbewerb. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg, der eine gelungene Kombination von Informatik und Psychologie darstellt!

Das psychologische Paper, das auf der Bachelorarbeit von Johannes Hofmeister aufbaut, beschäftigt sich mit einer für Programmierer wichtigen Frage: Soll man Variablennamen kurz (und damit kryptisch: “Z1″) oder lang (und damit besser verständlich: “Zähler_für_Einheiten”) wählen? Das ist vor allem bei der Fehlersuche interessant: Bei welcher Vorgehensweise werden Fehler schneller gefunden? Im Ergebnis zeigt sich, dass Fehlerdiagnostik mit Kürzeln schwerer fällt als mit (verständlichen) Worten und sich der anfängliche Mehraufwand später lohnt. Hier das Abstrakt der Arbeit:

“Programmierer verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit dem Lesen und Verstehen von Quellcode. Dabei spielen die Namen von Variablen, Klassen und Funktionen (die sog. Bezeichner) eine entscheidende Rolle. Es gibt viele verschiedene Stile und Vorschläge aus den Programmierer-Communities, wie Bezeichner benannt werden sollten, jedoch fehlt diesen oft eine empirische Grundlage. So bleibt etwa offen, ob Bezeichner besonders lang oder besonders kurz sein sollten, um das Verständnis beim Lesen von Code zu fördern. Befürworter der jeweiligen Stile bringen verschiedene Argumente vor: Besonders kurze Bezeichner seien “weniger zu lesen” und böten eine bessere Übersicht; Längere Bezeichnern seien jedoch semantisch reichhaltiger und einfacher verstehbar.

In der vorliegenden Arbeit haben wir untersucht, wie sich verschiedene Benennungsstile für Bezeichner auf das Programmverständnis auswirken. Dazu berücksichtigten wir besonders deren Länge und Semantik und identifizierten drei Versuchsbedingungen: Einzelne Buchstaben, Bezeichner, Abkürzungen und Echtworte.

72 professionelle C# Programmierer nahmen an dieser experimentellen Studie teil. Ihre Aufgabe war das Auffinden von inhaltlichen Fehlern (Bugs) in mehreren kurzen Programmcodes. Dabei setzten wir ein Within-Subjects Design ein, indem jedem Teilnehmer mehrere Programme mit den jeweiligen Bezeichner-Stilen präsentiert wurden. Als abhängige Variable wurde die Zeit bis zum Auffinden des Fehlers gemessen.

Die Studie zeigte, dass Fehler in Code mit echten Worten als Bezeichnern im Schnitt zu 19% schneller gefunden wurden (im Vergleich zu Abkürzungen und Buchstaben). Zwischen Abkürzungen und Buchstaben selbst gab es keinen signifikanten Unterschied.

Wir interpretieren unsere Daten als Hinweis darauf, dass Fehler in Programmen schwerer zu finden sind, wenn Code Buchstaben und Abkürzungen als Bezeichner beinhaltet. Worte als Bezeichner scheinen das Programmverständnis zu unterstützen und scheinen der Qualität von Software zuträglich zu sein.”

Quelle: Hofmeister, J., Siegmund, J., & Holt, D. V. (2017). Shorter identifier names take longer to comprehend. In IEEE Proceedings of 24th International Conference on Software Analysis, Evolution, and Reengineering (SANER), February 20-24, 2017 (pp. 217–227). Klagenfurt, Austria (hier als PDF).

GEBF 2017 Tagungseindrücke

(click to enlarge)

Als einer der ersten Pressevertreter habe ich als Hei_PI-Blogger am 2.3.17 die Akkreditierung für die Konferenzberichterstattung der GEBF 2017 erhalten (Danke, liebe Sabine!). Die Abkürzung GEBF steht für “Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung“, die 5. Tagung der GEBF fand diesmal vom 13.-15.3.17 bei frühlingshaftem Wettter unter Leitung der Kolleginnen Silke Hertel und Birgit Spinath an der Uni Heidelberg statt (nach Kiel 2013, Frankfurt 2014, Bochum 2015 und Berlin 2016). Rund 1100 Teilnehmende haben sich angemeldet, das Konferenzprogramm steht unter dem wichtigen Thema „Durch Bildung gesellschaftliche Herausforderungen meistern“ und umfasst viele spannende Beiträge (allein schon 114 Poster, von den hunderten an Symposien und Einzelvorträgen nicht zu reden)! Kein Wunder also, dass ich mich inhaltlich auf ein paar Eindrücke von den Keynote Lectures und vom Gesellschaftsabend in der Stadthalle beschränke. Inspirierend war natürlich das Konzept von Birgit Spinath “How to Heidelberg”, das mir nochmal klarmachte, dass ich immer noch nicht das Badnerlied auswendig beherrsche…

