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Besseres Verständnis des Klimawandels

Eines der drängenden Probleme unserer Zeit ist der Klimawandel. Zu diesem Thema gab es lange Zeit ernüchternde Botschaften aus den USA, wo Forschungen von John Sterman (MIT) zu zeigen meinten, dass selbst gut ausgebildete MIT-Studierende nicht in der Lage wären, die komplizierten Verhältnisse von CO2-Zuwachsraten und CO2-Abbauraten zu verstehen (siehe z.B. den Artikel von Cronin, M. A., Gonzalez, C., & Sterman, J. D. (2009). Why don’t well-educated adults understand accumulation? A challenge to researchers, educators, and citizens. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 108(1), 116–130. doi:10.1016/j.obhdp.2008.03.003). Fast eine Erleichterung für einen selbst, wenn schon hochqualifizierte Personen keinen Durchblick haben, oder?

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Doch schon im Jahr 2015 erschien ein Artikel von Helen Fischer, Christina Degen und mir (siehe hier: Fischer, H., Degen, C., & Funke, J. (2015). Improving stock-flow reasoning with verbal formats. Simulation & Gaming. doi:10.1177/1046878114565058 - Siehe auch: Fischer, H., & Gonzalez, C. (2015). Making sense of dynamic systems: How our understanding of stocks and flows depends on a global perspective. Cognitive Science. doi:10.1111/cogs.12239), der Zweifel an dieser Darstellung nährte (siehe auch meinen damaligen Blog-Beitrag).

Nun ist das Thema noch viel grundsätzlicher aufgerollt worden. Kurt Stocker (Universität Zürich) und ich haben einen neuen Beitrag zu diesem Thema geleistet. In dem kürzlich erschienenen Artikel mit dem Titel “How we conceptualize climate change: Revealing the force-dynamic structure underlying stock-flow reasoning” schildern wir eine allgemeine Schreibweise (eine “Syntax”) für alle möglichen “Flüsse” (Stock-Flow = Zu- und Abflüsse, wie sie z.B. erfolgen auf Konten durch Ein- und Auszahlungen, in Badewannen durch Zu- und Abflüsse, beim Körpergewicht durch Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch). Viele Systeme in der Natur werden im Gleichgewicht gehalten durch entsprechende Zu- und Abflüsse. Wenn die Balance zwischen In-Flow und Out-Flow gestört ist, geraten Systeme ausser Kontrolle (beim Konto: Insolvenz; beim Körpergewicht: Über- oder Untergewicht; bei Badewannen: entweder Überschwemmung oder vorschnelle Leerung; beim Klima: Abkühlung oder Erwärmung).

Das grundlegende Beschreibungssystem der elementaren Kraft-Dynamik, das wir verwenden, ist die von Kurt Stocker weiterentwickelte Theorie des amerikanischen Linguisten Leonard Talmy über Ursache-Wirkungs-Begrifflichkeiten (siehe hier: Stocker, K. (2014). The elements of cause and effect. International Journal of Cognitive Linguistics, 5(2), 121–145). Linguisten sind sehr gründlich und schauen sehr genau hin, weil winzige Kleinigkeiten in der Sprache große Unterschiede ausmachen können - Linguisten sind Spezialisten für das Verstehen. Das ist das Thema unserer Arbeit.

Die zentralen Bausteine für das Verständnis solcher Flüsse, wie sie gerade beispielhaft benannt wurden, lassen sich in Kurzform an einer Abbildung zum CO2-Gehalt der Atmosphäre beschreiben (im Artikel sind wir etwas genauer…). Diese Abbildung sieht wie folgt aus (Anklicken zum Vergrößern):

Sie zeigt symbolisch die Atmosphäre mit einem gestrichelt eingezeichneten CO2-Level, der durch CO2-IN erhöht werden kann (z.B.  durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe) und durch CO2-OUT erniedrigt wird (Absorption durch Wälder und Ozeane). Wenn mehr IN als OUT, erhöht sich der Level; wenn mehr OUT als IN, sinkt er; ansonsten bleibt er konstant. Diese einfache Logik ist von jeder Person leicht zu verstehen - man braucht dafür kein Studium.

Was aber wichtig ist: Nur wenn alle Elemente dieses Systems angesprochen und gezeigt werden, ist ein Verständnis solcher Flußdynamiken möglich. In unserem Artikel machen wir deutlich, warum die Teilnehmenden an den Sterman-Experimenten den Klimawandel nicht verstanden hatten: Ihnen wurden wichtige Teile des Systems vorenthalten! Kein Wunder, dass sie es nicht verstanden haben! Somit hat das erstaunliche Ergebnis weniger mit ihrem mangelnden Verständnis des Klimawandels zu tun als vielmehr damit, dass die Experimentatoren unvollständig informiert hatten…

Menschen können also die Prozesse des Klimawandels verstehen - das ist die gute Botschaft! Es bleibt umso mehr die schlechte Botschaft: sie handeln nicht gemäß ihres Wissens! Nachhaltigsdenken ist eben schwer (siehe meine früheren Blog-Beitrag). Aber das ist eine andere Baustelle.

