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Deutscher Mobilitätspreis 2017 für InReakt

Gestern wurden in Berlin 10 bundesweite Projekte mit dem Deutschen Mobilitätspreis 2017 ausgezeichnet, darunter unser BMBF-Projekt “InReakt“, an dem wir (Carolin Baumann, Teresa Krämer und ich) von 2013-2016 teilgenommen haben (hier unsere Projektseite). Wir freuen uns gemeinsam mit unseren Projektpartnern über diese tolle Anerkennung! Bei insgesamt 170 Bewerbungen 10 Gewinner: sehr kompetitiv!

Auf der Webseite, die unsere Arbeit beschreibt, ist ein Video zu sehen, das in guter Weise zusammenfasst, woran wir gearbeitet haben: https://deutscher-mobilitaetspreis.de/preistraeger/best-practice-2017/inreakt Nachfolgend die Presseerklärung, die anläßlich der Preisverleihung veröffentlicht wurde:

Was ist InREAKT?

Stellen Sie sich vor, Sie benötigen an einer Haltestelle oder in Bus oder Bahn dringend Hilfe – und keiner merkt es!

Gewalt, Sachbeschädigungen und Vandalismus können dazu führen, dass sich Fahrgäste bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel – besonders nachts – unwohl fühlen oder diese ganz meiden. Und auch Mitarbeiter von Verkehrsunternehmen können in sicherheitskritische Situationen oder medizinische Notfälle geraten. Einem effektiven Notfall-Management kommt deshalb eine große Bedeutung zu, um das Vertrauen in den ÖPNV zu stärken. Dieses Ziel verfolgt das System InREAKT, das in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt entwickelt wurde. Nun werden weitere Partner aus der Praxis benötigt, um eine Pilotanwendung zu realisieren und das System weiterzuentwickeln. Interessierte Verkehrsunternehmen werden gebeten, sich über das Kontaktformular www.inreakt.de zu melden.

Kernidee ist der IT-gestützte Ablauf einer integrierten Hilfe-Reaktionskette, die aus folgenden Elementen besteht: Erkennen eines hilfebedürftigen Menschen, Melden einer erkannten Situation, Verständigen von Reaktionskräften und Intervenieren am Ereignisort. Das Projekt baut dabei voll auf digitale Technik: Zum Einsatz kommen beispielsweise eine optische Sensorik zur Erkennung der Situation, ein softwarebasiertes Ereignis-Management-System mit Handlungsempfehlungen, das die Leitstelle des Verkehrsunternehmens unterstützt, und eine speziell programmierte Mitarbeiter-App. Alle technischen Arbeiten wurden durch interdisziplinäre gesellschaftswissenschaftliche Begleitforschung unterstützt, um die Akzeptanz bei Fahrgästen zu gewährleisten.

InREAKT sorgt durch den Aufbau von integrierten Hilfe-Reaktionsketten für ein verbessertes Notfall-Management im ÖPNV sowie ein gesteigertes Sicherheitsempfinden. Die Lösung schafft Vertrauen bei Fahrgästen und Mitarbeitern und stärkt so den öffentlichen Verkehr.

Urkunde

Die Urkunde (zum Vergrößern klicken)

Über den Deutschen Mobilitätspreis

Deutschlandweit bewarben sich rund 170 Start-ups, Unternehmen, Verbände und Forschungsinstitutionen mit ihren Projekten um die bundesweite Auszeichnung.

„Deutschland ist das Mobilitätsland Nr. 1! Mit dem Deutschen Mobilitätspreis fördern wir bewegende Innovationen ‚Made in Germany‘. Denn mit den besten Ideen werden wir zum Vorreiter für die Mobilität 4.0!“, so Alexander Dobrindt, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur.

„Die Preisträger zeigen, wie digitale Innovationen Mobilität noch sicherer machen können. Die Menschen hinter den Projekten leisten mit ihrer Kreativität und ihrem Engagement einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit unseres Landes“, so Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e. V. (BDI) und Präsident des Deutschland – Land der Ideen e. V.

Mit dem Deutschen Mobilitätspreis machen die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ und das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur intelligente Mobilitätslösungen und digitale Innovationen öffentlich sichtbar. Folgende Mitglieder der Plattform „Digitale Netze und Mobilität“ des Digital-Gipfels unterstützen den Deutschen Mobilitätspreis: Continental Automotive GmbH, Deutsche Bahn AG, Deutsche Telekom AG, Ericsson GmbH, Esri Deutschland GmbH, Huawei Technologies Deutschland GmbH und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V.

hier der Blog-Eintrag von 2013 zum Start von InReakt und hier der zum Abschluß in 2016.

Hirschhausens Check-Up

Im aktuellen Fernsehprogramm der ARD läuft an drei Montag-Abenden (12.6.: “Wie gutes Altern gelingt”; 19.6.: “Wie die Mitte des Lebens gelingt” und 26.6.2017: “Wie der Start ins Leben gelingt“) um 20:15 eine Sendung unter dem Titel “Hirschhausens Check-up“. Drei Folgen beschäftigen sich mit der Entwicklung des Menschen, vom Baby über die Lebensmitte bis ins hohe Erwachsenenalter. An zwei der drei Folgen sind Heidelberger Psychologen aus unserem Institut beteiligt: über das Alter spricht Hans-Werner Wahl, über die Kinder Sabina Pauen.

Hans-Werner Wahl kommentiert Testleistungen älterer Personen: http://www.daserste.de/information/ratgeber-service/hirschhausens-check-up/videos/hirschhausens-check-up-folge-1-video-100.html

Das “Nasch-Experiment” wird hier gezeigt: http://www.daserste.de/information/ratgeber-service/hirschhausens-check-up/videos/CheckUp_Kindheit_Naschexperiment_Homepage-100.html

und das Interview mit Sabina Pauen dazu zum Thema “Selbstregulation”: http://www.daserste.de/information/ratgeber-service/hirschhausens-check-up/videos/CheckUp_Kindheit_NaschexperimentInterview_Homepage-100.html

Schön, dass Forschung verständlich präsentiert wird!

