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Gastbeitrag “Ausscheiden der Gleichstellungsbeauftragten Ursula Christmann”

Gastbeitrag von Prof. Dr. Norbert Groeben zum Ausscheiden von Frau (apl.) Professorin Dr. Ursula Christmann als Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät für Empirische Kultur- und Verhaltenswissenschaften:

Am 24.1.2018 ist eine Ära zu Ende gegangen, nämlich die längste Dienstzeit einer Gleichstellungsbeauftragten an der Universität Heidelberg. Es handelt sich um Frau (apl.) Professorin Dr. Ursula Christmann, die in der Fakultät für Empirische Kultur- und Verhaltenswissenschaften das Amt der Gleichstellungs- (früher Frauen-)Beauftragten von 1998 bis 2018 ausgeübt hat. Dabei hat sie sich neben anderem selbstverständlich nicht zuletzt um das Hauptproblem des unbefriedigenden Frauenanteils bei der wissenschaftlichen Karriere an der Universität gekümmert. Mit folgenden Eckdaten: Zu ihrem Dienstbeginn gab es in der Fakultät 12% Professorinnen vs. 88% Professoren auf Planstellen. Bei ihrem Ausscheiden (letzte Fakultätssitzung ihrer Amtszeit: 24.1.2018) ist das Verhältnis 42% (w) zu 58% (m) der professoralen Stelleninhaber. Und die Geschlechterrelation im sog. Mittelbau hat sich sogar noch  besser entwickelt (w: 71% Promotionen; 68 % Postdocs; 38% Habilitationen) Insgesamt also augenscheinlich eine klare Erfolgsgeschichte.

Nun kann und soll man natürlich eine solche Entwicklung nicht nur auf einen Faktor, wie z.B. die Person der Gleichstellungsbeauftragten zurückführen. Es war sicher auch ein Fakultätsumfeld nötig, in der ihre Bemühungen auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Allerdings: Es gibt (wie gesagt) an der gesamten  Universität Heidelberg keine Gleichstellungsbeauftragte mit vergleichbar langer Amtszeit. Und: Es gibt keine Fakultät, die in Bezug auf das Geschlechterverhältnis der Wissenschaftler/innen insgesamt  auch nur annähernd so gut dasteht! Also: Béni soit qui bon y pense, das heißt: Ohne den jahrelangen Einsatz von Frau Christmann, der gerade auch in ‚ihrem’ Psychologischen Institut besonders wirksam geworden ist, wäre diese Entwicklung hin zu Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft sicher nicht so erfolgreich gewesen. Zu ihren Verdiensten gehört außerdem die federführende Einwerbung einer neuen Professur für die Fakultät, nämlich die derzeitige Professur für Genderforschung und Gesundheitspsychologie.

Jedoch bedeutet das nicht, dass damit bereits das Ende des Weges erreicht ist. Ein allerorten (außerhalb der Medizin, die hier einen Sonderfall darstellt) zu beobachtendes Phänomen ist, dass Frauen wegen der Mehrfachbelastung von Beruf und Familie bzw. weniger ausgeprägten Netzwerken später zu den wissenschaftlichen Karriereweihen kommen und dann Schwierigkeiten haben, professorale Planstellen zu erhalten. Daraus resultiert ein besonders hoher Anteil an sog. außerplanmäßigen (apl.) Professorinnen, die alle wissenschaftlichen Qualifikationen erfüllen, aber lediglich eine sog. Mittelbau-Stelle innehaben. Und als solche erfüllen sie zu einem großen Teil Lehr- und Forschungspflichten (wie im Fall von Frau Christmann u.U. sogar Verwaltungsaufgaben) wie die Planstelleninhaber/innen, ohne aber deren Rechte zu haben. Eine zentrale Aufgabe der oder des nächsten Gleichstellungsbeauftragten wird es daher sein, die Rechte von apl. ProfessorInnen an ihre Pflichten anzugleichen. Es bleibt also durchaus noch viel zu tun!

Prof. Dr. Norbert Groeben ist Psychologe und Literaturwissenschaftler und war Professor für Allgmeine Psychologie und Psycholinguistik an der Universität Heidelberg sowie Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Kulturpsychologie der Universität zu Köln. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit sozial- und kulturwissenschaftlicher Psychologie, mit kognitiver und Lern-Psychologie sowie mit der menschlichen Kreativität.

Gutes neues Jahr!

Allen Leserinnen und Lesern meines Blogs wünsche ich ein gutes neues Jahr! Wie schon öfter habe ich das neue Jahr im Süden Deutschlands (Freiburg) begrüßt und bin mit meiner Frau in der ersten Woche des neuen Jahrs im Schwarzwald wandernd unterwegs gewesen. Auf den Höhen lag sogar Schnee! Nun geht das Wintersemester langsam dem Ende entgegen und das neue Jahr startet mit reichlich Sitzungen (darunter: Berufung A&O-Nachfolge; Findungskommission Kanzler/Kanzlerin Uni HD). Auch der Senat verspricht noch einmal ein spannendes Jahr!

Was mich auch beschäftigt: Es ist mein letztes “volles” Jahr - wenn ich im März 2019 aufhöre, wie es momentan geplant ist, starten nun meinen letzten 15 Monate im aktiven Dienst. Kaum zu glauben! Noch ist das für mich nicht vorstellbar, es gibt zahlreiche Publikations- und Forschungsvorhaben (sogar das “Trierer Alkoholismusinventar” steht mit einer Revision auf dem Programm).

