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Heidelberger Helden

(zum Vergrößern anklicken)

In den frühen Corona-Zeiten, als der Lockdown das öffentliche Leben zum Erliegen brachte (und auch das private Leben an seine Grenzen stiess), gab es Personen, die mehr oder weniger sichtbar geholfen haben. Das hat eine kleine Gruppe von Menschen hier in Heidelberg veranlasst, diesen “Heldinnen und Helden des Corona-Alltags” ein kleines Denkmal zu setzen. Und zwar zunächst einmal in Form von Fotos, die zusammen mit Interviews der dort Genannten auf eine Webseite “Heidelberger Helden” gestellt wurden. Nun soll daraus ein Buch entstehen, für das ich hier ein wenig werben will, weil ich von dem Projekt angetan bin.

Wer steckt hinter diesem Projekt? Ich zitiere aus der Webseite der Organisatoren: “Der Initiator, Nico Walter, berät im Hauptberuf Organisationen, Unternehmen bzw. Unternehmer zum Thema Nachhaltigkeit, die ihre Zukunft verantwortungsbewusst gestalten wollen. Er ist für die Konzeption, Organisation, Interviews und Publikation zuständig und verantwortlich. Sein Foto-Partner bei diesem Projekt ist Christian Buck, renommierter Fotograf in Heidelberg. Er verantwortet die fotografische Inszenierung. Gudrun Jaeger, die sich zusätzlich bei der Bürgerstiftung Heidelberg engagiert, unterstützt uns bei Recherche und beim Mitdenken, insbesondere bei der Identifizierung der Helden. Doris Fritz-Sigmund (Psychologin) und Dr. rer. soz. Steffen Sigmund (Universität Heidelberg, Max-Weber-Institut für Soziologie), ebenfalls langjährig in der Bürgerstiftung aktiv, sind Impulsgeber und Mitdenker. Marc Heptig, Student für Geographie und Soziologie, lektoriert die Texte. (Alle ehrenamtlich)”

Das Projektteam präsentiert auf der gleichnamigen Internetplattform “Heidelberger Helden” Foto- und Textportraits von 108 Heidelberger*innen, die während der Pandemiezeit Besonderes geleistet oder besonderen Herausforderungen ausgesetzt waren. Stille, feinfühlige und facettenreiche Einblicke in unser Leben während dieser so ungewöhnlichen Zeit.

Nach Abschluss der Interviews soll das Ganze nun zu einem Buch gemacht werden, dessen Verkaufserlöse wiederum gemeinnützig eingesetzt werden sollen.  Grußworte gibt es von OB Würzner, Ministerin Theresia Bauer und Jura-Professor Paul Kirchhoff, daneben gibt es kleinere Texte vom Virologen Hans Georg Kräusslich, dem Medizinpsychologen Rolf Verres und dem Gerontologen Andreas Kruse.

Das Projekt ist vorfinanziert. Nun besteht die Möglichkeit, das geplante Buch, das im Kurpfälzischen Verlag Heidelberg erscheint, bis zum 31.8.20 vorzubestellen (man kann auf Wunsch dann auch namentlich als Unterstützer des Projekts im Buch genannt werden). Vielleicht ist dies ja für den einen oder anderen der Alumni (und natürlich auch Nicht-Alumni) attraktiv und interessant? Die Unterstützung des Projekts als ein Stück Dankbarkeit an die Stadt, in der man lange gelebt hat (und vielleicht immer noch lebt)? Ich habe mir jedenfalls schon mal ein Exemplar vorbestellt!

hier gibt es auch einen Flyer zum Projekt.

Gratulation zu 5 Jahren HeiUP

Im Juli 2015 erschien der erste von inzwischen 70 Bänden im damals neu gegründeten Verlag “Heidelberg University Publishing” (HeiUP). Ein Anlaß, dem jungen Verlag zu seinen ersten fünf Jahren zu gratulieren! Da ich in diesen ersten fünf Jahren im Beirat dieses Verlags aktiv war, konnte ich mir ein gutes Bild von den Abläufen und der Qualitätskontrolle machen, aber auch vom Engagement der Beteiligten, allen voran Veit Probst und Maria Effinger, die jetzt in einem Interview auf die spannende Zeit der Gründungsphase zurückblicken.

Ich selbst habe von dieser Verlagsgründung gleich mehrfach profitiert: Zum einen hat die “Gesellschaft der Freunde“, in deren Vorstand ich für die traditionsreichen “Heidelberger Jahrbücher” zuständig bin, mit HeiUP eine kostengünstige Alternative zum vorherigen Publisher (Springer) erhalten, ohne dass qualitative Einbussen zu erkennen wären (Kostenersparnis: Faktor 10!; Qualitätszugewinn: plus 5, auf einer Skala von 0 bis 10); zum anderen konnten wir das Sternberg/Funke-Textbuch zur Denkpsychologie dort publizieren. Von der Qualität der Bücher kann sich jeder selbst überzeugen, da es sich ja um kostenlos und frei zugängliche “open access“-Texte handelt, die online schrankenlos downloadbar sind. Die Zugriffszahlen der Statistikserver sind jedenfalls vielversprechend. Auch der kürzlich erschienene Sammelband “Aggression” zum Studium Generale ist bei HeiUP erschienen, ebenso wird in diesem Rahmen auch das von mir mitherausgegebene “Journal of Dynamic Decision Making” (JDDM; hier mein damaliger Blog-Beitrag) verlegt. Auch das toll aufgemachte Forschungsmagazin “Ruperto Carola” erscheint im Rahmen der HeiUP-Reihe “Campus Media” - der Platz, in dem auch die “Lecture Notes” für Studierende ihren Platz finden.

Ich wünsche HeiUP jedenfalls erfolgreiche weitere Jahre und hoffe, dass das bisher erfolgreiche Konzept auch weiterhin so tolle Bände wie bisher produziert! Und ich freue mich, dass mein Wunsch nach einem Universitätsverlag, den ich 2010 in diesem Blog vorgetragen habe, Wirklichkeit geworden ist. Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung…

PS: Hier eine Liste meiner HeiUP-Beiträge (alle Bände sind kostenlos als PDF downloadbar):

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 1, Wink & Funke (Eds.) (2016): Stabilität im Wandel. [hier zum Buch]

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 2, Wink & Funke (Eds.)  (2017): Wissenschaft für alle: Citizen Science. [hier zum Buch]

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 3, Funke & Wink (Eds.) (2018): Perspektiven der Mobilität. [hier zum Buch]

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 4, Funke & Wink (Eds.) (2019): Schönheit in der Wissenschaft. [hier zum Buch]

Heidelberger Jahrbücher Online, Band 5, Funke & Wink (Eds.) (2020): Entwicklung - Wie aus Prozessen Strukturen werden. [hier zum Buch]

Sternberg & Funke (Eds.) (2019). The psychology of human thought. [hier zum Buch]

Funke (Ed.) (2020). Studium Generale: Aggression. [hier zum Buch]

Heidelberger Jahrbücher Online: Band 5 (2020)

Erneut ist ein Band der traditionsreichen “Heidelberger Jahrbücher” (erster Band: 1808 erschienen) unter der Schirmherrschaft von Michael Wink und mir fertiggestellt worden. Ich zitiere nachfolgend aus unserem Vorwort:

“Im vorliegenden fünften Band der Heidelberger Jahrbücher Online (HDJBO), den die „Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.“ unter Federführung der beiden Editoren Joachim Funke und Michael Wink herausgibt, haben sich die Autorinnen und Autoren des Bandes diesmal mit dem Konzept der Entwicklung und Strukturbildung in der Wissenschaft als fächerübergreifender Thematik auseinandergesetzt.

