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Masterfeier 2019

Am Freitag 13.12.19 haben wir viel Betrieb im Psychologischen Institut gehabt: Die Masterabsolventinnen und -absolventen des Jahrgangs 2019 (knapp 50 der >70 Absolventen hatten sich angemeldet, plus zwei nachgezügelte Diplomer) kamen zur nachmittäglichen Feier mit ihren Angehörigen und Freunden ins Institut. Angesichts der zahlreichen Anmeldungen hatten wir Sorge, ob unsere Plätze im Hörsaal 2 ausreichen würden - hat aber alles gut geklappt! Un schön, dass der HS2, in dem viele der Anwesenden ihre ersten Stunden im EKS am PI verbracht haben, auch für die letzten Stunden im Institut den Tatort darstellte!

Der Geschäftsführende Direktor Prof. Dr. Andreas Voß war durch Dienstgeschäfte in Stuttgart im Zusammenhang mit den Planungen zum Direktstudium Psychologie verhindert und hatte mich gebeten, seine Rolle als Gastgeber zu übernehmen. Ich begrüßte die Gäste, die zum Teil von weit her angereist kamen. Ich habe die Bedeutung kritischen Denkens betont, das die Studierenden bei uns gelernt haben sollten. Der Hörsaal ist kein Ort des Glaubens, sondern einer des Zweifelns.

Alex Syndikus (M.Sc.) hielt den Rückblick auf die vergangenen Jahre aus Sicht der Studierenden. Er berichtete unter dem Stichwort “Liebe” über die verschiedenen Formen von Freundschaft, die sich im Studium gezeigt hätten. Seine Rede war von Dankbarkeit und Freundschaft geprägt - wie schön!

Wie jedes Jahr wurde der Franz Emanuel Weinert-Preis für die beste Abschlussarbeit vergeben. Die Jury unter dem Vorsitz von Andreas Voß (bestehend aus ihm, Dr. Hinrich Bents und mir) suchte aus fünf vorgeschlagenen Spitzenarbeiten diejenige von Mara Sophie Söker aus, die sich mit reaktiver Aggression bei Borderline-Patientinnen beschäftigte. Gratulation zu einer schönen Arbeit!

Prof. Dr Oliver Schilling trug als Vorsitzender unseres Prüfungsausschusses dann die Namen der knapp 50 anwesenden (von insgesamt 80) Absolventinnen und Absolventen vor (im Hintergrund wurden die Titel der Arbeiten eingeblendet). Nachdem alle Absolventinnen und Absolventen (fast alle im Talar) vorne im Hörsaal versammelt standen, gab es ein Gruppenfoto. Dann wurde zum obligatorischen Hütewurf gerufen! Ich freue mich, dass schöne Aufnahmen davon im Netz zu finden sind (eines habe ich auf Facebook gestellt!).

Cornelius Kückelhaus

Unsere Absolventinnen und Absolventen 2019 / Foto: Cornelius Kückelhaus

Die musikalische Umrahmung wurde von der Sängerin Hannah Wagner (selbst eine Absolventin des Jahrgangs 2019) mit drei wunderbaren Songs gestaltet, begleitet am Piano von Urs Willabredt. Danke dafür!

Natürlich musste ich in meinen Schlußworten alle diejenigen enttäuschen, die auf mein Ausscheiden am 31.3.19 gehofft haben - die Ablehnung einer dreijährigen Seniorprofessur durch das Rektorat meiner Universität hat meine Tätigkeit nicht zum Erliegen gebracht (danke, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Institut!). Meine drei Wünsche an die Absolventinnen und Absolventen (auch auf früheren Abschlussfeiern vorgetragen): (1) Lebenslanges Lernen angesichts rasch verfallender Wissensbestände, (2) ethischer Umgang mit dem erworbenen Wissen und (3) die Verpflichtung, mit uns in Kontakt zu bleiben - das waren die Dinge, die ich den Absolventinnen und Absolventen ans Herz legen wollte.

Damit sie unser Heidelberger Institut nicht vergessen, erhielten sie alle zum Abschied eine Alumni-Psychologici-Kaffeetasse, in der eine Beitrittserklärung an unsere Sektion steckte. Meine Hoffnung: möge der eine oder die andere doch Mitglied in unserem Förderverein (und der Sektion Alumni Psychologici) werden! Falls die eigenen Mittel am Berufsanfang noch etwas klamm sind: Vielleicht übernehmen die Eltern die Gebühr von 25 € pro Jahr (für die ersten 3 Jahre nach Abschluss; später regulär 50 €, gerne mehr!).

Frau von Wenserski bekam von mir einen Blumenstrauß - Ihre Vorbereitungen (zum letzten Mal, da sie unser Institut verlassen und ans IBW gewechselt hat) waren wie immer ausgezeichnet und sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Danke auch an Frau Fauth für die Mithilfe bei der Talarausgabe und beim Hüteverkauf, vor allem aber auch den Hilfskräften der Abteilungen Methodenlehre und Allgemeine Psychologie, die in verschiedenen Funktionen beteiligt waren. Unter anderem war auch wieder eine Fotobox aufgestellt, wo man lustige Passfotos machen konnte, die sofort ausgedruckt werden konnten.

Alles in allem wieder eine - wie ich finde - schöne und gelungene Feier! Das haben mir viele Eltern beim anschließenden Empfang mit Sekt und Selters sowie mit kleinen Snacks und Brezeln bestätigt! Viele Fotos sind gemacht worden (vor allem mit der Foto-Box), dazu auch herrliche Aufnahmen vom “Hütewurf” (besonders nett als Slow-Motion-Video). Wie gut, dass wir den Abschied feierlich gestaltet haben!

Bauchgefühl im DAI

Am Sonntag, den 8.12.19 war ich zu einer Podiumsdiskussion ins DAI geladen. Im Rahmen des abwechslungsreichen Programms des “International Science Festivals” (besser bekannt unter dem Motto “Geist Heidelberg“) ging es unter dem Titel “Prof. Dr. Bauchgefühl - Wissenschaft zwischen Intelligenz und Intuition” um die Frage, welche Rolle die Intuition in der Wissenschaft spielt. Angekündigt war die Veranstaltung mit Prof. Dr. Dr. Rafaela Hillerbrand, Technikethik und Wissenschaftsphilosophie, Karlsruher Institut für Technologie; Prof. Dr. Matthias Weidemüller, Physikalisches Institut, Universität Heidelberg; und mit mir, Psychologisches Institut, Universität Heidelberg. Für die Moderation war Joachim Müller-Jung, Ressortleiter Natur und Wissenschaft, FAZ, vorgesehen.

