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Best Paper Award Hofmeister et al. (2017)

Einer unserer Absolventen, Johannes Hofmeister, hat gerade zusammen mit seinen Ko-Autoren und Betreuern Janet Siegmund und Daniel Holt den “Best Paper Award” auf der “24. IEEE International Conference on Software Analysis, Evolution and Reengineering” (SANER 2017) vom 21.-24.2.2017 in Klagenfurt gewonnen. Über 90 Beiträge standen dort im Wettbewerb. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg, der eine gelungene Kombination von Informatik und Psychologie darstellt!

Das psychologische Paper, das auf der Bachelorarbeit von Johannes Hofmeister aufbaut, beschäftigt sich mit einer für Programmierer wichtigen Frage: Soll man Variablennamen kurz (und damit kryptisch: “Z1″) oder lang (und damit besser verständlich: “Zähler_für_Einheiten”) wählen? Das ist vor allem bei der Fehlersuche interessant: Bei welcher Vorgehensweise werden Fehler schneller gefunden? Im Ergebnis zeigt sich, dass Fehlerdiagnostik mit Kürzeln schwerer fällt als mit (verständlichen) Worten und sich der anfängliche Mehraufwand später lohnt. Hier das Abstrakt der Arbeit:

“Programmierer verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit dem Lesen und Verstehen von Quellcode. Dabei spielen die Namen von Variablen, Klassen und Funktionen (die sog. Bezeichner) eine entscheidende Rolle. Es gibt viele verschiedene Stile und Vorschläge aus den Programmierer-Communities, wie Bezeichner benannt werden sollten, jedoch fehlt diesen oft eine empirische Grundlage. So bleibt etwa offen, ob Bezeichner besonders lang oder besonders kurz sein sollten, um das Verständnis beim Lesen von Code zu fördern. Befürworter der jeweiligen Stile bringen verschiedene Argumente vor: Besonders kurze Bezeichner seien “weniger zu lesen” und böten eine bessere Übersicht; Längere Bezeichnern seien jedoch semantisch reichhaltiger und einfacher verstehbar.

In der vorliegenden Arbeit haben wir untersucht, wie sich verschiedene Benennungsstile für Bezeichner auf das Programmverständnis auswirken. Dazu berücksichtigten wir besonders deren Länge und Semantik und identifizierten drei Versuchsbedingungen: Einzelne Buchstaben, Bezeichner, Abkürzungen und Echtworte.

72 professionelle C# Programmierer nahmen an dieser experimentellen Studie teil. Ihre Aufgabe war das Auffinden von inhaltlichen Fehlern (Bugs) in mehreren kurzen Programmcodes. Dabei setzten wir ein Within-Subjects Design ein, indem jedem Teilnehmer mehrere Programme mit den jeweiligen Bezeichner-Stilen präsentiert wurden. Als abhängige Variable wurde die Zeit bis zum Auffinden des Fehlers gemessen.

Die Studie zeigte, dass Fehler in Code mit echten Worten als Bezeichnern im Schnitt zu 19% schneller gefunden wurden (im Vergleich zu Abkürzungen und Buchstaben). Zwischen Abkürzungen und Buchstaben selbst gab es keinen signifikanten Unterschied.

Wir interpretieren unsere Daten als Hinweis darauf, dass Fehler in Programmen schwerer zu finden sind, wenn Code Buchstaben und Abkürzungen als Bezeichner beinhaltet. Worte als Bezeichner scheinen das Programmverständnis zu unterstützen und scheinen der Qualität von Software zuträglich zu sein.”

Quelle: Hofmeister, J., Siegmund, J., & Holt, D. V. (2017). Shorter identifier names take longer to comprehend. In IEEE Proceedings of 24th International Conference on Software Analysis, Evolution, and Reengineering (SANER), February 20-24, 2017 (pp. 217–227). Klagenfurt, Austria (hier als PDF).

GEBF 2017 Tagungseindrücke

(click to enlarge)

Als einer der ersten Pressevertreter habe ich als Hei_PI-Blogger am 2.3.17 die Akkreditierung für die Konferenzberichterstattung der GEBF 2017 erhalten (Danke, liebe Sabine!). Die Abkürzung GEBF steht für “Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung“, die 5. Tagung der GEBF fand diesmal vom 13.-15.3.17 bei frühlingshaftem Wettter unter Leitung der Kolleginnen Silke Hertel und Birgit Spinath an der Uni Heidelberg statt (nach Kiel 2013, Frankfurt 2014, Bochum 2015 und Berlin 2016). Rund 1100 Teilnehmende haben sich angemeldet, das Konferenzprogramm steht unter dem wichtigen Thema „Durch Bildung gesellschaftliche Herausforderungen meistern“ und umfasst viele spannende Beiträge (allein schon 114 Poster, von den hunderten an Symposien und Einzelvorträgen nicht zu reden)! Kein Wunder also, dass ich mich inhaltlich auf ein paar Eindrücke von den Keynote Lectures und vom Gesellschaftsabend in der Stadthalle beschränke. Inspirierend war natürlich das Konzept von Birgit Spinath “How to Heidelberg”, das mir nochmal klarmachte, dass ich immer noch nicht das Badnerlied auswendig beherrsche…

Manfred Prenzel

Manfred Prenzel

Manfred Prenzel (TU München) hat in seinem Eröffnungsvortrag unter dem Titel “Empirische Bildungsforschung in Deutschland – eine kleine Zwischenbilanz” einen Lagebricht zur empirischen Bildungsforschung in Zeiten von PIAAC und PISA geliefert. Er ging dabei auch auf die Kritik an dieser Bewegung ein, die gerade im letzten Jahr nochmals lautstark vorgetragen wurde (zusammenfassend: Klaus-Jürgen Tillmann, Z Erziehungswiss (2016) (Suppl 1) 19:5–22, DOI 10.1007/s11618-016-0705-3). Bei derzeit 100 empirischen unter 900 insgesamten Professuren für Bildungsforschung kann nicht von einer zahlenmäßigen Dominanz ausgegangen werden. Dennoch ist klar, das in Zeiten evidenzbasierter Entscheidungsfindung diesen Empirikern große Bedeutung zukommt. Prenzel machte deutlich, dass es neben Forschung auch um Lehre, Politik und Infrastruktur geht - eine einseitige Konzentration auf (manchmal nicht gut replizierbare) Forschung sei nicht ausreichend. Analog zum Mediziner-Modell “from bench to bedside” braucht es auch in der Bildungsforschung Transalation: Was folgt etwa aus der legendären Hattie-Studie für den konkreten Unterrichtsalltag?