Gerade erschienen sind zwei Beiträge von mir, über die ich mich gefreut habe und über die ich hier kurz berichten möchte. Zum einen ist es ein Beitrag über “weiche” Faktoren in Berufungsverfahren. In der angesehenen Zeitschrift “Perspectives on Psychological Science” hat eine Debatte über die Bestimmung von “scholarly merits” (”akademische Verdienste”) stattgefunden, in der starke Argumente für quantitative Leistungsindikatoren bei der Auswahl des wissenschaftlichen Nachwuchses gemacht wurden. Insbesondere die Summen eingeworbener Drittmittel und Zitationsindices wie der h-Index, aber auch Impact-Faktoren der Journals, in denen Personen publizieren, werden als objektivierbare Kriterien benannt. In meinem kurzen Beitrag warne ich vor einem allzu leichtfertigen Umgang mit deratigen Kennzahlen und empfehle Kandidaten auszuwählen, die für die Wissenschaft “brennen” und nicht nur gute Projektmanager sind. Das ist weitaus schwieriger festzustellen, aber deswegen sollte man nicht auf diese weichen Faktoren verzichten. Der einfachere Weg ist nicht unbedingt der bessere!

Zum anderen ist ein Artikel über Problemlösen veröffentlicht, der mir selbst gut gefällt und von dem andere schon positive Leseeindrücke berichten. Es handelt sich um ein gerade erschienenes Buch mit dem Titel “Systemisch finale Intelligenz. Theoretisches Übergangskonzept auf dem Weg von der Intelligenz zur Weisheit”, das von Bojan Godina (einem früheren Doktoranden von mir) herausgegeben wurde, und in dem eine populärwissenschaftliche Darstellung meiner Problemlöseforschung (auf Deutsch) abgedruckt ist (ein Klick auf das verkleinerte Titelblatt lädt den jeweiligen Beitrag). Vielleicht interessiert Sie das?

Hier sind die Quellenangaben:

Funke, J. (2017). Scholarly merits: From measurement to judgment. Perspectives on Psychological Science, 12(6), 1145–1147. https://doi.org/10.1177/1745691617740129

Funke, J. (2018). Probleme intelligent lösen. In B. Godina (Ed.), Systemisch finale Intelligenz. Theoretisches Übergangskonzept auf dem Weg von der Intelligenz zur Weisheit (pp. 75–86). Wiesbaden: Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-20581-2_3

Und vielleicht sehen wir uns ja in diesem Jahr auf einer Alumni-Veranstaltung? Z.B. am „Tag der Freunde“ am Freitag, den 20.7.2018? Oder beim Neujahrsempfang der “Gesellschaft der Freunde” am Freitag 26.1.2018, 18:00 in den Marsilius-Arkaden mit einem Vortrag von Matthias Hentze, dem Co-Direktor des hoch angesehenen Heidelberger Forschungszentrums EMBL?

APS Fellowship

Mit großer Freude habe ich erfahren, dass ich seit Dezember 2017 Fellow der „Association for Psychological Science“ (APS) bin. Welch eine Ehre! Wie die Liste der Fellows auf der Seite http://www.psychologicalscience.org/fellows/fellows-new.cfm zeigt, sind dort viele bekannte Persönlichkeiten zu finden. Aus Deutschland haben bislang rund 50 Personen diese Auszeichnung erhalten. Im Wesentlichen sind es wohl meine Arbeiten zum interaktiven Problemlösen im Rahmen von PISA Problem Solving, die mir internationale Aufmerksamkeit eingebracht haben. Das freut mich!

Nachruf auf Peter Meusburger

Peter Meusburger (1942-2017)

Peter Meusburger (1942-2017)

Am 18.12.2017 ist der Sozialgeograph und Seniorprofessor Peter Meusburger im Alter von 75 Jahren verstorben. Damit ist ein erfülltes, sehr aktives Leben zu früh zu Ende gegangen. Ich bin sehr traurig darüber, weil ich weiss, das Peter Meusburger noch eine Reihe von Plänen verfolgte, die jetzt unabgeschlossen bleiben müssen. Ich hatte in verschiedenen Funktionen mit ihm zu tun. Dadurch entstand eine akademische Freundschaft, die nicht selbstverständlich ist.

Kennengelernt habe ich Peter Meusburger im Senat der Universität, wo ich als Senatoren-Neuling in den Jahren 2002 und 2003 mit ihm einen sehr ruhigen und ausgleichenden Senatssprecher kennengelernt habe. Aber das war nur eine von vielen Funktionen und Ämtern, die er bereitwillig übernommen hatte. In den langen Jahren seiner aktiven Zeit an der Universität Heidelberg - er wurde 1982 berufen und war seit 1983 im aktiven Dienst der Universität Heidelberg bis zum Ende seines 65. Lebensjahrs 2007; danach wurde er vom damaligen Rektor Peter Hommelhoff zum ersten Seniorprofessor unserer Universität ernannt - war er u.a. Prorektor, Dekan, Senatssprecher und Mitglied des Lenkungsausschusses. Er war Kurator der “Stiftung Universität Heidelberg“, Ombudsmann für die Doktorandinnen und Doktoranden, er war als Handschuhsheimer Bürger Mitglied im Bezirksbeirat der Stadt Heidelberg und er hatte zuletzt 2016 für Aufsehen gesorgt mit seiner Expertise zum Neuenheimer Feld, die er im Auftrag des Gemeinderats erstellt hat (hier der Link zum Dokument “Wissenschaftsstadt Heidelberg“).

