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Skandale

Kaum habe ich in diesem Blog mal für gut 14 Tage geschwiegen, wird schon angefragt, ob mir die Tinte in der Feder ruhestandsbedingt schneller trocknet als zuvor. Das will ich nicht ausschließen, aber mein eigener Eindruck ist, dass ich momentan sogar mehr schreibe als zuvor (es sind verschiedene Buchprojekte in der Pipeline, Geduld!). Lediglich eine Kategorie taucht derzeit in meinem (noch immer vollen) Terminkalender nicht mehr auf: Lehre! Ich fühle mich z.Zt. noch wie in einem Forschungssemester, nicht im wöchentlichen Hamsterrad der Veranstaltungstermine, sondern mit freierer Zeiteinteilung (und damit der Möglichkeit zu größerer Konzentration).

Warum die Überschrift “Skandale”? Nun, ich nehme gerade um mich herum eine ganze Reihe von Vorfällen wahr, die diesen Titel verdienen könnten. Drei davon will ich kurz benennen, über einen vierten (in eigener Sache) schweige ich noch ein bisschen…

Nummer 1: Vorwürfe gegenüber dem Dresdner Kollegen aus der Klinischen Psychologie, Hans-Ulrich Wittchen, er habe Daten einer Studie über die Personalausstattung in Psychiatrien manipuliert (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 18.4.2019).

Nummer 2: Vorwürfe gegenüber dem Tübinger Kollegen aus der Biopsychologie, Niels Birbaumer, er habe die Kritik an einer spektakulären Studie zu unterdrücken versucht (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 17.4.2019).

Nummer 3: Vorwürfe gegenüber dem Heidelberger Kollegen aus der Gynäkologie an der Medizinischen Fakultät, Christoph Sohn, er habe vorschnell eine “Weltsensation” angekündigt (hier ein Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 18.4.2019 und ein Beitrag aus “Bild” und “Bunte“).

In allen drei Fällen gilt es natürlich erst einmal abzuwarten, was die jeweiligen Untersuchungskommissionen als Ergebnis liefern. Aber es muss ein hinreichender Anfangsverdacht bestanden haben, wenn es überhaupt zu derartigen Ermittlungen kommt. Was mich daran beunruhigt, ist das negative Image, das von den Einzelfällen auf das betroffene Fach (auf die Psychologie) bzw. auf die betroffene Institution (Uniklinikum Heidelberg) abfärbt: “Die” Psychologen oder “die” Uniklinik Heidelberg sind verdächtig. Aber: Es sind zunächst Einzelfälle, von denen man nicht generalisieren kann.

Allerdings ist der Umgang mit derartigen Vorwürfen ein Indikator dafür, wie ernst bestehende ethische, moralische oder wissenschaftliche Standards genommen werden. Will man wirklich Licht in das Dunkel der Vorwürfe bringen oder geht es darum, möglichst geschickt aus der Affäre herauszukommen und die inkriminierten Vorgänge “unter der Decke” zu halten? Letzteres gelingt meistens doch nicht und verschlimmert die Sachverhalte nur noch.

Ich bin gespannt, wie diese Fälle ausgehen - noch tobt der Sturm der medialen Aufmerksamkeit und macht eine klare Beurteilung der Fälle nicht einfach. Mit ein bisschen Abstand wird dies sicher leichter fallen. Von daher sind Forderungen nach personellen Konsequenzen, wie sie etwa jüngst in Fall 3 gefordert wurden  (”Rücktritt des Klinikvorstands”) etwas voreilig und lösen das Problem nicht.

Sind diese Vorfälle symptomatisch für unsere derzeige Wissenschaftswelt? Natürlich wollen wir gehört werden und brauchen daher Aufmerksamkeit, die zu einer raren Größe geworden ist. Wir brauchen Gelder, um die schlecht finanzierte Situation an öffentlichen Universitäten zu verbessern. Dass es auch im Kreis der Wissenschaft “menschelt” und viele menschliche Schwächen (wie z.B. Gier, Narzissmus, Arroganz, Machtstreben) auch dort vorkommen, sollte uns nicht verwundern. Die Kernmerkmale guter Wissenschaftler sind das allerdings nicht!

Dienstende Funke?!

Mit Ablauf des 31.3.2019 ist mein aktiver Dienst an dieser Universität zu Ende (der “Funkexit” tritt ein) und ich trete in den Ruhestand ein. Ein merkwürdiges Gefühl!

Seit meiner Berufung zum 1.4.1997 auf den “Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Psychologie” (Nachfolge von Norbert Groeben) sitze ich seit 22 Jahren in meinem Büro A028 und arbeite an verschiedenen Projekten. Eine Zwischenbilanz nach 20 Jahren meiner Aktivitäten habe ich im April 2017 gezogen, das will ich hier nicht wiederholen. Was ich allerdings nach 44 Semestern Lehre an der Uni Heidelberg (unterbrochen durch vier Forschungssemester sowie ein Marsilius-Semester) sagen kann: ich freue mich darauf, nun intensiver an vorliegenden Buch- und anderen Publikationsprojekten weiterzuarbeiten - das macht viel Freude! Auch Qualifikationsarbeiten kann ich mich verstärkt widmen, “alte” Datensätze harren der Re-Analyse. Außerdem habe ich gerade noch ein Drittmittelprojekt einwerben können (Carl-Zeiss-Stiftung; PI ist Katja Mombaur).

