Skip to content

Gastbeitrag “Gemeinsam statt einsam!”

Gastbeitrag „Gemeinsam statt einsam! Ein Mitmach-Projekt zum Schutz vor psychischer Belastung“ von Leonie Martin, Studentin der Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg

In Gemeinschaft basteln, Radfahren oder kochen? Das ist die Idee des Präventionsprojekts „prEVENTion“, das von Heidelberger Psychologiestudierenden und MitarbeiterInnen der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität Heidelberg diesen Frühling ins Leben gerufen wurde. Das Angebot richtet sich an Menschen jeden Alters, die aufgrund schwieriger oder neuer Lebensumstände gerne mit anderen in Kontakt kommen oder an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen möchten. Während herausfordernder Lebensphasen – für die es vielfältige Gründe gibt wie Umzug, Trennung, Erkrankungen oder den Eintritt in die Rente – ist das Risiko erhöht, an psychischen Störungen wie bspw. Depressionen zu erkranken. Mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und gemeinsam aktiv zu sein, ist eine wirksame Methode, um die psychische Gesundheit zu erhalten oder zu verbessern.

Hierbei soll das vielfältige Programm des prEVENTion-Projekts helfen. Monatlich erscheint ein Kalender mit Terminen und Treffpunkten für die unterschiedlichen Aktivitäten, die von engagierten Studierenden organisiert werden (www.prevention-hd.de). Für die Teilnahme ist weder eine Anmeldung noch ein Kostenbeitrag erforderlich. Das Besondere an diesem Angebot ist, dass individuell und spontan entschieden werden kann, ob und welchen Aktivitäten man sich anschließen möchte. Man kann somit unverbindlich laufen und wandern gehen, sowie gemeinsam kochen, lesen oder basteln.

Die Sport-Community trifft sich regelmäßig zum Joggen, Wandern oder Radfahren. Im Mittelpunkt steht dabei das gemeinsame Bewegen an der frischen Luft, frei von Wettkampfgedanken und Leistungsdruck. Die Kreativgruppe plant regelmäßige Treffen zu bestimmten Themen, beispielsweise drehte sich ein Termin um Collagen. Bei Gesprächen in lockerer Atmosphäre kann man basteln oder sich kreativ ausdrücken. Für kulturell Interessierte organisiert die Koch- und Lesegruppe gemeinsame Kochabende und im Rahmen eines Lesezirkels werden Bücher sowie literarische Texte diskutiert. Das Ziel für alle Gruppen ist, eine freundschaftliche und unterstützende Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder einbringen kann, aber nicht muss.

Die am Projekt beteiligten ehrenamtlichen OrganisatorInnen sind von Herzen dabei und freuen sich bereits auf Ihr Kommen!

Homepage: https://www.prevention-hd.de, Facebook: Stichwort „prevention Heidelberg

Das ehrenamtliche Team

Das ehrenamtliche Team

Bob Sternberg zu Besuch

Einer seiner ersten offiziellen Besuche in Heidelberg war Ende April 2005, seine Honorarprofessur hat er im Jahr 2007 erhalten, seither kommt er regelmäßig (einmal jährlich) und hält unterhaltsame Vorlesungen und Seminare in Heidelberg ab: Wieder einmal war unser Honorarprofessor Robert Sternberg mit seiner Frau Dr. Karin Sternberg und seinen Drillingen Melody, Sammy und Brittany (sie gehen schon zur Schule!) zu Besuch in Heidelberg. Er hat sein Blockseminar zum Thema “Success and failure in leadership” bei hochsommerlichen Temperaturen abgehalten und zudem einen spannenden Vortrag zum Thema “Time Bomb: How the Western Conception of Intelligence is Taking Down Humanity” gehalten. Zitat aus seiner Vortragsankündigung:

In this talk, I will discuss the evolution of my thinking about intelligence. In the process, I will try to show how scientific thinking evolves over the course of a career, discarding or elaborating upon earlier ideas in favor of newer ones. I will discuss, in turn, the componential theory of intelligence, the triarchic theory of intelligence, the theory of successful intelligence, the augmented theory of successful intelligence, and the new theory of intelligence serving as a mental immune system. I will suggest that conventional views of intelligence have had a catastrophic effect on societies, resulting in the promotion of incompetent and often malign individuals into positions of leadership and authority, and leaving marginalized far more competent and benign people. Societies may not have much time to change their practices.

Robert Sternberg is Professor of Human Development at Cornell University and Honorary Professor of Psychology at the University of Heidelberg. His PhD is from Stanford and he holds 13 honorary doctorates. Sternberg formerly was IBM Professor of Psychology and Education and Director of the Center for Abilities, Competencies, and Expertise at Yale University. Sternberg has won both the William James and James McKeen Cattell Awards from the Association for Psychological Science and the Grawemeyer Award in Psychology. He is a past-president of the American Psychological Association and the Federation of Associations in Behavioral and Brain Sciences. He is a member of the National Academy of Education and the American Academy of Arts and Sciences. Sternberg’s main interests are in intelligence, creativity, wisdom, love, and hate. Sternberg is the author of College Admissions for the 21st Century (Harvard University Press, 2010) and What Universities Can Be (Cornell University Press, 2016).

Ein Vortrag, der die Grundlagen unserer westlichen Intelligenzkonzeptionen hinterfragte und das Konzept kollektiver Intelligenz (verstanden als Intelligenz zum Wohl der Menschheit) mit individualistischen Intelligenzkonzepten verglich. Wenn Intelligenz bedeutet: Anpassung an neue Umwelten und aktives Gestalten dieser Umwelten (Assimilation und Akkomodation), dann sind wir gerade massgeblich damit beschäftigt, unsere Umwelt zu zerstören und damit unserer Spezies die Lebensgrundlagen zu entziehen - ist das intelligent?

Die Studierenden berichteten von spannenden Seminarinhalten und zeigten sich sehr zufrieden. Ich selbst freue mich jedesmal, Bob und seine Familie wiederzusehen. Unsere erste Begegnung liegt inzwischen etwa 30 Jahre zurück.

Wir hatten wie immer viel Spaß miteinander, aber auch die Arbeit kommt nicht zu kurz - das gemeinsame Open-Access-Buchprojekt “Psychology of human thought”, das wir vor 2 Jahren geplant hatten, steht kurz vor dem Abschluss. Demnächst mehr dazu. Was mir gefällt: Sein Interesse an “murky environments“!

Hier ein Link zu seiner persönlichen Webseite: http://www.robertjsternberg.com/

Manfred Amelang zum 80. Geburtstag

Ein Urgestein des Psychologischen Instituts feiert seinen 80. Geburtstag: unser Kollege Manfred Amelang! Herzlichen Glückwunsch!

Falls jemand Manfred Amelang nicht kennt (kaum vorstellbar!), hier eine Kurz-Biografie aus dem “Dorsch” (dem legendären Psychologie-Lexikon, aus der Feder von Helmut Lück): Amelang “wurde in Bad Sulza (Thüringen) geb. und kam durch Lektüre von Freud zum Ps.studium nach Marburg, wo er durch Heinrich Düker zur exp. Ps. gelangte. Er arbeitete dann bei Ferdinand Merz und Helmut von Bracken in Marburg, nach seiner Promotion bei Kurt Pawlik in Hamburg, wo er später eine Professur erhielt. 1976 nahm Amelang einen Ruf nach Heidelberg an, wo er bis zu seiner Emeritierung [im Jahr 2006, JF] blieb. Einen Ruf nach Marburg 1992 lehnte er ab. Amelang war vor allem im Bereich der Differentiellen Psychologie tätig. In größeren Untersuchungen setzte er sich kritisch mit der Theorie von Hans-Jürgen Eysenck auseinander, wobei sich auch meth. Fragen, Fragen nach kult. Unterschieden und andere Forschungsthemen ergaben. Untersuchungen zur Emotionalen Intelligenz folgten (Willmann et al. 1997). 1996–1998 war Amelang Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.” Was dort nicht steht, zeigt ein Blick auf dieses Bild von M.A. bei einer seiner favorisierten Freizeitaktivitäten.