Für die Posterausstellung, die in der Neuen Aula untergebracht war (leider bei erhaltener Bestuhlung), gab es als Besonderheit die Gelegenheit zur einer Weinprobe: Das Pfälzer Weingut Karst (Dank an Karina Karst für diesen Kontakt) bot Rot- und Weißweine zu kleinen Preisen an und man konnte seine Weinverkostung im Gespräch am Poster vertiefen.

Ludger Wößmann

Ludger Wößmann

Ludger Wößmann (LMU München) hat in der Mittagsvorlesung “Das Wissenskapital der Nationen: die Rolle von Bildung für wirtschaftlichen Wohlstand” am Dienstag die Rolle von Bildung für wirtschaftlichen Wohlstand beleuchtet. Seine Botschaft, die er zusammen mit Eric Hanushek in ihrem 2015 publizierten Buch “The Knowledge Capital of Nations: Education and the Economics of Growth” (hier mehr dazu) festgehalten haben: kognitive Kompetenzen (”cognitive skills”) sind die Treiber von Wirtschaftswachstum. Und in Bezug auf die Frage, ob wir nun “Rocket Scientists” (Förderung des oberen Randes) oder “Education for All” (Förderung des unteren Randes) brauchen, gibt es ebenfalls eine klare Antwort: das “oder” ist falsch, wir brauchen sowohl als auch! Für unterentwickelte Nationen ist eine Konzentration auf die Spitze sinnvoll, um ein paar “Treiber” zu haben, für entwickelte Nationen dagegen nicht mehr! - Zusätzliche Lese-Empfehlung im Luther-Jahr: “Luther and the girls”, DOI 10.1111/j.1467-9442.2008.00561.x.

Judith Harackiewicz

Judith Harackiewicz

Judith Harackiewicz (University of Madison, Wisconsin, USA) hat in ihrem Vortrag “Promoting Interest and Performance in Science: The Importance of Values”  verblüffend einfache und erfolgreiche Interventionen zur Steigerung von Interesse und Leistung in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern vorgestellt. Studierende, die über die Nützlichkeit bestimmter Studieninhalte reflektiert haben, haben verstärktes Interesse am Fach und dadurch bedingt auch bessere Leistungen gezeigt. Bei Schülern hat es bereits gereicht, die Eltern mit einer Broschüre über die Wichtigkeit von Mathematik und Naturwissenschaften zu informieren (hier die zugehörige Webseite); deren Kinder wählen später Kurse mit solchen Inhalten weitaus häufiger als andere Kinder.

Claudia Buchmann

Claudia Buchmann

Schließlich widmete sich Claudia Buchmann (Ohio State University, USA) “Challenging Gender Inequalities: Next Steps for Scholars and Schools” in der Mittagsvorlesung am Mittwoch dem Thema der Gender Inequalities aus soziologischer Sicht (den Vortrag konnte ich leider nicht hören).

Der Gesellschaftsabend in der Stadthalle Heidelberg, an dem 650 angemeldete Personen teilnahmen (ausverkauft! Angeblich waren Karten nur noch über den Schwarzmarkt zu erhalten), bestand nicht nur aus einem leckeren Essen, sondern enthielt auch musikalische Leckerbissen. Das Besondere dabei: eine durch peer-review qualitätsgeprüfte Selektion von akademisch hochqualifizierten DJs und DJanes war am Mischpult mit so geheimnisvollen Namen wie DJ Dirty Dirk (aka Dirk Hagemann), DJane MissED (aka Birgit Spinath), DJane Mix Tape (aka Ulrike Kessels), DJ Psychokiller (aka Markus Dresel) oder DJ PF feat. Varimax (aka Jan-Henning Ehm - - leider verhindert), Promax (aka Johannes Hartig), Equimax (aka Florian Schmiedek); dagegen ist DJ Funk, aka Joachim Funke, ja fast schon ein Klarname und zumindest in Heidelberg mit seinem Programm aus den 60er Jahren schon seit längerem bekannt. Es wurde fleissig getanzt und - wie mir berichtet wurde - ging es für einige Unverdrossene auch nach Schliessung der Stadthalle gegen 2 Uhr morgens noch weiter…

Alles in allem eine tolle Tagung! Danke, liebe Birgit und liebe Sllke, aber auch Danke an das gesamte Team im Hintergrund, das alles so reibungslos organisiert hat! Ich habe in zahlreichen Gesprächen sehr positives Feedback zur Konferenz bekommen und konnte mich immer wieder davon überzeugen, dass tatsächlich viele Gespräche stattfanden. Ich selbst habe viele Personen wiedergetroffen, die ich länger nicht mehr gesehen habe. Wissenschaft ist (auch) Kommunikation - die 5. GEBF-Tagung hier in Heidelberg war eine gelungene Plattform dafür und hat hohe Standards gesetzt! Die 6. GEBF findet übrigens 2018 in Basel statt.

Mit dem Rad zur Arbeit

Der tägliche Weg zur Arbeit und zurück: Für viele Menschen ist das mit Aufwand und Stress verbunden und verbraucht darüber hinaus Lebenszeit. Die Pendelzeiten werden (glaubt man den Statistikern) immer länger.

Ich habe in meinem Arbeitsleben (in Basel, in Trier, in Bonn, in Greifswald, in Heidelberg) immer die Devise verfolgt, nah am Arbeitsplatz zu wohnen, weil ich nicht viel Zeit mit der Fahrerei verlieren wollte. Meist kann man während solcher kurzen Fahrten nicht arbeiten - das ist bei längeren Reisen mit der Bahn oft anders, weswegen ich heute auch gerne mit der Bahn unterwegs bin (ich erlaube mir dann den Luxus der ersten Klasse).

Aber es ist nicht nur Zeitgewinn - dass ich mit dem Rad zur Arbeit fahren oder gar zu Fuß gehen kann, ist auch ein Gewinn an Lebensqualität. Zum einen ist es für meine Gesundheit förderlich, wenn ich mich aktiv bewege (die geforderten 10.000 Schritte pro Tag schaffe ich nicht immer - die WHO ist übrigens bei ihren Empfehlungen nicht auf Schritte fixiert, sondern spricht von “activities“). Zum anderen ist es natürlich umweltfreundlich. Autofahrer bewegen sich deutlich weniger und produzieren zudem schädliche CO2-Emissionen.