Unter dem Rahmentitel „Entwicklung – Wie aus Prozessen Strukturen werden“ geht es um Entwicklungsprozesse im Kleinen (Zellwachstum, Ontogenese, Phylogenese) und im Großen (vom Big Bang zum Universum), die zu Strukturen werden. Entwicklungen im Bereich der Politik (Entstehen und Vergehen von Abkommen im Bereich Handel, Nuklearwaffen, etc.), der Geographie (Plattentektonik), der Psychologie (Ontogenese), der Medizin (Entwicklung von Organen), der Biologie (Baupläne, Phylogenese, Tree of life), des Aufkommens und Verschwindens von Ideen (Philosophie: Trends und Hypes), der Aufstieg und Niedergang politischer Systeme (Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft), der soziale Auf- und Abstieg (Soziologie), sind allesamt Beispiele für diese strukturbildenden Prozesse. Natürlich könnten auch „Fehl“-Entwicklungen (z. B. in der Psychologie: Klinische Störungen, Entwicklungsstörungen; Medizin: Krebs; Soziologie: Korruption) dazu gerechnet werden.

Diese Thematik beleuchten wir im vorliegenden Band aus der bunten Sicht unserer Volluniversität. Zehn Autorinnen und Autoren aus Geistes-, Kultur-, Naturwissenschaften und der Medizin haben ihr Verständnis von strukturbildenden Entwicklungsprozessen aus unterschiedlichen Gesichtspunkten erörtert. Die durchaus disziplinär angelegten Beiträge thematisieren ganz unterschiedliche Aspekte des Rahmenthemas und erzielen damit am Ende eine interessante Perspektivenvielfalt.

  • Bernd J. Diebner (Altes Testament) schildert die Rekonstruktionshypothesen über das Zustandekommen des Alten Testaments und macht deutlich, dass zwar viele Hypothesen im Raum stehen, eine Falsifikation dieser Ideen aber kaum möglich scheint. Die teilweise phantasievollen Hypothesen werden verständlich vorgetragen und mit Vergnügen seziert.
  • Michael Wink (Biologie) betrachtet die Bausteine und universell verbreiteten biochemischen Prozesse des Lebens. Er beschreibt, wie alles Leben auf diesem Planeten auf einer „Urzelle“ beruht (die möglicherweise auch noch von „outer space“ kam). Aus jener Urzelle leiten sich die alle Pro- und Eukaryoten ab, die sich diversifizierten und zu den unterschiedlichen Entwicklungslinien führten. Diese Entwicklungsgeschichte liest sich wie ein Krimi.
  • Claudia Erbar (Biologie) und Peter Leins (Biologie) machen die verschiedenen „-genien“ (Ontogenie, Phylogenie, Hologenie) in der Organismenwelt als strukturbildende Prozesse deutlich. Illustriert mit vielen farbigen Abbildungen lernt man viel über die Entwicklung von Pflanzen, die so herrliche Namen wie z. B. „Johanniskrautblättrige Myrtenheide“ tragen.
  • Matthias Kloor (Angewandte Tumorbiologie) und Magnus v. Knebel Doeberitz (Molekulare Onkologie) machen sich für die evolutionäre Sichtweise auf Krebs stark. Wir lernen dort z. B. dass das Sticker-Sarkom auf eine mehrtausendjährige Geschichte zurückblickt und es einen Hundepatient Null (den „founder dog“) gibt, auf den die Krankheit zurückgeführt werden kann.
  • Hans J. Pirner (Theoretische Physik) beschreibt strukturbildende Prozesse auf atomarer und sub-atomarer Ebene. Zahlreiche Querverweise auf geistes- und sozialwissenschaftliche Parallelen machen den Text auch für Fachfremde lesenswert.
  • Joachim Funke (Allgemeine Psychologie) befasst sich mit psychologischen Erkenntnissen zur Entwicklung von Charakter und zum Entstehen von Werten. Trotz kultureller Unterschiede scheint es einen gemeinsamen Kern menschlicher Werte zu geben.
  • Christel Weiß (Medizin) macht im ersten Teil ihres Beitrags in Form von Empfehlungen deutlich, wie man vom anfänglichen Chaos bei der Suche nach empirischen Regelmäßigkeiten zu geordneten Strukturen fortschreiten kann. Im zweiten Teil gibt sie dann illustrative Beispiele für diesen Übergang.
  • Bernd Jähne (Umweltphysik) macht deutlich, wie wichtig der Austausch von Luft und Wasser an der Meeresoberfläche für unser Weltklima ist. Diffusionsprozesse und Turbulenzen beeinflussen den Transport von Gasen zwischen Meer und Atmosphäre - Prozesse, die sowohl unter schwierigen Bedingungen im Feld wie auch unter Laborbedingungen (am Wind-Wellen-Kanal namens „Aeolotron“) untersucht werden.
  • In einem Kapitel, das ursprünglich nicht geplant war, befasst sich Joachim Funke (Allgemeine Psychologie) mit psychologischen Aspekten rund um die aktuelle Corona-Pandemie. Die dortige Entwicklung weist viele Bezüge zu seinem Heimatfach auf, auch wenn der Wissensstand noch eher aus Fragen als aus Antworten besteht.

Die Publikation als e-Book hat sich bislang bewährt: Sie spart Kosten und ermöglicht dank „open access“ eine größere Verbreitung als die Print-Version. Die ersten vier Bände (Stabilität: Wink & Funke, 2016, Citizen Science: 2017; Mobilität: Funke & Wink, 2018, Schönheit: 2019) haben seit ihrem Erscheinen 2016 fast 19.000 Downloads zu verzeichnen. Natürlich sind Download-Zahlen noch kein Indikator für breitere Wirkung, aber das waren die (deutlich niedrigeren!) Verkaufszahlen der alten Print-Ausgaben auch nicht. Auch diesem nun vorliegenden fünften Band der Heidelberger Jahrbücher Online wünschen wir daher angemessene Verbreitung!

