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Dank für Kellerausbau

Mit großer Freude erhielt ich heute aus der Hand einer Fachschaftsvertreterin das unten wiedergegebene Schreiben, in dem sich mehrere Studierende und Fachschaftsvertreter bei mir für den Kellerausbau und die Einrichtung des Aufenthaltsraums bedanken. Vor einem Jahr habe ich über den Abschluss der Bauarbeiten gebloggt (siehe hier), jetzt kommt ein erster Erfahrungsbericht nach einem Jahr Nutzung gerade recht. Das Feedback bezieht sich auf unser gläsernes “Aquarium”, also den Aufenthaltsraum VOR dem eigentlichen Zentralen Verhaltenslabor am PI. Danke, liebe Leute, für soviel positive Energie!!! You made my day!

Nachruf auf Jean-Paul Reeff

Mein luxemburgischer Freund Dr. Jean-Paul Reeff ist völlig überraschend im Alter von 61 Jahren in der Berliner Wohnung seiner langjährigen Lebenspartnerin Petra Stanat verstorben. Eine schockierende Nachricht, hatte wir doch erst vor kurzem seinen 60. Geburtstag in Bonn im Kreis vieler Freunde aus aller Welt gefeiert. Kennengelernt haben wir uns Anfang der 1980er Jahre an der Universität Trier, wo Jean-Paul an einem Austausch über Wahrnehmungspsychologie interessiert war. Er hatte in Innsbruck bei Ivo Kohler über Infraschall promoviert und sich mit nicht-euklidischer Geometrie beschäftigt.

Mit dem Wechsel Jürgen Bredenkamps von Trier nach Bonn im Herbst 1984 kam auch Jean-Paul mit ans Bonner Institut und begleitete dort den Aufbau unseres Demel-Blickbewegungslabors (DEBIC-84, später DEBIC-90). Das war zu der Zeit noch viel Frickel-Arbeit; neben der Programmierung von Schnittstellen war auch der Lötkolben unverzichtbar. Er hatte als einer der ersten eine Next-Station in seinem Büro und war damit computertechnisch allerbestens ausgestattet. Durch ihn bin ich mit den Segnungen und Flüchen des Internet vertraut geworden. Durch ihn wurden Thomas Krüger und ich angeregt, den ersten WWW-Server eines psychologischen Instituts (https://www.psychologie.uni-bonn.de, damals noch in der Bonner Römerstrasse 164) einzurichten. Durch ihn haben ein paar Bonner Kollegen und ich auch Zugang zu Forth erhalten, einer exotischen Programmiersprache - es gab auf unseren Fluren einige Zeit ein richtiges Forth-Fieber, das Jean-Paul ausgelöst hatte.

Schon früh erkannte Jean-Paul den Wert bestimmter Formalismen für die Erzeugung von Item-Universen, ob es Rainer Mausfelds ABRESY (Abstrakte Regelsysteme von Rainer Mausfeld und Reinhard Niederee, 1985) oder mein eigener DYNAMIS-Ansatz war. Sein 2006 erschienener Bericht “The Assessment of Problem-Solving Competencies” (zusammen mit Anouk Zabal und Christine Blech im Auftrag des DIE, Bonn, verfasst) hat mitgeholfen, den Übergang vom Assessment statischen Problemlösens hin zu dynamischem Problemlösen zu bahnen - wie überhaupt Jean-Paul mich dazu gebracht hat, mich an PISA zu beteiligen. Ohne Jean-Paul wären meine PISA-Aktivitäten nicht zustande gekommen - dafür bin ich ihm sehr dankbar!

Sein weltweites Engagement für Bildung führte ihn ebenso nach Afghanistan (siehe hier ein Interview dazu) wie nach Südafrika, in die USA oder nach Japan (siehe meinen Bericht über meine Japan-Reise, die Jean-Paul erst möglich gemacht hatte). Neben seiner Anstellung, zunächst am Luxemburger Erziehungsministerium, später am DIPF in Frankfurt, gründete er verschiedene Firmen. Zuletzt war er Board Member der in Luxembourg ansässigen “International Innovation Management and Consulting S.A.”. Seine zeitweilig in Bad Neuenahr-Ahrweiler ansässige Firma “LIFE Consult”, die offen zugängliches Bildungsmaterial (OER) fördern sollte, hat mich in den 1990er Jahren erstmals mit den Ideen hinter Open Access vertraut gemacht zu einer Zeit, als es noch keine große OA-Bewegung gab.

Hier seine Selbstbeschreibung auf LinkedIn: “I am an independent consultant and a senior consultant for the German Institute for International Educational Research (DIPF) in the fields of innovation management and international cooperation. I hold degrees in psychology, physics and computer sciences, and a PhD in experimental psychology. I have a strong background in assessment and evaluation, as well as in technology-based learning and assessment. My consultancy focuses on initiating and accompanying large-scale interdisciplinary projects, on technology transfer, and on acting as a broker between research, policy and practice.”

Jean-Paul konnte sich als Luxemburger auf dem internationalen Parkett bestens bewegen: neben Letzeburgisch sprach er fliessend Deutsch, Englisch und Französisch (auch Japanisch konnte er in Grundzügen). Er verstand es wie kein Zweiter, wissenschaftliche Grundlagenforschung für Politiker verständlich zu machen und damit die oft scharfe Trennung der Welten von Politikern und Wissenschaftlern zu durchbrechen. Innovatives Potential hat er überall gesucht und oft gefunden. Seine Begeisterung für Technology Based Assessment war auch deswegen ansteckend, weil er die technologische Entwicklung immer verfolgte und zahlreiche exzellente Kontakte zu Technologiefirmen unterhielt. Auch an der Entwicklung und dem Einsatz der in Luxemburg betriebenen OpenSource-Testdarbietungs-Plattform TAO hatte er Anteil.

Die Entwicklung der Plattform ItemBuilder am DIPF in Frankfurt ist eines seiner Kinder, die auch im Rahmen von PISA große Beachtung fanden. Alle unsere in Heidelberg entwickelten Items für die weltweite PISA-Studie, die ich in meiner Zeit als Chairman der International Expert Group on Problem-Solving zu verantworten hatte, nahmen ihren Anfang im ItemBuilder, den die Münchener Firma Softcon (seit 2014 Teil der Nagarro AG) in enger Absprache mit Jean-Paul und Heiko Rölke vom DIPF entwickelte. Die Freundschaft zu Michael Dorochevsky, dem Chefentwickler, Dieter Hüttenberger, Vorstand der Softcon, und Brigitte Stuckart, der Firmenchefin, war ein tragendes Element dieser Entwicklung.