Als ich 1997 den Ruf nach Heidelberg erhielt, gratulierten mir kenntnisreiche Kollegen vor allem zu dem Privileg, nun einen Parkplatz in der Heidelberger Altstadt nah an der Hauptstrasse benutzen zu können. Den Parkplatz habe ich nicht lange benötigt: ich habe recht bald gemerkt, dass mein Ruf nach Heidelberg  zahlreiche andere Vorteile enthielt, von denen das Parkplatz-Privileg eher nebensächlich war.

Als ich 1998 mein Auto verkauft habe (in unserer Familie hatten wir zuvor 2 Autos, jetzt nur noch 1), entstand plötzlich eine ungeahnte Entlastung: Ich musste nicht mehr Werkstattbesuche organisieren, TÜV-Termine im Auge behalten, den Wagen pflegen! Mit dem Verzicht auf ein Auto war ein Gewinn an Freiheit verbunden. Der Mobilitätsverlust war vergleichsweise gering: Fahrrad, ÖPNV und - zur Not - Taxi haben hier keine Einschränkungen aufkommen lassen. Innerhalb von Heidelberg ist das Autofahren auch gar nicht so kommod, man muss ja irgendwo parken und das ist sowohl in der Altstadt wie im Neuenheimer Feld nicht ganz einfach…

Und Autofahren macht mir heute insgesamt viel weniger Spass als früher - als ich 1971 mit 18 Jahren meinen Führerschein erhielt, war das eigene Auto die Tür zur grenzenlosen Freiheit (mein erster Wagen war ein Fiat 500, bei dem man das Stoffdach aufmachen konnte und open air fahren konnte - Cabrio für Arme). Fahrten nach Italien, Portugal, Spanien, Frankreich, Holland, Schweiz, Österreich, Dänemark, Schweden mit dem Auto waren angesagt und bedeuteten jedesmal Abenteuer (das Zelt war die billige Übernachtungsoption). Dass wir stundenlang auf der Autobahn fuhren, machte mir nichts aus. Ich fuhr damals gerne Auto! Das hat sich geändert: Heutzutage bin ich froh, nicht selbst fahren zu müssen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist.

Wenn Autofahren heute Hektik, Stau und Stress bedeuten, ist Radfahren entspanntes Dahingleiten und Geniessen der Ansichten, die man vom Rad aus hat. Gut, an Regentagen freue ich mich natürlich, wenn mich meine Frau auf ihrem Weg zur Arbeit mitnimmt und in Institutsnähe absetzt :-) An Sonnentagen freue ich mich, auf der Theodor-Heuss-Brücke anzuhalten und für einen kurzen Moment das Stadt- und Neckarpanorama zu geniessen. Bei einem solchen Halt ist übrigens ein Bild entstanden, das später als Titelbild für einen Roman von Marlene Bach (”Kurpfalzblues“) Verwendung fand (im Buch steht vorne tatsächlich: “Umschlagfoto: Joachim Funke”).

Die Schattenseiten des Radfahrens habe ich bei meinem Radunfall vor einigen Jahren erfahren (siehe den Blog-Eintrag vom Sommer 2009). Der Helm war damals mein rettender Begleiter und ist es bis heute geblieben. Auf das Funktionieren meines Kopfes bin ich angewiesen - der Helm ist keine Frage von Schönheit und Eleganz, sondern von Vernunft und Zweckmäßigkeit.

Fahhradfahren ist meist eine entspannte Form der Bewegung - dass ich tagein, tagaus davon Gebrauch machen kann, freut mich und tut mir und meiner Arbeit gut! Dass ich jährlich einige tausend Kilometer fahre, zeigt mir der Kilometerzähler nüchtern an - was er nicht anzeigt, ist die Freude, die ich dabei empfinde. Nicht alles ist so leicht messbar wie die gefahrenen Kilometer. Eine Radtour am Wochenende gehört seit einigen Jahren zu unserem festen Programm! Und da nutze ich tatsächlich gerne das Auto für den Fahrradträger, weil wir dann einen Startpunkt irgendwo in der Region wählen können und auf diese Art und Weise schon manches schöne Tal für uns entdeckt haben - Pfalz, Odenwald und Neckarlauf sind da sehr ergiebig!

Ich genieße mein Privileg, mit dem Rad zur Arbeit fahren zu können, jeden Tag aufs Neue!

Quelle: Mueller, N., Rojas-Rueda, D., Cole-Hunter, T., de Nazelle, A., Dons, E., Gerike, R., … Nieuwenhuijsen, M. (2015). Health impact assessment of active transportation: A systematic review. Preventive Medicine, 76, 103–114. http://doi.org/10.1016/j.ypmed.2015.04.010 (Danke, Bernd!)

Nachtrag 26.06.2017: Die Ständige Vertretung europäischer Ärzte (CPME) hat einen offenen Brief an die EU unterzeichnet, in der eine verstärkte Unterstützung des Radfahrens gefordert wird. Hintergrund ist, dass das aktuelle Betreiben von Radfahren in der EU jährlich 27.860 vorzeitige Tode aufgrund der körperlichen Aktivität verhindere, bei gleichzeitig errechneten wirtschaftlichen Einsparungen von 96.5 Milliarden €. Das ist eine beachtliche Größenordnung!

March for Science 2017: Psychologen sind dabei

Nicht nur für Wissenschaftler wie mich ist der Postfaktizismus ein Schlag ins Gesicht der Aufklärung! Wie ich schon in einem früheren Blog-Eintrag geschrieben habe, können wir in der Wissenschaft nicht gut mit Falschaussagen leben - Aussagen, die jemand wieder besseres Wissen macht: Dagegen muss man protestieren! Das wird auch weltweit passieren! Und es werden auch Psychologinnen und Psychologen dabei sein, wie ich hoffe! Grund zu meiner Hoffnung gibt folgende Nachricht, die wir Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erhalten haben:

————– Zitat Anfang ————–

Liebe Mitglieder,

im Namen des Vorstands möchte ich Sie auf die Initiative „Science March Germany“ aufmerksam machen. Im „Science March Germany“ werden am 22. April 2017 weltweit Wissenschaftler/innen und Nicht-Wissenschaftler/innen gegen Postfaktizismus und für wissenschaftlich fundierte Fakten demonstrieren.