Hier die Zusammenfassung unseres Beitrags:

How people understand the fundamental dynamics of stock and flow (SF) is an important basic theoretical question with many practical applications. Such dynamics can be found, for example, in monitoring one’s own private bank account (income versus expenditures), the state of a birthday party (guests coming versus leaving), or in the context of climate change (CO2 emissions versus absorptions). Understanding these dynamics helps in managing everyday life and in controlling behavior in an appropriate way (e.g., stop expenditures when the balance of a bank account approaches zero) In this paper, we present a universal frame for understanding stock-flow reasoning in terms of the theory of force dynamics. This deep-level analysis is then applied to two different presentation formats of SF tasks in the context of climate change. We can explain why in a coordinate-graphic presentation misunderstandings occur (so called “SF failure”), whereas in a verbal presentation a better understanding is found. We end up with recommendations for presentation formats that we predict will help people to better understand SF dynamics. Better public SF understanding might in turn also enhance corresponding public action – such as enancing pro-environmental actions in relation to climate change.

Und hier die Quellenangabe (open access, d.h. ohne Bezahl-Schranke zugänglich):

Stocker, K, & Funke, J. (2019). How we conceptualize climate change: Revealing the force-dynamic structure underlying stock-flow reasoning. Journal of Dynamic Decision Making, 5, 1. doi: 10.11588/jddm.2019.1.51357

Lob des Grundgesetzes

Am 8. Mai 1949 ist vom Parlamentarischen Rat in Bonn das Grundgesetz (GG) beschlossen worden. Das ist ein Text, gegenüber dem ich als Beamter schon kraft meines Dienstvertrags zu Loyalität verpflichtet bin, aber diese Pflicht ist mir wirklich eine echte Freude! Ich finde, wir haben ein tolles Grundgesetz - und zwar nicht nur den Buchstaben und Artikel wegen, sondern weil es gelebt wird! Wir haben mit dem Bundesverfassungsgericht sogar ein eigenes Organ, das die Einhaltung dieses GG sicherstellen soll, und einen Verfassungsschutz, der Gegner und Gefährder dieses GG aufspüren soll. “Es setzt sich aus einer Präambel, den Grundrechten und einem organisatorischen Teil zusammen. Im Grundgesetz sind die wesentlichen staatlichen System- und Werteentscheidungen festgelegt. Es steht im Rang über allen anderen deutschen Rechtsnormen.” (Quelle: https://www.bundestag.de/grundgesetz).

Vor 10 Jahren habe ich anläßlich des damals 60. Geburtstags unseres GG einen Blogbeitrag über “Psychologie im Grundgesetz” geschrieben, der sich mit den ersten 19 Artikeln des GG und den darin enthaltenen Grundrechten aus einer psychologischen Perspektive heraus befasst. Psychologie im Grundgesetz? Wie kann das sein? Schauen Sie selbst: Ich habe meinen damaligen Beitrag mit Vergnügen wiedergelesen: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2009/05/24/pssychologie-im-grundgesetz/

Ich wünsche unserem GG, das gut 4 Jahre älter ist als ich, einen schönen Geburtstag und viele Jahrzehnte weiteren Bestand!

Fakultätentag Psychologie

Am Freitag 3.5.2019 tagte in Frankfurt der Fakultätentag Psychologie (FTPs). Ich nahm zusammen mit dem Geschäftsführenden Direktor unseres Instituts, Andreas Voß, und dem Dekan unserer Fakultät, Dirk Hagemann, an dieser Großveranstaltung teil, zu der Vertreterinnen und Vertreter aller deutschsprachigen Psychologischen Institute geladen waren. Neben 67 Delegierten nahmen auch 57 Gäste als zusätzliche Institutsvertreter teil. Auch die Studierenden waren durch zwei Personen aus der PsyFaKo (= Psychologie Fachschaften Konferenz) vertreten. Der FTPs ist eine Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), die durch ihre Präsidentin Birgit Spinath repräsentiert war. In dieser Fachgruppe sind alle deutschen Psychologie-Institute (derzeit N=55) vertreten.

Was ist der Fakultätentag Psychologie? Er wurde 2015 als Interessenvertretung der wissenschaftlichen Psychologie an den deutschen Universitäten gegründet; Ziele und Aufgaben des FTPs sind hier beschrieben. Es ist ein Weg zum Zusammenhalt unseres Faches in schwierigen Zeiten, in denen Kritiker wie z.B. Wolfgang Schönpflug (hier sein FAZ-Beitrag) durchaus schon eine Spaltung befürchten. Der Fakultätentag erweist sich daher als wichtiges Kommunikations- und Diskussionsforum, um ein einheitliches Vorgehen möglich zu machen. So z.B. im Kontext der jetzt nötigen Verhandlungen mit den Landesministerien, um die zusätzlichen Kosten, die durch das Direktstudium entstehen, in möglichst einheitlicher Weise einzufordern. Der FTPs wird auch als Ansprechpartner für die Politik genutzt werden, da er alle BRD-Institute vertritt - das ist ein starkes Gremium!