Natürlich ist es nicht wirklich vorbei - dankenswerterweise hat meine Fakultät für mich eine dreijährige Seniorprofessur beantragt, die am 1.4.2019 beginnen soll. Es handelt sich um einen Ehrentitel, der mir keinerlei finanziellen Vorteile einbringt, aber mich mein Büro im Hintergebäude des Instituts länger nutzen läßt (Danke dafür, liebe Kolleginnen und Kollegen im Institut und in der Fakultät!). Im Gegenzug führe ich verschiedene Ehrenämter weiter und werde mit großer Freude jährlich im Wintersemester die Vorlesung “Einführung in die Erkenntnistheorie” abhalten.

Es ist ein “sanfter” Übergang in den Ruhestand, das gefällt mir! Dienstende: ja und nein! Ein wenig wie bei den Briten: Funkexit findet noch nicht wirklich statt…

Abschied als Senator

Im Oktober 2010 bin ich als einer von acht professoralen Wahlsenatoren auf der der Liste “Initiative/Semper Apertus” (hier der Wahlaufruf von 2014) Mitglied unseres Akademischen Senats geworden (nachdem ich schon einmal von 2002 bis 2003 eine halbe Amtszeit absolviuert hatte). Die erste Senatssitzung trug die laufende Nummer #387 (gezählt wohl seit der Wiedereröffnung unserer Universität nach dem 2. Weltkrieg 1946) und fand am 9.11.2010 statt. Mit der Senatssitzung #456 vom 26.3.2019 endet nun meine Senatoren-Tätigkeit und damit auch mein Amt des Senatssprechers, da ich mit Ablauf des Monats März aus dem aktiven Dienst dieser Universität ausscheide. Als ich im November 2010 die Wahl zum Senatssprecher annahm, konnte ich nicht wissen, dass es gleich zwei Amtszeiten werden würden (und die zweite nochmal um ein halbes Jahr verlängert wurde, da eine Änderung im LHG eine Neuausrichtung und damit Neuwahl des Senats zum 1.10.2019 erforderlich macht, weswegen die Amtszeit der professoralen Senatsmitglieder kurzerhand um ein Jahr verlängert wurde). Meiner Nachfolgerin im Amt, der Juristin Ute Mager, wünsche ich eine gute Zeit und viel Erfolg!

In den 17 Semestern meiner Senatstätigkeit habe ich an rund 70 Senatssitzungen teilgenommen (lediglich an der Sitzung im Februar 2019 konnte ich wegen meines Radunfalls nicht teilnehmen). Wenn man davon ausgeht, dass für eine normale Senatssitzung etwa 1000 Seiten Vorlagen zu bearbeiten sind (wir hatten zahlreiche Sitzungen mit annähernd 2000 Seiten Text, die letzte jetzt im März gar mit 2500 Seiten…), habe ich mich durch schätzungsweise (mindestens) 70.000 Blatt Papier durchgearbeitet (nicht alles habe ich gründlich gelesen, manches nur überflogen) und dabei so manches entdeckt…

Als Wahlsenator habe ich den Eindruck gehabt, mit den Äußerungen und Voten etwas bewirken zu können: Wir haben z.B. die Kriterien für die Vergabe von außerplanmäßigen Professuren diskutiert und verbessert; wir haben in Berufungsverfahren noch strengere Kriterien für unabhängige Gutachten und für die Zusammensetzung der Kommissionen festgelegt; wir haben das Rektorat im Zuge der Exzellenzinitiative unterstützt; wir geben dem Rektor Unterstützung bei seinen Verhandlungen im Stuttgarter Ministerium; auch die Kurskorrektur von einer unternehmerisch ausgerichteten Universität (wie sie unter dem damaligen Universitätsrats-Vorsitzenden Peter Bettermann betrieben wurde) zur akademischen Kultur der Volluniversität hat sich in meinen Augen gelohnt.

Seit Herbst 2010 hatte ich also die Ehre, gelegentlich das Vergnügen, manchmal die Last, als einer von zwei Sprechern unseres Akademischen Senats zu agieren, neben den Medizin-Dekanen Claus Bartram, Wolfgang Herzog und jetzt Andreas Draguhn. Über die vielen Sitzungen hinweg habe ich das Geschehen begleitet und gelegentlich kommentiert, daneben habe ich an vielen kleineren Kommissions- und Gremiensitzungen teilgenommen und war an Findungskommissionen (2x Kanzler, 2x Rektor, mehrfach Universitätsräte) beteiligt.

Was mir wichtig war, läßt sich mit dem Begriff der Bestenauswahl beschreiben. Der Senat hat neben vielerlei organisatorischen Fragen vor allem die Qualität der zu berufenden Personen sicherzustellen. Dafür haben wir in Berufungskommissionen eigens das Amt des Senatsberichterstatters, der unser „Spion” während des Verfahrens ist und Auffälligkeiten berichten soll. Doch ebenso wichtig sind die von den Dekanen vorgelegten Dokumente, in denen manchmal zwischen den Zeilen interessante Verfahrensdetails zu finden waren und die zu Rückfragen und dann zu entsprechenden Klärungen führten. Ich denke, in den letzten Jahren hat unser Senat hier eine gute Figur gemacht - die Zukunft wird es zeigen, wie gut unsere Selbstergänzung auf allen Ebenen funktioniert hat. Dass wir uns in Bezug auf die Chancengleichheit von Männern und Frauen noch steigern können, steht ausser Frage.

Was ich gelegentlich bedauert habe: Wie wenig Zeit wir uns für echte Diskussionen genommen haben! Angesichts der vielen 1000 Seiten Dokumente und der mehr als 20 Tagesordnungspunkten (jeweils pro Sitzung) waren wir natürlich dankbar für eine straffe Sitzungsführung, andererseits unterblieb dadurch manches Mal auch eine Nachfrage oder ein Einwand, weil man den richtigen Zeitpunkt verpasst hatte… Dennoch hat es gelegentlich lebhafte Debatten gegeben - Sternstunden langer Sitzungsnachmittage!

