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Gastbeitrag “To publish or not to publish … Vom langen Atem in der Wissenschaft”

Gastbeitrag von Monika Sieverding

Publish or perish“ heißt eine bekannte Devise in der Wissenschaft. Manchmal muss man einen ganz schön langen Atem haben, um dieser Devise folgen zu können. Im Januar 2011 haben Laura Schmidt, Julia Obergfell, Fabian Scheiter und ich Ergebnisse einer Studie zum Thema „Stress und Studienzufriedenheit bei Bachelor- und Diplom-Psychologiestudierenden im Vergleich“, die auf einer Diplomarbeit von Laura Schmidt und Julia Obergfell aufbaut (s. das Buch: Zwangsjacke Bachelor?) bei der Psychologischen Rundschau eingereicht, das Manuskript wurde nach gründlicher Revision im Januar 2012 endgültig angenommen, und nun, im April 2013 ist der Artikel endlich erschienen …

Mehr als 2 Jahre zwischen Einreichung und Veröffentlichung und das bei demselben Journal … Ist die Erfahrung mit diesem Publikationsvorgang eine Ausnahme? Nein, absolut nicht. Ein Manuskript aus dem gleichen Forschungsprojekt wartet bei einem anderen Journal nach Wiedereinreichung der Revision seit mehr als 5 Monaten auf eine Entscheidung. Ein weiteres Manuskript aus einem anderen Forschungsprojekt unserer Arbeitsgruppe befindet sich zur Zeit in der 3. Revision, die Herausgeberin des Journals hat angekündigt, dass noch mindestens ein Revisionsvorgang erfolgen wird, danach dann nur noch (!!!) ein formaler Begutachtungsvorgang. …

Man muss also nicht nur einen langen Atem, sondern auch eine hohe Frustrationstoleranz haben und darf vor allem die Rückmeldungen (oder zwischenzeitlich eben auch: Nicht-Rückmeldungen) nicht persönlich nehmen. Es gibt zum Glück ab und zu auch positive Gegenbeispiele. Der Gastherausgeber der Zeitschrift „Appetite“ z.B., bei der Nadine Ungar, Tatjana Stadnitski und ich ein Manuskript eingereicht hatten, fand unsere Studie, in der wir eine „5-am-Tag-Intervention“ mit einer „Just one more“-Intervention verglichen hatten, so interessant, dass er nach Einreichung der Revision dafür sorgte, dass der Artikel in kürzester Zeit (und zwar innerhalb eines Monats!) erscheinen konnte. Solche Erfahrungen, die eine Belohnung der ‚Schreibaktivität‘ nach einer überschaubaren Zeit beinhalten, sind zwischendurch unbedingt notwendig, um die Motivation zum Schreiben und Publizieren aufrecht zu erhalten.

Klar: die langen Wartezeiten entstehen ja unter anderem dadurch, dass wir alle zunehmend mit Review-Anfragen überschüttet werden, jedes einzelne Review kostet viel Zeit. Immer mehr Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sollen immer mehr publizieren, immer mehr eingereichte Manuskripte müssen im Peer-Review-Verfahren begutachtet werden…

Ich gebe zu: Manchmal gab es Momente, in denen ich die Reviews nicht ganz so konstruktiv fand und mir überlegt habe, ob ich mir eine weitere Revision sparen soll. (Vor allem dann, wenn die Veränderungen in der Revision, die aufgrund der Empfehlungen von Reviewer X vorgenommen wurden, anschließend von Reviewer Y schärfstens kritisiert werden …) Vor kurzem habe ich – nach reiflicher Überlegung – auch mal ein Review ganz zurückgewiesen, weil es schlicht und ergreifend unsachlich und unqualifiziert war. Im Großen und Ganzen aber habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Reviews zu einer deutlichen Verbesserung der Manuskripte beitragen, und ich habe durch die wertvollen Anregungen der Kollegen und Kolleginnen schon sehr viel gelernt. Und wenn dann erst mal der Artikel gedruckt vor einem liegt, dann ist der Frust über die lange Wartezeit fast schon wieder vergessen, und man ist einfach nur stolz.

{ 1 } Comments

  1. Werner Stangl | May 28, 2013 at 3:24 | Permalink

    Als nun schon seit zwei Jahren im Ruhestand Befindlicher kann ich Monika Sieverding nur zustimmen, wobei es vermutlich für mich in den Anfangsjahren noch einfacher war zu publizieren. Ich habe da den Fehler gemacht, das immer ohne Unterstützung - also ohne “Anschub” von meinem Vorgesetzten - in Zeitschriften unterkommen zu wollen. Zwar habe ich es mit vielen Artikeln dennoch geschafft, aber erst sehr spät begriffen, dass es in der Wissenschaft “Unterwerfungsrituale” gibt, denen man sich beugen muss. Auf meinem ersten Kongress in Regensburg hatte ich einen Sticker erhalten, auf dem stand “Psychologie, mon amour!”, und ich war viele Jahre lang so naiv zu glauben, dass das das Wichtigste ist. Ich habe mich getäuscht und so vielleicht eine bedeutendere Karriere verpasst, aber heute im Rückblick kann ich sagen, dass es das Einzige ist, was letztlich im Leben zählte. Psychologie ist eine wunderbare Wissenschaft! Vermutlich die einzige neben der Philosophie, zu der man eine “Beziehung” haben kann.

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