Die DGPs unterstützt diese Initiative ausdrücklich. Die Psychologie als empirische Wissenschaft muss sich klar gegen postfaktische Auffassungen und „alternative Fakten“ aussprechen. Es ist notwendig, zwischen gesichertem Wissen und persönlicher Meinung zu differenzieren. Wissenschaftliche Fakten als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses sind nicht verhandelbar. Wissenschaft ist keine Meinung.

Das zunehmende Misstrauen gegen Fakten bis hin zur Auffassung, diese wären irrelevant, ist eine kritische gesellschaftliche Entwicklung, die nicht ignoriert werden darf. Verlässliche Informationen sind die Voraussetzung für kritisches Denken und fundiertes Urteilen. Postfaktische Auffassungen jedoch verleugnen und relativieren wissenschaftlich gesicherte Fakten, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Dies entzieht dem konstruktiven Dialog, der elementar für eine funktionierende Demokratie ist, die Grundlage.

Am 22. April 2017 werden in über 300 Städten weltweit Kundgebungen für den Wert von Forschung und Wissenschaft abgehalten. In Deutschland organisieren Teams in größeren Städten Kundgebungen, darunter Berlin, Dresden, Göttingen/Kassel, Hamburg, Heidelberg, Leipzig, München, die Region Rhein-Main sowie Tübingen. Weitere lokale Gruppen in Köln, Bremen, Stuttgart und am Bodensee befinden sich im Aufbau. Lokale Organisationsgruppen können weiterhin gegründet werden.

Weitere Informationen finden Sie unter: https://sciencemarchger.wordpress.com/

Quellen:

March for Science Germany (2017). Science March Germany. URL: https://sciencemarchger.wordpress.com/ (Abruf am 01.03.2017)

March for Science Germany (2017). Auch in deiner Stadt! URL: https://sciencemarchger.wordpress.com/auch-in-deiner-stadt/ (Abruf am 01.03.2017)

March for Science (2017). Satellite Marches. URL: https://www.marchforscience.com/satellite-marches/ (Abruf am 01.03.2017)

Kühne, A. (2017). Science March. Wissenschaft ist keine Meinung. Tagesspiegel.de. URL: http://www.tagesspiegel.de/wissen/science-march-wissenschaft-ist-keine-meinung/19432776.html (Abruf am 01.03.2017)

Mit freundlichen Grüßen

Bianca Vaterrodt, Wissenschaftliche Referentin
Deutsche Gesellschaft für Psychologie

————– Zitat Ende ————–

Ich freue mich sehr, dass der Vorstand unserer Fachgesellschaft so klare Kante zeigt und seine Mitglieder auffordert, hier öffentlich Position zu beziehen und sich nicht nur im stillen Kämmerlein zu ärgern. Wissenschaft trägt Mitverantwortung für politische Verhältnisse - Forschende leben nicht in einer anderen Welt.

Jetzt heisst es Flagge zeigen! Nach dem Motto “Steh auf für die Wissenschaft” werde ich am Samstag den 22.4.2017 in Heidelberg mit dabei sein! Ich freue mich, wenn auch andere diesem Aufruf folgen und in ihren Städten sichtbar machen, dass die Freiheit der Forschung nirgendwo eingeschränkt werden darf und die Grenzen zwischen Fakten und Meinungen nicht verwischt werden dürfen!

Society of Indian Psychologists: Wall between US and Mexico?

Nachfolgend ein Statement der indianischen Psychologen zur von Donald Trump geplanten Mauer zwischen USA und Mexiko, zu dem es - wie ich finde - keines Kommentars bedarf:

THE SOCIETY OF INDIAN PSYCHOLOGISTS (SIP) STATEMENT ON THE PROPOSAL TO BUILD A WALL BETWEEN WHAT IS KNOWN AS THE US AND WHAT IS KWON AS MEXICO

Approved by the SIP EC January 27, 2017

The Society of Indian Psychologists strongly opposes President Trump’s proposal to build a wall between what is known as the United States of America and what is known as México. Except for the Native North Americans and their descendants who dwell in the area, everyone else is an immigrant. For children of immigrants, including the 45th President, to build a wall in order to discourage immigration is hypocrisy at its highest level. History teaches us that nations who build walls do so out of fear, and that walls historically have been symbols of perceived national weakness. As Native people, we believe fear is an internal (within person) problem requiring an internal (often spiritual) intervention. We do not support activities that externalize fear as this particular proposal does. We also do not see the U.S. as a weak entity as would be suggested by building a wall. Furthermore, SIP views the wall proposal for what it is at its very core, an act of symbolic racism toward particular people, which we cannot support.

In particular, we believe the following truths speak to our opposition to the proposed wall:

1. The border between these “countries” is an arbitrary border that was created by colonial powers. In fact, the land in question was not given to either nation, and was in fact taken away forcibly from the Native North American people in the area.

2. The proposal does not acknowledge the history of the people that live in the region. Native North Americans predate these colonial boundaries, and in fact many families, communities, and nations have relatives dwelling on both sides of this arbitrary border. Building a wall will create a true division of people who have historically dwelled together, and will perpetuate and intensify the psychological harm that the arbitrariness of borders has created in the first place.

3. The funds that will be used to build the wall would be put to better use to address the amazing array of health, mental health, and educational disparities in the U.S. today. We believe very strongly that building the wall is an unnecessary waste of financial and human resources. A wall will not strengthen the U.S., but addressing educational injustices, poverty, social injustice, and psychological and social well-being for citizens would most certainly strengthen it.

4. We stand with our Latino/a citizens and marvel at the injustice of the symbolic message being sent to that community. We abhor the stereotyping of this population that has occurred in order to justify this thinly veiled act of symbolic racism. We see the wall as an act of intimidation and bullying that is meant to convey aspects of white privilege and supremacy that are not welcomed among a nations of immigrants. As the ones who dwelled in this land first, we do not accept the flawed rationale for its construction by its supporters.