Tatsächlich stand das Thema “Novellierung des Psychotherapeuten-Gesetzes (PsychThG)” im Mittelpunkt der Versammlung. Winfried Rief brachte die Geschichte der Reform nochmals in Erinnerung und gab Details der Verhandlungen bekannt, zusammen mit Einschätzungen der durchaus komplexen Lage. Birgit Spinath berichtete von einer Umfrage unter den Instituten, die die bundesweiten Planungen transparent werden ließen. Deutlich wurde der enorme Zeitdruck, unter dem der Transformationsprozess geschieht: am 9.5.19 ist die erste Lesung des Gesetzesentwurfs im Bundestag, am 27.6. die zweite und dritte Lesung, am 26.9. dann Bundesrat-Entscheidung. im 4. Quartal 2019 wird mit dem Erlass einer neuen Approbationsordnung durch das BMG gerechnet, die ein Inkraft-Treten zum Herbst 2020 vorsehen wird. Das bedeutet: ab WS 2020 *muss* der MSc Psychologie umgestellt werden, es *kann* auch schon der zukünftig “polyvalente” BSc-Studiengang angepasst werden.

Angesichts der notwendigen Änderungen von Zulassungs-, Prüfungs- und Studienordnungen muss der Gang durch die universitären Gremien (Fakultät, Senat) bereits im Oktober 2019 starten, wenn man rechtzeitig zum WS 2020 beginnen möchte (und dafür sprechen sehr viele gute Gründe!). Um nur ein damit verbundenes Problem zu benennen: Die Personalausstattung an den Instituten, die ein Approbationsstudium anbieten, muss wachsen - aber dazu sind zunächst Verhandlungen mit Rektoraten und Ministerien zu führen.

Noch ein Thema des Fakultätentags: Nach 4jähriger Tätigkeit gab der Vorsitzende des FTPs, Markus Bühner, aufgrund von Wahlen durch die Delegierten sein Amt ab an Conny Antoni, der nun die Aufgaben übernehmen wird. Großer Dank an den scheidenden und viel Erfolg für den startenden Vorsitzenden!

Skandale

Kaum habe ich in diesem Blog mal für gut 14 Tage geschwiegen, wird schon angefragt, ob mir die Tinte in der Feder ruhestandsbedingt schneller trocknet als zuvor. Das will ich nicht ausschließen, aber mein eigener Eindruck ist, dass ich momentan sogar mehr schreibe als zuvor (es sind verschiedene Buchprojekte in der Pipeline, Geduld!). Lediglich eine Kategorie taucht derzeit in meinem (noch immer vollen) Terminkalender nicht mehr auf: Lehre! Ich fühle mich z.Zt. noch wie in einem Forschungssemester, nicht im wöchentlichen Hamsterrad der Veranstaltungstermine, sondern mit freierer Zeiteinteilung (und damit der Möglichkeit zu größerer Konzentration).

Warum die Überschrift “Skandale”? Nun, ich nehme gerade um mich herum eine ganze Reihe von Vorfällen wahr, die diesen Titel verdienen könnten. Drei davon will ich kurz benennen.

Nummer 1: Vorwürfe gegenüber dem Dresdner Kollegen aus der Klinischen Psychologie, Hans-Ulrich Wittchen, er habe Daten einer Studie über die Personalausstattung in Psychiatrien manipuliert (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 18.4.2019).

Nummer 2: Vorwürfe gegenüber dem Tübinger Kollegen aus der Biopsychologie, Niels Birbaumer, er habe die Kritik an einer spektakulären Studie zu unterdrücken versucht (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 17.4.2019). Nachtrag 11.6.19: Die DFG-Ethik-Kommission hat die Retraction des kritisierten Papers in PloS Biology und die Untersuchung weiterer Arbeiten des Autors in Hinblick auf mögliches Fehlverhalten angeordnet. Mehr (und Grundsätzlicheres) siehe hier. Der Betroffene hat sich zur Wehr gesetzt und die Kommission kritisiert.

Nummer 3: Vorwürfe gegenüber dem Heidelberger Kollegen aus der Gynäkologie an der Medizinischen Fakultät, Christoph Sohn, er habe vorschnell eine “Weltsensation” ankündigen lassen (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 18.4.2019 und ein Beitrag aus “Bild” und “Bunte“). Siehe auch den Beitrag auf DocCheck vom 24.5.19 oder im Blog “Heidelberger Windungen” von Jan-Martin Wiarda vom 27.5.19

In allen drei Fällen gilt es natürlich erst einmal abzuwarten, was die jeweiligen Untersuchungskommissionen als Ergebnis liefern. Aber es muss ein hinreichender Anfangsverdacht bestanden haben, wenn es überhaupt zu derartigen Ermittlungen kommt. Was mich daran beunruhigt, ist das negative Image, das von den Einzelfällen auf das betroffene Fach (auf die Psychologie) bzw. auf die betroffene Institution (Uniklinikum Heidelberg) abfärbt: “Die” Psychologen oder “die” Uniklinik Heidelberg sind verdächtig. Aber: Es sind zunächst Einzelfälle, von denen man nicht generalisieren kann.

Allerdings ist der Umgang mit derartigen Vorwürfen ein Indikator dafür, wie ernst bestehende ethische, moralische oder wissenschaftliche Standards genommen werden (oder auch nicht). Will man wirklich Licht in das Dunkel der Vorwürfe bringen oder geht es darum, möglichst geschickt aus der Affäre herauszukommen und die inkriminierten Vorgänge “unter der Decke” zu halten? Letzteres gelingt meistens doch nicht und verschlimmert die Sachverhalte nur noch.