Während der Zeit Ende der 1980er Jahre, als ich an meiner Habil arbeitete, versorgte Jean-Paul mich mit Elbling, einem trockenen Weisswein, den er aus Luxemburg mitbrachte und der das Schreiben meiner Habil beförderte. Gelegentlich gab es auch Kochkäse-Abende, eine Luxemburger Spezialität, mit der ich mich nicht so recht anfreunden konnte. Umso besser habe ich unsere gemeinsamen Sushi-Essen in Tokyo in bester Erinnerung, auch wenn ich mich vor Fugu bis zuletzt gescheut habe.

Wieviel Flugkilometer Jean-Paul zurückgelegt hat, weiss ich nicht genau - ein Indikator seiner Vielfliegerei war sein priviligierter Status als “Frequent Traveller”, der ihm Zugang zu phantastischen Lounges an den besten Flughäfen der Welt erlaubte. Ich selbst wurde von ihm mehrmals als Gast in diese verborgene Welt des First-Class-Service eingeladen, die neben kulinarischen und hygienischen Annehmlichkeiten auch Office-Leistungen umfasste und wirklich hilfreich war, wenn es etwa Verspätungen oder Flugausfälle gab.

Mit Jean-Paul zusammen war ich in Boston, Budapest, Melbourne, San Francisco, Szeged, Tokyo, Washington - um nur ein paar der großen Städte zu benennen, in die ich durch ihn gekommen bin. Neben den dienstlichen Aufgaben verstand Jean-Paul es auch sehr gut, die Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Städte unter die Lupe zu nehmen. Sehr früh hat mich Jean-Paul auch in die Geheimnisse privater B&B-Unterkünfte (als Alternativen zu teuren Hotels) eingeführt, die er in den letzten Jahren auf seinen Reisen zunehmend bevorzugte.

Jean-Pauls große Stärke war es, Menschen aus verschiedenen Kulturen (z.B. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft) zusammenzubringen und sie für seine Ideen zu begeistern. Seine immer freundliche Art des Umgangs miteinander hat dies ganz massgeblich gefördert: der Respekt voreinander war stets zu spüren, selbst wenn in den Auffassungen Divergenzen auftraten. Vielleicht hat ihm auch deswegen die japanische Kultur so zugesagt.

Lebe wohl, Joppo! Es war eine gute Zeit mit Dir! Wir werden Dir später folgen! Du wirst uns mit Deinem trockenen Humor, Deiner überragenden Freundlichkeit, Deiner Liebe zu gutem (und ausgefallenem) Essen, und mit Deinen unendlichen Kontakten in die weite Welt der Bildungspolitik fehlen! Dein Leben war ungerecht kurz, aber es war voll an Erfahrungen und Aktivitäten! Du hast in dieser Zeit sehr sehr viel bewegt! Ein kleiner Trost!

hier der Nachruf vom DIPF: https://www.dipf.de/de/dipf-aktuell/apropos-dipf/nachruf-jean-paul-reeff

PS: Am 31.5. haben viele seiner Freunde und Angehörigen an der Beisetzung seiner Urne teilgenommen. Sie liegt jetzt auf einem sehr schönen Friedhof: auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, Großgörschenstraße 12-14, 10829 Berlin-Schöneberg (Grabstelle: Q18/09).

Interview “Wie entsteht Kreativität?”

Vor kurzem erschien in “jetzt“, einem Partner der “Süddeutschen Zeitung“, ein Interview mit mir zum Thema Kreativität (hier: https://www.jetzt.de/job/wie-kreativitaet-entsteht). Da vermutlich nicht alle meine Leserinnen und Leser dort hineinschauen, hier noch mal der Text auf meinen eigenen Seiten:

Wie entsteht Kreativität?

Kann ich sie erlernen oder ist sie eine reine Talentsache? Fragen an einen Psychologieprofessor. Interview von Johanna Bouchannafa:

Während der eine sich seit der Grundschule die wildesten Geschichten ausdenkt, spielt der nächste lieber Spiele mit eindeutigen, festen Regeln. Als Erwachsene blüht die eine in einem kreativen Berufsfeld komplett auf, während die andere sich lieber an feste Strukturen hält. Ist Kreativität Zufall? Ein Talent, das man eben hat oder nicht? Oder kann man Kreativität erlernen?

Das haben wir Joachim Funke gefragt. Er ist Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg und befasst sich unter anderem mit psychologischer Kreativitätsforschung.

jetzt: Jeder versteht unter Kreativität etwas anderes. Gibt es eine eindeutige Definition?

Joachim Funke: Kreativität bedeutet das Hervorbringen eines neuen, individuell oder gesellschaftlich nützlichen Produkts. Ein Produkt, das nicht durch Routineverfahren erzeugt werden kann. In der Psychologie unterscheiden wir die „kreative Person“, zum Beispiel einen Schriftsteller oder eine Wissenschaftlerin, den „kreativen Prozess“, zum Beispiel das Schreiben, Komponieren, Experimentieren, „das kreative Produkt“, zum Beispiel ein Roman oder eine Erfindung, sowie die „kreative Umgebung“, etwa unter der Dusche.

jetzt: Was ist der Ursprung der Kreativität? Woher kommt sie?

JF: Kreativität ist ein Erfolgsgeheimnis der Evolution: Schaffe zufällige Mutationen und schaue, was sich bewährt. Früher hielt man kreative Ideen für göttliche Eingebungen. Heute sind wir eher davon überzeugt, dass hinter kreativen Erfolgen harte Arbeit steckt. Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, hat monatelang nach einer brauchbaren Legierung seines Glühfadens gesucht. Da gehörte viel Willenskraft dazu.

jetzt: Sind Kreativität und Durchhaltevermögen also praktisch dasselbe?

JF: Nein, Kreativität darf man nicht mit Durchhaltevermögen gleichsetzen. Aber natürlich ist es hilfreich, nicht gleich beim ersten Scheitern eine gute Idee aufzugeben. Der amerikanische Forscher Robert Sternberg unterscheidet drei Formen von Intelligenz für den Lebenserfolg. Erstens: kreative Intelligenz, um die wirklich wichtigen Probleme im Leben aufzuspüren. Zweitens: analytische Intelligenz, um diese Probleme zu lösen. Und drittens: praktische Intelligenz, um die gefundenen Problemlösungen auch im eigenen Leben anzuwenden und im sozialen Kontext durchzusetzen. Das Durchhaltevermögen ist Teil der praktischen Fähigkeiten. Die kreative Intelligenz ist davon unabhängig.

jetzt: Was macht einen kreativen Menschen aus?