Manfred Prenzel

Manfred Prenzel

Manfred Prenzel (TU München) hat in seinem Eröffnungsvortrag unter dem Titel “Empirische Bildungsforschung in Deutschland – eine kleine Zwischenbilanz” einen Lagebricht zur empirischen Bildungsforschung in Zeiten von PIAAC und PISA geliefert. Er ging dabei auch auf die Kritik an dieser Bewegung ein, die gerade im letzten Jahr nochmals lautstark vorgetragen wurde (zusammenfassend: Klaus-Jürgen Tillmann, Z Erziehungswiss (2016) (Suppl 1) 19:5–22, DOI 10.1007/s11618-016-0705-3). Bei derzeit 100 empirischen unter 900 insgesamten Professuren für Bildungsforschung kann nicht von einer zahlenmäßigen Dominanz ausgegangen werden. Dennoch ist klar, das in Zeiten evidenzbasierter Entscheidungsfindung diesen Empirikern große Bedeutung zukommt. Prenzel machte deutlich, dass es neben Forschung auch um Lehre, Politik und Infrastruktur geht - eine einseitige Konzentration auf (manchmal nicht gut replizierbare) Forschung sei nicht ausreichend. Analog zum Mediziner-Modell “from bench to bedside” braucht es auch in der Bildungsforschung Transalation: Was folgt etwa aus der legendären Hattie-Studie für den konkreten Unterrichtsalltag?

Für die Posterausstellung, die in der Neuen Aula untergebracht war (leider bei erhaltener Bestuhlung), gab es als Besonderheit die Gelegenheit zur einer Weinprobe: Das Pfälzer Weingut Karst (Dank an Karina Karst für diesen Kontakt) bot Rot- und Weißweine zu kleinen Preisen an und man konnte seine Weinverkostung im Gespräch am Poster vertiefen.

Ludger Wößmann

Ludger Wößmann

Ludger Wößmann (LMU München) hat in der Mittagsvorlesung “Das Wissenskapital der Nationen: die Rolle von Bildung für wirtschaftlichen Wohlstand” am Dienstag die Rolle von Bildung für wirtschaftlichen Wohlstand beleuchtet. Seine Botschaft, die er zusammen mit Eric Hanushek in ihrem 2015 publizierten Buch “The Knowledge Capital of Nations: Education and the Economics of Growth” (hier mehr dazu) festgehalten haben: kognitive Kompetenzen (”cognitive skills”) sind die Treiber von Wirtschaftswachstum. Und in Bezug auf die Frage, ob wir nun “Rocket Scientists” (Förderung des oberen Randes) oder “Education for All” (Förderung des unteren Randes) brauchen, gibt es ebenfalls eine klare Antwort: das “oder” ist falsch, wir brauchen sowohl als auch! Für unterentwickelte Nationen ist eine Konzentration auf die Spitze sinnvoll, um ein paar “Treiber” zu haben, für entwickelte Nationen dagegen nicht mehr! - Zusätzliche Lese-Empfehlung im Luther-Jahr: “Luther and the girls”, DOI 10.1111/j.1467-9442.2008.00561.x.

Judith Harackiewicz

Judith Harackiewicz

Judith Harackiewicz (University of Madison, Wisconsin, USA) hat in ihrem Vortrag “Promoting Interest and Performance in Science: The Importance of Values”  verblüffend einfache und erfolgreiche Interventionen zur Steigerung von Interesse und Leistung in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern vorgestellt. Studierende, die über die Nützlichkeit bestimmter Studieninhalte reflektiert haben, haben verstärktes Interesse am Fach und dadurch bedingt auch bessere Leistungen gezeigt. Bei Schülern hat es bereits gereicht, die Eltern mit einer Broschüre über die Wichtigkeit von Mathematik und Naturwissenschaften zu informieren (hier die zugehörige Webseite); deren Kinder wählen später Kurse mit solchen Inhalten weitaus häufiger als andere Kinder.