Ein besonderes Ereignis für die Universität war die von ihm vorgenommene Erstellung eines “Wissenschaftsatlasses“. Zum 625jährigen Geburtstag der Ruperto Carola hat der von ihm und Thomas Schuch herausgegebene Band Forschungsfragen, Strukturprobleme und historische Ent­wick­lungen der Universität Heidelberg in toller grafischer Form aufbereitet. Wer einen vertieften Zugang zu unserer Universität und deren Geschichte sucht, kommt an diesem schwergewichtigen Band nicht vorbei.

Imponiert hat mir vor allem sein interdisziplinäres Forschungsinteresse, das sich in zahlreichen Konferenzorganisationen und Buchpublikationen niederschlug. Die von uns gemeinsam geplante und im September 2006 abgehaltene Konferenz “Milieus of creativity”, die später 2009 in einem entsprechenden Band verschriftlicht wurde (hier der Link zum damaligen Blog-Beitrag), hat die Vorteile interdisziplinärer Bearbeitung des Themas “Räumlichkeit der Kreativität” gezeigt. Was da alles an Beiträgen aus den verschiedensten Forschungsgebieten zusammenkam, zeichnete ein viel reichhaltigeres Bild des Phänomens, als es aus monodisziplinärer Betrachtung heraus möglich gewesen wäre. Und diese eine Konferenz war nur eine in einer ganzen Serie von Konferenzen zum Thema “Knowledge and Space“, die mit großzügiger finanzieller Unterstützung der Klaus-Tschira-Stiftung von Peter Meusburger veranstaltet wurden. Das letzte Symposium mit seiner Beteiligung fand im September 2017 zum Thema Bildungserfolg statt.

Mit Peter zu diskutieren war eine große Freude: Er hat schwierige Fragen gestellt und sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufrieden gegeben. Er kannte die Literatur aus den Nachbarfächern und war mit vielen Fachvertretern gut vernetzt. Perspektivenvielfalt, Humor und Multidisziplinarität waren sein Markenzeichen. Ein typisches Gespräch mit ihm begann mit dem Satz “Ich hab’ da mal eine Frage”.

Die Universität Heidelberg hat ihm viel zu verdanken! Ich persönlich trauere um Peter Meusburger, weil ich einen guten akademischen Freund vermissen werde!

siehe auch:

Fotokalender “City of Science”

Unter dem Titel “Heidelberg: City of Science” hat mein Vorgänger im Amt, Prof. Dr. Norbert Groeben, einen Fotokalender für das Jahr 2018 erstellt, das in 12 sehr schönen Motiven Ausschnitte der Heidelberger Architektur im Bereich der akademischen Welt festhält (ISBN: 978-3-96166-162-6; 22 €). Darunter ist natürlich auch ein Bild des Friedrichbaus samt Bunsen-Denkmal, aber auch der Löwenbrunnen vor dem Uni-Hauptgebäude oder der Eingang der UB kommen darin vor. Auch der Botanische Garten, der SRH-Tower und das EMBL sind als Heidelberger Wahrzeichen der Wissenschaft in hochwertigem Farbdruck vertreten.

Norbert Groeben, den ich bislang ausschließlich als kreativen Verfasser wissenschaftlicher (und unter Pseudonym auch belletristischer) Texte gesehen hatte, erweist sich hier als ein wunderbarer Fotograf, der mit diesem Kalender nicht nur ein Gespür für die Motivwahl demonstriert, sondern auch diese Motive fotografisch in Szene zu setzen versteht. Wer also noch ein Weihnachtsgeschenk mit Heidelberger Note sucht: hier wäre eins! Nach Angaben des Verfassers kurzfristig zu bekommen bei Lehmanns am Uni-Platz, Bücherstube an der Tiefburg, Buchhandlung Wortreich Weststadt und Buch-Markt in Ziegelhausen.

PS: Zufällig habe ich den Fotografen (ist er’s wirklich?) einmal beim Fotografieren auf dem Universitätsplatz fotografiert:

“Aristotelischer Eid” für Psychologen?

Mediziner haben ihren “Hippokratischen Eid“, mit dem sie sich verpflichten, ihr Wissen zum Wohl der Menschen einzusetzen und niemanden zu schädigen - warum hat die Psychologie für ihre Absolventinnen und Absolventen nichts Vergleichbares? Wäre es nicht angesichts zahlreicher bekannt gewordener Verstöße auch von Psychologen gegen ethische Grundprinzipien an der Zeit, über einen fachspezifischen Eid nachzudenken? Mich beschäftigt dieser Gedanke schon lange (siehe z.B. einen 10 Jahre zurückliegenden Blog-Eintrag).