Kellerausbau abgeschlossen

Was sehr lange währt, wird hoffentlich sehr gut: Wir haben in diesen Tagen den Ausbau des Kellers im Hintergebäude (Alte Anatomie) nach mehreren Jahren Bauzeit abgeschlossen. Heute, am 8.6.2017, fand um 11:15 die Schlüsselübergabe statt (nach abgesagten Übergabeterminen am 3.4.17, am 18.5.17 und am 7.6.17 - dreimal hatten wir Sekt kaltgestellt, dreimal war ich froh, die Flaschen noch nicht entkorkt zu haben). Damit kann nun die Möblierung und weitere Ausstattung der Räumlichkeiten beginnen. Am Ende werden nun 20 gut ausgestattete, moderne Laborplätze für experimentelle Untersuchungen im Rahmen der Methodenausbildung unserer Studierenden (incl. einer Kabine für Blickbewegungsmessungen) ebenso zur Verfügung stehen wir ein großer Arbeitsraum für Studierende und eine kleine Sitzecke im Halbrund samt Kaffeeautomat. Insgesamt gewinnen wir 270 qm Nutzfläche hinzu.

Lange gedauert hat es tatsächlich! Zurück geht das ganze Vorhaben auf unseren Wunsch hin, wie im Vordergebäude so auch im Hintergebäude des PI einen Fahrstuhl zu haben, damit unsere Rolli-Fahrer problemlos in die Räume im ersten Stock kommen. Auslöser war ein Beinahe-Unfall im Jahr 1999, bei dem wir zu vier Personen einen Rolli-Fahrer in seinem Rollstuhl die ausgetretene Treppe im zentralen Aufgang des Hintergebäudes hochtrugen und einer der Träger plötzlich abrutschte…. Wir hatten großes Glück, dass nichts Schlimmes passiert war.

Fahrstuhl Bauvorbereitung

Fahrstuhl Bauvorbereitung (zum Vergrößern anklicken)

Loch vor dem Eingang zum EEG-Labor (anklicken zum Vergrößern)

Loch vor dem Eingang zum EEG-Labor (anklicken zum Vergrößern)

Fahrstuhlschacht (zum Vergrößern anklicken)

Fahrstuhlschacht (zum Vergrößern anklicken)

fertiger Fahrstuhl im EG

fertiger Fahrstuhl im EG (zum Vergrößern anklicken)

Bereits im Jahr 1999 hatte ich als damaliger Geschäftsführender Direktor diesbezüglich die ersten Schritte eingeleitet. Über lange Zeit passierte nichts, denn schnell wurde klar: der Einbau eines Fahrstuhls in ein Gebäude von 1859 ist sehr schwierig und kostet viel Geld. Und: es wäre sinnvoll, den Fahrstuhl nicht nur vom Erdgeschoß in den ersten Stock, sondern bis in den Keller zu planen (der Fahrstuhl ist übrigens seit September 2015 fahrbereit, siehe den damaligen Blog-Eintrag). Der Keller war zu dem Zeitpunkt ein Aktenlager und enthielt zudem die Heiztechnik; in den Heizungsräumen entstand damals unter der Regie von Bernd Reuschenbach das Video “Das Boot (Heidelberg Version)” - auch bekannt unter dem Titel “hier möchte man nicht begraben sein”. Wir erkannten damals: da läßt sich etwas Schönes machen (wenngleich mit großem Aufwand!) und bringt zudem auch große Nutzflächen, nämlich mehr als 250qm zusätzlich!

Keller vorher

Keller vorher (zum Vergrößern anklicken)

Keller nachher

Keller nachher (zum Vergrößern anklicken)

Experimentelle Praktika und empirische Untersuchungen, die Rahmen des Bachelor- und Madsterstudiengangs Psychologie selbstverständlicher Bestanteil der Lehre sind, wurden bis vor einigen Jahren im 1. Stock des Hintergebäudes durchgeführt. Unsere Arbeitseinheit Allgemeine und Theoretische Psychologie (ATP) hat traditionell diese Räume verwaltet und darüberhinaus allen, die am Institut Räume für Datenerhebungen brauchten, zur Verfügung gestellt. Im Lichte des geplanten Kellerausbaus wurden Rearrangements vorgenommen: Vier Erhebungsräume (A131, A131a, A132 und A132a) wurden bereits 2012 an die Klinische Psychologie übergeben, im Gegenzug standen für die (insgesamt dann doch fünfjährige!) Übergangszeit im Erdgeschoß drei kleine Räume zur Verfügung (A008, A009 und A010; 2015 kam auch noch der große Raum A007 dazu). Die mehrjährige Übergangszeit hat viele organisatorische Kompromisse erfordert, die vor allem die Studierenden ertragen mussten, die ihre Daten im Rahmen von Qualifizierungs- und Abschlußarbeiten erhoben haben. Danke, dass das ohne großes Murren verlief!

Laborplatz

Laborplatz (zum Vergrößern anklicken)

Dieser Prozess ist nun nach vielen Jahren abgeschlossen (wegen Lücken in der Baufinanzierung kam das Projekt mehrmals zum Erliegen)! Wenn ich richtig zähle, begleite ich dieses Vorhaben also seit 18 Jahren! Nun also können wir die neuen Räume nutzen und sind begeistert, was sich hier für Möglichkeiten eröffnen! Dankbar können wir dem Architekturbüro Schwarz Architektur sein, insbesondere Harald Schwarz und Annika Hees, die unsere Wünsche - wie ich finde - in phantastischer Weise umgesetzt haben (ich habe einiges gelernt und gesehen, wie viele “kleine” Entscheidungen planvoll zu einem ästhetischen Gesamteindruck zusammengeführt wurden). Von seiten des VBA (Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Mannheim und Heidelberg) ist Herrn Rudolf Munz zu danken, der das gesamte Projekt durch alle Phasen öffentlicher Bauvorhaben mit dem Dschungel an Vorschriften (Stichworte: Ausschreibungen, Brandschutz, Fluchtwege) geführt hat. Auch dem Dezernat 3 der ZUV unter Leitung von Alexander Matt gebührt unser Dank! Joachim Schahn hat institutsseitig an allen Baugesprächen teilgenommen und die hauseigenen Beschaffungsvorgänge betreut. Marion Lammarsch hat die EDV-Bestückung konzeptioniert. Allen Handwerkern und Ingenieuren gilt unser Dank ebenso!