JF: Wichtige Merkmale einer kreativen Persönlichkeit sind Neugier und Offenheit, aber auch Nonkonformismus und die Bereitschaft, Unsicherheit zu ertragen. Ein Mindestmaß an Intelligenz und Wissen gehört dazu. Willenskraft und Ausdauer sind ebenfalls bedeutsam.

jetzt: Warum ist Kreativität so wichtig für uns und unsere Gesellschaft?

JF: Jeder Mensch trägt kreative Potenziale in sich, die allerdings meist nicht entwickelt und gefördert werden. Die Zukunft unseres Planeten hängt nicht zuletzt davon ab, wie einfallsreich unsere Problemlösungen für die großen gesellschaftlichen Herausforderungen ausfallen.

jetzt: Nicht jeder Mensch ist gleich kreativ. Welche Arten von Kreativität gibt es?

JF: Die sogenannte „große“ Kreativität bezieht sich auf weltbewegende Erfindungen oder Kunstwerke, die weite Teile der Menschheit betreffen. „Kleine“ Kreativität zeigt sich im Alltag, wenn der Reißverschluss klemmt und ich mit einer Büroklammer ein Problem lösen kann. Zum anderen nach inhaltlichen Bereichen: Kreativität in der Wissenschaft sieht anders aus als die in der Kunst.

jetzt: Während in den USA Kunst und kreatives Schreiben ähnlich praktisch wie ein Handwerk unterrichtet werden, hält sich Deutschland eher die Vorstellung, dass man entweder talentiert und kreativ ist oder eben nicht. Welche Herangehensweise stimmt denn nun?

JF: In unserer heutigen Forschung gehen wir davon aus, dass jeder Mensch kreative Potentiale in sich trägt, die allerdings meist nicht entwickelt und gefördert werden. Mit einer handwerklichen Ausbildung kommt man sicher schon ein gutes Stück voran. Denn wirklich große Kreativität besteht in einer Kombination aus guten handwerklichen Fähigkeiten in Verbindung mit einer entsprechenden Persönlichkeit und einer kreativitätsförderlichen Umwelt.

jetzt: Gibt es eine Möglichkeit meine eigene Kreativität zu entwickeln, auch wenn ich schon erwachsen bin und mich nicht besonders kreativ fühle?

JF: Kreativität ist eine Lebenshaltung, die ich auch im Erwachsenenalter einnehmen kann, wenn ich es will! Mit einer weltoffenen Neugier macht man den ersten Schritt, mit dem mutigen Hervorbringen eines Textes, eines Kunstwerks, einer Gestaltung kommt dann der zweite Schritt. Man muss sich nur trauen und darf sich durch unberechtigte Kritik nicht kleinkriegen lassen. Wichtig ist auch, dass der Antrieb von innen kommt - wenn man Anreize von außen vorgibt, wenn es „anerzogen“ werden soll, funktioniert das meist nicht.

jetzt: Kann man im Laufe des Lebens kreativer werden oder Kreativität auch wieder „verlieren“?

JF: Kreativität ist keine konstante Eigenschaft, sondern hat Hochs und Tiefs. Im Bereich der Naturwissenschaften ist der Altersbereich zwischen 30 und 40 Jahren maximal kreativ, in der Kunst verschiebt sich dieser Spitzenpunkt wesentlich nach hinten. Bei Schriftstellern, Komponisten, Malern gibt es beeindruckende Alternswerke, die in den Naturwissenschaften nicht bekannt sind.

Friedrichsbau: Apsiden besiedelt

Das Vordergebäude des Psychologischen Instituts wird auch gelegentlich Friedrichsbau genannt, nach dem Großherzog Karl Friedrich von Baden, der dieses Gebäude zum Wohl der Naturwissenschaften im Jahr 1861 errichten ließ. Im Eingangsbereich sind direkt hinter dem hölzernen Eingangstor vier Apsiden, von denen bislang nur eine gefüllt war. Ab sofort sind drei weitere Personen hinzugekommen.

Wundt & James

Wundt & James

Östlich zunächst der Gründungsvater der experimentellen Psychologie, Wilhelm Wundt (1832-1920), der von 1856-1874 in Heidelberg wirkte. Neben ihm der Gründungsvater der amerikanischen Psychologie, William James (1842-1910), der 1868 zu einem Kurzaufenthalt in Heidelberg weilte.

Westlich sieht man zunächst Hermann von Helmholtz (1821-1894), der von 1858-1870 in Heidelberg arbeitete und für den der Friedrichsbau in erster Linie errichtet wurde. Daneben die Gedenktafel für den ungarischen Wissenschaftler Lorand Eötvös, der bei Kirchhoff, Bunsen und Helmholtz studiert hatte und später u.a. die Gravitationswaage entwickelt hat, mit der Bodenschätze (z.B. Erdöl) entdeckt werden konnten.

Helmholtz & Eötvos

Helmholtz & Eötvös

Ich danke den Alumni Psychologici für die Finanzierung dieser Bilder und Edith von Wenserski sowie Reiner Meßner für die fachkundige Unterstützung bei ihrer Herstellung, Rahmung und Anbringung.

Ich freue mich, ab sofort beim Betreten unseres Instituts nicht nur vor dem Eingang von Robert Bunsen begrüßt zu werden, sondern nun auch hinter der Eingangstür mit Wundt und James zwei Psychologen auf der rechten Seite und mit Helmholtz und Eötvös zwei Naturwissenschaftler auf der linken Seite zu sehen. Mögen uns diese Portraits immer an die Wahrheitssuche unserer Vorgänger erinnern! Sie sind zugleich eine Mahnung, auf allen Ebenen den Frauenanteil in der Wissenschaft zu steigern!

Robert Sternberg in der Kritik

Unser Honorarprofessor Robert Sternberg ist in die Kritik geraten. Anlass dazu haben kritische Blogger gegeben, die sowohl das hohe Ausmass seiner Selbstzitationen (Blog von Eiko Fried:”7 Sternberg papers: 351 references, 161 self-citations”, siehe hier) als auch das Vorkommen von Selbst-Plagiaten (Blog von Nick Brown: “Some instances of apparent duplicate publication by Dr. Robert J. Sternberg”, siehe hier) kritisiert haben.

Natürlich ist das sehr unschön und schlechte wissenschaftliche Praxis, daran gibt es keinen Zweifel! Seine Verdienste um die akademische Welt der Psychologie stehen ebenso ausser Zweifel. Jetzt ist Bob Sternberg am 26.4.18 als Herausgeber des Spitzenjournals “Perspectives on Psychological Science” (PoPS) mit sofortiger Wirkung zurückgetreten (hier der Beitrag in “Inside Higher Education“). In einem offenen Schreiben vom 10.4.18 an das APS Publication Committee hatten Chris Crandall (Professor of Psychology, University of Kansas) und zahlreiche Mitunterzeichnende zuvor seinen sofortigen Rücktritt gefordert.

