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Neuigkeiten im Fall Jens Förster

Vor einiger Zeit (in meinem Beitrag vom 9.5.14 “Integre Wissenschaft?”) habe ich hier über die seit 2012 vorgetragenen Vorwürfe geschrieben, die gegenüber einzelnen Publikationen des Kollegen Jens Förster geäußert wurden (perfekte Linearität im Datenmuster mehrerer Experimente). Nachdem im Juli 2014 bekannt wurde, dass die Universität Bochum ihm “übergangsweise” eine Vertretungsprofessur anvertraut hat (hier der Link zum Beitrag von Ralf Degen), sind nun neue Informationen publik geworden.

1) Die Entscheidung der Humboldt-Stiftung über die ihm angetragene Humboldt-Professur wird erst im April 2015 (und nicht wie geplant im Oktober 2014) bekannt gegeben (Link zur Pressemeldung). Interessant ist die Mitteilung, dass die Entscheidungsträger der AvH-Stiftung “… unter anderem den Ausgang von Validierungsuntersuchungen abwarten, die derzeit in mehreren Ländern durchgeführt werden, und deren Ergebnisse bis zum Jahresende vorliegen sollen”. Was ändert dies eigentlich an den Vorwürfen der Vergangenheit?

2) Jens Förster äußerste sich selbst nochmals ausführlich zum Fall (Link zu seiner Webseite, Brief vom 10.9.14). Hier schreibt er u.a.: “Eine internationale „Replication Group“ wurde gegründet. Ich bin sehr gerührt von diesem Zeichen der Wertschätzung und bin sehr dankbar. Ergebnisse dieser Gruppe, der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus mehreren Teilen der Welt angehören, werden für Herbst erwartet. Ich werde auch selbst Experimente unter kontrollierten Bedingungen replizieren, wenn mein neues Labor im Herbst die Arbeit aufnehmen kann.” Sind befreundete Labors eigentlich der richtige (bias-freie) Ort zur Überprüfung? Bedenken dazu findet man bei Makel, Plucker, und Hegarty (2012, Persp. on Psyc. Sci. 7, 537-542), wonach Replikationen im eigenen Labor deutlich erfolgreicher sind als bei unabhängiger Prüfung.

3) Ausserdem hat es gerade kürzlich einen interessanten Kommentar zu meinem Blog gegeben, den ich hier noch einmal hervorheben möchte:

Raphael Diepgen | September 13, 2014 at 10:47 | Permalink | Edit

Ich habe - als Studiendirektor im Hochschuldienst - in der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum seit mehr als 20 Jahren die einführende Statistikvorlesung gehalten - in ziemlich kritischer Weise. Natürlich habe ich meine Studenten ausführlich auf die statistischen Aspekte des Falles Jens Förster hingewiesen - und ich habe gegenüber der Fakultät deutlich gemacht, dass ich dies weiterhin zu tun gedenke auch dann, wenn Jens Förster Professor an dieser Fakultät werden sollte. Der Dekan teilte mir nun jüngst - ohne jedes vorherige Gespräch mit mir - mit, mir diese Vorlesung zu nehmen und einem Juniorprofessor zu übertragen. So läuft das in der heutigen akademischen Psychologie.

Wir wollen einfach mal annehmen, dass dass die Gründe für diesen Vorgang nichts mit dem hier diskutierten Fall zu tun haben - oder?

“Minimal complex systems” und komplexes Problemlösen

In den letzten Jahren ist durch Arbeiten unserer Heidelberger Forschergruppe ein Ansatz zur Erfassung des Problemlösens stark gemacht worden, der unter dem Stichwort “minimal complex systems” (Greiff & Funke, 2009) zur Entwicklung von Testaufgaben geführt hat, die mit dem Namen “MicroDYN” und “MicroFIN” verknüpft sind: Aufgaben, die nach dem Konstruktionsprinzip linearer Strukturgleichungen oder dem Formalismus finiter Automaten in der Tradition von Funke (2001) konstruiert wurden und ihrer Komplexität nach am unteren Rand des Spektrums komplexer Probleme rangieren. Solche Aufgaben wurden in der weltweiten Untersuchung PISA 2012 zur Erfassung von Problem Solving Competence eingesetzt (siehe früheren Post).

In einer gerade erschienenen Arbeit habe ich versucht, das Verhältnis solcher minimal komplexen Systemen (minimal complex systems, MCS) zum großen Bereich des Umgangs mit komplexen Systemen (complex problem solving, CPS) näher zu bestimmen. Nach fünf Jahren Forschung mit diesen Instrumenten ist eine Einordnung der neuen Werkzeuge in die große Werkzeugkiste der Problemlöseforschung sicher noch verfrüht, dennoch lassen sich Tendenzen und Schwerpunkte schon jetzt erkennen.

Anlass zu dieser Einordnung der Instrumente war die Frage nach kulturellen Unterschieden: Bei den “kleinen” MCS-Aufgaben wird argumentiert, dass die semantische Einkleidung unbedeutend sei, während komplexe Szenarien wie “Tailorshop” in großem (und unbekanntem) Ausmass auch auf Weltwissen zurückgreifen. Kulturelle Unterschiede im kausalen Danken, das zur Problembestimmung und -lösung nötig ist, werden nur mit CPS explizit erfassbar, bei MCS sind sie dagegen ausgeblendet.

