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Studium Generale: Aggression

Als junger Student habe ich gerne Vorlesungen aus dem sogenannten “Studium Generale” besucht. Das Studium Generale ist eine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe an fast jeder Universität, die sich an alle Mitglieder und an die interessierte Öffentlichkeit wendet. Die Vorträge stehen unter einem gemeinsamen Thema, das von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen aus der Sicht ihrer Disziplin behandelt wird.

Auch an unserer Heidelberger Universität haben wir eine derartige Veranstaltungsreihe. Daher war ich erfreut, als mich der damalige Prorektor Oscar Loureda anfragte, ob ich den Eröffnungsvortrag zur Veranstaltungsreihe “Aggression” halten möchte. Natürlich habe ich zugesagt.

Nun liegt die Verschriftlichung vieler damaliger Vorträge vor, die ich im Auftrag des Rektorats herausgeben durfte und die nun erschienen sind. Im Wintersemester 2017/2018 lautete das Thema „Aggression“ und umfasste das folgende Programm (in chronologischer Folge), das jeweils montags abends in der Aula der Neuen Universität zu hören war:

  • Aggression in (sozialen) Medien (Prof. Dr. Joachim Funke, Psychologisches Institut, Universität Heidelberg)
  • Kultur in Zeiten des Krieges: Zerstörung und Rehabilitierung von Kulturgut im Rahmen bewaffneter Konflikte (Prof. Dr. Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin)
  • Neurobiologie der Aggression (Prof. Dr. Thomas Kuner, Institut für Anatomie und Zellbiologie, Universität Heidelberg)
  • Gewalt in der Natur (Prof. Dr. Michael Wink, Institut für Pharmazie & Molekulare Biotechnologie, Universität Heidelberg)
  • Aggression im Geschlechterverhältnis (Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm, Institut für Psychologie, Universität Erlangen-Nürnberg)
  • Podiumsdiskussion: Aggression gegen Wissenschaft (mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ehemalige Bundesministerin der Justiz; Prof. Dr. Nicole Deitelhoff, Cluster of Excellence “Normative Orders”, Universität Frankfurt; Prof. Dr. Ekkehard Felder, Germanistisches Seminar, Universität Heidelberg; Moderation: Jörg Armbrüster, SWR)
  • Gewaltkriminalität – die dunkle Seite der Aggression (Prof. Dr. Dieter Hermann, Institut für Kriminologie, Universität Heidelberg)
  • Aggression im Straßenverkehr (Dr. Martin Treiber, Institut für Wirtschaft und Verkehr, Technische Universität Dresden)
  • Aggression und Medizin (Prof. Dr. Till Bärnighausen, Institute of Public Health, Universitätsklinikum Heidelberg)

Die fett markierten Namen bezeichnen die Autorinnen und Autoiren, die ihren Beitrag schriftlich vorgelegt haben und in dem jetzt bei “Heidelberg University Publishing” erschienenen Band nachzulesen sind. Hier eine kurze Beschreibung der Beiträge.

  • Andrea Abele-Brehm beleuchtet als Sozialpsychologin die Bedeutung von Aggression in Paarbeziehungen. Neben Überlegungen zur Messung der Aggression geht es auch um den Einfluss von Geschlechterstereotypen sowie Möglichkeiten der Reduktion von Gewalt in Beziehungen.
  • Dieter Hermann berichtet als Kriminologe von Studien zur Aggression, die am Heidelberger Institut für Kriminologie durchgeführt wurden und in denen die Rolle geschlechtsspezifischer Entwicklungsprozesse ebenso beleuchtet wird wie der Einfluss von Normen und religiösen Werten.
  • Martin Treiber beschäftigt sich als Verkehrsmodellierer mit der Aggression im automobilen Straßenverkehr. Basierend auf mathematischer Modellierung des Fahrverhaltens kommt er zu dem Schluss, dass eine gewisse Aggressivität die Leistungsfähigkeit des Verkehrsflusses erhöht.
  • Michael Wink repräsentiert den Blick der Biologie auf Gewalt zwischen den Arten (bei der Suche nach Beute), aber auch innerhalb einer Art beim Kampf um Ressourcen wie Nahrung, Territorium oder Sex. Neben Gewalt und Aggression stellt der Autor aber auch die Bedeutung von Empathie und Altruismus heraus, die für einen deutlichen Rückgang an Gewalt in der modernen Zivilisation verantwortlich sein könnten.
  • Ich selbst betrachte in meinem Beitrag Aggression im Kontext sozialer Medien, wo neue Phänomene wie „Shitstorm“ oder „Cybermobbing“ auftauchen und damit alte Formen von Gewalt in neue Medien hineintragen. Neben der Darstellung einiger Beispiele geht es auch um die Frage, wie man sich schützen und wehren kann.

Der Band ist - wie alle HeiUP-Bücher - kostenlos aus dem Netz als PDF zu laden (”open access”), aber gegen ein kleines Entgelt (14.90 €) auch als gedrucktes Exemplar im Buchhandel erhältlich. Hier die genaue Quellenangabe samt Link zum Download:

Funke, J. (Hrsg.) (2020). Aggression. Studium Generale. Heidelberg: Heidelberg University Publishing. doi: 10.17885/heiup.studg.2020.1

Psychologische Aspekte der Corona-Krise

Für unser in diesem Jahr erscheinendes “Heidelberger Jahrbuch” habe ich einen kleinen Beitrag zu psychologischen Aspekten der Corona-Krise geschrieben, aus dem ich hier schon mal vorab einen Abschnitt zum Thema “Ist psychologische Forschung bereit zur Politikberatung?” veröffentlichen möchte: “Der Ausbruch der Corona-Krise zu Beginn des Jahres 2020 hat die gesamte Welt tiefgreifend beeinflusst. Volkswirtschaften wurden in den „lockdown“ versetzt, die Bevölkerung in ihren bürgerlichen Freiheiten beschränkt, zahlreiche Gesundheitssysteme von Nationalstaaten standen am Rande des Zusammenbruchs. In meinem Beitrag geht es um die verschiedenen psychologischen Aspekte bei der Entwicklung der Corona-Krise, wobei zum derzeitigen Stand vor allem Fragen formuliert und weniger Antworten darauf gegeben werden können. Deutlich wird die breite Beteiligung psychosozialer Faktoren am Infektionsgeschehen und an der Bekämpfung der Pandemie. Offen bleibt die Frage, inwiefern psychologische Erkenntnisse robust genug für evidenzbasierte Politikberatung sind. Zumindest basale (theoretisch fundierte) Konzepte erweisen sich m.E. als tauglich. [...]

Ist psychologische Forschung bereit zur Politikberatung?

