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Poetikdozentur 2017: Frank Witzel

A. Müller, RNZ)

Dekan Jörg Rieke mit Frank Witzel am 22.6.17 in der Alten Aula (Foto: A. Müller, RNZ)

Wiederholt habe ich in meinem Blog über unsere Poetikdozenturen berichtet (in 2016 über Felicitas Hoppe;, in 2014 über Wilhelm Genazino; in 2012 über Patrick Roth; in 2010 über Bernhard Schlink; in 2008 über Peter Bieri; in 2006 über Hanns-Josef Ortheil; in 2001 ging die Dozentur an Ursula Berkéwitz, in 2000 an Eckhard Henscheid; angefangen hat das Projekt übrigens 1993 mit Martin Walser). Diesmal wurde Frank Witzel auserkoren, der im Jahre 2015 den Deutschen Buchpreis für sein Werk “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969″ erhielt. Frank Witzel ist unser 20. Poetikdozent.

Da ich jedes Jahr versuche (es aber nicht immer schaffe), die für den Deutschen Buchpreis nominierten Titel zu lesen, hatte ich das Glück, “Die Erfindung …” (ein 800-Seiten-Werk, das aus 98 Kapiteln besteht) bereits gelesen zu haben. Es hatte mich seinerzeit sehr amüsiert beim Lesen. Und nun komme ich in den Genuss, den Autor über sein Werk selbst reden zu hören! Wie schön! Seine drei Vorlesungen waren betitelt “Die Vorbereitung des Romans”, “Die Durchführung des Romans” und “Das Ende des Romans”.

Über sein Schreiben sagt der Autor: Woher die Sätze kommen, wisse er nicht - er freue sich über Literaturwissenschaftler, die ihm seinen Text erklärten. “Nun hatte ich etwas hingeschrieben, was ich nicht verstand. Fast klang es so, als wäre ich zu meiner eigenen Rätselmaschine geworden.” Herrlich: ein Schöpfer, der fassungslos neben seinem Produkt steht und sich wundert! Auf diese Weise entsteht eine “sanfte Form von Schizophrenie”: ein Teil der Person begutachtet und korrigiert einen anderen Teil dieser Person.

Lieber Herr Witzel: das kann Ihnen ein Psychologe vermutlich besser erklären als ein Literaturwissenschaftler! Die Kreativitätsforschung kennt diese Situation, die Sie so schön beschreiben, unter dem Begriff der “Ich-Ferne”, also des Moments, wo man statt “ich schreibe” sagt “es schreibt aus mir heraus”. Aber natürlich verschiebt sich damit nur die Frage auf den Punkt, was es mit diesem rätselhaften “Es” auf sich hat…

Ein Wermutstropfen: Seine dritte und letzte Poetik-Vorlesung “Das Ende des Romans” fand ich kaum verständlich und zumindest mich hatte er in dieser Stunde verloren. Das zum Schluß an die Tafel gemalte chinesische Schriftzeichen (hier anzusehen - es stellt einen Strohballen dar, unter dem ein Feuer entzündet wird) bezeichnet das, was ich verstanden habe: nichts. Stroh wurde zu Asche: stimmt!

Entschädigt hat mich dafür der Fund eines älteren Romans von Frank Witzel: “Bluemoon Baby” von 2001. Eine amüsante Verschwörungsgeschichte mit witzigen Charakteren, über die ich lachen konnte. Was ist schon eine unverstandene Vorlesung gegen einen unterhaltsamen Roman! Damit bin ich wieder versöhnt!

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