Was viele nicht wissen: Manfred Amelang war derjenige, der mich 1997 von Bonn nach Heidelberg geholt hat und der mir die Gepflogenheiten des Instituts nahe gebracht hat. Er hat mich damals mit dem Heidelberger Geist vertraut gemacht, einer kollegialen Haltung, die unser Institut bis heute bewahrt hat und die eine besonders positive Atmosphäre unter den Kolleginnen und Kollegen sicherstellt.

Manfred Amelang, Klaus Fiedler und Karlheinz Sonntag bei einem Professorium im Sommer 2000

Manfred Amelang, Klaus Fiedler und Karlheinz Sonntag bei einem Professorium im Sommer 2000

In der gerade aktuellen Debatte um die Probleme der sog. “Krebspersönlichkeit”  spielte er schon früh eine wichtige Rolle. Der britische Psychologe Hans-Jürgen Eysenck soll - wie jüngst enthüllte Dokumente zeigen - von der Tabakindustrie finanziert worden sein, um die These zu vertreten, dass nicht Rauchen Lungenkrebs auslöst, sondern Persönlichkeitsmerkmale dafür verantwortlich seien (siehe Pelosi, 2019, Personality and fatal diseases: Revisiting a scientific scandal). Manfred Amelang hat diese These von Anbeginn nicht nur lautstark in Zweifel gezogen, sondern auch eine Replikationsstudie als 10jährige Kohortenstudie durchgeführt, die seine kritische Position empirisch untermauert und die Behauptung einer Krebspersönlichkeit falsifiziert hat (Amelang et al., 2004, Personality, cardiovascular disease, and cancer).

Lieber Manfred: wir alle wünschen Dir einen schönen runden Geburtstag und weiterhin viel Lebensfreude! Danke für all’ das, was Du für unser Institut und für unser Fach geleistet hast! Das bleibt unvergessen!

Masterplan Neuenheimer Feld: Dialog mit Experten

Als Mitglied des Koordinationsbeirats für den “Masterplan Im Neuenheimer Feld” leite ich folgende Einladung zur Bürgerbeteiligung weiter, die spannende Perspektiven durch ausgewiesene Stadtplaner und Mobilitätsexperten verspricht.

Liebe Interessierte am Masterplanverfahren INF/Neckarbogen,

die nächste Stufe im Masterplanverfahren Im Neuenheimer Feld / Neckarbogen steht vor der Tür. In dieser sollen die vier Planungsbüros ihre bisherigen Ideen zu jeweils einer Entwicklungsperspektive zusammenfassen. Noch bevor die Entwicklungsperspektiven vorliegen und es mit den „klassischen“ Beteiligungsformaten zu dieser Stufe richtig losgeht – der öffentlichen Veranstaltung am Dienstag, 9. Juli, den Forumssitzungen und der Online-Beteiligung –, gibt es vorab eine ganz besondere öffentliche Veranstaltung, die den Blick über Heidelberg hinaus richtet: „Die Stadt und ihre Orte für die Wissenschaft von morgen – Dialog mit den Experten“, am Donnerstag, 4. Juli 2019, um 18.30 Uhr in der Neuen Aula der Universität Heidelberg, Universitätsplatz 1. Die Veranstaltung ist eine Initiative des Koordinationsbeirats „Masterplan Im Neuenheimer Feld“. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Bei der Veranstaltung am 4. Juli werden die externen Experten im Masterplanprozess über ihre Visionen vom Campus der Zukunft und seiner Vernetzung mit der Stadt sprechen. Ziel ist es, den Blick zu weiten, innovative Ansätze der Campusentwicklung in anderen Städten zu betrachten und neue Impulse für das Masterplanverfahren zu bekommen.

Die Besonderheit: Das Publikum wird aktiv in die Veranstaltung einbezogen. Die Besucherinnen und Besucher haben während der Vorträge und Podiumsgespräche die Möglichkeit, mit ihren Smartphones oder Tablets Fragen und Argumente für die Experten auf der Bühne einzugeben. Die Experten reagieren dann auf die zugeschickten Publikumseingaben, die auf einer Leinwand für alle sichtbar sind. Wer kein eigenes Smartphone dabei hat oder Hilfe benötigt, kann eine der angebotenen Laptop-Stationen im Saal nutzen, um seinen Beitrag abzuschicken.

Dem Dialog mit der Bürgerschaft stellen sich Professor Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und von der Technischen Universität (TU) Berlin, der sich für eine umfassende Verkehrs- und Energiewende einsetzt, sowie Professorin Regine Gerike, Spezialistin für Integrierte Verkehrsplanung an der TU Dresden. Weitere Teilnehmer sind Professor Gerd-Axel Ahrens von der TU Dresden, Professor Brian Cody von der TU Graz, Professor Rudolf Scheuvens von der TU Wien und Professor Hartmut Topp von der TU Kaiserslautern. Die Experten werden sich unter anderem mit Zukunftsaspekten von Nutzungsvielfalt, Lehre und Forschung, Energie, Freiraum, Stadtklima, Mobilität und nachhaltiger Entwicklung auseinandersetzen.

Wie geht es weiter?

Die nächsten Termine im Masterplanverfahren sind die öffentliche Veranstaltung am Dienstag, 9. Juli 2019, ab 18 Uhr im Foyer und Hörsaal des Hörsaalzentrums Chemie, Im Neuenheimer Feld 252. Hier werden die Planungsbüros ihre Entwicklungsperspektiven der Öffentlichkeit präsentieren. Ebenfalls am Dienstag, 9. Juli, startet die Online-Beteiligung zum Planungsatelier. Die nächsten öffentlichen Forumssitzungen finden statt am Dienstag, 16. Juli, und Donnerstag, 25. Juli 2019. Am Ende des Planungsateliers wird der Gemeinderat die Entwicklungsperspektiven und die Planungsteams auswählen, die in der darauffolgenden Konsolidierungsphase konkrete Entwicklungsentwürfe ausarbeiten sollen.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen.

Bitte leiten Sie diese E-Mail an alle Interessierten weiter. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen

i. A.

Franziska Ritter

Amt für Stadtentwicklung und Statistik

Koordinierungsstelle Bürgerbeteiligung

Stadt Heidelberg

Gaisbergstraße 11

69115 Heidelberg

Poetikdozentur 2019: Ulf Stolterfoht

Schon wiederholt habe ich in meinem Blog über die Poetikdozenturen an unserer Universität geschrieben (siehe meine Kommentare zu 2018 Maxim Biller, 2017 Frank Witzel, 2016 Felicitas Hoppe, 2014 Wilhelm Genazino, 2012 Patrick Roth, 2010 Bernhard Schlink, 2008 Peter Bieri (alias Pascal Mercier), 1998 Hanns-Josef Ortheil). Hier kommt ein Bericht über den diesjährig geehrten Dichter.

In diesem Jahr ist der Lyriker, Übersetzer und Verleger Ulf Stolterfoht (Jahrgang 1963) zu Besuch, von dem ich bislang noch nichts gehört hatte (ich muss gestehen, dass mein Herz mehr für Prosa als für Lyrik schlägt…). Allein: als ich den Titel seiner Poetikvorlesung sah, “Methodenmann vs. Grubenzwang und mündelsichre Rübsal”, wurde ich neugierig. Und in der Tat gab es eine witzige und durchaus tiefsinnige Vorlesung (dazu Rezitationen ausgewählter eigener Gedichte, z.B. “fachsprachen IV (1) eröffnet lebhaft“). Stolterfoht spricht langsam, legt Wert auf jedes einzelne Wort, liebt Sprache - das ist es, was mich an dem Mann begeistert. Zudem hat er das Problem der Protokollsätze (eine etwas naive Vorstellung aus dem Wiener Kreis um Rudolf Carnap und Moritz Schlick zur Etablierung einer guten Wissenschaftssprache) humorvoll angesprochen mitr Verweis auf George Moore und dessen Paradoxon “Es regnet, aber ich glaube nicht, dass es das tut”.

