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Complex problem solving als MOOC?

Massive open online courses” - kurz MOOC genannt - sind seit einigen Jahren zu einem neuen Unterrichtsmodell geworden: Bekannte Forscher geben online Unterricht zu ihren Spezialthemen. Und dies nicht für eine kleine Gruppe von Teilnehmenden, sondern für eine riesige Gemeinde von Interessierten. Die Kurse aus Stanford oder Berkeley haben teilweise >100.000 Teilnehmer! (Zumindest am Anfang - durchhalten bis zum Ende incl. Prüfung tun Bruchteile davon).

Große kommerzielle Plattformen wie Coursera, Udacity oder Udemy bieten neben nicht-kommerziellen Plattformen wie eDX oder P2PU inzwischen zertifizierte Kurse an, mit denen man Kreditpunkte sammeln kann. Unklar ist allerdings, ob sie und wie sie anerkannt werden. Die Nachfrage scheint jedenfalls sehr hoch zu sein.

Nun hat die elearning-Plattform iversity zusammen mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft eine Förderung von 10x 25.000 Euro Anschubfinanzierung für die Einrichtung eines MOOC an deutschen Hochschulen ausgelobt. Bei diesem Wettbewerb habe ich mich beteiligt! Zusammen mit unserer Master-Studentin Mareike Walther habe ich ein Bewerbungsvideo produziert und ein kleines Kurskonzept zum Thema “Complex Problem Solving” erstellt und eingereicht (der Link dazu steht am Ende dieses Beitrags).

Warum nehme ich daran teil? Was erhoffe ich mir von einem MOOC-Kurs? Es ist ja nicht so, als wären wir Professoren lehrmäßig nicht ausgelastet - auch ich freue mich jedes Mal auf das alle vier Jahre mögliche Forschungssemester, wo man lehrfrei seinen Forschungsinteressen nachgehen kann. Warum dann ein MOOC? Neben meiner Neugier auf dieses Format (und abgesehen von der Tatsache, dass mich ein Heidelberger Absolvent nominiert hat - danke!) ist es vor allem die Möglichkeit, einen Kurs zu gestalten, der ausschließlich mein Fachgebiet und meine Expertise anspricht. Ich mache also genau das, was ich meine am besten zu können: Informationen zum Forschungsstand auf meinem ureigensten Gebiet! Der zweite Grund: in diesen Kurs kommen nur Teilnehmer, die am Thema Interesse haben. Das ist ein Unterschied zu mancher Pflicht-Lehrveranstaltung, an der Studierende aus extrinsischen Gründen teilnehmen (weil sie es müssen, nicht weil sie es wollen). Dies scheint mir das beste Argument: ein Kurs wird angeboten, weil ihn Leute hören wollen, weil sie etwas lernen wollen - nicht weil sie gerade noch 4 Leistungspunkte für ihr Studium brauchen.

Ich glaube, dieses eigengetriebene Interesse der Lernenden ist für mich so wichtig, weil ich in meinem eigenen (überlangen) Studium viele Veranstaltungen (in Philosophie, Soziologie, Ethnologie, Kunstgeschichte, Germanistik) einfach nur aus Interesse an den Inhalten besucht habe und dies für mich - trotz manchmal miserabler Didaktik der Dozierenden - sehr ergiebig war, weil ich mich auch unabhängig von den Dozierenden mit dem Thema auseinandergesetzt habe! Hier sehe ich mit MOOC eine neue Chance auf ein interessegeleitetes, neugiergetriebenes Studium frei von Zertifikaten wie BSc und MSc sowie frei von einer Währung (”Leistungspunkte”). Lernsituationen müssen von Leistungssituationen wieder entkoppelt werden, um angstfreies Lernen möglich zu machen - so hat das schon Franz Emanuel Weinert 2002 gefordert (siehe Weinert, F. E. (Hrsg) (2002). Leistungsmessung in Schulen. Weinheim: Beltz, S. 357).

Natürlich soll dies nicht meine Verpflichtungen in der Präsenzlehre mindern - im Gegenteil: ich hoffe sehr, dass hier eine wechselseitige Befruchtung stattfindet. Vielleicht finden sich ja Studierende vor Ort, die MOOC plus Präsenzlehre machen? Diese Art von blended learning wäre natürlich klasse!

Tatsächlich gibt es in MOOCs erheblichen Drop-Out: Viele schauen einfach mal herein, bringen den Kurs aber nicht zu Ende - das ist für mich kein Problem! Bei mir soll damit kein Geld verdient, sondern es sollen Erkenntnisse verbreitet werden. Und wenn jemand nur einen Teil der Info mit nimmt: auch gut! Dezidiert nicht-kommerzielle Alternativen finden sich unter dem Stichwort “COIL” (collaborative online international learning), siehe hier.

“To give psychology away” - dieses Statement von George Miller (1969) habe ich immer als wichtig erachtet. Mit MOOC eröffnet sich die Chance, weltweit Interessierten unsere Erkenntnisse zum Lösen komplexer Probleme vorzustellen und aus den Rückmeldungen zu lernen. Mal sehen, ob da nicht etwas Interessantes entsteht!

Gut 250 Vorschläge sind eingereicht, 10 werden gefördert. Mitentscheidend für einen Zuschlag ist die öffentliche Zustimmung zu den Kursen während der Abstimmungsphase zwischen dem 1. Mai 2013 und dem 23. Mai 2013. Also, wenn Sie mich unterstützen wollen: Geben Sie mir Ihre Stimme! Die Verkündung der Sieger wird am 10.6.2013 erfolgen.

Nachtrag 11.6.13: Leider bin ich nicht unter die 10 ersten gekommen - danke trotzdem für die zahlreichen Votes und netten Mails! Das Bewerbungsvideo liegt jetzt auf YouTube.

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