Um 17 Uhr waren zwar sehr viele Zuhörende da (der Saal im 1. Stock des DAI war voll), aber Frau Hillerbrand war erkrankt und auch der Moderator hatte es nicht rechtzeitig nach Heidelberg geschafft. Was tun? Der Direktor des DAI, Jakob Köllhofer, zögerte nicht lange und übernahm selbst die Moderation zwischen dem Quantenphysiker Weidemüller und dem Denkpsychologen Funke, die er mit seinen Impulsen zu immer neuen Stellungnahmen herausforderte.

Was ist für mich Bauchgefühl? Bauchgefühl ist ein schnelles, intuitives Urteil. Wir sprechen in der Psychologie - so etwa der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman – manchmal von zwei qualitativ verschiedenen Systemen, mit denen wir als Menschen operieren: einem evolutionär älteren System 1, das schnelle (wenngleich nicht immer korrekte) Entscheidungen aus dem Bauch heraus (aus dem Rückenmark) auf der Basis von Lebenserfahrung und angeborenen Tendenzen (Bsp. Spinnenangst) trifft und verbal schlecht begründbar ist, und ein jüngeres System 2, das in der Großhirnrinde und im präfrontalen Kortex angesiedelt ist und in langsamer Geschwindigkeit argumentativ abwägend rationale Urteile fällt. Der Psychologe Gerd Gigerenzer hat in seinem 2007 erschienenen Buch “Bauchentscheidungen” mehr dazu geschrieben.

Sigmund Freud hat diese zwei Systeme vor über 100 Jahren in ähnlicher Weise das Unbewusste bzw. Bewusste genannt. Blaise Pascal, ein französischer Philosoph aus dem 17. Jahrhundert (1623-1662), hat das so formuliert: “Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“ In der experimentellen Psychologie der Neuzeit tauchen diese beiden Systeme unter wechselnden Namen auf. So sprechen manche vom impliziten und expliziten Wissen oder von impulsiver und reflexiver Verarbeitung. Übrigens hat schon Platon in seinem Gleichnis vom Wagenlenker davon gesprochen, dass zwei Pferde (ein triebhaft begehrendes - epithymetikon - und ein mutig wollendes - thymoeides) vom vernünftigen Wagenlenker (logistikon) auf die richtige Spur gesetzt werden müssen.

Der evolutionäre Erfolg des Homo Sapiens hängt sicher mit der Entwicklung des langsamen, reflexiven, expliziten Systems 2 zusammen - ein Erfolg der Rationalität, mit dessen Schattenseiten wir immer wieder konfrontiert werden. Bauchgefühl ist für mich daher eine zusätzliche und willkommene Ergänzung meiner Rationalität.

Welche Rolle spielt Bauchgefühl in meiner Forschung und bei meiner Arbeit? Universitäten sollten Orte maximaler Rationalität sein - dennoch: Ich kann mir Forschung ohne Bauchgefühl kaum vorstellen! Ich sehe mich nicht als Wissenschaftsroboter, der nüchtern und komplett rational seine Fragestellungen abarbeitet. Ich bin ein Mensch, dessen Herzblut für die Wissenschaft fließt (die Betonung liegt auf Herz). So eine Leidenschaft mag manchem irrational vorkommen - aber sie ist unverzichtbarer Antrieb meines Handelns, das natürlich strengen Rationalitätsprinzipien folgt.

Universitäten, so hat Karl Jaspers einmal gesagt, sollten „Orte unbedingter Wahrheitssuche“ sein - das Problem dieser an sich wunderbaren Zielvorstellung über das Wesen einer Universität besteht im Wahrheitsbegriff. Eine naive Wahrheitskonzeption sagt: Wahrheit ist Überstimmung zwischen den Dingen und dem, was ich über sie sage. Naiv ist diese Konzeption deswegen, weil wir die Dinge immer perspektivisch, d.h. aus unserem individuellen Blickwinkel sehen. Deswegen muss Wahrheit immer auch als soziale Dimension mitgedacht werden - in der Wissenschaft nennen wir dieses Prinzip „intersubjektive Übereinstimmung“. Aber selbst dabei kann es zu Fehlern kommen (Stichwort „group think“).

Was hat das mit Bauchgefühl zu tun? Wissenschaftliche Forschung darf sich im Kontext der Entdeckung, also der Suche nach möglichen Erklärungen, sehr wohl auf ein Bauchgefühl stützen. Im Kontext der Überprüfung dagegen müssen wir in den Modus des strengen Zweifelns übergehen, da darf kein Bauchgefühl mehr im Spiel sein. „Context of discovery“ und „context of justification“ sind übrigens Konzepte, die der Wiener Philosoph Hans Reichenbach 1938 geprägt hat zur Beschreibung zweier fundamental unterschiedlicher Phasen im Forschungsprozeß.

In meiner eigenen Forschung zum Umgang von Menschen mit komplexen, intransparenten, dynamischen Systemen spielt die “Intuition der Experten” eine wichtige Rolle. Expertise heisst Erfahrungswissen, auf das sich die Intuition stützen kann. Das ist ganz wichtig: erfahrungsgetränkte Intuition ist viel wertvoller als naive (blinde) Intuition. Ein Beispiel: Beim Arztbesuch lassen Sie ein EKG machen. Ihnen wird von unspezifischen EKG-Auffälligkeiten und dem Verdacht auf einen Herzfehler berichtet - wenn das von einem erfahrenen Kardiologen kommt, kann man das vage Urteil eher annehmen als wenn ein Medizinstudent einen derartigen Verdacht äußert.

Herausgekommen ist eine lebendige Diskussion auf der Bühne, später auch noch mit dem Publikum, in dessen Quintessenz die Anerkenntnis stand, dass die beiden unterschiedlichen Herangehensweisen an Entscheidungen und an Erkenntnisgewinn nebeneinander Bestand haben und beide ihre Stärken (wie auch Schwächen) haben. Ein salomonisches Urteil, wie Jakob Köllhofer in seinem Schlußwort bemerkte. Also: ein interessanter Spätnachmittag mit einigen neuen Einsichten!

