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Heidelberger Jahrbücher Online: Band 1 (2016)

Zitat: “Vor 150 Jahren, im Oktober 1807, veröffentlichten neun Heidelberger Professoren die Ankündigung einer Heidelbergischen Literaturzeitung. Zu den Gelehrten, die gemeinsam mit der “Akademischen Buchhandlung” Mohr & Zimmer zum Bezug der “Heidelbergischen Jahrbücher der Literatur” aufforderten, gehörten der Ordinarius für klassische Philologie Georg Friedrich Creuzer, der Theologe Daub, der Staatswissenschaftier Langsdorf, der Jurist Thibaut und der Historiker Wilken.

Die ersten Jahre des Erscheinens dieser neuen Literaturzeitschrift trafen mit dem jähen und kur­zen Aufstieg der Heidelberger Romantik zusammen. Es war ein die Geister lebhaft bewegendes Ereignis, an dem die Universität ihren Teil hatte und das auch in ihren Reihen die Rationalisten von den Romantikern, die “Vossiden” von den “Wunder­hornisten” schied. Zunächst war in den Heidelbergischen Jahrbüchern die romantische Richtung herrschend. Sie machte die Zeitschrift für einige Jahre zu ihrem wichtigsten Rezensionsorgan, an dem die Brüder Grimm, Görres und Savigny mitwirkten und das Goethes Aufmerksamkeit immerhin in solchem Ausmaß weckte, daß er sich 1816 von Sulpiz Boisserée die ersten sieben Jahrgänge “um ein Billiges” erbat. Alfred Kloß hat 1916 in einer von Albert Köster angeregten und zuverlässig unter­richtenden Leipziger Dissertation diese Anfangszeit der Jahrbücher untersucht und beschrieben.

Die Zeitschrift erschien ohne Unterbrechung in 65 Jahrgängen bis 1872 und wurde 1891 im Verlag von G. Koester, Heidelberg, unter dem Titel “Neue Heidelberger Jahrbücher” durch den Historisch-Philosophischen Verein in veränderter Form, jetzt nicht mehr als Rezensionszeitschrift, sondern als ein Jahrbuch mit Auf­sätzen vorwiegend historischen und philologischen Charakters neu herausgebracht.” Zitatende (Quelle: Vorwort des Jahrbuchs von 1957, hrsg. von der Universitätsgesellschaft Heidelberg).

Nach dieser bereits wechselvollen Geschichte, die nur durch die beiden Weltkriege unterbrochen wurde, erschienen die Heidelberger Jahrbücher seit 1950 wieder ohne Unterbrechung. Seit 1999 wird in jedem Band ein fachübergreifendes Thema aus unterschiedlichen Positionen beleuchtet. Ziel ist es, das Gespräch und den Kontakt der Wissenschaften untereinander zu fördern. Seit 2003 ist die Gesellschaft der Freunde (GdF) Herausgeber der Schriftenreihe. Verantwortliches Mitglied für die Jahrbücher ist das langjährige Vorstandsmitglied Prof. Dr. Dr. h.c. Joachim Funke, der heutige Vorsitzende der GdF.

Infolge stark gestiegener Publikationskosten wurde der Vertrag mit dem Springer-Verlag 2014 gekündigt, der Band 54 zum Thema Menschenbilder war der letzte noch von Springer verlegte Band. Bereits mit dem Band 55 unter dem Titel “Universität Heidelberg. Menschen, Lebenswege, Forschung” (ein Geschenk der GdF an die Universität zur 625-Jahr-Feier) trat unsere Gesellschaft nicht nur als Reihen-Herausgeber, sondern auch als Verleger auf, allerdings auch in diesem Fall mit nicht unerheblichen Kosten.

Nach einigen Überlegungen beschloss daher der Vorstand der GdF auf meinen Vorschlag hin, in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek die Reihe vom Printmedium auf das digitale Medium (mit Print-Option) umzustellen. Der Titel der Reihe wurde entsprechend umgeändert in “Heidelberger Jahrbücher Online” (HDJBO), die Bandzählung für diese Reihe mit Band 1 im Jahre 2016 neu gestartet. Die digitale Version wird in der “Open Journal System”-Infrastruktur OJS (siehe hier) geführt, deren Finessen unsere Redaktionsassistentin Julia Karl fest im Griff hat.