Wem die digitale Ausgabe nicht genügt und ein Exemplar für seinen Bücherschrank wünscht: Dank der guten Zusammenarbeit mit „Heidelberg University Publishing (HeiUP)“ kann von allen Bänden für kleines Geld eine Print-Version „on demand“ hergestellt werden. Wir bedanken uns für die wie immer harmonische Zusammenarbeit beim Team der Universitätsbibliothek unter Leitung von Frau Dr. Maria Effinger, aber auch beim Direktor der Universitätsbibliothek, Dr. Veit Probst, der diesen Weg digitaler Informationsverbreitung seit Jahren fördert, ohne die Print-Welt zu vernachlässigen. Ein besonderer Dank ist erneut unser Cheflektorin Julia Karl (M. Sc. Psychologie) auszusprechen, die in gewohnter Qualität und mit hoher Geschwindigkeit den Publikationsprozess befördert hat.

Wir sind gespannt, wie der neue Band ankommt und wie unser Jahrgangsthema aufgenommen wird. Feedback ist wie immer erwünscht!”

hier geht es zu früheren Jahrbüchern:

- Band 4, 2019: Schönheit: Die Sicht der Wissenschaft

- Band 3, 2018: Perspektiven der Mobilität

- Band 2, 2017: Citizen Science

- Band 1, 2016: Stabilität im Wandel

Schwarze Schachtel wird zur Black Box

Als ich 1997 nach Heidelberg berufen wurde, gab es eine recht aktive Fachschaftsgruppe, die eine Fachschaftszeitung namens “Schwarze Schachtel” herausgab. Das war ein Organ mit geringer Auflage (max. 500 hektografierte bzw. gedruckte/kopierte Exemplare), aber hohem “Impact” bei den Dozierenden! Jedesmal, wenn eine neue Ausgabe erschien, gab es einen “run” auf diese Zeitung, weil jeder wissen wollte, ob dort sein Name auftauchte (und wenn ja, in welchem Kontext). Die Fachschaftler zögerten nicht, Missstände anzuprangern und sie öffentlich zu machen. Manchmal musste man auch lachen über Zitate von Dozierenden, die gesammelt und abgedruckt wurden.

Nun ist also die “Schwarze Schachtel” von damals (analoge Welt) als “Black Box” (BB) in der digitalen Welt von heute unterwegs (auf Holländisch:”zwarte doos”, wie mir unsere neue Kollegin verriet; die dazugehörige Geschichte kann ich hier nicht ausbreiten). Sehr professionell gestaltet, informativ, witzig. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch heute wieder die Dozierenden wissen wollen, was BB über sie berichtet!

Ich freue mich sehr, dass es wieder eine Zeitschrift unserer Fachschaft gibt! Gratulation zur ersten Ausgabe! Ich hoffe, dass noch viele Hefte folgen werden!

Die aktuelle Black Box vom Juli 2020 findet man (zusammen mit einer gescannten Kopie einer Schwarzen Schachtel aus dem Jahr 2000) hier:

https://heibox.uni-heidelberg.de/d/d8b9d91cc3ca4219bdf6/?fbclid=IwAR3-sVr77c4ecPqrpVcEm5iBMmxEuHDNDvxj-mltpgbWurBu4xpMaOVLnB8

“Unsere Welt neu denken”

Das ist der Titel eines neuen Buches von Maja Göpel, das ich gerade gelsen habe und hier weiterempfehlen möchte. Ab und zu brauche ich eine kleine Ermunterung zum Weitermachen in Sachen Klimaschutz, um die Frustrationen besser ertragen zu können, die uns alltäglich in diesem Themenkomplex widerfahren: Kohleausstieg kommt erst 2038, kein generelles Tempo 130 auf Autobahnen, steigende SUV-Verkaufszahlen, ansteigende Temperatur auf diesem Planeten, kaum sinkende Kohlendioxid-Emissionen (obwohl das uns zur Verfügung stehende Budget bei Anstreben der 1,5-Grad-Erwärmungsgrenze in acht Jahren verbraucht ist).

Wer ist Maja Göpel? Geboren 1976, ist sie nach ihrem Studium in Siegen, Hamburg und Kassel (unter anderem)  von 2013-2017 Leiterin des Berliner Büros des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie gewesen; seither arbeitet sie als Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). In ihrer Autorinnenangabe am Ende des Buchs bezeichnet sie sich als “Politökonomin und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft”. Auf einer Bundespressekonferenz im März 2019 in Berlin stelle sie die Initiative “Scientists for Future” vor, eine Gruppe von >26.800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die “Fridays for Future” unterstützen.

Worum geht es? Um nichts weniger als die Art und Weise, wie wir unser Leben (und vor allem unser Wirtschaften und Konsumieren!) ändern sollten, wenn wir auch nur halbwegs angemessen und verantwortungsvoll mit dem Planeten umgehen wollen, von dem wir (oft ohne zu zahlen) massiv profitieren. Als Sozialwissenschaftlerin macht Göpel an vielen Stellen Gebrauch von Erkenntnissen der Psychologie/Ökonomie, die von ihr immer wieder herangezogen werden (z.B. über “Rebound“-Effekte). Am interessantesten waren für mich ihre Ausführungen über ihr “Heimatfach”, die Ökonomie. Sie kritisiert deren Wachstumsideologie (”Fließbandwirtschaft”; ist in den Lehrplänen der Universitäten dominant) und setzt nachhaltigere Formen des Wirtschaftens (”Kreislaufwirtschaft“) dagegen.

Sie räumt mit ein paar Vorurteilen auf: Das Easterlin-Paradox, wonach mehr Wohlstand nicht automatisch zu mehr Glück führt; das Jevons-Paradox, wonach technologische Einsparungen zu einem Mehrverbrauch führen; das Versorgungsparadox, wonach die Versorgungssicherheit auf einem begrenzten Planeten mit einer zunehmenden Anzahl Menschen nicht eine immer größere Menge an Konsum bedeuten kann

Der Untertitel von Maja Göpels Buch lautet “Eine Einladung” und genau das ist es auch. Eines der 11 Kapitel lautet “Denken und Handeln” - eine Einladung für mich als Denkpsychologen, mehr über das Handeln und seine Verbindung zum Denken nachzudenken. Wie kommt man aus der (besseren) Welt der Vorstellung in die reale Welt? Dafür gibt Göpel drei Empfehlungen: (1) Freundlich aber hartnäckig bleiben, (2) Mitstreiter suchen, (3) sich nicht vom “fiesen Montag” runterziehen zu lassen. “Fieser Montag” bedeutet: Wenn die Träume des Wochenendes auf die harte Realität des montäglich wiederkehrenden Hamsterrads treffen, in dem alles so weitergeht wie zuvor.

