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In memoriam Wilhelm Wundt (1832-1920)

Am 31.8.2020 ist der 100. Todestag von Wilhelm Wundt, einem der modernen Gründungsväter der Psychologie - er ist zwar weder in Heidelberg geboren (das war 1832 in Mannheim-Neckarau) noch dort verstorben (das war 1920 in Großbothen bei Leipzig), dennoch gibt es zahlreiche Bezüge zu Heidelberg.

Auch wenn er das weltweit erste Institut für experimentelle Psychologie 1879 an der Universität Leipzig (und nicht in Heidelberg) begründete, sind doch viele seiner Wurzeln in Heidelberg zu finden. Er studierte von 1851 bis 1856 Medizin an den Unis in Heidelberg (u.a. bei Robert Bunsen) und Tübingen, schloß mit einer “summa cum laude”-Promotion über das Verhalten von Nerven ab, war in Heidelberg als Assistent des Pathologen Karl Ewald Hasse tätig, habilitierte sich dort 1857 und war danach Privatdozent in Heidelberg. Seit 1858 war Wundt dann Assistent bei Hermann von Helmholtz, bis dieser 1870 auf ein Ordinariat für Physik nach Berlin wechselte. Wundt verließ Heidelberg 1874 für eine Professur in Zürich, bevor er ein Jahr später nach Leipzig berufen wurde, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1920 blieb.

Das hervorragende Werk “Wilhelm Wundt (1832-1920). Gesamtwerk: Einführung, Zitate, Kommentare, Rezeption, Rekonstruktionsversuche” von Jochen Fahrenberg aus dem Jahr 2018 macht mit der Person und seinem Lebenswerk bekannt (es kann als PDF kostenlos heruntergeladen werden). Fahrenberg macht zudem die Aktualität von Wundt deutlich:

“Wundt hat das Feld der Psychologie sehr weit und interdisziplinär definiert und auch dargelegt, wie unerlässlich die erkenntnistheoretisch-philosophische Kritik der individuellen Überzeugungen und der psychologischen Theorien bleibt.

Wenn zeitweilig im Hauptstrom der Psychologie einseitige Auffassungen anziehend sind – Kognitivismus oder neurophysiologischer Reduktionismus, die narrative Wende oder Computergestützte Modellierungen, die qualitative Psychologie, die phänomenologische Orientierung, die Psychoanalyse oder die gesellschaftskritische Neue Psychologie – ist es angebracht, an den theoretischen Horizont des Gründers der Psychologie als Disziplin zu erinnern. Er versuchte, fundamentale Kontroversen der Forschungsrichtungen erkenntnistheoretisch-methodologisch zu verbinden – in einem souveränen Umgang mit den kategorial grundverschiedenen Betrachtungsweisen des Zusammengehörigen. Hier argumentierte er bereits in der Gründungsphase der universitären Psychologie auf einem hohen Anspruchsniveau metawissenschaftlicher Reflexion und verlangte Integration von Prozesskomponenten und Koordination von Bezugssystemen. Dieses Anregungspotenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft.

Attraktiv geblieben ist Wundt wegen der von ihm angestrebten Einheitlichkeit der Wissenschaftskonzeption, denn es mangelt heute an anspruchsvolleren Diskussionen über den bestehenden Pluralismus der Richtungen und über koordinierte Strategien. Die Kontroversen in der Theoretischen Psychologie über Ziele und Methoden der Psychologie bestehen fort und verlangen einen kontinuierlichen Diskurs. Dazu gehören das Drängen auf philosophische Reflexion der eigenen Voraussetzungen, die Fähigkeit und die Bereitschaft zu einem systematischen Perspektivenwechsel, gerade in der Psychologie, in der Forschung, im Studium und in der beruflichen Praxis. ” (Fahrenberg, 2018, S. 380-381).

Es gibt auch einen persönlichen Bezug von mir zu Wundt. So wie die Mathematiker ihre Nähe zum ungarischen Vielschreiber Erdös in der sogenannten Erdös-Zahl ausdrücken, so kann man auch in der Psychologie den Wundt-Abstand bestimmen (siehe meinen Blog-Beitrag aus dem Jahr 2014). Und siehe da: Wundt ist mir näher als gedacht, zumindest in Bezug auf Promotionsbeziehungen (Doktorväter) besteht eine direkte Verbindung von Wilhelm Wundt über Oswald Külpe - Karl Bühler - Peter Hofstätter - Jürgen Bredenkamp zu mir.