Neujahrsempfang der “Freunde”

Im letzten Jahr haben wir von Seiten der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” (deren Vorsitzender ich bin) zum ersten Mal einen Neujahrsempfang gegeben, mit einem Festvortrag von unserem Heidelberger Archäometriker Prof. Dr. Ernst Pernicka über die rätselhafte Himmelsscheibe von Nebra. Die Veranstaltung kam so gut an, dass wir dieses Format in 2017 wiederholen wollten.

Peter Meusburger beim Vortrag

Peter Meusburger beim Vortrag

Am Freitag 10.2.2017 fand nun der diesjährige Empfang statt. Wir haben die neuen Marsilius-Arkaden als Standort gewählt, um den Freunden diesen schönen Neubau im Neuenheimer Feld einmal zeigen zu können. Als Festredner konnten wir den Kollegen Prof. Dr. Peter Meusburger gewinnen, der über die Bedingungen kreativer Kommunikation an Hochschulen sprach und die Einzigartigkeit des Universitätsstandorts Heidelberg herausstellte. Von den gut 450 Universitäten in Deutschland spielt Heidelberg klar in der ersten Liga. Und so wie es in der BRD rund 7000 Fußballvereineine gibt, aber nur 18 davon in der ersten Liga spielen, will Heidelberg natürlich auch im universitären Wettbewerb herausragend sein - und braucht dafür Platz! Das Gutachten von Peter Meusburger für die Stadt Heidelberg, das seinem Vortrag zugrunde lag, kann man übrigens hier nachlesen.

im Hörsaal der Marsilius-Arkaden

im Hörsaal der Marsilius-Arkaden

Wie im Vorjahr diente der Empfang auch dazu, den jährlich vergebenen und mit 2500 Euro dotierten “Preis der Freunde” zu verleihen. Diesmal ging er an die studentische Initiative “Rock Your Life“, die ein Mentorenprogramm für Schülerinnen und Schüler betreibt. Die studentischen Mentoren begleiten ehrenamtlich Schüler aus sozial, wirtschaftlich oder familiär benachteiligten Verhältnissen nach einem strukturierten Mentoring-Prozess auf dem Weg in den Beruf oder auf die weiterführende Schule. Hier ein Auszug aus der Laudatio der studentischen Jury (bestehend aus Tim Adler, Max Pascheberg und Cosima Steck), die von Tim Adler vorgetragen wurde:

Was macht unser diesjähriger Preisträger? Seit 2011 ist der Verein in Heidelberg aktiv und kooperiert inzwischen mit zwei Gesamtschulen. Dort unterstützt er Schülerinnen und Schüler in den letzten beiden Schuljahren und hilft ihnen dabei, ihr weiteres Schul- und Arbeitsleben zu planen. Studierende und Jugendliche bilden dazu ganz individuelle Mentoring-Paare – oder anders ausgedrückt: Jeder Buddy bekommt erst einmal einen erfahreneren Buddy.

Um die Studierenden auf diese sehr anspruchsvolle Aufgabe vorzubereiten, gibt es eigens entwickelte Vorbereitungskurse. Anschließend operieren die Paare autark. Dies gibt ihnen die Freiheit, die notwendig ist, um eine gemeinsame Vertrauensbasis aufzubauen. Die ist für eine erfolgreiche Mentoring-Beziehung unbedingt nötig.

Natürlich werden die Paare aber nicht alleine gelassen. Der Verein steht Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei allen Fragen und Anliegen zur Seite. Zusätzlich gibt es regionale Gruppenevents, damit die Buddys sich über ihre Erfahrungen austauschen können, denn gemeinsam lässt sich viel mehr erreichen. Neben diesem Teambuilding-Effekt geht es aber auch darum, den Buddys berufliche Perspektiven vorzustellen. Wer weiß, welche Möglichkeiten er bzw. sie hat, kann fundiertere Entscheidungen für seine Zukunft treffen, hat, hoffentlich, mehr Spaß an seiner Arbeit und damit schlussendlich mehr Stabilität in seinem Leben.

Warum zeichnen wir den Preisträger jetzt aus? Inzwischen wurde bereits die 5. Kohorte an Mentoring-Paaren erfolgreich verabschiedet und jedes Jahr kommen 45 neue Paare hinzu. All das zeigt den nachhaltigen Erfolg des Ansatzes und die Ausdauer und Leistung von Rock your Life. Man spürt förmlich, wie diese Initiative brennt – brennt für die gute Sache, brennt für ihre Studierenden und natürlich ganz besonders: brennt für ihre Buddys. Sie sind überzeugt, dass sie es schaffen und schließlich selbst sagen werden: „We will rock your life!“

Bereits letztes Jahr war die Initiative, die sich sehr kontinuierlich um den Preis beworben hat, unter den Favoriten. Deshalb freue ich mich sehr, dass wir, die Gesellschaft der Freunde, Rock your Life! Heidelberg nun mit dem Preis der Freunde des Jahres 2016 auszeichnen dürfen.”

Rock your life!

Die Preisträger: Rock your life!

Schließlich kamen auch die Preisträger noch zu Wort. Die große und zahlreich anwesende Gruppe von Studierenden wurde - vertreten durch Rebecca Alvarado und Simon Weber - nochmals in eigenen Worten vorgestellt, bevor dann Flamme (für den tollen Flammenständer, der die jährlichen Preisträger symbolisiert und im Eingangsbereich der Neuen Universität in einer Glasvitrine steht), Urkunde und Preisgeld überreicht wurden. Ich habe mich als Psychologie-Professor natürlich sehr gefreut, dass in dieser ausgezeichneten Initiative auch Psychologie-Studierende aktiv tätig sind!

Im Anschluß fand im Vorraum des Hörsaals ein Empfang der Gäste statt. Bei kleinen Snacks und kalten Getränken wurde lebhaft diskutiert, es wurden Kontakte geknüpft und Pläne geschmiedet.

Wie schön, dass es den Neujahrsempfang gibt - danke, liebe Gaby, für den Anstoß dazu! Nachdem es nun zum zweiten Mal so erfolgreich abgelaufen ist, glaube ich sagen zu können, dass eine neue Tradition entstanden ist. Ich freue mich schon auf den nächsten Neujahrsempfang 2018!

siehe auch Pressemitteilung

Wieviel Wissen braucht man zum Handeln?

