Skip to content

CO2-neutrale Universitäten, Nachhaltigkeit & Bilanzen

Es gibt ja die These, dass sich Exzellenz und Nachhaltigkeit beissen - aber es gibt auch Hinweise, dass Spitzen-Universitäten beides verbinden können. An der exzellenten ETH Zürich wird das Thema Nachhaltigkeit z.B. ganz aktiv propagiert. Aber gibt es überhaupt schon carbon-neutrale Universitäten (oder solche auf dem Weg dorthin)? Ein paar Unis haben sich schon zu klaren Statements hinreissen lassen: die Uni Sheffield (Netzwerk: https://www.carbonneutraluniversity.org), die (kleine) Universität Lüneburg (sie hat sogar eine eigene Fakultät Nachhaltigkeit), die Exzellenz-Uni Hamburg, um ein paar Beispiele zu nennen. Wenn man auf der Homepage der Uni Heidelberg im Suchfeld das Stichwort “Nachhaltigkeit” eingibt (hier klicken), erhält man zwar Hinweise auf Veranstaltungen zum Thema, aber keinen Hinweis auf eine mögliche Selbstverpflichtung. Das Leitbild der Universität Heidelberg kommt ohne den Begriff der Nachhaltigkeit aus.

Natürlich finden sich auch an unserer Heidelberger Universität Gruppen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen: am HCE, bei den Juristen, bei der “Jungen Universität“, beim Studierendenrat. Könnte mehr sein… Beeindruckend ist allerdings das Studierendenwerk Heidelberg (StW): Deren neue Geschäftsführerin, Tanja Modrow, legte beim letzten Treffen des Klimaschutz-Aktionsbündnis (=eine Gesprächsrunde mit klimarelevanten Akteuren der Stadt Heidelberg, gegründet im Anschluss an den Gemeinderatsbeschluss vom 22.11.2019 zum 30-Punkte-Aktionsplan der Stadt) im März 2021 einen 9-Punkte-Plan zur Nachhaltigkeit des StW vor, der große Zustimmung fand und als vorbildlich betrachtet werden kann.

In Hinblick auf die Universität Heidelberg ist die Situation weniger klar: Im November 2019 hat Dieter Teufel (UPI Heidelberg) in einem eindrucksvollen Vortrag zum Thema “Klimaschutz in Stadt und Universität Heidelberg - Was läuft gut, was nicht?” die hiesige Situation vor Ort analysiert. Daran hat sich bis heute nichts wesentlich verändert. Die “Students for Future Heidelberg” hatten seinerzeit einen Forderungskatalog erstellt, auf den die Universität mit einer Stellungnahme reagiert hat, die ich aber eher als Verteidigungsschrift einordnen würde denn als visionäres Zukunftspapier. Als Psychologe sehe ich in der Stellungnahme mehr “avoidance” als “approach” (über meinen Eindruck, an der Uni viele Nachhaltigkeits-Muffel anzutreffen, habe ich in einem früheren Blog-Eintrag geschrieben).

Inzwischen gibt es erste Rankings von Universitäten in Hinblick auf ihren Beitrag zu den “Sustainable Development Goals” (SDG) der United Nations. Die GreenMetric (an der sich die Uni Heidelberg erst gar nicht beteiligt) ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Shanghai-Ranking oder dem von “Times Higher Education“. Aber es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch derartige Rankings “grüne” Aspekte berücksichtigen.

Das führt zur Frage: Wie sollten Universitäten angemessen bilanziert werden? Typischerweise wird im Jahresbericht der Universität die finanzielle Situation beleuchtet. Das ist ja auch sinnvoll, da wir dem Landtag über die Verausgabung der uns zugewiesenen Mittel natürlich Rechenschaft ablegen müssen. Im Jahresbericht der Uni heisst es: “Im Jahresbericht stellt die Universität Heidelberg ihre vielfältigen Aktivitäten im vorangegangenen Kalenderjahr dar. Berichtet wird über neue Entwicklungen in Forschung, Studium und Lehre, über Kooperationen und Internationales. Eine umfangreiche Statistik sowie der Jahresabschluss komplettieren den Bericht.” (Webseite “Jahresbericht“, Stand 27.3.2021). Aber reicht das aus? Welche anderen Arten der Bilanzierung gibt es denn neben der ökonomischen? Drei Ergänzungen zur kaufmännischen Betrachtung möchte ich kurz vorstellen.