Ein Fall von Machtmissbrauch? Als Editor ist man in besonderer Weise zur Einhaltung ethischer Prinzipien verpflichtet. In den letzten Jahren haben sich hier hohe Standards entwickelt, hinter die niemand zurückfallen möchte. In den Richtlinien des “Committee on Publications Ethics” (COPE) heisst es zur Frage, ob Herausgeber in der von ihnen herausgegebenen Zeitschrift publizieren dürfen (hier der Link zu den Guidelines): “While you should not be denied the ability to publish in your own journal, you must take extra precautions not to exploit your position or to create an impression of impropriety. Your journal must have a procedure for handling submissions from editors or members of the editorial board that will ensure that the peer review is handled independently of the author/editor.” Solange ein unabhängiger Review-Prozess hier sichergestellt werden kann, spricht nichts dagegen.

Ich hatte das zuletzt von Sternberg herausgegebene Journal “PoPS” in den letzten Jahren gerne gelesen und fand die Inhalte erfrischend und anregend! Im letzten Jahr hatte ich mich darüber gefreut, für dieses Journal als “Consulting Editor” mitwirken zu dürfen (als einer der wenigen Nicht-Amerikaner). Mal sehen, wie es nun mit diesem Journal weitergeht! Und mal sehen, wie es mit Bob Sternberg weitergeht! Das ist natürlich auch für ihn ein schmerzhaftes Ereignis.

mehr: Blog von Bobbie Spellman: morepops.wordpress.com/2018/04/22/dear-aps-its-not-me-its-you/ - Retraction Watch: https://retractionwatch.com/2018/05/16/journal-says-it-will-correct-three-papers-by-prominent-psychologist-for-duplication/

Edgar Erdfelder neuer Prorektor Forschung an der Uni Mannheim

Die räumliche Nähe zwischen Heidelberg und Mannheim führt zu einem engeren Austausch zwischen verschiedenen Instituten an beiden Standorten als zwischen Heidelberg und Darmstadt oder Heidelberg und Tübingen. Das gilt für das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit ebenso wie für den Fachbereich Psychologie an der Mannheimer Universität. Von daher wundert es vielleicht nicht, wenn ich hier über eine neue Personalie der Mannheimer Universität schreibe: Zum 1.10.2018 tritt unser Kollege Edgar Erdfelder das Amt des Prorektors für Forschung an.

Ich bin ein Freund davon, forschungsstarke Personen in der Administration von Fakultäten und Universitäten zu haben und nicht reine Verwaltungsfachleute). Sie kennen das forschende Geschäft von innen heraus, kennen die Lasten überflüssiger Bürokratie und sind an der Konzeption intelligenter Strukturen interessiert. Damit tun forschungsstarke Personen in der Administration Gutes für ihre Kolleginnen und Kollegen. Übrigens gibt es mit dem Buch von Amanda Godell aus dem Jahr 2009 (Goodall, A. H. 2009. Socrates in the boardroom. Why research universities should be led by top scholars. Princeton: Princeton University Press) auch evidenzbasierte Erkenntnisse über den Wert solcher Personen in administrativen Spitzenjobs.

Mit Edgar Erdfelder verbindet mich eine lange Geschichte - wir sind seid 1980 befreundet, als wir benachbarte Büros an der Universität Trier (damals noch auf dem Schneidershof) bezogen. Später sind wir mit unserem damaligen Chef Jürgen Bredenkamp von Trier nach Bonn gewechselt, noch später wurden wir unabhängig voneinander an die beiden benachbarten Orte Mannheim bzw. Heidelberg berufen, was uns sehr gefreut hat! Auch deswegen freue ich mich jetzt über die gute Nachricht aus unserer Nachbarstadt!

Lieber Ede: Herzlichen Glückwunsch zu diesem wichtigen Amt und viel Erfolg bei Deiner Tätigkeit!

Gastbeitrag “DGPs Qualitätssiegel für den Bachelorstudiengang Psychologie”

Gastbeitrag von Cordelia Menz, M.Sc., Qualitätsmanagerin an unserem Institut, zum gerade ausgestellten Qualitätssiegel der DGPs für unseren Bachelorstudiengang Psychologie:

DGPs-Qualitätssiegel für den Bachelorstudiengang Psychologie der Universität Heidelberg

Seit Oktober 2016 bietet die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) allen deutschsprachigen Hochschulen mit einem Bachelorstudiengang Psychologie (Abschluss: „Psychologie, B.Sc.“) die Möglichkeit, einen Antrag auf ihr Qualitätssiegel zu stellen. Die DGPs verfolgt mit diesem Qualitätssiegel unterschiedliche Ziele: Zunächst soll die Einheit des Faches Psychologie gewahrt und eine möglichst große Vergleichbarkeit der Studiengänge erreicht werden. Außerdem unterstützt das Qualitätssiegel auch die Sicherung einer exzellenten fachlichen Qualität. Das Siegel wird deshalb denjenigen psychologischen Studiengängen verliehen, „die in Bezug auf Struktur und Inhalt den Empfehlungen der DGPs folgen und die in Bezug auf ihre Wissenschaftlichkeit und Forschungsorientierung gewisse Mindeststandards einhalten“. Durch das Qualitätssiegel soll eine nachhaltige Sicherung der Qualität psychologischer Studiengänge gewährleistet werden. Darüber hinaus wird durch normative Standards eine erhöhte Transparenz für Studierende geschaffen.

Da das Psychologische Institut Heidelberg all diese Ziele als erstrebenswert erachtet, wurde ich als Qualitätsmanagerin des PI darum gebeten, die Antragstellung vorzubereiten. Mit tatkräftiger Unterstützung aller Sekretariate, des Prüfungsamts, der Fachstudienberatung sowie Herrn Dr. Schahn war es ein Leichtes, die vorgegebenen Fragen zu den unterschiedlichen Aspekten des Studiengangs zu beantworten. Viele der erfragten Inhalte waren auch für mich neu und spannend: Beispielsweise haben die Studierenden unseres Studiengangs uneingeschränkten Zugriff auf mehr als 1000 psychologische Fachzeitschriften. Damit stehen ihnen weitreichende Ressourcen zur Vorbereitung von Lehrveranstaltungen sowie Prüfungen zur Verfügung. Des Weiteren gelingt es den Beschäftigten unseres Instituts äußerst erfolgreich, externe Gelder einzuwerben, was sich u.a. in der hohen Anzahl der im Rahmen drittmittelfinanzierter Forschungsprojekte angestellter Hilfskräfte zeigt. Außerdem übersteigen die über 170 wissenschaftlichen Publikationen (von 2015 – 2017) unserer Professor*innen bei Weitem die gestellten Anforderungen. Auch dieser Indikator unterstreicht den hohen Stellenwert der Forschung an unserem Institut. Dass unser Studiengang die Mindestanforderungen der ECTS-Punkte für die Grundlagen- und Anwendungsdisziplinen sowie Statistik und empirisch-wissenschaftliches Arbeiten (mehr als) erfüllt, hat mich wenig überrascht.