Aristoteles

Aristoteles

Wer könnte unser Namensgeber sein? Der griechische Arzt Hippokrates (460-370 v.C.) steht mit seinem Namen für die Medizin - für die Psychologie haben wir niemanden, der sich explizit als Psychologe hätte verstanden wissen wollen. Oder doch? Wie wäre es mit einem anderen berühmten Griechen, dem Philosophen Aristoteles (384-322 v.C.)? Immerhin verdanken wir ihm mit der Nikomachischen Ethik eine der ersten expliziten Ethiken der westlichen Welt. Darin hat er auch zahlreiche Gedanken über die Seele hinterlassen (Schaubild hier). Und seine Tugendlehre enthält viele Grundsätze der modernen Positiven Psychologie. Seine zweiwertige Logik ist für die Denkpsychologie bedeutsam. Wenn nicht explizit, so doch implizit dürfte Aristoteles von unserer Zunft als berühmter Psychologe angesehen werden.

Wie könnte ein “Aristotelischer Eid” für Psychologen formuliert sein? Schauen wir uns doch zum Vergleich erst einmal den Hippokratischen Eid an. Die Medizinerzunft diskutiert seit ein paar Jahren den Vorschlag, den historischen Eid, der noch dem Gott Apollon huldigt, zeitgemäßer zu machen. Hier ist ein Ausschnitt aus den neu vorgeschlagenen Formulierungen, ausgearbeitet von der Arbeitsgruppe (Eidkommission) des schweizerischen Instituts “Dialog Ethik“, einer Non-Profit-Organisation in Zürich (die nachfolgenden Auszüge stammen aus deren Webseite “Schweizer Eid“):

“In der Ausübung meines Arztberufes verpflichte ich mich, wie folgt zu handeln:

  • Ich übe meinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen aus und nehme Verantwortung für mein Handeln wahr.
  • Ich betrachte das Wohl der Patientinnen und Patienten als vorrangig und wende jeden vermeidbaren Schaden von ihnen ab.
  • Ich achte die Rechte der Patientinnen und Patienten, wahre grundsätzlich ihren Willen und respektiere ihre Bedürfnisse sowie ihre Interessen.
  • Ich behandle die Patientinnen und Patienten ohne Ansehen der Person[1] und halte mich an das Arztgeheimnis.
  • Ich begegne den Patientinnen und Patienten mit Wohlwollen und nehme mir für ihre Anliegen (und die ihrer Angehörigen) die erforderliche Zeit.
  • Ich spreche mit den Patientinnen und Patienten ehrlich und verständlich und helfe ihnen, eigene Entscheidungen zu treffen.
  • Ich behandle die Patientinnen und Patienten nach den Regeln der ärztlichen Kunst und den aktuellen Standards, in den Grenzen meines Könnens, instrumentalisiere sie weder zu Karriere- noch zu anderen Zwecken und mute ihnen nichts zu, was ich mir selbst oder meinen Nächsten nicht zumuten würde.
  • Ich betreibe im Rahmen der mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten eine Medizin mit Augenmass und empfehle oder ergreife nur Massnahmen, die sinnvoll sind.
  • Ich wahre meine Integrität und nehme im Besonderen für die Zu- und Überweisung von Patientinnen und Patienten keine geldwerten Leistungen oder andersartigen Vorteile entgegen und gehe keinen Vertrag ein, der mich zu Leistungsmengen oder -unterlassungen nötigt.
  • Ich verhalte mich gegenüber Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen korrekt und wahrhaftig, teile mit ihnen mein Wissen und meine Erfahrung und respektiere ihre Entscheidungen und Handlungen, soweit vereinbar mit den ethischen und wissenschaftlichen Standards unseres Berufs.”

[1] «Ohne Ansehen der Person» heisst: ohne Diskriminierung wegen Geschlecht, allfälliger Behinderung, Religion, sexueller Orientierung, Parteizugehörigkeit, ethnischer Herkunft, Sozial- oder Versicherungsstatus und Nationalität.

Eine ganze Reihe solcher Formulierungen könnten wir auch in einen “Aristotelischen Eid für Psychologinnen und Psychologen” übernehmen, finde ich. Das Schwierige besteht aus meiner Sicht darin, die sehr heterogenen Anwendungsfelder unseres Faches unter einen Hut zu bekommen: der gute Umgang mit Patientinnen und Patienten ist selbstverständlich, aber wir müssen dabei auch die Werbepsychologen oder die im Personalbereich Tätigen miteinbeziehen. Diese Heterogenität macht das Finden eines gemeinsamen Nenners schwieriger.

Hugo Münsterberg (zunächst Leipzig, Heidelberg und Freiburg, später Harvard) könnte uns vielleicht weiterhelfen. Er hat 1908 ein Buch unter dem Titel “Philosophie der Werte” veröffentlicht, in dem er zum einen eine Theorie der Werte präsentiert, zum anderen sich mit speziellen Werten genauer auseinandersetzt. Er unterscheidet Grundwerte (Weltall, Menschheit, Über-Ich), Lebenswerte (Daseins-, Einheits-, Entwicklungs- und Gotteswerte) und Kulturwerte (Zusammenhangs-, Schönheits-, Leistungs- und Grundwerte). Letztere könnten die Quelle einer entsprechenden berufsethischen Verpflichtung liefern. Münsterberg bringt den Begriff der Sittlichkeit ins Spiel, der das Handeln leiten sollte: “Was durch Recht und Gewissen geschützt and gefestigt wird, muB wechseln und mag vergehen; ewig wertvoll bleibt nur, daB das Gewollte in Mitwelt und Innenwelt sicher geschützt wird. Nur durch das Becht betätigt die Gesellschaft, und nur durch die Sittlichkeit betätigt die Persönlichkeit ihr eigenes Wollen in ihrem Handeln. Sich selbst zu betätigen, in Freiheit sich selber treu zu bleiben, und so Wollen und Handeln identisch zu setzen, bedeutet aber für Gesellschaft und Persönlichkeit, daB in ihnen sich eine selbständige Wirklichkeit entfaltet, daB sie nicht nur Erlebnis, sondern Werte sind.” (Philosophie der Werte, S. 394).

