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Hans Jürgen Eysencks Artikel “unsafe”?

ans Jürgen Eysenck

Hans Jürgen Eysenck

Ein großer Name in der Psychologie ist unter Beschuss geraten (nicht der erste Fall…): der britische Psychologe Hans Jürgen Eysenck (1916-1997), einer der einflußreichen Väter der modernen Persönlichkeitspsychologie, eng verbunden mit den Konstrukten Introversion, Extraversion und Neurotizismus.

Wie ich kürzlich schon im Blog-Beitrag zu Manfred Amelangs 80. Geburtstag schrieb, ist Eysenck in der Debatte um die sog. “Krebspersönlichkeit”  unangenehm aufgefallen: Er soll - wie jüngst enthüllte Dokumente in den USA zeigen - von der amerikanischen Tabakindustrie finanziert worden sein, um die These zu vertreten, dass nicht etwa Rauchen Lungenkrebs auslöse, sondern Persönlichkeitsmerkmale dafür verantwortlich seien (siehe Pelosi, 2019, Personality and fatal diseases: Revisiting a scientific scandal). Manfred Amelang hatte diese These von Anfang an nicht nur lautstark in Zweifel gezogen, sondern auch eine Replikationsstudie als 10jährige Kohortenstudie durchgeführt, die seine kritische Position empirisch untermauert und die Behauptung einer “Krebspersönlichkeit” falsifiziert hat (siehe Amelang et al., 2004, Personality, cardiovascular disease, and cancer).

Unter dem Titel “University finds dozens of papers by late — and controversial — psychologist Hans Eysenck ‘unsafe’ ” berichtet die Investigativ-Seite “Retraction Watch” nun über eine Reihe zweifelhafter Studien aus dem Spätwerk des Meisters (das Londoner King’s College führt in seinem Bericht vom Mai 2019 insgesamt 25 Artikel auf, die nun das Attribut “unsafe” erhalten). Die meisten dieser Arbeiten stammen aus den 1980er und 1990er Jahren, alle inkriminierten Arbeiten wurden zusammen mit dem in Heidelberg lebenden (aber nicht an der Uni Heidelberg beschäftigten) Ronald Grossarth-Maticek verfasst.

“Unsafe”: eine merkwürdige Kategorie! Ist der Genuss dieser Artikel nicht zu empfehlen? In gewohnt britischer Zurückhaltung wird zur Vorsicht geraten - immerhin sollen die Heraugeber der entsprechenden Zeitschriften eine Warnung erhalten: “We recommend that the Principal write to the editors of these journals to inform them that, based on our enquiry, we consider the results and conclusions of these studies are unsafe.”

Und natürlich sind viele weitere Arbeiten von Hans Eysenck nicht ins Kreuzfeuer geraten - seine Verdienste um die Persönlichkeitspsychologie werden dadurch ja nicht hinfällig - man muss einfach genauer hinschauen! So geht Wissenschaft: Verlässlicheres wird von Unverlässlicherem getrennt!

Auf dem Blog von Retraction Watch findet sich ausserdem ein interessanter Beitrag von James Heathers, der sich fragt, wie weit wir zurück in die Vergangenheit gehen müssen - ob nicht 30 Jahre alte Arbeiten längst durch neuere Forschung überholt sind und von daher keine Korrekturen mehr benötigen. Eine interessante Frage, auf die sein Beitrag “Do we have the will to do anything about it?” eine - wie ich finde - gute Antwort gibt: Wenn die alten Arbeiten längst vergessen sind, sollten wir die Totenruhe nicht stören; wenn sie dagegen immer noch zitiert werden (und damit in aktuellen Debatten eine Rolle spielen), lohnen sich “Retractions” und “Corrections” auch bei älteren Arbeiten.

PS: In einem neuen Bericht über HJE wird gesagt, dass die Zahl seiner Retractions noch steigen könnte: “61 retractions for controversial psychologist Hans Eysenck? That’s a significant underestimate, says his biographer” (hier).