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 1 (2016)

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 1 (2016)

Eingebunden ist die Reihe in das Programm von Heidelberg University Publishing (HeiUP), dem neuen Open-Access Publikationssystem unserer Universität. HeiUP stellt das Projekt dar, von dem ich seit langem geträumt habe (siehe meinen Blog-Eintrag dazu aus dem Jahr 2010) und das nun dank DFG-Förderung durch die Universitätsbiliothek fachkundig realisiert wird.

Unter dem Titel “Stabilität im Wandel” haben die Band-Herausgeber, der Biologe Michael Wink und der Psychologe Joachim Funke, nun acht Beiträge für den ersten Jahrgang ausgewählt, die aus Sicht sehr unterschiedlicher Disziplinen auf das Thema verweisen: Stabilität im Wandel. Das Wörtchen “im” im Titel ist uns wichtig - mit “und” kann man alles Mögliche verbinden, mit der Präposition “im” legen wir uns dagegen fest: Wandel ist überall, und trotzdem gibt es bei allem Wandel ein erhebliches Ausmass an Stabilität. Das ist eben Stabilität im Wandel. Hier eine kurze Charakterisierung der acht Beiträge (dem Vorwort entnommen):

  • Der Biologe Michael Wink eröffnet mit seinem Beitrag „Panta rhei - Zufall, Wandel und Evolution charakterisieren unsere Welt“ den Grundgedanken unserer Themenwahl: Eine Welt voll von Wandel und dennoch mit von uns Menschen phänomenal wahrgenommener Stabilität. Wandel der Kontinente, des Klimas, der Biodiversität, sozialer Strukturen: Der Gedanke stabiler Verhältnisse scheint aus wissenschaftlicher Sicht eher ein Wunschtraum als die Wirklichkeit zu sein. Diese Wandlungsprozesse sollten ernst genommen werden aus Verantwortung für den Planeten Erde.
  • Der Geograph Hans Gebhardt greift mit seinem Beitrag „Das „Anthropozän“ - zur Konjunktur eines Begriffs“ den Klimawandel auf. Mit der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren beginnt ein neues geologisches Zeitalter - Anthropozän genannt -, das durch menschliche Eingriffe in die Natur gekennzeichnet ist. Gebhardt verdeutlicht, dass der neu geprägte Begriff zwar erfreulicherweise die Aufmerksamkeit auf die enge Verbindung von Natur, Sozialem und Technik lenkt, aber zugleich eine Reihe von kritischen Aspekten mit sich bringt, die seinen Gebrauch fragwürdig erscheinen lassen. Zumindest für die Geographen sei es – so Gebhardt – ein überflüssiger Begriff.
  • Die Biologen Mathias Hafner und Rüdiger Rudolf beschäftigen sich in ihrem Beitrag „Mare nostrum - mare mutatur: die Biodiversität des Mittelmeers im Wandel der Zeiten und unter dem Einfluss des Menschen“ mit den vielfältigen Aspekten des Konzepts „Biodiversität“, das sich als ein sehr dynamisches Konstrukt erweist. Am Beispiel der Artenvielfalt des Mittelmeers werden zahlreiche Phänomene dieses marinen Ökosystems diskutiert. Der nur Teilen erfolgreiche Aufbau nachhaltiger Fischerei durch marine Schutzzonen zeigt, daß noch mehr getan werden muß, wenn man das Mittelmeer als Biodiversitäts-Hotspot erhalten möchte.
  • Die Physiker Jörg Hüfner und Rudolf Löhken beschreiben „Die zwei Wege des Georges Lemaître zur Erforschung des Himmels“. Der Belgier Georges Lemaître (1894-1966) hat sich dem Himmel als Physiker und als Geistlicher genähert. Als Physiker war er der Entdecker der Expansion des Universums und hat auch als erster die Idee des Urknalls formuliert. Als Geistlicher hat er die Vorstellung eines „verborgenen Gottes“ entwickelt – eine Idee, die mit seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten durchaus in Einklang zu bringen war. Wandlung durch Expansion, Stabilität durch ein Schöpferkonzept: auch hier ein Echo unseres Rahmenthemas.