Grundriss ZVL

Grundriss ZVL (zum Vergrößern anklicken)

Daniel Holt, Jan Rummel und Marion Lammarsch (EDV) haben im Mai 2017 ein Nutzungskonzept vorgelegt, das Zugang und Nutzungsbedingungen regelt; dessen Tauglichkeit wird sich in den nächsten Monaten erweisen und kann nach einer Zeit der Erfahrungssammlung nochmals adjustiert werden. Der Wunsch des Professoriums: keine Überregulation! Ermöglichung von Datenerhebungen für alle, die interessante Studien planen und dort durchführen wollen! Ich wünsche unserem Zentralen Verhaltenslabor (ZVL) wie auch dem restlichen Kellerausbau einen guten Start und intensive Nutzung!

Siehe auch den früheren Blog-Beitrag von 2015 zum Fahrstuhl http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2015/09/07/fahrstuhl-und-kellerausbau/ und von 2013 zu den Baumassnahmen http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2013/02/14/baumassnahmen-am-pi/

Feedback-basiertes Training beim Tailorshop

JDDM Cover Engelhart et al. (2017)

JDDM Cover Engelhart et al. (2017)

In einem gerade erschienenen Beitrag beschäftigen sich Michael Engelhart, Sebastian Sager und ich uns mit der Frage, unter welchen Bedingungen Rückmeldungen (Feedback) zu wirkungsvollen Verbesserungen bei der Steuerung dynamischer Systeme führen. Wir haben unsere Mikrowelt “IWR Tailorshop” (mehr dazu hier) verwendet und den knapp 100 Teilnehmenden unterschiedliche Feedback-Varianten geboten.

In früheren Arbeiten haben wir nichtlineare Optimierungsmethoden herangezogen, um optimale Eingriffe in das komplexe Szenario zu bestimmen und Eingriffe unserer Teilnehmer zu bewerten (eine Variable trägt den schönen Namen “what is still possible?”). Hier haben wir diese optimalen Eingriffe den Teilnehmern in verschiedenen Varianten gezeigt. Tatsächlich lernen die Teilnehmer dann am besten, wenn ihnen die exakten optimalen Werte in der Lernphase zugänglich waren (Werte-Gruppe). Zwei Lern-Runden mit Feedback zu je 10 “Monaten” (mit jeweils veränderten Startwerten) und zwei Leistungsrunden ohne Feedback dienten zur Überprüfung der Lerneffekte. Detaillierte Verlaufsanalysen der verschiedenen Bedingungen zeigen, dass die Werte-Gruppe zwar die beste Leistung zeigt, eine andere Bedingung (die Trend-Gruppe) aber ähnlich gutes (in Teilen sogar besseres) Modellwissen erwirbt. Hier sollten zukünftige Studien in die Tiefe gehen. Die Zusammenfassung unseres Artikels lautet:

“The question ‘How can humans learn efficiently to make decisions in a complex, dynamic, and uncertain environment’ is still an open question. We investigate what effects arise when feedback is given in a computer-simulated microworld that is controlled by participants. This has a direct impact on training simulators that are already in standard use in many professions, e.g., flight simulators for pilots, and a potential impact on a better understanding of human decision making in general. Our study is based on a benchmark microworld with an economic framing, the IWR Tailorshop. N=94 participants played four rounds of the microworld, each 10 months, via a web interface. We propose a new approach to quantify performance and learning, which is based on a mathematical model of the microworld and optimization. Six participant groups receive different kinds of feedback in a training phase, then results in a performance phase without feedback are analyzed. As a main result, feedback of optimal solutions in training rounds improved model knowledge, early learning, and performance, especially when this information is encoded in a graphical representation (arrows).”

Wie immer ist der Beitrag als “Open Access” frei zugänglich in unserem “Journal of Dynamic Decision Making” (JDDM) erschienen:

Engelhart, M., Funke, J., & Sager, S. (2017). A web-based feedback study on optimization-based training and analysis of human decision making. Journal of Dynamic Decision Making, 3, 2. http://doi.org/10.11588/jddm.2017.1.34608

Neue Psychologie des Alterns

Unser Alternsforscher Hans-Werner Wahl hat ein neues Buch geschrieben, das ich gelesen habe: “Die neue Psychologie des Alterns”! Für mich als älterer Mensch (Jg. 1953) ist es natürlich hochspannend zu lesen, was der ein Jahr jüngere Autor über die mir (und ihm selbst) noch bevorstehenden Jahre schreibt. Hier ein paar Angaben aus dem Klappentext:

Wir altern heute anders. Wir werden nicht nur deutlich älter als die Generationen vor uns, sondern das Älterwerden an sich „funktioniert“ heute ganz anders als noch vor 30 oder 40 Jahren. In unseren Köpfen spuken jedoch noch Bilder und Vorurteile vom Altern und Altsein herum, die längst keine Gültigkeit mehr haben. Was sind die Herausforderungen des höheren Alters heute? Wie muss sich unser Verständnis vom Altern in Zukunft ändern? Wie können wir uns ganz individuell gut auf das Alter vorbereiten?

Antworten auf diese Fragen gibt der renommierte Alternspsychologe Prof. Dr. Wahl in seinem Buch über die vielleicht vielschichtigste und komplexeste Phase unseres Lebens. Er zeigt darin, dass wir keine Angst vor dem Älterwerden haben müssen und wie wir uns aktiv darauf einstellen können. Anhand gesicherter Erkenntnisse aus Langzeitstudien (über mehrere Jahrzehnte), korrigiert er unsere hartnäckig negative Bewertung des Alters, und er zeichnet ein neues, differenzierteres Bild vom Älterwerden, das viele erstaunlich positive Facetten hat (z.B. Anpassungsfähigkeit, Ausgeglichenheit und seelische Gesundheit).