Streitkultur beleben

In der aktuellen Ausgabe 48/2019 titelt das Wochenmagazin “ZEIT” in einem Beitrag von Manuel Hartung und Katharina Menne: “Politische Wissenschaftler: Zeigt Euch!” und bezieht sich dabei auf eine Rede, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Hamburg am 18.11.19 vor der Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz gehalten hat. Jetzt habe ich sie gelesen (hier zu finden) und bin beeindruckt von seinen klaren Worten, die er den Rektoren und Präsidenten der bundesdeutschen Hochschulen mit auf den Weg gegeben hat. Hier ein paar markante Textstellen:

… Wer eine Universität betritt, sei es als Lehrender oder als Studierender, betritt also nicht die stille, erdabgewandte Seite des Mondes. Sondern der betritt einen Raum der geistigen, auch politischen Auseinandersetzung. Natürlich werden in diesem Raum die aktuellen Konflikte, die in einer Gesellschaft virulent sind, nicht sistiert [=ausgeblendet, J.F.], sondern oft besonders deutlich artikuliert und ausgetragen.

… Die Welt braucht nicht nur gut ausgebildete Könner ihres Fachs, nicht nur fleißige Sammler von Creditpoints, sondern vor allem kritische und selbstkritische, politisch wache Menschen. Selbstbewusste akademische Bürgerinnen und Bürger, die selbstbewusste Staatsbürgerinnen und Staatsbürger werden. Die es gelernt haben, strittige Themen mit offenem Visier zu diskutieren – und Unterschiede auszuhalten, ohne sich in Selbstverkapselung zu verkriechen oder in rücksichtsloser Aggressivität nur die eigene Meinung gelten zu lassen.

… Manche verwechseln das Recht auf Meinungsfreiheit mit dem Anspruch darauf, dass auch alle anderen ihre Meinung teilen. Oder mit dem Recht, jede noch so absurde Behauptung müsse ernst genommen werden. Wer sich aber öffentlich äußert, muss natürlich mit der Überprüfung seiner Aussage rechnen und mit Widerspruch. Dem ‘Das wird man ja wohl noch sagen dürfen’ folgt eben gern ein ‘Da wird man ja wohl auch widersprechen dürfen’ – und das nenne ich nicht Mainstream-Tugendterror, sondern Demokratie! … Was wir wieder neu brauchen, ist Streitkultur. Streitkultur billigt anderen zunächst lautere Absichten zu. Streitkultur erspart anderen keinen Widerspruch, aber sich selber auch keine Selbstkritik. Streitkultur fasst nicht mit Samthandschuhen an, aber lässt auch nicht die verbale eiserne Faust sprechen. Streitkultur öffnet nicht nur den eigenen Mund, sondern auch die eigenen Ohren. Streitkultur braucht den Wunsch, zu überzeugen und die Offenheit, sich gegebenenfalls auch selbst überzeugen zu lassen. Streitkultur braucht also beides: Mut und Gelassenheit.

… Die Universität soll kein Ort der geistigen Schonung sein, sondern ein Ort der Freiheit aller zum Reden und zum Denken. Und die Exzellenz einer Hochschule erweist sich – neben aller Internationalisierung, Digitalisierung, Optimierung – vor allem daran, ob hier gepflegt und eingeübt wird, was unsere Demokratie so dringend braucht: den erwachsenen Streit, die argumentative Kontroverse, den zivilisierten Disput.

Tolle Forderungen, denen ich mich uneingeschränkt anschließen kann! Gut gefallen hat mir, dass unser Bundespräsident Universitäten als prädestinierte Orte zur Wahrheitssuche beschreibt! Karl Jaspers, dessen Andenken wir in Heidelberg sowohl mit einer nach ihm benannten Karl-Jaspers-Professur wie auch mit einem ebensolchen jährlich vergebenen Karl-Jaspers-Preis hochhalten, beginnt sein Buch “Die Idee der Universität” (1923/1946/1961) mit den starken Sätzen: “Die Universität hat die Aufgabe, die Wahrheit in der Gemeinschaft von Forschern und Studenten zu suchen. Sie ist die Stätte, an der das hellste Bewußtsein des Zeitalters sich entfalten soll. Dort dürfen als Lehrer und Studenten Menschen zusammenkommen, die den Beruf haben, uneingeschränkt Wahrheit als solche, ihrer selbst wegen, zu ergreifen. Daß irgendwo bedingungslose Wahrheitsforschung stattfinde, ist ein Anspruch des Menschen als Menschen.” (Gesamtausgabe, Band I/21, S. 263).

In Zeiten der Exzellenz denke ich gelegentlich, dass die Suche nach Finanzmitteln (man denke an das Verhältnis von Landeszuschüssen und Mitteln Dritter, siehe hier), die Suche nach medialer Aufmerksamkeit (das professionell betriebene Marketing von Universitäten), das Streben nach Ruhm, Geld und Ehre (z.B. beim Bluttest-Skandal) fast wichtiger geworden sind als die Suche nach Wahrheit. Wenn das zuträfe, wäre eine Rückbesinnung auf die Idee der Universität als primärer Ort für Wahrheitssuchende sicher hilfreich. Dass es dazu des gepflegten Streits mit Argumenten Pro und Contra sowie einer entsprechenden Streitkultur bedarf, steht für mich außer Frage. Und die Kraft von Argumenten hängt nicht vom Status oder der Machtposition des Diskussionspartners ab - Jürgen Habermas, der von 1961 bis 1964 in Heidelberg wirkte, spricht vom “herrschaftsfreien Dialog“. Dass nicht von oben herab entschieden wird, sondern auf Augenhöhe unter gleichberechtigten Partner, ist dafür ein Kennzeichen. Fair ausgetragene Kontroversen bringen uns am Ende weiter als mit Macht durchgesetzte Meinungen.

Brauchen wir “politischere Wissenschaftler”, wie im eingangs genannten “ZEIT”-Artikel gefordert? Ich denke ja! Wissenschaft hat heute einen Komplexitätsgrad erreicht, in der selbst ich als Experte beim “peer review” (also der fachlichen Kontrolle) von Artikeln aus meinem Fachgebiet an Grenzen der Nachvollziehbarkeit stoße. Interessierte Laien haben kaum noch Möglichkeiten zur kritischen Rezeption. Daneben gibt es eine Verantwortung von Wissenschaftlern nicht nur in bezug auf ihre Wahl der Forschungsthemen und die Einhaltung ethischer Prinzipien bei der Wahl von Untersuchungsmethoden, sondern auch eine Verantwortung für die Verwendung ihrer Erkenntnisse. Dass Wissenschaftler von der Gesellschaft freigestellt werden zur Forschung und zur Lehre, ist mit der Erwartung verbunden, dass diese Forschung nicht nur die persönliche Neugier befriedigen soll (und nebenbei zur Förderung der persönlichen Karriere beiträgt), sondern zum Wohl der Gemeinschaft dient. Die enorme Freiheit des Wissenschaftlers ist an eine nachvollziehbare Verantwortung gegenüber den Mitmenschen gebunden.