  • Der Mediziner Ernst G. Jung und der Psychologe Joachim Funke widmen sich mit dem Thema „Kosmetik im Wandel der Jahrtausende“ einem Bereich, der über die gesamte bekannte Geschichte hinweg Menschen beschäftigt hat: Wie kann man seine äußere Erscheinung durch Hilfsmittel verschönern? Ein stabiles Anliegen von Menschen mit immer neuen Ausdrucks- und Erscheinungsformen. Schönheitskonzepte werden ebenso angesprochen wie die moderne Kosmetikindustrie, die mit unseren kulturell vermittelten Bedürfnissen Geld verdient.
  • Der Medienwissenschaftler Hans Giessen befasst sich unter dem Titel „Mediengestaltung im Wandel der Technologien - Wie Handys die Videoproduktion verändern“ mit den verschiedenen medialen Erscheinungsformen bewegter Bilder. Im Vergleich zu Kino und Computermonitor wird der kleine Schirm des Handys näher betrachtet: was bleibt gleich, was ändert sich? Sowohl formale als auch inhaltliche Aspekte sind durch das Medium „Handy“ in neue Formen verwandelt worden – Stabilität im Wandel auch hier!
  • Mit dem Kapitel „Psychiatriereform in Deutschland. Vorgeschichte, Durchführung und Nachwirkungen der Psychiatrie-Enquête“ des Psychiaters Heinz Häfner liegt ein spannender Erfahrungsbericht über den Wandel im Umgang mit psychisch Kranken vor. Die durch durch die Psychiatrie-Enquête ausgelöste Reform der psychiatrischen Versorgung, an der der Autor (zugleich Gründer des ZI Mannheim) maßgeblich beteiligt war, zeigt nicht nur ein Stück Geschichte der Gesundheitspolitik, sondern verdeutlicht auch einen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit psychisch Kranken, der in Deutschland wie sonst nirgendwo vollzogen wurde. Das Phänomen psychischer Erkrankungen bleibt stabil, der gesellschaftliche Umgang damit hat sich drastisch geändert.
  • Der Historiker Detlef Junker beleuchtet in seinem Beitrag „Botschafter Jacob Gould Schurman und die Universität Heidelberg“ ein interessantes Kapitel der Geschichte deutsch-amerikanischer Beziehungen. Die bewegte und wechselvolle Geschichte der Beziehungen zwischen der Universität Heidelberg und den USA wird am Beispiel der Spendenkampagne für ein neues Kollegiengebäude am Universitätsplatz deutlich: War zunächst in den 1920er Jahren zunächst große Freude über das Engagement amerikanischer Freunde angesagt, hat sich diese Einschätzung nach der Machtergreifung durch die Nazis verändert. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte der Faden wiederaufgenommen werden und in Form des heutigen „Heidelberg Center for American Studies“ (HCA) zu neuen Ehren gelangen, das vom Autor des Beitrags gegründet wurde. Auch hier: Stabilität der Beziehungen und Wandel im äußeren Erscheinungsbild.

Wie man sehen kann, umfassen die Themen eine breite inhaltliche Auswahl, die die Omnipräsenz des Rahmens „Stabilität im Wandel“ belegen. Dies passt zum Anspruch der Universität Heidelberg, als Volluniversität eine große Spannbreite inhaltlicher Schwerpunktsetzungen abdecken zu können und damit einseitige Perspektiven zu vermeiden.

Michael Wink und ich sind gespannt, wie das neue digitale Format ankommt und wie unser Jahrgangsthema aufgenommen wird. Feedback ist erwünscht!

Frühere Blog-Einträge zum Thema Heidelberger Jahrbücher:

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