Wann ist Forschung so gut validiert, dass sie sich zur (gut begründbaren) Politikberatung eignet? Die Forscherinnen und Forscher der Leopoldina (2020) haben sich mit ihren Ratschlägen an die Politik aus dem Fenster des Elfenbeinturms gelehnt und geben konkrete Empfehlungen wie z.B. diese hier (S. 3): „Da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten können, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können, sollte der Betrieb in Kindertagesstätten nur sehr eingeschränkt wiederaufgenommen werden.“ Das scheint mir eine gut vertretbare und verantwortungsvolle Empfehlung zu sein, die allerdings mehr auf gesundem Menschenverstand als auf wissenschaftlichen Befunden über die Infektiosität kleiner Kinder beruht (das wissen wir nämlich nicht genau). Eine mehr aus der Psychologie stammende Empfehlung lautet (S. 10): „Bei den psychischen Folgen und gravierenden Überlastungen müssen sozioökonomische Aspekte und der Mangel an sozialer Einbettung dringend berücksichtigt werden. Zu den besonderen Risikogruppen gehören Alleinerziehende, Migrantinnen und Migranten ohne Sprachkenntnisse, alleinlebende Ältere, psychisch Erkrankte, Pflegefälle und Arbeitslose. In ärmeren und eher bildungsfernen Schichten fehlen tendenziell materielle, psychische und soziale Ressourcen.“ Auch hier fehlen wissenschaftliche Belege und die Empfehlung fällt mit gesundem Menschenverstand zusammen.

Skeptiker wie IJzerman et al. (2020) bezweifeln, dass psychologische Erkenntnisse – auch angesichts der noch nicht überwundenen Replikationskrise, die auf viele empirisch vorgehende Wissenschaftsdisziplinen (nicht nur die Psychologie!) zutrifft – zur evidenzbasierten Politikberatung geeignet seien. Die Autoren schlagen vor, neun verschiedene Stufen von Evidenz zu unterscheiden. Nur die höchste Stufe sollte bei Entscheidungen über Leben und Tod herangezogen werden, aber psychologische Forschung liegt nach Meinung der Kritiker auf deutlich niedrigeren Stufen.

Das Potential der Psychologie zur Politikberatung wird bei IJzerman et al. (2020) nicht bestritten, allerdings kommt eine hohe Skepsis über den gegenwärtigen Evidenzstatus psychologischer Forschung zum Ausdruck. Zu beachten ist dabei, dass sich diese kritische Einschätzung auf die Validität empirischer Befunde bezieht. Daran arbeitet unser Fach nachdrücklich und in geradezu vorbildlicher Weise (so z.B. zu lesen bei Vazire, 2018). Das Potential unseres Faches beschränkt sich aber nicht nur auf die Sammlung verlässlicher Empirie, sondern enthält auch gut bewährte konzeptuelle Differenzierungen. Da zeigen sich die Stärken einer „Theoretischen“ Psychologie (Farrell & Lewandowsky, 2018; Fiedler, 2017, 2018; Gigerenzer, 2011, 2017; Oberauer & Lewandowsky, 2019), die wir bei aller Freude über gute Empirie nicht unterschätzen sollten.”

Literatur:

Farrell, S., & Lewandowsky, S. (2018). Computational modeling of cognition and behavior: Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/CBO9781316272503
Fiedler, K. (2017). What constitutes strong psychological science? The (neglected) role of diagnosticity and a priori theorizing. Perspectives on Psychological Science, 12(1), 46–61. https://doi.org/10.1177/1745691616654458
Fiedler, K. (2018). The creative cycle and the growth of psychological science. Perspectives on Psychological Science, 19(6), 433–438. https://doi.org/10.1177/1745691617745651
Gigerenzer, G. (2011). Personal reflections on theory and psychology. Theory & Psychology, 20(6), 733–743. https://doi.org/10.1177/0959354310378184
Gigerenzer, G. (2017). A theory integration program. Decision, 4(3), 133–145. https://doi.org/10.1037/dec0000082
IJzerman, H., Lewis, N. A., Weinstein, N., DeBruine, L. M., Ritchie, S. J., Vazire, S., Forscher, P. S., Morey, R. D., Ivory, J. D., Anvari, F., & Przybylski, A. K. (2020). Psychological science is not yet a crisis-ready discipline. PsyArXiv. https://doi.org/10.31234/osf.io/whds4
Oberauer, K., & Lewandowsky, S. (2019). Addressing the theory crisis in psychology. Psychonomic Bulletin & Review. https://doi.org/10.3758/s13423-019-01645-2
Vazire, S. (2018). Implications of the credibility revolution for productivity, creativity, and progress. Perspectives on Psychological Science, 19(6), 7. https://doi.org/10.1177/1745691617751884

Quelle des Textauszugs: Funke, J. (im Druck). Entwicklung einer Pandemie: Psychologische Aspekte der Corona-Krise. In J. Funke & M. Wink (Hrsg.), Entwicklung – Wie aus Prozessen Strukturen werden. Heidelberger Jahrbücher Online, 5.

Arbeiten in Zeiten von Corona

Was bedeutet es für mich, in diesen schwierigen Zeiten zu arbeiten? Auf diese Frage hin überkommt mich ein leichtes Schämen: Ich geniesse nämlich die eingetretene Entschleunigung und das Wegfallen vieler Termine. Ich schäme mich ein wenig dafür, dass es mir so gut geht in einer Zeit, in der über 10 Mio. Deutsche in Kurzarbeit sind und nicht wissen, wie es mit ihnen weitergehen wird.

Schämen tue ich mich (zumindest ein bisschen…) für die privilegierte Situation des pensionierten Professors, der seine finanzielle Existenz nicht bedroht sieht, dem ein eigenes Arbeitszimmer mit akzeptabler IT-Ausstattung und halbwegs guter Internet-Anbindung zur Verfügung steht, der keine Kinder unterhalten oder beschulen muss, der nicht sein gesamtes Unterrichtsprogramm zu Unterhaltungsvideos machen und der nicht auf engem Raum mit seiner Partnerin zusammenleben muss. So läßt sich zu allem Überfluss sogar aus der Krisenzeit ein Gewinn ziehen - ich komme durchaus zum wissenschaftlichen Arbeiten. Was für ein Privileg!