Vielleicht findet sich ja jemand, der einen Vorschlag für einen Psychologen-Eid macht? Ich fände diesen Gedanken sehr erfreulich! Es würde ja bedeuten, dass wir als Psychologen im Nachdenken über unser Tun neben die permanente Mehrung unseres Wissens auch die Reflexion von dessen Anwendung stellten. Wissen und Werte zusammenführen: eine schöne Idee, oder?

Hier weitere Links zum Thema (Dank an Anne Scheel):

Masterfeier 2017

Im Vorfeld der diesjährigen Masterfeier, die am 8.12.2017 im Hörsaal 2 des Psychologischen Instituts stattfand, galt es zunächst eine Enttäuschung zu verkraften: Der ursprünglich geplante Veranstaltungsort “Alte Aula” stand aus organisatorischen Gründen (Anlieferprobleme wegen Weihnachtsmarkt; Nicht-Verfügbarkeit von Nebenräumen; Personalengpässe) nicht mehr zur Verfügung und wir mussten kurzfristig die Veranstaltung wieder an ihrem früheren Ort (nämlich in unserem Institut) durchführen.

Ich persönlich finde das zwar schade, auf der anderen Seite ist unser HS 2 ein höchst authentischer Ort, getränkt mit Klausurschweiß und keinesfalls eine Schönheit vortäuschend, die es in den Unterrichtsräumen am PI einfach nicht gibt. Der HS 2 zeigt in aller Deutlichkeit, dass es uns nicht um Äußerlichkeiten geht, sondern um Inhalte und Personen (und nebenbei dokumentiert es den Sachverhalt, dass Universitäten baulicherseits kläglich unterfinanziert sind). Dass es am Ende für die vielen Besucher etwas eng wurde (und im Laufe des Abends auch etwas warm), bitten wir zu entschuldigen! Ich fand, der Stimmung im Saal tat es keinen Abbruch.

Absolventenfeier 2017 im Hörsaal 2

Absolventenfeier 2017 im Hörsaal 2

Gekommen waren zur Feier 56  von insgesamt 87 Masterstudierenden und 3 von 6 Diplomern mitsamt Eltern, Freunden, Verwandten. Es kamen Eltern aus allen Teilen Deutschlands, aber auch aus Bulgarien, Österreich und Spanien waren Gäste gekommen, um den erfolgreichen Abschluß einer mehrjährigen Lebensphase zu feiern. Die meisten Absolventen hatten sich Talar und Barett bei uns ausgeliehen und waren damit sehr deutlich als die Heldinnen und Helden unserer Absolventenfeier 2017 zu identifizieren.  Der Geschäftsführende Direktor Prof. Dr. Klaus Fiedler hielt eine Begrüßungsrede, die - dem Klausur-Hörsaal 2 angemessen - ein paar Forced-Choice-Items enthielt und den Wert evidenzbasierter Urteile herauskehrte. Zwei Reden von Studierenden (Nicole Krekeler für die Diplomer, Julia Nolte für die Master) warfen einen launigen und unterhaltsamen Blick zurück auf den Weg vom Beginn des Studiums bis hin zum Abschluß.

Den diesjährigen Franz-Emanuel-Weinert-Preis für die beste Abschlußarbeit erhielt unsere Masterabsolventin Julia Nolte für ihre Thesis mit dem Titel “Can processing preferences explain age differences in information seeking? A fuzzy-trace theory approach”, die von Hans-Werner Wahl und mir betreut wurde. Ich habe mich sehr darüber gefreut und gratuliere Ihnen, liebe Frau Nolte, auch von dieser Stelle nochmals zu dem wohlverdienten Preis!

Die Zeugnisübergabe übernahm der Vorsitzende unseres Prüfungsausschusses, Prof. Dr. Oliver Schilling. Dann kam es zum obligatorischen Hütewurf (Download: http://www.psychologie.uni-heidelberg.de/alumni/feier/Masterfeier 2017 Huetewurf.mp4), von dem ich schon sehr schöne Aufnahmen auf Facebook gesehen habe (ich bitte um Fotos und Videos - ich stand vorne und habe keine Aufnahme machen können!).

Schließlich durfte ich als Vorsitzender der “Alumni Psychologici” (und natürlich auch als Vorsitzender des Muttervereins “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.”) ein Schlusswort an unsere Absolventinnen und Absolventen richten, in dem ich unter anderem das Fehlen eines Hippokratischen Eids für Psychologen beklagt habe. Psychologisches Know-How muss zum Wohl aller Menschen genutzt werden und darf nicht gegen sie verwendet werden! Schließlich gab es zum Abschluß mein obligatorisches Geschenk in Form einer Alumni-Kaffeetasse. Damit will ich natürlich erreichen, dass alle Absolventen an uns uns denken und wir in Verbindung bleiben!