Das Buch ist ein Ankämpfen gegen das “Weiter so wie bisher”, weist auf viele Ungereimtheiten und fälschlich behauptete Machtansprüche hin. Für mich steht es in der Tradition eines anderen Lieblingsbuchs von mir, das Harald Welzer im Jahr 2013 unter dem Titel “Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand” verfasst hat (hier ein Gespräch mit HW über sein Buch). Für beide gilt: Sehr empfehlenswert!

Göpel, Maja (2020). Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Ullstein.

Zukunftsvertrag Studium und Lehre

Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) hat Details zu dem seit längerem geplanten Hochschulpakt “Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken” offengelegt: “Der Bund stellt von 2021 bis 2023 jährlich 1,88 Mrd. Euro und ab dem Jahr 2024 dauerhaft jährlich 2,05 Mrd. Euro bereit. Die Länder stellen zusätzliche Mittel in derselben Höhe bereit, sodass durch den Zukunftsvertrag bis 2023 jährlich eine gemeinsame Milliardeninvestition in Höhe von rund 3,8 Mrd. Euro und ab 2024 jährlich insgesamt 4,1 Mrd. Euro zur Förderung von Studium und Lehre zur Verfügung stehen wird.”

Das ist ein ordentlicher Batzen Geld, der zur Verbesserung der Situation an den Hochschulen verwendet werden soll! Wie Jan-Martin Wiarda dazu in seinem Blog schreibt, kommen somit in den 7 Jahren Laufzeit des Vertrags 27,68 Mrd. Euro ins Spiel. Das ist eine erhebliche Summe. Neben der Fortsetzung des Hochschulpakts („Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“) wird zusätzlich noch über die Fortsetzung des Qualitätspakts Lehre („Innovation in der Hochschullehre“) sowie  des Pakts für Forschung und Innovation entschieden. Finanzierungen, die dringend erforderlich sind.

Jedes Bundesland muss übrigens in einer eigenen “Verpflichtungserklärung” benennen, was ihm wichtig ist und woran zukünftig eine Verbesserung der Situation festgemacht werden kann. Nachfolged der Link zu diesen Dokumenten:

https://www.gwk-bonn.de/themen/foerderung-von-hochschulen/hochschulpakt-zukunftsvertrag/zukunftsvertrag/

Für Baden-Württemberg (hier Direktlink zur Verpflichtung von Ba-Wü) wird generell eine Verbesserung der Betreuungsrelationen angestrebt. Als allgemeines Ziel wird in der Verpflichtungserklärung genannt: “Die sichere Finanzierung des Zukunftsvertrags soll dabei für verlässlichere Beschäftigungsverhältnisse genutzt werden. Dabei soll fächergruppenspezifisch auf einen höheren Anteil von Wissenschaftlerinnen in den wissenschaftlichen Karrierestufen entsprechend dem Kaskadenmodell hingewirkt werden. Mögliche Spielräume, die durch einen Rückgang der Auslastung entstehen, sollen insbesondere für die Verbesserung der Betreuungssituation und weitere Verbesserungen in der Qualität der Lehre genutzt werden.”

Erfreulich auch für unser Institut: Die unter der Leitung von Birgit Spinath betriebene Verbundforschung zur Verbesserung der Studierendenauswahl (hier zur Homepage von STAV) wird explizit genannt und damit gestärkt: “Zur Unterstützung der Hochschulmaßnahmen zur Verbesserung des individuellen Studienerfolgs wurden für den Zeitraum 2016-2020 Hochschulpaktmittel in Höhe von insgesamt 100 Mio. Euro zur Verfügung gestellt. Aktuell fördert das Land insbesondere Modelle für die Flexibilisierung der Studieneingangsphase und innovative Lehrprojekte sowie Maßnahmen im Bereich „Eignung und Auswahl“, um die Passung zwischen Studieninteressierten und Studienfach zu verbessern.” Das ist sehr erfreulich!

Inwiefern diese allgemeinen Formulierungen nun wirklich zu konkreten Verbesserungen führen, wird man sehen müssen - die Gewerkschaft GEW ist nicht zufrieden, wie aus der ersten Stellungnahme zu den Verpflichtungserklärungen zu entnehmen ist. Ob etwa prekäre Beschäftigungssituationen, die im Wissenschaftsbetrieb immer wieder vorkommen, damit massgeblich reduziert werden können, wird erst die Umsetzung dieser Massnahme vor Ort zeigen.

Oral History: Joachim Funke im Gespräch mit …

Die Erfahrungen mit Video-Kontakten in Zeiten von Corona haben viel Lustiges, manches Nervige, aber auch sogar Positives hervorgebracht. So habe ich die Videoaufzeichnungsfunktion von Skype entdeckt und mich dazu entschlossen, mit Ehemaligen vom Psychologischen Institut (PI) Gespräche über „die damalige Zeit“ zu führen (zu “skypen”). Ob so ein Unterfangen die Bezeichnung „oral history“ tragen sollte, wird sich zeigen, das haben andere zu entscheiden. Ich denke jedenfalls, dass Gespräche mit noch lebenden Zeitzeugen des PI ein paar interessante Biographien und interessante Details zutage fördern könnten. Es ist “Geschichte in Form von Geschichten”.

Warum Skype? Vor allem wegen der Aufzeichnungsmöglichkeit, bei der beide Gesprächspartner nebeneinander zu sehen sind. Ich hatte schon länger die Idee zu derartigen Videos, aber gescheitert ist diese Idee an der dafür nötigen Technik: Ein Gespräch im Büro benötigt zwei Kameras und mindestens eine weitere Person, die diese bedient; dazu Mikrofone etc., also erheblicher Aufwand, der (neben Terminfindung) nicht ganz einfach zu bewerkstelligen wäre. Das alles entfällt bei der jetzigen Form - und macht mich räumlich/zeitlich ungebunden! Und was Skype (ein Microsoft-Produkt, dem ich als Mac-User skeptisch gegenüber stehe) betrifft, war ich froh, in der Ausgabe Juni 2020 der “Stiftung Warentest” in einem Test von Videochat-Programmen lesen zu können: “Unter den kostenlosen Tools ist Skype die beste Wahl”.