Apropos IT-Ausstattung: in den diversen Video-Konferenzen, die gerade abgehalten werden, bemerkt man unterschiedliche IT-Ausstattungen und auch unterschiedliche IT-Kompetenzen daran, dass erst mal die aus Versehen schon aktive Kamera und das Mikro vermutlich ungewollte Einblicke in den privaten Alltag gestatten oder die ersten 10 Minuten mit überraschenden Äußerungen wie “ich höre dich”, “ich sehe dich noch nicht” o.ä. verbracht werden. Technik dominiert z.Zt. noch Inhalte (von den Datenschutz-Diskussionen mal ganz abgesehen). Tatsächlich ist es online schwieriger eine lebhafte Diskussion zu führen, weil das “turn-taking” erschwert ist. Die eher stilleren Teilnehmenden kommen möglicherweise nicht zu Wort.

Hintergebäude des Psycholog. Instituts OHNE Fahrräder

Hintergebäude des Psycholog. Instituts OHNE Fahrräder (zum Vergrößern anklicken)

Ob sich die Online-Lehre bewährt, wird sich noch zeigen müssen. Eine didaktische Vorbereitung auf diese Umstellung hat kaum stattgefunden, die Dozentinnen und Dozenten sind (genauso wie die Studierenden) ins kalte Wasser geworfen worden. Ich bin und bleibe Fan der Präsenz-Veranstaltungen (siehe meinen Blog-Beitrag von 2016 “Lob der Vorlesung“). Etwas schwankend bin ich allerdings geworden, als ich kürzlich den ersten Teil der (leider nicht öffentlich zugänglichen) Videoproduktion “Vorlesung Diagnostik” meines Kollegen Jochen Musch (Uni Düsseldorf) gesehen habe. Ich war begeistert! Aber ich glaube, das hat vor allem mit Jochen und seiner Begeisterung für das Fach zu tun!

In Zeiten von Corona gibt es viel, was Sorgen bereitet, aber doch auch manches, das erfreulich ist. Zu letzterem zähle ich ein neues Kolloquiumsformat der Uni Mannheim (organisiert von meinem Kollegen Edgar Erdfelder und Arndt Bröder), das unter dem Titel „One World Cognitive Psychology Seminar“ (OWCPS) offen für alle angeboten wird. Die Themen sind interessant (False Memory; Skill Acquisition; ANOVA Lies; Knowledge Dementors; Response Time Data; Moral Dilemmata), die Vortragenden durchaus prominente Fachvertreter (z.B. Daniel Bernstein, Dayna Touron, Jeff Rouder, Stephen Lewandowsky). Es findet live jeweils Di 17:15-18:45 statt. Die Themen und Termine findet man hier.

Nach den ersten Talks kann ich nur sagen: sehr empfehlenswert! Und wer es zu den Terminen nicht schafft: alle Vorträge werden aufgezeichnet und können zu späterer Zeit in Ruhe angehört werden. Man kann das (inhaltliche) Fortbildungsangebot als Ersatz für manche ausgefallene Konferenz nutzen. Wer in den bereits erfolgten Talk von Dan Bernstein über „False memories“ hineinhören möchte, findet die Aufzeichnung hier. Übrigens kommt eine Frage im Anschluss an seinen Vortrag von Elisabeth Loftus, die sich zugeschaltet hatte (auf dem Youtube-Video ab 1:09:30 ist E.L. zu hören und zu sehen). Tatsächlich „one world“!

In einem Webinar zu psychologischen Aspekten der Corona-Krise habe ich davon gesprochen, dass es momentan eine Sternstunde für die Wissenschaft sei - schon lange nicht mehr wurde der Wissenschaft dermassen viel Raum im politischen Alltag gegeben. Aber seien wir ehrlich: die Konzentration auf die Virologie ist zu einseitig. Die “Stunde der Virologen” muss durch eine “Stunde der Psychologen”  (und vielfältiger anderer human- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen) ergänzt werden. Ein Starren auf das Virus mit naturwissenschaftlichem Fokus verengt den Blick. Dafür ist die Gemengelage bei weitem zu komplex, als dass man sie auf einige wenige Aspekte reduzieren könnte. Dies macht auch die dritte Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina (mit dem schönen Titel: “Die Krise nachhaltig überwinden”, hier als PDF) deutlich, an der aus unserem Heidelberger Institut Klaus Fiedler mitgewirkt hat.

Und noch etwas, was manche noch lernen müssen: Wissenschaft liefert keine eindeutigen Resultate, sondern die (zumeist vorläufigen) Ergebnisse müssen interpretiert werden. Es braucht “scientific literacy“, um die wissenschftliche Diskussion verstehen und bewerten zu können. Was heisst das? Der Begriff “scientific literacy” ist im Kontext der PISA-Erhebungen entstanden und wird mit “naturwisschaftlicher Grundbildung” übersetzt. PISA: Das ist die weltweite Untersuchung von Kompetenzen 15jähriger Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Bereichen: Neben Lese- und Rechenfähigkeiten (reading literacy, math literacy) werden weitere “literacies” diskutiert und erhoben. “Science” gehört dazu, “problem solving” auch (siehe z.B. meinen Blog-Beitrag dazu von 2017); “financial literacy” ist umstritten, “scientific literacy” dagegen ist unumstritten: Sie soll helfen, naturwissenschaftliche Fragestellungen zu erkennen, naturwissenschaftliche Phänomene zu erklären und naturwissenschaftliche Evidenzen zu nutzen (so PISA 2006).

Noch einmal: Im Kern ist Wissenschaft die Kunst des Zweifelns und der angemessenen Skepsis! Die Freude etwas entdeckt zu haben ist immer auch verbunden mit der Möglichkeit des Irrtums. Der Wissenschaftstheoretiker Sir Karl Popper meint, dass wir nie wissen, wann wir die “Wahrheit” in Händen halten, aber dass wir mit dem Instrument der Falsifikation ganz schnell einen Irrtum nachweisen können. Darum geht es nämlich: Nicht jeden Irrtum ausschließen zu wollen, sondern ihn nachweisbar zu machen, wenn man ihn denn begangen hat - das ist die beste Art von Wissenschaft, die ich kenne! Solche Prinzipien leiten mich durch die gegenwärtige Krise und die zahlreichen Einschränkungen, die wir zur Zeit auch als Wissenschaftler hinnehmen müssen (geschlossene Labore, ausfallende Dienstreisen, abgesagte Konferenzen).

Nicht zuletzt hilft mir persönlich ein Satz von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (siehe meinen Blog-Eintrag von 2007 zur Hegel-Gedenktafel am Parkhaus in der Plöck): “Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit” - wenn man die Sinnhaftigkeit der Massnahmen versteht, kann man sie viel entspannter akzeptieren…

Gastbeitrag “Widerständiges Denken: Die theoretische Psychologie bei Joachim Funke”

Beim nachfolgenden Gastbeitrag habe ich zunächst gezögert, weil er ein paar lobende Aussagen in bezug auf meine Person enthält - dafür sollte dieser Blog nicht dienen. Dennoch habe ich mich zur Publikation entschlossen, weil mich die netten Worte natürlich gefreut haben und es in erster Linie um die Sache der “Theoretischen Psychologie” geht, die Alexander Wendt ein Herzensanliegen ist.