Stolterfoth nennt seinen eigenen Verlag “Brüterich Press” und bewirbt ihn mit dem Spruch “Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis - dann ist es Brüterich Press” - das ist nett, denn alle Bücher dieses Verlags kosten genau 20 Euro … Aber bevor er den Verlag gründete, gab es andere Kindheitsträume: “1971 erlitt ich bei der Eröffnung eines privaten Postamts Schiffbruch und eröffnete eine kleine Leihbücherei…”. Stempel, Stempelhalter, Gummifinger: Das waren Ausrüstungsgegenstände, die sein Herz höher schlagen liessen.

In seiner Vorlesung betonte er zur Beruhigung der anwesenden Studierenden, dass er sein Studium der Germanistik und Allgemeinen Sprachwissenschaft in Bochum und Tübingen abgebrochen habe. Glaubhaft machte er das durch Aufzählung zahlreicher Tübinger Gastwirtschaften (getrennt nach Sommer- und Winter-Locations), in denen er gelesen  (4 Stunden Wittgensteins “Tractatus“), gedichtet (4 Stunden aus deem Gelesenen und Halbverstandenen Gedichte zimmern) und getrunken habe (wenn ich es recht verstanden habe, ging es bei den Getränken nicht nur um Mineralwässer).

Was mir besonders gut gefallen hat (neben seinem Exkurs über Ludwig Wittgensteins Unterscheidung von sinnvollen, sinnlosen und unsinnigen Sätzen): er beschrieb anschaulich die Glücksgefühle, die ein Nicht-Verstehen von Wörtern auslösen könne! Normalerweise würde man sagen “Verstehen macht glücklich” - aber es gibt auch Argumente für den umgekehrten Fall. Das wäre ein Thema für eine psychologische Bachelor- oder sogar Masterarbeit…

Einen seiner Lieblingsätze will ich noch erwähnen (neben verschiedenen Paragraphen aus Wittgensteins “Philosophischen Untersuchungen“, deren Lektüre er allen ans Herz legte und aus denen er ausgiebig zitierte): “Chef, ich glaube, Sie sollten sich das hier mal angucken”. Wir ahnen alle, was als nächstes kommt und was mit “das hier” gemeint sein könnte…

An den kommenden beiden Montagen besteht erneut die Gelegenheit, Ulf Stolterfoht in seiner verschlungenen Ausführungen zuzuhören (Programm). Ich werde versuchen, die Glücksgefühle des Nicht-Verstehens weiter zu vertiefen.

Kann man Kreativität lernen?

Was ist eigentlich Kreativität? Psychologen nennen eine Idee kreativ, wenn sie einen neuen und nützlichen Lösungsvorschlag für ein wie auch immer geartetes Problem enthält. Die Entdeckung der Solarzelle löst das Problem regenerativer Energie, eine Büroklammer am defekten Reißverschluss einer Hose löst ein anderes Problem. Kreative Ideen vom Typ Solarzelle stellen die „große“ Kreativität dar, die gesellschaftlich nützliche Produkte hervorbringt. Die Büroklammer ist ein Beispiel für die „kleine“ (alltägliche) Kreativität dar, die eine individuell nützliche Lösung eines Problems liefert.

Der Begriff Kreativität ist in aller Munde, Kreativität ist eine gute Sache, wie es scheint. Also steht die naheliegende Frage im Raum: Kann man Kreativität lernen? Die Antwort der Wissenschaft darauf ist wie so oft ein „Ja“ und ein „Nein“. Diesen scheinbaren Widerspruch will ich kurz erläutern.

Früher dachte man, Kreativität wäre nur wenigen Genies vorbehalten. Seit Beginn der 1950er Jahre ist – maßgeblich durch den amerikanischen Psychologen Joy Guilford beeinflusst – ein Umdenken eingeleitet worden, das anstelle eines Genie-Konzepts die Annahme setzt, dass im Grunde genommen jeder Mensch zu horizont-erweiterndem, divergenten Denken fähig ist. Natürlich gibt es unterschiedliche Ausmaße dieses kreativen Denkens bei unterschiedlichen Menschen, aber prinzipiell ist jeder zu kreativen Ideen fähig.

Ein Grund für das rasante Interesse am Thema „Kreativität“ in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts war unter anderem der „Sputnik“-Schock: Dass die Russen vor den Amerikanern den Weltraum zu erobern drohten, setzte auf amerikanischer Seite erhebliche Anstrengungen auf der Suche nach kreativen Köpfen in Gang. Mit dem Vorschul-Fernsehprogramm „Sesamstrasse“ versuchten die Amerikaner, flächendeckend bereits bei Kindern im Vorschulalter durch mehr Bildung mehr Kreativität zu erzeugen.

Die Folge dieser „kreativen Wende“ waren Kreativitäts-Workshops und Ideenbörsen, Zukunftswerkstätten und Utopie-Gruppen, alle Welt will Kreativität fördern. Lösen wir also einen Gehirnsturm – ein „brain storming“ – aus, und gehen wir mit einem genialen Einfall nach Hause. Was wird nicht noch alles getan, um selbst den letzten Gedanken aus dem Gehirn zu kitzeln. Zugleich wird immer mehr evaluiert, kontrolliert, reglementiert und noch der letzte Rest an freier Zeit verplant. Zum anarchischen Wesen der Kreativität gehört es aber nun einmal, dass sie sich weder planen noch verordnen lässt. Allein von Disziplin wird die begehrte Muse auch nicht zum ersehnten Kuss verführt. Förderlich für die Kreativität hingegen sind mehr Zeit, mehr Vertrauen, weniger Druck. Dann wird man am Ende sehen können, ob sich ein interessanter Gedanke, etwas Neues entwickelt hat.

Deswegen ein „Nein“ auf die Frage, ob man Kreativität lernen kann. Die Teilnahme an einem Kreativitätskurs macht noch niemanden zu einer kreativen Person, so wie ein Schwimmkurs jemandem das Schwimmen lehrt. Wer sich vornimmt, jeden Freitagnachmittag ein paar kreative Stunden zu verbringen, hat keine Sicherheit, dass am Abend wirklich neue Ideen auf dem Tisch liegen. Kreativität lässt sich nicht verordnen, ein guter Einfall ist nicht garantiert.

Ein „Ja“ gibt es auf die im Titel gestellte Frage, weil man selbst durch seine Handlungen einiges dazu beitragen kann, sein kreatives Potential zu erhöhen. Vor allem die Offenheit für neue Erfahrungen ist dabei ein starkes Element. Wer in Routinen und Gewohnheiten erstarrt, wird seine Kreativität zum Verschwinden bringen. Deswegen ist die kindliche Kreativität, die sich im Phantasiespiel zeigt, ein natürlicher Anfangspunkt, der jedoch schnell verloren gehen kann, wenn diese Freiheiten zu stark eingeengt werden. Eigentlich ist Träumen und Phantasieren auch bei älteren Menschen sinnvoll. Kreativität muss mit höherem Lebensalter nicht verloren gehen. Ein Blick in die Kunstwelt zeigt, dass Alterswerke (etwa bei Pablo Picasso) ihre eigene Faszination haben. Auch bei Komponisten ist häufig nicht das Erstlingswerk, sondern das Spätwerk dasjenige, was uns beeindruckt.

Blickt man zurück in die Geschichte, zeigt sich, dass wichtige Innovationen nicht das Ergebnis von kostspieligen Anreiz-Programmen und ausgeklügelten Kreativitätsübungen sind. Häufig waren sie die Resultate des Grübelns intelligenter Eigenbrödler, die ihre Ideen mit teils milder, teils heftiger Besessenheit verfolgten und sich dabei meist nur wenig um die Meinung ihrer Zeitgenossen scherten. Die kreative Idee, die urplötzlich über ihren Entdecker hereinbricht und Außenstehenden wie ein göttlicher Geistesblitz erscheinen mag, stellt sich bei näherer Betrachtung oft als das Konzentrat langwieriger Vorarbeiten heraus, ganz im Sinne des Diktums von Thomas Edison: „Genius is one percent inspiration and 99 percent perspiration“.