Nachtrag 3.11.2019: Vielleicht sollte man doch nicht zu schnell urteilen - ein aufmerksamer Leser (wie immer: danke, lieber Jochen!) hat ein paar Fragezeichen hinter die “unsafe”-Kennzeichnung gesetzt. (1) Die Grundlage für das “unsafe”-Urteil des King’s College scheinen ausschließlich aus Berichten Dritter zu bestehen. Es heisst dort: “The committee did not have access to any data but have carried out an assessment based on the current literature which includes peer reviewed papers and reviews from critics as well as from collaborators.” (2) Berichte Dritter, die unmittelbar Zugang zu den Daten hatten und daran nichts auszusetzen fanden, wurden im Bericht nicht erwähnt. So hat etwa der frühere Mannheimer Kollege Werner W. Wittmann (ein Evaluationsforscher, jetzt im Ruhestand) in einem Buch von Grossarth-Maticek aus dem Jahr 2008 ein Kapitel verfasst mit dem Titel “Ergebnisse einer kritischen Analyse der Daten und Methoden von Ronald Grossarth-Maticek”, in dem er die Seriosität der Daten bestätigt. Wir wissen nicht, wie Werner Wittmann zu den aktuellen Vorwürfen steht (doch, wissen wir! Siehe den Nachtrag vom 9.7.2020 weiter unten).

Nachtrag 3.2.2020: Eine Erwiderung von Ronald Grossath-Maticek auf die erhobenen Vorwürfe findet sich hier: https://www.krebs-chancen.de/referenzen-und-gutachten/denunziation/

Nachtrag 9.7.2020: Werner Wittmann, seit 2009 emeritierter Professor für Methoden, Diagnostik und Evaluation an der Universität Mannheim (heute, im Ruhestand, wieder in seiner Wahlheimatstadt Freiburg lebend), schickt mir folgenden Kommentar zu diesem Blogeintrag in Sachen Hans-Jürgen Eysenck, den ich mit seinem Einverständnis hier publizieren darf:

„Ich kannte Hans-Jürgen Eysenck (HJE) recht gut und wir Freiburger, natürlich angeregt über unsere Lichtgestalt und meinen Mentor Jochen Fahrenberg, haben ihn alle verehrt. Eysenck war bekannt dafür, dass er an allerlei Merkwürdigkeiten höchst interessiert war; so war er häufiger zu Gast am Freiburger Parapsychologischen Institut von Hans Bender. Ich hatte ihn einmal am Freiburger Münstermarkt mit einem Doktoranden zum Essen ins “Oberkirch” eingeladen. Bei der Weinauswahl sagte er zum Ober: “Bitte entschuldigen sie, aber geben sie mir den süßesten Wein, den sie haben”, und zu uns: “meine Mutter wird sich im Grab umdrehen, wenn sie das hört”. Da ist mir klar geworden, wie britisch er geworden war.

Wir hatten ihn damals zu seinen Arbeiten zur Reaktionszeit und Intelligenz ausgequetscht, da wir in einer kleinen Studie hohe Zusammenhänge zwischen RT’s und BIS-Intelligenzwerten gefunden hatten. Ich hatte nach einem Besuch bei Arthur Jensen in Berkeley seinen Apparat zum Hick-Paradigma genau nachbauen lassen. Natürlich haben wir die Ergebnisse nicht vorschnell publiziert, sondern mehrmals vergeblich versucht die ersten Ergebnisse zu replizieren, was aber nie gelang. Replikationskrise?… aber ich schweife ab.

Eysenck lobte auch die Metaanalyse zur Effektivität von deutschsprachiger Psychotherapie, die ich gegen große Widerstände von Klaus Grawe zusammen mit Georg Matt publizieren konnte (Wittmann & Matt 1986. Meta-Analyse als Integration von Forschungsergebnissen am Beispiel deutschsprachiger Arbeiten zur Effektivität von Psychotherapie. Psychologische Rundschau, 37(1), 20–40), obwohl er die Metaanalysen zuerst noch als “mega-silliness” etikettiert hatte. Lob erhielt ich von ihm für meine Habilitationsschrift “Evaluationsforschung“, der einzige Kritikpunkt von ihm war: “the only fault of this book is that it is written in German”.