Musikalisch umrahmt wurde unser Fest durch klassische Musik, einfühlsam gespielt von drei Studentinnen (A.-F. Breidenbach, G. Kaiser und J. Plachetta) aus dem “Collegium Musicum” unserer Universität. Gespielt wurden der “Kanon in D-Dur“ von Johann Pachelbel, das “Allegro“ aus der Kanonischen Sonate Nr.1 von Georg Philipp Telemann und das “Spirituoso” aus dessen Kanonischer Sonate Nr.2. Ergänzend gab es zum Schluß eine Song-Darbietung mit Gitarre (Nikola Bergmann, unterstützt durch Edith von Wenserski), die eine schöne Stimmung für den Abschluß schaffte.

Zum zweiten Mal kam eine von uns angemietete Fotobox zum Einsatz, diesmal mit direkt angeschlossenem Drucker, auf dem Bilder in Passfoto-Größe ausgedruckt werden konnten. Das wurde gut genutzt! Hier ist ein Beispiel:

Fotobox Bilder

Fotobox Bilder

Im Anschluß an die Feier wurde noch im Flur des Hintergebäudes bei Sekt, Selters und Brezeln viel erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Eine gute Stimmung, wier ich fand. Gegen 20 Uhr hieß es dann wie im Abschlußsong: “Say good-bye with a smile!” Ich freue mich auf die Feier des Jahres 2018!

Robert Sternberg erhält Grawemeyer Award 2018

Den mit 100.000 Dollar ausgezeichneten Grawemeyer Award 2018 für Psychologie, der von der University of Louisville vergeben wird, erhält in diesem Jahr unser Honorarprofessor Robert Sternberg für seine Verdienste um das Konzept der Erfolgsintelligenz. Die vorliegende Pressemitteilung spricht davon, dass Sternberg für ein breit verstandenes Intelligenzkonzept eingetreten ist, bei dem neben analytischen Fähigkeiten auch das kreative Denken, praktische Intelligenz, Weisheit und nicht zuletzt auch ethische Kompetenzen miteingeschlossen werden. Erfolg kommt durch eine gute Mischung der verschiedenen Komponenten zustande, herausragende Einzelleistungen (etwa im Bereich der analytischen Denkfähigkeiten) reichen nicht aus.

Wir freuen uns mit Bob Sternberg über diese Anerkennung und sind schon jetzt gespannt, was er uns und unseren Studierenden bei seinem nächsten Besuch, der im Sommer 2018 bereits fest eingeplant ist, erzählen wird!

Dear Bob: congratulations to your award from your Heidelberg friends!

PISA 2015: Problemlösen im Team

Am 21.11.2017 wurden Ergebnisse aus der internationalen Schulleistungsstudie PISA 2015 von der OECD öffentlich gemacht, an denen wir Heidelberger Problemlöseforscher natürlich interessiert sind: Wie steht es im weltweiten Vergleich 15jähriger Schülerinnen und Schüler um das Problemlösen im Team, das sogenannte “Kollaborative Problemlösen”? Ging es in PISA 2012 um individuelle Problemlöse-Kompetenzen (siehe hier), wurde der Fokus bei der Erhebung im Jahr 2015 erstmalig auf Problemlösen im Team gelegt. Insgesamt rund 125.000 Personen aus 52 Ländern haben an dieser Untersuchung teilgenommen.

Tatsächlich bestand das “Team”, das zur Lösung eines Problems zusammenarbeiten sollte, jeweils aus der Testperson selbst sowie aus weiteren computerbasierten “Agenten”, die vorgegebene Verhaltensweisen (nicht nur kooperative) in einem “chat-basierten Dialog” per Textnachrichten verwirklichten. So richtig “sozial” war es also nicht - konnte es auch nicht sein, da ja eine Aussage über jeden einzelnen Schüler gemacht werden sollte und daher alle Teilnehmenden auf vergleichbare Bedingungen treffen sollten. Hätte man reale Gruppen gebildet, wären unkontrollierbare Einflüsse (wie z.B. unterschiedliches Leistungsniveau von Mitspielern oder Sympathie- und Antipathie-Effekte gegenüber Team-Mitgliedern) zum Tragen gekommen, die eine faire individuelle Bewertung gestört hätten. Aber natürlich macht mir das Sorgen, ob blutleere Textnachrichten die verbalen und non-verbalen Kommunikationssignale einer realen Sozialsituation abbilden können…

Wie sah das Vorgehen bei PISA 2015 konkret aus? Am besten läßt sich dies an einem publizierten Beispiel (”The Visit”) illustrieren (Quelle: PISA 2015 Released Field Trial Cognitive Items; Sample Screen #8 p. 61):

    “Unit Overview ‘The Visit’: The premise for this unit is that a group of international students is coming to visit a school. The student must collaborate with 3 agent teammates and a faculty advisor to plan the visit, assign visitors to guides, and respond to an unexpected problem that arises.In Part 1 of The Visit, the student and three teammates collaborate to identify an appropriate trip to a local point of interest for the visitors. In order to make their recommendation, the team needs to share and discuss their preferences, repair a misunderstanding about when one of the sites is open, and make a final selection.