Leonardo da Vinci, dessen 500. Todestag kürzlich begangen wurde, war eine außergewöhnlich kreative Person. Seine Neugier auf alle möglichen Erscheinungen der Natur – sei es der Vogelflug oder der menschliche Körper – hat ihn zu vielen Erfindungen inspiriert. Funktioniert haben davon zu seinen Lebzeiten nur wenige. Ihm fehlte die Ausdauer, mit der etwa Thomas Edison jahrelang an der Legierung seines Glühfadens für das elektrische Licht gebastelt hat, bis er schließlich ein haltbares Metall fand. Kreative Personen sind sehr unterschiedlich aufgestellt, es gibt kein Erfolgsrezept.

Die Frage, ob Roboter, ob Maschinen mit künstlicher Intelligenz Kreativität zeigen, würde von Vertretern der KI vermutlich bejaht. Tatsächlich malen Roboter Klecksbilder im Stil des amerikanischen Künstlers Jackson Pollock und intelligente Softwareprogramme komponieren Musik im Stil der Beatles. Aber diese Produktionen setzen natürlich das Werk von Künstlern oder Musikern bereits voraus, Einen eigenen Stil oder ein eigenes Genre hat die Künstliche Intelligenz noch nicht hervorgebracht. Es bleibt eine „mechanische“ Kreativität.

Gibt es Schattenseiten der Kreativität? Natürlich gibt es eine „dark side of creativity“, eine dunkle Seite: Überall da nämlich, wo Kreativität mit schlechten Wertvorstellungen zusammenkommt. Die kreative Gestaltung von betrügerischen Unternehmungen, die Kreativität im Erfinden und Verfeinern von Foltermethoden: all das sind Beispiele dafür, dass wir Kreativität nur solange gut finden, wie sie zum Wohl des Einzelnen oder der Gemeinschaft eingesetzt wird. Aber im Grunde ist das kein Problem der Kreativität, sondern eines, das mit den Wertvorstellungen der handelnden Personen zu tun hat.

Wie so oft, haben wir es auch bei der Kreativität mit der Wechselwirkung einer Person und ihrer Umwelt zu tun: Kreative Milieus sind leicht zu spüren, wenn man ihnen begegnet – sie sind jedoch nur schwer zu beschreiben und noch schwerer herzustellen. Allenfalls kann man Gelegenheit zur Kreativität schaffen; dabei hilfreich sind Personen mit milden Formen der Besessenheit, viel Zeit und Muße.

So sehr wir uns alle viele kreative Milieus in kreativ ausgerichteten Organisationen wie zum Beispiel den Universitäten wünschen, am Ende ist es immer nur das Individuum, das mit seinen neuen Ideen die Welt voranbringt. Auch wenn der 2001 erschienene iPod (ein tragbares Gerät zum Musikabspielen) mit dem Firmennamen von Apple verbunden wird: Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung war die Person Steve Jobs, die sich über Zweifler hinwegsetzte.

Kreative Personen brauchen Freiräume und Vertrauen, sodass sie ihre Kreativität entwickeln und Bereitschaft zum Risiko zeigen können. „Kreativität lernen“: Das bedeutet für die kreative Person auch, Mut zur eigenen Kreativität zu zeigen! Für dessen Umwelt bedeutet es, nicht sofort mit Kritik und Zweifel zu kommen, sondern neuen und ungewöhnlichen Ideen eine Chance zu geben.

Die Kreativität ist ein zartes Pflänzchen. Pflegt man es nicht stetig und geduldig, kommt nur ein dürres Gewächs heraus. Ein guter Gärtner hegt seine Pflanzen und liebt sie und weiß doch, dass schöne Blüten nicht zu erzwingen sind. Wenn aber das Klima stimmt, gibt es Grund zur Hoffnung.

(Dieser Beitrag erschien in der Pfingstausgabe der Rhein-Neckar-Zeitung am 8.6.2019)

Vortrag von Sir Philip Campbell

Caspar David Friedrich 1820: Nebelschwaden

In Heidelberg trifft man immer wieder auf interessante Personen. Kürzlich (vor einem Monat, am 8.5.19) hat der langjährige Chefredakteur der angesehenen Zeitschrift “Nature“, Sir Philip Campbell, in der Alten Aula einen Vortrag über „Fakten, Fälschungen, Täuschungen“ gehalten. Sir Philip Campbell (Jahrgang 1941), der heutige Editor-in-Chief der wissenschaftlichen Verlagsgruppe Springer Nature, ist nämlich der erste „Springer Nature Gastprofessor“- eine Gastprofessur für Wissenschaftskommunikation, die  am Marsilius-Kolleg der Universität angesiedelt ist und eine gemeinsame Initiative des Veranstaltungs­forums der Holtzbrinck Publishing Group, der Klaus Tschira Stiftung (KTS) und der Universität Heidel­berg darstellt.

Campbells Vortrag machte deutlich, welche Verantwortung Editoren wissenschaftlicher Journale tragen: Wenn erst einmal Falschmeldungen in der Welt sind, ist es schwer die Dinge wieder zurechtzurücken. Als ein Beispiel dafür nannte er die 1998 in der medizinischen Fachzeitschrift “Lancet” erschienene Abhandlung von Andrew Wakefield und Kollegen (Lancet 1998; 351[9103]: 637–641), in der eine Schutzimpfung vor Masern, Mumps und Röteln (MMR) in Verbindung mit Autismus gebracht wurde  Erst 12 Jahre später (sic!) wurde diese Arbeit zurückgezogen, die auf einer sehr kleinen Stichprobe (nur 12 Kinder wurden untersucht) beruhte, aber viele tausende Eltern in Angst und Schrecken versetzte, ihre Kinder impfen zu lassen. Diese Studie wird auch heute immer noch von Impfgegnern angeführt…

Ein anderes Beispiel für Misinformation betrifft den Klimawandel (der bessere Begriff wäre wohl “Klima-Katastrophe”). Gerade in den USA gibt es viele Klimawandel-Skeptiker, die die wissenschaftliche Evidenz ignorieren und sich auf einige wenige Arbeiten beziehen, in denen Zweifel artikuliert wird. Auf den Webseiten RealClimate.org und ClimateCentral.org, so Campbell, fände sich genug Material von seriöser Forschung, um die Öffentlichkeit angemessen zu informieren. Medienzentren wie z.B. das “Science Media Center Germany” können helfen, Vorurteile abzubauen (siehe dazu den Artikel in Nature Climate Change 2019 von Farell et al.: Evidence-based strategies to combat scientific misinformation).

Um die Qualität von Forschung sicherzustellen, braucht es gute Führungsqualitäten bei den Gruppenleitungen. Sein Rat: das “Klima” in den Forschungseinrichtungen (hier mehr Details) abfragen, Mentoren ausbilden, die “Gesundheit” von Forschungsgruppen sicherstellen (siehe das Nature Special Issue vom Mai 2018: “How to grow a healthy lab“). Vielleicht sollten wir mal verschiedene Forschungsgruppen an unserer Universität anfragen, ob sie zu einer Untersuchung ihres Forschungsklimas bereit wären.

Campbells Quintessenz: Mutter Natur wird uns ihre Geheimnisse enthüllen, wenn wir nur die richtigen Fragen stellen! Eine gehörige Portion Skeptizismus gehört dazu, um nicht auf falsche Antworten hereinzufallen. Wissenschaft soll dem Wohl der Menschen dienen, aber weil Wissenschaftler auch nur Menschen sind, gibt es auch hier ein paar schwarze Schafe, die man auch als solche etikettieren sollte (”fake”). Dass Fehler (”fallacies”) gemacht werden, ist auch in der Wissenschaft typisch - dass man ihn entdecken können muss, ist notwendige Forderung. Daher kommt der Ruf nach “Open Science” und der damit verbundenen Transparenz und Nachvollziehbarkeit, wie sie etwa weltweit von der “Open Science Foundation” propagiert wird.