Ich denke bei meinen möglichen Gesprächspartnern nicht nur an das wissenschaftliche Personal des Psychologischen Instituts, sondern auch an Studierende und Verwaltungsangestellte sowie an Personen, die in meinem Heidelberger akademischen Leben eine wichtige Rolle spielen oder gespielt haben. So habe ich also begonnen, Kontakt mit Ehemaligen aufzunehmen und anzufragen, ob Bereitschaft zu einem kurzem Gespräch via Skype besteht. Zu meiner großen Freude habe ich zahlreiche Zusagen erhalten und habe daher in den letzten Wochen fleissig „geskypt“. Natürlich muss so ein Interview geschnitten, nachbearbeitet, mit lizenzfreier Musik unterlegt werden - das kann ich inzwischen einigermassen. Ein Titelbild für die Videos war rasch gefunden.

Titelbild der Video-Reihe

Dass das Titelbild auf diesen Blog (HeiPI) Bezug nimmt, wird niemanden überraschen - sind doch zumindest Teile dieses Blogs “written history” und werden nun durch gesprochenes Wort (”oral history”) ergänzt. Eine Geschichte in Bildern könnte noch kommen…

Die ersten Ergebnisse meiner Gespräche habe ich in meinem YouTube-Channel auf einer separaten Playlist namens “Oral History” abgelegt - allein aus Platzgründen, denn ein halbstündiges Gespräch braucht in mittlerer Qualitätsstufe ca. 500 MB Plattenplatz, das sind bei 10 Gesprächen schon 5 Gigabyte… YouTube erweist sich da sehr großzügig, der Plattenplatz auf dem Institutsserver ist dagegen eher eine begrenzte Ressource…

Und natürlich ist das ganze Projekt “powered by Alumni Psychologici“, dem Freundeskreis unseres Instituts in der “Gesellschaft der Freunde”! Noch kein Mitglied? Hier geht’s zur Anmeldung.

Nachfolgend nun ein kurzer Überblick über die bisher freigegebenen Interviews (Stand Ende Juli 2020), zu finden auf meinem YouTube-Channel unter “Oral History PI Uni Heidelberg“:

  • Die ehemaligen Studierenden Unni Aadland (Norwegen), Nina Kathrin Brandt (USA), Maya Johannsson (Schweden) und Stefani Nellen (Niederlande) leben und arbeiten heute alle im Ausland, aber wie sich zeigt, sind die Erinnerungen an die Heidelberger Zeit sehr lebendig.
  • Herbert Wettig ist ein ehemaliger Student, der bei uns nach seinem Diplom auch noch in höherem Lebensalter promoviert wurde und zudem mit mir die “Alumni Psychologici” gegründet hat, die im Abspann genannt werden (”powered by Alumni Psychologici“).
  • Die frühere Studentin Margarete Over berichtet über ihr Engagement für das Collegium Academicum, ein außergewöhliches Wohnprojekt, an dem eine Reihe von Psychologie-Studierenden neben ihr massgeblich beteiligt sind.
  • Mit Annette Kämmerer (Professorin für Klinische Psychologie, im Ruhestand; heute in privater Praxis in Heidelberg tätig), Thomas Fydrich (Professor für Klinische Psychologie, HU Berlin, im Ruhestand), Babette Renneberg (aktive Professorin für Klinische Psychologie, FU Berlin), Peter Fiedler (Professor im Ruhestand) und Gudrun Kane (ehemalige Leiterin der Beratungsstelle für Kinder und Familien) ist ein wichtiger Teil vom Team der “damaligen” klinischen Psychologie abgebildet.
  • Bernd Reuschenbach (Professor für Pflegewissenschaft an der Katholischen Stiftungshochschule München) war lange Jahre in meiner eigenen Abteilung tätig und hat u.a. mit Bärbel Maier-Schicht den Landeslehrpreis gewonnen.
  • Klaus-Eckart Rogge hat jahrzehntelang die Methodenausbildung mitgestaltet - sein Methodenatlas verfolgte ein interessantes didaktisches Konzept. Darüberhinaus hat er 25 Jahre lang die Theatergruppe am PI geleitet.
  • Jutta Herrmann leitete über Jahrzehnte das Verwaltungssekretariat und war die “gute Seele” des Instituts. Sie kann Geschichten erzählen, die das Institutsleben aus der Innenperspektive lebendig werden lassen.
  • Alexandra Hohneder (heute tätig im Vorstand des “Generationenprojekts Neidenstein“) hat über viele Jahre hinweg unser Prüfungsamt geleitet. Auch da sind amüsante Details zu berichten. Die Umstellung von Diplom auf BSc/MSc fiel in ihre Zeit.
  • Mit Alt-Rektor Gisbert zu Putlitz spreche ich über das “Internationale Wissenschaftsforum Heidelberg” (IWH), das zum 600jährigen Jubiläum unserer Universität eingerichtet wurde in eben der Villa, die bis in die 1970er Jahre Heimat des Psychologischen Instituts war. In dem Kontext wurde damals auch die Stiftung Universität Heidelberg gegründet, die bis heute Gutes für die Ruperto Carola bewirkt.
  • Mit Dietrich Dörner spreche ich über seine (und auch über unsere gemeinsame) Geschichte. Er ist bis heute der einzige Kollege, der eine Ehrenpromotion auf Antrag unserer Fakultät erhalten hat. Mit ihm verbindet mich eine jahrzehntelange Auseinandersetzung über die “richtige” Methode zur Untersuchung von Denkprozessen.
  • Horst Gundlach, der 1973 bei Carl-Friedrich Graumann promoviert wurde und mir den Namen von Francis P. Hardesty bekannt machte, der von 1950-1954 an der Uni Hamburg tätig war (siehe hier) und 1973 als Lehrstuhlvertreter während des Aufenthalts von CFG an der New School in New York bei uns in Heidelberg lehrte.
  • Wolfgang Schneider, der sich an die Zeit der 68er-Studentenunruhen erinnert und berichtet, dass wir neben der damaligen Psychologie-Studentin Margrit Schiller, die zur RAF abdriftete, auch den Studenten Lutz Taufer an die RAF verloren haben.
  • Reiner Bastine, der 1972 nach Heidelberg auf den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie berufen wurde und eine starke Spur an Gründungen hinterlassen hat (z.B. StäKo; PSB; ZPP; ZfM). Darüberhinaus muss die Arbeitsatmosphäre in seiner Abteilung ausgezeichnet gewesen sein.
  • Peter Fiedler, der mit seiner Professur für Klinische Psychologie das Team der Kliniker verstärkt hat und soviele Lehrbücher geschrieben hat wie nur wenige andere.
  • Jürgen Bredenkamp, der von 1964 bis Frühjahr 1972 am Heidelberger Institut als Assistent von Carl-Friedrich Graumann gearbeitet hat und von 1980 bis 1997 zunächst in Trier und dann in Bonn mein Chef war. Er betont die schon damals vorherrschenden freundlichen Kontakte innerhalb der Mitarbeitenden - ein Vorläufer des “Heidelberger Geists“, vielleicht sogar dessen Ursprung.