Während die reduzierten MCS-Systeme ideal zur Erfassung der Strategie isolierter Bedingungsvariation sind und dabei exzellente psychometrische Eigenschaften aufweisen, greifen CPS-Systeme weiter aus (insbesondere bei der simultanen Erfassung der fünf Facetten operativer Intelligenz sensu Dörner) und ermöglichen dadurch - zumindest prinzipiell - die Diagnose weiterer Strategien (faktisch kommt es nur selten dazu, weil die Auswertung anhand einfacher Performanz-Kriterien verlockender ist).

Die Einordnung neuer diagnostischer Instrumente wie MCS in den großen Werkzeugkasten der Problemlöseforschung ist ein andauernder Prozeß der Rückversicherung zwischen Testentwicklung einerseits mit ihren ganz spezifischen psychometrisch begründeten Anforderungen und intendierter Konstruktvalidität andererseits. Das klassische Reliabilitäts-Validitäts-Dilemma tritt auch in dieser Debatte in ähnlicher Form zu Tage: Homogene MicroDYN-Items zeigen z.B. bessere Reliabilitäten als die heterogeneren MicroFIN-Items. Heterogenität der Anforderungen: Die Idee einer “Anforderungssymphonie” zum Zweck des Trainings, wie bei Dörner (1998) angesprochen, gilt natürlich auch für die Assessment-Situation. Neben “more of the same” brauchen wir zusätzlich Diversität und Mix in den Anforderungen.

Hier sind meine Überlegungen dazu nachzulesen: Funke, J. (2014). Analysis of minimal complex systems and complex problem solving require different forms of causal cognition. Frontiers in Psychology, 5 (739), 1-3. doi: 10.3389/fpsyg.2014. (Open Access)

Psychologie: eine Buchwissenschaft?

Psychologie eine Buchwissenschaft? Nie und nimmer! Trotzdem ist das Thema virulent und hat vor allem finanzielle Folgen, weil die Einstufung eines Faches in die eine oder andere Kategorie erhebliche Unterschiede bei den finanziellen Zuwendungen von Land und Bund ausmacht (die Naturwissenschaften bekommen sehr viel höhere Pro-Kopf-Beträge als die Buchwissenschaften).

In einem Statement der Psychologischen Institute an den Universitäten in Baden-Württemberg (Freiburg, Heidelberg, Konstanz, Mannheim, Tübingen, Ulm) an das baden-württembergische Wissenschaftsministerium (MWK) zu deren Ausbauprogramm “Master 2016″ zur Einstufung der Psychologie als Buchwissenschaft heisst es:

Die Psychologischen Institute der Universitäten in Baden-Württemberg, vertreten durch ihre Geschäftsführenden Direktoren/innen bzw. Fachbereichsleiter/innen, begrüßen ausdrücklich das vom MWK aufgelegte Ausbauprogramm Master 2016. Wie u.a. aus dem aktuellen Bericht zur „Lage der Psychologie“ des Präsidenten der „Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ (Frensch, 2013) hervorgeht, ist für Studierende der Psychologie der Master-Abschluss der berufsqualifizierende Studienabschluss. Psychologie-Studierende mit einem Bachelor-Abschluss haben keine adäquate berufliche Perspektive. Auch für die Zulassung zur Prüfung zur/m Psychologischen Psychotherapeutin/en ist ein konsekutiver Bachelor- und Masterstudiengang in Psychologie Voraussetzung. Dementsprechend streben mehr als 90 % der Bachelor-Absolventen/innen der Psychologie ein weiterführendes Masterstudium an. Die Anpassung der Anzahl der Masterstudienplätze an die Anzahl der Bachelorstudienplätze ist somit eine sehr wichtige Maßnahme.

Wir sind überrascht und können nicht verstehen, dass das MWK die Psychologie in Baden-Württemberg als „Buchwissenschaft“ einstuft.  Um den entsprechenden Ausbau an den Psychologischen Instituten gewährleisten zu können, ist eine finanzielle Förderung notwendig, die der naturwissenschaftlichen Ausrichtung des Psychologiestudiums angemessen ist. Eine Einstufung der Psychologie als „Buchwissenschaft“ ist aus mehreren Gründen nicht angemessen.

1.    Die Forschung an den Psychologischen Instituten in B.-W. ist quantitativ-empirisch bzw. experimentell ausgerichtet.  Sowohl international als auch national ist dies die typische wissenschaftliche Ausrichtung der Psychologie. Auf internationaler Ebene ist die Psychologie fast immer naturwissenschaftlichen  (Sciences, Natural Sciences, Neurosciences) oder sozialwissenschaftlichen (Social Sciences)  Fakultäten zugeordnet und nicht geisteswissenschaftlichen oder philosophischen Fakultäten (Humanities,  Arts oder Literature Sciences). Eine entsprechende Einordung der Psychologie ist auch im asiatischen Raum zu beobachten, wo derzeit moderne Departments für Psychologie eingerichtet werden (z.B. University of Peking).