Gastbeitrag “Widerständiges Denken: Die theoretische Psychologie bei Joachim Funke”. Von Dr. Alexander Wendt

In den letzten Tagen ist meine Exmatrikulation erfolgt. Damit schließt sich ein achtjähriges Kapitel meiner Lebensgeschichte. Es begann, als ich anlässlich des sog. „Erstsemester Kompaktseminars“ zum ersten Mal den für Hermann von Helmholtz errichteten Friedrichsbau unseres Heidelberger Psychologischen Instituts betrat. Zur Einführung waren wir Frischlinge noch in der ersten Woche vor dem Auftakt des ersten Semesters dazu aufgefordert, uns mit dem Institut vertraut zu machen. Meine erste Wahl für die Begehung der Arbeitseinheiten fiel auf die Allgemeine Psychologie. In offener Runde sitzend sollte ich zu diesem Anlass zum ersten Mal von einem charmanten, stets vergnügten und motivierten Professor in den Bann gezogen werden, den ich seit letztem November meinen Doktorvater nennen darf: Joachim Funke.

Seit dieser – für mich schicksalshaften – ersten Kontaktaufnahme mit Joachim Funke habe ich mich bei allen akademischen Belangen auf ihn verlassen können. Zwei Bachelor- und zwei Masterarbeiten (jeweils eine psychologische und eine philosophische) konnten entstehen, weil mir von ihm das Gefühl vermittelt wurde, dass Querdenker und Waldgänger wie ich in der Psychologie einen Platz haben. Dieser Platz trägt den denkwürdigen Namen „theoretische Psychologie“ und ich freue mich, dass ich mit Stolz den Studierenden, die heutzutage am Beginn jedes Wintersemesters in das ‚Erstsemester Kompaktseminar‘ kommen, selbst davon berichten kann, dass in der Psychologie die theoretische Arbeit einen besonderen, wenn auch vernachlässigten Platz hat.

Was die ‚theoretische Psychologie‘ ist, ist strittig. Dieser Satz sollte auf zwei Weisen verstanden werden. Erstens ist es im direkten Sinne strittig, worum es sich handelt, wenn ‚theoretische Psychologie‘ angesprochen wird. Mancher mag ein Analogon zur theoretischen Physik vermuten: Also die Bemühung um eine Vereinheitlichung, gewissermaßen die Suche nach übergeordneten Strukturmustern bis hin zur Weltformel. Es ist nicht zu leugnen, dass die theoretische Psychologie auf diese Weise betrieben worden ist. Ein aller Ehren wertes Beispiel ist die Arbeit von Johannes Lindworsky und seiner Schülerin Maria Krudewig (die ihrerseits Lehrerin des großen Heidelberger Psychologen Carl Friedrich Graumann gewesen ist). Lindworskys „Theoretische Psychologie im Umriss“ (1926) ist ein Beispiel für den Versuch, eine globale Ordnung der Seele darzustellen. Das mag Zeitgenossen lächerlich erscheinen, spielt in der geistesgeschichtlichen Genese der modernen Psychologie aber eine sachdienliche Rolle.

Andere mögen die ‚theoretische Psychologie‘ für einen meta-wissenschaftlichen Lückenbüßer halten. ‚Theoretische Psychologie‘ leistet dann nicht mehr als die Modelle, die Methoden und die Geschichte der Disziplin zu beschreiben. Mithin ist die ‚theoretische Psychologie‘ in diesem Sinne nichts weiter als ein weiterer Arm des Hekatoncheiren Psychologie: Es werden dann empirische Untersuchungen über das Forschungsverhalten von Psychologinnen und Psychologen angestellt – und die ‚theoretische Psychologie‘ rückt in die Nähe der Wissenschaftssoziologie.

Meine Sichtweise widerspricht beiden Lagern. Sie lässt sich auf den zweiten Sinn der Strittigkeit gründen: Nicht nur die Form, sondern der Gehalt der theoretischen Psychologie selbst ist strittig, denn die Disziplin der Psychologie befindet sich, wie bereits Karl Bühler entdeckte, in einer Strukturkrise. Das bedeutet, dass der Streit in der Psychologie kein Übergangsphänomen oder das Anzeichen einer jungen, ihre Form suchenden Wissenschaft ist, sondern wesentlich zu ihr gehört. Die „Krise in der Psychologie“ ist keine Bürde, sondern ihr revolutionäres Potenzial. Theoretische Psychologie ist deswegen, um einen Ausdruck von Jochen Fahrenberg zu leihen, eine ‚Systematik der Kontroversen‘. Die theoretischen Psychologinnen und Psychologen sind dabei manchmal Schiedsrichter, manchmal müssen sie den Streit aber auch anfachen, widerständig denken. In jedem Fall muss die theoretische Psychologie die urwüchsige Leidenschaft dieses hundertarmigen Riesen, der Psychologie heißt, erwecken – eine Leidenschaft, die uns Psychologen eigen ist, weil unser Gegenstand nicht bloße Materie unter dem Mikroskop (oder im fMRT) ist, sondern der lebendige Mensch!

Dass seit Joachim Funkes Emeritierung kein deutscher Lehrstuhl mehr den Titel ‚theoretische Psychologie‘ führt, ist bedenklich. Hyperbolisch ließe sich als Variation auf Martin Heideggers berühmte Vorlesung „Was heißt Denken?“ (1951/52) sagen: ‚Das Bedenklichste ist, dass die Psychologie nicht mehr denkt‘! Die ‚theoretische Psychologie‘ führt eine schattenhafte Existenz. Damit ist nicht nur ihre institutionelle Vernachlässigung gemeint, sondern auch ihre – beinahe – unzeitgemäße Form: Theoretische Psychologie findet eher in Büchern als in Zeitschriften statt, ist eher langatmig als  hyperventilierend. Theoretische Psychologinnen und Psychologen schlagen auf der Suche nach kontroversen Positionen lieber den Weg durch das Dickicht ein und verstaubte Bücher auf, als dem Mainstream Vertrauen zu schenken. Gewissenhafteren Geistern mögen sie als Scharlatane gelten, doch der Ansporn der theoretischen Psychologie ist selbstlos: Sie will die Glut des lebendigen Geistes entfachen! Dies habe ich von Joachim Funke gelernt.

Heidelberger Jahrbücher 1957-2019: eine wahre Fundgrube!