Hans-Werner Wahl stellt in seinem Buch neun Prinzipien der “Neuen Alternspsychologie” (NAP) vor: (1) eine Lebensspannenorientierung, wonach zum Verständnis des höheren Alters der gesamte Verlauf des Lebens zu beachten ist; (2) ein differenzierter Entwicklungsbegriff, der für jede Phase Gewinne und Verluste beschreibt; (3) Entwicklung verläuft bis ins höchste Alter nicht gleichförmig, sondern höchst verschieden; (4) normales, krankhaftes und erfolgreiches Altern sind zu unterscheiden; (5) Altern ist von uns selbst gestaltbar; (6) „Die Alten“: das bedeutet drittes (=fortgeschrittene Erwachsene), viertes (=Beginn von Multimorbidität) und fünftes Alter (=terminale Phase); (7) Altern ist kontextuell eingebunden (z.B. Interaktionspartner, Pflegepersonen, Wohnsituation); (8) Altern ist stets auch historisch eingebunden; (9) Plastizität bis ins höchste Alter (selbst mit 90 Jahren kann durch ein Krafttraining der Rollator überflüssig werden).

Der umfangreiche Mittelteil seines Buches behandelt „Altern im Sixpack“. Dieses Sixpack beschreibt die Gewinne und Verluste in den Bereichen (1) des Wohlbefindens und der Emotionalität, (2) der geistigen Leistung, (3) der sozialen Beziehungen, (4) der Mobilität und des Wohnens, (5) der Technik und (6) der Gesundheit und Krankheit. In allen Bereichen können Stärken der Älteren ausgemacht werden, natürlich auch mögliche Einbußen.

Immer wieder betont der Autor sein Anliegen, dass wir uns nicht von negativen Altersstereotypen irreführen lassen sollten. Erfolgreiches Altern ist in vielen Formen möglich. Die Entwicklungspotentiale werden heute höher eingeschätzt, als es ältere (Labor-)Forschung vermuten ließ. Hier kommt auch ein Stück Kritik an einer nicht alltagsbezogenen Forschung zum Vorschein, die mir gut gefallen hat: Wenn im Labor bestimmte kognitive Einbussen gemessen werden, besagt das noch nicht viel für die Bewältigung des Alltags, wo kompensatorische Umstände helfen, etwaige Defizite auszugleichen (u.a. die “Kognitiven Reserven”).

Ein Buch also, das eine neue Sicht auf das höhere Lebensalter wirft: Ermutigende Einsichten, die das Älterwerden als Chance sehen und die zahlreichen Gewinne neben die unvermeidlichen Einbussen stellen. Mit einer derartigen Erkenntnis im Gepäck freue ich mich persönlich auf eine Lebensphase, die möglicherweise länger andauert als Kindheit und Jugend zusammen. Hans-Werner Wahl erweist sich als wahrhaft ökologisch orientierter Psychologe, d.h. als jemand, der die Umwelt und das natürliche Settting, in dem Phänomene zu sehen sind, ernst nimmt.

Insgesamt ein Buch, das sich sehr gut lesen läßt! Es ist nicht nur verständlich geschrieben, sondern trägt auch mit Nachdruck eine klare Botschaft vor: Lassen wir uns nicht vorschnell auf Alterstereotype ein, sondern bemühen uns um ein aktives, erfolgreiches Altern! Es gibt nicht nur Verluste, sondern auch Gewinne! Für mich war bereits die Lektüre dieses Buches ein Gewinn!

Quellenangabe: Wahl, H.-W. (2017). Die neue Psychologie des Alterns. Überraschende Erkenntnisse über unsere längste Lebensphase. München: Kösel. [Link zur Verlagsseite]

Michael Bosnjak neuer ZPID-Direktor

Nun ist es offiziell: Zum 1. Juli 2017 tritt Prof. Dr. Michael Bosnjak die Stelle des Direktors vom ZPID an, ein Leibniz-Institut an der Universität Trier, das von Günther Reinert 1971 gegründet wurde. Warum ich darüber schreibe? Ich bin mit ZPID alt geworden. Als junger Student in den 1970er Jahren habe ich bei Reinert bibliographieren gelernt (wie zitiert man korrekt?), später wurde ich in den wissenschaftlichen Beirat des ZPID berufen. Der damalige Beiratsvorsitzende Dietrich Albert (Vorsitzender von 1989-1997) schlug mich als seinen Nachfolger vor; ich habe dieses Amt von 1997-2006 innegehabt und an Hans-Werner Bierhoff weitergereicht, der es von von 2006-2012 innehatte und an Werner Greve abgegeben hat, der seit 2012 im Amt ist. Ich selbst bin seit 2013 im Verwaltungsrat des ZPID tätig und war daher jetzt auch bei der gerade erfolgten Berufung des Direktors beteiligt.

Michael Bosnjak tritt die Nachfolge von Günter Krampen an, der die Leitung des ZPID im Jahr 2004 von Leo Montada übernahm und nun in den Ruhestand geht. Mit Günter Krampens Hilfe konnte das ZPID nicht nur seine internationale Sichtbarkeit vergrößern, sondern auch seinen Personalbestand erheblich ausbauen und auf ein solides Fundament stellen. Sein Engagement für das ZPID kann nicht hoch genug geschätzt werden.

Ich bin gespannt, wie sich der neue Direktor positioniert - ein paar Stichworte habe ich ja schon im Berufungsverfahren gehört. Zum einen ist eine stärkere Kundenorientierung zu erwarten (Unterstützung transparenter, replizierbarer Forschung im Kontext von Open Science), zum anderen wird vermutlich die Palette der ZPID-Angebote breiter als bisher ausfallen und alle Phasen eines Forschungsprozesses unterstützen, nicht nur das Auffinden relevanter Literaturnachweise. Damit könnte eine Ausweitung des ZPID-Portfolios verbunden sein, die aus dem ZPID eines Tages ein “Leibniz-Institut für Psychologie” machen könnte. Das fände ich toll und würde unser Fach in besonderer Weise privilegieren: längst nicht alle Fächer haben eine derartige Infrastruktur-Einrichtung im Rücken, die auch für die Deutsche Gesellschaft für Psychologie interessante Optionen bietet.

Erst mal freue ich mich, dass es mit der Berufung zum 1.7.2017 geklappt hat und nun ein hoffentlich “sanfter” Übergang erfolgt! Ich drücke dem neuen Direktor beide Daumen, dass möglichst viele seiner Ideen den Weg in die Wirklichkeit finden. Von meiner Seite volle Unterstützung für den Transitionsprozeß!