2.    Entsprechend sind die Psychologischen Institute in B.-W. auch entweder den Naturwissenschaften zugeordnet (Tübingen, Konstanz) oder aber den Sozialwissenschaften (Heidelberg, Mannheim, Ulm), nicht jedoch den Fakultäten, die als Buchwissenschaften gelten. Auch außerhalb von B.-W. sind führende psychologische Institute in naturwissenschaftlichen Fakultäten verankert (z.B. HU Berlin, TU Dresden, Uni Düsseldorf, Braunschweig, Leipzig, Göttingen). Der typische Abschluss in Psychologie ist daher auch ein Bachelor oder Master of Science.

3.    Zudem zeigt eine aktuelle Analyse der psychologischen Forschung anhand von laufenden DFG-Projekten: „Für die Psychologie ist eine große Homogenität in der methodologischen Ausrichtung erkennbar: Sie prüft quantitativ Kausalzusammenhänge anhand empirischer Daten und ihr Fokus liegt auf der Theorienprüfung“ (Witte & Strohmeier, 2013, S. 23).

4.    Die Durchführung der Forschung an den Psychologischen Instituten ist nur mit einer adäquaten Ausstattung mit Labor- und Experimentalräumen (u.a. EEG-Labore, Blickbewegungslabore, Videolabore, Psychophysiklabore, psychophysiologische Labore) möglich. In allen Instituten werden entsprechende Flächen vorgehalten, die den Bedarf kaum decken.

5.    Die Ausbildung der Studierenden im Psychologiestudium hat ebenfalls einen deutlichen Schwerpunkt in naturwissenschaftlicher Forschungsmethodik (Experimentalpraktika, empirische bzw. experimentelle Master-Arbeiten und einen großen Anteil an mathematischer Statistik). Pflichtstunden für Psychologie-Studierende zur Teilnahme an Experimenten sind in allen Prüfungsordnungen verbindlich vorgeschrieben.

Aus den genannten Gründen beantragen die Psychologischen Institute in B.-W. bei der finanziellen Förderung im Rahmen des Ausbauprogramms Master 2016 entweder eine Einstufung als Naturwissenschaft (d.h. eine Förderung von € 12.000 pro zusätzlichem Master-Studienplatz) oder aber zumindest die Einstufung als Lebens-/Sozialwissenschaft mit einer Förderung von € 10.000 pro zusätzlichem Master-Studienplatz. Eine Einstufung der Psychologie als Buchwissenschaft mit einer Förderung von lediglich € 7.000 pro Master-Studienplatz ist für die Psychologischen Institute in B.-W. nicht ausreichend. Der Ausbildungsstandard wird sonst hinter den internationalen und derzeit national üblichen Standard zurückfallen. Alle Psychologischen Institute in Baden-Württemberg werden sich an der Ausbauplanung 2016 nur dann beteiligen, wenn pro Masterstudienplatz jährlich mindestens € 10.000 zur Verfügung gestellt werden.

Literatur:

Frensch, P. A. (2013). Zur Lage der Psychologie als Fach, Wissenschaft und Beruf. Psychologische Rundschau, 64, 1-15.

Witte, E. H., & Strohmeier, C. E. (2013). Forschung in der Psychologie. Psychologische Rundschau, 64, 16-24.

Dieses Statement hat erfreulicherweise dazu geführt, dass das MWK sich einsichtig gezeigt und für die Psychologie eine Zwischenkategorie bei den Zuschüssen eingeführt hat (nicht ganz so viel wie die Naturwissenschaften, aber deutlich mehr als die Buchwissenschaften). Toll! Danke dafür!

Nun habe ich im Sommerrundschreiben unserer Fachgesellschaft DGPs gelesen, dass der Vorstand der DGPs sich in Folge der oben beschriebenen Ba-Wü-Aktion an das bundesweit massgebliche Statistische Bundesamt gewandt hat und darum bittet, die bisherig dort praktizierte Einordnung der Psychologie als „Sprach- und Kulturwissenschaft“ aufzugeben und sie statt dessen in die Kategorie der „Naturwissenschaften“ einzuordnen. Mal sehen, ob es eine Änderung geben wird! Interessant auch zu sehen, was Klassifikationen so bedeuten!

Gute Stimmung bei Lehrevaluation

Wir alle wissen: Lehrveranstaltungen müssen regelmässig evaluiert werden, um die Qualität der Lehre zu verbessern und erkannte Schwachpunkte abzustellen (z.B. als Teil unseres Heidelberger Systems des Qualitätsmanagements HeiQUALITY).  Studierende sind daher häufig genötigt, in ihren Veranstaltungen entsprechende Bewertungen abzugeben. Ist es dabei eigentlich egal, in welcher Stimmung sich die Befragten befinden?

Jörg Zumbach (Uni Salzburg) und ich sind in einer gerade erschienenen Arbeit dieser Frage mit empirischen Methoden nachgegangen. Unsere Idee war, dass in guter Stimmung bessere Bewertungen abgegeben werden als in schlechter Stimmung. Wir haben diese Stimmung unter Hörsaalbedingungen während der Bewertungstätigkeit experimentell manipuliert (Emotionsinduktion nach der Facial Feedback-Hypothese) und tatsächlich entsprechende signifikante (kleine) Effekte auf die Kursbewertung zeigen können: Studierende in guter Stimmung geben bessere Urteile zur gleichen Veranstaltung an als solche mit schlechterer Stimmung.