Ich bin gespannt, wie diese Interview-Sammlung wächst! Die nächsten Termine sind schon geplant. Und ich bin gespannt, wie die Resonanz auf dieses Corona-bedingte Projekt ausfällt!

PS: Hier die (immer wieder mal aktualisierte; zuletzt: 11.8.2020) alphabetische Liste der Gesprächspartner mit dem Link zum jeweiligen Video:

Studium Generale: Aggression

Als junger Student habe ich gerne Vorlesungen aus dem sogenannten “Studium Generale” besucht. Das Studium Generale ist eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe an fast jeder Universität, die sich an alle Mitglieder und an die interessierte Öffentlichkeit wendet. Die Vorträge stehen unter einem gemeinsamen Thema, das von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen aus der Sicht ihrer Disziplin behandelt wird.

Auch an unserer Heidelberger Universität haben wir eine derartige Veranstaltungsreihe. Daher war ich erfreut, als mich der damalige Prorektor Oscar Loureda anfragte, ob ich den Eröffnungsvortrag zur Veranstaltungsreihe “Aggression” halten möchte. Natürlich habe ich zugesagt.

Nun liegt die Verschriftlichung vieler damaliger Vorträge vor, die ich im Auftrag des Rektorats herausgeben durfte und die nun erschienen sind. Im Wintersemester 2017/2018 lautete das Thema „Aggression“ und umfasste das folgende Programm (in chronologischer Folge), das jeweils montags abends in der Aula der Neuen Universität zu hören war:

  • Aggression in (sozialen) Medien (Prof. Dr. Joachim Funke, Psychologisches Institut, Universität Heidelberg)
  • Kultur in Zeiten des Krieges: Zerstörung und Rehabilitierung von Kulturgut im Rahmen bewaffneter Konflikte (Prof. Dr. Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin)
  • Neurobiologie der Aggression (Prof. Dr. Thomas Kuner, Institut für Anatomie und Zellbiologie, Universität Heidelberg)
  • Gewalt in der Natur (Prof. Dr. Michael Wink, Institut für Pharmazie & Molekulare Biotechnologie, Universität Heidelberg)
  • Aggression im Geschlechterverhältnis (Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm, Institut für Psychologie, Universität Erlangen-Nürnberg)
  • Podiumsdiskussion: Aggression gegen Wissenschaft (mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ehemalige Bundesministerin der Justiz; Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Cluster of Excellence “Normative Orders”, Universität Frankfurt; Prof. Dr. Ekkehard Felder, Germanistisches Seminar, Universität Heidelberg; Moderation: Jörg Armbrüster, SWR)
  • Gewaltkriminalität – die dunkle Seite der Aggression (Prof. Dr. Dieter Hermann, Institut für Kriminologie, Universität Heidelberg)
  • Aggression im Straßenverkehr (Dr. Martin Treiber, Institut für Wirtschaft und Verkehr, Technische Universität Dresden)
  • Aggression und Medizin (Prof. Dr. Till Bärnighausen, Institute of Public Health, Universitätsklinikum Heidelberg)

Die fett markierten Namen bezeichnen die Autorinnen und Autoiren, die ihren Beitrag schriftlich vorgelegt haben und in dem jetzt bei “Heidelberg University Publishing” erschienenen Band nachzulesen sind. Hier eine kurze Beschreibung der Beiträge.

  • Andrea Abele-Brehm beleuchtet als Sozialpsychologin die Bedeutung von Aggression in Paarbeziehungen. Neben Überlegungen zur Messung der Aggression geht es auch um den Einfluss von Geschlechterstereotypen sowie Möglichkeiten der Reduktion von Gewalt in Beziehungen.
  • Dieter Hermann berichtet als Kriminologe von Studien zur Aggression, die am Heidelberger Institut für Kriminologie durchgeführt wurden und in denen die Rolle geschlechtsspezifischer Entwicklungsprozesse ebenso beleuchtet wird wie der Einfluss von Normen und religiösen Werten.
  • Martin Treiber beschäftigt sich als Verkehrsmodellierer mit der Aggression im automobilen Straßenverkehr. Basierend auf mathematischer Modellierung des Fahrverhaltens kommt er zu dem Schluss, dass eine gewisse Aggressivität die Leistungsfähigkeit des Verkehrsflusses erhöht.
  • Michael Wink repräsentiert den Blick der Biologie auf Gewalt zwischen den Arten (bei der Suche nach Beute), aber auch innerhalb einer Art beim Kampf um Ressourcen wie Nahrung, Territorium oder Sex. Neben Gewalt und Aggression stellt der Autor aber auch die Bedeutung von Empathie und Altruismus heraus, die für einen deutlichen Rückgang an Gewalt in der modernen Zivilisation verantwortlich sein könnten.
  • Ich selbst betrachte in meinem Beitrag Aggression im Kontext sozialer Medien, wo neue Phänomene wie „Shitstorm“ oder „Cybermobbing“ auftauchen und damit alte Formen von Gewalt in neue Medien hineintragen. Neben der Darstellung einiger Beispiele geht es auch um die Frage, wie man sich schützen und wehren kann.

Der Band ist - wie alle HeiUP-Bücher - kostenlos aus dem Netz als PDF zu laden (”open access”), aber gegen ein kleines Entgelt (14.90 €) auch als gedrucktes Exemplar im Buchhandel erhältlich. Hier die genaue Quellenangabe samt Link zum Download:

Funke, J. (Hrsg.) (2020). Aggression. Studium Generale. Heidelberg: Heidelberg University Publishing. doi: 10.17885/heiup.studg.2020.1

Psychologische Aspekte der Corona-Krise

Für unser in diesem Jahr erscheinendes “Heidelberger Jahrbuch” habe ich einen kleinen Beitrag zu psychologischen Aspekten der Corona-Krise geschrieben, aus dem ich hier schon mal vorab einen Abschnitt zum Thema “Ist psychologische Forschung bereit zur Politikberatung?” veröffentlichen möchte: “Der Ausbruch der Corona-Krise zu Beginn des Jahres 2020 hat die gesamte Welt tiefgreifend beeinflusst. Volkswirtschaften wurden in den „lockdown“ versetzt, die Bevölkerung in ihren bürgerlichen Freiheiten beschränkt, zahlreiche Gesundheitssysteme von Nationalstaaten standen am Rande des Zusammenbruchs. In meinem Beitrag geht es um die verschiedenen psychologischen Aspekte bei der Entwicklung der Corona-Krise, wobei zum derzeitigen Stand vor allem Fragen formuliert und weniger Antworten darauf gegeben werden können. Deutlich wird die breite Beteiligung psychosozialer Faktoren am Infektionsgeschehen und an der Bekämpfung der Pandemie. Offen bleibt die Frage, inwiefern psychologische Erkenntnisse robust genug für evidenzbasierte Politikberatung sind. Zumindest basale (theoretisch fundierte) Konzepte erweisen sich m.E. als tauglich. [...]