Alles in allem: ein anregender Vortrag, der Stoff zum Nachdenken bot. Manchmal ist das Stellen guter Fragen wichtiger als das Finden “richtiger” Antworten…

PS: Was es mit dem Bild von Caspar David Friedrich von 1820 “Nebelschwaden” auf sich hat? “Art and science go hand in hand”, sagte Sir Campbell und äußerte sich begeistert über eine Ausstellung des Kurpfälzischen Museums unter dem Titel “Unwirklichkeiten“, wo er dieses Bild gesehen hatte… Und zum Abschied empfahl er den Zuhörenden in der Alten Aula die um 1910 entstandene Komposition von Claude Debussy “Des pas sur la neige” (Footsteps in the snow), hier in der Version von Arturo Benedetti Michelangeli.

10 Jahre Bürgerstiftung

Im Jahr 2009 wurde die Bürgerstiftung Heidelberg auf die Initiative von Albertus L. Bujard hin gegründet (zur Vorgeschichte siehe hier). Worum geht es dabei? Zitat aus der Webseite: “Sie versteht sich als unabhängige zivilgesellschaftliche Vereinigung, ist Förderinstitution und zugleich Plattform für die lebendige Auseinandersetzung mit den Zukunftsfragen der Stadt. Die Bürgerstiftung Heidelberg will Erhaltenswertes bewahren, ohne die Weiterentwicklung zu hemmen. Sie bemüht sich um den Brückenschlag zwischen Tradition und Innovation, zwischen Alten und Jungen, zwischen privaten und öffentlichen Initiativen. Bildung und Integration sind für sie komplementäre Seiten ein und desselben sozialen Engagements.” Bürgerstiftungen charakterisieren ihre Tätigkeit anhand von 10 Merkmale:1. Gemeinnützigkeit, 2. Viele Stifter, 3. Unabhängigkeit, 4. Lokale Arbeit, 5. Vermögen, 6. Vielfalt, 7. Bürgerschaftliches Engagement, 8. Öffentlichkeit, 9. Netzwerke, 10. Transparenz (ausführlicher siehe hier).

Nachfolgend eine kleine Zeittafel bisheriger Aktivitäten der Bürgerstiftung Heidelberg:

  • 2009 Gründung der Bürgerstiftung; Beginn des Projekts Impuls 5 (Schulprojekt zur Förderung von schwächeren Schülern}
  • 2010 erstes öffentliches Bücherregal In Heidelberg in der Altstadt (Projekt Leselust)
  • 2011 Erarbeitung eines Verfahrensvorschlags für die Standortflndung eines Konferenzzentrums; Mitwirkung bei den Leitlinien für Bürgerbeteiligung; Verlegung einer Platte zum Gedenken an die Bücherverbrennung 1933 auf dem Universitätsplatz
  • 2012 Öffentliches Bücherregal auf dem Wilhelmsplatz
  • 2013 Start Practicabay (heute: practise) - online Praktikumsbörse für Schüler
  • 2014 Veranstaltungsreihe Die Kraft der Bürger - Potentiale der Bürgerbeteiligung
  • 2015 Beginn des Projekts Anstiften zur Musik; Bücheregale in Rohrbach und im Patrick-Henry-Village
  • 2016 Start Singen macht Schule an der Geschwister Scholl Schule
  • 2017 Bücherregale Handschuhsheim, Südstadt und Neugasse
  • 2018 Beginn Bürgersingen im Innenhof des Kurpfälzischen Museums; Bücherregal im Interkulturellen Zentrum
  • 2019 Start Die Insel - Begegnungsstätte für Kinder und Ihre Eltern in Trennungssituationen; Verlegung der erneuerten Gedenkplatte zur Mahnung an die Bücherverbrennungen der Nazis 1933 auf dem Universitätsplatz (siehe meinen früheren Blog-Beitrag)
  • …. und viele, viele weitere Förderungen Heidelberger Initiativen und Projekte!

Am 21.5.19 hat die Stiftung zu ihrem 10jährigen Jubiläum in die Alte Aula der Universität Heidelberg eingeladen. Als Festredner war der Niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer eingeladen, den man von seinen Stellungnahmen in Rundfunk und Fernsehen kennt. Was ich nicht wusste: Christian Pfeiffer ist wohl derjenige, der den Gedanken von Bürgerstiftungen aus den USA in die BRD mitgebracht hat. Im Jahr 1997 hat er eine der ersten deutschen Bürgerstiftungen in Hannover gegründet und war seither Pate für über 100 weitere Bürgerstiftungen in der BRD, darunter auch in Heidelberg.

Sein engagierter und spannender Festvortrag zum Thema “Was wirkt - Bürgerstiftungen als Kraftquellen des Zusammenlebens in der Stadt” (Stichworte: “funding is fun”; die ältere Generation hat was zu vererben; man muss Vertrauen gewinnen) machte die Kraft der Bürger deutlich und ermunterte zu weiterem Engagement. Er warb zudem für sein demnächst erscheinendes Buch “Gegen die Gewalt“, das sich mit den positiven Auswirkungen des Gemeinsinns beschäftigt. Beim anschließenden Empfang in der “Bel Etage” des Rektorats waren viele begeisterte Stimmen zu hören, auch neue Stifter und Spender gaben sich zu erkennen! Das war ein großer Erfolg! Ich freue mich, bei der Bürgerstiftung im Stiftungsrat mitwirken zu dürfen!

HCE Stellungnahme zu den Forderungen der Heidelberger Fridays for Future-Bewegung

Das Heidelberg Center for the Environment (HCE, www.hce.uni-heidelberg.de) ist ein Zentrum der Universität Heidelberg, die die in Heidelberg vertretenen umweltbezogenen Wissenschaften miteinander vernetzen und dadurch zu umfassenden Lösungen aktueller Umweltprobleme beitragen soll. Es besteht derzeit aus 13 institutionellen und 74 persönlichen Mitgliedern aus 10 von 12 Fakultäten der Universität. Bereits heute forschen die Mitglieder des HCE disziplinär und interdisziplinär daran, wie die Klimaschutzziele erreicht werden können, und das HCE wird diese Aktivitäten zukünftig noch verstärken. Mehr als zwanzig seiner Mitglieder haben sich bereits den Stellungnahmen von „Scientists4Future“ angeschlossen (https://www.scientists4future.org/stellungnahme/) und unterstreichen damit die Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung. Das Direktorium, die Geschäftsstelle und die unterzeichnenden Mitglieder HCE stellen sich mit Überzeugung hinter die Forderungen der Fridays for Future-Bewegung. Die Stadt Heidelberg ist hier in einer herausgehobenen Position, denn sie hat sich in ihrem politischen Programm in besonderer Weise dem Umwelt- und Klimaschutz verschrieben. Dies wird nicht nur im “Masterplan 100% Klimaschutz” deutlich, den sich die Stadt selbst gegeben hat, sondern beispielsweise auch an ihrem Engagement im C40-Netzwerk (https://www.c40.org/) oder bei energy cities (http://www.energy-cities.eu/).

In der Tat geht aus dem letzten, nun bereits fünf Jahre zurückliegenden Bericht des Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH (ifeu) hervor, dass die bislang angedachten Maßnahmen nicht ausreichen werden, die selbstgesteckten Klimaziele der Stadt und das im Pariser Klimaabkommen beschlossene 1,5°-Ziel zu erreichen. Dies ist nicht nur mit der Verantwortung für die Lebensgrundlagen kommender Generationen unvereinbar, sondern kann angesichts der Vorbildrolle Heidelbergs als ebenso engagierter wie wohlhabender Standort leicht zu negativen “Nachahmereffekten” bei Kommunen führen, deren politischer Wille zum Klimahandeln weniger ausgeprägt und/oder deren wirtschaftliche Basis weniger günstig ist.