Unsere abschließende Empfehlung für die Durchführung von Lehrevaluationen, in denen man als Dozent möglichst gut abschneidet: an einem sonnigen Tag, in kleinen Gruppen, kurz vor den Ferien und vor allem: mit einem Stift zwischen den Zähnen, wenn es sonst nichts zu lachen gibt.

Hier sind unsere Überlegungen dazu nachzulesen: Zumbach, J., & Funke, J. (2014). Mood influences on academic course evaluation. Practical Assessment, Research & Evaluation, 19(4). Available online: http://pareonline.net/getvn.asp?v=19&n=4. (Open Access)

Angelockt und abgeschreckt: Bildungspolitik in der Zwickmühle

In der Ausgabe 27/2014 der “Zeit” schreibt die Redakteurin Marion Schmidt unter dem Titel “Angeworben und abgewiesen” über die Paradoxie deutscher Bildungspolitik, wonach erst einmal junge Menschen zum Studium ermuntert werden, und dann, wenn die Abiturienten studieren wollen, plötzlich kein Geld mehr für zusätzliche Studienplätze bereitsteht.

Mehr als die Hälfte aller Studienplätze ist nach diesem Bericht inzwischen zulassungsbeschränkt, in der Psychologie liegt der NC um 1,5, an einzelnen Unis wie bei uns noch höher; um unsere 90 Heidelberger BSc-Plätze bewerben sich >5000 Studienplatz-Interessierte. 118 unserer Bewerbungen haben die Abi-Durchschnittsnote 1.0, die nächsten 111 die Note 1.1, 128 die Note 1.2 und weitere 199 Bewerbungen die Note 1.3. Allein mit diesen 600 notenstärksten Bewerbungen zwischen 1.0 und 1.3 könnten wir unsere 90 Plätze 6fach besetzen. An anderen Unis sieht es ähnlich aus.

Noch nie waren so viele Studierende an den Hochschulen eingeschrieben, einer Flutkatastrophe gleich - und was passiert auf Seiten der Politik? Geplant sind weitere Kürzungen in diesem Bereich, der schon lange notorisch kurz gehalten wurde! Die Finanzierung baden-württembergischer Hochschulen ist durch den Solidarpakt zwischen Land und Unis auf den Budget-Stand von 1997 eingefroren (lediglich die gesetzlich vereinbarten Tarifsteigerungen für das Personal sind hinzugekommen) - wir sind inzwischen Weltmeister im Einsparen. Dass wir daneben höchst erfolgreich im Weltmassstab konkurrieren, ist nur der schier grenzenlosen Selbstausbeutung der akademischen und (teilweise) nicht-akademischen Mitarbeitenden zu verdanken. Und für die Unabhängigkeit der Forschung ist es vielleicht gar nicht so wünschenswert, dass inzwischen mehr als die Hälfte des Universitätsbudgets aus der Hand Dritter kommt, weniger als die Hälfte unseres Budgets kommt vom Land.

Und jetzt werden aufgrund von Sparzwängen in vielen Bundesländern auch noch Studiengänge geschlossen - sogar in der Psychologie mit ihrer gigantischen Nachfrage! Aktuell sollen das Bremer Institut und das in Halle geschlossen werden! Wir haben inzwischen mehr Studierende als Auszubildende - das mag nicht jeden erfreuen, aber man kann doch die Hochschulen damit nicht allein lassen.

Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Von staatlicher Seite ist offensichtlich nicht viel Hilfe zu erwarten - die privaten Bildungsanbieter haben das schnell erkannt! An der Medical School Hamburg - so der Bericht in der “Zeit” - ist ein dreijähriges Bachelorstudium möglich: zulassungsfrei, ohne NC - aber für 25.000 Euro! An der SRH Heidelberg betragen die Kosten eines Bachelorstudiums 36 Monate lang jeweils 670€ plus 620€ Immatrikulationsgebühr - gute Noten sind natürlich gewünscht, aber nicht ausschlaggebend!

Wo Bund und Land sich aus der Verantwortung schleichen, sehen private Anbieter ihre Chance. Ist das unser Zukunftsmodell?

Back to work

Urlaub ist vorbei! Die erste von drei Wochen waren wir in Quebec City auf der Cognitive Science Conference, wo ich einen Vortrag zu Problemen der Problemlöseforschung gehalten habe (Danke an meine Heidelberger Seminarteilnehmer für ihre Kritik beim Probevortrag!) und mit meiner Doktorandin Julia Hilse ein Poster zu unseren Arbeiten zum kollaborativen Problemlösen präsentierte. Ausserdem habe ich die befreundete Arbeitsgruppe von Sebastien Tremblay an der Laval Universität besucht, wo Julia zur Zeit Daten erhebt.

Ein Thema auf der CogSci-Konferenz war natürlich die gegenwärtige Diskussion um eine “Krise der Psychologie” (Stichwort “publication bias”, “replicability”; siehe auch die journalistische Aufarbeitungen in “Zeit” und “Slate” - danke, Mareike!), die sehr kritisch geführt wurde. Das Thema beschäftigt mich nach wie vor (siehe meinen früheren Blog-Eintrag dazu) - umso mehr erstaunte mich in Quebec zu hören, dass die Ruhr-Uni Bochum dem in der Schusslinie stehenden Kollegen Jens Förster schon vor dem Abschluss der Prüfung auf potentielles Fehlverhalten durch die Humboldt-Stiftung eine Professorenstelle in der Sozialpsychologie (ab 01.07.2014) gegeben hat (siehe hier). Welche Forschungspraxis werden Studierende dort lernen? Hoffentlich nicht “battery Testung” (siehe seine Kommentare zur Lab Organisation)!