Ich bin gespannt, wie diese Fälle ausgehen - noch tobt der Sturm der medialen Aufmerksamkeit und macht eine klare Beurteilung der Fälle nicht einfach. Mit ein bisschen Abstand wird dies sicher leichter fallen. Von daher sind Forderungen nach personellen Konsequenzen, wie sie etwa jüngst in Fall 3 gefordert wurden  (”Rücktritt des Klinikvorstands”), vielleicht etwas voreilig und lösen das Problem nicht substantiell.

Sind diese Vorfälle symptomatisch für unsere derzeige Wissenschaftswelt? Natürlich wollen wir Wissenschaftler gehört werden und brauchen daher Aufmerksamkeit, die zu einer raren Größe geworden ist. Wir brauchen Gelder, um die schlecht finanzierte Situation an öffentlichen Universitäten zu verbessern. Dass es im Kreis der Wissenschaft “menschelt” und viele menschliche Schwächen (wie z.B. Gier, Narzissmus, Arroganz, Machtstreben) auch dort vorkommen, sollte uns nicht verwundern. Die Kernmerkmale guter Wissenschaftler sind das allerdings nicht! Wir brauchen nicht mehr Geld für Pressestellen, sondern mehr Geld für gute Forschung!

Dienstende Funke?!

Mit Ablauf des 31.3.2019 ist mein aktiver Dienst an dieser Universität zu Ende (der “Funkexit” tritt ein) und ich trete in den Ruhestand ein. Ein merkwürdiges Gefühl!

Seit meiner Berufung zum 1.4.1997 auf den “Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Psychologie” (Nachfolge von Norbert Groeben) sitze ich seit 22 Jahren in meinem Büro A028 und arbeite an verschiedenen Projekten. Eine Zwischenbilanz nach 20 Jahren meiner Aktivitäten habe ich im April 2017 gezogen, das will ich hier nicht wiederholen. Was ich allerdings nach 44 Semestern Lehre an der Uni Heidelberg (unterbrochen durch vier Forschungssemester sowie ein Marsilius-Semester) sagen kann: ich freue mich darauf, nun intensiver an vorliegenden Buch- und anderen Publikationsprojekten weiterzuarbeiten - das macht viel Freude! Auch Qualifikationsarbeiten kann ich mich verstärkt widmen, “alte” Datensätze harren der Re-Analyse. Außerdem habe ich gerade noch ein Drittmittelprojekt über Technik für Ältere einwerben können (Geldgeber ist die Carl-Zeiss-Stiftung; Principal Investigator ist Katja Mombaur).

Natürlich ist es nicht wirklich vorbei - dankenswerterweise hat meine Fakultät für mich eine dreijährige Seniorprofessur beantragt, die am 1.4.2019 beginnen soll. Es handelt sich um einen Ehrentitel, der mir keinerlei finanziellen Vorteile einbringt, aber mich mein Büro im Hintergebäude des Instituts länger nutzen läßt (Danke dafür, liebe Kolleginnen und Kollegen im Institut und in der Fakultät!). Im Gegenzug führe ich verschiedene Ehrenämter weiter und werde mit großer Freude jährlich im Wintersemester die Vorlesung “Einführung in die Erkenntnistheorie” abhalten.

Es ist ein “sanfter” Übergang in den Ruhestand, das gefällt mir! Dienstende: ja und nein! Ein wenig wie bei den Briten: Funkexit findet noch nicht wirklich statt…

Abschied als Senator

Im Oktober 2010 bin ich als einer von acht professoralen Wahlsenatoren auf der der Liste “Initiative/Semper Apertus” (hier der Wahlaufruf von 2014) Mitglied unseres Akademischen Senats geworden (nachdem ich schon einmal von 2002 bis 2003 eine halbe Amtszeit absolviert hatte). Die erste Senatssitzung trug die laufende Nummer #387 (gezählt wohl seit der Wiedereröffnung unserer Universität nach dem 2. Weltkrieg 1946) und fand am 9.11.2010 statt. Mit der Senatssitzung #456 vom 26.3.2019 endet nun meine Senatoren-Tätigkeit und damit auch mein Amt des Senatssprechers, da ich mit Ablauf des Monats März aus dem aktiven Dienst dieser Universität ausscheide. Als ich im November 2010 die Wahl zum Senatssprecher annahm, konnte ich nicht wissen, dass es gleich zwei Amtszeiten werden würden (und die zweite nochmal um ein halbes Jahr verlängert wurde, da eine Änderung im LHG eine Neuausrichtung und damit Neuwahl des Senats zum 1.10.2019 erforderlich macht, weswegen die Amtszeit der professoralen Senatsmitglieder kurzerhand um ein Jahr verlängert wurde). Meiner Nachfolgerin im Amt, der Juristin Ute Mager, wünsche ich eine gute Zeit und viel Erfolg!