Ist psychologische Forschung bereit zur Politikberatung?

Wann ist Forschung so gut validiert, dass sie sich zur (gut begründbaren) Politikberatung eignet? Die Forscherinnen und Forscher der Leopoldina (2020) haben sich mit ihren Ratschlägen an die Politik aus dem Fenster des Elfenbeinturms gelehnt und geben konkrete Empfehlungen wie z.B. diese hier (S. 3): „Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten können, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollte der Betrieb in Kindertagesstätten nur sehr eingeschränkt wiederaufgenommen werden.“ Das scheint mir eine gut vertretbare und verantwortungsvolle Empfehlung zu sein, die allerdings mehr auf gesundem Menschenverstand als auf wissenschaftlichen Befunden über die Infektiosität kleiner Kinder beruht (das wissen wir nämlich nicht genau). Eine mehr aus der Psychologie stammende Empfehlung lautet (S. 10): „Bei den psychischen Folgen und gravierenden Überlastungen müssen sozioökonomische Aspekte und der Mangel an sozialer Einbettung dringend berücksichtigt werden. Zu den besonderen Risikogruppen gehören Alleinerziehende, Migrantinnen und Migranten ohne Sprachkenntnisse, alleinlebende Ältere, psychisch Erkrankte, Pflegefälle und Arbeitslose. In ärmeren und eher bildungsfernen Schichten fehlen tendenziell materielle, psychische und soziale Ressourcen.“ Auch hier fehlen wissenschaftliche Belege und die Empfehlung fällt mit gesundem Menschenverstand zusammen.

Skeptiker wie IJzerman et al. (2020) bezweifeln, dass psychologische Erkenntnisse – auch angesichts der noch nicht überwundenen Replikationskrise, die auf viele empirisch vorgehende Wissenschaftsdisziplinen (nicht nur die Psychologie!) zutrifft – zur evidenzbasierten Politikberatung geeignet seien. Die Autoren schlagen vor, neun verschiedene Stufen von Evidenz zu unterscheiden. Nur die höchste Stufe sollte bei Entscheidungen über Leben und Tod herangezogen werden, aber psychologische Forschung liegt nach Meinung der Kritiker auf deutlich niedrigeren Stufen.

Das Potential der Psychologie zur Politikberatung wird bei IJzerman et al. (2020) nicht bestritten, allerdings kommt eine hohe Skepsis über den gegenwärtigen Evidenzstatus psychologischer Forschung zum Ausdruck. Zu beachten ist dabei, dass sich diese kritische Einschätzung auf die Validität empirischer Befunde bezieht. Daran arbeitet unser Fach nachdrücklich und in geradezu vorbildlicher Weise (so z.B. zu lesen bei Vazire, 2018). Das Potential unseres Faches beschränkt sich aber nicht nur auf die Sammlung verlässlicher Empirie, sondern enthält auch gut bewährte konzeptuelle Differenzierungen. Da zeigen sich die Stärken einer „Theoretischen“ Psychologie (Farrell & Lewandowsky, 2018; Fiedler, 2017, 2018; Gigerenzer, 2011, 2017; Oberauer & Lewandowsky, 2019), die wir bei aller Freude über gute Empirie nicht unterschätzen sollten.”

Literatur:

Farrell, S., & Lewandowsky, S. (2018). Computational modeling of cognition and behavior: Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/CBO9781316272503
Fiedler, K. (2017). What constitutes strong psychological science? The (neglected) role of diagnosticity and a priori theorizing. Perspectives on Psychological Science, 12(1), 46–61. https://doi.org/10.1177/1745691616654458
Fiedler, K. (2018). The creative cycle and the growth of psychological science. Perspectives on Psychological Science, 19(6), 433–438. https://doi.org/10.1177/1745691617745651
Gigerenzer, G. (2011). Personal reflections on theory and psychology. Theory & Psychology, 20(6), 733–743. https://doi.org/10.1177/0959354310378184
Gigerenzer, G. (2017). A theory integration program. Decision, 4(3), 133–145. https://doi.org/10.1037/dec0000082
IJzerman, H., Lewis, N. A., Weinstein, N., DeBruine, L. M., Ritchie, S. J., Vazire, S., Forscher, P. S., Morey, R. D., Ivory, J. D., Anvari, F., & Przybylski, A. K. (2020). Psychological science is not yet a crisis-ready discipline. PsyArXiv. https://doi.org/10.31234/osf.io/whds4
Oberauer, K., & Lewandowsky, S. (2019). Addressing the theory crisis in psychology. Psychonomic Bulletin & Review. https://doi.org/10.3758/s13423-019-01645-2
Vazire, S. (2018). Implications of the credibility revolution for productivity, creativity, and progress. Perspectives on Psychological Science, 19(6), 7. https://doi.org/10.1177/1745691617751884

Quelle des Textauszugs: Funke, J. (im Druck). Entwicklung einer Pandemie: Psychologische Aspekte der Corona-Krise. In J. Funke & M. Wink (Hrsg.), Entwicklung – Wie aus Prozessen Strukturen werden. Heidelberger Jahrbücher Online, 5.

Arbeiten in Zeiten von Corona

Was bedeutet es für mich, in diesen schwierigen Zeiten zu arbeiten? Auf diese Frage hin überkommt mich ein leichtes Schämen: Ich geniesse nämlich die eingetretene Entschleunigung und das Wegfallen vieler Termine. Ich schäme mich ein wenig dafür, dass es mir so gut geht in einer Zeit, in der über 10 Mio. Deutsche in Kurzarbeit sind und nicht wissen, wie es mit ihnen weitergehen wird.

Schämen tue ich mich (zumindest ein bisschen…) für die privilegierte Situation des pensionierten Professors, der seine finanzielle Existenz nicht bedroht sieht, dem ein eigenes Arbeitszimmer mit akzeptabler IT-Ausstattung und halbwegs guter Internet-Anbindung zur Verfügung steht, der keine Kinder unterhalten oder beschulen muss, der nicht sein gesamtes Unterrichtsprogramm zu Unterhaltungsvideos machen und der nicht auf engem Raum mit seiner Partnerin zusammenleben muss. So läßt sich zu allem Überfluss sogar aus der Krisenzeit ein Gewinn ziehen - ich komme durchaus zum wissenschaftlichen Arbeiten. Was für ein Privileg!

