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DGPs-Kongress 2012 Bielefeld

Alle 2 Jahre treffen sich (seit 1904) deutschsprachige Akademiker der Psychologie auf dem Kongress der “Deutschen Gesellschaft für Psychologie” (DGPs). Vom 23.-27.9.12 fand diesmal der Kongress in “Bielefeld” statt (die Anführungszeichen haben hiermit zu tun). Gut 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben aus etwas mehr als 2000 Kongressangeboten (Vorträge, Poster, Symposien, Arbeitsgruppen etc.) auswählen können.

Der scheidende Präsident der DGPs Peter Frensch hat in seinem Bericht zur Lage der Psychologie sowohl das Lehrfach als auch Forschung und Berufsperspektiven in den letzten Jahren untersucht.

  1. Psychologie als Studienfach: Ein erstaunlicher Anstieg der Studierendenzahl von 2007 an von 31.000 auf 44.000, der allerdings vor allem auf die (nicht zulassungsbeschränkte) FernUni Hagen zurückgeführt wurde: dort sind z.Zt. 13.000 Psychologie-Studis immatrikuliert! Ausserdem interessant: in den letzten 10 Jahren ist es durch den Anstieg privater Fachhochschulen auch zu einem weitern Anstieg der dortigen Studierenden gekommen: von 500 Studierenden/2001 auf 3500/2010. Insgesamt ist eine Verbesserung der Betreuungsrelation in unserem Fach zu konstatieren: der jetzige Wert von 1 Dozent/48 Studierende ist deutlich besser als vor 10 Jahren. Ausserdem kam es zu einer Verbesserung des Frauenanteils bei den Uni-Stellen, wenngleich andere Fächer da noch besser waren.
  2. Psychologie als Wissenschaft: Im Jahr 2010 gab es erstmals >10.000 Publikationen aus der deutschsprachigen Psychologie, davon 35% in Englisch (in der Allgemeinen Psychologie sogar zu 80% auf Englisch). Insgesamt haben wir nach Ansicht des Präsidenten eine gute Drittmittel-Bilanz und sehr gute internationale Publikationen.
  3. Psychologie als Beruf: nach einer kürzlich durchgeführten Absolventenbefragung wollen 90% der BSc-Absolventen einen Master machen. Das verschärft die Übergangsproblematik von Bachelor zu Master. Hinsichtlich Berufsfeldern zeigt eine Analyse von Stellenangeboten, dass sie zu 1/3 Wirtschaft, 1/3 Wissenschaft und 1/3 klinische Berufe betreffen. Die Psychologen-Arbeitslosigkeit 2009-2011 ist konstant niedrig mit 1500 gemeldeten Arbeitssuchenden.

Was waren wissenschaftliche Erkenntnisse, die ich mitbringe? Natürlich habe ich nur einen kleinen Teil des riesigen Programms verfolgen können, aber gut gefallen hat mir z.B. die Posiumsdiskussion zum Thema “Replizierbarkeit”. Psychologie als Naturwissenschaft gesehen sollte die Replizierbarkeit von Befunden groß auf ihre Fahne schreiben - tatsächlich sind die Zeitschriften jedoch gefüllt mit ständig neuen Paradigmen und Experimenten. Herausgeber lehnen die Veröffentlichung einer bloßen Replikation als “langweilig” ab, Autoren punkten mehr mit sexy Neuigkeiten als dem Nachmachen alter Hüte. Fehlgeschlagene Theorietestungen fallen häufig unter den Tisch, sodass die publizierte Fachliteratur mit ihrem Hang zu Signifikanzen einen verzerrten Blick auf die Welt liefert (”filedrawer problem“). Diskutiert wurden verschiedene Möglichkeiten, diesem Problem entgegenzutreten. Auch die Frage, was eine Replikation ausmacht (vom “Klon” des Experiments bis hin zur konzeptuellen Replikation), ist zu klären. Ebenfalls interessant: randomized controlled trials (RCT), bei denen man vor Untersuchungsbeginn das Design der geplanten Untersuchung, die verwendeten Variablen und die klar formulierten Hypothesen hinterlegen muss - später kommen dann die Ergebnisse dazu (siehe z.B. unsere Plan-a-Day Studie). Ich bin gespannt, wie sich diese Debatte weiterentwickelt.

Helen Fischer und Christina Degen haben die von uns entwickelte Kritik an der These von John Sterman vorgetragen, wonach Menschen die Dynamik von “Stock and Flow” nicht begreifen. Sie konnten zeigen, dass es sich vermutlich um einen reinen Formateffekt handelt: werden die kritischen Verständnisfragen in etwas einfacherer Form gestellt, verstehen die Testpersonen sehr wohl, wie sich Bestände in Abhängigkeit von Zu- und Abflüssen entwickeln.

