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Abschied als Senator

Im Oktober 2010 bin ich als einer von acht professoralen Wahlsenatoren auf der der Liste “Initiative/Semper Apertus” (hier der Wahlaufruf von 2014) Mitglied unseres Akademischen Senats geworden (nachdem ich schon einmal von 2002 bis 2003 eine halbe Amtszeit absolviert hatte). Die erste Senatssitzung trug die laufende Nummer #387 (gezählt wohl seit der Wiedereröffnung unserer Universität nach dem 2. Weltkrieg 1946) und fand am 9.11.2010 statt. Mit der Senatssitzung #456 vom 26.3.2019 endet nun meine Senatoren-Tätigkeit und damit auch mein Amt des Senatssprechers, da ich mit Ablauf des Monats März aus dem aktiven Dienst dieser Universität ausscheide. Als ich im November 2010 die Wahl zum Senatssprecher annahm, konnte ich nicht wissen, dass es gleich zwei Amtszeiten werden würden (und die zweite nochmal um ein halbes Jahr verlängert wurde, da eine Änderung im LHG eine Neuausrichtung und damit Neuwahl des Senats zum 1.10.2019 erforderlich macht, weswegen die Amtszeit der professoralen Senatsmitglieder kurzerhand um ein Jahr verlängert wurde). Meiner Nachfolgerin im Amt, der Juristin Ute Mager, wünsche ich eine gute Zeit und viel Erfolg!

In den 17 Semestern meiner Senatstätigkeit habe ich an rund 70 Senatssitzungen teilgenommen (lediglich an der Sitzung im Februar 2019 konnte ich wegen meines Radunfalls nicht teilnehmen). Wenn man davon ausgeht, dass für eine normale Senatssitzung etwa 1000 Seiten Vorlagen zu bearbeiten sind (wir hatten zahlreiche Sitzungen mit annähernd 2000 Seiten Text, die letzte jetzt im März gar mit 2500 Seiten…), habe ich mich durch schätzungsweise (mindestens) 70.000 Blatt Papier durchgearbeitet (nicht alles habe ich gründlich gelesen, manches nur überflogen) und dabei so manches entdeckt…

Als Wahlsenator habe ich den Eindruck gehabt, mit meinen Äußerungen und Voten etwas bewirken zu können: Wir haben z.B. die Kriterien für die Vergabe von außerplanmäßigen Professuren diskutiert und verbessert; wir haben in Berufungsverfahren noch strengere Kriterien für unabhängige Gutachten und für die Zusammensetzung der Kommissionen festgelegt; wir haben das Rektorat im Zuge der Exzellenzinitiative unterstützt; wir geben dem Rektor Unterstützung bei seinen Verhandlungen im Stuttgarter Ministerium; auch die Kurskorrektur von einer unternehmerisch ausgerichteten Universität (wie sie unter dem damaligen Universitätsrats-Vorsitzenden Peter Bettermann betrieben wurde) zur akademischen Kultur der Volluniversität hat sich in meinen Augen gelohnt.

Seit Herbst 2010 hatte ich also die Ehre, gelegentlich das Vergnügen, manchmal die Last, als einer von zwei Sprechern unseres Akademischen Senats zu agieren, neben den Medizin-Dekanen Claus Bartram (2010-2014), Wolfgang Herzog (2014-2018) und jetzt Andreas Draguhn. Über die vielen Sitzungen hinweg habe ich das Geschehen begleitet und gelegentlich kommentiert, daneben habe ich an vielen kleineren Kommissions- und Gremiensitzungen teilgenommen und war an Findungskommissionen (2x Kanzler, 2x Rektor, mehrfach Universitätsräte) beteiligt.

Was mir wichtig war, läßt sich mit dem Begriff der Bestenauswahl beschreiben. Der Senat hat neben vielerlei organisatorischen Fragen vor allem die Qualität der zu berufenden Personen sicherzustellen. Dafür haben wir in Berufungskommissionen eigens das Amt des Senatsberichterstatters, der unser „Spion” während des Verfahrens ist und Auffälligkeiten berichten soll. Doch ebenso wichtig sind die von den Dekanen vorgelegten Dokumente, in denen manchmal zwischen den Zeilen interessante Verfahrensdetails zu finden waren und die zu Rückfragen und dann zu entsprechenden Klärungen führten. Ich denke, in den letzten Jahren hat unser Senat hier eine gute Figur gemacht - die Zukunft wird es zeigen, wie gut unsere Selbstergänzung auf allen Ebenen funktioniert hat. Dass wir uns in Bezug auf die Chancengleichheit von Männern und Frauen noch steigern können, steht ausser Frage.

Was ich gelegentlich bedauert habe: Wie wenig Zeit wir uns für echte Diskussionen genommen haben! Angesichts der vielen 1000 Seiten Dokumente und der mehr als 20 Tagesordnungspunkten (jeweils pro Sitzung) waren wir natürlich dankbar für eine straffe Sitzungsführung, andererseits unterblieb dadurch manches Mal auch eine Nachfrage oder ein Einwand, weil man den richtigen Zeitpunkt verpasst hatte… Dennoch hat es gelegentlich lebhafte Debatten gegeben - Sternstunden langer Sitzungsnachmittage!

Was ich im letzten Jahr schade fand, war eine schleichende Verschlechterung der Atmosphäre - ich will nicht in den Wunden wühlen, die uns ein wenig in Richtung eines Freund/Feind-Denkens gelenkt haben und uns damit haben übersehen lassen, das jeder an seinem Platz zum Wohl der Alma Mater zu handeln gedachte. Das Trennende hat uns das Gemeinsame ein Stück verlieren lassen - ich wünsche dem zukünftigen Senat hier wieder eine bessere Grundstimmung! Der respektvolle Umgang miteinander sollte selbst bei Streitigkeiten in der Sache selbstverständlich sein!

Ich werde zukünftig die monatlichen Dienstags-Nachmittage freier gestalten können  - ich bin allerdings ziemlich sicher, es wird mir etwas fehlen! Mal sehen, wie lange…