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Künstliche Intelligenz: Droht uns Gefahr?

Im März 2016 geschah etwas Erstaunliches: Ein Programm namens „AlphaGo“ (entwickelt von Google DeepMind) schlug in vier von fünf Runden den Koreaner Lee Sedol, einen der weltbesten Go-Spieler. Nach dem bereits 1996 erfolgten Sieg des Schachprogramms „Deep Blue“ (entwickelt von IBM) über Garry Kasparov, einen der weltbesten Schachspieler, scheint eine der letzten Bastionen menschlicher intellektueller Höchstleistungen gefallen und es taucht die Frage auf, ob Maschinen nun die Führung auf dem Gebiet des Planens und Problemlösens übernehmen könnten. Erweist sich die künstliche Intelligenz endgültig der menschlichen als überlegen?

Das Konzept einer künstlichen Intelligenz verlangt nach einer Gegenüberstellung zu demjenigen menschlicher Intelligenz. Was bedeutet eigentlich menschliche Intelligenz? Was macht die menschliche Intelligenz im Vergleich zur künstlichen Intelligenz aus? Wird durch die künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz neu definiert? Diesen Fragen soll sich dieser Beitrag widmen.

Lesen, Rechnen und Schreiben zählen heute zu den grundlegenden Kulturtechniken; sie zu beherrschen, wird nicht mehr als „Beweis“ für Intelligenz betrachtet. Aber was ist Intelligenz dann? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Eine Expertenkommission aus dem Jahr 1996 unter Vorsitz von Ulric Neisser (Emory University, USA) beginnt ihren Überblick zum Thema „Intelligenz“ mit dem Satz „Menschen unterscheiden sich voneinander in ihrer Fähigkeit, komplexe Ideen zu verstehen, sich effektiv an die Umwelt anzupassen, aus Erfahrung zu lernen, in verschiedenen Formen zu denken und Hindernisse durch Nachdenken zu überwinden.“ Schon diese Aufzählung vielfältiger Aspekte zeigt, dass menschliche Intelligenz ein summarisches Konstrukt darstellt, dem nicht leicht beizukommen ist. Allzu schnell reduziert man Intelligenz auf das, was ein Intelligenztest misst.

Menschliche Intelligenz ist die Fähigkeit, im Lichte herausfordernder Umweltanforderungen zu bestehen (zu überleben). Sie zieht aus Beobachtungen vernünftige Schlüsse, plant Handlungsschritte und formuliert Ziele, koordiniert und reguliert aufkommende Gefühle und verschiedenste Antriebe im Dienst der Handlungsregulation.

Dass sich Menschen in ihren Fähigkeiten unterscheiden, war bereits in der Antike bekannt. Die ersten antiken Messversuche von Fähigkeitsunterschieden bezogen sich allerdings zunächst auf körperliche Leistungen, wie sie heute bei den olympischen Spielen tradiert werden. Geistige Unterschiede waren ebenfalls bekannt, doch wurde erst 1905, also vor gut 110 Jahren, der erste Test für menschliche Intelligenz von Binet und Simon in Paris vorgestellt.

Die psychometrische Intelligenzforschung hat seither viele Verbesserungsvorschläge erfahren und bis heute ist die Messung von kognitiven Leistungen vor allem im Bereich des logischen Denkens (induktives und deduktives Schließen) weit entwickelt. Kreatives Denken ist weit schwerer zu erfassen. In der Stärke bisheriger Intelligenztests liegt zugleich deren Schwäche: Sie sind kein wirklich umfassendes Instrument zur Bewertungen menschlicher Leistung. Die Begrenzung auf den Bereich „reasoning“ verengt den Blick auf eine (wichtige) Teilfacette gelungener Anpassungsprozesse.

Dass Intelligenz im klassischen Verständnis von rein analytischen und kreativen Fähigkeiten nicht uneingeschränkt wünschenswert ist, zeigen die vielen Betrügereien, die gerade von cleveren, hochintelligenten Personen ohne jeden Skrupel ausgeführt werden. Menschliche Intelligenz im Sinne einer Überlebenskunst zu verstehen heißt daher für eine Reihe von Forschenden, zusätzlich Empathie und Rücksichtnahme auf Mitmenschen einzubeziehen. Diese Erweiterung des Konzepts im Sinn einer sozialen Intelligenz messen unsere heutigen Testverfahren der Intelligenz nicht, aber auch maschinelle Intelligenz kann dies nicht leisten.