Die von Fridays for Future Heidelberg geforderten Veränderungen setzen in weiten Teilen Konzepte fort, die die Stadt Heidelberg bereits etabliert hat. Es handelt sich zweifellos um Schritte in die richtige Richtung. In welchem Umfang sie zum Ziel des “Masterplan 100% Klimaschutz” beitragen, wird das ifeu in seiner nächsten Evaluation zu bewerten haben. Auch wird wissenschaftlich und zivilgesellschaftlich zu diskutieren sein, ob es ausreicht, die angestrebte Netto-Reduktion der CO2-Emission bis 2050 zu realisieren, oder ob sie nicht – wie von Fridays for Future Deutschland gefordert – bereits 2035 realisiert werden muss.

HCE-Direktorium:

- Prof. Dr. Thomas Meier (Direktor)
- Prof. Dr. Marcus Koch (stellv. Direktor)

HCE-Geschäftsstelle
- Dr. Sanam Vardag (Geschäftsführerin)

Mitglieder des HCE (alphabetisch)
- Dr. Nicole Aeschbach
- Prof. Dr. Werner Aeschbach
- Prof. Dr. Thomas Braunbeck
- Prof. Dr. Olaf Bubenzer
- Prof. Dr. André Butz
- Prof. Dr. Norbert Frank
- Prof. Dr. Joachim Funke
- Prof. Dr. Sabine Gabrysch
- Prof. Dr. Ulrike Gerhard
- Prof. Dr. Annette Hornbacher
- Prof. Dr. Margot Isenbeck-Schröter
- Prof. Dr. Albrecht Jahn
- PD Dr. Thomas Jänisch
- Prof. Dr. Frank Keppler
- PD Dr. Thomas Kirchhoff
- Dr. Sven Lautenbach
- Dr. Helmut Lehn
- PD Dr. Alexandra Michel
- PD Dr. Daniel Münster
- Prof. Dr. Marcus Nüsser
- Prof. Dr. Klaus Pfeilsticker
- Prof. Dr. Ulrich Platt
- Prof. Dr. Mario Schmidt
- Prof. Dr. Alexander Siegmund
- Prof. Dr. Jale Tosun
- Dr. Carsten Wergin
- Prof. Dr. Alexander Zipf

(Stand: 10.5.19, 21:00)

Persönliche Nachbemerkung:

Die Stellungnahme ist auf Bitten von “Fridays for Future Heidelberg” (F4F-HD) entstanden, die zunächst an das Institut für Umweltphysik (IUP) geschrieben haben: “Wir bitten Sie, die Forderungen [von F4F, J.F.] genau durchzulesen und eine Stellungnahme dazu abzugeben, um Verantwortung als WissenschaftlerInnen zu übernehmen und somit weiterhin Druck auf die Politik auszuüben.”  Diese Anfrage wurde von einem IUP-Mitglied an das HCE weitergeleitet. Der HCE-Direktor hat daraufhin den Entwurf einer Stellungnahme an alle Mitglieder versandt mit erläuternden Hinweisen derart, dass sich das HCE im Einklang mit dem Zukunftskonzept des HCE wie auch mit der Exzellenzstrategie der Universität, die beide eine deutliche Steigerung des gesellschaftlichen Engagements einfordern, mit einer engagierten Stellungnahme einbringen sollte.

In kurzer Zeit (24 Stunden) ist eine lebendige Diskussion darüber entstanden, inwiefern wir Wissenschaftler uns hinter die Forderungen der F4F stellen sollten und dürfen, ob wir uns nicht besser um noch exzellentere Forschung bemühen sollten, ob einzelne Formulierungen nicht doch zu stark ideologisch geprägt seien, usw. Toll! So einen Austausch habe ich schon lange nicht mehr erlebt!

Die Debatte zeigt deutlich: Die Sphäre “Wissenschaft” und die Sphäre “Politik” sind nicht einfach zusammenzuführen in der Stadt von Max Weber, der vor über 100 Jahren (z.B. in seiner Schrift “Die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis” von 1904) die klare Trennung von Werturteilen und Sachaussagen gefordert hatte (siehe den Wikipedia-Eintrag) - eine Position, die spätestens durch das Jürgen Habermas’sche Konzept eines wissenschaftlichen “Erkentnisinteresses” in Frage gestellt wird (auch er übrigens ein Heidelberger Abkömmling - von Hans-Georg Gadamer).

Der Direktor des HCE hat im konkreten Fall auf ihren Entwurf hin vier Arten von Reaktionen bekommen: (a) grundsätzliche Zustimmung; (b) bedingte Zustimmung mit konkreten (abschwächenden) Änderungswünschen; (c) Zustimmung mit (erweiternden) Änderungswünschen in Hinblick auf Überlegungen, was die Uni selber zur CO2-Reduktion beitragen kann; (d) grundsätzliche Ablehnung. Die volle Palette an Antwortmustern also, ein echtes Dilemma! Aber bei sovielen Beteiligten vielleicht kein Wunder? Umso besser, dass ein Kompromiss gefunden werden konnte.

Der Wissenschaftsrat hat vor einigen Jahren angemerkt, dass sich die (vom Steuerzahler alimentierte) Wissenschaft auch um die “Großen Gesellschaftlichen Herausforderungen” (siehe meinen damaligen Blog-Beitrag) kümmern solle - das tun wir damit erkennbar und mischen uns ein, indem wir Fakten und Informationen liefern und sie zudem aus fachlicher Perspektive einordnen und bewerten helfen.

Hier eine Auswahl der (anonymisierten) Stellungnahmen im Rahmen der internen Email-Debatte:

—— Kritische Stimmen ——
Ich halte die pauschale Formulierung des HCE “Das HCE stellt sich mit Überzeugung hinter die Forderungen der Fridays for Future Bewegung” für sehr fragwürdig und populistisch. Aus meiner Sicht schädigt eine solche Aussage das Ansehen der Uni HD.

Ähnlich wie den Herrn XXX und YYY gefällt mir die HCE-Verlautbarung eigentlich gar nicht. Vielleicht sehe ich die Rolle des HCE ja falsch. Ich war davon ausgegangen, dass auch für das HCE die exzellente Wissenschaft im Vordergrund stehen würde und nicht politischer Aktionismus. Auch wenn die Stadt Heidelberg gerne unser schnelles Statement haben möchte, sollten wir uns vor Schnellschüssen hüten. Dazu ist die Thematik doch viel zu komplex.

Schön, dass Sie ihrer “politischen Verantwortung” nachkommen wollen. Aber bitte nicht für das ganze HCE. Als HCE-Mitglied fühle ich bei dem einen oder anderen Statement dann doch unwohl. Nur z.B. “Null-Emissionen-Ziel” — ich vermute damit ist die CO2 Emission gemeint (wenn etwas anderes gemeint sein sollte, ist der Text völlig unklar, wnn tatsächlich CO2 gemeint ist, ist der Text zumindest nicht klar). Ich bin, wie wir alle, Aerobier und muss atmen! Dabei entsteht nun einmal CO2. Einfach so und ohne bösen Willen. Das HCE sollte meiner Meinung nach hier kein Statement abgeben, zumal jedem eine andere Passage nicht gefallen wird …