Claudia Buchmann

Claudia Buchmann

Schließlich widmete sich Claudia Buchmann (Ohio State University, USA) “Challenging Gender Inequalities: Next Steps for Scholars and Schools” in der Mittagsvorlesung am Mittwoch dem Thema der Gender Inequalities aus soziologischer Sicht (den Vortrag konnte ich leider nicht hören).

Der Gesellschaftsabend in der Stadthalle Heidelberg, an dem 650 angemeldete Personen teilnahmen (ausverkauft! Angeblich waren Karten nur noch über den Schwarzmarkt zu erhalten), bestand nicht nur aus einem leckeren Essen, sondern enthielt auch musikalische Leckerbissen. Das Besondere dabei: eine durch peer-review qualitätsgeprüfte Selektion von akademisch hochqualifizierten DJs und DJanes war am Mischpult mit so geheimnisvollen Namen wie DJ Dirty Dirk (aka Dirk Hagemann), DJane MissED (aka Birgit Spinath), DJane Mix Tape (aka Ulrike Kessels), DJ Psychokiller (aka Markus Dresel) oder DJ PF feat. Varimax (aka Jan-Henning Ehm - - leider verhindert), Promax (aka Johannes Hartig), Equimax (aka Florian Schmiedek); dagegen ist DJ Funk, aka Joachim Funke, ja fast schon ein Klarname und zumindest in Heidelberg mit seinem Programm aus den 60er Jahren schon seit längerem bekannt. Es wurde fleissig getanzt und - wie mir berichtet wurde - ging es für einige Unverdrossene auch nach Schliessung der Stadthalle gegen 2 Uhr morgens noch weiter…

Alles in allem eine tolle Tagung! Danke, liebe Birgit und liebe Sllke, aber auch Danke an das gesamte Team im Hintergrund, das alles so reibungslos organisiert hat! Ich habe in zahlreichen Gesprächen sehr positives Feedback zur Konferenz bekommen und konnte mich immer wieder davon überzeugen, dass tatsächlich viele Gespräche stattfanden. Ich selbst habe viele Personen wiedergetroffen, die ich länger nicht mehr gesehen habe. Wissenschaft ist (auch) Kommunikation - die 5. GEBF-Tagung hier in Heidelberg war eine gelungene Plattform dafür und hat hohe Standards gesetzt! Die 6. GEBF findet übrigens 2018 in Basel statt.

Mit dem Rad zur Arbeit

Der tägliche Weg zur Arbeit und zurück: Für viele Menschen ist das mit Aufwand und Stress verbunden und verbraucht darüber hinaus Lebenszeit. Die Pendelzeiten werden (glaubt man den Statistikern) immer länger.

Ich habe in meinem Arbeitsleben (in Basel, in Trier, in Bonn, in Greifswald, in Heidelberg) immer die Devise verfolgt, nah am Arbeitsplatz zu wohnen, weil ich nicht viel Zeit mit der Fahrerei verlieren wollte. Meist kann man während solcher kurzen Fahrten nicht arbeiten - das ist bei längeren Reisen mit der Bahn oft anders, weswegen ich heute auch gerne mit der Bahn unterwegs bin (ich erlaube mir dann den Luxus der ersten Klasse).

Aber es ist nicht nur Zeitgewinn - dass ich mit dem Rad zur Arbeit fahren oder gar zu Fuß gehen kann, ist auch ein Gewinn an Lebensqualität. Zum einen ist es für meine Gesundheit förderlich, wenn ich mich aktiv bewege (die geforderten 10.000 Schritte pro Tag schaffe ich nicht immer - die WHO ist übrigens bei ihren Empfehlungen nicht auf Schritte fixiert, sondern spricht von “activities“). Zum anderen ist es natürlich umweltfreundlich. Autofahrer bewegen sich deutlich weniger und produzieren zudem schädliche CO2-Emissionen.

Als ich 1997 den Ruf nach Heidelberg erhielt, gratulierten mir kenntnisreiche Kollegen vor allem zu dem Privileg, nun einen Parkplatz in der Heidelberger Altstadt nah an der Hauptstrasse benutzen zu können. Den Parkplatz habe ich nicht lange benötigt: ich habe recht bald gemerkt, dass mein Ruf nach Heidelberg  zahlreiche andere Vorteile enthielt, von denen das Parkplatz-Privileg eher nebensächlich war.