In den 17 Semestern meiner Senatstätigkeit habe ich an rund 70 Senatssitzungen teilgenommen (lediglich an der Sitzung im Februar 2019 konnte ich wegen meines Radunfalls nicht teilnehmen). Wenn man davon ausgeht, dass für eine normale Senatssitzung etwa 1000 Seiten Vorlagen zu bearbeiten sind (wir hatten zahlreiche Sitzungen mit annähernd 2000 Seiten Text, die letzte jetzt im März gar mit 2500 Seiten…), habe ich mich durch schätzungsweise (mindestens) 70.000 Blatt Papier durchgearbeitet (nicht alles habe ich gründlich gelesen, manches nur überflogen) und dabei so manches entdeckt…

Als Wahlsenator habe ich den Eindruck gehabt, mit meinen Äußerungen und Voten etwas bewirken zu können: Wir haben z.B. die Kriterien für die Vergabe von außerplanmäßigen Professuren diskutiert und verbessert; wir haben in Berufungsverfahren noch strengere Kriterien für unabhängige Gutachten und für die Zusammensetzung der Kommissionen festgelegt; wir haben das Rektorat im Zuge der Exzellenzinitiative unterstützt; wir geben dem Rektor Unterstützung bei seinen Verhandlungen im Stuttgarter Ministerium; auch die Kurskorrektur von einer unternehmerisch ausgerichteten Universität (wie sie unter dem damaligen Universitätsrats-Vorsitzenden Peter Bettermann betrieben wurde) zur akademischen Kultur der Volluniversität hat sich in meinen Augen gelohnt.

Seit Herbst 2010 hatte ich also die Ehre, gelegentlich das Vergnügen, manchmal die Last, als einer von zwei Sprechern unseres Akademischen Senats zu agieren, neben den Medizin-Dekanen Claus Bartram (2010-2014), Wolfgang Herzog (2014-2018) und jetzt Andreas Draguhn. Über die vielen Sitzungen hinweg habe ich das Geschehen begleitet und gelegentlich kommentiert, daneben habe ich an vielen kleineren Kommissions- und Gremiensitzungen teilgenommen und war an Findungskommissionen (2x Kanzler, 2x Rektor, mehrfach Universitätsräte) beteiligt.

Was mir wichtig war, läßt sich mit dem Begriff der Bestenauswahl beschreiben. Der Senat hat neben vielerlei organisatorischen Fragen vor allem die Qualität der zu berufenden Personen sicherzustellen. Dafür haben wir in Berufungskommissionen eigens das Amt des Senatsberichterstatters, der unser „Spion” während des Verfahrens ist und Auffälligkeiten berichten soll. Doch ebenso wichtig sind die von den Dekanen vorgelegten Dokumente, in denen manchmal zwischen den Zeilen interessante Verfahrensdetails zu finden waren und die zu Rückfragen und dann zu entsprechenden Klärungen führten. Ich denke, in den letzten Jahren hat unser Senat hier eine gute Figur gemacht - die Zukunft wird es zeigen, wie gut unsere Selbstergänzung auf allen Ebenen funktioniert hat. Dass wir uns in Bezug auf die Chancengleichheit von Männern und Frauen noch steigern können, steht ausser Frage.

Was ich gelegentlich bedauert habe: Wie wenig Zeit wir uns für echte Diskussionen genommen haben! Angesichts der vielen 1000 Seiten Dokumente und der mehr als 20 Tagesordnungspunkten (jeweils pro Sitzung) waren wir natürlich dankbar für eine straffe Sitzungsführung, andererseits unterblieb dadurch manches Mal auch eine Nachfrage oder ein Einwand, weil man den richtigen Zeitpunkt verpasst hatte… Dennoch hat es gelegentlich lebhafte Debatten gegeben - Sternstunden langer Sitzungsnachmittage!

Was ich im letzten Jahr schade fand, war eine schleichende Verschlechterung der Atmosphäre - ich will nicht in den Wunden wühlen, die uns ein wenig in Richtung eines Freund/Feind-Denkens gelenkt haben und uns damit haben übersehen lassen, das jeder an seinem Platz zum Wohl der Alma Mater zu handeln gedachte. Das Trennende hat uns das Gemeinsame ein Stück verlieren lassen - ich wünsche dem zukünftigen Senat hier wieder eine bessere Grundstimmung! Der respektvolle Umgang miteinander sollte selbst bei Streitigkeiten in der Sache selbstverständlich sein!

Ich werde zukünftig die monatlichen Dienstags-Nachmittage freier gestalten können  - ich bin allerdings ziemlich sicher, es wird mir etwas fehlen! Mal sehen, wie lange…

Scientists4Future & Fridays for Future

Eine junge 16jährige schwedische Aktivistin, Greta Thunberg, hat mit Ihrem Appell an die Erwachsenen, endlich etwas Wirkungsvolles in Sachen Klimawandel zu unternehmen, ein breites weltweites Echo ausgelöst. Eine der Konsequenzen Ihres mutigen Auftretens sind die freitäglichen Demonstrationen von Schülerinnen und Schülern unter dem Schlagwort “Fridays for Future“, in denen z.B. der Slogan  „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ skandiert wird. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner fand, dass Schülerinnen und Schülern lieber außerhalb der Unterrichtszeit demonstrieren sollten und bezweifelte, “dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen”. Er meinte, sie sollten den Klimaschutz doch besser den “Profis” zu überlassen (siehe hier).