    Challenges requiring collaborative skills include the need for the student to:
    - solicit and take into account criteria for assessing the outing options
    - clarify statements made by other teammates
    - correct misinformation and avoid an impasse
    - prompt team members to perform their tasks
    - ensure that the final recommendation meets all specified criteria.”

Nachfolgend ist ein Screenshot dieses Items zu einem fortgeschrittenen Bearbeitungszeitpunkt gezeigt. Im linken Teil ist der Chatverlauf des Teilnehmers (”You”) mit seinen (fiktiven) Mitspielern (George, Rachel, Brad) zu erkennen; im unteren Teil sind die derzeit zur Verfügung stehenden Optionen zu sehen (der Bearbeiter hat die zweite Option angewählt). Im mittleren Teil sind Informationsquellen und rechts oben ein Notizblock zu sehen, in dem bereits drei Erkenntnisse festgehalten sind.

(click to enlarge)

Der einzelne Teilnehmer sieht sich während der Bearbeitung also einer ganzen Reihe von Herausforderungen gegenüber, die er mit vorgebenen Antwortalternativen bewältigen soll. Auf der Seite http://www.oecd.org/pisa/test/ ist das interaktive Item “Xandar” zu finden, bei dem man gemeinsam im Team (meine Mitspiel-Agenten Alice und Zach mit mir) durch eine Sequenz gut gewählter Multiple-Choice-Optionen 12 Antworten auf Fragen zur (fiktiven) Insel Xandar finden muss.

Was sind die wichtigen Erkenntnisse aus dieser internationalen Großuntersuchung? Deutschland schneidet mit 525 Punkten (Skalen: Mittelwert 500, Standardabweichung 100) im vorderen Mittelfeld der untersuchten 52 Länder ab. Die deutschen Schülerinnen und Schüler erzielten ähnliche Leistungen wie die in Australien, Dänemark, den Niederlanden, Chinesisch Taipeh, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten. Generell schneiden Mädchen besser ab als Jungens. Spitzenreiter sind Japan und Singapore, und zwar mit großem Abstand! Mehr zu den Ergebnissen hier.

Ich freue mich über die nun vorliegenden Ergebnisse, erlauben Sie doch einen differenzierenden Blick auf die verschiedenen Länder und die mit kollaborativem Problemlösen zusammenhängenden Variablen. Zugleich werden natürlich auch eine Reihe inhaltlicher Fragen aufgeworfen, denen man nachgehen sollte - die Validität der Testsituation gehört dabei sicher zu den wichtigeren Fragen.

Unser Heidelberger Testentwickler-Team (in alphabetischer Folge: Andreas Fischer, Julia Hilse, Florian Hofmann, Daniel Holt, Saskia Kraft, Ursula Pöll) hat übrigens bei der Aufgabenentwicklung tatkräftig mitgeholfen - Danke nochmals allen für ihren damaligen Einsatz, der jetzt schon ein paar Jahre zurückliegt!

Hier ist die deutsche Pressemitteilung und hier der Link zum vollständigen OECD-Report (in Englisch). Siehe auch:

Graesser, A. C., Forsyth, C. M., & Foltz, P. (2017). Assessing conversation quality, reasoning, and problem-solving performance with computer agents. In B. Csapó & J. Funke (Eds.), The nature of problem solving: Using research to inspire 21st century learning (pp. 245–261). Paris: OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/9789264273955-17-en

Graesser, A. C., Foltz, P. W., Rosen, Y., Shaffer, D. W., Forsyth, C., & Germany, M. (2018). Challenges of assessing collaborative problem solving. In E. Care, P. Griffin, & M. Wilson (Eds.), Assessment and teaching of 21st century skills. Research and applications (pp. 75–91). Cham: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-319-65368-6

Kollaboration im 21. Jahrhundert: Vortrag von PISA-Chefplaner Andreas Schleicher über Future Skills 2.11.17: https://youtu.be/5h2TnJPdSc0

Systemkompetenz für das 21. Jahrhundert

Wie müssen wir Bildung im 21. Jahrhundert interpretieren, wenn Google mehr Antworten auf unsere Fragen liefert als wir verarbeiten können? Weitermachen wie bisher? Andere Fragen stellen? Die OECD und ihr Direktor für Erziehungsfragen Andreas Schleicher haben im Jahr 2016 einen spannenden Bericht mit dem Titel “Global competency for an inclusive world” vorgelegt (Link zum PDF), in dem das Rahmenprogramm 2030 der OECD (Education 2030 Framework) beschrieben wird. Wissen, Fähigkeiten und Werte werden dabei zu handlungsrelevanten Kompetenzen zusammengeführt. Andreas Schleicher hat übrigens gerade einen hörenswerten Impulsvortrag hierzu gehalten, und zwar auf dem Berliner Forum “Bildung & Zivilgesellschaft” (den 30minütigen Vortrag “The future of skills” kann man hier abrufen: https://youtu.be/5h2TnJPdSc0).

Zusammen mit Andreas Fischer und Daniel Holt habe ich einen Artikel über Problemlösen im 21. Jahrhundert (Titel: “Competencies for complexity: Problem solving in the twenty-first century”) verfasst, in dem wir für das Konzept “Systemkompetenz” als einer Schlüsselqualifikation für die Bildung von Menschen werben. Wir verstehen darunter den erfolgreichen Umgang mit komplexen Systemen in einem sehr breiten Verständnis.