Als ich 1998 mein Auto verkauft habe (in unserer Familie hatten wir zuvor 2 Autos, jetzt nur noch 1), entstand plötzlich eine ungeahnte Entlastung: Ich musste nicht mehr Werkstattbesuche organisieren, TÜV-Termine im Auge behalten, den Wagen pflegen! Mit dem Verzicht auf ein Auto war ein Gewinn an Freiheit verbunden. Der Mobilitätsverlust war vergleichsweise gering: Fahrrad, ÖPNV und - zur Not - Taxi haben hier keine Einschränkungen aufkommen lassen. Innerhalb von Heidelberg ist das Autofahren auch gar nicht so kommod, man muss ja irgendwo parken und das ist sowohl in der Altstadt wie im Neuenheimer Feld nicht ganz einfach…

Und Autofahren macht mir heute insgesamt viel weniger Spass als früher - als ich 1971 mit 18 Jahren meinen Führerschein erhielt, war das eigene Auto die Tür zur grenzenlosen Freiheit (mein erster Wagen war ein Fiat 500, bei dem man das Stoffdach aufmachen konnte und open air fahren konnte - Cabrio für Arme). Fahrten nach Italien, Portugal, Spanien, Frankreich, Holland, Schweiz, Österreich, Dänemark, Schweden mit dem Auto waren angesagt und bedeuteten jedesmal Abenteuer (das Zelt war die billige Übernachtungsoption). Dass wir stundenlang auf der Autobahn fuhren, machte mir nichts aus. Ich fuhr damals gerne Auto! Das hat sich geändert: Heutzutage bin ich froh, nicht selbst fahren zu müssen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.

Wenn Autofahren heute Hektik, Stau und Stress bedeuten, ist Radfahren entspanntes Dahingleiten und Geniessen der Ansichten, die man vom Rad aus hat. Gut, an Regentagen freue ich mich natürlich, wenn mich meine Frau auf ihrem Weg zur Arbeit mitnimmt und in Institutsnähe absetzt :-) An Sonnentagen freue ich mich, auf der Theodor-Heuss-Brücke anzuhalten und für einen kurzen Moment das Stadt- und Neckarpanorama zu geniessen. Bei einem solchen Halt ist übrigens ein Bild entstanden, das später als Titelbild für einen Roman von Marlene Bach (”Kurpfalzblues“) Verwendung fand (im Buch steht vorne tatsächlich: “Umschlagfoto: Joachim Funke”).

Die Schattenseiten des Radfahrens habe ich bei meinem Radunfall vor einigen Jahren erfahren (siehe den Blog-Eintrag vom Sommer 2009). Der Helm war damals mein rettender Begleiter und ist es bis heute geblieben. Auf das Funktionieren meines Kopfes bin ich angewiesen - der Helm ist keine Frage von Schönheit und Eleganz, sondern von Vernunft und Zweckmäßigkeit.

Fahhradfahren ist meist eine entspannte Form der Bewegung - dass ich tagein, tagaus davon Gebrauch machen kann, freut mich und tut mir und meiner Arbeit gut! Dass ich jährlich einige tausend Kilometer fahre, zeigt mir der Kilometerzähler nüchtern an - was er nicht anzeigt, ist die Freude, die ich dabei empfinde. Nicht alles ist so leicht messbar wie die gefahrenen Kilometer. Eine Radtour am Wochenende gehört seit einigen Jahren zu unserem festen Programm! Und da nutze ich tatsächlich gerne das Auto für den Fahrradträger, weil wir dann einen Startpunkt irgendwo in der Region wählen können und auf diese Art und Weise schon manches schöne Tal für uns entdeckt haben - Pfalz, Odenwald und Neckarlauf sind da sehr ergiebig!

Ich genieße mein Privileg, mit dem Rad zur Arbeit fahren zu können, jeden Tag aufs Neue!

Quelle: Mueller, N., Rojas-Rueda, D., Cole-Hunter, T., de Nazelle, A., Dons, E., Gerike, R., … Nieuwenhuijsen, M. (2015). Health impact assessment of active transportation: A systematic review. Preventive Medicine, 76, 103–114. http://doi.org/10.1016/j.ypmed.2015.04.010 (Danke, Bernd!)