Gefreut habe ich mich daher über die “Jenaer Erklärung” der Deutschen Zoologischen Gesellschaft zum nicht mehr akzeptablen Begriff der Rasse, kurz gefasst: “Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.” Die ausführliche Erläuterung, warum der Rasse-Begriff nicht tauglich ist, findet sich hier. Auch andere Disziplinen und andere Vereinigungen mischen sich ein: Die “Union of Concerned Scientists” (=Vereinigung besorgter Wissenschaftler) ist in den USA (und weltweit) seit 1969 in Sachen Abrüstung und seit 1992 in Sachen Klimaschutz aktiv, die Scientists for Future sind im Zuge der Fridays for Future-Bewegung entstanden. Hier zeigt sich eine große Bereitschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, politisch zu handeln und nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft zu verharren. Das sind gute Zeichen, wie ich finde! Wir brauchen mehr davon!

Abschied von Edith von Wenserski

Heute morgen gab es eine kleine Abschiedsfeier in meinem Büro: Edith von Wenserski, die am 1.4.2014 als Sekretärin an unserem Institut (für die Methodenlehre und für die Allgemeine Psychologie) zu arbeiten begann und ihr Zimmer direkt neben meinem hatte, ist zum 1.11.2019 an das Institut für Bildungswissenschaften (IBW) gewechselt. Zuletzt hat sie als Sekretärin des Geschäftführers viel zu organisieren gehabt.

Fünf lebhafte Jahre gehen jetzt zu Ende, wir haben uns gemeinsam über unsinnige bürokratische Hemmnisse aufgeregt, aber auch gemeinsam über lustige Episoden gelacht. Frau Wenserski wird uns noch ein wenig helfen bei den anstehenden Jahresabschlüssen und vor allem bei der bevorstehenden Masterfeier! Die vergangenen Masterfeiern wären ohne ihre tatkräftige Mitarbeit kaum vorstellbar gewesen. Ihre Organisationsfähigkeit und spontane Hilfsbereitschaft (z.B. noch mal eben schnell mit dem von zu Hause mitgebrachten Bügeleisen über knubbelige Talare fahren) bleiben unvergessen! Auch ihre guten Kontakte in die Verwaltung haben uns vielfach geholfen. Jetzt profitiert das IBW davon!

Liebe Frau Wenserski: Wir wünschen Ihnen auch von dieser Stelle nochmals alles Gute am neuen Platz! Ich bin sicher, wir werden uns noch öfter begegnen!

Psychotherapiestudium kann kommen!

Am Freitag 8.11.19 hat der Bundesrat die vom Bundestag bereits verabschiedete Reform des Psychotherapiestudiums bestätigt (hier zur Beschluss des Bundesrats). Jetzt kann die Arbeit in den uni-internen Kommissionen beginnen - jetzt muss sie beginnen, wenn zum 1. Oktober 2020 der neue Studiengang starten soll (was unsere Studierenden bestimmt begrüßen würden). Dass vieles noch im Nebel liegt (z.B. die Finanzierung der entstehenden Mehrkosten aus dem Landesministerium), darf jetzt kein Grund zur Untätigkeit sein. Viele Eckpunkte stehen bereits jetzt fest und die Planung sollte Flexibilitäten enthalten. An die Arbeit!

Zu den Hintergründen der Bundesrat-Entscheidung siehe auch https://www.jmwiarda.de/2019/11/10/ja-ohne-ansage/

Auch lesenswert: Interview von Jan-Martin Wiarda mit Niedersachens Wissenschaftsminister Björn Thümler, mit speziellem Bezug zur Reform der Psychotherapieausbildung: https://www.jmwiarda.de/2019/11/08/nicht-neidvoll-nach-s%C3%BCden-schauen/ Zitat daraus: “Es ist eine Schieflage in unserem System, dass der Bund die Neudefinition von Ausbildungsanforderungen vorantreiben kann, die Finanzierung aber allein an den Ländern hängen bleibt. Ich will Ihnen nur eine Zahl nennen. Allein die Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung, wie der Bund sie beschlossen hat, kostet deutschlandweit rund 50 Millionen Euro mehr pro Jahr, da ist der Overhead noch nicht eingepreist. Für uns in Niedersachsen macht das etwa fünf Millionen. Entweder führt das dazu, dass man bei der Qualität trickst, oder man muss anderswo Geld wegnehmen.”

3 Tage im Zeichen der Stiftung Universität

Drei Tage im Zeichen der Stiftung Universität Heidelberg: Am Donnerstagabend (7.11.) fand unter dem Titel “Festlicher Abend für die Wissenschaftsförderung  an der Universität Heidelberg” das erste Fundraising-Dinner unserer Stiftung statt. Im festlichen Ambiente des “Europäischen Hofs” kamen knapp 100 Freundinnen und Freunde der Universität zu einem köstlichen Essen zusammen, das umrahmt wurde durch einen Festvortrag des Psychiaters Prof. Dr. Hans-Ludwig Kröber zum Thema “Muss Strafe sein? Oder Therapie für alle?” und durch Musik aus der Welt des Verbrechens, vorgetragen von der Chansonsängerin Heidi Schließer-Sekulla sowie dem Streichquartett des Collegium Musicum unter der Leitung von Universitätsmusikdirektor (UMD) Michael Sekulla. Begrüßt wurde die Versammlung von unserem Vorsitzenden Dr. Karl Hahn.

Meine Vorstandskollegin Gabriele Meister und mein Vorstandskollege Thorsten Helm haben zusammen mit unserer Geschäftsfüherin Sabine zu Putlitz unter aktiver Mitwirkung unseres Kurators Georg von Hohnhorst eine tolle Veranstaltung organisiert, die viel Freude gemacht hat und die teilnehmenden Personen ins Gespräch gebracht hat. Zudem haben Spenden im mittleren fünfstelligem Bereich die Handlungsmöglichkeiten unserer Stiftung in Zeiten schlechter Zinserträge deutlich verbessert. Dank an alle, die uns so großzügig unterstützt haben! Wir wissen das zu schätzen!

