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Verordnete Kreativität?

Kreativität: Dieser Begriff ist in aller Munde! Wer möchte nicht als Wissenschaftler kreativ sein! Sei kreativ! Auf zum Kreativitätskurs, lösen wir einen Gehirnsturm aus („brain storming“) oder warten auf den genialen Einfall!

Alle Welt will Kreativität fördern – wie schön wäre es, fände man für kreative Stunden einmal Ruhe und Muße! Kreativitäts-Workshop und Ideenbörse hier, Zukunftswerkstatt und Utopie-Gruppe dort: Was wird nicht alles getan, um den letzten Funken an Einfällen aus dem Gehirn zu kitzeln! Zugleich wird immer mehr evaluiert, kontrolliert und reglementiert, um auch den letzten Rest freier Zeit durchzuplanen.

Nun gehört es allerdings zum anarchischen Wesen der Kreativität, dass sie weder geplant noch verordnet werden kann. Auch Disziplin allein wird die Muse nicht zum ersehnten Kuss verführen. Gut dagegen wäre: mehr Zeit, weniger Druck, mehr Vertrauen. Ob am Ende etwas Interessantes, gar ein neuer Gedanke herauskommt, wird man sehen.

Tatsächlich wird die viel gepriesene Drittmittelförderung immer mehr zu einem starren Korsett, in dem die Außensteuerung wirksam wird: Was ich vor drei Jahren beantragt habe, muss ich jetzt auch in die Tat umsetzen – andernfalls sind Begründungen an den Projektträger fällig, warum man nicht damals schon die bessere Idee gehabt hat. Einfacher macht man es sich, wenn man den Arbeitsplan unverändert durchzieht – an alten Ideen haften zu bleiben, ist nicht begründungspflichtig, neue Ideen (und damit Abweichungen vom Plan) kosten dagegen zusätzlich Nerven (und Zeit) für die geforderte Rechtfertigung.

Ein Blick in die Geschichte kreativer Erfindungen zeigt, dass sie gerade nicht als Ergebnisse von ausgeklügelten Anreizprogrammen oder Kreativitätsübungen in Erscheinung treten, sondern häufig Resultate von eigenbrödlerischen Intelligenzen sind, die mit teils milder, teils heftiger Besessenheit bestimmte Ideen verfolgen und sich dabei nur wenig um die Meinungen ihrer Zeitgenossen kümmern (wohl manchmal um die der Peers!). Die kreative Idee, die urplötzlich über ihren Entdecker gekommen zu sein scheint und die dem Außenstehenden wie ein göttlicher Geistesblitz erscheinen mag, stellt sich bei näherer Betrachtung oft als Ergebnis langwieriger Vorarbeiten dar (man denke nur an Thomas Edisons’ Diktum: „Genius is 1 percent inspiration and 99 percent perspiration”.)

Wie so oft haben wir es hier mit einer Wechselwirkung von Person und Umwelt zu tun: Kreative Milieus sind leicht zu spüren, wenn man ihnen begegnet, aber schwer zu beschreiben und noch schwerer gezielt herzustellen – allenfalls kann man Gelegenheiten schaffen. Was hilfreich beim Herstellen solcher Gelegenheiten ist: Intelligente Personen mit milden Formen von Besessenheit in einem kreativen Milieu mit viel Zeit und Anregungspotenzial.

So sehr wir uns alle diese kreativen Milieus in einer kreativ ausgerichteten Organisation wie der Ruperto Carola wünschen: Am Ende ist es das kreative Individuum, das mit seinen neuen Ideen die Wissenschaft voranbringt. Dass es dafür günstig wäre, organisationsseitig mehr Freiräume, mehr Vertrauen zu bekommen und mehr Mut zum Risiko zu zeigen, steht außer Frage.

Kreativität ist ein zartes Pflänzchen – ohne geduldige Pflege kommt da nur ein dürres Gewächs heraus! Lasst sie uns gießen, mit Sonne bescheinen und düngen, damit die Ideen wachsen und erblühen können. Ein guter Gärtner liebt dieses Pflänzchen und weiß, dass man die besonders schönen Blüten nicht erzwingen kann. Aber wenn das Klima stimmt, gibt es allen Grund zur Hoffnung!

[Dieser Beitrag ist erstmals im Hochschulmagazin "Ruperto Carola" 3/2011 (S. 47)  erschienen unter der Rubrik "Meinung"]

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