Das war eine Steilvorlage für die Wissenschaft: Die Initiative “Scientists4Future” (Wissenschaftler für die Zukunft) bietet nämlich nun eine Sammlung von mehr als 23.000 Profis, die den Schülerinnen und Schülern zur Seite stehen wollen. Auch von der Uni Heidelberg (und auch von unserem Institut) haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an dieser Initiative beteiligt.

Die “Fridays for Future” bringen frischen Wind in eine Debatte, in der wir seit Jahrzehnten stagnieren, obwohl unser Wissen über die mit dem Klimawandel verbundenen Folgen täglich wächst. Die Zahl der PKWs wächst schneller als die Bevölkerung (siehe hier), die Hubraumgröße wächst, die Flugkilometer wachsen, der Fleischkonsum wächst (zumindest weltweit - siehe hier) - meine Generation (ich bin Jahrgang 1953) hat nicht viel zu einer massiven Verhaltensänderung beitragen können, soviel steht fest: Trotz zahlreicher Klimakonferenzen und hehrer Ziele sind wir weit von Verbesserung der Situation entfernt. Die junge Generation, der wir das Problem aufbürden, meldet sich jetzt lautstark zu Wort (auch in Heidelberg) und wird vielleicht Änderungen bewirken, die für uns alle von existentieller Bedeutung sein könnten. Deswegen unterstütze ich als Wissenschaftler die Schülerinnen und Schülern bei ihren Aktivitäten!

Rektorwiederwahl

Am 12.3.2019 haben sich Senat und Universitätsrat unserer Universität zu einer gemeinsamen Sitzung getroffen, deren einziger Gegenstand die Wahl eines Rektors für die sechsjährige Amtszeit 1.10.2019-30.9.2025 war. Es gab nur einen Kandidaten: den bisherigen Amtsinhaber Bernhard Eitel, der bereits seit zwei Wahlperioden (seit Oktober 2007) amtiert. Die lokale “Rhein-Neckar-Zeitung” hatte bereits am Tag zuvor einen Bericht unter dem Titel “Uni-Rektor Eitel steht vor Wiederwahl” gebracht, in dem Rektor Eitel in Hinblick auf seine Amtszeit als “Rekordhalter” bezeichnet wurde.

Die Gremien haben ihn nun mehrheitlich im Amt bestätigt, sodass der dritten Amtszeit nichts im Wege steht. Acht von 8 anwesenden Mitgliedern des Universitätsrats und 29 der 36 anwesenden Senatsmitglieder haben ihm ihre Stimme gegeben - damit ist er im ersten Wahlgang mit klarer Mehrheit (37 von 44 Stimmen) gewählt worden. Gratulation zu diesem eindrucksvollen Ergebnis!

Tatsächlich liegen aber zwei für den Rektor wichtige (und durchaus kritische) Entscheidungen noch in der Zukunft: Die Entscheidung der DFG in Sachen Exzellenzinitiative (sie wird am 19. Juli 2019 bekannt gemacht) und die Entscheidung der Staatsanwaltschaft in Sachen “Vorwurf von Koppelgeschäften mit der Bank Santander”, die vom hauseigenen Universitätsrat (und inzwischen wohl auch vom zuständigen Ministerium) allerdings als haltlos betrachtet werden und daher weniger Sorgen bereiten.

Ist es gut, solange im Amt zu bleiben? In der Politik - so denke ich manchmal - finden die handelnden Personen nicht immer den besten Zeitpunkt zum Aufhören. Manchmal treffen sie diese Entscheidung gar nicht mehr selbst, sondern werden von Ereignissen überrollt oder von anderen Personen zum Rücktritt gedrängt. Ist es in anderen Lebensbereichen nicht ähnlich? Es fällt manchmal schwer loszulassen - das kenne ich aus eigener Erfahrung… Lange Amtszeiten haben Vor- und Nachteile. Die Vorteile liegen in einer guten Kenntnis der vielfältigen und komplexen Vorgänge, die sich häufig über lange Zeiträume erstrecken (länger als eine Amtszeit). Nachteile bestehen darin, dass sich Strukturen verhärten können und sich ein “group think” etablieren kann, wodurch Impulse für radikale Erneuerungen (disruptive Prozesse) schwächer werden, ganz ausbleiben oder nur noch in eine Richtung gehen. Gutes Verwalten ist noch nicht gutes Gestalten.

Wie schade, dass sich niemand aus dem großen Kreis der über 500 Heidelberger Professorinnen und Professoren getraut hat, ebenfalls als Kandidatin oder Kandidat gegen den Amtsinhaber anzutreten. Demokratie hat viel mit Wahlfreiheit zu tun, die es hier nicht wirklich gab. Angesichts der zeitnah bevorstehenden Begehung durch die Exzellenz-Gutachter keine Frage, dass wir uns als handlungsfähige Universität darstellen wollen… Aber haben wir etwas anderes verdient, wenn sich niemand sonst für dieses Amt bewirbt?