Insgesamt verlief der Beantragungsprozess reibungslos und es gab keine Rückfragen der Gutachter*innen, sodass wir einige Wochen nach der Beantragung mit Freude die verliehene Urkunde des DGPs-Qualitätssiegels in Empfang nehmen durften. Diese kann nun im Schaukasten der Eingangshalle des Vordergebäudes im Psychologischen Institut bewundert werden. Der Bachelorstudiengang Psychologie der Universität Heidelberg darf nun also für fünf Jahre das DGPs-Qualitätssiegel tragen.

mehr zum Qualitätssiegel: Psychologie Fachschaften-Konferenz (PsyFaKo) Kommentar

Nachhaltigkeitsbildung aus Sicht komplexer Probleme

(anklicken zum Laden)

Im letzten Jahr erhielt ich eine Anfrage von Thomas Pyhel (Abteilung Umweltkommunikation und Kulturgüterschutz bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, DBU), ob ich nicht einen Beitrag für sein geplantes Buch über Komplexität schreiben könnte, mit einem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. Nach kurzer Überlegung habe ich zugesagt. Nachhaltigkeit halte ich für ein gesellschaftlich sehr wichtiges Thema (es taucht in meinem Blog regelmäßig auf, siehe hier), erst im letzten Sommer hatte ich es gerade in den Senat und den Universitätsrat eingebracht.

Mangelnde Nachhaltigkeit beim Bauen hat z.B. dazu geführt, dass eine Reihe von Gebäuden im Neuenheimer Feld, die in den 1970er Jahren errichtet wurden, heute schon wieder - nach nur 40jähriger Nutzung - abbruchreif sind. Mein eigenes Büro befindet sich dagegen in einem Gebäude von 1850 (Alte Anatomie), wo man damals offensichtlich für eine kleine Ewigkeit gebaut hat. Zugegeben: auch unser historischer Altbau könnte an manchen Stellen eine Sanierung vertragen, wenn Bund und Land etwas mehr Geld für den Hochschulbau und die Gebäudeerhaltung in die Hand nehmen würden und den Sanierungsstau auflösen würden (hier ein paar klare Worte unseres Rektors zum Thema Sanierungsstau in Heidelberg). Zur Nachhaltigkeit gehört eben die Pflege des Bestands dazu! Der Rettung notleidender Banken und Banker wurde seinerzeit größere Priorität eingeräumt. Ob diese Hilfe einen nachhaltigen Effekt hatte, darf aus heutiger Sicht bezweifelt werden.

Beim Nachdenken über das zu schreibende Kapitel wurde mir schnell klar, wie gut meine Überlegungen zum Umgang mit Komplexität und Unsicherheit auf das Thema “Nachhaltigkeit” passen. Vor kurzem erst haben wir (Andreas Fischer, Daniel Holt und ich) über Systemkompetenz geschrieben, die unserer Meinung nach im Bildungssystem des 21. Jahrhunderts nicht fehlen darf - der richtige Umgang mit Zeit und zeitlichen Verläufen gehört natürlich dazu. Über das Heute hinaus an das Morge” und vor allem an das Übermorgen zu denken, ist nicht ganz einfach, dabei gilt doch der Satz: “Heute ist morgen schon gestern” - aber “Übermorgen” kommt in diesem Bonmot gar nicht erst vor.

Auch wenn wir in der psychologischen Forschung viel über die Fehler im Umgang mit Komplexität und Unsicherheit sprechen, ist das kein Anlaß zum Pessimismus oder zur Annahme, dass Menschen aus prinzipiellen Gründen nicht zu nachhaltigem Handeln fähig seien. Im Gegenteil gibt es allen Grund zum Optimismus: Menschen können prinzipiell nachhaltig denken und handeln - die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele dafür, und das nicht erst seit Carl von Carlowitz 1713 sein Buch über die nachhaltige Baumzucht veröffentlicht hat, in dem der Begriff “Nachhaltigkeit” erstmals auftaucht.

Für die psychologische Forschung ist heute klarer als zuvor, dass Nachdenken über Nachhaltigkeit an bestimmte Prämissen gebunden ist. In fünf Abschnitten werden in meinem Artikel folgende Aspekte vertieft, die man zur Bildung für Nachhaltigkeit nutzen kann: (1) Erfahrung geht über Analyse; (2) soziale Wesen beachten Gruppennorm; (3) »In die Augen, in den Sinn«; (4) »Framing«: Keiner mag Verluste; (5) Intrinsische Motivation ist wichtiger als extrinsische. Entsprechend diesen Empfehlungen heisst es abschließend mit Bezug zur Vermittlung einer Nachhaltigkeitseinstellung zum Klimawandel: “Eine bessere Strategie vor dem Hintergrund psychologischer Forschung sollte daher Klimawandel (a) als ein persönlich erfahrbares, lokales und präsentes Risiko darstellen anstatt auf weit entfernte Regionen oder weit in der Zukunft liegende Ereignisse zu verweisen; (b) den Hebel sozialer Gruppennormen nutzen; (c) die Gewinne aus sofortigem Handeln verdeutlichen anstatt die Schrecken der Zukunft auszumalen; (d) die intrinsische Langzeitmotivation zu umweltbewusstem Handeln stärken anstatt primär durch extrinsische Anreize das Verhalten zu beeinflussen.”

Hier die Zusammenfassung des kurzen Kapitels:

Aus psychologischer Sicht ist das Thema »Nachhaltigkeit« mit zahlreichen Herausforderungen belastet. Dies illustrieren beispielhaft die folgenden Fragen: Wie kommt es, dass wir trotz besseren Wissens nicht unseren Einstellungen entsprechend handeln? Sind wir mit unserem Verstand überhaupt für das Erfassen derartiger Komplexität gerüstet? Denken wir mehr an das »Hier und Jetzt« als an die ferne Zukunft? Das Wissen aus der Psychologie über menschliche Fehler im Umgang mit komplexen Situationen hilft bei der Entwicklung realistischer Erwartungen.

Und hier die Quellenangabe:

Funke, J. (2018). »Wie soll man da durchblicken?«  Psychologische Aspekte einer Nachhaltigkeitsbildung. In T. Pyhel (Ed.), Zwischen Ohnmacht und Zuversicht? Vom Umgang mit Komplexität in der Nachhaltigkeitskommunikation (pp. 49–57). München: Oekom. (zum Download auf meine Webseite mit den Publikationen gehen oder das kleine Bild rechts oben anklicken).