Eine der wichtigsten Teilfähigkeiten intelligenter Organismen betrifft die Überwachung des eigenen Denkens. Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion, in der Psychologie gelegentlich als Metakognition bezeichnet, besitzt nur der Mensch. Die bewusste Kontrolle und Steuerung intelligenten Handelns ist Bestandteil menschlicher Existenz. Keine künstliche Intelligenz kann (im Unterschied zum Menschen) „den Stecker ziehen“ – was eine intelligente Handlung sein kann, wenn man sich festgefahren hat.

Es gab Zeiten in der Geschichte der Psychologie, da dachte man, der menschliche Geist funktioniere wie ein Computer (sog. Computer-Metapher): Die Sinnessysteme nehmen den Input auf, das Gehirn verarbeitet und nutzt unser Gedächtnis als Speicher und produziert schlussendlich sprachlichen und motorischen Output. Die Idee lag nicht fern, menschliche Informationsverarbeitung auf Rechnern mittels Computerprogrammen nachzubilden.

Doch dieses vorgestellte Programm der Mechanisierung des Geistes stieß schnell an seine Grenzen: Bei genauerer Betrachtung erwies sich die Computer-Metapher schlicht als zu einfach. Statt der Silizium-Hardware von Rechenmaschinen ist die „Wetware“ des Gehirns doch völlig anders aufgebaut (schon die zwei Hirnhälften machen stutzig), und auch die Verarbeitungsprozesse funktionieren grundsätzlich anders (neuronale Netze kommunizieren auf multiplen Ebenen: elektrisch, chemisch). Und ganz wesentlich fehlen Emotionen, die nach heutigem Verständnis entscheidungsrelevante Informationen liefern. Künstliche Intelligenz schämt sich nicht nach einem Fehler und freut sich nicht über einen Erfolg – KI ist eben auch „kalte“ Intelligenz.

Aber viel wichtiger: Menschliche Intelligenz stiftet Sinn, kann allen Arten von Symbolen Bedeutung geben und die Welt sprachlich in beliebige Kategorien ordnen. In einer von Jorge Luis Borges beschriebenen (fiktiven) chinesischen Enzyklopädie kann man Tiere wie folgt klassifizieren: „a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen“. Diese abstrusen Kategorien zeigen die Freiheit menschlichen Denkens; maschinelle Klassifikatoren würden Tiere anders ordnen.

Fassen wir zusammen: Menschliche Intelligenz ist ein unscharfes und allgemein gehaltenes Bündel an geistigen Fähigkeiten, hinsichtlich derer sich Menschen unterscheiden und das für den Erfolg im Leben einen wichtigen Faktor darstellt. Erschüttern uns die Erfolge der künstlichen Intelligenz und müssen uns Angst machen? Ich denke nicht – auch wenn beeindruckende Spezial-Leistungen von Maschinen besser als von Menschen geleistet werden, bleibt unsere Bastion unangefochten: Kreativität, Phantasie und Sinngebung.

Literatur: Enzensberger, H. M. (2007). Im Irrgarten der Intelligenz. Ein Idiotenführer. Frankfurt: Suhrkamp. — Fischbach, K.-F., & Niggeschmidt, M. (2015). Erblichkeit der Intelligenz. Wiesbaden: Springer Fachmedien. doi:10.1007/978-3-658-11239-4 — Funke, J. (2006). Alfred Binet (1857 bis 1911) und der erste Intelligenztest der Welt. In G. Lamberti (Ed.), Intelligenz auf dem Prüfstand - 100 Jahre Psychometrie (pp. 23–40). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. — Funke, J., & Vaterrodt, B. (2009). Was ist Intelligenz? 3., aktualisierte Auflage. München: Beck. — Hernández-Orallo, J., Dowe, D. L., & Hernández-Lloreda, M. V. (2014). Universal psychometrics: Measuring cognitive abilities in the machine kingdom. Cognitive Systems Research, 27, 50–74. doi:10.1016/j.cogsys.2013.06.001 — Neisser, U., Boodoo, G., Bouchard, T. J., Boykin, A. W., Ceci, S. J., Loehlin, J. C., & Sternberg, R. J. (1996). Intelligence: Knowns and unknowns. American Psychologist, 51(2), 77–101. doi:10.1037/0003-066X.51.2.77 — Stern, E., & Neubauer, A. C. (2016). Intelligenz: Kein Mythos, sondern Realität. Psychologische Rundschau, 67(1), 15–27. doi:10.1026/0033-3042/a000290 — Sternberg, R. J. (2015). Successful intelligence: A model for testing intelligence beyond IQ tests. European Journal of Education and Psychology. doi:10.1016/j.ejeps.2015.09.004