29. Heidelberger Symposium “verANTWORTEN”

Vom 11.-13.5.2017 fand in den Räumen der Neuen Universität und im Zelt auf dem Universitätsplatz das 29. Heidelberger Symposium “verANTWORTEN” unter der Schirmherrschaft von MP Winfried Kretschmann statt. Das Besondere an diesem Symposium: es wird von A bis Z von Studierenden selbst organisiert! Im Hintergrund stehen die seit 1988 existierende studentische Initiative “Heidelberger Club für Wirtschaft und Kultur” (HCWK), ein prominent besetztes Kuratorium sowie großzügige Sponsoren.

Christian Wulff in der Neuen Aula

Christian Wulff in der Neuen Aula

Eröffnet wurde das Symposium am Donnerstag morgen mit einem motivierenden Festvortrag von Bundespräsident a.D. Christian Wulff über “Ansichten auf Deutschland und Europa 2017″. In der gut gefüllten Aula der Neuen Universität hielt er eine eindrucksvolle Rede, die zu mehr Beteiligung an politischen Prozessen aufforderte (”wer in einer Demokratie einschläft, kann in einer Diktatur aufwachen”) und den Wert von Frieden und Demokratie betonte. Er diagnostizierte vier Ursachen für eine negative Stimmung in Deutschland: Terrorismus, Globalisierung, Digitalisierung und Flüchtlingsströme. Zu allen vier Bereichen trug er differenzierte Argumente zur Begründung seiner Bestandsaufnahme vor. Seine Lösungsvorschläge: Mitarbeit in demokratischen politischen Parteien (die Aula lachte, als er zur Begründung anführte, man käme damit weit - er selbst kam an die Spitze der BRD); Offenheit für Fremdes (mit dem konkreten Vorschlag, die EU möge 3 Mrd Ero bereitstellen für ein kostenloses 6wöchiges Interrail-Ticket, das alle EU-Bürger mit Erreichen des 18. Lebensjahres erhalten sollten, um Europa kennenzulernen) und Vermeidung von Ängsten. Seine Argumente machten nachdenklich und sprühten Optimismus aus. Beim Thema Waffenexporte wich er allerdings den Fragen der Studierenden aus.

Von den 35 Einzelveranstaltungen in diesen drei Tagen konnte ich nur einen Bruchteil verfolgen. Ein paar Beispiele: Thomas Mücke, Mitbegründer und Geschäftsführer des “Violence Prevention Network“, zeigte Wege zur Deradikalisierung und Extremismusprävention auf; Peter Praet, Chefvolkswirt der EZB, berichtete über die Rolle der Europäischen Zentralbank; der Soziologe Louis Klein entwarf die Utopie einer europäischen Republik; Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ehemalige Bundesjustizministerin, plädierte für eine vernünftige Mischung aus Freiheit und Verantwortung im Internet; Hansjörg Geiger, ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes, erlaubte Einblicke in den Dschungel der Nachrichtendienste; Paul Kirchhof, ehemaliger Bundesverfassungsrichter, machte das Spannungsverhältnis zwischen Gesetzgebern und Verfassungsrichtern deutlich.

Es bleibt insgesamt ein ausserordentlich positiver Eindruck zurück: viele Anregungen, die hoffentlich auch bei anderen Zuhörerinnen und Zuhörern etwas in Bewegung gesetzt haben. Ganz im Sinn der Veranstalter: Antworten auf drängende Fragen suchen und Verantwortung übernehmen, aktives Mitgestalten anstatt manipuliert zu werden. War das postmodern? Ist mir egal - Hauptsache, das Programm der Aufklärung wird fortgeführt und die Menschen zum eigenen Denken gebracht!

Was mich mit Stolz erfüllt: Im 30köpfigen, interdisziplinär gemischten studentischen Vorbereitungsteam sind 7 Psychologie-Studentinnen (5x Hauptfach, 2x Nebenfach) vertreten! Nicola Dilchert, Henrieke Freier, Maya Kasper (NF), Larissa Kunoff, Lisa Makowski, Mirai Neumann (NF) und Annika Reicherter haben seit rund einem Jahr ehrenamtlich an der Vorbereitung dieser aufwändigen Veranstaltung mitgearbeitet. Ausserdem sind zahlreiche Psychologie-Studierende als Helfer unterwegs und ich habe eine Reihe unserer Studierenden unter den Zuhörern gesehen. Über dieses Engagement unserer Studierenden freue ich mich insofern ganz besonders, als man den Psychologie-Studierenden nachsagt, dass ihre hohe Qualifikation (extrem strenger NC) und ihre starke Leistungsorientierung im Bologna-System zu einer einseitigen Fokussierung auf enge Studieninhalte führe. Zumindest die jetzt aktiven Personen demonstrieren, dass sie über den Tellerrand unserer Fachgrenzen hinausschauen und Dinge in Bewegung setzen! Gut im Studium zu sein und sich politisch verhalten ist kein Widerspruch, sondern in Einklang zu bringen! In Analogie zur Work-Life-Balance könnte man von einer Study-Policy-Balance reden.

Verwundert war ich ein wenig über die geringe Teilnahme von Mitgliedern unserer Universität aus anderen Statusgruppen. Professorinnen und Professoren habe ich fast keine gesehen, auch die Beteiligung des akademischen Mittelbaus fiel mir nicht besonders auf. Schade! Da haben sich Studierende viel Mühe gemacht und ein tolles Programm auf die Beine gestellt! Gut, dass so viele Mitstudierende das honorieren und aktiv teilnehmen!

Der Rektor der Universität Heidelberg, Bernhard Eitel, beschrieb einmal die Aktivität des HCWK und dessen Anspruch nach Interdisziplinarität als „Vorläufer der Exzellenzinitiative“. Das Heidelberger Symposium wurde mit einer „intellektuelle Festtafel“ verglichen, an der sich Gleichgesinnte austauschen und bereichern könnten. Eine schöne Metapher! Und für mich erfreulich: es waren keineswegs nur Gleichgesinnte unterwegs!

