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Funke sieht Roth

Ich habe einen schockierenden Film gesehen - schockierend wegen folgender Aussage eines bekannten Hirnforschers:

“Warum ist das schrecklich? (…) Wenn nun, ganz hypothetisch, die diagnostischen Möglichkeiten - durch Gehirnforschung oder durch die Neuropsychologie - so gestärkt werden, daß man sagen kann, wer das und das im Gehirn hat, diesen Tumor, diese Verletzung, dann ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit gewalttätig und gefährlich. Warum soll man den dann nicht wegschließen, so wie man einen Mensch mit hochansteckender Krankheit wegschließt.” — Prof. Gerhard Roth, Neurowissenschaftler in Bremen, in der Sendung: Der Sitz des Bösen (27.7.05, 23:00, ARD) [erneut in 3sat am 2.10.06, 20:15 ausgestrahlt ].

Das haut mich einfach um! Haben wir aus der Nazi-Zeit wirklich nichts gelernt? Damals hiess das wissenschaftliche Leitprinzip “Eugenik”. Müssen sich hier wieder Menschen als Herren über andere Menschen aufspielen? Menschen auf Verdacht hin wegschließen, weil ihr Hirn sie zu Verbrechen disponiert? “Das Hirn” mordet und begeht Straftaten? Die Aufhebung von individueller oder gesellschaftlicher Verantwortlichkeit, die Reduktion des freien Willens auf determinierte Hirnprozesse, an denen nichts zu ändern ist - deswegen müssen manche Menschen einfach weggesperrt werden, so wie hochansteckende Personen.

Was ist mit den Menschen, die *keine* Hirnauffälligkeiten haben und trotzdem Straftaten begehen? Und was mit denen, die trotz Hirnauffälligkeiten *keine* Straftaten begehen? Elementare Statistik, mein Watson … Haben die Mediziner da vielleicht eine schwache Stelle? Und noch viel wichtiger: Wie steht es um die Moral und Verantwortung aus Sicht der Neurowissenschaftler? Der Rückfall in die Phrenologie läßt das Neuron als das letztlich verantwortliche Element erscheinen, gesellschaftliche und kulturelle Prozesse kommen nur insofern vor, als sie Niederschlag auf neuronaler Ebene finden. Sind Neurone moralisch oder unmoralisch? Hier findet ein klassischer Kategorienfehler statt. Elementare Erkenntnistheorie, mein Watson…

Mir ist das Konstrukt eines “clash of cultures” sympatischer als das eines “clash of neurons”, weil es einfach eine höhere Erklärungskraft hat. Oder können Neurowissenschaftler demnächst auch Terroristen prophylaktisch identifizieren und extrahieren? Vorbeugendes Einsperren ist jedenfalls ein Konzept, das ich radikal ablehne und das sicher nicht mit unserer Verfassung in Einklang zu bringen ist. Diejenigen, die die Freiheit menschlicher Entscheidungen bestreiten, strapazieren die grundgesetzlich geschützte Freiheit von Forschung und Lehre ganz schön…

{ 2 } Comments

  1. Vasco Dos Santos Pedro | October 18, 2006 at 1:28 | Permalink

    Lieber Herr Funke,
    Gerhard Roth aus Bremen ist für solche provokanten Aussagen in der “Szene” bekannt und hat damit schon für reichlich Gesprächs(spreng-)stoff gesorgt.
    Da ich hier in der Uniklinik neben meiner klinischen Tätigkeit auch neurowissenschaftlich und neuropsychologisch tätig bin, muss ich eine Pauschalisierung aller Neurowissenschaftlicher als “Neo-Eugeniker” o . ä. zurückweisen.
    Glücklicherweise Denken und Handeln nicht alle neurowissenschaftlich tätigen Kolleginen und Kollegen wie G. Roth. Sicher, es scheint verlockend solche Aussagen mit den aktuellen Bildgebungsverfahren stellen zu wollen, doch wie mit den Genforschung aus den letzten zwei Jahrzehnten ist auch hier die Aussagekraft viel limitierter!
    Jetzt speziell bezogen auf die Schizophrenie- und gerontopsychiatrische Forschung kann ich nur sagen: Hier ist das Ziel, pathologische Prozesse mit Hilfe von neurowissenschaftlichen Methoden besser und vor allem frühzeitiger zu verstehen und dementsprechend vernünftige Behandlungsrichtlinien für die betroffenen Patienten abzuleiten. Wegsperren oder sonstiger Unfug wären hierfür mehr als lächerlich (und gefährlich)!
    Die provokanten und zum Großteil haltlosen Aussagen von Roth erzeugen bei mir ebenfalls Wutgefühle, da es die ganze Neurowissenschaft in Verruf bringt. Abgesehen davon, spricht es ja ganz gegen die Auffassung einer “neuronalen Plastizität”.
    Da halte ich es lieber mit dem Nobelpreisträger Eric Kandel, der erst vor wenigen Monaten im DAI auf die Frage “Was halten Sie von der Aussage, dass es keinen freien Willen gibt” folgendermaßen geantwortet hat: “Das halte ich für blöd! Neuronal gibt es für diese Annahme keine wissenschaftliche Grundlage”.

    Die Neurowissenschaften steckt voller Möglichkeiten und leider auch voller Gefahren, wenn die so Auswüchse wie bei Roth annimmt. Hoffe, dass die Vorzüge stets in der Überhand bleiben.

    Ihr Alumnus

    Vasco Dos Santos Pedro

  2. JoFu | October 18, 2006 at 6:21 | Permalink

    Lieber Vasco Dos Santos Pedro,

    es lag mir fern, die gesamte Neuroscience mit Herrn Roths Ansichten gleichzusetzen - ich bin erfreut, wie Sie sich davon distanzieren! Genau das würde ich erwarten! Prima! Allerdings prägen Personen wie Roth natürlich das Bild in der Öffentlichkeit und machen Meinung!

    Beste Grüße, Ihr JF

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