[Quelle: Dieser Beitrag ist erstmals in der Zeitschrift "Forschung & Lehre" 2016, Band 23, S. 478-479, unter dem Titel "Intelligenz als Überlebenshelfer. Von der Freiheit des menschlichen Denkens" erschienen. Zum Download: funke-2016-ful-intelligenz]

{ 2 } Comments

  1. Chris | September 9, 2016 at 6:46 | Permalink

    “Keine künstliche Intelligenz kann (im Unterschied zum Menschen) „den Stecker ziehen“ – was eine intelligente Handlung sein kann, wenn man sich festgefahren hat.”
    Das mag korrekt sein, aber nur deshalb, weil eine künstliche Intelligenz bisher nicht in diese Richtung entwickelt wurde. Es fehlt den AIs noch an Intelligenz- und Wissensbreite - aktuelle AIs sind noch sehr schmal. Erst in der Breite kann eine Entscheidung zum “Stecker ziehen” sinnvoll getroffen werden. Aber was sollte eine AI dann daran hindern? Alles, was sie dazu braucht, ist einen manipulativen Zugriff auf funktionserhaltende Funktionen.

    “Bei genauerer Betrachtung erwies sich die Computer-Metapher schlicht als zu einfach.”
    Neuronale Netze funktionieren anders als sequentielle Programme - aber gerade deshalb basieren moderne AIs ja auf digitalen neuronalen Netzen. An dieser erweiterten Computer-Metapher gibt es nur für den metaphysisch Gläubigen etwas auszusetzen.

    “Künstliche Intelligenz schämt sich nicht nach einem Fehler und freut sich nicht über einen Erfolg – KI ist eben auch „kalte“ Intelligenz.”
    Das kommt darauf an, wie wir unsere AI erziehen :-)

    “Und ganz wesentlich fehlen Emotionen, die nach heutigem Verständnis entscheidungsrelevante Informationen liefern.”
    Emotionen können als parallele Bewusstseinsebene gesehen werden, die auch digital umgesetzt werden könnte. Zumindest in der Theorie sehe ich nichts, was dem im Wege steht. Es kann behauptet werden, dass AIs Emotionen nicht so empfinden wie wir, dass sie keine “Qualia” haben - aber das können wir nicht einmal für unsere Mitmenschen beweisen.

    “Diese abstrusen Kategorien zeigen die Freiheit menschlichen Denkens; maschinelle Klassifikatoren würden Tiere anders ordnen.”; “unsere Bastion [bleibt] unangefochten: Kreativität, Phantasie und Sinngebung.”
    Nur dumme (einfache/effiziente) maschinelle Klassifikatoren würden Tiere auf eine Art und Weise klassifizieren, die uns an Maschinen erinnern. AIs sind aber durchaus in der Lage, kreativ zu werden, was uns spätestens durch Googles DeepDream und Googles Project Magenta bewusst gemacht wurde. Wird eine AI dazu entwickelt oder wird eine AI in Wissen und Intelligenz breiter, so wird sie auch mit kreativen Klassifikationen punkten können.

    Ob wir Angst haben müssen? Das weiß ich nicht. Aber vielleicht liegt Elon Musk nicht ganz falsch, wenn er sagt, dass Menschen irgendwann die Haustiere der künstlichen Intelligenz werden könnten. Ich sehe jedenfalls nichts, was dem im Wege steht.

  2. Joachim Funke | September 10, 2016 at 12:00 | Permalink

    Lieber Herr Treschklingen,

    danke für die optimistischen Anmerkungen, die Sie in Sachen KI gemacht haben! All die von Ihnen genannten Punkte (manipulativer Zugriff auf funktionserhaltende Funktionen; richtige Erziehung der KI; intelligente Klassifikationssysteme) sind ja schon lange bekannt - da wundert mich ein wenig, warum nicht leistungsfähigere KI auf dem Markt ist als im Bereich Schach oder Go. Menschliche Intelligenz liegt anscheinend doch in den meisten Bereichen vorne. Ich sehe mich (und unsere Spezies) meilenweit entfernt davon, Haustier einer KI zu werden.

    Sollen wir in 10 Jahren nochmal die Lage neu bewerten? Vielleicht schaffe ich es, mit meinen derzeit 63 Jahren diese Zeitspanne noch zu überleben und im Jahr 2026 eine erneute Bewertung vorzunehmen?

    Herzlich, JF

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