Was ich im letzten Jahr schade fand, war eine schleichende Verschlechterung der Atmosphäre - ich will nicht in den Wunden wühlen, die uns ein wenig in Richtung eines Freund/Feind-Denkens gelenkt haben und uns damit haben übersehen lassen, das jeder an seinem Platz zum Wohl der Alma Mater zu handeln gedachte. Das Trennende hat uns das Gemeinsame ein Stück verlieren lassen - ich wünsche dem zukünftigen Senat hier wieder eine bessere Grundstimmung!

Ich werde zukünftig die monatlichen Dienstags-Nachmittage freier gestalten können  - ich bin allerdings ziemlich sicher, es wird mir etwas fehlen! Mal sehen, wie lange…

Scientists4Future & Fridays for Future

Eine junge 16jährige schwedische Aktivistin, Greta Thunberg, hat mit Ihrem Appell an die Erwachsenen, endlich etwas Wirkungsvolles in Sachen Klimawandel zu unternehmen, ein breites weltweites Echo ausgelöst. Eine der Konsequenzen Ihres mutigen Auftretens sind die freitäglichen Demonstrationen von Schülerinnen und Schülern unter dem Schlagwort “Fridays for Future“, in denen z.B. der Slogan  „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ skandiert wird. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner fand, dass Schülerinnen und Schülern lieber außerhalb der Unterrichtszeit demonstrieren sollten und bezweifelte, “dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen”. Er meinte, sie sollten den Klimaschutz doch besser den “Profis” zu überlassen (siehe hier).

Das war eine Steilvorlage für die Wissenschaft: Die Initiative “Scientists4Future” (Wissenschaftler für die Zukunft) bietet nämlich nun eine Sammlung von mehr als 23.000 Profis, die den Schülerinnen und Schülern zur Seite stehen wollen. Auch von der Uni Heidelberg (und auch von unserem Institut) haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an dieser Initiative beteiligt.

Die “Fridays for Future” bringen frischen Wind in eine Debatte, in der wir seit Jahrzehnten stagnieren, obwohl unser Wissen über die mit dem Klimawandel verbundenen Folgen täglich wächst. Die Zahl der PKWs wächst schneller als die Bevölkerung (siehe hier), die Hubraumgröße wächst, die Flugkilometer wachsen, der Fleischkonsum wächst (zumindest weltweit - siehe hier) - meine Generation (ich bin Jahrgang 1953) hat nicht viel zu einer massiven Verhaltensänderung beitragen können, soviel steht fest: Trotz zahlreicher Klimakonferenzen und hehrer Ziele sind wir weit von Verbesserung der Situation entfernt. Die junge Generation, der wir das Problem aufbürden, meldet sich jetzt lautstark zu Wort (auch in Heidelberg) und wird vielleicht Änderungen bewirken, die für uns alle von existentieller Bedeutung sein könnten. Deswegen unterstütze ich als Wissenschaftler die Schülerinnen und Schülern bei ihren Aktivitäten!

Rektorwiederwahl

Am 12.3.2019 haben sich Senat und Universitätsrat unserer Universität zu einer gemeinsamen Sitzung getroffen, deren einziger Gegenstand die Wahl eines Rektors für die sechsjährige Amtszeit 1.10.2019-30.9.2025 war. Es gab nur einen Kandidaten: den bisherigen Amtsinhaber Bernhard Eitel, der bereits seit zwei Wahlperioden (seit Oktober 2007) amtiert. Die lokale “Rhein-Neckar-Zeitung” hatte bereits am Tag zuvor einen Bericht unter dem Titel “Uni-Rektor Eitel steht vor Wiederwahl” gebracht, in dem Rektor Eitel in Hinblick auf seine Amtszeit als “Rekordhalter” bezeichnet wurde.

Die Gremien haben ihn nun mehrheitlich im Amt bestätigt, sodass der dritten Amtszeit nichts im Wege steht. Acht von 8 anwesenden Mitgliedern des Universitätsrats und 29 der 36 anwesenden Senatsmitglieder haben ihm ihre Stimme gegeben - damit ist er im ersten Wahlgang mit klarer Mehrheit (37 von 44 Stimmen) gewählt worden. Gratulation zu diesem eindrucksvollen Ergebnis!

Tatsächlich liegen aber zwei für den Rektor wichtige (und durchaus kritische) Entscheidungen noch in der Zukunft: Die Entscheidung der DFG in Sachen Exzellenzinitiative (sie wird am 19. Juli 2019 bekannt gemacht) und die Entscheidung der Staatsanwaltschaft in Sachen “Vorwurf von Koppelgeschäften mit der Bank Santander”, die vom hauseigenen Universitätsrat (und inzwischen wohl auch vom zuständigen Ministerium) allerdings als haltlos betrachtet werden und daher weniger Sorgen bereiten.

Ist es gut, solange im Amt zu bleiben? In der Politik - so denke ich manchmal - finden die handelnden Personen nicht immer den besten Zeitpunkt zum Aufhören. Manchmal treffen sie diese Entscheidung gar nicht mehr selbst, sondern werden von Ereignissen überrollt oder von anderen Personen zum Rücktritt gedrängt. Ist es in anderen Lebensbereichen nicht ähnlich? Es fällt manchmal schwer loszulassen - das kenne ich aus eigener Erfahrung… Lange Amtszeiten haben Vor- und Nachteile. Die Vorteile liegen in einer guten Kenntnis der vielfältigen und komplexen Vorgänge, die sich häufig über lange Zeiträume erstrecken (länger als eine Amtszeit). Nachteile bestehen darin, dass sich Strukturen verhärten können und sich ein “group think” etablieren kann, wodurch Impulse für radikale Erneuerungen (disruptive Prozesse) schwächer werden, ganz ausbleiben oder nur noch in eine Richtung gehen.