Die Konzeption und Organisation des Symposiums liegt seit nunmehr fast 30 Jahren in den Händen der wechselnden studentischen Organisatoren, die über die Jahre hinweg qualitativ hochwertige Veranstaltungen zustande gebracht haben. Ich finde das ausserordentlich bemerkenswert! Im Jahr 2014 haben wir von der Gesellschaft der Freunde aus übrigens den HWCK und dessen Symposien mit dem Preis der Freunde ausgezeichnet. Eine gute Entscheidung, die ich nach dem Besuch des diesjährigen Symposiums voll bestätigt finde! Liebe aktive Studierende: Danke für Euren Einsatz! Und viel Erfolg beim nächsten Symposium, auf das ich mich schon freue!

Buchempfehlung: “The Slow Professor”

The Slow Professor

The Slow Professor

1. Mai, Tag der Arbeit: Gelegenheit, einmal über die veränderten Bedingungen unserer akademischen Arbeitswelt nachzudenken. Hier hat sich einiges getan, allerdings nicht abrupt, sondern ganz allmählich (und damit kaum sofort bemerkbar) von Jahr zu Jahr.

Vielleicht hat es mit meinem Alter zu tun: Ich bin kein Freund von Hektik, auch wenn ich gelegentlich schnell Entscheidungen treffen kann. Der universitäre Alltag hat sich in meinem akademischen Leben (ich habe 1980 mein Diplom gemacht und bin danach - also bislang 37 Jahre lang - nur an Universitäten beschäftigt gewesen) radikal verändert. In meiner Assistentenzeit habe ich stundenlang in der kleinen Institutsbibliothek (oder der größeren Universitätsbibliothek) gesessen, nach Informationen gesucht, Bücher und Zeitschriften gelesen. Die ca. 100 Abonnements mit vierteljährlicher Erscheinungsfrequenz konnte ich durchblättern und ich fühlte mich auf dem Laufenden. Heute stehen mir an der UB Heidelberg >90.000 E-Journals (aus vielen Disziplinen) zur Verfügung, die ihre Artikel häufig unmittelbar nach Akzeptanz der Herausgeber online stellen und mich sofort darüber per Mail informieren. Uff! Wer kann das alles lesen? Ich schaffe nur einen winzigen Bruchteil davon.

Früher kamen Studierende mit wichtigen Anliegen in meine Sprechstunde - heute erhalte ich studentische Anfragen per Email rund um die Uhr (über deren Wichtigkeit will ich hier nicht reden). Kontakte mit Wissenschaftlern an anderen Orten gab es vor allem auf Konferenzen, zwischendurch schrieb man sich Briefe; ich habe heute noch dicke Ordner voll mit Korrespondenz aus den 1980er Jahren, zu einer Zeit, als man sich noch handsignierte Sonderdrucke schickte statt der heute üblichen PDFs. Nicht nur in Zeiten der Antragstellung zur Exzellenz-Initiative (es läuft gerade die dritte Welle) kommt es zu erhöhtem Mailaufkommen, weil an Anträgen gefeilt wird und viele Standpunkte integriert werden müssen. Das ist sicherlich von Vorteil, füllt aber die Mailbox schneller als man lesen kann… Tempo, Tempo, Tempo!

Nun ist mir gerade ein neu erschienenes Buch in die Hand gefallen, das sich mit der Hochgeschwindigkeitskultur an Hochschulen beschäftigt (Danke für den Hinweis, Frau Busse). Maggie Berg (Queen’s University, Kingston, Ontario, Canada) und Barbara Seeber (Brock University, St. Catherines, Ontario, Canada) stellen Fragen danach, ob wir an den Universitäten noch die nötige Ruhe zum Nachdenken finden. Wenn um 22:45 Uhr eine Mail der Geschäftsführung eintrifft und man bis zum nächsten Morgen um 8 Uhr eine Stellungnahme abgeben soll, ist das sicher nicht gesund. In der akademischen Welt haben wir uns stillschweigend mit dem erhöhten Tempo abgefunden. Dabei bleibt viel Gutes auf der Strecke, wie z.B. die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Haus (oder der Besuch der Institutsbibliothek).

Bieten die Autorinnen Lösungen an? Schwierig! Für Personen auf Dauerstellen ist die Beschäftigung mit dem Thema sicher anders als für diejenigen, die noch eine feste (oder eine bessere) Position suchen. Den jungen Leuten zur Entschleunigung zu raten fällt schwer, weil der Wettbewerb um die wenigen Dauerstellen heute in der Bewerbungssituation vor allem mit quantitativen Faktoren geführt wird: Wer mehr Drittmittel einwirbt, wer die umfangreichere Publikationsliste hat, einen höheren Hirsch-Index oder einen höheren Journal Impact-Faktor vorweist, kommt im Zweifel leichter zum Zuge als die Person, die gründlich nachgedacht hat, aber nicht so viel auf den Tisch der Berufungskommission legen kann. Das ist keine gute Entwicklung.

Tag der Arbeit: eine Gelegenheit, über Entschleunigung nachzudenken, auch wenn es so aussieht, als müsse man überall schnell sein. Einfache Lösungen sind für mich nicht in Sicht. Aber ich versuche weiterhin, mein persönliches Tempo zu bewahren und nicht in Hektik zu verfallen.

Berg, M., & Seeber, B. K. (2016). The slow professor: Challenging the culture of speed in the academy. Toronto: University of Toronto Press. [hier ein Interview mit den Autorinnen]

PS: Von unserer Theologie-Kollegin Prof. Dr. Ingrid Schoberth erhielt ich den Hinweis, dass die Schnecke auf dem Titelbild des Buchs in christlicher Tradition auch als Zeichen der Auferstehung gelesen werden kann (siehe z.B. hier) - interessante Deutung!

March for Science HD

Am 22. April 2017 (dem Tag der Erde) sind in über 500 Städten weltweit hunderttausende Wissenschaftler/innen und Wissenschaftsfreunde mit dem „March for Sciencegegen Postfaktizismus und für wissenschaftlich fundierte Fakten auf die Straße gegangen. In Deutschland waren viele Universitätsstädte, darunter Berlin, Bonn, Dresden, Frankfurt, Freiburg, Göttingen, Greifswald, Hamburg, Heidelberg, Jena, Kassel, Koblenz, Kiel, Leipzig, München, Münster, Rostock, Stuttgart, Trier und Tübingen beteiligt. Die Organisatoren wollten ein Zeichen dafür setzen, dass verlässliche Informationen die Voraussetzung für einen kritischen gesellschaftlichen Diskurs und fundiertes Urteilen sind. Postfaktische Auffassungen hingegen verleugnen und relativieren den Organisatoren zufolge wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Unterstützt wird der “March for Science” von renommierten Organisationen und Persönlichkeiten aus der Wissenschaft.