Die im Titel gestellte Frage “Wieviel Wissen braucht man zum Handeln?” scheint auf den ersten Blick trivial: natürlich braucht ein Akteur Wissen, um zielführend in eine Situation eingreifen zu können. Natürlich braucht ein Pilot eine Menge an Wissen, wenn er sein Flugzeug sicher starten, fliegen und landen will - hoffentlich ist genug Wissen vorhanden! Aber stimmt das wirklich? Welche Art von Wissen ist erforderlich? Und warum führt Wissen nicht immer zu entsprechendem Handeln? Warum handeln wir manchmal “wider besseres Wissen”?

Experten z.B. verfügen über Wissen, das sie gar nicht mehr so einfach verbalisieren können; wir sprechen von implizitem im Unterschied zu explizitem Wissen. Die Zugänglichkeit reicht von bewusst bis unbewusst. Deklarative Inhalte werden “prozeduralisiert” und verlieren damit bewusste Verfügbarkeit (beschreiben Sie einem Anfänger, wie Radfahren funktioniert). Viele spannende Fragen, auf die es keine einfache Antworten gibt.

Hier die Zusammenfassung meines Beitrags: “How much knowledge is necessary for action? This question is fundamental because it suggests that the link between knowledge and action is debatable, that there is no given, fixed causal relationship between knowledge and action. In addition, there seems to be no fixed causal direction. Knowledge can be a prerequisite for action but also a consequence of an action. My opening question relates two key words in psychology. One of them is knowledge, about which a large body of knowledge exists (e.g., Halford, Wilson, & Phillips, 2010)—about its different types (e.g., procedural, declarative), styles of acquisition (implicit, explicit), and degrees of accessibility (conscious, subconscious, unconscious). The other word is action, about which there are various theories describing human behavior with respect to intention (e.g., Fishbein & Ajzen, 2010). In this introductory section I try to give an overview of these conceptions and of the relation between knowledge and action.”

Der Artikel ist (wie das gesamte Buch) dank einer Finanzierung durch die Klaus-Tschira-Stiftung kostenlos abrufbar (open access). Hier die Angaben zu meinem Beitrag:

Funke, J. (2017). How much knowledge is necessary for action? In P. Meusburger, B. Werlen, & L. Suarsana (Eds.), Knowledge and action (pp. 99–111). Heidelberg: Springer. http://doi.org/10.1007/978-3-319-44588-5_6

Folter im Namen der Freiheit?

Unter dem Titel “Folter im Namen der Freiheit?” fand am Mittwoch Abend 11.1.17 eine gut besuchte Veranstaltung zum Thema Folter statt. Eingeladen dazu hatten das Forum Internationale Sicherheit (FIS), die Fachschaft Psychologie unseres Instituts und Amnesty International (Hochschulgruppe Heidelberg). Gekommen waren etwa 250 Studierende, die mit großem Interesse den Ausführungen des Podiums folgten, an einer “Liquid Feedback“-Runde teilnahmen und später auch die Diskussion bereicherten.

Als Kooperationspartner und Diskussionsteilnehmer haben unter der fachkundigen Moderation von Donna Joy Doerbeck teilgenommen: Dr. Vedrin Sahovic von Amnesty International (Koordinationsgruppe gegen Folter), Prof. Dr. Sebastian Harnisch vom Institut für Politische Wissenschaft und vom Psychologischen Institut Prof. Dr. Joachim Funke. Vor und nach der Podiumsdiskussion gab es neben Sekt, Salzstangen und Selters einen Stand mit Petitionen und weiteren Informationen.

Der Amnesty-Vertreter Dr. Vedrin Sahovic machte deutlich, dass Folter nach wie vor ein ubiquitäres Phänomen sei und trotz der UN-Antifolterkonvention, der viele Staaten zugestimmt haben, in über 140 Staaten der Welt gefoltert werden, aus unterschiedlichen Gründen heraus: vermeintliche Informationsgewinnung, Rache, Abschreckung, schlechte Ausbildung der Polizei - um nur ein paar der Gründe zu benennen.  Das Recht, innerhalb kurzer Zeit vor einen Richter geführt zu werden, seine Familie zu informieren und einen Anwalt seines Vertrauens zur Hilfe heranzuziehen, sei ein wirksamer Schutz vor Willkür und Folter.

Der Politikwissenschaftler Sebastian Harnisch machte deutlich, dass Autokratien anders foltern als Demokratien. In Autokratien ist es kein Geheimnis: es kommt zu öffentlichen Auspeitschungen und ähnlichem. Autokratien sind da nicht pingelig. Bei Demokratien ist es anders: Hier steht die Legitimation des Gewaltmonopols immer in Frage und muss rechtlichen Vorgaben genügen. Daher ist in den USA viel juristischer Aufwand (und Geheimhaltung) betrieben worden, angefangen damit dass es nicht “Folter” heisst, sondern “verschärfte Verhörbedingungen”; weiter, dass man möglichst extra-territorial foltert (Guantanomo); dass die Gültigkeit bestimmter Konventionen bestritten wird (Terroristen sind keine Kriegsgefangenen und daher gelten die Genfer Konventionen nicht).

Für die Psychologie ist das Thema Folter virulent unter dem Begriff “Weiße Folter“, womit vor allem soziale Isolation, sensorische Deprivation, aber auch Methoden wie Waterboarding gemeint sind, die schwerer nachweisbar sind als die blutige “rote Folter”. Die Folterdiskussion ist insbesondere in den USA nach 9/11 für die Psychologie relevant geworden, weil mit dem Hoffman-Report bekannt wurde, dass Psychologen viel Geld (Millionen Dollar) mit der Entwicklung von Foltermethoden verdient haben und die weltweit größte (und sehr einflußreiche) Psychologenorganisation, die American Psychological Association, hier mit der damaligen Bush-Regierung geheime Absprachen zur Aufweichung von Ethikregeln vorgenommen hatte, um die Teilnahme von Psychologen an Foltertätigkeiten zu legitimieren. Ich selbst habe auf die grundgesetzlich verankerte Menschenwürde hingewiesen, die gleich im ersten Satz absolut klar formuliert wird: “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”

Insbesondere mein Kieler Kollege, der Allgemeine Psychologe Prof. Dr. Rainer Mausfeld, hat sich seit vielen Jahren um die Aufklärung dieser Beteiligung von Psychologen an Folter bemüht (siehe z.B. hier oder auch der inzwischen legendäre Youtube-Beitrag “Warum schweigen die Lämmer?” von ihm)

Insgesamt eine interessante Veranstaltung! Ich selbst war begeistert von der hohen Resonanz unter unseren Studierenden! Kompliment für dieses Interesse am Thema! Nach der Auftaktveranstaltung im letzten November, wo wir den Film “Folter made in USA” (eine arte-Dokumentation zum Thema) im HS 2 gezeigt haben, ist nun eine starke Präsenz des Themas garantiert, mit der ich sehr zufrieden bin. Natürlich ist der4 Kampf gegen Folter damit nicht gewonnen, aber ein paar mehr Köpfe denken über das Thema nach - und die überwältigende Mehrheit unserer Studierenden denkt kritisch darüber! Das freut mich!