Wie schade, dass sich niemand aus dem großen Kreis der über 500 Heidelberger Professorinnen und Professoren getraut hat, ebenfalls als Kandidatin oder Kandidat gegen den Amtsinhaber anzutreten. Demokratie hat viel mit Wahlfreiheit zu tun, die es hier nicht wirklich gab. Angesichts der zeitnah bevorstehenden Begehung durch die Exzellenz-Gutachter keine Frage, dass wir uns als handlungsfähige Universität darstellen wollen… Aber haben wir etwas anderes verdient, wenn sich niemand sonst für dieses Amt bewirbt?

Ich wünsche unserer Universität mit der jetzt getroffenen Entscheidung jedenfalls alles Gute! Ich selbst werde von den Folgen dieser Entscheidung nicht mehr unmittelbar betroffen sein. Dennoch ist meine Anteilnahme am Schicksal der altehrwürdigen Ruperto Carola ungebrochen und ich wünsche uns allen nur das Beste!

hier die Pressemitteilung der Universität

siehe auch 6 Jahre zurückliegend meinen Blog-Eintrag zur damaligen Rektorwahl 2013

Erinnerung an Bücherverbrennung am 17.5.1933

Das Nazi-Regime des Dritten Reiches hat viele schreckliche Gesichter gehabt - eines davon hieß Bücherverbrennung! Dass sich ausgerechnet Studenten (auch und gerade Heidelberger!) vor den Propaganda-Karren spannen ließen, ist erschreckend und zeigt, das kritisches Denken auch unter Akademikern erst gelernt werden muss! Übrigens wurden damals nicht nur Literaten geächtet, sondern auch Wissenschaftler wie Sigmund Freud, dessen Schriften wegen seiner Abstammung ebenfalls dem Feuer preisgegeben wurden…

Die Bürgerstiftung Heidelberg hat im Jahr 2011 unter dem damaligen Vorsitz von Steffen Sigmund und auf Anregung des damaligen Vorstandsmitglieds Dietrich Harth eine Gedenktafel an diese Greueltat auf dem Universitätsplatz anbringen lassen, die den alltäglichen Belastungen über die Jahre hinweg leider nicht standgehalten hat. Sie wurde nun am 1.3.2019 durch eine neue, stabile gusseiserne Platte mit dem damaligen Text und in gleicher Größe von etwa 1×1 Meter feierlich ersetzt. Die Gedenkplatte auf dem Universitätsplatz enthält den folgenden Text:

Im Regenschauer enthüllten die Vorsitzende unserer Bürgerstiftung, Switgard Feuerstein, Prorektorin Beatrix Busse und Bürgermeister Wolfgang Erichson in Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Bürgerschaft die von der Bürgerstiftung Heidelberg mit Unterstützung durch Stadt und Universität erneuerte Gedenkplatte, nachdem verschiedene erinnernde und mahnende Grußworte vorgetragen wurden. Auch Dietrich Harth, auf dessen Initiative hin die Gedenkplatte 2011 geschaffen wurde, war anwesend und sprach ein paar Worte.

Auch eine Schilderung von Erich Kästner wurde verlesen, in der dieser seine Empfindungen beschreibt, als er sich am 10.5.1933 bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz unter den Zuschauern befand und seine eigenen Bücher im Feuer aufgehen sah. Er schreibt in seinem 1947 erschienenen Beitrag “Über das Verbrennen von Büchern” über die Studierenden, die in braunen Uniformen das scheußliche Geschehen zelebrierten: „Es war wohl allen ohne Ausnahme klar, dass sie heute der gesamten zivilisierten Welt ein unvergesslich widerwärtiges Schauspiel boten. Ein Schauspiel, das unauslöschbar in den Annalen der Menschheit eingetragen bleiben würde“.

Im Hintergrund des Heidelberger Universitätsplatzes sieht man den Eingang des Kollegiengebäudes der Universität, mit Pallas Athene als Schirmherrin und dem Leitspruch “Dem lebendigen Geist” (der übrigens in den Jahren 1933-1945 abgeändert wurde in “Dem deutschen Geist”, Pallas Athene musste dem Reichsadler weichen…). Das Kollegiengebäude heißt übrigens Schurmann-Bau, weil sein Bau Ende der 1920er Jahre vom damaligen amerikanischen Botschafter Jacob Gould Schurman (1925-1930 in Berlin) im Jahre 1928 mit 400.000 Dollar unterstützt wurde, eine Keimzelle des heutigen Heidelberg Center for American Studies (HCA; die spannende Geschichte dahinter erzählt dessen langjähriger Direktor Detlef Junker in diesem Artikel).

Ich bin froh, dass wir uns an diese Schandtat erinnern und alles dafür tun, dass so etwas nie wieder geschehen darf! Meinungs- und Pressefreiheit sind ein Kernmerkmal demokratischer Gesellschaften, die es zu verteidigen gilt! Und wie schön, dass zu heutiger Zeit an dem Platz, an dem damals Bücher verbrannt wurden (dem Universitätsplatz), heute Bücher gefeiert werden! Die Literaturtage 2019 stehen bevor (vom 15.-19.5.2019) und sind wie jedes Jahr ein tolles Fest, in dessen Mittelpunkt Bücher stehen! Heidelberg ist ja seit 2014 UNESCO “City of Literature“! Da kommt eine Wertschätzung für Bücher zum Ausdruck, die ein Verbrennen nicht mehr zulässt!