March for Science 2017: Psychologen sind dabei

Nicht nur für Wissenschaftler wie mich ist der Postfaktizismus ein Schlag ins Gesicht der Aufklärung! Wie ich schon in einem früheren Blog-Eintrag geschrieben habe, können wir in der Wissenschaft nicht gut mit Falschaussagen leben - Aussagen, die jemand wieder besseres Wissen macht: Dagegen muss man protestieren! Das wird auch weltweit passieren! Und es werden auch Psychologinnen und Psychologen dabei sein, wie ich hoffe! Grund zu meiner Hoffnung gibt folgende Nachricht, die wir Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erhalten haben:

————– Zitat Anfang ————–

Liebe Mitglieder,

im Namen des Vorstands möchte ich Sie auf die Initiative „Science March Germany“ aufmerksam machen. Im „Science March Germany“ werden am 22. April 2017 weltweit Wissenschaftler/innen und Nicht-Wissenschaftler/innen gegen Postfaktizismus und für wissenschaftlich fundierte Fakten demonstrieren.

Die DGPs unterstützt diese Initiative ausdrücklich. Die Psychologie als empirische Wissenschaft muss sich klar gegen postfaktische Auffassungen und „alternative Fakten“ aussprechen. Es ist notwendig, zwischen gesichertem Wissen und persönlicher Meinung zu differenzieren. Wissenschaftliche Fakten als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses sind nicht verhandelbar. Wissenschaft ist keine Meinung.

Das zunehmende Misstrauen gegen Fakten bis hin zur Auffassung, diese wären irrelevant, ist eine kritische gesellschaftliche Entwicklung, die nicht ignoriert werden darf. Verlässliche Informationen sind die Voraussetzung für kritisches Denken und fundiertes Urteilen. Postfaktische Auffassungen jedoch verleugnen und relativieren wissenschaftlich gesicherte Fakten, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Dies entzieht dem konstruktiven Dialog, der elementar für eine funktionierende Demokratie ist, die Grundlage.

Am 22. April 2017 werden in über 300 Städten weltweit Kundgebungen für den Wert von Forschung und Wissenschaft abgehalten. In Deutschland organisieren Teams in größeren Städten Kundgebungen, darunter Berlin, Dresden, Göttingen/Kassel, Hamburg, Heidelberg, Leipzig, München, die Region Rhein-Main sowie Tübingen. Weitere lokale Gruppen in Köln, Bremen, Stuttgart und am Bodensee befinden sich im Aufbau. Lokale Organisationsgruppen können weiterhin gegründet werden.

Weitere Informationen finden Sie unter: https://sciencemarchger.wordpress.com/

Quellen:

March for Science Germany (2017). Science March Germany. URL: https://sciencemarchger.wordpress.com/ (Abruf am 01.03.2017)

March for Science Germany (2017). Auch in deiner Stadt! URL: https://sciencemarchger.wordpress.com/auch-in-deiner-stadt/ (Abruf am 01.03.2017)

March for Science (2017). Satellite Marches. URL: https://www.marchforscience.com/satellite-marches/ (Abruf am 01.03.2017)

Kühne, A. (2017). Science March. Wissenschaft ist keine Meinung. Tagesspiegel.de. URL: http://www.tagesspiegel.de/wissen/science-march-wissenschaft-ist-keine-meinung/19432776.html (Abruf am 01.03.2017)

Mit freundlichen Grüßen

Bianca Vaterrodt, Wissenschaftliche Referentin
Deutsche Gesellschaft für Psychologie

————– Zitat Ende ————–

Ich freue mich sehr, dass der Vorstand unserer Fachgesellschaft so klare Kante zeigt und seine Mitglieder auffordert, hier öffentlich Position zu beziehen und sich nicht nur im stillen Kämmerlein zu ärgern. Wissenschaft trägt Mitverantwortung für politische Verhältnisse - Forschende leben nicht in einer anderen Welt.

Jetzt heisst es Flagge zeigen! Nach dem Motto “Steh auf für die Wissenschaft” werde ich am Samstag den 22.4.2017 in Heidelberg mit dabei sein! Ich freue mich, wenn auch andere diesem Aufruf folgen und in ihren Städten sichtbar machen, dass die Freiheit der Forschung nirgendwo eingeschränkt werden darf und die Grenzen zwischen Fakten und Meinungen nicht verwischt werden dürfen!