Masterplan Im Neuenheimer Feld/Neckarbogen: Auftaktveranstaltung

Die Universität Heidelberg hat ihre zahlreichen Institute auf verschiedenen “Campi” verteilt: Im Altstadt-Campus sowie im Campus Bergheim sind überwiegend Geistes- und Sozialwissenschaften links des Neckars untergebracht. Der rechts des Neckars gelegene Campus “Im Neuenheimer Feld” (INF) beherbergt große Teile der Naturwissenschaften, der Medizin und Großforschungseinrichtungen wie das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) oder das Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. Im Neckarbogen sind auch der Zoo, die Jugendherberge sowie Sportanlagen (z.B. Olympia-Stützpunkt) untergebracht.

Betrachtungsraum Masterplan INF (zum Vergrößern anklicken)

Betrachtungsraum Masterplan INF (zum Vergrößern anklicken)

Die Verkehrserschließung für täglich 25.000 Studierende, Mitarbeitende, Patientinnen und Patienten sowie deren Besucher ist seit vielen Jahren zwischen Stadt und Universität strittig. Bislang erfolgt der ÖPNV über Busse. Der Rektor wünscht eine 5. Neckarbrücke, gegen die Naturschützer und Anwohner aus Wieblingen protestieren. Gegen den Planfeststellungsbeschluß zum Bau einer Straßenbahn im Neuenheimer Feld haben Universität, Klinikum, DKFZ und MPI erfolgreich geklagt. Das Verwaltungsgericht Mannheim (VGH) gab im Juni 2016 der Klage der Universität recht: Gerügt wurde, dass sich das Regierungspräsidium Karlsruhe gegenüber den Argumenten der Uni weitgehend verschlossen habe. Auch sei keine Alternativroute geprüft worden. Vor allem aber habe sich das Regierungspräsidium über das “tatsächliche Ausmaß der nachteiligen Wirkungen” für die bestehenden und möglichen neuen Forschungseinrichtungen der Uni “selbst keine Gewissheit verschafft” (die Uni befürchtet z.B. Störungen von Meßeinrichtungen durch Vibrationen).

Neben den Verkehrsproblemen sind vor allem bauliche Aspekte wichtig: Wohin kann die Universität expandieren, wenn weitere Bauvorhaben nötig sind? Auf dem Campus INF gibt es schon jetzt wenig Restflächen, selbst manche heute noch bestehende Freifläche ist längst verplant. Der Masterplan soll weit in die Zukunft reichen und muss daher Vorsorge auch für solche Gebäude treffen, an die heute noch nicht gedacht wird, weil der Bedarf vielleicht erst in 20 Jahren auftritt. Die Handschuhsheimer Felder (nördlich des Klausenpfads) - so befürchten jedenfalls einige - könnten dafür ins Auge gefasst werden. Allerdings sind sowohl der Naherholungswert dieser Grünflächen sehr hoch wie auch die landwirtschaftliche Nutzung sehr wichtig, die in heutiger Zeit immer wertvoller erscheint. Hier prallen Interessen unter dem Stichwort “Spitzengemüse versus Spitzenforschung” scheinbar unvereinbar aufeinander und haben verhärtete Fronten geschaffen.

Um diesem unglücklichen Zustand abzuhelfen, hat der Gemeinderat der Stadt Heidelberg beschlossen, gemeinsam mit dem Land und der Universität ein Masterplanverfahren durchzuführen, das bis Ende 2019 einen Rahmenplan vorlegen soll, der von allen Beteiligten konsentiert und vom Gemeinderat beschlossen wird. Verschiedene Gremien sind hieran beteiligt (ich will sie nicht alle aufzählen - wenn man die Grafik mit der Struktur zeigt, bricht manchmal Gelächter aus…). Komplexitätsreduktion sieht anders aus. Schon die schiere Menge von 82 Mitglieder des “Forums”, die allesamt verschiedene Interessen vertreten, zeigt die Problematik einer verbindlichen Zielfindung.

Im Winter 2017 hat mich der Rektor gebeten, die Interessen der Universität im Koordinierungsbeirat (KoBe) zu vertreten. Der KoBe ist Teil einer komplexen Struktur, mit der die Entwicklung der Universität in den nächsten Jahrzehnten befördert werden soll. Hier ein Auszug aus der Rahmenvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Heidelberg und der Universität Heidelberg:

“Ziel des gesamten Verfahrens ist, neue Entwicklungsperspektiven für die Universität, das Universitätsklinikum, das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Max-Planck-Institute und weitere wissenschaftliche Forschungs- und Lehreinrichtungen zu schaffen. Dazu ist in einem öffentlichen Planungsdiskurs unter Einbeziehung von Fachplanern, Bürgerschaft, Nutzern des Gebietes und Politik sowie unter Würdigung der öffentlichen und privaten Belange ein strategisches Konzept für die räumliche und stadtplanerische Entwicklung des Sondergebiets “Im Neuenheimer Feld” für Wissenschaft, Lehre und Forschung von internationalem Rang zu erarbeiten. Das Konzept soll auch Gebiete für Wirtschaftsunternehmen sowie öffentliche und soziale Infrastruktur umfassen.”

Nun hat am 11.4.2018 die insgesamt 5stündige Auftaktveranstaltung zur Öffentlichkeitsbeteiligung stattgefunden. Auf einem Infomarkt sind in der ersten beiden Stunden von den verschiedenen Akteuren Gedanken zur Zukunft vorgestellt werden. Ausserdem wurden nochmals Hintergrundinfos zum Beteiligungsverfahren gegeben sowie ein Impulsvortrag gehalten, der die Zuhörer inspirieren sollte, die dann startenden Planungsteams mit Fragen zur Klärung auszustatten. Oberbürgermeister Würzner, Baubürgermeister Odszuck, Rektor Eitel (per Videostatement eingespielt), die Ko-Vorsitzende des Koordinierungsbeirats Lenelis Kruse-Graumann (zusammen mit Albertus Bujard) und die Moderatoren des Abends (Ursula Stein und Joachim Fahrwald) begrüßten die zahlreichen Anwesenden (>300) in der Sporthalle INF 700.