Seit 2007 bin ich als Mitglied des Vorstands der “Gesellschaft der Freunde Universität Heidelberg e.V.” (GdF) zuständig für die Betreuung der “Heidelberger Jahrbücher“. Dabei handelt es sich um eine der ältesten Zeitschriften der Welt, die im Jahr 1807 von den “Heidelberger Romantikern” begründet wurde und immer noch existiert. Auf der Webseite der GdF heisst es:

“Die Gesellschaft der Freunde ist Herausgeber der traditionsreichen Schriftenreihe Heidelberger Jahrbücher. Die Publikation wurde im Jahr 1807 von Heidelberger Professoren unter dem Namen Heidelbergische Jahrbücher der Literatur begründet und hat eine wechselvolle und durch zwei Weltkriege unterbrochene Geschichte hinter sich. Verantwortlich für die Themenfindung und Autorensuche sind die vom Verein beauftragten Bandherausgeber.”

Auf meinen Vorschlag hin als Verantwortlicher für diese Buchreihe/Zeitschrift hat die GdF den mit dem Springer-Verlag seit 1957 laufenden Vertrag aus Kostengründen gekündigt; seit 2010 haben wir die Publikation in eigene Hände genommen und damit unsere Kosten deutlich reduziert. Dank der guten Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek und dank vieler unterstützender Herausgeber sowie aktiver Autorinnen und Autoren bleibt die Reihe auch nach 200 Jahren sehr lebendig.

2011 gab es einen Jubiläumsband zum 625jährigen Geburtstag der Universität, der aufgrund technischer Probleme erst 2013 fertiggestellt werden konnte. 2012, 2013, 2014 und 2015 sind keine Bände erschienen. Seit 2016 existiert die Reihe in völlig neuem Format mit dem Zusatz “Online” im Titel, als Open-Access-Publikation in der Hand von “Heidelberg University Publishing” (Band 1, 2016: Stabilität im Wandel; Band 2, 2017: Citizen Science; Band 3, 2018: Perspektiven der Mobilität; Band 4, 2019: Schönheit: Die Sicht der Wissenschaft; Band 5, 2020 zum Thema “Entwicklung” ist in Vorbereitung, ebenso Band 6, 2021, zum Thema “Intelligenz”). Alle Beiträge der neuen Serie sind frei zugänglich als PDF, aber auf Wunsch (und gegen geringes Entgelt) werden auch sehr schöne gebundene Exemplare geliefert!

Nun habe ich vor kurzem ein Inhaltsverzeichnis (das ist der Schlüssel zur Schatztruhe!) der Beiträge ab 1957 erstellt und bin ganz begeistert, was wir dort für Schätze gesammelt haben! Wenn man dieses Verzeichnis durchsieht, stößt man auf viele interessante Beiträge von bekannten Autorinnen und Autoren und auf viele spannende Themen. Ich habe z.B. erst hier (im Band von 1962) von einem tragischen Flugzeugabsturz 1961 erfahren, bei dem 10 Althistoriker der Uni Heidelberg auf dem Weg zu einer Exkursion ums Leben kamen (hier ein Nachruf).

Ein paar Beispiele (in Klammern das Erscheinungsjahr des Jahrbuchs): Die erste weibliche Rektorin der Neuzeit an einer westdeutschen Universität in der schwierigen Zeit 1966-1969 ist vertreten, Margot Becke (1967). Auch die (Alt-)Rektoren Werner Conze (1958), Gottfried Köthe (1961), Fritz Ernst (1962), Kurt Lindemann (1964), Wilhelm Gallas (1965), Günther Bornkamm (1966), Adolf Laufs (1980, 1994), Gisbert zu Putlitz (1984, 1997), Volker Sellin (1988), Peter Ulmer (1997), Jürgen Siebke (1998) und Bernhard Eitel (2011) sind zu finden.

Zu finden sind Beiträge von Karl Jaspers (1961) und Hans-Georg Gadamer (1988, 1990, 1993), Jürgen Habermas (1996), Paul Ricoeur (1987, 1989), Hilde Domin und Manes Sperber (beide 1984), den Nobelpreisträgern Bert Sakmann (1992) und Harald zur Hausen (2006), Jan Assmann (2000), dem Verfassungsrichter Paul Kirchhof (1997) und dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil (2000). Viele andere bekannte Namen sind zu finden – ich höre mit meinen Bespielen auf, um nicht ungerecht gegenüber den Nicht-Genannten zu werden…

Aber es gibt auch manche Themen, die ins Auge springen und zur Lektüre verlocken. Auch hier nur ein paar Beispiele zum “Anlocken”: “Der Romfahrer Sigmund Freud” (1960), “Das Jahr 1849 in Heidelberg im Augenzeugenbericht eines Studenten” (1971), “Die Krone der Schöpfung - Der Affe auf dem Weg zum Gott?” (1980), “Entstehungsgeschichte des Deutschen Krebsforschungszentrums. Verwirklichung einer Idee” (1985), “Eine unbekannte Beschreibung Heidelbergs und des Rhein-Neckar-Gebietes aus dem Jahr 1661″ (1988), “Kunstschätze der Heidelberger Jesuitenkirche” (1991), “Das Universitätsmuseum” (1997) oder “Drohen, verleumden, klagen oder: Wie man Götter und Dämonen zu bösen Taten verleitet” (2008).

Bis ins Jahr 1996 sind zudem im hinteren Teil der Jahrbücher die Veröffentlichungen der Dozierenden aus allen Fakultäten dokumentiert (”Dozenten-Bibliografie”)  auch nicht schlecht! Und von 1959 an bis 1985 gibt es unter dem Titel “Aus der Arbeit der Universitätsinstitute” immer wieder interessante Beiträge aus verschiedensten Instituten, etwa “Das Diakoniewissenschaftliche Institut. Gründung und Auftrag” (1978) oder “Das Slavische Institut der Universität Heidelberg. Zur Geschichte seiner Gründung” (1981).

Ein Schatz, der hier über Jahrzehnte gesammelt wurde und der es in meinen Augen verdient, gelegentlich gehoben zu werden! Wie schön, dass die “Gesellschaft der Freunde” dieses Projekt weiterhin trägt! Der Dank richtet sich an alle Mitglieder, ohne deren Unterstützung das nicht zu leisten wäre! Daher auch mein Angebot: Mitgliedern der “Gesellschaft der Freunde” (und solchen, die es werden wollen!) stelle ich auf Wunsch PDF-Versionen von ausgewählten Kapiteln zur Verfügung (bitte Email an joachim.funke@psychologie.uni-heidelberg.de). Ich freue mich, wenn ich meine Begeisterung über diese Sammlung mit anderen teilen kann!