Am Freitagabend (8.11.) fand die jährliche Verleihung der Ruprecht-Karls-Preise 2019 für die besten Dissertationen statt. usgezeichnet wurden die wissenschaftlichen Arbeiten von Dr. Emily Mae Graf (Philosophie), Dr. Athina Sachoulidou (Jura), Dr. Hanna Schleihauf (Psychologie), Dr. Jan Vollert (Medizin) und Dr. Eva-Sophie Wallner (Biologie). Die Jury, die erstmalig unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Bernd Schneidmüller zusammenkam, entschied auf der Grundlage von Vorschlägen der Fakultäten. Bernd Schneidmüller trug die Laudationes auf die Preisträgerinnen und Preisträger vor und machte deren besonderen Leistungen sichtbar. Der Umweltpreis der Viktor und Sigrid Dulger Stiftung ging (in Anwesenheit von Frau Dulger) an Dr. Jan Hartmann (Geowissenschaften). Den Fritz Grunebaum-Preis erhielt Valentin Lang (Wirtschaftswissenschaft). Ich freue mich besonders, dass unser eigenes Fach diesmal wieder mit einer Preisträgerin vertreten ist - Prof. Dr. Stefanie Höhl und Prof. Dr. Sabina Pauen waren die Betreuerinnen der ausgezeichneten Arbeit von Dr. Hannah Schleiauf. Eine Gratulation habe ich schon am Abend persönlich ausgesprochen, das wiederhole ich gerne auch nochmal an dieser Stellle!

Den Festvortrag in der Alten Aula hielt die Völkerrechtlerin Prof. Dr. Anja Seibert-Fohr zum Thema “Des Menschen Würde: Universelles Recht oder eine Frage der Perspektive?”. Es wurde deutlich: Nicht nur im Deutschen Grundgesetz ist die Menschenwürde von höchster Bedeutung, sondern taucht auch in der Charta der Vereinten Nationen an prominenter Stelle auf. Anschließend gab es einen Empfang durch die Stiftung in der Bel Etage des Rektors, bei dem viel erzählt wurde, alte Freundschaften aufgefrischt und neue Kontakte  hergestellt werden konnten.

Am Samstag (9.11.) schließlich erfolgte erstmalig ein Treffen bisheriger Preisträgerinnen und Preisträger. Seit 1990 gibt es davon 146 (!), von denen ein Drittel jetzt wieder den Weg zurück nach Heidelberg fanden (zum Teil von sehr weit her). Neben einer Besichtigung und Führung durch das EMBL gab es nachmittags eine moderierte Diskussion unter den Laureaten im IWH. In vier Impulsreferaten erfuhren wir Details zur Genschere CRISPR (Dr. Dominik Niopek), zu Smart Cities (Dr. Margit Tünnemann), zur Epidemiologie der Brustkrebsforschung (Prof. Dr. Jenny Chang-Claude) und zu moderner Mozartforschung (Dr. Ulrich Leisinger). Lebhafte Diskussionen zu den einzelnen Themen zeigten, dass die impulsgebenden Personen ihren Auftrag gut ausgeführt hatten.

Abgerundet wurde der dritte Tag von einem Abendessen im Prinz-Carl-Palais zu Ehren von Prof. Dr. Paul Kirchhof, der mehr als 25 Jahre lang den Vorsitz der Ruprecht-Karls-Preisjury innehatte. Viele der Preisträgerinnen und Preisträger waren anwesend, ebenso wie die noch lebenden (Alt-)Rektoren seit den 1980er Jahren (Prof. Dr. Gisbert zu Putlitz, Prof. Dr. Peter Ulmer, Prof. Dr. Peter Hommelhoff, Prof. Dr. Bernhard Eitel - Prof. Dr. Jürgen Siebke ist 2017 verstorben).

Nach einer kurzen Ansprache des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung, Dr. Karl Hahn, begrüßte der Grunebaum-Preisträger von 1999 und heutige Stiftungsvorstand Dr. Thorsten Helm die Festgemeinschaft und bedankte sich im Namen der Stiftung für die mehr als 35jährige ehrenamtliche Unterstützung, zunächst im Stiftungsvorstand, später als Jury-Vorsitzender und Laudator der Ruprecht-Karls-Preise sowie der Fritz-Grunebaum-Preise.

Den Festvortrag hielt der Preisträger Prof. Dr. Stephan Harbarth, heute Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts. Er betonte in seinem Referat, das vor allem die Schriften Kirchhofs zum Thema “Wissernschaft” in den Mittelpunkt rückte, die von Kirchhof geforderte Verantwortung des Wissenschaftlers für den Umgang mit seinen Erkenntnissen, im Unterschied etwa zum Postulat der Werturteilsfreiheit durch Max Weber, der diesbezüglich vom Forschenden Enthaltsamkeit verlangte. Freiheit der Wissenschaft - so Kirchhof - sei ein hoher Wert, aber bedeute nicht Beliebigkeit in der Wahl von Forschungsthemen, Publikationsorten und weiterer Nutzung. Diese grundgesetzlich veingeräumte Forschungsfreiheit verpflichte zu einer besonderen Verantwortung gegenüber der ihn alimentierenden Gesellschaft.

Im Namen der 146 Preisträgerinnen und Preisträger sprach Prof. Dr. Manfred Berg (heute Inhaber der Curt-Engelhorn-Professur für Amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg) als erster Preisträger überhaupt (aus dem Jahr 1990) seinen Dank und seinen großen Respekt vor Paul Kirchhof aus.

Der Geehrte selbst bedankte sich in Kirchhof-typischer Art mit einer kurzen Rede, in der er die Doktorandinnen und Doktoranden als Jungbrunnen der Universität bezeichnete, als Garanten der Erneuerung. Und er bedankte sich bei seiner Frau, die ihn gewiss auch am Ende des heutigen Abends wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen werde! Sehr nett!