Ich weiß nicht, ob es in der deutschsprachigen Psychologie gewürdigt wird, was er für uns alle geleistet hat? Alles in der deutschsprachigen Psychologie, was er interessant fand, hat er in der internationalen Gemeinde bekannt gemacht und der deutschsprachigen Psychologie international enorm geholfen. Zuletzt habe ich ihn im Juli 1997 auf einer ISSID-Tagung in Aarhus, Dänemark getroffen, er war schon schwer von seiner Krankheit (glaube es war ein Hirntumor) gezeichnet, es war wirklich sehr traurig ihn so sehen. Nur ein paar Monate später verstarb er in London.

Anfang 2008 kam Grossarth-Maticek auf mich zu und besuchte mich in Mannheim. Natürlich kannte ich all die Probleme und Kontroversen seiner Forschungsarbeiten und seine Kontakte mit HJE vom Hörensagen, aber hatte keine dieser Arbeiten gelesen. Also war ich erst einmal sehr skeptisch, was er von mir wollte. Sein Grund war, dass HJE ihm noch vor seinem Tode gesagt habe, er solle sich mit mir in Verbindung setzen, wenn er forschungsmethodische Probleme habe. Natürlich schmeichelt einen eine solche Aussage, aber gleichzeitig läuten die Alarmglocken, warum will dich jemand einwickeln?

Er berichtete über ein Buchprojekt bei Springer, das später als “Synergistische  Präventivmedizin” bei Springer erschien. Ich dachte mir, wenn an seinen Daten irgendetwas faul sein sollte, so würde er sich weigern, sie mir zur Verfügung zu stellen. Also fragte ich ihn und zu meiner ersten Überraschung stellte er mir zwei seiner Datensätze original zur Verfügung. Die Datensätze waren von einem Statistiker namens Dr. Hermann Vetter, mit dem er zusammenarbeitete, erstellt worden. Einer enthielt die Daten zu einem randomisierten Kontrollgruppenexperiment und der andere eine Kohortenstudie, Beide Datensätze haben die Sterberaten über lange Zeiträume untersucht auf der Basis seines Fragebogens.

Natürlich bietet sich die Überprüfung der Randomisierung an, Plausibiltätschecks und mehr. Ich habe Analysen durchgeführt, an die Grossarth-Maticek gar nicht gedacht hatte; die statistischen Analysen hat offensichtlich meistens Hermann Vetter gemacht. Bei diesen Analysen kam die zweite große Überraschung: Die Ergebnisse waren beeindruckend und ich konnte nicht umhin, darüber ein Vorwort zu seinem Buch zu schreiben. Bei Springer kann man es sehr leicht einsehen und lesen, bei der Vorschau des Buches, siehe:

https://books.google.de/books/about/Synergetische_Pr%C3%A4ventivmedizin.html?id=lsEfBAAAQBAJ&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y#v=onepage&q&f=false

Ich habe empfohlen, dass seine gesamten Daten archiviert werden sollten und der Fachöffentlichkeit zur kritischen Reanalyse zur Verfügung gestellt werden sollten. Ob das geschehen ist, weiß ich nicht. 2009 wurde ich ja emeritiert/pensioniert. Zu Grossarth-Maticek hatte ich da keine intensiven Kontakte mehr.

Ich habe keinen Überblick über sein gesamtes Forschungsprogramm und was er alles publiziert hat, z.B. gemeinsam mit HJE. Die Kollegenschaft ist in der Bewertung gespalten, manche sehr positiv, andere negativ. Es wäre wirklich wichtig, das gesamte Projekt unbefangen und kritisch zu untersuchen. Vielleicht gibt es Schönfärbereien, Schlampereien etc., aber in den beiden Datensätzen, die ich zur Verfügung gestellt bekam, konnte ich nichts dergleichen entdecken.

Ein äußerst facettenreiches Kapitel sozialmedizinscher Forschungsgeschichte! Vielleicht schafft es ein Psychologiehistoriker, das alles einmal aufzuarbeiten.“