Auch das Schweigen unserer Fachgesellschaft, der DGPs, zu diesen Vorgängen macht mich nachdenklich. Auf den entsprechenden Internet-Seiten der DGPs und in den Rundschreiben an die Mitglieder sind keine Hinweise auf mögliche Probleme zu finden. Eine Stellungnahme der DGPs zu diesem Vorgang liegt nicht vor. Maximale Intransparenz! Unglückliche Verquickung: Unser DGPs-Präsident Jürgen Margraf ist ausgerechnet an der RUB tätig und zugleich ein Alexander von Humboldt-Professor, wie es Jens Förster dort werden sollte - honi soit qui mal y pense… Dass internationale Partner über diese Vorgehensweise verwundert sind, kann ich nachvollziehen. Und: Wer gibt unseren Nachwuchswissenschaftlern Orientierung? Jens Förster als Vorbild? Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. I am not sure… - Zurück zu den schönen Dingen im Leben:

Zwei weitere Wochen waren einer tollen, abwechslungsreichen Rundfahrt mit dem Mietwagen durch Ost-Kanada gewidmet (Alma, Fundy Bay, Shediak, Antigonish, Cheticamp, Cape Breton, Ingonish, Lunenburg, Halifax). Nun bin ich gut erholt und vom Sonnenschein gebräunt wieder zurückgekommen. Hatte ich in den ersten Tagen nach meiner Abreise noch regelmäßig die Emails gecheckt, hat dies im weiteren Verlauf der Reise nachgelassen :-)

Wir haben herrliche Landschaften gesehen (der Cabot Trail ist einfach fantastisch!), im Atlantik gebadet und sind neben 3000 gefahrenen Auto-Kilometern insgesamt >100.000 Schritte gewandert (mein Activity Tracker - ein Withings Pulse - macht solche Aussagen möglich). Eindrucksvolle Tiere an Land (Elche, Wölfe, Kojoten), in der Luft (Weisskopf-Seeadler) und im Wasser (Minky-, Pilot- und Finn-Wale) zeigen die Vorteile geschützter Natur, von den Tieren auf dem Teller (vor allem Fische) ganz zu schweigen :-) Fusion-Küche (Verbindung asiatischer Gerichte mit europäischen) ist köstlich! Lobster-Dumplings gehören zu meinen Favoriten! Und das Red Amber Beer von Alexander Keith lasse ich mir ebenso schmecken wie den Chablis von Jost Vineyards :-)

Bei meiner Rückkehr im Institut war nicht nur ein Berg Post (inkl. Druckfahnen, Lerntagebüchern und anderen Hausarbeiten) auf dem Tisch, sondern auch Baulärm in den Ohren - unsere Instituts-Baustelle schreitet fort! Im Keller des Hintergebäudes, wo wir >200 qm neue Laborräume erhalten werden, wird demnächst der Betonboden gegossen. Der Fahrstuhlschacht (ja: nach 10 Jahren Warten wird es einen Fahrstuhl im Hintergebäude für Rollstuhlfahrer geben! siehe meinen früheren Blog-Beitrag) zwischen Keller und 1. Stock ist allerdings noch nicht gebohrt. Das wird wohl sehr laut werden. Habe mir prophylaktisch ein paar schalldichte Kopfhörer gegen allzu große Belästigungen besorgt.

Ansonsten ist ruhiges Arbeiten möglich, weil (fast) keine Termine den Tagesablauf stören. Habilgutachten und ausstehende Manuskripte und Anträge profitieren zum Beispiel davon. Die 9 Wochenstunden Lehre im Semester (und alles das, was da noch mit dran hängt) und die im Semester stärker spürbaren Selbstverwaltungsaufgaben verschlingen doch eine Menge wertvoller Zeit, wie ich jetzt im Kontrast besonders deutlich spüre.

Ergebnisse der Senatswahl 2014

Die am 8. Juli 2014 durchgeführten Wahlen zu den verschiedenen Gremien sind nun ausgezählt. Für mich war vor allem die Senatswahl mit den 8 Plätzen für Wahlsenatoren spannend. Die Wahlsenatoren sollen die Interessen aller rund 450 Professorinnen und Professoren der Ruperto Carola vertreten, unabhängig von Fakultätsinteressen, die durch die Dekane repräsentiert sind. Nach den vorliegenden  Wahlergebnissen entfallen auf die Liste “Ruperto Carola” 963 Stimmen (=3 Sitze). Gewählt wurden dort:

  • Prof. Dr. Joachim Kirsch, Medizinische Fakultät Heidelberg;
  • Prof. Dr. Stefan Maul, Philosophische Fakultät;
  • Prof. Dr. Ute Mager, Juristische Fakultät.

