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HCE Stellungnahme zu den Forderungen der Heidelberger Fridays for Future-Bewegung

Das Heidelberg Center for the Environment (HCE, www.hce.uni-heidelberg.de) ist ein Zentrum der Universität Heidelberg, die die in Heidelberg vertretenen umweltbezogenen Wissenschaften miteinander vernetzen und dadurch zu umfassenden Lösungen aktueller Umweltprobleme beitragen soll. Es besteht derzeit aus 13 institutionellen und 74 persönlichen Mitgliedern aus 10 von 12 Fakultäten der Universität. Bereits heute forschen die Mitglieder des HCE disziplinär und interdisziplinär daran, wie die Klimaschutzziele erreicht werden können, und das HCE wird diese Aktivitäten zukünftig noch verstärken. Mehr als zwanzig seiner Mitglieder haben sich bereits den Stellungnahmen von „Scientists4Future“ angeschlossen (https://www.scientists4future.org/stellungnahme/) und unterstreichen damit die Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung. Das Direktorium, die Geschäftsstelle und die unterzeichnenden Mitglieder HCE stellen sich mit Überzeugung hinter die Forderungen der Fridays for Future-Bewegung. Die Stadt Heidelberg ist hier in einer herausgehobenen Position, denn sie hat sich in ihrem politischen Programm in besonderer Weise dem Umwelt- und Klimaschutz verschrieben. Dies wird nicht nur im “Masterplan 100% Klimaschutz” deutlich, den sich die Stadt selbst gegeben hat, sondern beispielsweise auch an ihrem Engagement im C40-Netzwerk (https://www.c40.org/) oder bei energy cities (http://www.energy-cities.eu/).

In der Tat geht aus dem letzten, nun bereits fünf Jahre zurückliegenden Bericht des Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH (ifeu) hervor, dass die bislang angedachten Maßnahmen nicht ausreichen werden, die selbstgesteckten Klimaziele der Stadt und das im Pariser Klimaabkommen beschlossene 1,5°-Ziel zu erreichen. Dies ist nicht nur mit der Verantwortung für die Lebensgrundlagen kommender Generationen unvereinbar, sondern kann angesichts der Vorbildrolle Heidelbergs als ebenso engagierter wie wohlhabender Standort leicht zu negativen “Nachahmereffekten” bei Kommunen führen, deren politischer Wille zum Klimahandeln weniger ausgeprägt und/oder deren wirtschaftliche Basis weniger günstig ist.

Die von Fridays for Future Heidelberg geforderten Veränderungen setzen in weiten Teilen Konzepte fort, die die Stadt Heidelberg bereits etabliert hat. Es handelt sich zweifellos um Schritte in die richtige Richtung. In welchem Umfang sie zum Ziel des “Masterplan 100% Klimaschutz” beitragen, wird das ifeu in seiner nächsten Evaluation zu bewerten haben. Auch wird wissenschaftlich und zivilgesellschaftlich zu diskutieren sein, ob es ausreicht, die angestrebte Netto-Reduktion der CO2-Emission bis 2050 zu realisieren, oder ob sie nicht – wie von Fridays for Future Deutschland gefordert – bereits 2035 realisiert werden muss.

HCE-Direktorium:

- Prof. Dr. Thomas Meier (Direktor)
- Prof. Dr. Marcus Koch (stellv. Direktor)

HCE-Geschäftsstelle
- Dr. Sanam Vardag (Geschäftsführerin)