PS: Wer sich für mehr Information zum Thema interessiert, sei auf eine Veröffentlichung von Dietrich Harth aus dem Jahre 2011 verwiesen mit dem Titel “Die Heidelberger Bücherverbrennung des Jahres 1933″ (hier als PDF). Einige der “Feuersprüche”, mit denen Studenten die Bücher in die Flammen warfen, finden sich hier (z.B. “Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, Für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.”).

PPS: Zum Hintergrund der Bücherverbrennung eine interessante Dokumentation von Phoenix:

Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=XVm2v3wMtps

Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=IHsB72fesII

Teil 3: https://www.youtube.com/watch?v=nWOsTpk64Js

PPPS: siehe auch ähnliche Blog-Einträge wider das Vergessen:

http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2018/11/09/pogrom-nacht-9111938/

http://f20.blog.uni-heidelberg.de/2008/11/09/70-jahre-reichskristallnacht-9111938/

Reform der Psychotherapeutenausbildung

Schon lange wurde über die Reform der Psychotherapeutenausbildung diskutiert. Bislang findet sie als mehrjährige kostenpflichtige Weiterbildung im Anschluß an ein fünfjähriges Psychologiestudium statt. Zahlreiche private, aber auch universitäre An-Institute bieten Therapieausbildungen an (bei uns am Institut ist es das ZPP, Zentrum für Psychologische Psychotherapie Heidelberg). Im vorgeschiebenen Praxisjahr (”Psychotherapeut in Ausbildung“, PiA) erhalten die Ausbildungskandidatinnen und -kandidaten wenig bis keine Geld für qualifizierte Arbeit - das hat viele auf die Barrikaden getrieben.

Seit Anfang Januar 2019 liegt nun der Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministers auf dem Tisch. Er trägt das schöne Kürzel “PsychThGAusRefG” (Psychotherapeutenausbildungsreformgesetz) und beschreibt, wie Studierende der Psychologie durch ein polyvalentes Bachelor- und ein spezialisiertes Masterstudium nach fünf Jahren zur Approbation und zur Berufsbezeichnung “Psychotherapeut” gelangen können.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs), vertreten durch ihre Präsidentin Prof. Dr. Birgit Spinath, Uni Heidelberg, und der Fakultätentag Psychologie (FTPs; eine Interessensvertretung der deutschsprachigen universitären Psychologie-Institute), vertreten durch seinen Vorsitzenden Prof. Dr. Markus Bühner, LMU München, haben in einer gemeinsamen Stellungnahme den Referentenentwurf begrüßt, aber auch auf ein paar Nachbesserungsbedarfe verwiesen (z.B. bei den zu erwartenden Zusatzkosten, der Finanzierung der Weiterbildungskosten oder erleichterte Übergangsregelungen).

Dass die Ärzteschaft nicht glücklich ist mit der nun bevorstehenden Aufwertung der Psychotherapie-Ausbildung (die frühere Berufsbezeichnung “psychologischer Psychotherapeut” soll zukünftig sinnvollerweise abgekürzt werden zu “Psychotherapeut”, lediglich Ärzte sollen demnächst als “ärztliche Psychotherapeuten” ausgezeichnet werden), verwundert nicht. Die Stellungnahme im Deutschen Ärzteblatt sieht etwa die Behandlungssicherheit psychisch kranker Menschen in Gefahr.

Die Vehemenz allerdings, mit der von einigen Personen aus der Ärzteschaft Stimmung gegen die Psychotherapeuten gemacht wird, verwundert etwas. In der “Süddeutschen Zeitung” vom 31.1.2019 schreibt an prominenter Stelle der Psychiater Thomas Pollmächer abschätzig von “Barfussärzten für die Seele” und wünscht einen stärkeren Einfluß der Medizin für eine ganzheitliche Betrachtung von Patienten. Der Unmut der Ärzte richtet sich wohl auf eine Klausel zu Modellstudiengängen, die es Psychotherapeuten erlauben würde, unter bestimmten Bedingungen Psychopharmaka zu verschreiben. Auf diese Klausel wollen aber DGPs und FTPs sowieso verzichten, da der Mehraufwand im Studium für Psychopharmakologie kaum zu leisten wäre und damit die Polyvalenz des Bachelor-Studiengangs in Frage stellen würde.

Leider spricht auch unser Fach wieder einmal nicht mit einer Zunge: Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) z.B. lehnt in seiner Stellungnahme den Referentenentwurf zimlich grundsätzlich ab. Zitat: “Eine Neuregelung aus Gründen der Versorgungsqualität ist deshalb nicht nur unnötig, sondern droht in der vorliegenden Fassung auch, sich negativ auszuwirken.”

Erfreulich ist die Haltung der Studierenden. Die “Psychologie-Fachschaften-Konferenz” (kurz: PsyFaKo) hat eine differenzierte Stellungnahme abgegeben, die gut mit der Position von DGPs und FTPs harmoniert.

Geplant ist die Umsetzung des kommenden Gesetzes (es muss noch den parlamentarischen Weg durch Bundestag und Bundesrat nehmen) bereits zum Wintersemester 2020/21 - ein ambitionierter Zeitplan, wenn man die Langsamkeit der zu einer Studienreform notwendigen universitären Gremien kennt. Bei uns in Heidelberg beginnen die Planungen des neuen Studiengangs bereits.