Apropos IT-Ausstattung: in den diversen Video-Konferenzen, die gerade abgehalten werden, bemerkt man unterschiedliche IT-Ausstattungen und auch unterschiedliche IT-Kompetenzen daran, dass erst mal die aus Versehen schon aktive Kamera und das Mikro vermutlich ungewollte Einblicke in den privaten Alltag gestatten oder die ersten 10 Minuten mit überraschenden Äußerungen wie “ich höre dich”, “ich sehe dich noch nicht” o.ä. verbracht werden. Technik dominiert z.Zt. noch Inhalte (von den Datenschutz-Diskussionen mal ganz abgesehen). Tatsächlich ist es online schwieriger eine lebhafte Diskussion zu führen, weil das “turn-taking” erschwert ist. Die eher stilleren Teilnehmenden kommen möglicherweise nicht zu Wort.

Hintergebäude des Psycholog. Instituts OHNE Fahrräder

Hintergebäude des Psycholog. Instituts OHNE Fahrräder (zum Vergrößern anklicken)

Ob sich die Online-Lehre bewährt, wird sich noch zeigen müssen. Eine didaktische Vorbereitung auf diese Umstellung hat kaum stattgefunden, die Dozentinnen und Dozenten sind (genauso wie die Studierenden) ins kalte Wasser geworfen worden. Ich bin und bleibe Fan der Präsenz-Veranstaltungen (siehe meinen Blog-Beitrag von 2016 “Lob der Vorlesung“). Etwas schwankend bin ich allerdings geworden, als ich kürzlich den ersten Teil der (leider nicht öffentlich zugänglichen) Videoproduktion “Vorlesung Diagnostik” meines Kollegen Jochen Musch (Uni Düsseldorf) gesehen habe. Ich war begeistert! Aber ich glaube, das hat vor allem mit Jochen und seiner Begeisterung für das Fach zu tun!

In Zeiten von Corona gibt es viel, was Sorgen bereitet, aber doch auch manches, das erfreulich ist. Zu letzterem zähle ich ein neues Kolloquiumsformat der Uni Mannheim (organisiert von meinem Kollegen Edgar Erdfelder und Arndt Bröder), das unter dem Titel „One World Cognitive Psychology Seminar“ (OWCPS) offen für alle angeboten wird. Die Themen sind interessant (False Memory; Skill Acquisition; ANOVA Lies; Knowledge Dementors; Response Time Data; Moral Dilemmata), die Vortragenden durchaus prominente Fachvertreter (z.B. Daniel Bernstein, Dayna Touron, Jeff Rouder, Stephen Lewandowsky). Es findet live jeweils Di 17:15-18:45 statt. Die Themen und Termine findet man hier.

Nach den ersten Talks kann ich nur sagen: sehr empfehlenswert! Und wer es zu den Terminen nicht schafft: alle Vorträge werden aufgezeichnet und können zu späterer Zeit in Ruhe angehört werden. Man kann das (inhaltliche) Fortbildungsangebot als Ersatz für manche ausgefallene Konferenz nutzen. Wer in den bereits erfolgten Talk von Dan Bernstein über „False memories“ hineinhören möchte, findet die Aufzeichnung hier. Übrigens kommt eine Frage im Anschluss an seinen Vortrag von Elisabeth Loftus, die sich zugeschaltet hatte (auf dem Youtube-Video ab 1:09:30 ist E.L. zu hören und zu sehen). Tatsächlich „one world“!

In einem Webinar zu psychologischen Aspekten der Corona-Krise habe ich davon gesprochen, dass es momentan eine Sternstunde für die Wissenschaft sei - schon lange nicht mehr wurde der Wissenschaft dermassen viel Raum im politischen Alltag gegeben. Aber seien wir ehrlich: die Konzentration auf die Virologie ist zu einseitig. Die “Stunde der Virologen” muss durch eine “Stunde der Psychologen”  (und vielfältiger anderer human- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen) ergänzt werden. Ein Starren auf das Virus mit naturwissenschaftlichem Fokus verengt den Blick. Dafür ist die Gemengelage bei weitem zu komplex, als dass man sie auf einige wenige Aspekte reduzieren könnte. Dies macht auch die dritte Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina (mit dem schönen Titel: “Die Krise nachhaltig überwinden”, hier als PDF) deutlich, an der aus unserem Heidelberger Institut Klaus Fiedler mitgewirkt hat.

Und noch etwas, was manche noch lernen müssen: Wissenschaft liefert keine eindeutigen Resultate, sondern die (zumeist vorläufigen) Ergebnisse müssen interpretiert werden. Es braucht “scientific literacy“, um die wissenschftliche Diskussion verstehen und bewerten zu können. Was heisst das? Der Begriff “scientific literacy” ist im Kontext der PISA-Erhebungen entstanden und wird mit “naturwisschaftlicher Grundbildung” übersetzt. PISA: Das ist die weltweite Untersuchung von Kompetenzen 15jähriger Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Bereichen: Neben Lese- und Rechenfähigkeiten (reading literacy, math literacy) werden weitere “literacies” diskutiert und erhoben. “Science” gehört dazu, “problem solving” auch (siehe z.B. meinen Blog-Beitrag dazu von 2017); “financial literacy” ist umstritten, “scientific literacy” dagegen ist unumstritten: Sie soll helfen, naturwissenschaftliche Fragestellungen zu erkennen, naturwissenschaftliche Phänomene zu erklären und naturwissenschaftliche Evidenzen zu nutzen (so PISA 2006).

Noch einmal: Im Kern ist Wissenschaft die Kunst des Zweifelns und der angemessenen Skepsis! Die Freude etwas entdeckt zu haben ist immer auch verbunden mit der Möglichkeit des Irrtums. Der Wissenschaftstheoretiker Sir Karl Popper meint, dass wir nie wissen, wann wir die “Wahrheit” in Händen halten, aber dass wir mit dem Instrument der Falsifikation ganz schnell einen Irrtum nachweisen können. Darum geht es nämlich: Nicht jeden Irrtum ausschließen zu wollen, sondern ihn nachweisbar zu machen, wenn man ihn denn begangen hat - das ist die beste Art von Wissenschaft, die ich kenne! Solche Prinzipien leiten mich durch die gegenwärtige Krise und die zahlreichen Einschränkungen, die wir zur Zeit auch als Wissenschaftler hinnehmen müssen (geschlossene Labore, ausfallende Dienstreisen, abgesagte Konferenzen).

Nicht zuletzt hilft mir persönlich ein Satz von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (siehe meinen Blog-Eintrag von 2007 zur Hegel-Gedenktafel am Parkhaus in der Plöck): “Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit” - wenn man die Sinnhaftigkeit der Massnahmen versteht, kann man sie viel entspannter akzeptieren…