Insgesamt haben die drei Tage gezeigt: Die Stiftung Universität Heidelberg bewegt die Menschen, jüngere wie ältere. Der Geist der Volluniversität mit ihrem breiten Fächerspektrum wurde ebenso deutlich wie die prägende Kraft einzelner Forscherpersönlichkeiten, die als Vorbilder für die Nachfolgenden wirken. Die Bereitschaft, diese Gemeinschaft zu unterstützen, ist ungebrochen und ein starkes Signal an uns im gemeinsamen Vorstand von “Stiftung Universität” und “Gesellschaft der Freunde“, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Seniorpensionär Funke

Am Freitag 12.4.19 stand ein Termin in meinem Kalender: “Rektorat Seniorprofessur Funke” - ich war davon ausgegangen, die schriftliche Bestätigung über den schon lange in der Diskussion befindlichen Ehrentitel “Seniorprofessur” zu erhalten. Tatsächlich war dies ein Irrtum! Hier die ganze Geschichte:

Im Juni 2018 hatte das Professorium des Psychologischen Instituts meinen Wunsch nach einer kostenneutralen dreijährigen Verlängerung meiner Arbeitstätigkeit über die reguläre Altersgrenze (Pension ab 1.4.2019) hinaus wohlwollend aufgegriffen und in die Fakultätssitzung vom 25.7.2018 eingebracht. Dort haben die Kolleginnen und Kollegen der Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften den Antrag des Psychologischen Instituts auf Erteilung einer normalen Seniorprofessur abgeändert in einen Antrag auf Erteilung einer Seniorprofessur Distinctus - eine Steigerung der Ehre, weil dieser Titel auf Lebenszeit vergeben wird, der normale Seniorprofessor dagegen nur für drei Jahre (hier die Satzung zur Vergabe des Titels, der im Landeshochschulgesetz nicht vorkommt). Was zu dem Zeitpunkt nicht klar war: Das Vorschlagsrecht für den SP Distinctus liegt gar nicht bei der Fakultät, sondern beim Rektorat…

Die einstimmige Entscheidung der Fakultät wurde vom Dekanat ins Rektorat getragen, im Dezember 2018 hiess es dann mündlich, es gäbe keinen “Distinctus”, sondern eine normale Seniorprofessur. Im Januar 2019 berichtete die zuständige Sachbearbeiterin auf Nachfrage, dass sie die Unterlagen ins Rektorat gegeben habe. Danach war Funkstille, was wegen der anstehenden Begehung im Rahmen der Exzellenzinitiative Mitte März 2019 nicht verwunderlich schien. Als ich Ende März nachgefragt habe, wann der Termin zur Urkundenübergabe vorgesehen sei, hiess es, dieser sei am 12.4. beim Rektor vorgesehen. Am 11.4. nachmittags wurde mir dann telefonisch mitgeteilt, dass der Rektor verhindert sei und mir die Urkunde aus der Hand des Kanzlers überreicht werden würde. Und, ja: Tatsächlich habe ich dort eine Urkunde erhalten: meine Entlassungsurkunde aus dem aktiven Dienst! Eine Seniorprofessur Funke gab es nicht nach der Entscheidung des Rektorats (bestehend aus Rektor Bernhard Eitel, Kanzler Holger Schroeter und den Prorektoren Beatrix Busse, Stephen Hashmi, Dieter Heermann und Oscar Loureda; seit 1.10.19 ist ein neues Team am Start)! Warum? Keine schriftliche Begründung, aber mündlich der Hinweis des Kanzlers: Vermutlich zuviel Staub aufgewirbelt in der Santander-Affäre

Daraufhin hat meine Fakultät im Sommer 2019 eine dreijährige “normale” SP für mich beantragt (erneut ohne zusätzliche Kosten für Rektor/Land, verbunden mit meinem Angebot zur Übernahme einer Pflichtvorlesung), die das Rektorat erneut abgelehnt hat. Wie mir mein Dekan Dirk Hagemann letzte Woche berichtete, hätte der Rektor mündlich in einem Gespräch Ende September 2019 als Begründung angeführt, mein Einsatz für die Universität sei nicht überdurchschnittlich gewesen und rechtfertige keine derartige Auszeichnung. Der Fakultätsvorstand hat auf einen Protest gegen diese Entscheidung verzichtet.

Bin ich enttäuscht? Ein wenig - ist es doch erstaunlich, wie sehr die Einschätzung meiner Fakultät und damit der Kollegen, die meine Arbeit und mein Engagement für diese Universität aus jahrelanger enger Zusammenarbeit kennen, und die des Rektorats auseinander klaffen.

Finde ich es schade? Sicherlich! Natürlich habe ich in manchen Angelegenheiten eine kritische Haltung vertreten, sicherlich damit auch Menschen verärgert. Aber haben nicht gerade auch die “Unbequemen” wichtige Funktionen in demokratischen Systemen? Muss man nicht gerade als Senatssprecher (der ich achteinhalb Jahre lang war) in besonderer Weise eine Kontrollfunktion ausüben? Letztlich ging es mir immer um eines: Im besten Sinne für unsere Universität und deren Reputation zu handeln, unabhängig davon, ob dies Verärgerung auslöste. Aber von Verärgerungen Abstand zu nehmen und die Beweggründe des anderen hinter der Unbequemlichkeit zu sehen und vielleicht sogar anzuerkennen, ist ein schwieriges Unterfangen, das nicht immer gelingen will, das weiß ich als Psychologe nur zu gut.

Für mich fast wichtiger als die ablehnende Entscheidung des Rektorats: Die große Unterstützung aus dem Kreis meiner Fakultät und meines Instituts! Das ist für mich sehr wichtig und gut zu wissen, dass die mir nahe stehenden Kolleginnen und Kollegen meine Arbeit für unsere Universität schätzen und für mich eintreten. Und ich hoffe (und bin zuversichtlich): Unter den Mitarbeitern dieser Universität wird es auch in künftigen Generationen immer wieder solche geben, die für das, was ihnen zum Wohle dieser Universität wichtig erscheint, Auseinandersetzungen nicht scheuen und den Mut haben, dafür einzutreten.

Nachhaltigkeit braucht Taten

Am 27.10.19 wurde im Mannheimer Rosengarten zum 27. Mal der Deutsche Umweltpreis von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt verliehen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreichte den mit jeweils 250.000 Euro dotierten Preis an die beiden Preisträger, die Münchener Bodenforscherin Ingrid Köbel-Knabner und den Mainzer Reinigungsmittel-Hersteller Reinhard Schneider.

Moderatorin Judith Rakers, DBU-Generalsekretär Alexander Bonde, Preisträgerin Prof. Dr. Ingrid Kögel-Knabner, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Preisträger Reinhard Schneider, DBU-Kuratoriumsvorsitzende Rita Schwarzelühr-Sutter und Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller.