Ich will nicht verhehlen, dass ich der geplanten Änderung nicht nur Vorteile abgewinnen kann. Ich fürchte eine Spaltung unseres Faches in Psychotherapie und den Rest. Dass eines unserer wichtigsten Anwendungsfächer nun so stark gemacht wird, ist einerseits toll, andererseits muss man sich fragen, ob das nicht zu Lasten anderer Anwendungen geht (z.B. Arbeits- und Organisationspsychologie, Pädagogische Psychologie, Forensische Psychologie, Medien-Psychologie). Die konkreten Ausgestaltungen der Curricula werden das zeigen. Da sollten wir wachsam bleiben.

Aktuelle Infos zum Vorgang findet man hier: https://psychotherapie.dgps.de/faq/

Gastbeitrag „Heidelberger Psychologie-Studentin macht Gastsemester in Jerusalem“

Gastbeitrag „Mein Aufenthalt an der Hebrew University of Jerusalem“ von Maria Lara Mehlhorn, Studentin der Psychologie am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg

Dass Auslandssemester die Werte der Persönlichkeitsfaktoren „Offenheit für neue Erfahrungen“ sowie „Verträglichkeit“ von Studierenden steigen lassen (Zimmermann & Neyer, 2013), dürfte keine Überraschung sein. Aus dem routinierten, wohlbehüteten Alltag in Heidelberg für eine gewisse Zeit bewusst auszusteigen, die eigene Komfortzone zu verlassen und in einen ganz anderen, komplexen und hoch interessanten Kulturkreis einzusteigen - das waren meine Hauptmotive für die Bewerbung an der „Hebrew University of Jerusalem“ in Israel.

Seit letztem August studiere ich nun in meinem 7. bzw bald 8. Semester Psychologie in Jerusalem und bin nach wie vor unfassbar dankbar, dass mir ein wirklich umfangreiches Stipendium der Universität Heidelberg diese Zeit hier ermöglicht. Die Universität befindet sich auf einem der Hügel Jerusalems, dem „Mount Scopus“, und ermöglicht uns Studierenden damit aus der einen Hälfte der Seminarräume einen traumhaften Blick auf die Altstadt, den Felsendom und teilweise auf den Ölberg, sowie auf der anderen Seite einen Blick nach Palästina; damit einen sehr klaren Blick auf die Realität dieser Gegend. Unmittelbar neben dem Campus verläuft nämlich ein Abschnitt der Grenzmauer zu Palästina. Hinter dem daran angrenzenden palästinensischen Ort „Al-Issawiya“ schließt sich unmittelbar die Wüste an. An guten Tagen kann man somit vom Campus aus bis zum Toten Meer und auf die Bergkette Jordaniens blicken. Die Absurdität dessen, in meiner Bib-Pause mal eben durch den traumhaften botanischen Garten zu schlendern, meinen Blick in die Wüste und gleichzeitig auf einen Abschnitt dieses 759km langen Verstoßes gegen Völkerrechte zu richten, lässt sich kaum in Worte fassen und löst auch nach 5 Monaten in mir keine Habituation aus.

Trotz dessen ist die Hebrew University einer der wenigen Orte Jerusalems, wo Israelis und Palästinenser überhaupt in Kontakt miteinander kommen. 13% der Studierenden hier sind israelische Araber, haben also einen israelischen Pass. Für viele ist es der erste und oft auch der letzte Ort, wo sie in ihrem Leben tatsächlich miteinander interagieren. Laut des Direktors bemüht sich die Universität sogar, die Zahl arabischer Studierende hier zu steigern, man zeigt sich fast schon stolz über diesen Prozentsatz. So wird hier seit Neustem immerhin das arabische Abitur anerkannt. Als einen wirklichen Ort der Begegnung würde ich die Hebrew University dennoch nicht bezeichnen. Jeden, den ich bisher fragte, bleibt in seiner eigenen religiösen bzw. nationalen In-Group. „Ich würde ihnen ‚Hallo‘ sagen, aber arabische Freunde habe ich trotzdem nicht“, höre ich von den meisten.

Interessanterweise belegte ich sogar zu genau dieser kontroversen und hoch aktuellen Thematik einen sozialpsychologischen Kurs mit dem NamenHostility and Dialogue: Narratives and psychological dynamics in the Israeli-Palestinian Conflict“, der die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse des Nahen Osten durch Gruppendynamiken, Biases, Stereotype und soziale Beeinflussung zu analysieren versuchte. Dieses Fach begeisterte mich enorm und zeigte mir, dass eine psychologische Analyse des hier bestehenden und so unendlich tief verankerten Konfliktes notwendig ist, um die Situation auch nur ansatzweise „verstehen“ und hoffentlich beeinflussen zu können. Die Forderung nach einem stärkeren Anwendungsbezug psychologischer Forschung, weg von einer reinen „Elfenbeinturm-Psychologie“, schien mir selten relevanter. Ich wünsche dem Nahen Osten auf seiner Suche nach Frieden wirklich mehr (sozial)psychologische Ansätze, um auf einer globalen, generationen- und nationenübergreifenden Ebene das Bild über den jeweils „Anderen“ verändern zu können!