Webinar “Psychologische Aspekte der Corona-Krise”

Auf Einladung der “Grünen Jugend Heidelberg” bin ich zu meinem allerersten Webinar (=virtuelles Seminar) gekommen. Anlaß war der Weltgesundheitstag am 7.4.2020. Das Webinar stand unter dem Thema “Mental Health Matters - Psychologische Aspekte der Corona-Krise” (hier der Link).

Rund 70 Teilnehmende fanden sich gegen 17 Uhr im virtuellen Seminarraum ein (wie in der realen Vorlesung: einige kamen später dazu…), wo ich nach einer kurzen Vorstellung durch Elisabeth Pielhoff (Landesvorstand Grüne Jugend Baden-Württemberg), die das ganze Webinar aufgesetzt hatte und es auch moderierte, etwa eine halbe Stunde lang von meiner Dachstube aus meine Punkte vortragen konnte (meine 12seitige Präsentation zum Thema war auf allen angeschlossenen Bildschirmen zu sehen). So sah der Bildschirm die meiste Zeit aus (natürlich hat sich der Folieninhalt und auch der Chat [ich habe die Namen der Tln abgedeckt] am rechten Rand fortlaufend verändert…):

Im Anschluß wurden Fragen gestellt, die entweder direkt von den Teilnehmenden selbst vorgetragen oder von der Moderatorin vorgelesen und dann von mir beantwortet wurden. Eine richtige Diskussion (wie sie im Hörsaal mit mehrfachem Wechsel von Frage, Antwort, Nachfrage, usw. vorkommt) kam allerdings hierbei nicht zustande. Aber das tat der Interaktivität kaum Abbruch. Für mich ungewohnt war die Notwendigkeit, vor der Kamera zu sitzen - normalerweise laufe ich vor den Zuhörenden hin und her. Die fehlende Mobilität (nötig wg. der fixen Kamera) hat bei mir zu einer Verstärkung der Arm-Gestik geführt. Als ich die Aufzeichnung meines Vortrags nochmals ansah, musste ich lachen über mein ständiges Gestikulieren. Thinking, talking, moving: ein klarer Fall von embodied cognition

Insgesamt eine gute Erfahrung! Auch wenn das Webinar nicht die Unmittelbarkeit einer realen Begegnung besass: Informationen können lebendig weitergegeben werden, gelegentlich wurde sogar gelacht (was ich als gutes Zeichen werte). Wir alle werden uns vermutlich mit diesen digitalen Vermittlungsformaten anfreunden müssen. Meine ersten Erfahrungen sind positiv!

Wechsel in der Geschäftsführung

Prof. Dr. Birgit Spinath

Prof. Dr. Birgit Spinath

Alle zwei Jahre wechselt in unserem Institut die Geschäftsführung, jetzt ist es mal wieder soweit. Zum 1.4. übernimmt Birgit Spinath den Stab von Andreas Voß. Geschäftsführung: das ist bei uns noch ganz klassisch “primus inter pares” (ja, das gibt es noch!), also ein/e Geschäftsführende/r Direktor/in. Im wesentlichen  bedeutet dies die Administration von Finanzen, Personal und Räumen. Die Leitung des Professoriums (=der gemeinsamen Zusammenkünfte aller Professorinnen und Professoren) und die Vertretung das Faches in Gremien wie z.B. Fakultätsrat gehören dazu, nicht zu vergessen die Genehmigung von Urlaubsanträgen… Erfreulicherweise steht mit unserem Kustos Dr. Joachim Schahn ein erfahrener Administrator zur Unterstützung bereit.

Andreas Voss

Prof. Dr. Andreas Voss

Lieber Andreas: danke für’s „Kümmern“ um die Institutsangelegenheiten in den letzten zwei Jahren! Das war ja eine nicht unerhebliche Zusatzlast, die Du getragen hast! Wir alle wünschen Dir jetzt wieder Forschen und Lehren mit voller Kraft!

Und Dir, liebe Birgit, wünsche ich eine ruhige Hand in schwierigen Zeiten - Du bist die erste Geschäftsführerin, die ein Institut im Lockdown-Zustand übernimmt! Wir alle stehen bereit Dir zu helfen, da bin ich mir sicher! Und die laufenden Herausforderungen (z.B. Überlastwelle Nebenfach; Implementation des neuen Psychotherapie-Studiengangs und Konsolidierung des “normalen” Masterstudiengangs Psychologie; Neustart der Arbeits- und Organisationspsychologie) werden sich bald bemerkbar machen… Vielleicht haben wir ja demnächst das erste “virtuelle” Professorium via Skype (o.ä.)?

Corona-Probleme

Morphologie des Coronavirus Covid-19. - © APAweb / afp / Lizabeth Menzies

Morphologie des Coronavirus Covid-19. - © APAweb / afp / Lizabeth Menzies

Die aktuelle Krisensituation der Covid-19-Pandemie ist für alle belastend - als Wissenschaftler betrachte ich das ablaufende Geschehen aber auch aus meiner psychologischen Forscher-Brille. Natürlich gibt es momentan extrem viele Bezüge zur Psychologie, denn es geht ja um menschliches Denken, Handeln und Fühlen. Ich kann mich an dieser Stelle nur auf mein Spezialgebiet, die Perspektive des Problemlösens, einlassen (zahlreiche andere Corona-relevante Themen der Psychologie finden sich z.B. hier: American Psychological Association, APA; American Psychological Science, APS; Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, BDP; neueste Forschung zu Corona allgemein: arXiv).

Was sagt der Problemlöse-Forscher zu dieser Situation? Ein “normales” Problem ist dadurch definiert, dass wir ein Ziel haben und nicht genau wissen, wie wir es erreichen können (Unklarheit über die zur Zielerreichung einsetzbaren Mittel, z.B.: Wie komme ich ohne ÖPNV-Gebrauch zum Einkauf?). “Komplexe” Probleme erschweren diesen Zustand, weil schon die zu erreichenden Ziele alles andere als klar definiert sind (Was bedeutet “Abflachen der Infektionskurve” genau? Wie wichtig ist soziale Distanzierung im Vergleich zur Sicherstellung einer elementaren Wirtschaft? Woran erkenne ich eine Verbesserung der Lage?).

Die Situation zwingt uns zum Nachdenken über unser (für diese Situation nicht mehr ausreichendes) Routine-Handeln: Fast sämtliche Routinen des täglichen Lebens werden in Frage gestellt, neue Lösungen für die anstehenden Probleme werden dringend gesucht. Toll, wie jetzt z.B. Nachbarschaftsinitiativen den Risikopersonen beim Einkaufen helfen!