Ich verstehe die Motivation hinter der Stellungnahme und teile sie in vielerlei Hinsicht auch. Gleichzeitig möchte ich dafür plädieren, dass sich das HCE auf seine Kernaufgabe beschränkt: Hervorragende Grundlagenforschung zu den großen Umweltthemen unserer Zeit zu betreiben. Dies ist das vereinende Element im HCE, sein Fundament und die Motivation für Institute und Personen, Mitglieder zu werden – und zu bleiben. Nichts schränkt die Mitglieder ein, sich umweltpolitisch zu äußern und zu engagieren. Ich hoffe, dass viele dies auch tun. Nicht hilfreich finde ich allerdings eine Vermengung der Sphären von Wissenschaft und Politik in einer Plattform wie der unseren.
—– ein Demokratie-theoretischer Zwischenruf
vielen Dank für die zahlreichen und engagierten Beiträge und die Initiative. Obwohl ich sehr viele der inhaltlichen Positionen des Textes persönlich teile, möchte ich Folgendes zu bedenken geben:
1. Bei nüchterner Betrachtung der HCE-Satzung geht die eine Stellungnahme der geplanten Art über die Kernfunktionen des HCE hinaus (Position XXX). In vergleichbaren Fällen, i.e. als es um die Mitgliedschaft in inhaltlich positionierten Standesvereinigungen ging, hat sich der HCE-Vorstand gegen die Mitgliedschaft gewandt, weil damit eine politische Positionierung des HCE als Institution verbunden gewesen wäre.
2. Mir ist nicht bekannt, ob das HCE-Direktorium oder der Vorstand mit Mehrheit über einen oder mehrere der vorgeschlagenen Textentwürfe gesprochen oder abgestimmt haben. Entsprechende “Mehrheiten” kenne ich also nicht.
3. Ich hege gewisse Zweifel an der Zulässigkeit und Sinnhaftigkeit von Mitgliederbefragungen mit wechselnder Abstimmungs-, d.h. Textvorlage. Aus meiner Sicht ist es zudem sehr problematisch in einer laufenden Abstimmung ohne vorher bestimmtes Verfahren eine “Mehrheit festzulegen, oder erkennen zu glauben”, ohne das die Abstimmenden oder Repräsentierten vorher diese “Mehrheitsschwellen” kannten.
Damit zumindest einige Grundlinien der HCE-Satzung, z.B. zwischen den Mitgliederversammlungen führen Vorstand und Direktorium die Geschäfte, der Satzung gewahrt bleiben, müsste m.E. zumindest eine Mehrheit, aus meiner Sicht sogar eine 2/3 oder 3/4-Mehrheit der beteiligten Institutsvertreter im HCE-Vorstand einer wie auch immer gearteten Stellungnahme, welche jenseits der in der Satzung festgelegten Zwecke liegt, zustimmen.
Demokratietheoretisch erweist sich: Nur wenn diejenigen, die sich in dem dann abgestimmten Text nicht wiederfinden, darauf hoffen können, dass die Mehrheit der konstituierenden Institute sich an Verfahrensregeln hält, werden sie sich bereitfinden, “überstimmt” worden zu sein und der Institution weiter zu vertrauen. Sehen Sie mir bitte nach, wenn ich als Politikwissenschaftler nach einigen problematischen “Volksbefragungen” auf einige Errungenschaften der “repräsentativen Demokratie” verweise.

—— Positive Stimmen ——
Ich denke es steht gerade uns als Wissenschaftler und damit breit aufgestelltem Experten-Team des HCE sehr gut zu Gesicht, so der oft geforderten “Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung” gerecht zu werden - ich denke gerade bei einem solch offensichtlich evidenten Thema. Wer, wenn nicht gerade wir sollten so “Fake News”-basierter Ideologisierung etwas fachlich-sachlich basiertes entgegen stellen und dazu auch in der Öffentlichkeit zu stehen, das schafft “Standing” und gibt der Wissenschaft auch “Gesicht”.

Im Einklang mit dem Zukunftskonzept des HCE wie mit der Exzellenzstrategie der Universität, die beide eine deutliche Steigerung des gesellschaftlichen Engagements einfordern, sollte sich das HCE hier zweifellos mit einer engagierten Stellungnahme einbringen. Nicht zuletzt demonstrieren wir so auch unser Gewicht in der Klimaforschung. Wir kommen damit unserer gesamtgesellschaftlichen und damit eben politischen Verantwortung nach, wenn es um Entwicklungen von im wahrsten Sinn existenzieller Bedeutung für unsere Gesellschaften geht. Dabei kann und soll es in keiner Weiese um parteipolitische Positionierungen gehen, und auch die Fridays for Future-Bewegung ist ja betont unparteilich.

ich fände es sehr schade wenn wir zu diesem Thema keine “gemeinsame HCE-Antwort” finden können und finde die Initiative von ZZZ schlicht hervorragend, gerne auch mit den kleinen Verbesserungsvorschlägen.

zunächst auch von mir Dank für die Initiative! Ich bin der Meinung, dass das HCE als “Institution” auftreten sollte und unterstütze (…) die Stellungnahme in der Version von Herrn BBB. Da wir alle überwiegend der (Grundlagen-)Forschung verpflichtet sind, würde ich im Statement noch ergänzen, dass “…das HCE-Mitglieder bereits heute disziplinär und interdisziplinär daran forschen, wie die Klimaschutzziele erreicht werden können und dass diese HCE-Aktivitäten zukunftig noch verstärkt werden…”

Vielen Dank für diese mutige Initiative und die Chance, Gedanken zur Diskussion beitragen zu dürfen! Meine Grundhaltung: In Anbetracht der immensen Herausforderungen durch die Folgen der anthropogenen Klimaveränderung halte ich ein entschlossenes Statement des HCE für angezeigt.
Zur Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft: [Den] Hinweis auf die Problematik der Vermengung der Sphären von Wissenschaft und Politik finde ich sehr gewichtig und ich plädiere dafür, diese Rollenabklärung stets im Blick zu behalten. Für mich klar überschritten wäre die Grenze zwischen Wissenschaft und Politik, wenn wir als HCE ein Papier mit “Forderungen” an die Politik oder andere Akteure richten würden.
Bei dem vorliegenden Dokument handelt es sich allerdings laut Überschrift um eine „Stellungnahme“. Meines Erachtens ist dies eine Textgattung, die grundsätzlich sehr wohl zur Rolle einer wissenschaftlichen Institution passt. Aus dem „Leitfaden der Politik- und Gesellschaftsberatung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina“ (S. 5): “Hauptaufgabe der Politik- und Gesellschaftsberatung der Leopoldina ist die Erarbeitung und Veröffentlichung von Stellungnahmen. Eine Stellungnahme ist eine Veröffentlichung zu einem gesellschaftlich bedeutenden Thema, das den aktuellen Stand der Wissenschaft verständlich darstellt und auf dieser Grundlage mögliche Handlungsoptionen und Empfehlungen für Politik und Gesellschaft formuliert. Eine Stellungnahme wird von anerkannten Expertinnen und Experten in einer Arbeitsgruppe erarbeitet und ist das Ergebnis eines komplexen Diskussions-, Arbeitsgruppen- und Begutachtungs-Prozesses. Sie richtet sich an Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft.“
https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2014_Leopoldina_Leitfaden_Politikberatung_02.pdf

Es existiert bereits eine Stellungnahme von Seiten der Wissenschaft zu FFF:
Die Initiative „Scientists4Future“ hat bereits im Rahmen von partizipativen Prozessen eine Stellungnahme zur Bewegung „Fridays for Future“ verfasst (vgl. E-Mail von ZZZ). Etliche HCE-Mitglieder haben unterzeichnet:
deutschsprachige Community: https://www.scientists4future.org/stellungnahme/
internationale Community: https://science.sciencemag.org/content/364/6436/139.2
Gestützt sind diese Texte auf den aktuellen Stand der Wissenschaft zum Klimawandel (u. a. https://www.de-ipcc.de/media/content/SR1.5-SPM_de_barrierefrei.pdf). Die Aussagen in den Statements sind klar und fundiert.
Ich rege an, im Rahmen einer Stellungnahme des HCE zur Notwendigkeit von ambitionierten lokalen Klimaschutzaktivitäten in Heidelberg das Scientists4Future-Statement zu unterstreichen und unsere Rolle als HCE zu erläutern. Hier ein möglicher Textbaustein:

Das HCE schließt sich den Stellungnahmen von „Scientists4Future“ an und unterstreicht damit die Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung. Um die international vereinbarten Klimaziele zu erreichen, müssen auf kommunaler Ebene entscheidende Weichenstellungen vorgenommen werden. Im Zentrum steht die rasche Absenkung der Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen auf Netto-Null. Die derzeitigen Maßnahmen reichen bei weitem nicht aus. In der Wissensstadt Heidelberg kommt sowohl den städtischen als auch den universitären Akteuren eine besondere Verantwortung und Vorbildfunktion zu. Mit laufenden und zukünftigen Projekten unterstützen wir als HCE Entscheidungsträger dabei, konkrete und wirkungsvolle Klimaschutzmaßnahmen zu erarbeiten. Sowohl unsere Grundlagenforschung, als auch unsere transdisziplinären Forschungsvorhaben gemeinsam mit Stakeholdern aus Politik, Verwaltung, Unternehmen und der Zivilgesellschaft bilden eine zuverlässige Basis für fundiertes Klimahandeln.