Weniger Begeisterung als dieser Kurs löste bei mir definitiv „Evolutionary Psychology“ aus. Zwar bin ich froh, mir all diese Ansätze angehört zu haben, doch bleibe ich überzeugt von der in meinen Augen nur relativ kleinen Existenzberechtigung dieses Erklärungsansatzes von menschlichem Verhalten. Immerhin wurde dadurch meine kritische Auseinandersetzung mit psychologischen Inhalten geschult; das meldete ich dem Professor auch zurück, und ebenso, dass ich aus Heidelberg differenziertere Perspektiven gewohnt sei. In „Philosophy in Film“ philosophische Grundfragen in Filmen wie „Matrix“, „Blade Runner“ etc. zu analysieren sowie seit August die hebräische Sprache auf recht intensivem Niveau zu erlernen, rundete mein erstes Semester hier perfekt ab. Ab Februar 2019 freue ich mich nun darauf, zum einen mein Hebräisch fortführen zu dürfen, sowie zum anderen auf den Psychologie-Kurs „Trauma and Resilience in Israeli Society“, den Politik-Kurs „Introduction to Counter-Terrorism“ und den Philosophie-Kurs „The Philosophy of Wellbeing“. In meiner Kurswahl ausschließlich meinen intrinsischen Interessen zu folgen und endlich mal ohne den Druck, immer eine sehr gute Note erzielen zu müssen, studieren zu können, ist ein wundervolles Gefühl - ich kann es jedem nur wärmstens empfehlen.

Ich sehe meine Zeit hier als eine wertvolle Bereicherung meiner Erfahrungswelt an. Besonders in Zeiten der Globalisierung ein authentisches Bewusstsein darüber zu erlangen, wie sehr sich Menschen „nur“ aufgrund ihrer kulturellen Werte und Einstellungen unterschieden können, und wie stark sie von ihrem Umfeld, hier vor allem von den verschiedenen Religionen, geprägt werden, stellt einen essentiellen Entwicklungsschritt in meiner eigenen Identitätsbildung dar. Ich bin überzeugt davon, dass sich dies auch auf anderen Wegen erreichen lässt, doch ein Auslandssemester, besonders in einem anderen Kulturkreis, ist definitiv ein guter Ausgangspunkt dazu. Schließlich steigert sich dabei definitiv das Verständnis für andere Meinungen und Sichtweisen und damit auch die Fähigkeit, diese zu akzeptieren und wertzuschätzen. Außerdem wird das eigene Selbstvertrauen sowie Selbstbewusstsein in meinen Augen gefördert und vor allem gefestigt.

In den letzten Monaten sammelte ich natürlich nicht nur in akademischer Hinsicht besondere Erfahrungen. Zwei Wochen lang reiste ich durch Jordanien, besichtigte verschiedene Orte in Palästina, wanderte an Heiligabend nach Betlehem, nahm an hochinteressanten Field-Trips meiner Uni teil, erlebte oft das Gefühl der allgegenwärtigen Unsicherheit einer von Konflikten geprägten Stadt und wurde nun zwei Mal „endlich“ mit dem Jerusalem-Syndrom konfrontiert psychologisch sehr interessante Begegnungen. Mein immer besser werdendes Hebräisch hatte dabei definitiv einen Einfluss auf die Begegnungen mit meinen Mitmenschen und öffnete mir viele Türen. Deswegen erachte ich es für essentiell und enorm gewinnbringend, die Sprache eines Landes zu erlernen, in welchem ich über längere Zeit lebe.

Dass ich nun mal aus dem Land stamme, das für die Ermordung von sechs Millionen Juden verantwortlich ist, und nun als Deutsche in Israel studiere, stieß bisher kaum auf Reaktionen der Israelis. Die jüngere Generation scheint fast schon ermüdet zu sein von der Thematik des Holocaust, was ich als absurd und teilweise ignorant wahrnehme und mir verdeutlichte, wie wichtig Erinnerungsarbeit ist.

Doch all diese Erfahrungen, auch wenn sie mir manchmal sogar zu intensiv erscheinen, bleiben eines, nämlich durchgehend spannend. Auch wenn ich die Heidelberger Altstadt, die Neckarwiese und die Intimität des Heidelberger Psychologischen Instituts vermisse, so bin ich froh, diese fast schon viel zu heile Welt mal verlassen zu haben, um mich von Israel inspirieren zu lassen und die Vielfältigkeit unseres Planeten, verschiedener Kulturen und vor allem verschiedener geistiger Haltungen erleben und schätzen zu lernen.

Fahrradunfall Zwei

Vor fast genau 10 Jahren (am 3.6.2009) habe ich hier über meinen damaligen Fahrradunfall an der Ernst-Walz-Brücke geschrieben. Nun muss ich über einen weiteren Arbeitsunfall berichten, der mir am Montagmorgen 7.1.19 passierte: Auf dem Weg von meinem Heim in Handschuhsheim zur Vorlesung im Institut bin ich am beampelten Fussgängerüberweg Ecke Blumenthalstr./Steubenstr. gegen 8:30 auf regennasser Fahrbahn und bei niedriger Geschwindigkeit auf die glatten Schienen (nicht in die Schienen) gekommen, gerutscht und auf meine rechte Seite gestürzt. Beim Versuch, wieder aufzustehen und das Rad von der Fahrbahn zu bringen, bin ich erneut gestürzt, weil das rechte Bein nicht mitmachen wollte. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Der rechte Oberschenkelhals war gebrochen, nichts ging mehr. Zwei nette Ersthelfer brachten mich und mein Fahrrad in Sicherheit (Danke! Das war sehr hilfreich!), ein Krankenwagen wurde gerufen, die Notärztin prüfte meinen Kopf (auf den ich ebenfalls gefallen war) und meinen Hals. Sie meinte lapidar, da müsse was an der Hüfte geknackst sein, aber der Kopf sähe ok aus. Ich wurde auf eine Trage gelegt, in die Weststadt zum St. Josefskrankenhaus in die Notaufnahme gefahren und geröntgt: Das Bild zeigte den Bruch, der sich auch schmerzmäßig spürbar zu Wort meldete. Jeder Millimeter Bewegung des Beines brachte mich zum Grummeln…