Auf unsere Liste “Initiative / Semper Apertus” entfielen sogar 1347 Stimmen (=5 Sitze), super! Gewählt wurden hier:

  • Prof. Dr. Peter Comba, Fakultät für Chemie und Geowissen­schaften;
  • Prof. Dr. Hubert Bardenheuer, Medizinische Fakultät Heidelberg;
  • Prof. Dr. Joachim Funke, Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften;
  • Prof. Dr. Ulrich Schwarz, Fakultät für Physik und Astronomie;
  • Prof. Dr. Birgit Spinath, Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften.

Die Wahlbeteiligung in der Gruppe der Professoren ist mit 67.5% sehr gut ausgefallen.

Danke an alle, die uns und mich gewählt haben - das freut mich und macht Lust auf die nächsten 4 Jahre! Ob ich nochmals die Sprecherrolle übernehme, wird im September entschieden. Ich könnte mir auch gut vorstellen, das Amt an jemand anderen abzugeben. Wechsel tun meist gut!

siehe auch: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2014/06/14/kandidatur-zum-senat/

58. TeaP 2016 in Heidelberg

Die “Tagung experimentell arbeitender Psychologen” (TeaP) gehört zu den traditionsreichsten Tagungen der deutschsprachigen Psychologie nach 1945. Die erste TeaP fand 1959 in Marburg statt, seither jedes Jahr an wechselnden Orten (siehe die Liste hier). Auch in Heidelberg hat sie 1979 bereits einmal stattgefunden. Nun soll sie wieder einmal hier stattfinden. Die “Fachgruppe Allgemeine Psychologie” (FG AP) unter Vorsitz von Arndt Bröder (Uni Mannheim) hat uns herzlich darum gebeten - wir konnten nicht länger “Nein” sagen…

Unter Federführung von Jan Rummel, Andreas Voß und mir sowie mit Unterstützung unserer FoF4-Fachreferentin Sabine Falke wollen wir ein Forum für den Austausch über experimentelle Psychologie bieten. Aufbauend auf den Erfahrungen unserer Vorgänger rechnen wir mit etwa 750 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die vom 21.-23. März 2016 in den Räumen der Neuen Universität zusammenkommen werden. Der Gesellschaftsabend könnte im Schlosskeller stattfinden.

Doch bis dahin ist noch ein wenig Zeit. Zunächst einmal werden wir die nächstjährige TeaP 2015 in Hildesheim beobachten, um aus deren Erfahrungen zu lernen. Wir freuen uns auf die neue Aufgabe!

Facebook und die Emotionen

In der Medienöffentlichkeit schlagen wieder einmal hohe Wellen über dem sozialen Netzwerk “Facebook” (FB) zusammen. Mit viel Emotion und Emphase heisst es etwa unter dem Titel “Gruselig und superverstörend” in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 30.6.14: “Geheimer Facebook-Psychotest sorgt für Empörung im Netz”! Was war geschehen?

In der renommierten amerikanischen Fachzeitschrift PNAS (Proceedings of the National Academy of Science) ist ein Artikel erschienen, in dem über eine experimentelle Manipulation im News-Feed von knapp 700.000 Facebook-Nutzern berichtet wird:

Kramer, A. D. I., Guillory, J. E., & Hancock, J. T. (2014). Experimental evidence of massive-scale emotional contagion through social networks. PNAS, 111(24), 8788–8790. doi:10.1073/pnas.1320040111

Die Autoren haben im Januar 2012 eine Woche lang die Nachrichten, die man über die Aktivitäten seiner Freunde erhält (der sogenannte “News-Feed”), so manipuliert, dass entweder positive oder negative Nachrichten in unterschiedlichem Ausmaß herausgefiltert wurden (bis zu jeweils 90%). Dadurch konnten sie zeigen, dass Benutzer mit überwiegend schlechten Nachrichten im Vergleich zu einer normalen Kontrollgruppe nicht-manipulierter Personen dann selbst verstärkt schlechte Nachrichten in FB eingestellt haben und umgekehrt (siehe Abbildung, aus dem Artikel entnommen). Dieses Phänomen - emotionale Ansteckung - ist nicht neu, aber in diesem Ausmass noch nie untersucht worden.

Es stellen sich einige Fragen, über die es nachzudenken lohnt, bevor man sein (Vor-)Urteil fällt - es ist nicht ganz so eindeutig, wie es in den Medien dargestellt wird, und vor allem sind es aus meiner Sicht andere als die öffentlich diskutierten Punkte, über die man stutzen kann.

1 Darf FB, dürfen die beteiligten Wissenschaftler so etwas machen?

FB und Wissenschaft sind zwei verschiedene Welten mit unterschiedlichen Zielsetzungen und unterschiedlichen Spielregeln. FB darf das sicherlich machen (da laufen ja noch ganz andere Auswertungen im Hintergrund, von denen wir als normale Nutzer nichts wissen), weil alle Benutzer den Geschäftsbedingungen (viele Seiten kleingedruckter Text, den man normalerweise nicht liest) zustimmen mussten. Aber dürfen die beiden mitbeteiligten Wissenschaftler von der Cornell-University (Jamie Guillory und Jeffrey Hancock) das machen? Sie sind an die ethischen Standards ihrer Hochschule gebunden und müssen sich in anderer Weise rechtfertigen als der FB-Mitarbeiter Adam Kramer. Zuständig sind bei Experimenten mit Menschen die “Institutional Review Boards” (IRBs), die lokalen Ethik-Kommissionen, die der amerikanischen “Common Rule” (einer Variante der medizinisch geprägten Deklaration von Helsinki) unterworfen sind.