Mitglieder des HCE (alphabetisch)
- Dr. Nicole Aeschbach
- Prof. Dr. Werner Aeschbach
- Prof. Dr. Thomas Braunbeck
- Prof. Dr. Olaf Bubenzer
- Prof. Dr. André Butz
- Prof. Dr. Norbert Frank
- Prof. Dr. Joachim Funke
- Prof. Dr. Sabine Gabrysch
- Prof. Dr. Ulrike Gerhard
- Prof. Dr. Annette Hornbacher
- Prof. Dr. Margot Isenbeck-Schröter
- Prof. Dr. Albrecht Jahn
- PD Dr. Thomas Jänisch
- Prof. Dr. Frank Keppler
- PD Dr. Thomas Kirchhoff
- Dr. Sven Lautenbach
- Dr. Helmut Lehn
- PD Dr. Alexandra Michel
- PD Dr. Daniel Münster
- Prof. Dr. Marcus Nüsser
- Prof. Dr. Klaus Pfeilsticker
- Prof. Dr. Ulrich Platt
- Prof. Dr. Mario Schmidt
- Prof. Dr. Alexander Siegmund
- Prof. Dr. Jale Tosun
- Dr. Carsten Wergin
- Prof. Dr. Alexander Zipf

(Stand: 10.5.19, 21:00)

Persönliche Nachbemerkung:

Die Stellungnahme ist auf Bitten von “Fridays for Future Heidelberg” (F4F-HD) entstanden, die zunächst an das Institut für Umweltphysik (IUP) geschrieben haben: “Wir bitten Sie, die Forderungen [von F4F, J.F.] genau durchzulesen und eine Stellungnahme dazu abzugeben, um Verantwortung als WissenschaftlerInnen zu übernehmen und somit weiterhin Druck auf die Politik auszuüben.”  Diese Anfrage wurde von einem IUP-Mitglied an das HCE weitergeleitet. Der HCE-Direktor hat daraufhin den Entwurf einer Stellungnahme an alle Mitglieder versandt mit erläuternden Hinweisen derart, dass sich das HCE im Einklang mit dem Zukunftskonzept des HCE wie auch mit der Exzellenzstrategie der Universität, die beide eine deutliche Steigerung des gesellschaftlichen Engagements einfordern, mit einer engagierten Stellungnahme einbringen sollte.

In kurzer Zeit (24 Stunden) ist eine lebendige Diskussion darüber entstanden, inwiefern wir Wissenschaftler uns hinter die Forderungen der F4F stellen sollten und dürfen, ob wir uns nicht besser um noch exzellentere Forschung bemühen sollten, ob einzelne Formulierungen nicht doch zu stark ideologisch geprägt seien, usw. Toll! So einen Austausch habe ich schon lange nicht mehr erlebt!

Die Debatte zeigt deutlich: Die Sphäre “Wissenschaft” und die Sphäre “Politik” sind nicht einfach zusammenzuführen in der Stadt von Max Weber, der vor über 100 Jahren (z.B. in seiner Schrift “Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis” von 1904) die klare Trennung von Werturteilen und Sachaussagen gefordert hatte (siehe den Wikipedia-Eintrag) - eine Position, die spätestens durch das Jürgen Habermas’sche Konzept eines wissenschaftlichen “Erkentnisinteresses” in Frage gestellt wird (auch er übrigens ein Heidelberger Abkömmling - von Hans-Georg Gadamer).

Der Direktor des HCE hat im konkreten Fall auf ihren Entwurf hin vier Arten von Reaktionen bekommen: (a) grundsätzliche Zustimmung; (b) bedingte Zustimmung mit konkreten (abschwächenden) Änderungswünschen; (c) Zustimmung mit (erweiternden) Änderungswünschen in Hinblick auf Überlegungen, was die Uni selber zur CO2-Reduktion beitragen kann; (d) grundsätzliche Ablehnung. Die volle Palette an Antwortmustern also, ein echtes Dilemma! Aber bei sovielen Beteiligten vielleicht kein Wunder? Umso besser, dass ein Kompromiss gefunden werden konnte.

Der Wissenschaftsrat hat vor einigen Jahren angemerkt, dass sich die (vom Steuerzahler alimentierte) Wissenschaft auch um die “Großen Gesellschaftlichen Herausforderungen” (siehe meinen damaligen Blog-Beitrag) kümmern solle - das tun wir damit erkennbar und mischen uns ein, indem wir Fakten und Informationen liefern und sie zudem aus fachicher Perspektive einordnen und bewerten helfen.