Ich wünsche unserer Universität mit der jetzt getroffenen Entscheidung jedenfalls alles Gute! Ich selbst werde von den Folgen dieser Entscheidung nicht mehr unmittelbar betroffen sein. Dennoch ist meine Anteilnahme am Schicksal der altehrwürdigen Ruperto Carola ungebrochen und ich wünsche uns allen nur das Beste!

hier die Pressemitteilung der Universität

siehe auch 6 Jahre zurückliegend meinen Blog-Eintrag zur damaligen Rektorwahl 2013

Erinnerung an Bücherverbrennung am 17.5.1933

Das Nazi-Regime des Dritten Reiches hat viele schreckliche Gesichter gehabt - eines davon hieß Bücherverbrennung! Dass sich ausgerechnet Studenten (auch und gerade Heidelberger!) vor den Propaganda-Karren spannen ließen, ist erschreckend und zeigt, das kritisches Denken auch unter Akademikern erst gelernt werden muss! Übrigens wurden damals nicht nur Literaten geächtet, sondern auch Wissenschaftler wie Sigmund Freud, dessen Schriften wegen seiner Abstammung ebenfalls dem Feuer preisgegeben wurden…

Die Bürgerstiftung Heidelberg hat im Jahr 2011 unter dem damaligen Vorsitz von Steffen Sigmund und auf Anregung des damaligen Vorstandsmitglieds Dietrich Harth eine Gedenktafel an diese Greueltat auf dem Universitätsplatz anbringen lassen, die den alltäglichen Belastungen über die Jahre hinweg leider nicht standgehalten hat. Sie wurde nun am 1.3.2019 durch eine neue, stabile gusseiserne Platte mit dem damaligen Text und in gleicher Größe von etwa 1×1 Meter feierlich ersetzt. Die Gedenkplatte auf dem Universitätsplatz enthält den folgenden Text:

Im Regenschauer enthüllten die Vorsitzende unserer Bürgerstiftung, Switgard Feuerstein, Prorektorin Beatrix Busse und Bürgermeister Wolfgang Erichson in Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Bürgerschaft die von der Bürgerstiftung Heidelberg mit Unterstützung durch Stadt und Universität erneuerte Gedenkplatte, nachdem verschiedene erinnernde und mahnende Grußworte vorgetragen wurden. Auch Dietrich Harth, auf dessen Initiative hin die Gedenkplatte 2011 geschaffen wurde, war anwesend und sprach ein paar Worte.

Auch eine Schilderung von Erich Kästner wurde verlesen, in der dieser seine Empfindungen beschreibt, als er sich am 10.5.1933 bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz unter den Zuschauern befand und seine eigenen Bücher im Feuer aufgehen sah. Er schreibt in seinem 1947 erschienenen Beitrag “Über das Verbrennen von Büchern” über die Studierenden, die in braunen Uniformen das scheußliche Geschehen zelebrierten: „Es war wohl allen ohne Ausnahme klar, dass sie heute der gesamten zivilisierten Welt ein unvergesslich widerwärtiges Schauspiel boten. Ein Schauspiel, das unauslöschbar in den Annalen der Menschheit eingetragen bleiben würde“.

Im Hintergrund des Heidelberger Universitätsplatzes sieht man den Eingang des Kollegiengebäudes der Universität, mit Pallas Athene als Schirmherrin und dem Leitspruch “Dem lebendigen Geist” (der übrigens in den Jahren 1933-1945 abgeändert wurde in “Dem deutschen Geist”, Pallas Athene musste dem Reichsadler weichen…). Das Kollegiengebäude heißt übrigens Schurmann-Bau, weil sein Bau Ende der 1920er Jahre vom damaligen amerikanischen Botschafter Jacob Gould Schurman (1925-1930 in Berlin) im Jahre 1928 mit 400.000 Dollar unterstützt wurde, eine Keimzelle des heutigen Heidelberg Center for American Studies (HCA; die spannende Geschichte dahinter erzählt dessen langjähriger Direktor Detlef Junker in diesem Artikel).

Ich bin froh, dass wir uns an diese Schandtat erinnern und alles dafür tun, dass so etwas nie wieder geschehen darf! Meinungs- und Pressefreiheit sind ein Kernmerkmal demokratischer Gesellschaften, die es zu verteidigen gilt! Und wie schön, dass zu heutiger Zeit an dem Platz, an dem damals Bücher verbrannt wurden (dem Universitätsplatz), heute Bücher gefeiert werden! Die Literaturtage 2019 stehen bevor (vom 15.-19.5.2019) und sind wie jedes Jahr ein tolles Fest, in dessen Mittelpunkt Bücher stehen! Heidelberg ist ja seit 2014 UNESCO “City of Literature“! Da kommt eine Wertschätzung für Bücher zum Ausdruck, die ein Verbrennen nicht mehr zulässt!

PS: Wer sich für mehr Information zum Thema interessiert, sei auf eine Veröffentlichung von Dietrich Harth aus dem Jahre 2011 verwiesen mit dem Titel “Die Heidelberger Bücherverbrennung des Jahres 1933″ (hier als PDF). Einige der “Feuersprüche”, mit denen Studenten die Bücher in die Flammen warfen, finden sich hier (z.B. “Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, Für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.”).