Treffen am Ebertplatz

Treffen am Ebertplatz

In Heidelberg zogen etwa 1000 Personen [Korrektur 23.4.17: Es waren mindestens 1800, wie dieser lesenswerte Blogbeitrag von Markus Pössel durch eine akribische Auswertung von hochauflösenden Foto-Dateien belegt] in friedlicher Stimmung vom Ebertplatz über die Hauptstrasse zum Universitätsplatz, wo die Kundgebung mit 13 Kurzreden, unterbrochen durch wissenschaftsadäquate Musik von Balsamico, stattfand. Eröffnet wurde der Rede-Reigen durch Statements von unserer Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und unserem Rektor Bernhard Eitel. Das gesamte Programm findet sich hier. Insgesamt doch etwas lang…

im Regen auf der Hauptstrasse

im Regen auf der Hauptstrasse

Wir leben nicht erst seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA in schwierigen Zeiten, was das Vertrauen in die Wissenschaft betrifft. Kreationisten stellen die Evolutionstheorie in Frage, Klimawandel soll ein (zum Schaden der USA) von den Chinesen erfundenes Konstrukt sein. Dies sind nur zwei von vielen Beispielen einer neuen Wissenschaftsignoranz. Das bewegt mich, der ich für die Wissenschaft arbeite, dazu Flagge zu zeigen und dafür einzutreten, das Kantische Projekt der Aufklärung unter Einsatz von kritischem Denken fortzusetzen; sonst würden wir heute noch glauben, die Erde wäre eine Scheibe und Mittelpunkt des Weltalls.

Wissenschaft darf sich nicht aus gesellschaftlichen Diskursen heraushalten. Es gibt eine Verantwortung der Wissenschaft, ihre Erkenntnisse trotz aller Vorläufigkeit verständlich zu machen, Warnungen auszusprechen, Empfehlungen abzugeben. Vieles an Forschung ist selbst für Expertinnen und Experten schwer zu verstehen - wieviel unsicherer muss sich jemand fühlen, der die Flut von Erkenntnissen gar nicht überschaut, nicht überschauen kann? Das darf uns aber nicht davon abbringen, weiterhin Forschung zu betreiben und die Welt um uns herum besser zu verstehen suchen. Das Ringen um Wahrheit ist ein schwerer Prozeß, bei dem auch manchmal Fehler gemacht werden. Das ist aber kein Grund dafür, mit der Wahrheitssuche aufzuhören.

Karl Jaspers hat 1946, als er die Heidelberger Universität wieder aus dem braunen Sumpf ziehen sollte, geschrieben:  “Die Universität ist die Stätte, an der Gesellschaft und Staat das hellste Bewußtsein des Zeitalters sich entfalten lassen. Dort dürfen als Lehrer und Schüler Menschen zusammenkommen, die hier nur den Beruf haben, Wahrheit zu ergreifen. Denn daß irgendwo bedingungslose Wahrheitsforschung stattfinde, ist ein Anspruch des Menschen als Menschen.” Dafür bin ich auf die Straße gegangen und habe mich sehr gefreut, dass ich nicht alleine unterwegs war! Auch symbolische Handlungen können sehr wirksam sein! Viele Bekannte und Freunde aus der Professorenschaft, dem Mittelbau und der Verwaltung habe ich gesehen, noch mehr aber viele unserer Studierender, worüber ich mich besonders gefreut habe! Kollegen aus Mannheim und Karlsruhe habe ich ebenfalls getroffen.

Dem lebendigen Geist

Universitätsplatz: Dem lebendigen Geist

Nachfolgend ein Auszug aus der Presseerklärung der Universität Heidelberg, die diesen Marsch unterstützt hat, zu finden unter http://www.uni-heidelberg.de/presse/meldungen/2017/m20170405_universitaet-heidelberg-unterstuetzt-march-for-science-germany.html:

“Die Universität Heidelberg unterstützt den „March for Science“ und damit die weltweite Initiative für unabhängige Wissenschaft und einen offenen gesellschaftlichen Diskurs auf der Grundlage überprüfbarer und abgesicherter Fakten. Der Rektor der Ruperto Carola, Prof. Dr. Bernhard Eitel, lädt alle Mitglieder der Universität ein, an der Kundgebung am 22. April in Heidelberg teilzunehmen. Prof. Eitel: „Die bei uns grundgesetzlich geschützte Freiheit von Forschung und Lehre, Erkenntnisgewinn auf Basis wissenschaftlicher Methoden und ein offener Diskurs sind für eine demokratisch verfasste Gesellschaft und die politische Entscheidungsfindung unverzichtbar. Für diese Werte wollen wir gemeinsam eintreten.“

Als älteste Universität Deutschlands und eine der forschungsstärksten in Europa ist die Ruperto Carola aufgrund ihrer Wirkungsgeschichte in besonderer Weise der Freiheit von Forschung und Lehre verpflichtet. „SEMPER APERTUS“ – stets offen, ist der Leitspruch, mit dem sich die Universität Heidelberg uneingeschränkt auch zu ihrer Verantwortung für einen wissensbasierten Dialog mit Gesellschaft und Politik bekennt.”

siehe auch meinen früheren Blog-Beitrag: http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2017/03/03/march-for-science-2017-psychologen-sind-dabei/

New book: “Nature of Problem Solving”

A new book has been published today: “The nature of problem solving. Using research to inspire 21st centure learning”, edited by Benö Csapó and Joachim Funke. It presents work done in the context of PISA 2012, an activity that I was involved from 2009 until 2014 as Chairman of the International Expert Group on Problem Solving that prepared this enterprise (see my former blog-entry). In his Foreword, Andreas Schleicher (the “father” of PISA assessments) writes enthusiastically about our book: “… while problem solving is a fairly intuitive and all-pervasive concept, what has been missing so far is a strong conceptual and methodological basis for the definition, operationalisation and measurement of such skills. This book fills that gap. It explores the structure of the problem-solving domain, examines the conceptual underpinning of the PISA assessment of problem solving and studies empirical results. Equally important, it lays out methodological avenues for a deeper analysis of the assessment results, including the study of specific problem-solving strategies through log-file data.”

