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Skandale

Kaum habe ich in diesem Blog mal für gut 14 Tage geschwiegen, wird schon angefragt, ob mir die Tinte in der Feder ruhestandsbedingt schneller trocknet als zuvor. Das will ich nicht ausschließen, aber mein eigener Eindruck ist, dass ich momentan sogar mehr schreibe als zuvor (es sind verschiedene Buchprojekte in der Pipeline, Geduld!). Lediglich eine Kategorie taucht derzeit in meinem (noch immer vollen) Terminkalender nicht mehr auf: Lehre! Ich fühle mich z.Zt. noch wie in einem Forschungssemester, nicht im wöchentlichen Hamsterrad der Veranstaltungstermine, sondern mit freierer Zeiteinteilung (und damit der Möglichkeit zu größerer Konzentration).

Warum die Überschrift “Skandale”? Nun, ich nehme gerade um mich herum eine ganze Reihe von Vorfällen wahr, die diesen Titel verdienen könnten. Drei davon will ich kurz benennen.

Nummer 1: Vorwürfe gegenüber dem Dresdner Kollegen aus der Klinischen Psychologie, Hans-Ulrich Wittchen, er habe Daten einer Studie über die Personalausstattung in Psychiatrien manipuliert (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 18.4.2019, hier von BuzzFeed).

Nummer 2: Vorwürfe gegenüber dem Tübinger Kollegen aus der Biopsychologie, Niels Birbaumer, er habe die Kritik an einer spektakulären Studie zu unterdrücken versucht (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 17.4.2019). Nachtrag 11.6.19: Die DFG-Ethik-Kommission hat die Retraction des kritisierten Papers in PloS Biology und die Untersuchung weiterer Arbeiten des Autors in Hinblick auf mögliches Fehlverhalten angeordnet. Mehr (und Grundsätzlicheres) siehe hier. Der Betroffene hat sich zur Wehr gesetzt und die Kommission kritisiert. Nachtrag 19.9.19: Die DFG entscheidet auf Fehlverhalten und sperrt den 74jährigen Birbaumer für 5 Jahre als Antragsteller.

Nummer 3: Vorwürfe gegenüber dem Heidelberger Kollegen aus der Gynäkologie an der Medizinischen Fakultät, Christoph Sohn, er habe vorschnell eine “Weltsensation” ankündigen lassen (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 18.4.2019 und ein Beitrag aus “Bild” und “Bunte“). Siehe auch den Beitrag auf DocCheck vom 24.5.19 oder im Blog “Heidelberger Windungen” von Jan-Martin Wiarda vom 27.5.19. Nachtrag 30.7.2019: Die Universität Heidelberg fasst den Sachstand zusammen.

In allen drei Fällen gilt es natürlich erst einmal abzuwarten, was die jeweiligen Untersuchungskommissionen als Ergebnis liefern. Aber es muss ein hinreichender Anfangsverdacht bestanden haben, wenn es überhaupt zu derartigen Ermittlungen kommt. Was mich daran beunruhigt, ist das negative Image, das von den Einzelfällen auf das betroffene Fach (auf die Psychologie) bzw. auf die betroffene Institution (Uniklinikum Heidelberg) abfärbt: “Die” Psychologen oder “die” Uniklinik Heidelberg sind verdächtig. Aber: Es sind zunächst Einzelfälle, von denen man nicht generalisieren kann.

Allerdings ist der Umgang mit derartigen Vorwürfen ein Indikator dafür, wie ernst bestehende ethische, moralische oder wissenschaftliche Standards genommen werden (oder auch nicht). Will man wirklich Licht in das Dunkel der Vorwürfe bringen oder geht es darum, möglichst geschickt aus der Affäre herauszukommen und die inkriminierten Vorgänge “unter der Decke” zu halten? Letzteres gelingt meistens doch nicht und verschlimmert die Sachverhalte nur noch.

Ich bin gespannt, wie diese Fälle ausgehen - noch tobt der Sturm der medialen Aufmerksamkeit und macht eine klare Beurteilung der Fälle nicht einfach. Mit ein bisschen Abstand wird dies sicher leichter fallen. Von daher sind Forderungen nach personellen Konsequenzen, wie sie etwa jüngst in Fall 3 gefordert wurden  (”Rücktritt des Klinikvorstands”), vielleicht etwas voreilig und lösen das Problem nicht substantiell.

Sind diese Vorfälle symptomatisch für unsere derzeige Wissenschaftswelt? Natürlich wollen wir Wissenschaftler gehört werden und brauchen daher Aufmerksamkeit, die zu einer raren Größe geworden ist. Wir brauchen Gelder, um die schlecht finanzierte Situation an öffentlichen Universitäten zu verbessern. Dass es im Kreis der Wissenschaft “menschelt” und viele menschliche Schwächen (wie z.B. Gier, Narzissmus, Arroganz, Machtstreben) auch dort vorkommen, sollte uns nicht verwundern. Die Kernmerkmale guter Wissenschaftler sind das allerdings nicht! Wir brauchen nicht mehr Geld für Pressestellen, sondern mehr Geld für gute Forschung!