Literatur aus historisch-politikwissenschaftlicher Sicht: Einolf, C. J. (2007). The fall and rise of torture: A comparative and historical analysis. Sociological Theory, 25(2), 101–121. - Greenberg, K. J., & Dratel, J. L. (eds.) (2005). The torture papers. The road to Abu Ghraib. New York: Cambridge University Press. - Lightcap, T. (2011). The politics of torture. New York: Palgrave Macmillan. - Lightcap, T., & Pfiffner, J. P. (eds.) (2014). Examining torture. Empirical studies of state repression. New York: Palgrave Macmillan. - Rejali, D. (2007). Torture and democracy. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Literatur aus psychologischer Sicht: Green, D., Rasmussen, A., & Rosenfeld, B. (2010). Defining torture: A review of 40 years of health science research. Journal of Traumatic Stress, 23(4), 528–531. - Mausfeld, R. (2009). Psychologie, ,weiße Folter‘ und die Verantwortlichkeit von Wissenschaftlern. Psychologische Rundschau, 60(4), 229–240. - O’Mara, S. (2015). Why torture doesn’t work: The neuroscience of interrogation. Cambridge, MA: Harvard University Press. - Punamäki, R.-L., Qouta, S. R., & Sarraj, E. E. (2010). Resilience and crime victimization. Journal of Traumatic Stress, 23(4), 532–536.

MicroDYN revisited

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In den letzten 10 Jahren hat sich meine Heidelberger Arbeitsgruppe mit der computerbasierten Erfassung von Problemlösekompetenzen beschäftigt. Als Chairman 2009-2014 der von der OECD eingesetzten Internationalen “Problem solving expert group” haben wir die Konzeption von PISA 2012 im Bereich “problem solving” von statischen Aufgaben hin zu dynamischen Szenarien verändert. Das ging nur dank der erstmaligen Umstellung der weltweiten PISA-Testung von Papier- auf Computerdarbietung. Das war sicherlich ein großer Erfolg!

Die durch die Testinstrumente MicroDYN (Paradigma linearer Strukturgleichungen) und MicroFIN (Paradigma finiter Automaten) definierten Aufgabenformate haben sich für die Erzeugung größerer Itempools zum Bereich “problem solving” im Rahmen von “large-scale assessments” wie PISA als brauchbar erwiesen. Inwiefern die Forschung zum Umgang mit komplexen Situationen von diesen Tests profitiert und ob hier wirklich mehr als Intelligenz und Arbeitsgedächtnis gemessen werden, ist eine wiederholt (und lebhaft) diskutierte Frage.

Nun ist ein kleines Positionspapier von Andreas Fischer, Daniel Holt und mir erschienen, in dem wir die Validität von MicroDYN-Aufgaben gerade im Vergleich zu komplexeren Szenarien wie z.B. dem “Tailorshop” kritisch diskutieren. Insbesondere die Frage, inwieweit mit linearen Strukturgleichungssystemen und finiten Automaten wirklich komplexes Problemlösen erfaßt werden kann, beschäftigt uns darin. Im wesentlichen sehen wir insbesondere in MicroDYN eine erhebliche Einschränkung des ursprünglichen Konzepts, wie es seit den 1970er Jahren von Dietrich Dörner und anderen propagiert wurde. Daß sich MicroDYN gut an Schulnoten validieren ließ, ist in unseren Augen eher kritisch zu sehen. Eine Validierung an einer Manager-Stichprobe wäre sicherlich besser. Leider sehen die diesbezüglichen Daten gar nicht so überzeugend aus.

Hier das Abstract unseres Beitrags:

In this commentary, we critically review the study of Greiff, Stadler, Sonnleitner, Wolff, and Martin, “Sometimes less is more: Comparing the validity of complex problem solving measures” (Intelligence, 2015, 50, 100–113). The main conclusion of Greiff et al. that the “multiple complex systems” (MCS) approach to measuring complex problem-solving ability possesses superior validity compared to classical microworld scenarios (“less is more”) seems to be an overgeneralization based on inappropriate analysis and selective interpretation of results. In its original form, MCS is a useful tool for investigating specific aspects of problem solving within dynamic systems. However, its value as an instrument for the assessment of complex problem solving ability remains limited.

Nachzulesen ist der komplette Beitrag (als Open Access) hier: Funke, J., Fischer, A., & Holt, D. (2017). When less Is less: Solving multiple simple problems is not complex problem solving—A comment on Greiff et al. (2015). Journal of Intelligence, 5(1), 5. http://doi.org/10.3390/jintelligence5010005 Übrigens ist neben unserer Kritik an der Arbeit von Greiff et al., die uns zu dieser Stellungnahme herausgefordert hat, auch eine weitere kritische Auseinandersetzung dazu erschienen: Kretzschmar, A. (2017). Sometimes less is not enough: A commentary on Greiff et al. (2015). Journal of Intelligence, 5(1), 4. http://doi.org/10.3390/jintelligence5010004