PPS: Zum Hintergrund der Bücherverbrennung eine interessante Dokumentation von Phoenix:

Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=XVm2v3wMtps

Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=IHsB72fesII

Teil 3: https://www.youtube.com/watch?v=nWOsTpk64Js

PPPS: siehe auch ähnliche Blog-Einträge wider das Vergessen:

http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2018/11/09/pogrom-nacht-9111938/

http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2008/11/09/70-jahre-reichskristallnacht-9111938/

Reform der Psychotherapeutenausbildung

Schon lange wurde über die Reform der Psychotherapeutenausbildung diskutiert. Bislang findet sie als mehrjährige kostenpflichtige Weiterbildung im Anschluß an ein fünfjähriges Psychologiestudium statt. Zahlreiche private, aber auch universitäre An-Institute bieten Therapieausbildungen an (bei uns am Institut ist es das ZPP, Zentrum für Psychologische Psychotherapie Heidelberg). Im vorgeschiebenen Praxisjahr (”Psychotherapeut in Ausbildung“, PiA) erhalten die Ausbildungskandidatinnen und -kandidaten wenig bis keine Geld für qualifizierte Arbeit - das hat viele auf die Barrikaden getrieben.

Seit Anfang Januar 2019 liegt nun der Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministers auf dem Tisch. Er trägt das schöne Kürzel “PsychThGAusRefG” (Psychotherapeutenausbildungsreformgesetz) und beschreibt, wie Studierende der Psychologie durch ein polyvalentes Bachelor- und ein spezialisiertes Masterstudium nach fünf Jahren zur Approbation und zur Berufsbezeichnung “Psychotherapeut” gelangen können.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs), vertreten durch ihre Präsidentin Prof. Dr. Birgit Spinath, Uni Heidelberg, und der Fakultätentag Psychologie (FTPs; eine Interessensvertretung der deutschsprachigen universitären Psychologie-Institute), vertreten durch seinen Vorsitzenden Prof. Dr. Markus Bühner, LMU München, haben in einer gemeinsamen Stellungnahme den Referentenentwurf begrüßt, aber auch auf ein paar Nachbesserungsbedarfe verwiesen (z.B. bei den zu erwartenden Zusatzkosten, der Finanzierung der Weiterbildungskosten oder erleichterte Übergangsregelungen).

Dass die Ärzteschaft nicht glücklich ist mit der nun bevorstehenden Aufwertung der Psychotherapie-Ausbildung (die frühere Berufsbezeichnung “psychologischer Psychotherapeut” soll zukünftig sinnvollerweise abgekürzt werden zu “Psychotherapeut”, lediglich Ärzte sollen demnächst als “ärztliche Psychotherapeuten” ausgezeichnet werden), verwundert nicht. Die Stellungnahme im Deutschen Ärzteblatt sieht etwa die Behandlungssicherheit psychisch kranker Menschen in Gefahr.

Die Vehemenz allerdings, mit der von einigen Personen aus der Ärzteschaft Stimmung gegen die Psychotherapeuten gemacht wird, verwundert etwas. In der “Süddeutschen Zeitung” vom 31.1.2019 schreibt an prominenter Stelle der Psychiater Thomas Pollmächer abschätzig von “Barfussärzten für die Seele” und wünscht einen stärkeren Einfluß der Medizin für eine ganzheitliche Betrachtung von Patienten. Der Unmut der Ärzte richtet sich wohl auf eine Klausel zu Modellstudiengängen, die es Psychotherapeuten erlauben würde, unter bestimmten Bedingungen Psychopharmaka zu verschreiben. Auf diese Klausel wollen aber DGPs und FTPs sowieso verzichten, da der Mehraufwand im Studium für Psychopharmakologie kaum zu leisten wäre und damit die Polyvalenz des Bachelor-Studiengangs in Frage stellen würde.

Leider spricht auch unser Fach wieder einmal nicht mit einer Zunge: Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) z.B. lehnt in seiner Stellungnahme den Referentenentwurf zimlich grundsätzlich ab. Zitat: “Eine Neuregelung aus Gründen der Versorgungsqualität ist deshalb nicht nur unnötig, sondern droht in der vorliegenden Fassung auch, sich negativ auszuwirken.”

Erfreulich ist die Haltung der Studierenden. Die “Psychologie-Fachschaften-Konferenz” (kurz: PsyFaKo) hat eine differenzierte Stellungnahme abgegeben, die gut mit der Position von DGPs und FTPs harmoniert.

Geplant ist die Umsetzung des kommenden Gesetzes (es muss noch den parlamentarischen Weg durch Bundestag und Bundesrat nehmen) bereits zum Wintersemester 2020/21 - ein ambitionierter Zeitplan, wenn man die Langsamkeit der zu einer Studienreform notwendigen universitären Gremien kennt. Bei uns in Heidelberg beginnen die Planungen des neuen Studiengangs bereits.

Ich will nicht verhehlen, dass ich der geplanten Änderung nicht nur Vorteile abgewinnen kann. Ich fürchte eine Spaltung unseres Faches in Psychotherapie und den Rest. Dass eines unserer wichtigsten Anwendungsfächer nun so stark gemacht wird, ist einerseits toll, andererseits muss man sich fragen, ob das nicht zu Lasten anderer Anwendungen geht (z.B. Arbeits- und Organisationspsychologie, Pädagogische Psychologie, Forensische Psychologie, Medien-Psychologie). Die konkreten Ausgestaltungen der Curricula werden das zeigen. Da sollten wir wachsam bleiben.

Aktuelle Infos zum Vorgang findet man hier: https://psychotherapie.dgps.de/faq/