Komplexe Zusammenhänge zu verstehen heisst vielerlei. Es betrifft vor allem Struktur und Dynamik. Die Struktur von Systemen zu verstehen heisst ihre Statik kennenzulernen: Aus welchen Elementen besteht das Systemganze? Muss sich ein Kardiologe bei der Untersuchung des Herzens auch Lunge, Niere, Leber, Hirn, etc miteinbeziehen? Wo liegen die Systemgrenzen? Die Schwächen einer “Organmedizin” liegen ja gerade in falsch gezogenen Systemgrenzen. Die Schwächen individueller Psychotherapie versuchen wir durch familienbezogene Ansätze zu überwinden. Und weiter: Wie sind die Elemente vernetzt? Hier muss Intransparenz reduziert werden, da viele Verbindungen gar nicht evident sind (verborgene Elemente, verborgene Beziehungen führen schnell in die Irre). Ist die Struktur stabil oder schwächen sich Beziehungen über die Zeit hinweg ab?

Systeme von ihrer dynamischen Seite her zu verstehen heisst zeitliche Abläufe zu erkennen und das Nacheinander von Ereignissen intelligent in einer kausal bedingten Abfolge zu interpretieren: Welche Ursache erzeugt welchen Effekt? Vielleicht erzeugen bestimmte Ursachen mehr als einen Effekt, vielleicht gar eine Kettenreaktion? Pseudokontingenzen verstellen den Blick auf die Wirklichkeit. Wann treten Effekte auf, unmittelbar oder erst mit Verzögerung Gibt es Nichtlinearitäten (minimale Interventionen erzeugen starke Effekte) oder “tipping points” (ab welchem Grad an Überdüngung kippt ein Ökosystem? wann platzt ein Luftballon?).

In unserem Artikel fragen wir uns, wie man derartige Kompetenzen erfassen könnte. Wir kommen zu dem Schluß, dass die derzeitig favorisierten und von uns in der Vergangenheit mitentwickelten linearen Kleinsysteme zwar psychometrisch vorzügliche Eigenschaften aufweisen, aber gerade an den Besonderheiten komplexer Systeme vorbeizielen und daher eine Neuorientierung der Forschung nötig machen. Vielleicht kann man sich auch fragen, ob der Begriff des “Lösens” komplexer Probleme angemessen ist und welche Alternativen es dazu gibt. Der Potsdamer Politikwissenschaftler Falk Daviter spricht in einem gerade erschienenen Artikel die drei Alternativen “Bewältigen, Zähmen, Lösen” (coping, taming, solving) im Umgang mit vertrackten Problemen an. Darüber sollten wir nachdenken.

Hier die Zusammenfassung unseres Beitrags: “In this chapter, we present a view of problem solving as a bundle of skills, knowledge and abilities that are required to deal effectively with complex non-routine situations in different domains. This includes cognitive aspects of problem solving, such as causal reasoning, model building, rule induction, and information integration. These abilities are comparatively well covered by existing tests and relate to existing theories. However, non-cognitive components, such as motivation, self-regulation and social skills, which are clearly important for real-life problem solving have only just begun to be covered in assessment. We conclude that currently there is no single assessment instrument that captures problem solving competency in a comprehensive way and that a number of challenges must be overcome to cover a construct of this breadth effectively. Research on some important components of problem solving is still underdeveloped and will need to be expanded before we can claim a thorough, scientifically backed understanding of real-world problem solving. We suggest that a focus on handling and acting within complex systems (systems competency) may be a suitable starting point for such an integrative approach.”

Neben dieser Zusammenfassung gibt es auch eine Bewertung unserer Ideen durch die Mitherausgeberin Esther Care (Melbourne University). In deren Kapitel “Twenty-first century skills: From theory to action” heisst es über unser Kapitel folgendermassen:

    Funke et al. (2018) focus on complexity. Rather than seeing problem solving as a simple model in which a number of processes combine to facilitate a desired outcome, their approach considers the role played by non-cognitive factors such as motivation and self-regulation. This moves the discussion past recent views which have focussed on problem solving solely as a cognitive set of processes. Constructs such as collaborative problem solving have considered the additional role of social processes but primarily due to the need to make interactive processes explicit as part of group approaches to problem solving. The authors express some impatience with the slowness of technical progress in assessment of problem solving, dare to refer to the invisible elephant, “g”, although without resolution of its role, and suggest expansion of the computer-simulated microworlds approach to assess their postulated “systems competence”. Although this may provide the potential to capture communication as well as the cognitive processes in problem solving, social characteristics such as self-regulation or motivation, initially identified as clearly important by the authors, remain to be addressed. As researchers struggle to theorise and measure increasing complexity as knowledge about that complexity increases, this chapter raises questions about whether systems competence is merely about acting on a complex problem space that requires a multiplicity of different problem solving processes, or whether it is something qualitatively different.

Das hört sich sehr ermutigend an!

Quelle: Funke, J., Fischer, A., & Holt, D. V. (2018). Competencies for complexity: Problem solving in the twenty-first century. In E. Care, P. Griffin, & M. Wilson (Eds.), Assessment and teaching of 21st century skills. Research and applications (pp. 41–53). Cham: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-319-65368-6_3