Der anregende wie provozierende Impulsvortrag wurde von Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des “Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie” gehalten. Unter dem Titel “Horizont 2050+: Nachhaltigkeit, Campus, Städtebau, Mobilität” hat er das Fenster in die Zukunft weit geöffnet und der Stadt Heidelberg nicht nur zu diesem sehr besonderen Beteiligungsverfahren gratuliert, sondern auch die einmaligen Chancen betont, am Beispiel des Neuenheimer Feldes zukunftsweisende Modelle des Zusammenlebens von Stadt und Universität vorzuführen und zu erproben. Eines seiner Kriterien war die “Enkeltauglichkeit”: Was werden unsere Enkelkinder wohl dazu sagen, dass wir momentan alles auf motorisierten Individualverkehr ausrichten (um die 1.5 Tonnen schwere Kisten, die meist 1 Stunde am Tag meist 1 Person von A nach B bewegen und ansonsten auf einem Parkplatz stehen; wieviel Geldvermögen dort auf der Strasse steht, wagt man gar nicht zu berechnen).

Die Angst, am heute Bestehenden etwas aufgeben zu müssen, ohne genau zu wissen, was danach kommt, ist eine Innovationsbremse - unsere Rationalität, so Schneidewind, findet viele gute Argumente für den Status Quo. Das zu durchbrechen wurde in Kleingruppen versucht, die zu klärende Fragen für die ab Sommer startenden Planungsateliers vorbereiten sollten.

Auch wenn die konkreten Ergebnisse der Auftaktveranstaltung noch nicht bekannt sind: Der schwierige Prozeß ist in Gang gekommen! Eines der wichtigsten Ergebnisse des Abends: Erfolg kann sich nur einstellen, wenn gegenseitiges Vertrauen und Respekt voreinander bestehen. Ich bin gespannt auf den weiteren Gang der Dinge und werde sicher wieder berichten.

mehr zum Masterplan auf den Seiten der Stadt Heidelberg

RNZ vom 13.4.18: “Das ‘Abenteuer Masterplan’ hat begonnen

Gastbeitrag “On the Road Again - Am 14.4.2018 findet der zweite ‘March for Science’ statt”

Gastbeitrag von Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson zum zweiten “March for Science” am Samstag, 14.4.2018 (Vorbemerkung JF: Nachdem ich gehört habe, dass aufgrund unglücklicher Umstände dieses Jahr kein March for Science in Heidelberg organisiert werden konnte, habe ich die bundesweite Organisatorin TGB gebeten, uns wenigstens einen Gastbeitrag zu senden. Ich freue mich sehr, dass sie die Zeit dazu gefunden hat! Danke dafür!):

Der „March for Science“ geht am 14.4.2018 zum zweiten Mal auf die Straßen – auch wieder in Deutschland, und diesmal auch in anderen Formaten. Warum es nach wie vor nötig ist, dass Forscher/innen und Wissenschaftsinteressierte sichtbar werden, dass sie Fake News und sogenannten “alternativen Fakten” solide Erkenntnisse entgegensetzen und sich weiter um eine breite Vertrauensbasis bemühen und was das alles mit unserer Demokratie zu tun hat, darum geht es in diesem Gastbeitrag.

Ein Vertrauen wie das, das die Gesellschaft der Wissenschaft entgegenbringt, genießt keine andere Institution. In den letzten Jahren ist es sogar noch gestiegen. Fragt man Menschen, wieso man der Wissenschaft vertrauen kann, so steht die Fachkompetenz von Forscherinnen und Forschern ganz oben auf der Liste. Sie sind Expert/innen in ihren Bereichen und haben lange und hart daran gearbeitet, sich diese Expertise anzueignen. Wissenschaftliche Erkenntnisse basieren auf nachvollziehbaren Methoden. Will man also politische Entscheidungen im Sinne der Bürgerinnen und Bürger treffen, stellen solide wissenschaftliche Befunde die bessere Grundlage dafür dar als bloße subjektive und durch Echokammern verzerrte Meinungen. Der Wissenschaft kommt somit sogar eine wichtige Rolle für unsere Demokratie zu. Denn Objektivität und Unparteilichkeit gehen Hand in Hand. Naturgesetze gelten für alle, und einem soliden empirischen Befund ist es herzlich egal, ob man an ihn glaubt oder nicht. Ähnlich wie Richter/innen Gutachten zur Klärung der Sachlage auf Gebieten jenseits ihrer eigenen Expertise hinzuziehen, welche so wenig wie möglich durch Partikularinteressen verfälscht sein sollten, um ein faires Urteil zu ermöglichen, bilden wissenschaftliche Befunde die Grundlage für politische Entscheidungen. Das Mandat hierzu liegt bei den gewählten Vertreter/innen des Volks, nicht bei der Wissenschaft – was ihre Rolle jedoch keineswegs schmälert. Voraussetzung ist jedoch, dass die Wissenschaft ihre Erkenntnisse verständlich kommunizieren kann und will; und beides ist nicht unproblematisch, wie wir weiter unten noch sehen werden.

Neben der angesprochenen Kompetenz in Bezug auf den Gegenstand selbst gibt es jedoch noch zwei weitere Merkmale, die Vertrauen begünstigen: die Erwartung von Integrität und die Erwartung von Benevolenz, dass also Wissenschaftler/innen der Gesellschaft Gutes wollen. Das Bild der integren Wissenschaft hat in den letzten Jahren durchaus etwas gelitten. So ideal und objektiv wie oben beschrieben, funktioniert Wissenschaft nämlich leider nicht immer. Im Grunde funktioniert ja nichts, was Menschen anfassen, optimal. Denn wie alle Menschen handeln natürlich auch Forscherinnen und Forscher aus dem Interesse heraus, sich einigermaßen gut durchs Leben zu wursteln. “Gut”, das bedeutet idealerweise, dass man eine der wenigen Lebenszeitprofessuren bekommt. Für diese braucht es hauptsächlich zwei Dinge: zum einen viele Veröffentlichungen, idealerweise in begutachteten Zeitschriften mit hohem Impactfaktor, obwohl zahlreiche Befunde die Unsinnigkeit dieses Kriteriums zur Bewertung von Individuen nachgewiesen haben; zum anderen viele Drittmittel, die die klammen Universitäten entlasten (mittlerweile sind Universitäten zur Hälfte durch Dritt- und Projektmittel finanziert), mithin zwei wunderbar quantifizierbare Kriterien, die auch das siebenjährige Kind eines der Kommissionsmitglieder zusammenzählen könnte.

Was dabei zu kurz kommt, ist zum einen die Lehre, zum anderen die Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Beides bietet großartige Gelegenheiten, sowohl die Ideale der Wissenschaft als auch die Realität des Wissenschaftssystems zu vermitteln – und beides zählt im Berufungsprozess herzlich wenig. Gerade die transparente Kommunikation mit der Öffentlichkeit ist jedoch eine ganz zentrale Chance, um Vertrauen nicht nur in die Fachkompetenz, sondern auch in die Integrität und Wohlgesonnenheit der Wissenschaft zu bilden und zu erhalten. Viele Forscher/innen tun dies aus einem hohen Idealismus und einer intrinsischen Freude an der Kommunikation mit der Außenwelt heraus; sie tun dies jedoch zusätzlich zu der eigentlich karriererelevanten Arbeit und in der nicht vorhandenen Freizeit.