(1) Wissensbilanz. Eine Wissensbilanz bilanziert das intellektuelle Kapital einer Organisation. Was läge einer Universität näher als diese Art von Leistungsermittlung? Eine kleine Sammlung publizierter Wissensbilanzen findet sich hier (auffällig ist das fast völlige Fehlen von Bildungseinrichtungen). In Österreich ist die Erstellung von Wissensbilanzen an den Hochschulen übrigens vom Gesetzgeber verpflichtend eingeführt und kann auf der Bildungsplattform “eduTube” von dafür Berechtigten eingesehen werden (leider nicht von mir). Zum Glück machen einzelne Unis ihre Bilanz öffentlich (hier z.B. die Wissensbilanz der Uni Graz für 2019).

(2) Klimabilanz (CO2-Bilanz). In Hinblick auf den Klimawandel müssen alle Menschen auf diesem einen Planeten (und alle Unternehmen natürlich erst recht) ihren ökologischen Fussabdruck überprüfen (siehe meinen früheren Blog-Beitrag zum Thema “Virtuelles Wasser“). Das gilt auch für Universitäten: Die Universität Freiburg hat jüngst ihre Treibhausgasbilanz für das Jahr 2017 veröffentlicht. Die Universität Lüneburg (”Leuphana”) hat ein paar Hinweise zu ihrer Klimabilanz gegeben. Eindrucksvoll: Die Geschäftsführerin des Sportbekleidungsherstellers VAUDE, Antje von Dewitz (v.D.), lässt ihr Unternehmen seit 2012 klimaneutral produzieren und legt jährlich eine Klimabilanz vor. Geht doch!

(3) Gemeinwohl-Bilanz. Christian Felber hat in seinem Buch zur Gemeinwohl-Ökonomie (2018, 2. Auflage) beschrieben, welche Vorteile in einer Gemeinwohl-Bilanz zu sehen sind. Sein 2017 gehaltener Vortrag an der Uni Trier “Wirtschaft neu denken” (er ist auf YouTube nachzuhören) gibt einen guten Einblick in das dahinterstehende Konzept (Quelle: Felber, C. 2018. Die Gemeinwohl-Ökonomie. Deuticke).

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist nicht nur eine Aufgabe für Schulen, sondern sollte auch an Hochschulen selbstverständlich sein (hier das BNE-Portal der Stadt Heidelberg). Wenn der Anspruch führender Universitäten darin besteht, das Führungspersonal der Zukunft auszubilden, dann muss im 21. Jahrhundert BNE dazugehören. Die Schlüsselqualifikationen im 21. Jahrhundert (siehe meinen früheren Blog-Beitrag) müssen das Thema “Nachhaltigkeit” addressieren, das Leben aller Menschen auf diesem einen Planeten wird davon abhängen, wie gut wir mit dem wirtschaften, das uns gegeben ist. Das tolle Projekt “Big History” (ich empfehle zum Einstieg das motivierende Video des australischen Historikers David Christian hier) zeigt noch mal, wie sehr wir uns um “unseren” Planeten kümmern sollten.

In seinem neuen Buch “Adaptive Intelligence” macht unser Honorarprofessor Robert Sternberg deutlich, dass wir zur Beurteilung der Intelligenz einer Person deren Beitrag zum Wohl der Spezies Mensch mitheranziehen sollten - Adaptivität des homo sapiens sapiens als Ganzes, nicht nur der Überlebensvorteil des Einzelnen. Eine interessante Idee, wie ich finde! Da kommen Nachhaltigkeitsüberlegungen gerade richtig!