Moderatorin Judith Rakers, DBU-Generalsekretär Alexander Bonde, Preisträgerin Prof. Dr. Ingrid Kögel-Knabner, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Preisträger Reinhard Schneider, DBU-Kuratoriumsvorsitzende Rita Schwarzelühr-Sutter und Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller. - © DBU/Peter Himsel

In seiner Rede betonte der Bundespräsident, dass Nachhaltigkeit Heldinnen und Helden brauche, die mit Taten vorangehen und aufzeigen, was möglich ist. Zitat Steinmeier: “Die Plastikflasche, die heute recycelt wird, landet morgen nicht in den Weltmeeren. Sie kommt übermorgen wieder in den Rohstoffkreislauf. Der Boden, der heute vor der Erosion geschützt wird, bindet Kohlenstoff. Und er kann damit auch morgen noch als Ackerland Menschen ernähren. Die Zukunft ist nicht vorbestimmt. Es liegt an uns, was wir aus ihr machen.” Klare Worte!

Steinmeier forderte eine “sachliche Debatte” über Klimaschutz und Klimapolitik. Er warnte davor, einzelne Gruppen und Positionen gegeneinander auszuspielen. “Gemeinsam muss es uns gelingen, dass aus Umwelt- und Klimaschutz keine polarisierende Identitätspolitik wird, keine Spaltung zwischen den Arbeitnehmern der Autoindustrie und den Blockierern von Straßen, zwischen Landwirten und Naturschützern, zwischen denen, die es sich leisten können, und denen, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen”, sagte Steinmeier. Klimapolitik sei umso wirksamer, je mehr Menschen man auf den Weg mitnehme. Das hat mir gut gefallen!

Der Unternehmer Reinhard Schneider hat mir imponiert mit einem umfassenden Nachhaltigkeitskonzept: In seinem Mainzer Familienunternehmen wird z.B. auf den Firmendächern Solar- und Windstrom erzeugt - und das in so großer Menge, dass überschüssiger Strom zur Einspeisung in e-Bikes und e-Autos den Mitarbeitenden umsonst zur Verfügung gestellt wird. Ausserdem (und das war das preiswürdige Konzept) verwendet srine Firma in einem Massenmarkt (Reinigungsmittel der Marke “Frosch”) konsequent Recyclat (ein hochwertiges Material aus Alt-Plastik) - eine Erfindung, die über Open Innovation auch anderen Unternehmen kostenlos zur Verfügung gestellt wird (was allerdings nach Angaben Schneiders kaum genutzt wird, da es ein paar Cent teurer in der Produktion von Verpackungsmaterial wird - welche Schande!).

Ich habe mich gefragt: Wo sitzen eigentlich an unserer Universität die Nachhaltigkeitshelden? Ich habe den Eindruck, von einer Reihe von Nachhaltigkeitsmuffeln umgeben zu sein (ich kenne auch ein paar Ausnahmen!): meine Versuche, das Thema Nachhaltigkeit im Senat zu platzieren (siehe meinen Blog-Beitrag von 2017 “Nachhaltigkeit als Thema im Senat“), wurden grandios abgeschmettert (”erst kommt die Exzellenz, um Nachhaltigkeit kümmern wir uns später”); die Versuche, im Institut kleine Schritte zu machen (Ladestation für e-Autos und e-Bikes auf dem Institutsparkplatz; Reaktivierung der vorhandenen “Institutsdusche” im Hintergebäude - heute zur Lagerung von nicht-ökologischen Putzmitteln genutzt - für verschwitzte Radfahrer, die sich frisch machen wollen; Solaranlage auf dem Dach; energetische Gebäudesanierung; etc.), sind bislang wirkungslos geblieben. Vielleicht stimmt ja, was Greta Thunberg von der UN-Versammlung sagte: “I know you are trying but just not hard enough - sorry!”.

Wundern wir uns, dass es mit dem Klimawandel nicht besser wird, wenn wir es schon vor der eigenen Haustüre nicht schaffen ordentlich zu fegen? Sollte nicht gerade eine zukunftsgerichtete Institution wie die Universität Heidelberg ein Vorbild auch in Sachen Nachhaltigkeit sein? Das Motto “Zukunft seit 1386″ ist noch kein Programm! Eine Nachhaltigkeitsbilanz der Universität liegt jedenfalls bis heute nicht vor (sogar mein Kaffeelieferant um die Ecke legt so etwas vor, siehe hier). Es geht auch anders: die ETH Zürich veröffentlicht seit 2009 einen Nachhaltigkeitsbericht und bemüht sich um eine Reduktion von Dienstflügen). Exzellenz UND Nachhaltigkeit: geht anscheinend! Hier geht es zu den Nachhaltigkeitsberichten der Exzellenz-Uni Hamburg. Und hier geht es zu weiteren Nachhaltigkeitsberichten von Unis und Forschungseinrichtungen (Bremen, Eberswalde, Eichstätt, Furtwangen, Graz, Hamburg, Heilbronn, Jülich, Kassel, Lüneburg, Oldenburg, Osnabrück, Pforzheim, Trier)  - geht doch!

Für uns in Heidelberg böten sich Chancen: Das Campus-Gelände INF wäre ja toll als Erprobungsfeld für innovative Lösungen in Sachen Energiesparen, Mobilität, Nachhaltiges Bauen etc. geeignet, oder? Könnten wir nicht Vorbild sein? Müssen wir nicht Vorbild sein? Das wichtige Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung - ein UNESCO-Weltaktionsprogramm - kommt an Universitäten wie der unsrigen wohl eher zu kurz. Ob die “Students for Future” daran etwas ändern? Mal schauen! Vom 25.-29.11.19 sind bundesweite Hochschulstreiks geplant. Wenn man wollen will, lassen sich Dinge in Bewegung versetzen. Meinen Vortrag findet man hier.

Kuratoriumsitzung der Stiftung Universität

Einmal im Jahr tagt das Kuratorium der Stiftung Universität Heidelberg, in deren Vorstand ich aktiv bin. Gestern war es wieder einmal soweit: Der Vorstandsvorsitzende des Weinheimer Technologie-Konzerns Freudenberg, Dr. Mohsen Sohi, hat uns in den schön renovierten Hermannshof (das frühere Freundenberg-Wohnhaus, inmitten eines herrlichen Parks gelegen) eingeladen, wo wir unsere Regularien erledigt und über Vergangenes und Zukunftiges gesprochen haben (ein leckeres Abendessen gab es auch noch …).