Komplexe Probleme (“ill-defined problems”, “wicked problems”, “clumsy problems”) sind durch fünf Merkmale charakterisiert: Komplexität, Vernetztheit, Dynamik, Intransparenz und Vielzieligkeit (“Polytelie”). Die Corona-Krise weist natürlich alle diese Merkmale eines komplexen Problems auf:

  • Komplexität: Die Komplexität des ablaufenden Geschehens ist hoch - sehr viele Baustellen müssen gleichzeitig im Blick behalten werden. Neben der weltweit bedrohten Gesundheit sehen wir eine bedrohte Weltwirtschaft. Aber hinter diesen globalen Großproblemen verbergen sich Tausende Detailprobleme. Das überfordert unsere begrenzte menschliche Verarbeitungskapazität.
  • Vernetztheit: Früher sagte man leichthin „Was kümmert es mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt“ - heute weiss man, dass uns das etwas angehen könnte. Der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, der einen Tornado auslöst, oder das Sandkorn, das ein Erdbeben in Gang setzt, zeigen die Bedeutsamkeit scheinbar weit entfernt liegender Ereignisse für unseren unmittelbaren Alltag. Die Vernetztheit unserer globalen Welt zeigt Nebenwirkungen an Stellen, an denen wir nicht damit gerechnet haben.
  • Dynamik: Wir haben es mit einer dynamischen Situation zu tun, sagt Kanzlerin Merkel - gemeint ist damit, dass sich die Situation (und damit auch die Lage-Bewertung) rasch ändern kann. Ständig wird nachjustiert. Im Hintergrund läuft nämlich ein nicht-linearer Prozess der Virenverbreitung ab, der unser Vorstellungsvermögen überschreitet. Das berühmte Reiskorn, das man auf den 64 Feldern eines Schachbretts von Feld zu Feld verdoppeln soll: es fängt mit 1-2-4-8-16 ganz harmlos an, aber schon bei 64-128-256-512-1024 merken wir, dass die Zahlen rapide wachsen. Wenn wir also heute 12.000 Infizierte haben, sind das in vier weiteren Tagen (12 - 24 - 48 - 96) schon 96.000 und nach weiteren vier Tagen 1.5 Mio (192 - 384 - 768 - 1.536). Wow! Natürlich hat dieses exponentielle Wachstum eine Obergrenze und ist irgendwann vorbei… [hier sind interessante Simulationen der Virus-Ausbreitung zu finden].
  • Intransparenz: Neuartige Situationen wie diese sind extrem undurchsichtig und werfen viele Fragen auf (”Wann ist das exponentielle Wachstum vorbei?”). Diese Undurchsichtigkeit weckt einen Informationsbedarf, dessen Grenze unklar ist: Wann habe ich genügend Information, um handeln zu können? Einerseits ist es eine Sternstunde für die Wissenschaften, die nun gefragt sind (aber natürlich auch nicht auf alle Fragen eine Antwort kennen - seriöse Info beim Robert-Koch-Institut), andererseits ist es auch eine Hoch-Zeit von Halbwahrheiten und Falschmeldungen. Nichts Genaues zu wissen verursacht Angst - und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Übrigens: MedWatch.de warnt vor unseriösen Heilsversprechen.
  • Vielzieligkeit (“Polytelie”): Auch wenn es ein klares Oberziel gibt (Ausbreitung verhindern, Menschen gesund bleiben lassen), gibt es viele Neben-Ziele (die Wirtschaft -wenigstens in Grundbereichen- am Laufen halten, soziale Kontakte aufrechterhalten; bürgerliche Grundrechte wahren; etc.). Diese Konflikte zwischen verschiedenen Zielen versuchen Politiker mit ihren Entscheidungen zu lösen (radikale Ausgangssperre versus moderate Ausgangsbeschränkung). Kompromisse sind dabei unvermeidlich.

Was können wir aus bisheriger Forschung zum Lösen komplexer Probleme lernen? (1) Es gibt (leider!?) keine Patentrezepte. (2) Niemand weiss, was die beste Lösung des Problems ist. (3) Man sollte trotz Ungewißheit und Unsicherheit Ruhe bewahren und nicht die Übersicht verlieren. (4) Fehler werden gemacht werden - bitte nicht vertuschen, sondern versuchen aus ihnen zu lernen.

Hoffnungsvoll stimmen nicht nur Empathie und Hilfsbereitschaft großer Teile der Bevölkerung (als Gegengewicht gegen Egoismus und Verantwortungslosigkeit, Stichwort “Corona-Parties“), sondern auch zahlreiche kreative Lösungsversuche. Ein Beispiel: die Textilfirma Trigema etwa produziert in diesen Zeiten keine T-Shirts, sondern Mundschutz. Automobilhersteller könnten bei der Produktion von Medizintechnik (Beatmungsgeräte) helfen.

Bleiben Sie gesund und verhalten Sie sich vernünftig, ansonsten müssen wir wohl ertragen, was da kommt (und auch wieder vorübergeht - fragt sich nur, wann…). Wir sind Verursacher und Leidtragende dieser Krise, aber wir sind auch diejenigen, die etwas tun können! In diesem Fall ist Nichts-Tun (Stillhalten, physical distancing - NICHT social distancing! Danke, Lenelis Kruse, für den Hinweis auf den wichtigen Unterschied!) sogar ausgesprochen vernünftiges Handeln! Aber natürlich kann jeder Einzelne auch mit seinen Kompetenzen zum Lösen von Problemen beitragen: allein der Hackathon der Bundesregierung “WirVsVirus” hat gut 40.000 Personen auf der Suche nach Problemlösungen zusammengebracht. Motto: „Wir sind sektorübergreifend zusammengekommen, um gemeinsam einen digitalen Raum zu schaffen, in dem an Lösungen für die Herausforderungen durch COVID-19 gearbeitet werden kann“).

Nachtrag 25.3.2020: Ein paar lesenswerte Beiträge zur Corona-Pandemie aus psychologischer Sicht findet man beim Jounal “In-Mind” hier (Danke, liebe Eva, für den Hinweis!).

Marlene Bach: “Samtschwarz”

Wieder einmal ist es an der Zeit, den neuen Krimi der mir bestens bekannten Heidelberger Autorin Marlene Bach mit dem Titel “Samtschwarz” vorzustellen. Dies hier ist, was der Klappentext verspricht:

Es ist die Zeit der blühenden Glyzinien, als in Heidelberg der attraktive Vinzent in der Pension von Mila Böckle auftaucht. Wenig später verschwindet er unter mysteriösen Umständen. Mila bittet Hauptkommissarin Maria Mooser um Hilfe. Die Suche nach Vinzent führt die beiden ungleichen Frauen nach Handschuhsheim, einst Zentrum der europäischen Füllerproduktion. Dort soll ein kostbarer Füller aufgetaucht sein. Über Feder und Tinte geraten Mila und Maria Mooser in den Kampf einer radikalisierten Gruppe junger Menschen, aus dem es für die beiden nur eine Chance gibt, lebend herauszukommen: gemeinsam.