Tatsächlich sind die unfreiwilligen Teilnehmer nicht über das sonst übliche Maß hinaus mit News belästigt wurden; man hat ihnen auch keine falschen oder unnötig harten Nachrichten präsentiert, sondern den ganz normalen Gang der Dinge ein wenig beeinflusst durch selektives Filtern.

2 Liegt ein Verstoß gegen ethische Prinzipien vor?

Zumindest in der psychologischen Forschung ist es inzwischen Standard, vor Beginn eines Experiments eine informierte Einwilligung (”informed consent”) einzuholen, in der eine einwilligungsfähige Testperson über das geplante Geschehen aufgeklärt und informiert wird, um dann durch ihre Unterschrift ihr Einverständnis zu erteilen. Ein Teil dieser Zustimmung sieht auch vor, dass jederzeit ohne Angabe von Gründen und ohne weitere Nachteile die Experiment-Teilnahme abgebrochen werden kann. Allerdings gibt es Ausnahmen von dieser Regel, z.B. im Fall notwendiger Täuschung der Teilnehmer - eine Ausnahme, die sehr gut begründet werden muss und die auf gar keinen Fall von der anschließenden Aufklärung über die durchgeführte Massnahme entbindet. Die anschließenden Aufklärung ist immer notwendig (und im vorliegenden Fall unentschuldbar unterblieben).

Im vorliegenden Fall wird argumentiert, der bei FB angestellte Erstautor habe die Daten rechtmäßig (auf der Basis der FB-Geschäftsbedingungen) gesammelt, die beiden Cornell-Wissenschaftler hätten dagegen nur die bereits vorliegenden Daten ausgewertet und seien daher nicht der Common Rule zu unterziehen. Spitzfindig, oder?

3 Ist bei dieser Untersuchung etwas Neues herausgekommen?

Natürlich ist der Effekt emotionaler Ansteckung nicht neu, eigentlich sogar steinalt: den Begriff der Gefühlsansteckung prägte wohl der Philosoph und Psychologe Max Scheler bereits im Jahr 1914. Heute wird - vermutlich fälschlich! - der neuronale Mechanismus dafür in den Spiegelneuronen vermutet.

Warum also noch ein Experiment zu altbekannten Phänomenen hinzufügen? Neu ist es, diesen Effekt in einem “social media”-Kontext am Werk zu sehen. Das unterstreicht die ökologische Validität des Phänomens. Aber dies ist wohl die einzige Neuigkeit, die ich erkennen kann - aus theoretischer Sicht keine wirklich neue Perspektive.

4 Brauchte es für diese Untersuchung 700.000 (un)freiwillige Testpersonen?

In allen experimentellen Wissenschaften versucht man, mit möglichst wenig Aufwand möglichst effektive Aussagen zu erreichen. In kritischen Bereichen wie z.B. Pharma-Experimenten oder neuartigen Operationstechniken wird sogar während der Datenerhebung fortlaufend überwacht, ob ein Abbruch gerechtfertigt oder gar nötig ist, wenn z.B. Nebenwirkungen eines neuen Präparats so schwerwiegend sind, dass weitere Datensammlungen nicht zu verantworten wären (die sequentielle Statistik nach Wald, 1945, wurde zu Kriegszeiten entwickelt, als die Ressourcen knapp waren).

Nun stehen benötigte Teilnehmerzahlen immer in Abhängigkeit von der vermuteten Stärke des Effekts: kleine Effekte zeigen sich verläßlich erst bei größeren Stichproben, starke Effekte zeigen sich schon in kleinen Fallzahlen. Berechnet man als kleiner Statistiker mit Neyman-Pearson-Hintergrund nun mit Hilfe des großartigen, frei zugänglichen Programms G-Power den benötigten Stichprobenumfang für einen t-Test mit Standard-Irrtumswahrscheinlichkeiten Alpha=0.05 und Beta=0.95 sowie einer Effektstärke d=0.02 (eine der empirisch gefundenen Effektstärken), erfährt man, dass ein Stichprobenumfang von N=4.330 zum Test dieser Hypothese ausreichen würde. Die Differenz zwischen der benötigten und der verwendeten Teilnehmerzahl (N= 689.003) ist beachtlich, sozusagen 684.673 Teilnehmer zuviel! Gut, dass diese Teilnehmer kein Honorar erwartet haben (in DFG-geförderten Projekten ist übrigens heutzutage ein Stundenlohn in der Höhe des Mindestlohns Standard).

5 Gibt es Schwächen in der Durchführung oder Auswertung dieser Arbeit?

Ein interessanter Aspekt liegt in der technischen Auswertung des News-Feed (der eigentlichen Nachrichten also). Insgesamt wurden  >3 Millionen Posts ausgewertet, in denen >122 Millionen Wörter vorkamen, davon waren 4 Millionen positive (3.6%) und 1.8 Millionen negative (1.6%) Wörter. Etwa 94,8% der Wörter in den Posts waren neutral! Wow! Langweilig?