Here is a summary of the content:

Part I (”Problem solving – Overview of the domain”) presents our view of problem solving and its assessment. In Chapter 1, Benö Csapó and Joachim Funke highlight the relevance of problem solving within a world that relies less and less on routine behaviour and increasingly requires non-routine, problem-solving behaviour. They underline the need for innovative assessments to understand how improved school practices contribute to the development of problem-solving skills in learners. In Chapter 2, Jens Fleischer and colleagues use data from PISA 2003 to demonstrate the importance of analytical problem solving as a crosscurricular competency. Starting with the observation that German students’ analytical problem solving skills are above the OECD average but their maths skills are only average, they develop the cognitive potential exploitation hypothesis: good problem-solving skills could be harnessed to develop mathematics skills. In Chapter 3, Magda Osman argues that complex problems can be represented as decision-making tasks under conditions of uncertainty. This shift in emphasis offers a better description of the skills that underpin effective problem solving, with a focus on the subjective judgments people make about the controllability of the problem-solving context. In Chapter 4, John Dossey describes the mathematical perspective and points to the strong relation between mathematics and problem solving. He emphasises the important role of metacognition and self-regulation in both solving real problems and in the practice of mathematics.

Part II (”Dynamic problem solving as a new perspective”) introduces dynamic problem solving as a new perspective within PISA 2012. In Chapter 5, Dara Ramalingam and colleagues present the PISA 2012 definition of problem solving, outline the development of the assessment framework and discuss its key organising elements, presenting examples of static and interactive problems from this domain. In Chapter 6, Samuel Greiff and Joachim Funke describe the core concept of interactive problem solving in PISA 2012 as the interplay of knowledge acquisition and knowledge application to reach a given goal state. Interactive problem solving differs from static problem solving because some of the information needed to solve the problem has to be found during interaction processes. In Chapter 7, Andreas Fischer and colleagues describe typical human strategies and shortcomings in coping with complex problems, summarise some of the most influential theories on cognitive aspects of complex problem solving, and present experimental and psychometric research that led to a shift in focus from static to dynamic problem solving.

Part III (”Empirical results”) deals with data from different studies presented here because they influenced the thinking around the PISA 2012 problem-solving assessment. In Chapter 8, Gyöngyvér Molnár and colleagues report results from a Hungarian study of students from primary and secondary schools who worked with static and interactive problem scenarios. They found that students’ ability to solve these dynamic problems appears to increase with age and grade level, thus providing evidence that education can influence the development of these skills. At the same time, the measured construct is psychometrically sound and stable between cohorts. In Chapter 9 Ray Philpot and colleagues describe analyses of item characteristics based on the responses of students to PISA 2012 problem solving items. They identified four factors that made problems more or less difficult, which could be helpful for test developers but also researchers and educators interested in developing learners from novice to expert problem-solvers in particular domains. In Chapter 10, Philipp Sonnleitner and colleagues discuss the challenges and opportunities of computer-based complex problem solving in the classroom through the example of Genetics Lab, a newly developed and psychometrically sound computer-based microworld that emphasises usability and acceptance amongst students.

Part IV (”New indicators”) presents ideas arising from the new computer-based presentation format used in PISA 2012. In Chapter 11, Nathan Zoanetti and Patrick Griffin explore the use of the data from log files, which were not available from paper-and-pencil tests and offer additional insights into students’ procedures and strategies during their work on a problem. They allow researchers to assess not just the final result of problem solving but also the problem-solving process. In Chapter 12, Krisztina Tóth and colleauges show the long road from log-file data to knowledge about individuals’ problem solving activities. They present examples of the usefulness of clustering and visualising process data. In Chapter 13, David Tobinski and Annemarie Fritz present a new assessment tool EcoSphere, which is a simulation framework for testing and training human behavior in complex systems. Its speciality is the explicit assessment of previously acquired content knowledge.

Part V (”Future issues: Collaborative problem solving”) deals with issues that came after PISA 2012. Three years after PISA 2012 focused on individual problemsolving competencies, PISA 2015 moved into the new and innovative domain of collaborative problem solving, defined as “the capacity of an individual to effectively engage in a process whereby two or more agents attempt to solve a problem by sharing the understanding and effort required to come to a solution and pooling their knowledge, skills and efforts to reach that solution.” In Chapter 14, Esther Care and Patrick Griffin present an alternative assessment of collaborative problem solving that inspired the PISA assessment while being clearly distinct from it. They deal with human-tohuman collaboration, in contrast to the human-to-computer design eventually used. In Chapter 15, Arthur Graesser and colleagues, explore the use of “conversational agents” (intelligent computerbased systems that interact with a human) and how dialogues and even trialogues with two agents can be used for new types of assessment.

A final “Epilogue” from Benö Csapó and Joachim Funke summarizes the work that has been done, reflects terminological issues, and looks into the future.

For me, a long story now comes to a good end! We started the book project 5 years ago. In the meantime, there were quiet phases as well as hectic ones, and until the end of 2016 I was not sure if our book project would come up as a success. Julia Karl and Marion Lammarsch helped us in a critical layout phase with the LaTeX documents - thanks!

Beno has written this sentence in our epilogue: “As we finish the work of editing this book and look back at the process behind that effort, we have the feeling that it has simultaneously been one of the most inspiring experiences and one of the most challenging undertakings of our professional careers.” Thanks to the OECD staff (Rachel, Sophie, Sylvie) that helped to finalize our projects, thanks to Francesco Avvisati for accompanying our book and thanks to our authors for staying with us the whole time!

Csapó, B., & Funke, J. (eds.) (2017). The nature of problem solving. Using research to inspire 21st century learning. Paris: OECD Publishing. http://doi.org/10.1787/9789264273955-en (or try here)

Here is a nice statement about our book from Dirk van Damme, Head of the Innovation and Measuring Progress Division, Directorate for Education and Skills, OECD.

Here is a Press Release in German: http://www.uni-heidelberg.de/presse/news2017/pm20170607_was-ist-problemloesekompetenz-und-wie-laesst-sie-sich-messen.html