Entsprechend lautet die Botschaft an den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht etwa “Suche die Wahrheit, trage dazu bei, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu mehren, und beglücke möglichst viele Leute damit“, sondern “Publiziere viel, am besten auf englisch, wirb reichlich Geld ein und kommuniziere innerhalb der Community mit den richtigen Leuten.“ Es erübrigt sich zu sagen, dass “schöne“ Resultate (sprich: statistisch signifikante und verblüffende Ergebnisse, die eine gute “Story“ ergeben) leichter einen Abnehmer finden als Replikationen, also detailgenaue Nachbauten früherer Studien. Im Zuge der Replikationskrise 2015 ist hier erfreulicherweise einiges im Fluss; allerdings sind wir immer noch weit entfernt von den “harten“ Naturwissenschaften, bei denen auch der wiederholte Nachweis irgendwelcher Naturkonstanten noch anerkannt und wertgeschätzt wird. Viele der aktuellen Probleme der Psychologie (Interessierte seien auf das lesenswerte Werk “The Seven Deadly Sins of Psychology“ von Chris Chambers verwiesen) und der Wissenschaft insgesamt sind auf solche verqueren Anreizstrukturen zurückzuführen. Dem Wahrheitsstreben ist das alles nur sehr bedingt zuträglich: Je sensationeller ein Befund, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er Replikationsversuchen nicht standhält.

Das wiederum nährt Zweifel an der Integrität von Wissenschaftler/innen und suggeriert, dass sie – obgleich ein guter Teil ihrer Finanzierung ja nach wie vor aus Steuergeldern stammt – keineswegs zum Wohle der Gesellschaft, sondern primär zur Optimierung des eigenen Lebenslaufs arbeiten. In einem aufgrund knapper Stellen automatisch konkurrenzorientierten System ist es ja durchaus nicht die dümmste Überlebensstrategie, sich selbst der bzw. die Nächste zu sein. Allein: Nachhaltig ist das nicht.

Was also tun? Mehr Professuren und Alternativen zur akademischen Karriere zu schaffen, liegt auf der Hand. Ein naheliegender Ansatzpunkt ist außerdem, die Anreizstrukturen im Wissenschaftssystem zu ändern, die der Wahrheitsfindung aktuell ja nur mit Einschränkungen zuträglich sind – und die im Übrigen ja auch nur die wenigsten Forscher/innen uneingeschränkt gutheißen.

Die Wirkung wissenschaftlicher Aktivitäten bemisst sich nicht in Impactfaktoren. Kommunikation mit der interessierten Öffentlichkeit außerhalb des Wissenschaftssystems sollte deshalb ebenfalls stärker belohnt werden. Projektmittel, die man für Wissenschaftskommunikation beantragen kann, sind ein guter Anfang; in ihrer ganzen Bedeutsamkeit konsequent wertgeschätzt würde diese Art des Austauschs allerdings erst dann, wenn das Fehlen eines schlüssigen Kommunikationskonzepts zur Ablehnung von Anträgen führen würde. Wer an dieser Stelle aufschreit, man könne niemanden zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit zwingen, mag mit Blick auf die Cui-bono-Frage überlegen, woher sein Widerstand eigentlich rührt.

Dass Wissenschaft großartig ist und Freude macht, ist in der Bevölkerung angekommen; das zeigen die großen Erfolge von Wissenschaftssendungen, Nächten der Wissenschaften, populärwissenschaftlichen Zeitschriften, follower-reichen Social-Media-Accounts zum Thema Wissenschaft und viele weitere Indizien. Es geht aber um mehr. Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft, und zwar ein Teil, der nach wie vor viele Freiheiten und Privilegien genießt. Mit Belohnungsstrukturen, die rein innersystemisch funktionieren, schafft man keine Anreize für Wissenschaftler/innen, sich verantwortungsvoll in die Gesellschaft einzubringen. Genau das ist aber nötig, um extremistischen Diskursen und verlogener Propaganda von vornherein die Stirn zu bieten. Sie bedrohen die Grundvoraussetzung für ergebnisoffene Forschung und somit das Fundament der Wissenschaft selbst: die Freiheit.

Der “March for Science“ hat sich zum Ziel gesetzt, Freiheit und Wahrheit als die zentralen Werte der Wissenschaft hochzuhalten und zu verteidigen. Wenngleich in Heidelberg in diesem Jahr aus personellen Gründen keine Demo stattfinden wird: Das Heidelberger Team plant derzeit ein Event im Mai, und Hilfe ist mehr als willkommen. Die Organisator/innen in Frankfurt und Stuttgart laden jedoch herzlich zur Teilnahme an den dortigen Demonstrationen ein und freuen sich über zahlreiche Gäste aus Heidelberg und Umgebung! Und wer uns unterstützen will, ist hierzu herzlich eingeladen, ob auf lokaler oder auf deutschlandweiter Ebene.

Weitere Informationen:

Kontakt: Dr. Tanja Gabriele Baudson und Claus Martin, Email: sciencemarchgermany@gmail.com, Twitter: @ScienceMarchGER, Facebook: https://www.facebook.com/ScienceMarchGER

Prof. Dr. Tanja Gabriele Baudson vertritt seit 2017 die Professur für Entwicklungs- und Allgemeine Psychologie an der der Universität Luxemburg. Zuvor hatte sie eine Vertretungsprofessur für Methoden der empirischen Bildungsforschung an der TU Dortmund inne.Am 3.4.2018 erhielt sie in Berlin den mit 10.000 Euro dotierten Preis “Hochschullehrerin des Jahres 2018” des Deutschen Hochschulverbands. Zitat aus der Laudatio: “Frau Kollegin Baudson war als Hauptinitiatorin des deutschen ‘March for Science’ maßgeblich daran beteiligt, gut 37.000 Menschen auch außerhalb der Wissenschaftsszene zu mobilisieren, um am 22. April 2017 bundesweit für die Freiheit der Forschung zu demonstrieren. … Frau Kollegin Baudson hat über ihre Tätigkeit in Forschung und Lehre hinaus mit viel Herzblut einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, öffentlichkeitswirksam deutlich werden zu lassen, dass nicht ‘alternative Fakten’, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses sein sollen. In einer Zeit, in der gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter enormen Druck stehen, ihre Karriere durch eine Vielzahl an Publikationen zu befördern, hat sie sich die Zeit genommen, die Werte der Wissenschaft gegen populistische Anfeindungen zu verteidigen.”