Ausgewertet wurden diese Wort-Corpora mit einem Werkzeug namens LIWC (Linguistic Inquiry and Word Count) von James Pennebaker und Mitarbeitenden. Dieses zählt die Häufigkeiten der Überstimmungen aufgetretener Wörter mit Listen vordefinierter positiver und negativer Wörter bzw. Wortstämme (ca. 1000 sind in der Referenzliste erfasst). Das ist schön, aber übersieht leider alle Spielarten von Ironie (”Heute war aber ein schöner Tag - alles schiefgegangen…” - zählt positiv) und Negation (”nicht schlecht, dieses Spiel” - zählt negativ). Das erzeugt Rauschen in den Daten, vielleicht kein Wunder, dass so kleine Effekte auftraten.

[Prüft man übrigens bei http://www.analyzewords.com/index.php mal die LIWC-Analyse meiner eigenen Tweets unter meinem Twitter-Account "jofu01", werden meinen letzten 819 Twitter-Wörter (Stand: 3.7.2014) als depressiv (41) und arrogant/distant (71) bewertet; nach meinem Dafürhalten nicht sehr valide :-) ]

6 Was lernen wir aus der ganzen Sache?

Ein pädagogischer Sekundärnutzen der Debatte ist die wiederholte Erkenntnis über FB-Praktiken, die aus Sicht des Unternehmens nachvollziehbar sind, aber trotzdem bedenkliche Folgen haben können (wie sehr manipuliert FB seine Nutzerinnen und Nutzer?).

Wir lernen aber auch, nicht vorschnell in die Falle zu tappen und jede FB-Aktivität als unethisch abzutun, sondern genau hinzuschauen: In ethischer Hinsicht unverzichtbar (und unverzeihlich) ist für mich die fehlende Aufklärung im Anschluß an die Untersuchung. Fraglich ist die Größe der Stichprobe, problematisch ist die “blinde” Wortzählung.

Und wir lernen, dass Experimente mit Menschen auch dann ethische Probleme aufwerfen können, wenn man nur ganz geringfügig manipuliert - knapp 700.000 Mini-Manipulationen summieren sich dann doch auf!

Ein letzter Punkt: Wie gut, dass es FB gibt! Dort kann ich einen Link auf diesen Bericht jetzt nämlich posten :-)

PS: Hier ein noch paar weiterführende Links zu Debatten-Beiträgen (mit Dank an Matthias Blümke und Daniel Holt, nicht nur für die Links!):

Symphonien komponieren – aber richtig!

Von unserer Honorarprofessorin Lenelis Kruse erhielt ich folgenden amüsanten Text (Quellenangabe am Ende), der die Business-Perspektive im Hochschulbereich karikiert:

Ein erfolgreicher Controller bekommt von Vorstandskollegen zum Geburtstag eine Konzertkarte für Schuberts „Unvollendete“ geschenkt. Sie fragen ihn später, wie es war. Er zückt seine Notizen und präsentiert folgende Analyse:

„Erstens waren die meisten Spieler trotz voller Bezahlung beträchtliche Zeit wenig ausgelastet oder völlig unbeschäftigt, besonders die Bläser mit den dicken Holzrohren und die Schlagwerke. Hier ließen sich Verschlankungen vornehmen, indem deren Aufgaben auf das ganze Team umgelegt würden, um Spitzenbelastungen abzufedern und unproduktiven Leerlauf zu unterbinden.

Zweitens spielten fast immer mehrere Instrumente die gleichen Noten. Hier liegt eine dysfunktionale, unübersichtliche Doppelung von Aufgabenstrukturen vor, die Beschäftigtenzahl könnte drastisch vermindert und das Management entlastet werden. Sollte das Produkt zur Markenplatzierung oder Qualitätssicherung wirklich größere Lautstärke erfordern, wäre der Einsatz von Verstärkern eine kostengünstige Lösung.

Drittens wurden mehrfach gleiche Tonfolgen von anderen Instrumenten wiederholt. Solche Wiederholungen bereits bearbeiteter Passagen sind überflüssig. Durch Rationalisierung redundanter Teilwerke ließe sich das Stück um schätzungsweise 30% verkürzen. Die intensivierte Arbeitsplatzformulierung wäre für die Mitarbeiter eine motivierte Herausforderung. Infolge Preiselastizität würde die Nachfrage sich erhöhen, eine verdichtete Platzierung mehrerer Stücke im selben Konzert wäre möglich. Hierdurch bestehen neue Marketing-Chancen (Package-Angebote). Beschleunigte Herstellungsprozesse lassen sich durch leistungsorientierte Ergebnisbeteiligung stützen, besonders für den Dirigenten.

Viertens fordert die Herstellung und Einhaltung der Halb- und Gleittöne erheblichen Aufwand. Diese überflüssige Verfeinerung ließe sich durch regelmäßige Aufrundung auf den nächsten vollen Ton einsparen. Die Maßnahme würde auch den Einsatz von Angelernten und Subunternehmern anstelle hochbezahlter Fachkräfte ermöglichen und die Lohnnebenkosten senken.

In Anbetracht der strukturellen Defizite seiner Arbeitsweise hätte der Komponist bei professionellem Management oder kompetenter Beratung seine Arbeit wahrscheinlich vollenden können.“

[Quelle: Editorial der "Zeitschrift für Politische Psychologie" 1998, 6 (3), 265]