Überaus sinnvoll finde ich, sich als HCE / Universität / Uniklinikum endlich selbst dem Thema institutioneller Fußabdruck anzunehmen. Das ist kein Aktionismus! Hier ein Beispiel, zu dem ich gerne auch eigene Einblicke als dort immer noch aktive Auftragnehmerin (Bereich nachhaltige Mobilität) teilen kann: https://www.ethz.ch/de/die-eth-zuerich/nachhaltigkeit.html

auch ich habe diese engagierte HCE-Debatte mit Spannung aber auch mit manchem Staunen verfolgt und schließe mich nun dieser fortgeschrittenen Fassung mit namentlichen Unterschriften an. Es erscheint in meinen Augen das Mindeste, was wir tun können. Viele andere Schritte sollten individuell aber auch gemeinsam folgen.

Besseres Verständnis des Klimawandels

Eines der drängenden Probleme unserer Zeit ist der Klimawandel. Zu diesem Thema gab es lange Zeit ernüchternde Botschaften aus den USA, wo Forschungen von John Sterman (MIT) zu zeigen meinten, dass selbst gut ausgebildete MIT-Studierende nicht in der Lage wären, die komplizierten Verhältnisse von CO2-Zuwachsraten und CO2-Abbauraten zu verstehen (siehe z.B. den Artikel von Cronin, M. A., Gonzalez, C., & Sterman, J. D. (2009). Why don’t well-educated adults understand accumulation? A challenge to researchers, educators, and citizens. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 108(1), 116–130. doi:10.1016/j.obhdp.2008.03.003). Fast eine Erleichterung für einen selbst, wenn schon hochqualifizierte Personen keinen Durchblick haben, oder?

(anklicken zum Laden)

Doch schon im Jahr 2015 erschien ein Artikel von Helen Fischer, Christina Degen und mir (siehe hier: Fischer, H., Degen, C., & Funke, J. (2015). Improving stock-flow reasoning with verbal formats. Simulation & Gaming. doi:10.1177/1046878114565058 - Siehe auch: Fischer, H., & Gonzalez, C. (2015). Making sense of dynamic systems: How our understanding of stocks and flows depends on a global perspective. Cognitive Science. doi:10.1111/cogs.12239), der Zweifel an dieser Darstellung nährte (siehe auch meinen damaligen Blog-Beitrag).

Nun ist das Thema noch viel grundsätzlicher aufgerollt worden. Kurt Stocker (Universität Zürich) und ich haben einen neuen Beitrag zu diesem Thema geleistet. In dem kürzlich erschienenen Artikel mit dem Titel “How we conceptualize climate change: Revealing the force-dynamic structure underlying stock-flow reasoning” schildern wir eine allgemeine Schreibweise (eine “Syntax”) für alle möglichen “Flüsse” (Stock-Flow = Zu- und Abflüsse, wie sie z.B. erfolgen auf Konten durch Ein- und Auszahlungen, in Badewannen durch Zu- und Abflüsse, beim Körpergewicht durch Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch). Viele Systeme in der Natur werden im Gleichgewicht gehalten durch entsprechende Zu- und Abflüsse. Wenn die Balance zwischen In-Flow und Out-Flow gestört ist, geraten Systeme ausser Kontrolle (beim Konto: Insolvenz; beim Körpergewicht: Über- oder Untergewicht; bei Badewannen: entweder Überschwemmung oder vorschnelle Leerung; beim Klima: Abkühlung oder Erwärmung).

Das grundlegende Beschreibungssystem der elementaren Kraft-Dynamik, das wir verwenden, ist die von Kurt Stocker weiterentwickelte Theorie des amerikanischen Linguisten Leonard Talmy über Ursache-Wirkungs-Begrifflichkeiten (siehe hier: Stocker, K. (2014). The elements of cause and effect. International Journal of Cognitive Linguistics, 5(2), 121–145). Linguisten sind sehr gründlich und schauen sehr genau hin, weil winzige Kleinigkeiten in der Sprache große Unterschiede ausmachen können - Linguisten sind Spezialisten für das Verstehen. Das ist das Thema unserer Arbeit.

Die zentralen Bausteine für das Verständnis solcher Flüsse, wie sie gerade beispielhaft benannt wurden, lassen sich in Kurzform an einer Abbildung zum CO2-Gehalt der Atmosphäre beschreiben (im Artikel sind wir etwas genauer…). Diese Abbildung sieht wie folgt aus (Anklicken zum Vergrößern):

Sie zeigt symbolisch die Atmosphäre mit einem gestrichelt eingezeichneten CO2-Level, der durch CO2-IN erhöht werden kann (z.B.  durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe) und durch CO2-OUT erniedrigt wird (Absorption durch Wälder und Ozeane). Wenn mehr IN als OUT, erhöht sich der Level; wenn mehr OUT als IN, sinkt er; ansonsten bleibt er konstant. Diese einfache Logik ist von jeder Person leicht zu verstehen - man braucht dafür kein Studium.

Was aber wichtig ist: Nur wenn alle Elemente dieses Systems angesprochen und gezeigt werden, ist ein Verständnis solcher Flußdynamiken möglich. In unserem Artikel machen wir deutlich, warum die Teilnehmenden an den Sterman-Experimenten den Klimawandel nicht verstanden hatten: Ihnen wurden wichtige Teile des Systems vorenthalten! Kein Wunder, dass sie es nicht verstanden haben! Somit hat das erstaunliche Ergebnis weniger mit ihrem mangelnden Verständnis des Klimawandels zu tun als vielmehr damit, dass die Experimentatoren unvollständig informiert hatten…

Menschen können also die Prozesse des Klimawandels verstehen - das ist die gute Botschaft! Es bleibt umso mehr die schlechte Botschaft: sie handeln nicht gemäß ihres Wissens! Nachhaltigsdenken ist eben schwer (siehe meine früheren Blog-Beitrag). Aber das ist eine andere Baustelle.

Hier die Zusammenfassung unseres Beitrags:

How people understand the fundamental dynamics of stock and flow (SF) is an important basic theoretical question with many practical applications. Such dynamics can be found, for example, in monitoring one’s own private bank account (income versus expenditures), the state of a birthday party (guests coming versus leaving), or in the context of climate change (CO2 emissions versus absorptions). Understanding these dynamics helps in managing everyday life and in controlling behavior in an appropriate way (e.g., stop expenditures when the balance of a bank account approaches zero) In this paper, we present a universal frame for understanding stock-flow reasoning in terms of the theory of force dynamics. This deep-level analysis is then applied to two different presentation formats of SF tasks in the context of climate change. We can explain why in a coordinate-graphic presentation misunderstandings occur (so called “SF failure”), whereas in a verbal presentation a better understanding is found. We end up with recommendations for presentation formats that we predict will help people to better understand SF dynamics. Better public SF understanding might in turn also enhance corresponding public action – such as enancing pro-environmental actions in relation to climate change.

Und hier die Quellenangabe (open access, d.h. ohne Bezahl-Schranke zugänglich):

Stocker, K, & Funke, J. (2019). How we conceptualize climate change: Revealing the force-dynamic structure underlying stock-flow reasoning. Journal of Dynamic Decision Making, 5, 1. doi: 10.11588/jddm.2019.1.51357