Eine interessante Randbemerkung: Eigentlich hatten wir unsere Replik beim Journal “Intelligence” eingereicht und gehofft, dass unsere Kritik dort veröffentlicht werden würde. Der dortige Herausgeber Richard Haier hat zu meinem Erstaunen unseren Kommentar abgelehnt (im O-Ton: “Commentaries/Discussions and responses to them are not often published in Intelligence. They are rarely cited and rarely settle an issue.”) - mein Respekt vor dem Journal ist daraufhin etwas gesunken. Diskussionen gehören für mich zum Kern wissenschaftlicher Aktivitäten. Umso erfreulicher, dass der Editor eines inhaltlich verwandten “Journal of Intelligence“, Paul De Boeck, zum Abdruck unserer kritischen Stellungnahme bereit war, obwohl der Ursprungsartikel, auf den sich unser Kommentar und unsere Kritik bezieht, in einem Konkurrenzblatt erschienen ist. Eine (wie ich finde: schwache) Erwiderung der Autorengruppe zu unserer Kritik ist dort ebenfalls erschienen: Greiff, S., Stadler, M., Sonnleitner, P., Wolff, C., & Martin, R. (2017). Sometimes more is too much: A rejoinder to the commentaries on Greiff et al. (2015). Journal of Intelligence, 5(1), 6. http://doi.org/10.3390/jintelligence5010006

Wissenschaft in Post-Faktischer Gesellschaft

Der Begriff der “Postfaktischen Politik” (post-truth politics) ist zu einem neuen Schlagwort geworden: Im Zuge von Brexit und den im November 2016 erfolgten USA-Wahlen wurde deutlich, dass ein Spiel mit Emotionen im politischen Kontext offensichtlich erfolgreich sein kann, selbst wenn die Fakten dagegen sprechen. Für Wissenschaftler auf der ganzen Welt muss das eine Provokation sein: Wir versuchen in unseren Kreisen die Fahne der Wahrheit hochzuhalten, zumindest die des kritischen Denkens (je nach Wahrheitskonzeption), wohl wissend, wie schwer es manchmal ist, zu einem klaren Urteil zu gelangen.

Dass aber anerkannte Tatbestände wie z.B. Klimawandel oder wachsende ökonomische Ungleichheit unverhohlen geleugnet werden und man mit Falschaussagen bei Wahlen Mehrheiten bekommt, ist ein schockierender Tatbestand, der jeden Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin beunruhigen muss. Und natürlich kommt sofort die Psychologie ins Spiel, die sich mit Fragen beschäftigt wie z.B. der, warum Fakten nicht akzeptiert werden und warum ein Spiel mit Emotionen wirkungsvoller ist als eine Aufzählung von Fakten.

Dazu kommt: Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik ist offensichtlich gestört. Ob es an einem Glaubwürdigkeitsverlust der Wissenschaften liegt, ist schwer zu sagen - “die” Wissenschaften gibt es nicht, es gibt einzelne Wissenschaftler, die keine hohen ethischen Standards befolgen, aber natürlich gibt es Stimmungen und Meinungen über Wissenschaft im Allgemeinen. Am Beispiel der Psychologie sieht man ja auch, dass zu den drängenden gesellschaftlichen Problemen (”Große gesellschaftliche Herausforderungen“) kaum Äußerungen prominenter Wissenschaftler zu hören sind. Sind wir alle wieder im Elfenbeinturm versammelt? Das Schweigen der Wissenschaftler ist laut und deutlich zu hören.

Verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen ist schwierig - vielleicht können wir in kleinen Schritten unsere Nützlichkeit für die Gesellschaft, die uns ja alimentiert, aufzeigen? Um es mit einem Statement von Dietrich Dörner zu sagen: Man darf nicht immer nur behaupten fliegen zu können - ab und zu muß man auch mal einen Gleitflug demonstrieren.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat das Wort “postfaktisch” zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Welche Art von Auszeichnung ist das? Ich wäre froh, wenn wir wieder zu einer fakten-orientierten Gesellschaft und einer fakten-orientierten Politik zurückkehren könnten. Dort hat Wissenschaft ihren Platz. Das Programm der Aufklärung, das vor gut 300 Jahren begann, ist noch nicht zu Ende - ganz im Gegenteil brauchen wir verstärkte Anstrengungen, um die Ideale der Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit auch in diesen stürmischen Zeiten hochzuhalten.

Der Philosoph Karl Jaspers (einer der Neubegründer der Universität Heidelberg nach dem Ende des 2. Weltkriegs) hat in seinem 1946 erschienenen Buch “Die Idee der Universität” (Heidelberg: Springer) die Aufgabe der Universität sehr ergreifend als “bedingungslose Wahrheitssuche” auf S. 9 wie folgt beschrieben:

“]Wikipedia]

Karl Jaspers (1946) [Quelle: Wikipedia

“Die Universität hat die Aufgabe, die Wahrheit in der Gemeinschaft von Forschern und Schülern zu suchen. Sie ist eine Korporation mit Selbstverwaltung, ob sie nun die Mittel ihres Daseins durch Stiftungen, durch alten Besitz, durch den Staat, und ob sie ihre öffentliche Autorisierung durch päpstliche Bullen, kaiserliche Stiftungsbriefe oder landesstaatliche Akte hat. Unter allen diesen Bedingungen kann sie ihr Eigenleben unabhängig vollziehen, weil die Begründer der Universität dieses wollen oder solange sie es dulden. Sie hat ihr Eigenleben, das der Staat frei läßt, aus der unvergänglichen Idee, einer Idee übernationalen, weltweiten Charakters wie die der Kirche. Sie beansprucht und ihr wird gewährt die Freiheit der Lehre. Das heißt, sie soll die Wahrheit lehren unabhängig von Wünschen und Weisungen, die sie von außen oder von innen beschränken möchten.

Die Universität ist eine Schule, aber eine einzigartige Schule. An ihr soll nicht nur unterrichtet werden, sondern der Schüler an der Forschung teilnehmen und dadurch zu einer sein Leben bestimmenden wissenschaftlichen Bildung kommen. Die Schüler sind der Idee nach selbständige, selbstverantwortliche, ihren Lehrern kritisch folgende Denker. Sie haben die Freiheit des Lernens.

Die Universität ist die Stätte, an der Gesellschaft und Staat das hellste Bewußtsein des Zeitalters sich entfalten lassen. Dort dürfen als Lehrer und Schüler Menschen zusammenkommen, die hier nur den Beruf haben, Wahrheit zu ergreifen. Denn daß irgendwo bedingungslose Wahrheitsforschung stattfinde, ist ein Anspruch des Menschen als Menschen.”

Diesem hohen Anspruch sollten wir in einer postfaktischen Kultur uneingeschränkt folgen - mal abgesehen davon, dass wir uns unsere Kultur nicht von zynischen Politikern vorschreiben lassen sollten.