Die vier Vorstandsmitglieder Gabriele Meister, Karl Hahn, Thorsten Helm und ich wurden von den anwesenden Kuratoren für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. Wichtige Themen der nahen Zukunft waren das anstehende Fundraising-Dinner, die diesjährige Verleihung der Ruprecht-Karls-Preise (erstmals mit dem Laudator Bernd Schneidmüller, der dem jahrzehntelang tätigen Laudator Paul Kirchhof nachfolgt) sowie das im nächsten Jahr geplante zweite Heidelberger Stiftungssymposium, das diesmal unter dem Titel “Engineering Molecular Systems” (Studiengang: “Matter-to-life“) unter Leitung von Kollegen Joachim Spatz im IWH abgehalten werden soll. Der Vortrag von Joachim Spatz zum geplanten Symposium begeisterte uns alle und lässt schon jetzt tolle Aktivitäten in 2020 erwarten!

Wir freuen uns über die tatkräftige Unterstützung durch unsere Kuratoren und über das durch die Wiederwahl zum Ausdruck kommende Vertrauen in unseren Vorstand! Danke dafür auch von hier aus nochmal!

Hans Jürgen Eysencks Artikel “unsafe”?

ans Jürgen Eysenck

Hans Jürgen Eysenck

Ein großer Name in der Psychologie ist unter Beschuss geraten (nicht der erste Fall…): der britische Psychologe Hans Jürgen Eysenck (1916-1997), einer der einflußreichen Väter der modernen Persönlichkeitspsychologie, eng verbunden mit den Konstrukten Introversion, Extraversion und Neurotizismus.

Wie ich kürzlich schon im Blog-Beitrag zu Manfred Amelangs 80. Geburtstag schrieb, ist Eysenck in der Debatte um die sog. “Krebspersönlichkeit”  unangenehm aufgefallen: Er soll - wie jüngst enthüllte Dokumente in den USA zeigen - von der amerikanischen Tabakindustrie finanziert worden sein, um die These zu vertreten, dass nicht etwa Rauchen Lungenkrebs auslöse, sondern Persönlichkeitsmerkmale dafür verantwortlich seien (siehe Pelosi, 2019, Personality and fatal diseases: Revisiting a scientific scandal). Manfred Amelang hatte diese These von Anfang an nicht nur lautstark in Zweifel gezogen, sondern auch eine Replikationsstudie als 10jährige Kohortenstudie durchgeführt, die seine kritische Position empirisch untermauert und die Behauptung einer “Krebspersönlichkeit” falsifiziert hat (siehe Amelang et al., 2004, Personality, cardiovascular disease, and cancer).

Unter dem Titel “University finds dozens of papers by late — and controversial — psychologist Hans Eysenck ‘unsafe’ ” berichtet die Investigativ-Seite “Retraction Watch” nun über eine Reihe zweifelhafter Studien aus dem Spätwerk des Meisters (das Londoner King’s College führt in seinem Bericht vom Mai 2019 insgesamt 25 Artikel auf, die nun das Attribut “unsafe” erhalten). Die meisten dieser Arbeiten stammen aus den 1980er und 1990er Jahren, alle inkriminierten Arbeiten wurden zusammen mit dem in Heidelberg lebenden (aber nicht an der Uni Heidelberg beschäftigten) Ronald Grossarth-Maticek verfasst.

“Unsafe”: eine merkwürdige Kategorie! Ist der Genuss dieser Artikel nicht zu empfehlen? In gewohnt britischer Zurückhaltung wird zur Vorsicht geraten - immerhin sollen die Heraugeber der entsprechenden Zeitschriften eine Warnung erhalten: “We recommend that the Principal write to the editors of these journals to inform them that, based on our enquiry, we consider the results and conclusions of these studies are unsafe.”

Und natürlich sind viele weitere Arbeiten von Hans Eysenck nicht ins Kreuzfeuer geraten - seine Verdienste um die Persönlichkeitspsychologie werden dadurch ja nicht hinfällig - man muss einfach genauer hinschauen! So geht Wissenschaft: Verlässlicheres wird von Unverlässlicherem getrennt!

Auf dem Blog von Retraction Watch findet sich ausserdem ein interessanter Beitrag von James Heathers, der sich fragt, wie weit wir zurück in die Vergangenheit gehen müssen - ob nicht 30 Jahre alte Arbeiten längst durch neuere Forschung überholt sind und von daher keine Korrekturen mehr benötigen. Eine interessante Frage, auf die sein Beitrag “Do we have the will to do anything about it?” eine - wie ich finde - gute Antwort gibt: Wenn die alten Arbeiten längst vergessen sind, sollten wir die Totenruhe nicht stören; wenn sie dagegen immer noch zitiert werden (und damit in aktuellen Debatten eine Rolle spielen), lohnen sich “Retractions” und “Corrections” auch bei älteren Arbeiten.

PS: In einem neuen Bericht über HJE wird gesagt, dass die Zahl seiner Retractions noch steigen könnte: “61 retractions for controversial psychologist Hans Eysenck? That’s a significant underestimate, says his biographer” (hier)

Nachtrag 3.11.2019: Vielleicht sollte man doch nicht zu schnell urteilen - ein aufmerksamer Leser (wie immer: danke, lieber Jochen!) hat ein paar Fragezeichen hinter die “unsafe”-Kennzeichnung gesetzt. (1) Die Grundlage für das “unsafe”-Urteil des King’s College scheinen ausschließlich aus Berichten Dritter zu bestehen. Es heisst dort: “The committee did not have access to any data but have carried out an assessment based on the current literature which includes peer reviewed papers and reviews from critics as well as from collaborators.” (2) Berichte Dritter, die unmittelbar Zugang zu den Daten hatten und daran nichts auszusetzen fanden, wurden im Bericht nicht erwähnt. So hat etwa der frühere Mannheimer Kollege Werner W. Wittmann (ein Evaluationsforscher, jetzt im Ruhestand) in einem Buch von Grossarth-Maticek aus dem Jahr 2008 ein Kapitel verfasst mit dem Titel “Ergebnisse einer kritischen Analyse der Daten und Methoden von Ronald Grossarth-Maticek”, in dem er die Seriosität der Daten bestätigt. Wir wissen nicht, wie Werner Wittmann zu den aktuellen Vorwürfen steht.