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Corona-Probleme

Morphologie des Coronavirus Covid-19. - © APAweb / afp / Lizabeth Menzies

Morphologie des Coronavirus Covid-19. - © APAweb / afp / Lizabeth Menzies

Die aktuelle Krisensituation der Covid-19-Pandemie ist für alle belastend - als Wissenschaftler betrachte ich das ablaufende Geschehen aber auch aus meiner psychologischen Forscher-Brille. Natürlich gibt es momentan extrem viele Bezüge zur Psychologie, denn es geht ja um menschliches Denken, Handeln und Fühlen. Ich kann mich an dieser Stelle nur auf mein Spezialgebiet, die Perspektive des Problemlösens, einlassen (zahlreiche andere Corona-relevante Themen der Psychologie finden sich z.B. hier: American Psychological Association, APA; American Psychological Science, APS; Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, BDP; neueste Forschung zu Corona allgemein: arXiv).

Was sagt der Problemlöse-Forscher zu dieser Situation? Ein “normales” Problem ist dadurch definiert, dass wir ein Ziel haben und nicht genau wissen, wie wir es erreichen können (Unklarheit über die zur Zielerreichung einsetzbaren Mittel, z.B.: Wie komme ich ohne ÖPNV-Gebrauch zum Einkauf?). “Komplexe” Probleme erschweren diesen Zustand, weil schon die zu erreichenden Ziele alles andere als klar definiert sind (Was bedeutet “Abflachen der Infektionskurve” genau? Wie wichtig ist soziale Distanzierung im Vergleich zur Sicherstellung einer elementaren Wirtschaft? Woran erkenne ich eine Verbesserung der Lage?).

Die Situation zwingt uns zum Nachdenken über unser (für diese Situation nicht mehr ausreichendes) Routine-Handeln: Fast sämtliche Routinen des täglichen Lebens werden in Frage gestellt, neue Lösungen für die anstehenden Probleme werden dringend gesucht. Toll, wie jetzt z.B. Nachbarschaftsinitiativen den Risikopersonen beim Einkaufen helfen!

Komplexe Probleme (“ill-defined problems”, “wicked problems”, “clumsy problems”) sind durch fünf Merkmale charakterisiert: Komplexität, Vernetztheit, Dynamik, Intransparenz und Vielzieligkeit (“Polytelie”). Die Corona-Krise weist natürlich alle diese Merkmale eines komplexen Problems auf:

  • Komplexität: Die Komplexität des ablaufenden Geschehens ist hoch - sehr viele Baustellen müssen gleichzeitig im Blick behalten werden. Neben der weltweit bedrohten Gesundheit sehen wir eine bedrohte Weltwirtschaft. Aber hinter diesen globalen Großproblemen verbergen sich Tausende Detailprobleme. Das überfordert unsere begrenzte menschliche Verarbeitungskapazität.
  • Vernetztheit: Früher sagte man leichthin „Was kümmert es mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt“ - heute weiss man, dass uns das etwas angehen könnte. Der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Tornado auslöst, oder das Sandkorn, das ein Erdbeben in Gang setzt, zeigen die Bedeutsamkeit scheinbar weit entfernt liegender Ereignisse für unseren unmittelbaren Alltag. Die Vernetztheit unserer globalen Welt zeigt Nebenwirkungen an Stellen, an denen wir nicht damit gerechnet haben.
  • Dynamik: Wir haben es mit einer dynamischen Situation zu tun, sagt Kanzlerin Merkel - gemeint ist damit, dass sich die Situation (und damit auch die Lage-Bewertung) rasch ändern kann. Ständig wird nachjustiert. Im Hintergrund läuft nämlich ein nicht-linearer Prozess der Virenverbreitung ab, der unser Vorstellungsvermögen überschreitet. Das berühmte Reiskorn, das man auf den 64 Feldern eines Schachbretts von Feld zu Feld verdoppeln soll: es fängt mit 1-2-4-8-16 ganz harmlos an, aber schon bei 64-128-256-512-1024 merken wir, dass die Zahlen rapide wachsen. Wenn wir also heute 12.000 Infizierte haben, sind das in vier weiteren Tagen (12 - 24 - 48 - 96) schon 96.000 und nach weiteren vier Tagen 1.5 Mio (192 - 384 - 768 - 1.536). Wow! Natürlich hat dieses exponentielle Wachstum eine Obergrenze und ist irgendwann vorbei… [hier sind interessante Simulationen der Virus-Ausbreitung zu finden].
  • Intransparenz: Neuartige Situationen wie diese sind extrem undurchsichtig und werfen viele Fragen auf (”Wann ist das exponentielle Wachstum vorbei?”). Diese Undurchsichtigkeit weckt einen Informationsbedarf, dessen Grenze unklar ist: Wann habe ich genügend Information, um handeln zu können? Einerseits ist es eine Sternstunde für die Wissenschaften, die nun gefragt sind (aber natürlich auch nicht auf alle Fragen eine Antwort kennen - seriöse Info beim Robert-Koch-Institut), andererseits ist es auch eine Hoch-Zeit von Halbwahrheiten und Falschmeldungen. Nichts Genaues zu wissen verursacht Angst - und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Übrigens: MedWatch.de warnt vor unseriösen Heilsversprechen.
  • Vielzieligkeit (“Polytelie”): Auch wenn es ein klares Oberziel gibt (Ausbreitung verhindern, Menschen gesund bleiben lassen), gibt es viele Neben-Ziele (die Wirtschaft -wenigstens in Grundbereichen- am Laufen halten, soziale Kontakte aufrechterhalten; bürgerliche Grundrechte wahren; etc.). Diese Konflikte zwischen verschiedenen Zielen versuchen Politiker mit ihren Entscheidungen zu lösen (radikale Ausgangssperre versus moderate Ausgangsbeschränkung). Kompromisse sind dabei unvermeidlich.

Was können wir aus bisheriger Forschung zum Lösen komplexer Probleme lernen? (1) Es gibt (leider!?) keine Patentrezepte. (2) Niemand weiss, was die beste Lösung des Problems ist. (3) Man sollte trotz Ungewißheit und Unsicherheit Ruhe bewahren und nicht die Übersicht verlieren. (4) Fehler werden gemacht werden - bitte nicht vertuschen, sondern versuchen aus ihnen zu lernen.

Hoffnungsvoll stimmen nicht nur Empathie und Hilfsbereitschaft großer Teile der Bevölkerung (als Gegengewicht gegen Egoismus und Verantwortungslosigkeit, Stichwort “Corona-Parties“), sondern auch zahlreiche kreative Lösungsversuche. Ein Beispiel: die Textilfirma Trigema etwa produziert in diesen Zeiten keine T-Shirts, sondern Mundschutz. Automobilhersteller könnten bei der Produktion von Medizintechnik (Beatmungsgeräte) helfen.

Bleiben Sie gesund und verhalten Sie sich vernünftig, ansonsten müssen wir wohl ertragen, was da kommt (und auch wieder vorübergeht - fragt sich nur, wann…). Wir sind Verursacher und Leidtragende dieser Krise, aber wir sind auch diejenigen, die etwas tun können! In diesem Fall ist Nichts-Tun (Stillhalten, physical distancing - NICHT social distancing! Danke, Lenelis Kruse, für den Hinweis auf den wichtigen Unterschied!) sogar ausgesprochen vernünftiges Handeln! Aber natürlich kann jeder Einzelne auch mit seinen Kompetenzen zum Lösen von Problemen beitragen: allein der Hackathon der Bundesregierung “WirVsVirus” hat gut 40.000 Personen auf der Suche nach Problemlösungen zusammengebracht. Motto: „Wir sind sektorübergreifend zusammengekommen, um gemeinsam einen digitalen Raum zu schaffen, in dem an Lösungen für die Herausforderungen durch COVID-19 gearbeitet werden kann“).

Nachtrag 25.3.2020: Ein paar lesenswerte Beiträge zur Corona-Pandemie aus psychologischer Sicht findet man beim Jounal “In-Mind” hier (Danke, liebe Eva, für den Hinweis!).