Einweisung auf Station 2 Süd, starke Schmerzmittel (danke, liebe Pharmaindustrie, für die SO wirkungsvollen Mittel! Ein Traum!), TEP-OP durch Dr. Thomas Kiesel am Dienstag morgen in Teilnarkose (vom Rücken abwärts kaltgestellt) - und seitdem bin ich stolzer Besitzer eines nicht-zementierten Implantats (und einer langen Schnittnarbe), das mich wieder gehen läßt und mindestens 15-20 Jahre halten soll. Erste Schritte mit einer „Bock“ genannten Gehhilfe und mit Krücken habe ich noch im Krankenhaus erfolgreich absolviert, eine längere stationäre Reha (Physiotherapie) in einer Klinik in Bad Schönborn wird folgen. Für 2-3 Monate wurde ich von den Ärzten als „dienstunfähig“ eingestuft.

Ich hatte mir die letzten Monate meiner aktiven Dienstzeit (vor Beginn meiner Seniorprofessur am 1.4.19) anders vorgestellt…

Zum zweiten Mal hat mir mein Sturzhelm, der beim Aufprall gebrochen ist und mir eine Schwellung am Kopf links oben zurückließ, das Leben gerettet: zumindest das geistige Leben kann weitergehen wie bisher, ohne Helm hätte ich das hier vermutlich nicht mehr schreiben können.

Dass ich eine Welle der Anteilnahme erhalten habe, hat gut getan! Danke an alle, die mir in ganz verschiedener Weise ihre Anteilnahme ausgedrückt haben!

Viele Termine mussten abgesagt werden, Pläne für die nähere und weitere Zukunft erst mal auf Eis gelegt werden. Mal sehen, wie es weiter geht! Wie heisst es bei Bertolt Brecht: „Ja mach nur einen Plan, …“ Ich werde nicht aufhören, Pläne zu machen!

Update 9.2.2019: Nach drei Wochen in der Sigmund-Weil-Klinik Bad Schönborn (ca. 30 km südlich von Heidelberg) habe ich große Fortschritte gemacht: Ohne Krücken kann ich schon wieder kleinere Strecken laufen, auch Treppensteigen gelingt wieder. Der Muskelaufbau schreitet voran, aber ist bei weitem nicht abgeschlossen. Nach meiner Rückkehr nach Hause muss ich noch ein halbes Jahr trainieren und Übungen machen. Was noch nicht geht: Bücken. Das Anziehen von Schuhen und Strümpfen am operierten Bein geht nur mit sozialer oder Werkzeughilfe (Greifzange, extra langer Schuhlöffel, Strumpfanzieh-Hilfe).

Die Vorstellung, in der Reha zum Arbeiten zu kommen, war eine Täuschung. Es war kein Kur-Aufenthalt, sondern ein Trainingslager. Zum einen herrschte anfangs noch eine große Grundmüdigkeit (Anämie: allein bei der OP Blutverlust von 1.5 Litern; dazu die anfänglich notwendigen Schmerz- und anderweitig verabreichten Medikamente wie Thromboseschutz etc.), daneben ist das Muskeltraining einfach anstrengend gewesen! Ich habe Muskelgruppen kennengelernt, von deren Existenz ich bisher nichts wusste… So langsam kommen auch Konzentration und Kraft wieder zurück. Nun beginnt die Phase des ambulanten Trainings.

Bewegung, Ernährung, Entspannung: Drei wichtige Konzepte, deren Bedeutung sich neu erschliesst! Lebensstil-Anpassungen sind nötig - nicht radikal, sondern sanft! In einem halben Jahr soll ich wieder laufen können wie zuvor! Im Moment sieht alles danach aus, dass diese Prophezeiung eintreten könnte….

Update 26.2.19: Inzwischen habe ich wieder meine Arbeit aufgenommen und laufe täglich zu Fuß von Handschuhsheim zum Institut, ca. 35 Minuten. Ein gutes Training - neben Physiotherapie und Krankengymnastik, die im Hintergrund ebenfalls stattfinden. Meinem Schrittzähler zufolge bin ich mit der neuen Hüfte schon weit über 100.000 Schritte gelaufen. Bücken geht wieder, der Ein-Bein-Stand rechts wackelt noch… Das neu eingebaute Ersatzteil macht sich gut, wir werden Freunde (ich merke übrigens keinen Unterschied zwischer alter und neuer Hüfte). Es läuft (wieder)!

Update 27.3.19: 3x die Woche Training - und noch immer sind die Muskeln im operierten Bein unterentwickelt. Ich bleibe dran und fahre auch schon wieder (vorsichtig) Fahrrad! Es ist ein Damenrad mit niedrigem Einstieg, weil ich mein operiertes Bein noch nicht wieder so lässig in die Höhe schwingen kann wie zuvor…

Jahreswechsel

Liebe Blog-Leserinnen und Blog-Leser: ich verabschiede mich hiermit für das Jahr 2018, nach den (letztmalig erfolgten) Auswertungen von >300 Klausuren aus zwei großen Vorlesungen (Allgemeine I: Wahrnehmung und Lernen; Einführung in die Psychologie) komme ich auf die letzten Tage vor dem Fest nochmal dazu, an den für mich wichtigen Dinge (Manuskripte!) zu arbeiten. Es wird angenehm ruhig: keine Lehrveranstaltungen mehr, keine Sitzungen mehr - die wenigen Tage vor dem Fest werden plötzlich noch einmal merkwürdig produktiv…

Ich wünsche allen ein paar ruhige Feiertage und einen guten Start in das neue Jahr 2019!