Der siebte Roman der Handschuhsheimer Autorin bringt wieder die beiden Frauen Mila Böckle (das unkonventionelle Nordlicht) und Maria Mooser (die knorzige Hauptkommissarin) auf den Plan. Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, die aber auch zugleich eine starke Beziehung zueinander entwickeln (nicht nur mit positiven Gefühlen…).

Der Roman bringt auch eine spannende Geschichte von Handschuhsheim ans Tageslicht: In diesem Stadtteil lag einmal das Zentrum der europäischen Füllerproduktion (heute nur noch mit dem Namen Lamy verbunden, eine Firma, die in einen anderen Stadtteil Heidelbergs angesiedelt ist)!  Das kürzlich in Handschuhsheim eröffnete Füllfederhalter-Museum zeugt von dieser interessanten Geschichte (und spielt natürlich als Schauplatz im Roman eine wichtige Rolle). Der Roman in einem Satz: Mit Gewalt lässt sich nichts zum Guten wenden! Diese Botschaft in den vielen Sätzen des Textes zu lesen ist wesentlich unterhaltsamer! Ich kann die Lektüre nur empfehlen!

Die Jagd nach einem kostbaren Füller ist Bestandteil der Geschichte - ich wusste vorher nicht, dass diese Schreibgeräte dermassen teuer sein können (für den weltweit teuersten Füller namens “Fulgor Nocturnus” wurden bei einer Auktion angeblich 8 Mio Euro gezahlt). Mein eigener Füller (ein GeHa) war vergleichsweise billig :-)

Die Premierenlesung war für den 27. März 2020 um 19:30 Uhr (wie nicht anders zu erwarten) in der Bücherstube Tiefburg in Handschuhsheim angesetzt - infolge der Covid-19-Pandemie ist eine Verschiebung auf einen späteren Zeitpunkt vorgenommen worden.

Nachtrag 25.3.2020: Wer Marlene Bach lesen hören mag, klicke hier: Die 12minütige Kurzgeschichte “Stadtvögel” (ausgezeichnet mit dem “Holzhäuser Heckethaler” 2017). Unter den Leseproben findet sich auch ein Audio-File mit einer kurzen Vorstellung des neuen Buches.

HCE-Direktorium zurückgetreten

An der Universität Heidelberg gibt es seit 10 Jahren ein Zentrum für Umweltforschung: das “Heidelberg Center for the Environment” (HCE). Das Selbstverständnis dieses virtuellen Zentrums (virtuell, weil es im Unterschied zu vielen anderen Zentren an unserer Universität nicht über ein eigenes Gebäude verfügt) laut Homepage (Stand 8.3.2020):

“Das Heidelberg Center for the Environment (HCE) verbindet ein weites Spektrum an Umwelt-Perspektiven von den Natur- über die Sozial- bis zu den Kulturwissenschaften. Es befasst sich mit der physischen und der sozio-kulturellen Umwelt des Menschen, mit der diesen Umwelten eigenen Dynamik und mit ihren Wechselwirkungen. Die Intensität dieser Wechselwirkungen hat in der jüngeren Geschichte auf verschiedenen Feldern stark zugenommen, was zur übergreifenden Betrachtung und Vereinigung der Perspektiven unterschiedlicher Wissenschaftskulturen herausfordert.”

Wie schon in einem früheren Blog-Eintrag beschrieben (siehe hier), bestehen angesichts aktueller politischer Debatten rund um den Klimawandel unterschiedliche Auffasungen bei den über 80 Mitgliedern des HCE, beim Rektorat und auch im Vorstand des HCE. Da das bislang ohnehin schon schmale Budget des HCE (unterhalb einer halben Million Euro pro Jahr) erneut für das Jahr 2020 gekürzt wurde, sind zudem die Handlungsmöglichkeiten zunehmend eingeschränkt.

Nun teilt das Direktorium (bestehend aus Thomas Meier, Marcus Koch, Guido Sprenger und Jale Tosun) nach zweieinhalbjähriger Tätigkeit seinen Rücktritt mit. Die Akteure wollen damit “den Weg frei machen für ein neues Leitungsteam”. Warum? Dazu heisst es lapidar, “dass sich das HCE im Lichte der ExStra [Exzellenz-Strategie, JF] neuen Anforderungen gegenüber sieht; eine Situation, die aus unserer Sicht auch neue Köpfe erfordert”.

Erkennbar klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander: Nach außen (etwa in der Lokal-Zeitung RNZ) wird kommuniziert, dass das HCE ein wichtiger Teil der Universität im Rahmen der Exzellenzstrategie als Antwort auf den Klimawandel sei (z.B. taucht in der Antwort des Rektors auf die Forderungen der Students for Future das HCE allein an 19 Stellen im Text auf); nach innen ist neben der Budget-Kürzung um gut ein Drittel des eh schon niedrigen Etats auch ein Unmut über die breite Ausrichtung der Aktivitäten zu spüren, der Wunsch nach einer naturwissenschaftlich dominierten Engführung des Themas unter Leitung sogenannter “Kerndisziplinen” (Geographie und Umweltphysik) liegt in der Luft. Dabei sehe ich persönlich gerade die hohe Fächervielfalt, die im HCE gebündelt ist, als eine Stärke an - wir reden ja stolz vom Konzept der “comprehensive university” (Voll-Universität).

Ich bedanke mich beim Direktorium für die geleistete Arbeit! Mal sehen, wie es weitergeht - ich selbst bedauere den Rücktritt, aber ich verstehe auch, dass der Druck aus dem Kreis der Mitglieder und aus dem Rektorat irgendwann so groß wird, dass man lieber den Platz für andere freimacht. Dass der (nun zurückgetretene) Direktor des HCE Thomas Meier mit seinem Beitrag “Gegen die Aufteilung der Welt. Lösungen für die Welt von morgen” in der Ruperto Carola 2019 manchen verärgert haben mag, ist nicht auszuschließen (noch schärfer: sein Beitrag im Marsilius-Jahrbuch 2019/20). Mir hat sein Vorschlag, sich auf “eine neue Universität jenseits der Disziplinen einzulassen” (S. 20), jedenfalls zugesagt - Große gesellschaftliche Herausforderungen machen nicht an Fächergrenzen halt…