Auch gut gefallen hat mir das von meiner Doktorandin (ich nenne sie so, weil ich das externe Gutachten über Ihre Diss verfasst habe) Amory Danek organisierte und in englischer Sprache abgehaltene Symposium “New Paradigms in Insight Problem Solving”, in dem Amory Danek (München) ihre Zaubertricks vorgestellt hat [siehe auch meinen Blog http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2011/11/23/einsicht-in-zaubertricks/], Hilde Haider (Köln) über Einsicht beim impliziten Lernen gesprochen hat, Michael Öllinger (München) das Neun-Punkte-Problem sowie die Katona’sche Streichholzaufgabe analysiert hat, Daniel Holt (HD) das RushHour-Paradigma vorgestellt hat, Andreas Fischer (HD) die Prozesstheorie komplexen Problemlösens beleuchtet hat und ich selbst über unsere Idee minimal komplexer Systeme zur Erfassung des Problemlösens berichtet habe. Über diese unsere Ideen hat übrigens Samuel Greiff in einem anderen Symposium berichtet, wo er die Skalierung cross-curricularer Kompetenzen in PISA am Beispiel des komplexen Problemlösens illustriert hat.

Interessant war auch ein Hauptvortrag von Heinz-Martin Süß (Magdeburg) zum Thema “Soziale Intelligenz”, der nach aufwändigen Testentwicklungen zur Erfassung sozialer Intelligenz zum Urteil kommt, dass der Begriff “S.I.” allenfalls als Oberbegriff für ein Sammelsurium an Fähigkeiten taugt, nicht aber zur Bezeichnung eines eigenständigen Konstrukts. Allenfalls soziales Wissen bzw. soziales Verständnis ließe sich zufriedenstellend identifizieren und messen.

Neben allen inhaltlichen Kongressveranstaltungen ist eine derartige Tagung aber auch ein soziales Event: Man trifft Personen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, und erzählt ein wenig, trinkt einen Kaffee mit alten Freunden und trifft an den Ausstellungsständen seine Verleger. Selbst beim Frühstück und bei den abendlichen Treffen sitzt man mit interessanten Leuten zusammen und tauscht sich aus. Die soziale Dimension eines derartigen Kongresses kann nicht hoch genug veranschlagt werden.

Dem neuen DGPs-Präsidenten Jürgen Margraf und seinem Vorstandsteam wünschen wir alle sicher viel Erfolg bei den vielen anstehenden Problemen, von denen der rechtliche Rahmen für den Zugang zur Therapeutenausbildung oder den Übergang vom Bachelor- zum Master-Studium nur einen kleinen Ausschnitt darstellen.

In 2 Jahren wird der nächste DGPs-Kongress in Bochum stattfinden - ich hoffe, ich kann wieder mit dabei sein!

{ 1 } Comments

  1. Bernd Reuschenbach | October 11, 2012 at 8:04 | Permalink

    Einige kritische Anmerkungen zum RCT:
    Wenn nun auch in der Psychologie mit ihrer langen methodischen Tradition die “randomized controlled trials” (RCTs) als erstrebenswerte Methode angepriesen werden, dann hat der „evidence based medicine“ –Virus offensichtlich neben der Pflegewissenschaft auch schon andere Fachdisziplinen infiltriert.

    Nüchtern betrachtet ist festzustellen, dass das RCT genau die Merkmale aufweist, die schon 1969 Jürgen Bredenkamp* für ein klassisches Experiment benennt. Dass in der Medizin Experimente vorab im ICMJE gemeldet werden können - nicht müssen- ist sicherlich nicht definierend für ein RCT.
    Nun verkaufen sich RCTs in der evidence based medicine natürlich besser. RCTs sorgen für einen höheren impact und werden eher zitiert. Gleichwohl ist festzuhalten, dass an der RCT-Orientierung doch auch heftige Kritik geübt wird, z.B.
    „“They (RCTs) don’t tell you the critical information you need, which is which patients are going to benefit from the treatment.”
    http://www.apa.org/monitor/2010/09/trials.aspx

    Für die Psychologie möchte ich warnend auf die Richtlinien zur Durchführung und Darstellung von RCTs hinweisen, z.B. die CONSORT-STATEMENTS. Hier wird alles reguliert, was für experimentell arbeitende Psychologen selbstverständlich ist. Ähnliches gilt für Testverfahren, bei denen STARD-, GRADE- und QUADAS-Richtlinien zum Einsatz kommen sollen. Neuster Trend: Die Systematisierung von „komplexen Interventionen“ durch die Kriterienliste CREDECI. Eine Diskussion darüber, was hier die „Kompelxität“ ausmacht, findet kaum statt. Letztlich handelt es sich um banale Empfehlungen für die Durchführung von Forschung im Feld, die jedem Sozialwissenschaftler und Psychologen längst vertraut sind. Und so dreht sich die Deprofessionalisierungsspirale ausgehend von der Medizin weiter. Geforscht wird nach Kochbuch und nicht mit wissenschaftlicher Expertise. Möge die Psychologie mit methodischem und methodologischem Sachverstand daher den Mut besitzen, selbstbewußt weiterhin Experimente durchzuführen, während in der Medizin RCTs durchgeführt werden– auch wenn beides das gleiche ist.

    * Bredenkamp, J. 1969 (a). Experiment und Feldexperiment. In: Graumann, C. F. (Hrsg.): Handbuch der Psychologie. Bd. 7: Sozialpsychologie. I. Halbband: Theorien und Methoden. Göttingen: Hogrefe, 332-374

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